(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Wandlungen und Symbole der Libido. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens [2. Auflage]"

WANDLUNGEN UND SYMBOLE 

DER LIBIDO 





BEITRÄGE ZUR ENTWICKLUNGSGESCHICHTE 






DES DENKENS 

J 


i 


\ 


* 

fr 


VON 








Dr. C. G. JUNG 








ZWEITE AUFLAGE 

• 


t 

• 






J 


• 

LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 


1 

ß 

m 


• 




1925 fiiify) 


Verlags-Nr. 2983 


» 



Verlag von Franz Denticke in Leipzig und Wie 



n. 



Fortschritte der Sexualwissenschaft 
und Psychanalyse. 

Herausgegeben von 

Dr. Wilhelm StekeL 

Redigiert von 

Dr. Anton Mißriegler und Dr. Fritz Witteis. 

I. Band. 
Preis Grundzahl 14. — . 



„Die Fortschritte der Sexualwissenschaft und Psychanalyse" bringen eine Fülle 
von Krankengeschichten, die nicht nur dem Spezialisten, sondern auch dem praktischen 
Arzte neue Weg6 der Therapie und neue Erkenntnisse vermitteln. Keiner wird den 
stattlichen Band aus der Hand legen, ohne anerkennen zu müssen, daß hier neue Wege 
eur Erforschung des Rätsels Mensch begangen werden. 

Die „Fortschritte" sind von Praktikern für Praktiker geschrieben. Sie geben tiefe 
Einblicke in die moderne Technik der Analyse und in die Kunst der Traumdeutung. 
Die Anordnung des Stoffes ist derart, daß die „Fortschritte" trotz verschiedener Mit. 
arbeiter und Arbeiten ein zusammenhängendes Ganzes bilden. 



Neue Wege zum Verständnis der Jugend. 

Psychoanalytische Vorlesungen für Eltern, Lehrer, Erzieher, Schulärzte 
Kindergärtnerinnen und Fürsorgerinnen 

von 

Dr. H. Hug-Hellmuth f. 
Preis broschiert Gmndzahl 6.—, gebunden Grundzahl 0.— . 



Die Lehre von den Gceschlechtsverirrungen 

(Psychopathia sexualis) 
auf psychoanalytischer Grundlage 



von 



Dr. J. Sadger 

Nervenarzt in Wien. 

Preis broschiert, Gmndzahl 8.—, gebunden Grundzahl 10.50. 



WANDLUNGEN UND SYMBOLE 

DER LIBIDO 



BEITRÄGE ZUR ENTWICKLUNGSGESCHICHTE 

DES DENKENS 



VON 



Dr. C. G. JUNG 



ZWEITE AUFLAGE 



LEIPZIG UND WIEN 
FRANZ DEUTICKE 

1925 




Verlags-Nr. 2983 
Manz'sche Buclidruckerei, Wien. 2074 



Vorrede zur zweiten Auflage. 

* 

In der gegenwärtigen zweiten Auflage ist der Text des 
Buches, aus technischen Gründen, unverändert geblieben. Die 
unveränderte Wiedergabe des vor zwölf Jahren erstmals er- 
schienenen Buches will daher nicht besagen, daß der Autor nicht 
gewisse Änderungen und Verbesserungen für wünschenswert 
hielte. Solche Verbesserungen beträfen Einzelheiten, aber nichts 
Wesentliches. Die im Buche ausgesprochenen Ansichten und 
Feststellungen halte ich in ihren wesentlichen Grundzügen heute 
noch fest. Gewisse Irrtümer, bzw. Ungenauigkeiten und Un- 
sicherheiten im Einzelnen möge der Leser mit Geduld ertragen. 
Dieses Buch hat viele Mißverständnisse erzeugt. Man hat 
sogar gemeint, daß ich darin meine ärztliche Behandlungs- 
methode darstelle. Davon ist natürlich keine Rede, sondern es 
handeil sich vielmehr um eine Ausarbeitung des Phantasie- 
materials einer mir unbekannten jungen Amerikanerin, Frank 
Miller. Dieses Material wurde seinerzeit von meinem verehrten 
väterlichen Freunde Theodore Flournoy in den Archives de 
Psychologie publiziert. Ich hatte die große Genugtuung von 
Flournoy selber zu hören, daß ich die Mentalität der jungen 
Dame ausgezeichnet getroffen hätte. Eine äußerst wertvolle Be- 
stätigung ist mir 1918 zugekommen, und zwar durch einen 
amerikanischen Arzt, der Miß Miller wegen einer nach ihrem 
europäischen Aufenthalt ausgebrochenen Störung behandelte. Er 
schrieb mir, daß meine Darstellung dermaßen erschöpfend sei, 
daß auch persönliche Bekanntschaft mit der Patientin ihm „nicht 
ein Jota" mehr über deren Mentalität lehren konnte. Ich muß 
aus diesen Bestätigungen schließen, daß meine Rekonstruktion 
der halbbewußten und unbewußten Phantasievorgänge in allen 
wesentlichen Zügen offenbar das richtige getroffen hat. Ich kann 
nicht unterlassen, den Leser auf ein häufig vorkommendes Miß- 
verständnis aufmerksam zu machen. Die durch die Eigenart 
der Millerschen Phantasien bedingte reichliche Verwendung 
mythologischen und etymologischen Vergleichsmaterials kann ge- 
wissen Lesern den Eindruck erwecken, als ob es die Absicht des 



Buches wäre, mythologische oder etymologische Hypothesen auf- 
zustellen. Dies ist aber meine Absicht nicht, denn sonst hätte 
ich mir vorgesetzt, einen Mythus oder ein ganzes Mythen- 
gebiet zu analysieren, also z. B. einen indianischen Zyklus. Dazu 
hätte ich mir gewiß Longfellows Hiawatha nicht ausgewählt, 
ebensowenig wie ich Wagners Siegfried benutzt hätte, um etwa 
den Zyklus der jüngeren Edda zu behandeln. Ich benütze die im 
Buche angeführten Stoffe, weil sie zu den direkten und indirekten 
Voraussetzungen der Millerschen Phantasien gehören, in dem 
Sinne, wie ich ihn im Texte des näheren erläutere. Wenn bei 
dieser Arbeit allerhand Mythologeme in eine Beleuchtung ge- 
rückt werden, die deren psychologischen Sinn greifbarer er- 
scheinen läßt, so habe ich dieser Einsicht als eines vollkommenen 
Nebenproduktes Erwähnung getan, ohne aber damit einen An- 
spruch auf eine allgemeine Mythentheorie machen zu wollen. Die 
wirkliche Absicht dieses Buches beschränkt sich auf eine mög- 
1 i c hsJ;j|«m41iclie_AiiSj^^^ 

Faktoren, die in einem unwillkürlichen individuellen Phantasie- 
produkt zusammenkommen. Neben den offensichtlichen persön- 
lichen Quellen verfügt die schöpferische Phantasie auch über 
den vergessenen und längst überwucherten primitiven Geist mit 
seinen eigentümlichen Bildern, die sich in den Mythologien von 
allen Zeiten und Völkern ausdrücken. Die Gesamtheit dieser 
Bilder formiert das kollektive Unbewußte, welches in potentia 
jedem lndivjjjttum^durch Vererbung mitgegeben ist. Es ist das 
psychisch^KorrelaPjder menschlichen Gehirndifferenzierung. In 
dieser TatsacEeliegt der Grund, warum die mythologischen Bilder 
spontan und unter sich übereinstimmend nicht nur in allen 
Winkeln der weiten Erde, sondern auch zu allen Zeiten immer 
wieder aufs neue entstehen können. Sie sind eben immer und 
überall vorhanden. Daher ist es ganz selbstverständlich, daß 
wir auch die zeitlich oder ethnisch entlegensten Mythologeme 
mit einem individuellen Phantasiesystem ohneweiters in Be- 
ziehung setzen können. Die schöpferische Grundlage ist näm- 
lich überall dieselbe, es ist dasselbe menschliche Gehirn, das 
mit relativ geringen Variationen überall in derselben Weise 
funktioniert. 

Küsnacht-Zürich, im November 1924. 

C. G. Jung. 



i 



ERSTER TEIL. 



I. 

Einleitung. 

Donc comme c'est la thSorie qui donne leur valeur et leur 
«gmfio.t,on aux faits, eile est souvent tres utile, meme si e e es 
parhellexnent fauase; car eile Jette la lunriere sur des phenonVene 
auxquels personne ne faiaait attention, force a exannne, 1 
plus.eurs faces des faits que perso „ ne nV5tadWt auparavant e 
donne l^puls.on a des recherches plus etendues et phfs heureuset 
- Oest donc un devoir moral de l'homme de science de 
s exposer a counnettre des erreurs et ä subir des critiques, pou 
que la cxence avance tonjours. - Un ecrivain - a vivemen 
attaque IWeur en disant que c'est ,ä un ideal scientifique * en 
restremt et b.en mesquin. Mais ceux qui sont doues d'un espdt 
assez seneux et froid pour ne pas croire que tout ce qu'ils ecrivent 

tnlri, l 7 , Vent ' ab80 ' Ue et «"™"*> approuvent cette 
tWone place ] es raisons de la 8cience bien au de 

nnserable vaniW et du mesquin amourpropre du savant. 

Guillaurae Ferrero- 
I..s lou p.y.h.lojf,«. d« symbollame. 1895. Pril.c, vv . v ,„ 

wiH T* wT?* Tr / umdeu "»g ohne wissenschaftliche Empörung 
wider dre Neuheit und anscheinend ungerechtfertigte Kühnheft ihres 
anal^chen Verfahrens und chne sittliche Entrüstung über die er- 
höhe , fcjp der Traumdeutungen lesen konnte, wer alsc ruhig 
und vornrtedsfrel d.esen besonderen Stoß anf sich konnte wirken 
lassen dem wird wohl kaum ein tiefer Eindruck entgangen sein bei 
jener SteUe, wo Frend (S. 185) die Tatsache in Erinnerung ruft daß 

Z ^*W"*«**«*« Kooflikt . «>»** die Inzestphantasi , die 
wesentliche Wnrzel des gewaltigen antiken Dramenstoffes, der ödipus- 
sage * Der Eindruck, den dieser einfache Hinweis macht, läßt sich 
verglichen mit jenem ganz besonderen Gefühl, das uns befällt, wenn 
wir 2 . B , m lärm und Gewühl einer modernen städtischen Straße auf 
em antikes Relikt - das korinthische Kapital einer eingemauerten 



/■v 



Säule oder ein Inschriftenfragment — stoßen. Eben waren wir dem ge- 
räuschvollen ephemeren Treiben der Gegenwart ganz hingegeben, da 
erscheint uns etwas sehr Fernes und Fremdes, das unseren Blick auf 
Dinge anderer Ordnung lenkt: ein Aufblicken vom unübersichtlichen 
Vielerlei der Gegenwart zu einem höheren Zusammenhang im 
Historischen. Wir werden uns plöztlich entsinnen, daß an dieser Stelle, 
wo wir jetzt geschäftig hin und her laufen, auch schon 2000 Jahre 
zuvor in etwas anderen Formen ein ähnliches Leben und Treiben 
herrschte, ähnliche Leidenschaften die Menschen bewegten, und die 
Menschen auch von der Einzigartigkeit ihres Daseins überzeugt waren. 
Diesen Eindruck, den erstmalige Bekanntschaft mit den Monumenten 
der Antike leicht hinterläßt, muß ich jenem vergleichen, den Freuds 
Hinweis auf die Legende des ödipus macht. — Eben noch waren wir 
beschäftigt mit den verwirrenden Eindrücken des unendlich Variabein 
der Indivi&ualseele, als plötzlich tüch der Blick auftat auf jene einfache 
Größe der ödipustragödie, diese nie erlöschende Leuchte des griechischen 
Theaters. Diese Erweiterung des Blickes hat etwas von Offenbarung 
an sich. Für uns war die Antike psychologisch ja längst in die Schatten 
der Vergangenheit hinabgesunken; auf der Schulbank konnte man ein 
skeptisches Lächeln kaum unterdrücken, wenn man indiskreterweise 
das Matronenalter der Penelope und die behäbige Jahreszahl der 
Jokaste nachrechnete und das Resultat der Berechnung mit den tragisch- 
erotischen Stürmen der Sage und des Dramas in komische Vergleichung 
brachte. Wir wußten damals nicht (und wer weiß es denn heute noch?), 
daß der Mutter eine alles übersteigende verzehrende Leidenschaft des 
Sohnes gelten kann, die vielleicht sein ganzes Leben untergräbt und 
tragisch zerstört, so daß die Größe des ödipusschicksales als nicht um 
ein Jota übertrieben erscheint. Seltene und als pathologisch empfun- 
dene Fälle, wie Ninon de Lenclos und ihr Sohn 1 ), liegen uns meist 
zu fern, um uns einen lebendigen Eindruck zu geben. Wenn wir aber 
den von Freud vorgezeichneten Wegen folgen, gelangen wir zur leben- 
digen Erkenntnis des Vorhandenseins solcher Möglichkeiten, die, zwar 
zu schwach, um den Inzest zu erzwingen, jedoch stark genug sind, Stö- 
rungen der Seele beträchtlichen Umfanges hervorzurufen. Es geht 
nicht ohne anfängliche Empörung des sittlichen Gefühles, solche Mög- 
lichkeiten in sich zuzugeben; Widerstände, die nur allzu leicht den 
Intellekt verblenden und die Selbsterkenntnis dadurch verunmöglichen. 



*) Er soll sich umgebracht haben, als er hörte, daß die von ihm glühend 
verehrte Ninon seine Mutter sei. 



Gelingt es uns aber, von wissenschaftlicher Erkenntnis Gefühlswer- 
tungen abzustreifen, so ist für uns "'•ner Abgrund, der unsere Zeit von 
der Antike trennt, überbrückt und wu sehen mit Staunen, daß ödipus 
für uns doch noch lebendig ist. Die Bedeutsamkeit eines solchen 
Eindruckes darf nicht unterschätzt werden: Diese Einsicht lehrt uns 
nämlich eine Identität menschlicher Elementarkonflikte, die jenseits 
steht von Zeit und Raum. Was den Griechen mit Schauder ergriff, ist 
immer noch wahr, aber für uns nur dann, wenn wir eine eitle Illusion 
unserer späten Tage aufgeben, nämlich die, daß wir anders, nämlich 
sittlicher seien als die Alten. Es ist uns bloß gelungen zu vergessen, 
daß uns eine unauflösbare Gemeinschaft mit dem Menschen der Antike 
verbindet. Damit eröffnet sich ein Weg zum Verständnisse des antiken 
Geistes, wie er zuvor nicht existiert hat, der Weg eines innerlichen 
Mitfühlens einerseits und eines intellektuellen Verstehens anderseits. 
Auf dem Umwege durch die verschütteten Substruktionen der eigenen 
Seele bemächtigen wir uns des lebendigen Sinnes antiker Kultur und 
eben gerade dadurch gewinnen wir jenen festen Punkt außerhalb der 
eigenen Kultur, von wo aus erst ein objektives Verstehen ihrer Strö- 
mungen möglich wird. Das wenigstens ist die Hoffnung, die wir aus 
der Wiederentdeckung der Unsterblichkeit des ödipusproblemes 
schöpfen. 

- Die durch die Arbeit Freuds ermöglichte Fragestellung hat 
bereits befruchtend gewirkt; wir verdanken dieser Anregung einige 
tapfere Angriffe auf das Gebiet der menschlichen Geistesgeschichte. 
Es sind die Arbeiten von Riklin 1 ), Abraham 2 ), Rank 3 ), Maeder 4 ) 
und Jones 5 ), zu denen sich neuerdings Silber er mit einer schönen 
Untersuchung über „Phantasie und Mythus 6 )" gesellt hat.^Bine weitere, 
hier nicht zu vergessende Arbeit von einschneidender Bedeutung für 
christliche Religionspsychologie verdanken wir Pfister 7 ). Das Leit- 

H) Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. Eine Studie. Deuticke, 
Wien 1908. 

2 ) Traum und Mythos. Eine Studie zur Völkerpsychologie. Deuticke, 
Wien 1909. 

3 ) Der Mythus von der Geburt des Helden. Versuch einer psychologischen 
Mythendeutung. Deuticke, Wien 1909. 

*) Die Symbolik in den Legenden, Märchen, Gebräuchen und Träumen. 
Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, X. Jahrgang. 

5 ) On the Nightmare. Americ. Journ. of. Insanity. 1910. 

6 ) Jahrbuch 1910, Bd. IL> 

7 ) Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psycho- 
analytischer Beitrag zur Kenntnis der religiösen Sublimationsprozesse und zur 



6 



mötiv dieser Arbeiten ist die Aufschließung historischer Probleme durch 
Anwendung psychoanalytischer, d. h. aus der Tätigkeit der modernen 
unbewußten Seele geschöpften Erkenntnisse auf gegebenen historischen 
Stoff. Ich muß den Leser ganz auf die angegebenen Arbeiten verweisen, 
damit er sich dort über den Umfang und die Art der bereits erlangten 
Einsichten unterrichten kann. In Einzelheiten sind die Deutungen 
vielerorts noch unsicher, was aber das Gesamtresultat keineswegs 
beeinträchtigt; es wäre bedeutend genug, wenn es auch nur die weit- 
reichende Analogie zwischen dem psychologischen Aufbau der histori- 
schen Relikte und der Struktur rezenter individualpsychologischer 
Produkte demonstrierte. Dieser Nachweis dürfte für jeden Einsichtigen 
durch die bisherigen Arbeiten erbracht sein. Die Analogie herrscht 
namentlich in der Symbolik, wie Riklin, Rank, Maeder und 
Abraham mit einleuchtenden Beispielen gezeigt haben, sodann in 
■den einzelnen Mechanismen unbewußter Arbeit, als da sind Verdrängung, 
Verdichtung usw., wie besonders Abraham explicite zeigte. 

Der psychoanalytische Forscher hat bisher in der Hauptsache 
sein Interesse der Analyse individualpsychologischer Probleme zu- 
gewendet. Bei der gegenwärtigen Sachlage aber scheint es mir zu einer 
mehr oder weniger unabweisbaren Forderung für den Psychoanalytiker 
zu werden, die Analyse der Individualprobleme durch Hinzuziehung 
historischen Materiales zu erweitern, wie dies bereits Freud in vor- 
bildlicher Weise in seiner Schrift über Lionardo da Vinci getan hat 1 ). 
Denn genau so wie die psychoanalytischen Erkenntnisse das Ver- 
ständnis historisch -psychologischer Gebilde fördern, können umge- 
kehrt historische Materialien neues Licht über individal psychologische 
Probleme verbreiten. Solche und ähnliche Überlegungen haben mich 
veranlaßt, meine Aufmerksamkeit etwas mehr dem Historischen zuzu- 
wenden, in der Hoffnung, von dorther neue Einsichten in die Grund- 
lagen der Individualpsychologie zu gewinnen. 



Erklärung des Pietismus. Deutioke, Wien 1910. (Vielsagende Hinweise bringt 
uns Freuds Arbeit: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinoi, Deutioke 
Wien 1910.) 

] ) Ebenso Rank in Jahrbuch, Bd. IL, S. 465 ff. 



ük 



II. 

Über die zwei Arten des Denkens. 

Bekanntlich ist es einer der Grundsätze der analytischen Psy- 
chologie, daß die Traumbilder symbolisch zu verstehen seien, daß 
man sie nämlich nicht buchstäblich zu nehmen habe, wie sie sich im 
Schlafe präsentieren, sondern daß man hinter ihnen einen verborgenen 
Sinn zu vermuten habe. Dieser altertümliche Gedanke einer Traum- 
symbolik ist es, der nicht nur Kritik, sondern geradezu heftigste Op- 
position herausgefordert hat. Es scheint nun dem gemeinen Menschen- 
verstände nichts so Unerhörtes zu sein, daß der Traum etwas Sinnvolles 
und daher etwas Deutbares sei, damit wird ja nur eine den Menschen 
seit Jahrtausenden geläufige, darum soviel wie banale Wahrheit aus- 
gesprochen. Man erinnert sich noch von der Schulbank her, von den 
ägyptischen und chaldäischen Traumdeutern gehört zu haben. Man 
hörte von Josef, der die Träume des Pharao deutete; man hörte auch 
von des Artemidoros Traumbuch. Aus unzähligen schriftlichen Denk- 
mälern von allen Zeiten und Völkern wissen wir von bedeutsamen und 
weissagenden, von unheilkündenden und auch von den heilenden 
Träumen, welche der Gott den im Tempel schlafenden Kranken schickte. 
Wir kennen den Traum der Mutter des Augustus, welche träumte, 
sie werde von der in eine Schlange verwandelten Gottheit geschwängert. 
Wir wollen die Hinweise und Beispiele nicht häufen, um die Existenz 
eines Glaubens an die Symbolik des Traumes zu bezeugen. Wenn eine 
Wahrheit so alt ist und so allgemein geglaubt wird, so wird sie auch 
irgendwie wahr sein, und zwar, wie dies meistens der Fall ist, nicht 
rea l w ahr, sondern psychologisch wahr. [Dieser Unterschied" 
trägt die Schuld, daß das wissenschaftliche Banausentum von Zeit 
zu Zeit ein altes Wahrheitserbstück weggeworfen hat, weil es nicht 
real, sondern psychologisch wahr gewesen ist, wofür diese Art Leute 
noch zu keiner Zeit ein Verständnis gehabt haben.] 

Es ist für unsere Erfahrung kaum denkbar, daß ein außer uns 
existierender Gott den Traum verursacht, oder daß der Traum eo ipso 
prophetisch das Zukünftige voraussehe. Übersetzen wir dies aber ins 



8 









•/ 



Psychische, so lautet die antike Auffassung schon viel versöhnlicher. 
nämlichT^der Traum entsteht aus einem uns nicht bekannten, 
aber wichtigen Teil der Seele und beschäftigt sich mit den 
Wünschen für den morgenden Tag. Diese aus der antiken 
abergläubischen Auffassung des Traumes abgeleitete psychologische 
Formulierung deckt sich sozusagen genau mit der Freudschen Psy- 
chologie, die einen aus dem Unbewußten aufsteigenden Wunsch als 
Traumquelle annimmt. 

Wie der alte Glaube sagt, spricht die Gottheit oder der Dämon 
in symbolischer Sprache zum Schlafenden, und der Traumdeuter hat 
die Eätselsprache aufzulösen. In moderner Sprache heißt es, der Traum 
sei eine Serie von Bildern, die anscheinend widerspruchs- 
voll und unsinnig sind, aber aus einem psychologischen 
Material abstammen, das einen klaren Sinn ergibt. > 

Sollte ich bei meinen Lesern eine weitgehende Unkenntnis der 
Traumanalyse vorauszusetzen haben, so müßte ich diesen Satz wohl 
mit vielfachen Beispielen belegen. Heutzutage sind jedoch diese Dinge 
schon zu bekannt, so daß man schon aus Rücksicht auf ein psycho- 
analytisch gebildetes Publikum mit alltäglicher Traumkasuistik sparsam 
verfahren muß, um nicht langweilig zu werden. Ein besonderer Übel- 
stand ist es, daß man keinen Traum erzählen kann, ohne nachher eine 
halbe Lebensgeschichte hinzufügen zu müssen, die die individuellen 
Grundlagen des Traumes darstellt. Es gibt einige wenige typische 
Träume, welche sich ohne zu großen Ballast erzählen lassen. Einer 
davon ist der Traum der sexuellen Gewalttat, der besonders bei Frauen 
sehr häufig ist. Ein Mädchen, das nach fröhlich durchtanzter Nacht 
einschläft, träumt: Ein Räuber breche mit Gepolter ihre Tür auf 
und durchbohre ihren Leib mit einer Lanze. 

Dieses Thema, das unmittelbar verständlich ist, hat unzählige 
Varianten, die bald einfach, bald kompliziert sind. Anstatt der Lanze 
ist es ein Schwert, ein Dolch, ein Revolver, ein Gewehr, eine Kanone, 
ein Hydrant, eine Gießkanne, oder die Gewalttat ist ein Einbruch, 
eine Verfolgung, ein Diebstahl, oder es ist jemand im Schrank oder unter 
dem Bette verborgen. Oder die Gefahr wird durch wilde Tiere ver- 
anschaulicht, z. B. ein Pferd, das die Träumerin zu Böden wirft und 
ihr mit dem Hinterbein in den Leib stößt, Löwen, Tiger, Elefanten 
mit bedrohlichem Rüssel und schließlich Schlangen in endloser Ab- 
wandlung. 

Bald kriecht die Schlange in den Mund, bald beißt sie in die 









Brust, wie Kleopatras legendäre Schlange, bald gefällt sie sich in der 
Rolle der paradiesischen Schlange oder in den Variationen von Franz 
Stuck, dessen Schlangenbilder die bedeutsamen Namen: das Laster, 
die Sünde und die Wollust führen. Die Stimmung der Bilder drückt 
auch unvergleichlich die Mischung von Wollust und Angst aus, weit 
brutaler allerdings als Mörikes reizvolles Gedicht: 

Erstes Liebeslied eines Mädchens. 

Was im Netze? Schau einmal! 

Aber ich bin bange; 

Greif ich einen süßen Aal? 

Greif ich eine Schlange? 

Lieb ist blinde 

Fischerin ; 

Sagt dem Kinde, 

Wo greift's hin? 

Schon schnellt mir's in Händen. 

Ach Jammer, oh Lust! 

Mit Schmiegen und Wenden 

Mir schlüpft's an die Brust. 

Es beißt sich, oh Wunder, 

Mir keck durch die Haut, 

Schießt'a Herze hinunter. 

Liebe, mir graut! 

Was tun, was beginnen? 

Das schaurige Ding, 

Es schnalzet da drinnen 

Und legt sich im Ring. 

Gift muß ich haben. — 

Hier schleicht es herum, 

Tut wonniglich graben 

Und bringt mich noch um. 

Alle diese 'Dinge sind einfach und bedürfen keiner Erklärung, 
um verständlich zu sein. Etwas komplizierter, aber immerhin noch 
unmißverständlich ist der Traum einer Dame: sie sieht den Triumph- 
bogen des Konstantin. Davor steht eine Kanone, rechts davon ein 
Vogel, links ein Mann. Ein Schuß blitzt aus dem Rohre, das Projektil 
trifft sie, es geht in die Tasche, ins Portemonnaie. Dort liegt es still 
und sie hält das Portemonnaie, wie wenn etwas sehr Kostbares darin 
wäre. Da verschwindet das Bild und sie sieht nur noch das Kanonenrohr 
und darüber steht der Wahlspruch des Konstantin: In hoc signo 
vinces. 



• 10 

Diese wenigen Hinweise auf die Symbolnatur des Traumes mögen 
genügen. Wem das als Nachweis ungenügend vorkommt (für jeden 
Anfänger ist es auch wirklich ungenügend), den verweise ich auf die 
grundlegende Arbeit Freuds und auf die weiter ins einzelne dringenden 
Arbeiten von Stekel (dieses Jahrbuch 1909) und Rank (dieses Jahr- 
buch 1910). Wir müssen hier mit der Traumsymbolik als vollendeter 
Tatsache rechnen, um die nötige Ernsthaftigkeit für die Bewunderung 
dieser Tatsache aufzubringen. Sonst gelingt es nicht, erstaunt zu 
sein darüber, daß in unsere bewußte Seelentätigkeit ein geistiges Gebilde 
hineinragt, das anscheinend so ganz anderen Gesetzen und anderen 
Zwecken gehorcht als das bewußte seelische Produkt. 

Warum sind die Träume symbolisch? Jedes „Warum'.' in 
der Psych, 'ogie löst sich in zwei getrennte Fragestellungen auf: Erstens, 
Wozu sind die Träume symbolisch? Diese Frage wollen wir nur 
beantworten, um sie gleich zu verlassen. Die Träume sind symbolisch, 
damit man sie nicht versteht, damit der Wunsch, der dahinter als 
Traumquelle liegt, unverstanden bleibe. Warum dies so und nicht 
anders ist, diese Frage führt in die weitläufigen Erfahrungen und 
Gedankengänge der Fr eudschen Psychologie hinaus. Uns interessiert 
hier die zweite Fragestellung, nämlich: Woher kommt es, daß 
(die Träume symbolisch sind? Das heißt, woher kommt diese 
Fähigkeit symbolischer Darstellung, von der wir doch in unserem 
bewußten täglichen Denken anscheinend keine Spuren zu entdecken 
vermögen? Sehen wir einmal näher zu: Können wir wirklich in un- 
serem Denken nichts Symbolisches entdecken? Verfolgen wir unsere 
Gedankengänge, nehmen wir ein Beispiel: Wir denken über den Krieg 
1870 — 1871. Wir denken an die Reihen von blutigen Schlachten, die 
Belagerung von Straßburg, Beifort, Paris, den Friedensschluß, die 
Gründung des Deutschen Reiches usw. Wie haben wir gedacht? Wir 
nehmen eine Ausgangsvorstellung oder Obervorstellung, wie man sie 
auch nennt und ohne an sie jedesmal zu denken, sondern bloß von 
einem Richtungsgefühl geleitet, dachten wir über die Einzelreminis- 
zenzen des Krieges. Hierin können wir nichts Symbolisches finden 
und nach diesem Typus verläuft doch unser ganzes bewußtes Denken 1 ). 



*) Vgl. Liepmann: Über Ideenflucht, Halle 1904, ferner Jung: Diagnost. 
A8BOc.-Stud., S. 103 ff. Denken als Unterordnung unter eine herrschende Vor- 
stellung: vgl. Ebbinghaus: Kultur der Gegenwart, S. 221 ff. Külpe (Gr. d. Psy- 
chologie, S. 464) spricht sich ähnlich aus: „Beim Denken handelt ee sich um eine 
antizipierende Apperzeption, die teils einen größeren, teils einen kleineren Kreis 




H 



11 

Wenn wir unser Denken ganz aus der Nähe betrachten und einen 
intensiven Gedankengang verfolgen, z. B. die Auflösung irgend eines 
schwierigen Problemes, so merken wir plötzlich, daß wir in Worten 
denken, daß wir bei ganz intensivem Denken mit uns selber zu sprechen 
anfangen und daß wir auch gelegentlich das Problem aufschreiben 
oder zeichnen, um ganz klar zu sein. Wer längere Zeit im Gebiet einer 
fremden Sprache gelebt hat, dem wird es gewiß aufgefallen sein, daß 
er nach einiger Zeit anfing in der Sprache des Landes zu denken. Ein 
sehr intensiver Gedankengang spielt sich also in mehr oder weniger 
sprachlicher Form ab, d. h. wie wenn man ihn sagen, ihn lehren 
oder jemand davon überzeugen wollte. Er richtet sich offenbar 
ganz nachaußen. Insofern ist uns ja das gerichtete oder das logische 
Denken ein Wirklichkeitsdenken 1 ), d. h. ein Denken, das sich der 
Wirklichkeit anpaßt 2 ), wo wir, mit anderen Worten ausgedrückt, die 
Sukzession der objektiv - realen Dinge nachahmen, so daß 
sich die Bilder in unserem Kopfe in derselben streng kausalen Reihe 
folgen wie die historischen Ereignisse außerhalb unseres Kopfes 3 ). Wir 
nennen dieses Denken auch Denken mit gerichteter Aufmerksamkeit. 
Es hat außerdem die Eigentümlichkeit, daß man davon ermüdet, und 
daß es deshalb nur zeitweise in Funktion gesetzt wird. Unsere ganze, 
so kostspielige vitale Leistung ist Anpassung an die Umgebung, ein 
Teil davon ist das gerichtete Denken, das, biologisch ausgedrückt, 
nichts als ein psychischer Assimilationsprozeß ist, der, wie jede vitale 
Leistung, eine entsprechende Erschöpfung hinterläßt. 

einzelner Reproduktionen beherrscht und sich nur durch die Konsequenz, mit der 
alles diesem Kreise Fernstehende zurückgehalten oder verdrängt wird, von zu- 
fälligen Reproduktionsmotiven unterscheidet." 

*) In seiner Psychologia empirica meth. scientif. pertract. etc. 1732, § 23, 
sagt Christian Wolff einfach und präzise: „Cogitatio est actus animae quo 
sibi rerumque aliarum extra se conscia est." 

2 ) Das Anpassungsmoment wird besonders von William James (Psy- 
chologie, Übersetzung von Dürr, 1909) in seiner Definition des logischen Denkens 
hervorgehoben (S. 353). „Wir wollen diese Geschicktheit, neuen Tatsachen 
gerechtzuwerden, alsdie Diff erentia specifica des logischen Denkens betrachten. 
Dadurch wird es genügend von dem gewöhnlichen assoziativen Denken unter- 
schieden." 

3 ) „Gedanken sind Schatten unserer Empfindungen, immer dunkler, 
leerer, einfacher als diese," sagt Nietzsche. Lotze (Logik, S. 552) drückt sich 
hierüber folgendermaßen aus : „Das Denken, den logischen Gesetzen seiner Bewegung 
überlassen, trifft am Ende seines richtig durchlaufenen Weges wieder mit dem 
Verhalten der Sachen zusammen." 






12 



0* 






Der Stoff, womit wir denken, ist Sprache und sprachlicher 
Begriff, ein Ding, das von jeher Außenseite und Brücke war und 
das eine einzige Bestimmung, nämlich die der Mitteilung hat. Solange 
wir gerichtet denken, denken wir für andere und sprechen zu an- 
deren 1 ). 

Die Sprache ist ursprünglich ein System von Emotions- und 
Imitationslauten, Laute, die Schreck, Furcht, Zorn, Liebe usw. aus- 
drücken, und Laute, die die Geräusche der Elemente nachahmen, das 
Rauschen und Gurgeln des Wassers, das Rollen des Donners, das Brausen 
des Windes, die Töne der Tierwelt usw. und schließlich Laute, die eine 
Kombination des Lautes der Wahrnehmung und des Lautes der affek- 
tiven Reaktion darstellen 2 ). Auch in der mehr oder weniger modernen 
Sprache sind noch massenhaft onomatopoetische Relikte erhalten. 
Z. B. Laute für Wasserbewegung: 

rauschen, rieseln, rüschen, rinnen, rennen, to rush, ruscello, 
ruisseau, river, Rhein. 

Wasser, wissen, wissern, pissen, piscis, Fisch. 

So ist die Sprache ursprünglich und wesentlich nichts als ein 
System von Zeichen oder Symbolen, welche reale Vorgänge oder ihren 
Widerhall in der menschlichen Seele bezeichnen 3 ). 

So muß man Anatole France 4 ) entschieden beipflichten, wenn 
er sagt: „Et qu'est-ce que penser? Et comment pense-t-on? Nous 
pensons avec des mots; cela seul est sensuel et ramene ä la nature. 
Songez-y, un metaphysicien n'a, pour constituer le Systeme du monde, 
que le cri perfectionne des singes et des chiens. Ce qu'il appelle specu- 
lation profonde et methode transcendante, c'est de mettre bout ä bout 



x ) VgL unten die Ausführungen Baldwins. Der philosophische Sonderling 
Johann Georg Hamann (1730 bis 1788) setzte sogar Vernunft und Sprache 
identisch. (Siehe Hamanns Schriften, herausgegeben von Roth, Berlin, 1821 ff.) 
Bei Nietzsche kommt die Vernunft als „Sprachmetaphysik" noch sohlechter weg. 
Am weitesten geht Fr. Ma uth n er (Sprache und Psychologie, 1901); für ihn existiert 
überhaupt kein Denken ohne Sprache, und nur Sprechen ist Denken. Beherzigens- 
wert ist sein Gedanke des in der Wissenschaft herrschenden „Wortfetischiamus". 

2 ) Vgl. Klein paul: Das Leben der Sprache. 3 Bände. Leipzig, 1893. 

s ) Wie es aber mit der Subjektivität von dergleichen anscheinend ganz 
dem Subjekt zugehörigen Symbolen ursprünglich ausgesehen haben mag, davon 
gab mir mein kleiner Junge ein ausdrückliches Exempel: er bezeichnete nämlich 
alles, was er gerne genommen oder gegessen hätte, mit dem energischen Rufe 
„sto 16!" (Schweizerdeutsch für „stehen lassen!"). 

*) Jardin d'Epicure, S. 80. 



13 



dans un ordre arbitraire, les onomatopees qui criaient la faim,la peur 
et l'amour dans les forete primitives et auxquelles se sont attachee* 
peu ä peu des significations qu'on croit abstraites quand elles sont 

seulement relächees. . , - » .,,. 

N'ayez pas peur que cette suite de petits cris eteints et afiaiblis 
qui composent un livre de philosophie nous en apprenne trop sur l'uni- 
vers pour que nous ne puissions plus y vivre." 

So ist unser gerichtetes Denken, und sollten wir die einsamsten 
und weltfernsten Denker sein, nichts als die Vorstufe eines langgezogenen 
Rufes an die Genossen, daß Einer frisches Wasser gefunden, daß er den 
Bären erlegt, daß ein Sturm nahe oder Wölfe das Lager umschleichen. 
Ein treffendes Paradox Abaelards, das ahnungsvoll die ganze mensch- 
liche Beschränktheit unserer komplizierten Denkleistung ausdruckt, 
lautet: „Sermo generatur ab intellectu et generat intellec- 
tum" Ein noch so abstraktes System der Philosophie stellt also in 
Mittel und Zweck nichts anderes dar als eine äußerst kunstvolle Kom- 
bination ursprünglicher Naturlaute*). Daher der Drang eines Scho- 
penhauer, eines Nietzsche nach Anerkennung und Verständnis, die 
Verzweiflung und die Bitterkeit ihres Alleinseins. Man konnte ja 
vielleicht erwarten, ein genialer Mensch könne sich an der Größe seines 
eigenen Gedankens weiden und auf den biUigen Beifall der von ihm 
verachteten Menge verzichten; er unterliegt aber dem mächtigeren 
Triebe des Herdeninstinktes, sein Suchen und sein Finden, sein K" 
eilt unweigerlich der Herde und muß gehört werden. 

Wenn ich eben sagte, daß das gerichtete Denken eigentlich ein 
Denken in Worten sei, und das geistreiche Zeugnis des Anatole France 
als drastischen Beleg dafür anführte, so könnte daraus leicht das Miß- 
verständnis entstehen, das gerichtete Denken sei wirklich allemal bloß 
Wort" Das ginge allerdings zuweit. Sprache ist aber m einem 
weiteren Umfange zu fassen als z. B. dem der Rede, welche an s*h 

x) Es ist wohl kaum zu ermessen, wie groß der verführerische Einfluß der 
primitiven Wortbedeutungen auf das Denken ist. - „Alles was je im BewuBtuin 
gewesen ist, bleibt als ein wirksames Moment im Unbewußter,' sagt Hermann 
Paul (Prinzipien der Sprachgeschichte, IV. Auflage, 1909, S. 25^) Die alten Wort- 
bedeutungen wirken nach, und zwar in zunächst unmerkbarer We» „aus diesem 
dunkelnlaume des Unbewußten in der Seele" (Paul). Sehr unzweideutig ^druck 
sich der oben erwähnte J. G. Hamann (L c) aus: „Die Metaphysik ^braucht 
alle Wortzeichen und Redefiguren unserer empirischen Erkenntrus zu htuter 
Hieroglyphen und Typen idealischer Verhältnisse". Es geht die Rede, daß Kant 
einiges von Hamann gelernt habe. 




O/wU ^ 



14 









nur der Ausfluß des formulierten d P r Mi«- ;i„ 

fähige, Gedankens ist. *£*£ XZZZ^ ^ 

ist diese ideell* dn»«fc j ? »Sprache . Historisch 

«ven i^cäZrriSC s v ur ? n , Ausdrttck der appe -p- 

Ubergehen. Auf diese wSe ,.„?„, tu fT Ung U " d ""» Ptodal * 
«ü - ohne den SÄ^« ***• ^ *"' 
wäre, selbst erst SSf ^eutungswandel nicht möglich 

au verschone Weise susgedruckt werfen ^«7" 
solches, ob man es nun mit- w*j . wjwiü gibt es ein 

Jodl als „überspraohTh' besih n „ alS •*"«**»*" »der mit 

Denken. Meine SSSL^T ^ " * ** kek lo « is <"- 
Ausführungen BaM^Ä f - ""* ** be ™ rk ^-rten 
hierher^en wul^) ^ üb e, " Z** ÜberSet2un S •*** 
des ürteib zu dem des'ürt i^ '»f g T H "«> rt ~ *« Vorstufen 
sosiale Bestätig«^ fltot' d m .t T T WiS8en - *»**- 
Die im Urteüe ™ w eXLltS' t T ^^ enta>ten ka »«- 
Bestätigungen des STvS ÄÄ 7"" f* *> 
und Imphkationen ausgebildet worden C JÄ^STÄ 
das peinliche Urteil, welches in den Methode T T T*' 

1} GrQ o<*riß der Psychologie, S. 366. ' 
2 ) Lehrbuch der Psychologie X 26 

** 'ÄSftt^ * P^ «der genetische 

Leipzig, 1910, Bd. Il7 t { t!« ^ t r BedeUtUn « des >«». 
iL ». 175 ff.) Englischer BW, Thought and Tlüngs. 



15 



deren Worten, die Grundlage jeder Bewegung, die zur Behauptung 
des individuellen Urteils führt, das Niveau, von welchem aus neue 
Erfahrung nutzbar gemacht wird, ist zu jeder Zeit bereits sozialisiert 
und gerade diese Bewegung ist es, welche wir im tatsächlichen Ergebnis 
als das Gefühl der „Angemessenheit" oder die synnomische Eigen- 
tümlichkeit des Inhalts wieder erkennen, welcher zum Ausdrucke 
kommt." 

„Wie wir sehen werden, erfolgt die Entwicklung des Denkens 
im wesentlichen durch eine Methode des Versuches und Irrtumes des 
Experimentes, wobei Inhalte in einer Weise benutzt werden, als hätten 
sie tatsächlich höheren Wert als denjenigen, welcher ihnen bis jetzt 
zuerkannt wurde, ^einzelne ist gezwungen, seine alten Gedanken 
sem festgestelltes Wissen, seine folgerechten Urteile zum Aufbaue seiner 
neuen erfinderischen Konstruktionen heranzuziehen. Er führt seinen 
Gedanken, wie wir sagen „schematisch" oder, wie die Logik es nennt 
problematisch, aus, d. h. bedingungsweise, disjunktiv; er schickt eine 
Ansicht, die noch seine eigene, persönliche ist, in die Welt hinaus als 
wäre sie wahr. Jede Methode der Entdeckung bedient sich eines der- 
artigen Verfahrens. Sie bedient sich aber damit, vom sprachlichen 
Gesichtspunkte, noch immer der Umgangssprache, sie verwendet damit 
noch immer Ideen, deren sich die soziale und übereinkömmliche Rede- 
weise bereits bemächtigt hat." 

„Durch dieses Experimentieren werden sowohl das Denken als 
die Sprache gleichzeitig gefördert." 

„Die Sprache wächst daher genau so, wie das Denken wächst 
indem sie niemals ihren synnomischen oder^^eigliödrigen Hinweis 
verliert; ihre Bedeutung ist sowohl persönlich als sozial." \ 

„Die Sprache ist das Verzeichnis überlieferten- Wissens die 
Chronik nationaler Eroberungen, die Schatzkammer für alle durch das 
Gerne der einzelnen erzielten Errungenschaften. Das auf diese Weise 
gebildete System sozialer „Vorbilder" gibt die Urteilsvorgänge der 
Kasse ab; und es wird seinerseits zur Pflanzschule des 
Urteiles neuer Generationen." 

„Bei weitem der größte Teil der Schulung des Ich, mit der sie 
begleitenden Rückführung der Unsicherheit der persönlichen Reaktion 
latsachen und Vorstellungen gegenüber, auf die fundierte Grundlage 
gesunden Urteües erfolgt durch die Benutzung der Sprache. Wenn 
das jfcnd spricht, unterbreitet es der Welt Fingerzeige für die Fest- 
legung einer allgemeinen und gemeinsamen Bedeutung. Der Empfang 



16 



welcher denselben zuteil wird, bestätigt oder widerlegt seinen Vorschlag. 
Im einen wie im andern Falle hat der Vorgang Belehrung zur Folge. 
Das nächste Wagnis des Kleinen erfolgt dann von einer Stufe des 
Wissens aus, auf welcher die neuere Einzelheit schon s mehr dasjeniae, 
was in die gemeine Münze effektiven Verkehres umsetzbar ist. Was 
hier Beachtung verdient, ist nicht so sehr der genaue Mechanismus 
des Austausches, die soziale Umsetzung, durch welche dieser Gewinn 
gesichert wird, als die, vermöge seiner unausgesetzten Benutzung 
dargebotene Schulung im Urteile. In jedem einzelnen Falle ist das 
wirksame Urteil auch das gemeinsame Urteil." 

„Hier wollen wir zeigen, daß dieses Urteil durch die Entwicklung 
einer Funktion erzielt wird, deren Entstehen in gerader Linie ad hoc 
ist — die direkt auf jene soziale Experimentation abzielt, durch welche 
die Ausbildung in sozialer Befähigung gleichfalls gefördert wird — 
der Funktion der Sprache. Wir haben daher — in der Sprache das 
greifbare, tatsächliche und historische Werkzeug der Entwicklung und 
Erhaltung psychischer Bedeutung. Sie legt zutreffendes Zeugnis ab und 
erbringt den Beweis für die Übereinstimmung des sozialen und per- 
sönlichen Urteiles. In ihr wird die synnomische, durch das Urteil für 
angemessen erklärte, zur „sozialen" Bedeutung, die als sozial verall- 
gemeinert und anerkannt gilt." 

Diese Ausführungen Baldwins betonen ausgiebig die weitgehend 
durch die Sprache verursachte Bedingtheit des Denkens 1 ), die sowohl 
subjektiv (intrapsychisch) als auch objektiv (sozial) von größter 
Bedeutung ist; wenigstens von so großer, daß man sich wirklich fragen 
muß, ob nicht am Ende der hinsichtlich der Selbständigkeit des Denkens 
durchaus skeptische Fr. Mauthner 2 ) nicht am Ende doch recht hat 
mit seiner Ansicht, daß das Denken Sprache ist und nichts weiter. 
Baldwin drückt sich vorsichtiger und reservierter, aber unter der 
Hand doch eigentlich recht deutlich zugunsten des Primates der Sprache 
(natürlich nicht im Sinne der „Rede") aus. 

Das gerichtete oder, wie wir es vielleicht auch nennen könnten, 

*) Ich erwähne nebenbei, daß Eber seh weiler auf meine Veranlassung 
experimentelle „Untersuchungen über den Einfluß der sprachlichen Komponente 
auf die Assoziation" (Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, 1908) angestellt 
hat, welche die bemerkenswerte Tatsache enthüllten, daß beim Assoziations- 
erperiment die intrapsychische Assoziation durch phonetische Rücksichten 
gebeugt wird. 

2 ) Siehe oben in der Fußnote. 



«r 



Inhaltsangabe. 



Erster Teil. 

I. Einleitung 

IL Über die zwei Arten des Denkens 7 

III. Vorbereitende Materialien zur Analyse der Millerschen Phantasien 36 

IV. Der Schöpferhymnus ., 

V. Das Lied von der Motte 7 - 

Zweiter Teil. 

I. Einleitung 111 

IL Über den Begriff und die genetische Theorie der Libido .... 120 
IU. Die Verlagerung der Libido als mögliche Quelle der primitiven 

• • • • 135 



menschlichen Erfindunren 



IV. Die unbewußte Entstehung des Heros i ;> 

'V. Symbole der Mutter und der Wiedergeburt 199 

VI. Der Kampf um die Befreiung von der Mutter 265 

VII. Das Opfer 294 

Register 41& 



Juu«, Libido. 



17 



das sprachliche Denken ist das offenkundige Instrument der 
Kultur und wir gehen nicht fehl, wenn wir sagen, daß die gewaltige 
Erziehungsarbeit, die die Jahrhunderte dem gerichteten Denken haben 
angedeihen lassen, eben durch die eigenartige Herauswicklung des 
Denkens aus dem Subjektivindividuellen ins Objektivsoziale, eine An- 
passungsleistung des menschlichen Geistes erzwungen hat, der wir 
moderne Empirie und Technik, dieses absolut Erstmalige in der Welt- 
geschichte verdanken. Das haben frühere Jahrhunderte nicht gekannt. 
Es hat neugierige Köpfe schon öfter gereizt, sich zu fragen, warum 
wohl die zweifellos hochstehenden mathematischen, mechanischen und 
Materialkenntnisse im Vereine mit der beispiellosen Kunst der mensch- 
lichen Hand in de_r_ Antike _ nie dazu gekommen sind, jene bekannten 
technischen Ansätze (z. B. die Prinzipien der einfachen Maschinen) 
über das Spielerische und Kuriose hinaus zur wirklichen Technik im 

(modernen Sinne zu entwickeln. Es gibt darauf notwendig nur eine 
Antwort: Die Alten ermangelten, mit Ausnahme weniger erlauchter 
Geister, durchgehends der Fähigkeit, ihr Interesse derart den Ver- 
änderungen der unbelebten Materie folgen zu lassen, daß sie imstande 
waren, schöpferisch und künstlich den Naturvorgang wieder zu erzeugen, 
wodurch allem sie sich in Besitz der Naturkraft hätten setzen können. 
Es fehlte am Training des gerichteten Denkens (oder psychoanalytisch 
ausgedrückt: es gelang den Alten nicht, sublimierbare Libido aus 
anderweitigen natürlichen Beziehungen loszureißen und willkürlich 
nicht anthropomorphisierten oder sonstwie angeglichenen Materien 
zuzuwenden. Denn das_ Geheimnis der Kulturentwicklung ist die' 
Beweglichkeit und*"Verlagerungsfähigkeit der Libido. Es 
ist daher anzunehmen, daß das gerichtete Denken unserer Zeit 
eine mehr oder weniger moderne Errungenschaft ist, die früheren 
Zeiten fehlte. 

Damit kommen wir aber zu einer weiteren Frage, was nämlich 
geschieht, wenn wir nicht gerichtet denken: dann fehlt unserem Denken 
die Ober Vorstellung und das hieraus emanierende Kichtungsgefühl 1 ). 






*) So erscheint dieses Denken wenigstens dem Bewußtsein. Freud bemerkt 
dazu (Traumdeutung, II. Auflage, S. 325): „Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, 
daß wir uns einem ziellosen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir — unser Nach- 
denken fallen und die ungewollten Vorstellungen auftauchen lassen. Es läßt sich 
zeigen, daß wir immer nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten 
können und dann mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte — wie wir ungenau 
sagen, unbewußte — Ziel Vorstellungen zur Macht kommen, die jetzt den Ablauf 
Jung, Libido. 2 



18 




Wir zwingen unsere Gedanken nicht mehr auf bestimmte Geleise 
sondern lassen sie schweben, sinken und steigen nach ihrer eigenen 
-Schwere. Nach Külpe*) ist das Denken eine Axt „innerer Willens- 
tandlung", deren Fehlen notwendigerweise zu einem „automatischen 
Spiel der Vorstellungen" führt. <fa am es*) faßt das nicht gerichtete 
Denken oder „bloß assoziative" Denken als das gewöhnliche auf Er 
äußert sich darüber folgendermaßen: „Unser Denken besteht zum 
^^V^™ 6611 Teil aus Eeihen von Büdern, von denen eines das andere herbei- 
führt, aus einer Art passiver Träumerei, deren die höheren 
Tiere wahrscheinlich auch fähig sind*). Diese Art des Derkens 
führt dessenungeachtet zu vernünftigen Schlüssen sowohl praktischer 
als theoretischer Natur. 'Si- 

„In der Regel sind bei dieser Art unverantwortlichen Denkens 
die Glieder, die zufällig miteinander verbunden werden, empirische 
Konkreta, keine Abstraktionen." 

Wir können diese. Bestimmungen William James' noch folgen- 

dermaßen ergänzen: Dieses Denken ist mühelos, führt von der Realität 

bald weg in Phantasien der Vergangenheit und Zukunft. Hier hört 

''^s. JDenken in Sprachform auf, Bjld.. drängt sioh an Bild, Gefühl an 

^fühl 4 ), immer deutlicher wagt sich eine Tendenz hervor, die alles 

der -ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein Denken ohne Zielvor 
Stellungen läßt sich durch unsere eigene Beeinflussung unseres Seelenlebens über- 
haupt nicht herstellen." 

1 ) Grundriß der Psychologie, S. 46*. 

2 ) Psychologie, übersetzt von Dürr, '1909, y. 464. 

3 ) Von mir gesperrt. 

CM«* £***" £*?* BehaUptun * 8tehen ««■* Erfahrungen aus normalem 
Gebet: Das unbestimmte Denken entfernt sioh vom „Nachdenken" sehr weiT 
und zwar besonders in puncto der sprachlicnen Bereitschaft, Ich habe bei psycho-' 
logischen Experimenten sehr häufig die Erfahrung gemacht, daß die Versuchs- 
SSLi TG t- Tl T gebÜdeten und Agenten Le Uten ), welche ich, an- 

ütrZ U h n tf 1Cht,iCh UDd 0hne 8ie V ° rher ZU -^—, ihren Träumereien 
überlassen habe, experimentell registrierbare Affektäußerungen aufwiesen, über 
deren gedankliche Grundlagen sie sich beim besten Willen entweder nur un- 
vollkommen, oder gar nicht äußern könnten. Ähnliche Erfahrungen macht man 
ja beim Assoziationsexperiment und in der Psychoanalyse massenhaft. (So gibt 
es wohl kaum einen unbewußten Komplex, der nicht auch als Phantasie im Be- 
wußtsein schon existiert hat.) Instruktiver sind die Erfahrungen pathologischer 
«atur, und zwar weniger die, die aus dem Gebiete der Hysterie und aller der- 
jenigen Neurosen stammen, die durch eine überwiegende Übertragungstendenz 













19 



so schafft und stellt, nicht wie es wirklich ist, sondern wie man es 
wohl wünschen möchte, daß es wäre. Der Stoff dieses Denkens, das 
sich von der Wirklichkeit abkehrt, kann natürlich nur Vergangenheit 
mit ihren tausend Erinnerungsbildern sein. Der Sprachgebrauch nennt 
dieses Denken „Träumen". 

Wer sich selber aufmerksam beobachtet, wird den allgemeinen 
Sprachgebrauch treffend finden, denn wir können es fast alle Tage 
erleben, wie unsere Phantasien beim Einschlafen sich in die Träume 
verweben, so daß zwischen den Träumen des Tages und der Nacht der 
Unterschied nicht zu groß ist. Wir haben also zwei Formen des Denkens: i 
das geri chtete Den ken und das Träumen oder Phantasieren. 
E E?.*^^ arbeitet für die . Mitteilung, mit sprachlichen Elementen, ist 
mühsam und erschöpfend, letzteres dagegen arbeitet mühelos^ sozu- 
sagen spontan mit den Reminiszenzen. Ersteres schafft Neuerwerb, 
Anpassung, imitiert Wirklichkeit und sucht auch auf sie zu wirken. 
Letzteres dagegen wendet sich von der Wirklichkeit weg, befreit sub- 
jektive Wünsche und ist hinsichtlich der Anpassung gänzlich un- 
produktiv 1 )?^* — » ■ — — 

Die Frage, wozu wir wohl zweierlei Denken besitzen, lassen wir 
weg und wenden uns wieder zu der zweiten Fragestellung, weher es 

charakterisiert sind, als vielmehr die Erfahrungen auf dem Gebiete der Intro- 
versionspsychose oder -neurose, als welche weitaus die Großzahl der Geistes- 
störungen, jedenfalls die gesamte Bleulersche Schizophreniegruppe aufzufassen 
ist. Wie schon der Terminus „Introversion" (den ich in meiner Arbeit: Konflikte 
der kindlichen Seele, S. 6 und 10 kurz eingeführt habe), andeutet, führt diese 
Neurose zu einem überwiegenden Autoerotismus (Freud). Und hier treffen wir 
auch auf jenes „übersprachliche" rein „phantastische Denken", das sich in „un- 
aussprechlichen" Bildern und Gefühlen bewegt. Einen kleinen Eindruok davon 
empfängt man, wenn man die ärmlichen und verworrenen sprachlichen Ausdrücke 
dieser Kranken auf ihren Sinn zu prüfen sucht. Es kostet auch den Kranken, 
wie ich mehrfach gesehen habe, eine unendliche Mühe, ihre Phantasien in mensch- 
liche Worte zu fassen. Eine hochintelligente Kranke, die bruchstückweise mir 
ein derartiges Phantasiesystem „übersetzte", sagte mir öfters: „Ich weiß ganz 
genau, worum es sich handelt, ich sehe und fühle alles, aber es ist mir noch ganz 
unmöglich, die Worte dazu aufzufinden." Die dichterische und die religiöse Intro- 
version geben Anlaß zu ähnlichen Erfahrungen; z. B. Paulus im Römerbriefe 
(Weizsäcker) 8, 26: „Denn was wir beten sollen nach Gebühr, wissen wir nicht; 
da tritt der Geist selbst ein mit unaussprechlichem Seufzen." 

') Ähnlich James (1. c. S. 353). Das Schließen besitzt produktive Be- 
deutung, während das „empirische" (bloß assoziative) Denken nur re- 
produktiv ist. 

2* 



20 



nämlich kommt, daß wir zweierlei Denken haben. Ich habe vorhin 
angedeutet, daß die Geschichte uns zeige, daß das gerichtete Denken 
nicht immer so entwickelt war, wie es jetzt ist. Heutzutage ist der 
schönste Ausdruck des gerichteten Denkens die Wissenschaft und die 
von ihr genährte Technik. Beide Dinge verdanken ihre Existenz nur 
einer energischen Erziehung des gerichteten Denkens. Zu jener Zeit 
aber, da erst wenige Vorläufer der jetzigen Kultur, wie der Dichter 
Petrarca, anfingen, der Natur verständnisvoll gegenüberzutreten 1 ), 
bestand ein Äquivalent unserer Wissenschaft, die Scholastik 2 ), die 
ihre Gegenstände den Phantasien der Vergangenheit entnahm, daran 
aber dem Geist eine dialektische Schulung des gerichteten Denkens 
angedeihen ließ. Der einzige Erfolg, der dem Denker winkte, war der 
rhetorische Sieg in der Disputation und nicht eine sichtbare Umge- 
staltung der Kealität. Die Gegenstände des Denkens waren oft er- 
staunlich phantastisch, so wurden z. B. Fragen diskutiert wie: wieviel 
Engel Platz haben auf der Spitze einer Nadel, ob Christus sein Er- 
lösungswerk auch hätte tun können, wenn er als Erbse auf die Welt 
{ gekommen wäre usw. Die Möglichkeit solcher Probleme, zu denen 

*) Vgl. die eindrucksvolle Schilderung von Petrarcas Besteigung des 
Mont Ventoux bei Jacob Burokhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien 
1869, S. 235 ff. „Eine Beschreibung der Aussicht erwartet man nun allerdins«? 
vergebens, aber nicht weil der Dichter dagegen unempfindlich wäre, sondern im 
Gegenteil, weil der Eindruck allzu gewaltig auf ihn wirkt. Vor seine Seele tritt sein 
ganzes vergangenes Leben mit allen Torheiten; er erinnert sich, daß es heute 
zehn Jahre sind, seit er jung aus Bologna gezogen, und wendet einen sehnsüchtigen 
Blick in der Richtung gen Italien hin; er schlägt ein Büchlein auf, das damals 
sein Begleiter war, die Bekenntnisse des heiligen Augustin; allein siehe, sein Auge 
fällt auf die Stelle im 10. Abschnitt: „und da gehen die Menschen hin und be- 
wundern hohe Berge, weite Meeresfluten und mächtig daherrausehendo Ströme 
und den Ozean und den Lauf der Gestirne und verlassen sich selbst darob." Sein 
Bruder, dem er diese Worte vorliest, kann nicht begreifen, warum er hierauf das 
Buch schließt und schweigt." 

2 ) Eine kurze, aber treffende Schilderung der scholastischen Methode gibt 
Wundt (Philosophische Studien XIII, S. 345). Die Methode bestand „erstens 
darin, daß man in der Auffindung eines festgegebenen und auf die verschiedensten. 
Probleme in gleichförmiger Weise angewandten Begriffsschematiamus die Haupt- 
aufgabe der wissenschaftlichen Forschung erblickt, und zweitens darin, daß man auf 
gewisse Allgemeinbegriffe und folgeweise auch auf die diese Begriffe bezeichnenden 
Wortsymbole einen übermäßigen Wert legt, wodurch dann eine Analyse der Wort- 
bedeutungen, in extremen Fällen eine leere Begriffstüftelei und Wortklauberei 
an die Stelle der Untersuchung der wirklichen Tatsachen tritt, aus denen die Be- 
griffe abstrahiert sind". 



21 



das metaphysische Problem, nämlich das Unwißbare wissen zu können, 
"überhaupt gehört, zeigt, von welch besonderer Artung. jener Geist 
gewesen sein muß, der solche Dinge erschuf, die für uns einen Gipfel 
der Absurdität bedeuten. Nietzsche hat aber den biologischen Hinter- 
grund dieser Erscheinung geahnt, als er von der „prachtvollen 
Spannung" des , germanischen Geistes sprach, welche "das Mittelälter 
geschaffen haS. 

Historisch genommen ist die Scholastik, in deren Geist Leute 
von überragendem intellektuellem Vermögen wie Tho mas von A q ui no, 
Duns Scotus, Abaelard, Wilhelm von Occam u. a. gearbeitet 
haben, die Mutter der modernen Wissenschaftlichkeit, und eine spätere 
Zukunft wird klar sehen, wie und wo die Scholastik auch der Wissen- 
schaft von heutzutage noch lebendige Unterströmungen liefert. Sie ist 
ihrem ganzen Wesen nach dialektische Gymnastik, die dem sprachlichen 
Symbol, dem Wort, zu einer geradezu absoluten Bedeutung 
verholfen hat, so daß es endlich jene Substanzialität ge- 
wann, welche die ausgehende Antike ihrem Xöyog nur 
durch mystische Wertung vorübergehend verleihen konnte. 
Als die große Tat der Scholastik erscheint die Grundlegung der fest- 
gefügten intellektuellen Sublimation, der conditio sine qua non der 
modernen Wissenschaftlichkeit und Technik. 

Gehen wir in der Geschichte ncch weiter zurück, so zerfließt das, 
was wir heute Wissenschaft nennen, in unbestimmte Nebel.; Der mo- 
derne kulturschaff ende Geist ist unablässig beschäftigt, alles Subjektive 
IWon der Erfahrimg abzustreifen und diejenigen Formeln zu fin den, 
welche die Natur und ihre Kräfte auf den besten und passendsten 
Ausdruck bringen. Es wäre eine lächerliche und gänzlich ungerecht- 
fertigte Selbstüberhebung, wenn wir annehmen wollten, wir seien 
energischer oder intelligenter als das Altertum — unser Wissensmaterial. 
hat zugenommen, nicht aber die intellektuelle Fähigkeit. Darum sind 
wir neuen Ideen gegenüber gerade so borniert und unfähig wie die 
Menschen in den dunkelsten Zeiten des Altertums. An Wissen sind 
wir reich geworden, nicht aber an Weisheit. Der Schwerpunkt unseres 
Interesses hat sich ganz nach der materiellen Wirklichkeit zu verschoben, 
das Altertum bevorzugte ein Denken, das sich mehr dem phantastischen 
Typus annäherte. Neben einer seitdem nie mehr erreichten sinnlichen 
Anschaulichkeit des Kunstwerkes suchen wir in der Antike vergebens 
nach jener präzisen und konkreten Denkweise moderner Natur- und 
Geisteswissenschaft. Wir sehen den antiken Geist nicht Wissenschaft " 




" 



22 

schaffen, sondern Mythologie. Leider bekommen wir in der Schule 
nur einen ganz armseligen Begriff von dem Reichtum und der unge- 
heueren Lebendigkeit der griechischen Mythologie. 

Es erscheint darum auf den ersten Blick nicht sehr wahrscheinlich, 
wenn man annimmt, daß das, was wir heute an Energie und Interesse 
in Wissenschaft und Technik geben, der antike Mensch zu einem großen 
Teil in seine Mythologie gab. Daraus erklären sich der verwirrende 
Wechsel, die kaleidoskopischen Verwandlungen und synkretistischen 
Neugruppierungen, die unaufhörlichen Verjüngungen der Mythen in. 
der griechischen Kultursphäre. Hier bewegen wir uns nun in einer 
Welt von Phantasien, die, wenig bekümmert um den äußern Gang 
der Dinge, aus einer innern Quelle fließen und wechselvolle, bald 
plastische, bald schemenhafte Gestalten erzeugen. Diese phantasti- 
sche Tätigkeit des antiken Geistes schaffte künstlerisch par excel- 
lence. Nicht das Wie der wirklichen Welt möglichst objektiv und. 
exakt zu erfassen, sondern subjektiven Phantasien und Erwartungen 
ästhetisch anzupassen, scheint das Ziel des Interesses gewesen zu 
sein. Nur ganz wenigen unter den antiken Menschen wurde die 
Erkältung und Enttäuschung zuteil, die Giordano Brunos Un- 
endlichkeitagedanke und Keplers Entdeckungen der modernen. 
Menschheit gebracht haben. Die naive Antike sah in der Sonne 
den großen Himmels- und Weltvater und im Monde die fruchtbare 
gute Mutter. Und jedwedes Ding hatte seinen Dämon, d. h. war belebt 
und gleich einem Menschen oder seinem Bruder, dem Tiere. Man 
bildete alles anthropomorph oder theriomorph, als Menschen oder als 
Tier. Sogar die Sonnenscheibe erhielt Flügel oder vier Füßchen, uro. 
ihre Bewegung zu veranschaulichen. So_ entstand ein Bild des Uni- 
versums, das der Realität nur sehr entfernt, ganz aber den subjektiven 
Phantasien entsprach. 

Wir kennen diesen Zustand des Geistes aus eigener Erfahrung, 
es ist ein kindlicher Zustand; für das Kind ist der Mond ein Mann oder 
ein Gesicht oder der Hirt der Sterne; am Himmel ziehen die Wolken 
. als Schäfchen, die Puppen trinken, essen, schlafen, dem Christkind, 
legt man einen Zettel vors Fenster, dem Storch ruft man nach, er 
solle ein Brüderchen oder Schwesterchen bringen, die Kuh ist die Frau 
des Pferdes und der Hund der Mann der Katze. Ebenfalls wissen wir, 
daß niedrige Rassen, wie die Neger, die Lokomotive für ein Tier an- 
sehen und die Schublade das Kind des Tisches nennen (Mitteilung von 
Dr. Oetker). 



23 

Wie wir durch Freud wissen, zeigt der Traum ein ähnliches 
Denken. Unbekümmert um die realen Verhältnisse der Dinge wird 
darin das Heterogenste zusammengebracht, und eine Welt von Un- 
möglichkeiten tritt an Stelle der Wirklichkeit. Freud findet als Cha- 
rakteristikum des wachen Denkens die Progression, d. h. den Fort- 
schritt der Denkerregung von dem Systeme der innern oder äußern 
Wahrnehmung durch die endopsychische Assoziationsarbeit (unbewußt 
und bewußt) zum motorischen Ende, d. h. zur Innervation. Für den 
Traum findet er das Umgekehrte: nämlich Regression der Denk- 
erregung vom Vorbewußten oder Unbewußten zum Systeme der Wahr- 
nehmung, wodurch der Traum sein gewöhnliches Gepräge sinnlicher 
Anschaulichkeit erhält, die sich bis zur halluzinatorischen Deutlichkeit 
steigern kann. Das Traumdenken bewegt sich also rückläufig zu den 
Rohmaterialien der Erinnerung: „Das Gefüge der Traumgedanken 
wird bei der Regression in sein Rohmaterial aufgelöst." (Traumdeutung, 
2. Aufl., S. 336.) Die Wiederbelebung ursprünglicher Wahrnehmungen 
ist aber nur die eine Seite der Regression; die andere Seite ist die Re- 
gression auf das infantile Erinnerungsmaterial, was zwar ebenfalls als 
Regression auf die ursprüngliche Wahrnehmung aufgefaßt werden kann, 
aber wegen seiner selbständigen Wichtigkeit besondere Erwähnung 
verdient. Diese Regression darf wohl als „historische" bezeichnet 
werden. Nach dieser Auffassung ließe sich der Traum auch beschreiben 
als der durch Übertragung auf Rezentes veränderte Er- 
satz der infantilen Szene. Die Infantilszene kann ihre Erneuerung 
nicht durchsetzen; sie muß sich mit der Wiederkehr als Traum be- 
gnügen. (Traumdeutung, 2. Aufl., S. 338.) Aus dieser Auffassung der 
historischen Seite der Regression geht konsequenterweise hervor, daß 
die Schlußmodi des Traumes, sofern überhaupt von solchen gesprochen 
werden darf, zugleich analogischen und infantilen Charakter zeigen 
müssen. Das ist, wie die Erfahrung ausgiebig gezeigt hat, wirklich 
der Fall, so daß heutzutage jeder der Traumanalyse Kundige den Satz 
Freuds, daß das Träumen ein Stück des überwundenen 
Kinderseelenlebens sei, bestätigen kann. Insoferne aber das Kinder- 
seelenleben einen archaischen Typus nicht verleugnen kann, so kommt 
diese Eigentümlichkeit dem Traume in ganz besonderem Maße 
zu. Freud macht ausdrücklich hierauf aufmerksam (Traumdeutung, / 
2. Aufl., S. 349): „Der Traum, der seine Wünsche auf kurzem, regre-' 
dientem Wege erfüllt, hat uns hiermit nur eine Probe der primären, 
als unzweckmäßig verlassenen Arbeitsweise des psychischen Apparates 



24 

aufbewahrt. In das Nachtleben scheint verbannt, was einst im Wachen 
herrschte, als das psychische Leben noch jung und untüchtig war, 
etwa wie wir in der Kinderstube die abgelegten primitiven Waffen der 
erwachsenen Menschheit, Pfeil und Bogen, wiederfinden 1 )." 

-S-Alle diese Erfahrungen legen es uns nahe, eine Parallele zu ziehen 
zwischen dem phantastisch-mythologischen Denken des Altertums 
und dem ähnlichen Denken der Kinder 2 ), dem niedrig stehender 
Menschenrassen und dem des Traumes. Dieser Gedankengang ist uns 

*) Der in der „Traumdeutung" sich hier anschließende Passus war von 
prophetischer Bedeutung und hat sich seither durch die Erforschung der Psychosen 
glänzend bestätigt. „In den Psychosen werden diese sonst im Wachen unter- 
drückten Arbeitsweisen des psychischen Apparates sich wiederum Geltung er- 
zwingen und dann ihre Unfähigkeit zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen 
die Außenwelt an den Tag legen." Die Wichtigkeit dieses Satzes wird unter- 
strichen durch die von Freud (leider) unabhängigen Ansichten Pierre Janets, 
die hier erwähnt zu werden verdienen, weil sie von einer ganz andern Seite* 
her, nämlich der biologischen, bestätigend beitragen. Jan et unterscheidet an 
der Funktion einen festorganisierten „untern" Teil und einen in steter Transfor- 
mation begriffenen „obern" Teil: „C'est justement sur cette partde superieure 
des fonctions, sur leur adaptation aux ciroonstances presentes queportent 
les nevroses — les nevroses sont des troubles ou des arrets dans Involution des 
fonctions — les nevroses sont des maladies portant sur les diverses fonctions 
de rorgani&me, caracterisees par une alteration des parties superieures 
de cea fonctions, arretees dans leur eVolution, dans leur adaptation au moment 
present, ä l'etat present du monde exterieur et de l'individu et par l'absence 

de deterioration des parties anciennes de ces meines fonctions ä la place 

de cos Operations superieures se developpent de l'agitation physique et mentale 
f et surtout de l'emotivite. Celle-ci n'est que la tendance ä remplacer les op6rations 
superieures par l'exageration de certaines Operations inferieures, et sur- 
tout par de grosseres agitations viscerales." (Les Nevroses S. 383 ff.) Die „parties 
anciennes" sind eben die „parties inferieures" der Punktionen und diese ersetzen 
unzweckmäßigerweise die mißlungene Adaptation. Kurz gesagt: Das Archaische 
ersetzt die versagende rezente Funktion. Ähuliche Ansichten über die Natur des 
neurotischen Symptoms äußert auch Claparede (Quelques mots sur la definition 
de l'Hystene. Arch. de Psycho!. I, VII., S. 169). Er faßt den hysterogenen Me- 
chanismus ala eine „Tendance ä la reversion", als eine Art Atavismus der Reaktions- 
weise auf. 

2 ) Ich verdanke Dr. Abraham folgende interessante Mitteilung: „Ein 
3 7» jähriges Mädchen hatte ein Brüderchen bekommen, das zum Gegenstande der 
bekannten kindlichen Eifersucht wurde; sie sagte einmal zur Mutter: „Du bist 
zwei Mamas. Du bist meine Mama und deine Brust ist Brüderchens 
Mama." Sie hatte eben mit großem Interesse dem Akte des Stillens zugesehen. 
Für das archaische Denken des Kindes ist es sehr charakteristisch, daß es die 
Brust als Mama bezeichnet. 



■ 



25 



nicht fremd, sondern wohlbekannt aus der vergleichenden Anatomie 
und Entwicklungsgeschichte, die uns zeigen, wie Bau und Funktion 
des menschlichen Körpers durch eine Reihe embryonaler Wandlungen , 
entstehen, welche ähnlichen Wandlungen in der Stammesgeschichte I 
entsprechen. Die Vermutung, daß auch in der Psychologie die Onto- 
genese der Phylogenese entspreche, ist daher gerechtfertigt. Mithin 
wäre also der Zustand des infantilen Denkens 1 ) im Seelenleben des 
Kindes sowohl wie im Traume nichts als eine Wiederholung der 
Prähistorie und der Antike. 

Nietzsche nimmt in dieser Hinsicht einen sehr weitgehenden, 
aber bemerkenswerten Standpunkt ein (Menschliches, Allzumensch- 
liches, Werke, Band II, S. 27 ff.): „Im Schlafe und Traume machen 
wir das ganze Pensum früheren Menschtums durch." „Ich meine: 
wie jetzt noch der Mensch im Traume schließt, schloß die Menschheit 
auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch; die erste Causa, die 
dem Geiste einfiel, um irgend etwas, das der Erklärung bedurfte, zu 
erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit. Im Traume übt 'sich 
dieses uralte Stück Menschtum in uns fort, denn es ist die Grundlage, 
auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen 
sich noch entwickelt: Der Traum bringt uns in ferne Zustände der 
menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, 
sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht] 
weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der Menschheit .gerade 
auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens aus dem 
ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt worden sind. In- 
sofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage 
den strengen Anforderungen an das Denken zu genügen hat, wie sie 
von der höheren Kultur gestellt werden." 

„Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie spät das 
schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache und Wir- 
kung entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft und Verstandes- 
funktionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven Formen des 
Schließens zurückgreifen, und wir ziemlich die Hälfte unseres Lebens 
in diesem Zustande leben." 

Wir haben oben bereits gesehen, daß Freud (unabhängig von 
Nietzsche) auf Grund der Traumanalyse zu einem ähnlichen Stand- 

l j Vgl. namentlich die grundlegende Untersuchung Freuds, Analyse 
der Phobie eines 5jährigen Knaben. Dieses Jahrbuch Bd. I, S. 1 ff. Sowie meine 
Arbeit: Konflikte der kindlichen Seele. Dieses Jahrbuch Bd. II, S. 33 ff. 





26 

punkt gelangt ist. Der Schritt von dieser Feststellung zur Auffassung 
s der Mythen als traumähnlichen Gebilden ist nicht mehr groß: Freud 
(Sa mml ung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, Bd. II, S. 205) hat 
diesen Schluß selber formuliert: „Die Untersuchung dieser völker- 
psychologischen Bildungen (Mythen usw.) ist nun keineswegs abge- 
schlossen, aber es ist z. B. von den Mythen durchaus wahrscheinlich, 
daß sie den entstellten Überresten von Wunschphantasien ganzer 
Nationen, den Säkularträumen der jungen Menschheit ent- 
sprechen." In ähnlicher Weise faßt auch Rank (Der Künstler, Ansätze 
zu einer Sexualpsychologie, 1907, S. 36) den Mythus als einen Masse n- 
tra u m des Volkes auf. (Vgl. ebenso Ranks spätere Schrift : Der Mythus 
von der Geburt des Helden, 1909. ) R i k 1 i u hat den Traummechanismus 
der Märchen gebührend hervorgehoben (Wunscherfüllung und Sym- 
bolik im Märchen, 1908). Dasselbe hat Abraham für den Mythus 
getan (Traum und Mythus, 1909). Er sagt S. 36: „Der Mythus ist ein 
Stück überwundenen inf antuen Seelenlebens des Volkes", und S. 71: 
: „So ist der Mythus ein erhalten gebliebenes Stück aus 
dem infantilen Seelenleben des Volkes und der Traum der 
Mythus des Individuums." Eine vorurteilslose Lektüre der oben 
genannten Autoren ist geeignet, alle Zweifel über die innige Zusammen- 
gehörigkeit von Traum- und Mythenpsychologie zu beheben. Der 
Schluß, daß die Zeit, welche die Mythen schuf, kindlich, d. h. phan- 
tastisch gedacht hat, wie es bei uns jetzt noch der Traum in stärkstem 
Maße tut (assoziativ oder analogisch), ergibt sich beinahe von selbst. 
Die Ansätze zur Mythenbildung beim Kinde, das Fürrealsetzen von 
Phantasien, die zum Teil an Historisches anklingen, lassen sich un- 
schwer bei Kindern entdeckenW^ 

Man wird den Einwand erheben, daß die mythologischen Nei- 
gungen der Kinder durch die Erziehung eingepflanzt \würden. Der 
Einwand ist müßig. Sind die Menschen überhaupt je vom Mythus ganz 
losgekommen? Jeder Mensch hatte die Augen und alle seine Sinne, 
um zu merken, daß die Welt tot, kalt und unendlich ist, und noch 
nie hat er einen Gott gesehen oder dessen Existenz aus empirischer 
Nötigung gefordert. Es bedurfte im Gegenteile eines unverwüstlichen 
und allem Wirkliehkeitssinn abholden phantastischen Optimismus, um 
z. B. im schmachvollen Tode Christi eben gerade das höchste Heil 
und die Erlösung der. Welt zu erblicken. So kann man einem Kinde 
wohl die Inhalte früherer Mythen vorenthalten, nicht aber ihm das 
Bedürfnis der Mythologie wegnehmen. Man kann sagen, wenn es gelänge, 



— » 



27 

alle Tradition in der Welt mit einem Male abzuschneiden, so würde mit 
der nächsten Generation die ganze Mythologie und Religionsgeschichte 
wieder von vorne beginnen. Es gelingt nur wenig Individuen, die 
Mythologie in der Epoche eines gewissen intellektuellen Übermutes 
abzustreifen, die Masse befreit sich nie. Es nutzt alle Aufklärung 
nichts, sie zerstört bloß eine vorübergehende Manifestationsform 
nicht aber den schaffenden Trieb. 

Nehmen wir unseren früheren Gedankengang wieder auf! 
"'-'Wir sprachen von der ontogenetischen Wiederholung der phylo- 
genetischen Psychologie im Kinde. Wir sahen, daß das phantastische 
Denken eine Eigentümlichkeit der Antike, des Kindes und der niedrig- 
stehenden Menschenrassen ist. Wir wissen nun aber auch, daß dieses 
gleiche phantastische Denken bei uns modernen und erwachsenen 
Menschen einen breiten Raum beansprucht und eintritt, sobald das 
gerichtete Denken aufhört Eine Erschlaffung des Interesses, eine 
leichte Ermüdung genügt, um das gerichtete Denken, die exakte 
psychologische Anpassung ...u die reale Welt, aufzuheben und durch 
Phantasien zu ersetzen. Wir schweifen vom Thema ab und hängen 
eigenen Gedankengängen nach; wird die Entspannung der Aufmerk- 
samkeit stärker, so verlieren wir allmählich das Bewußtsein der Gegen- 
wart und die Phantasie nimmt überhand.»-; 

Hier drängt sich die wichtige Frage auf: Wie sind die Phantasien "^f 
beschaffen? Von den Poeten wissen wir darüber viel, von der Wissen- 
schaft aber wenig. Erst die von Freud der Wissenschaft geschenkte 
psychoanalytische Methode schaffte hierüber Licht. Sie zeigte uns, 
daß es typische Zyklen gibt. Der Stotterer phantasiert sich als großen 
Redner, was Demosthenes dank seiner gewaltigen Energie zur Wahr- 
heit gemacht hat, der Arme phantasiert sich als Millionär, das Kind als 
erwachsen. Der Unterdrückte ficht siegreiche Kämpfe mit dem Unter- 
drücker aus, der Untaugliche quält oder ergötzt sich mit Ehrgeizplänen. 
Man phantasiert das, was einem fehlt. Die interessante Frage nach denT 
„Wozu" lassen wir auch hier unbeantwortet 1 ). Wir wenden uns wiederum" 
dem historischen Problem zu: Woher beziehen die Phantasien 
ihren Stoff? Wir wählen als Beispiel eine typische Pubertäts- 
phantasie: Ein solches Kind, vor dem die ganze bange Unsicherheit 
des zukünftigen Schicksals steht, verlegt in seiner Phantasie die Un- 
sicherheit in die Vergangenheit und sagt: Wenn ich jetzt nicht das 



x ) Vgl. dazu Konflikte der kindlichen Seele, S. 6, Fußnote. 



/" 



28 

Kind meiner gewöhnlichen Eltern wäre, sondern dasjenige eines vor- 
nehmen und reichen Grafen, das den Eltern bloß untergeschoben wäre, 
dann käme wohl eines Tages eine goldene Kutsche und der Herr Graf 

würde sein Kind mitnehmen in sein wunderschönes Schloß 

und so ginge es weiter wie in einem Märchen von Grimm, das den 
Kindern von der Mutter erzählt wird 1 ). Beim normalen Kinde bleibt 
es bei der flüchtig vorüberhuschenden Idee, die bald verweht und 
vergessen ist. Einmal aber, und das war in der antiken Kulturwelt, 
war die Phantasie eine öffentlich anerkannte Institution. Die Heroen — 
ich erinnere an Romulus und Remus, Moses, Semiramis und viele 
andere — sind den wirklichen Eltern abhanden gekommen 2 ). Andere 
sind direkt die Söhne der Götter, und die edlen Geschlechter leiten 
ihren Stammbaum von Heroen und Göttern her. Wie dieses Beispiel 
zeigt, ist die Phantasie der modernen Menschen nichts als eine Wieder- 
holung eines alten Volksglaubens, der ursprünglich weiteste Verbreitung 
hatte 3 ). Die ehrgeizige Phantasie wählt also unter anderem eine Form, 
die klassisch ist und einmal wirkliche Geltung hatte. Ganz dasselbe 
gilt von der sexuellen Phantasie. Wir haben eingangs Träume von 
sexueller Gewalttat erwähnt: Der Räuber, der in ein Haus einbricht 
und eine gefährliche Tat begeht. Auch das ist ein mythologisches Thema 
und war in der Prähistorie gewiß auch Wirklichkeit 4 ). Ganz abge- 
sehen von der Tatsache, daß Weiberraub etwas Gewöhnliches war in 
den rechtlosen prähistorischen Zeiten, wurde er auch Gegenstand der 
Mythologie in kultivierten Epochen. Ich erinnere an den Raub der 
Proserpina, Deianira, Europa, der Sabinerinnen usw. Nicht zu ver- 
gessen ist, daß heute noch Hochzeitsgebräuche in verschiedenen Ge- 
genden existieren, die an den alten Raub erinnern. 



J ) Vgl. hierzu Abraham: Traum und Mythus, S. 40 f. Der Zukunftswunsch 
wird als in der Vergangenheit schon erfüllt hingestellt. Später wird die Kindheits- 
phantasie regressiv wieder aufgenommen, um die Enttäuschungen des aktuellen 
Lebens zu kompensieren. 

2 ) Rank: Mythus von der Geburt des Helden. 

3 ) Damit soll natürlich nicht gesagt sein: Weil die Antike diese Institution 
hatte, kehrt dasselbe in unserer Phantasie wieder; sondern vielmehr: im Altertum 
war es möglich, daß die stets und überall vorhandene Phantasie zur Institution 
werden konnte, was eben auf die eigenartige Geistesbeschaffenheit der Antike 
schließen läßt. 

*) „Die Dioskuren vermählen sich mit ihnen (den Leukippiden) immer 
durch Raub, was im Sinne des höheren Altertums zu den notwendigen Gebräuchen 
einer Hochzeit gehörte." (Preller: Griechische Mythologie 1854, Bd. II, S. 68.) 



29 

Die Symbolik des Instrumentes des Koitus war ein unerschöpf- 
licher Stoff für die antike Phantasie. Es gab weitverbreitete Kulte, 
die man als phallische bezeichnet, und deren Verehrungsgegenstand 
eben der Phallus war. Der Gefährte des Dionysos war Phales, eine 
aus der phallischen Herme des Dionysos hervorgegangene Personi- 
fikation des Phallus. Der phallischen Symbole waren unzählige. Bei 
den Sabinern bestand der Brauch, daß der Bräutigam seiner Braut mit 
der Lanze das Haar scheitelte. Der Vogel, der Fisch und die Schlange 
waren phallische Symbole. Außerdem existierten massenhaft therio- 
morphe Darstellungen des Geschlechtstriebes, wobei der Stier, der 
Bock, der Widder, der Eber und der Esel beliebte Vertreter waren. 
Eine Unterströmung zu dieser Symbolwahl lieferte die sodomitische 
Neigung der Menschen. Wenn in der Traumphantasie des modernen 
Menschen der gefürchtete Mann durch ein Tier ersetzt wird, so ge- 
schieht in der ontogenetischen Wiederholung dasselbe, was die Alten 
unzählige Male öffentlich darstellten, Böcke, die Nymphen verfolgen, 
Satyren mit Ziegen, in noch älterer Zeit bestanden in Ägypten sogar 
Heiligtümer eines Ziegengottes, den die Griechen Pan nannten, wo 
die Hierodulen sich mit Ziegenböcken prostituierten 1 ). Bekanntlich 
ist dieser Kultus nicht ausgestorben, sondern lebt als besondere Eigen- 
tümlichkeit in Süditalien und Griechenland weiter 2 ). 

Wir fühlen heute für dergleichen Dinge nichts als tiefste Abscheu 
und würden nie zugeben, daß solches noch irgendwo in unserer Seele 
schlummerte. So gut wie der Gedanke der sexuellen Gewalttat liegen 
auch diese Dinge, die wir nicht durch die .moralische Brille mit Ab- 
scheu, sondern mit naturwissenschaftlichem Interesse als ehrwürdige 
Relikte vergangener Kulturperioden betrachten wollen, noch nahe. 
Wir haben ja noch einen Artikel in unseren Strafgesetzbüchern gegen 
die Sodomie. Was aber einst so stark war, daß ein Kultus bei einem 
hochentwickelten Volke daraus entstehen konnte, das wird im Laufe 
weniger Generationen nicht gänzlich aus der menschlichen Seele ver- 
schwunden sein. Wir dürfen nie vergessen, daß seit dem Symposion 
des Pia ton, wo uns die Homosexualität auf gleichem Niveau mit 
der sogenannten normalen Sexualität entgegentritt, etwa 80 Gene- 
rationen vergangen sind. Und was sind 80 Generationen? Sie 
schrumpfen auf eine unmerkliche Zeitspanne zusammen, wenn wir 

i) S. Creuzer: Symbolik und Mythologie, 1811, Bd. in, S. 246 ff. 
2 ) Vgl. auch die sodomitischen Phantasien in den Metamorphosen des 
A pule jus. In Herculanum z. B. wurden entsprechende Skulpturen gefunden. 



30 

sie dem Zeiträume vergleichen, der uns vom homo Neandertalensis 
oder Heidelbergensis trennt. Ich möchte an ein treffliches Wort des 
großen Historikers Guglielmo Ferrero 1 ) erinnern: 

„H est tres commun de croire que plus l'homme s'eloigne dans 
le lointain du temps, plus ü est cense etre different de nqus par ses 
idees et ses sentiments; que la psychologie de 1'humanite ohange de 
siecle en siecle comme la mode ou la litterature. Aussi ä peine trouve-t-on 
dans l'histoire iln peu ancienne une Institution, un usage, une loi, 
une croyance un peu differentes de Celles que nous voyons chaque 
jour, que Ton va chercher toutes sortes d'explications compliquees 
les quelles, le plus souvent, se reduisent ä des phrases dont la signi- 
fication n'est pas tres-precise. Or Thomme ne change pas si vite; sa 
psychologie reste au fond la meme; et si sa culture varie beaucoup 
d'une epoque ä l'autre, ce n'est pas encore cela qui changera le fonc- 
tionnement de son esprit. Les lois fundamentales de Tesprit restent 
les memes, au moins pour les periodes historiques si courtes, dont 
nous avons connaissance ; et presque tous les phenomenes, meme les 
plus etranges, doivent pouvoir s'expliquer par ces lois communes de 
l'esprit que nous pouvons constater en nous-memes." 

Dieser Ansicht muß sich der Psychologe unbedingt anschließen. 
Heutzutage sind ja in unserer Zivilisation die phallischen Umzüge, 
die dionysischen Phallagogien des klassischen Athen, die offenkundig 
phallischen Embleme von unseren Münzen, Häusern, Tempeln und 
Straßen verschwunden, ebenso sind die theriomorphen Darstellungen 
der Gottheit bis auf gewisse Reste, wie die Taube des Heiligen Geistes, 
das Lamm Gottes und den unsere Kirchtürme zierenden Hahn des 
Petrus, reduziert, auch Weiberraub und Vergewaltigung sind bis auf 
die Verbrechen eingeschränkt, aber dies alles hindert nicht, daß wir 
in der Kindheit eine Epoche durchlaufen, wo die Ansätze zu diesen 
archaischen Neigungen wieder hervortreten, und daß wir das ganze 
Leben hindurch neben dem neuerworbenen, gerichteten und angepaßten 
Denken ein phantastisches Denken besitzen, das dem Denken der 
Antike und der barbarischen Zeitalter entspricht, wie unser Körper 
in vielen altertümlichen Organen noch die Relikte alter Funktionen 
d Zustände bewahrt, so unser Geist, der zwar jenen archaischen 
iebrichtungen anscheinend entwachsen, doch aber immer noch die 
erkmale der durchlaufenen Entwicklung trägt und, wenigstens in 
Fantasien das Uralte träumend wiederholt, t 

J ) Ferrero: Les lois psychologiques du symbobeme. 




31 



Von diesem Standpunkte aus betrachtet, enthüllt sich die Sym- 
bolik, die Freud entdeckt hat, als ein auf Traum, Fehlhandlung und 
Geistesstörung eingeschränkter Ausdruck eines Denkens und einer Trieb- 
betätigung, die einmal als mächtigste Einflüsse vergangene Kultur- 
epochen beherrscht haben. 

Die Frage, woher Neigung und Fähigkeit des Geistes komme, 
sich symbolisch auszudrücken, führte zu der Unterscheidung zweierlei 
Denkens, des gerichteten und angepaßten und des subjektiven, nur 
aus egoistischen Wünschen gespeisten Denkens. Die letztere Denkform, 
vorausgesetzt, daß sie nicht beständig durch das angepaßte Denken 
korrigiert wird, muß notwendigerweise ein überwiegend subjektiv 
entstelltes Weltbild erzeugen. Diesen Geisteszustand bezeichnen wir 
als infantil. Er liegt in unserer individuellen Vergangenheit und 
in der Vergangenheit der Menschheit. 

Damit konstatieren wir die wichtige Tatsache, daß der Mensch 
in seinem phantastischen Denken sich ein Verdichtungsprodukt seiner 
psychischen Entwicklungsgeschichte aufbewahrt hat. 

Es ist eine ungemein wichtige Aufgabe, die heutzutage noch 
kaum lösbar ist, eine systematische Beschreibung des phantastischen 
Denkens zu geben. Man darf höchstens skizzieren: Während das ge- 
richtete Denken ein durchaus bewußtes Phänomen ist 1 ), läßt sich das- 
selbe vom phantastischen Denken nicht behaupten. Zweifellos fällt 
ein großer Teil seiner Inhalte noch ganz in den Bereich des Bewußtseins, 
mindestens ebensoviel verläuft aber im Halbschatten und unbestimmt 
Vieles überhaupt im Unbewußten und ist daher nur mittelbar zu er- 
schließen 2 ). Durch das phantastische Denken geht die Verbindung des 
gerichteten Denkens mit den ältesten Fundamenten des menschlichen 
Geistes, die längst unter der Schwelle des Bewußtseins sind. Die das 
Bewußtsein direkt beschäftigenden Produkte des phantastischen 
Denkens sind zunächst die Wachträume oder Tagesphantasien, denen 
Freud, Flournoy, Pick u. a. besondere Aufmerksamkeit geschenkt 
haben, sodann die Träume, die aber dem Bewußtsein eine zunächst 
rätselhafte Außenseite bieten und erst durch die mittelbar erschlossenen 
unbewußten Inhalte Sinn gewinnen. Schließlich gibt es sozusagen 

*) Bis auf die Tatsache, daß die Inhalte schon in hoher Komplexität fertig 
ins Bewußtsein treten, worauf Wundt hinweist. 

2 ) Schelli ng: Philosophie der Mythologie. Werke, Bd. II. hält das „Vor- 
bewußte" für die schöpferische Quelle, ebenso H. Fichte (Psychologie I,.S. 508 ff.) 
die „vorbewußte Region" für die Ursprungsstätte wesentlicher Trauminhalte.. 







t 




&t 




32 

gänzlich unbewußte Phantasiesystenie im abgespaltenen Komplex, die 
eine ausgesprochene Tendenz zeigen zur Konstituierung einer Sonder- 
persönlichkeit 1 ). 

Unsere obigen Darlegungen zeigen, wie gerade die dem Unbe- 
wußten entstammenden Produkte Verwandtschaf t mit Mythischem haben.. 
Es läßt sich aus all diesen Anzeichen schließen, daß/die Seele gewisser- 
maßen eine h»tOTische_ScJücitung-besitzt, wobei die ältesten Schichten 
dem Unbewußten entsprechen würden. Es müßte daher gefolgert 
werden, daß eine im späteren Leben erfolgte Introversion (nach der 
Freudschen Lehre) regressiv infantile Reminiszenzen (aus der indi- 
viduellen Vergangenheit) aufgreift, daran zunächst spurweise, bei 
stärkerer Introversion und Regression (starke Verdrängungen, Intro- 
versionspsychose) jedoch ausgesprochene Züge archaischer 
Geistesartung auftreten, die unter Umständen bis zur 
Wiederbelebung einmal manifest gewesener archaischer 
Geistesprodukte gehen könnte. 

Dieses Problem verdient eine weitere Diskussion. Nehmen wir 
als konkretes Beispiel die Geschichte des frommen Abbe egg er, die 
uns Anatole France 2 ) übermittelt. Dieser Priester war ein Grübler 
und phantasierte viel, besonders über eine Frage, nämlich über das 
Schicksal des Judas, ob er tatsächlich, wie die Lehre der Kirche 
behauptet, zur ewigen Höllenstrafe verdammt sei, oder ob Gott ihn 
doch begnadigt habe. Oegger fußte auf der verständlichen Überlegung 
daß Gott in seiner Allweisheit den Judas als Instrument auserkoren 
hatte, um den Höhepunkt des Erlösungswerkes Christi herbeizuführen 3 ). 
Dieses notwendige Instrument, ohne dessen Hilfe die Menschheit gar 
nicht des Heues teilhaftig geworden wäre, konnte unmöglich von dem 
allgütigen Gott auf ewig verdammt sein. Um seinen Zweifeln ein Ende 
zu machen, begab sich Oegger einmal des Nachts in die Kirche und 
erflehte ein Zeichen, daß Judas dooh erlöst sei. Da fühlte er eine himm- 
lische Berührung an der Schulter. Andern Tages teilte Oegger dem 

1 ) Vgl. darüber Flournoy: Des Indes a la planete Mars. 

Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene. — 
Derselbe: Über die Psychologie der Dementia praecox. — Treffliche Belege auch 
bei Schreber: Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Mutze, Leipzig. 

2 ) Jardin d'fipicure. 

3 ) Der Figur des Judas kommt eine hohe psychologische Bedeutung 
als priesterlichem Opferer des Gotteslammes zu, der sich dadurch auch gleich- 
zeitig selber opfert (Selbstmord). Vgl. II. Teil dieser Arbeit. 



33 

Erzbischofe seinen Entschluß mit, daß er in die Welt ziehen wolle, 
um das Evangelium der unendlichen Barmherzigkeit Gottes zu 
predigen. 

Hier haben wir ein reich entwickeltes Phantasiesystem vor uns. 
Es handelt sich um die spitzfindige und ewig unentschiedene Frage, 
ob die legendäre Figur des Judas verdammt sei oder nicht. Die Judas- 
legende an sich ist mythischer Stoff, nämlich der heimtückische Verrat 
am Helden; ich erinnere an Siegfried und Hagen, Balder und Loki; 
Siegfried und Balder werden gemordet durch einen treulosen Verräter 
in der nächsten Umgebung. Dieser Mythus ist rührend und tragisch; 
daß nicht ehrlicher Kampf den Edlen fällt, sondern schlimmer Verrat, 
zugleich ist es ein Ereignis, das vielfach historisch war, man denke 
an Caesar und Brutus. Daß der Mythus solcher Tat uralt und noch 
immer Gegenstand des Lehrens und der Wiedererzählung ist, das ist 
der Ausdruck der psychologischen Tatsache, daß der Neid den Menschen 
nicht schlafen läßt und daß wir alle in einer verborgenen Falte des 
Herzens dem Helden einen Todeswunsch entgegenbringen. Diese Regel 
will überhaupt auf die mythische Tradition angewendet sein; es 
pflanzen sich nicht beliebige Berichte alter Ereignisse 
fort, sondern bloß Solches, das einen allgemeinen und 
immer aufs neue sich wieder verjüngenden Gedanken der 
Menschheit ausspricht. So sind z. B. Leben und Taten alter 
Religionsstifter die reinsten Verdichtungen typischer zeitgenössischer 
Mythen, hinter denen die Individualfigur gänzlich verschwindet 1 ). 

l ) Vgl. dazu die von der Verblendung unserer Zeit so heftig bekämpfton 
Ausführungen von Drews (Die Chriatusmythe). Einsichtige Theologen, wie Kalt- 
hoff (Entstehung des Christentums, 1904), beurteilen aber die Sache ebenso kühl 
wie Drews. Kalthoff (1. o., S. 8) sagt: „Die Quellen, welche von dem Ursprung 
des Christentums Kunde geben, sind derart, daß es bei dem heutigen Stande der 
Geschichtsforschung keinem Historiker mehr einfallen würde, auf Grund der- 
selben den Versuch zur Abfassung der Biographie eines historischen Jesus zu unter- 
nehmen." 1. c, S. 10: „Hinter diesen Erzählungen der Evangelien das Leben eines 
natürlichen, historischen Menschen zu sehen, würde heute ohne die Nachwirkungen 
der rationalistischen Theologie keinem Menschen mehr einfallen." 1. c, S. 9: „Das 
Göttliche ist in Christus stets und überall mit dem Menschlichen innerlich eins 
zu denken; von dem kirchlichen Gottmenschen führt eine gerade Linie rückwärts 
durch die Episteln und Evangelien des Neuen Testamentes bis zur Danielapokalypse 
in der die kirchliche Ausprägung des Christusbildes ihren Anfang genommen hat. 
Aber auf jedem einzelnen Punkte dieser Linie trägt der Christus auch übermensch- 
liche Züge, nie und nirgends ist er da*, was die kritische Theologie aus ihm hat 
machen wollen: ein bloßer natürlicher Mensch, ein historisches Individuum." 

Jung, Libido. 




34 



Warum aber quält sieb, unser frommer Abbe mit der alten Judas- 
legende? 

Er ging also in die Welt, um das Evangelium der Barmherzigkeit 
zu predigen. Nach einiger Zeit trat er aus der katholischen Kirche 
aus und wurde Swedenborgianer. Nun verstehen wir .seine 
Judas phantasie : er war der Judas, der seinen Herrn verriet; deshalb 
mußte er sich vorerst der göttlichen Barmherzigkeit versichern, um 
ruhig Judas sein zu können. 

Dieser Fall wirft ein Licht auf den Mechanismus der Phantasien 
überhaupt. Die bewußte Phantasie kann von mythischem oder 
anderem Stoffe sein, sie ist als solche nicht ernst zu nehmen, denn sie 
ist von indirekter Bedeutung. Nehmen wir sie doch als per se wichtig 
so wird die Sache unverständlich, und man muß an der Zweckmäßigkeit 
des Geistes verzweifeln. Wir sahen aber im Falle des Abbe Oegger, 
daß seine Zweifel und Hoffnungen sich nicht um die historische Person 
des Judas drehen, sondern um seine eigene Person, die sich durch die 
Lösung des Judasproblems den Weg in die Freiheit bahnen will. 

rDie bewußten Phantasien erzählen uns also an einem 
mythischen oder sonstigen Stoffe von noch nicht oder nicht 
mehr anerkannten Wunschtendenzen in der Seele. Wie 
leicht verständlich, kann eine seelische Tendenz, der man die Aner- 
kennung versagt und die man als nicht existierend behandelt, kaum 
etwas enthalten, was zu unserem bewußten Charakter gut paßte. Es 
handelt sich um Tendenzen, die man als unmoralisch und überhaupt 
als unmöglich bezeichnet und gegen deren Bewußtmachung man den 
stärksten Widerstand empfindet. Was hätte wohl Oegger gesagt, wenn 
man ihm vertraulich mitgeteilt hätte, daß er sich selber für die Judas- 
rolle präpariere? Was aber bezeichnen wir in uns als unmoralisch 
und nicht existierend oder wünschen wenigstens, daß es nicht exi- 
stiere? Es ist das, was in der Antike breit an der Oberfläche lag, nämlich 
die Sexualität in ihren vielfachen Erscheinungsformen. Wir dürfen 
uns darum nicht im geringsten wundern, sie an der Basis der meisten 
unserer Phantasien zu finden, wenn schon die Phantasien ein anders- 
artiges Aussehen haben. Weil Oegger die Verdammung des Judas 
unverträglich mit der Güte Gottes fand, so dachte er über diesen Kon- 
flikt nach: Das ist die bewußte Kausalreihe. Nebenher geht die 
unbewußte Eeihe: weil Oegger selber Judas werden wollte, ver- 
sicherte er sich vorerst der Güte Gottes. Judas wurde für Oegg er 
zum Symbol seiner eigenen unbewußten Tendenz, und er brauchte 















35 

dieses Symbol, um über seinen unbewußten Wunsch nachdenken zu 
können; das direkte Bewußtwerden des Judas Wunsches wäre ihm wohl 
zu schmerzlich gewesen. So muß es wohl typische Mythen 
geben, die recht eigentlich die Instrumente sind zur völker- 
psychologischen Komplexbearbeitung. Jakob Burckhardt 
scheint dies geahnt zu haben, als er einmal sagte, daß jeder Grieche 
der klassischen Zeit ein Stück Oedipus in sich trug, wie jeder Deutsche 
ein Stück Faust 1 ). 

Die Probleme, die uns die einfache Erzählung des Abbe Oegger 
vor Augen geführt hat, begegnen uns wieder, wenn wir uns anschicken, 
Phantasien zu untersuchen, die diesmal ihre Existenz einer ausschließlich 
unbewußten Arbeit verdanken. Wir verdanken das Material, dessen 
wir uns in den folgenden Kapiteln bedienen werden, der verdienst- 
vollen Publikation einer amerikanischen Dame, Miß Frank Miller 
die unter dem Titel: „Quelques faits d'imagination creatriee subcons- 
ciente" einige unbewußt dichterisch geformte Phantasien im V. Bande 
der Archives de Psychologie (1906) der Öffentlichkeit zugänglich 
gemacht hat 2 ). 

x ) Vgl. J. Burckhardts Briefe an Albert Brenner (herausgegeben von 
Hans Brenner im Basler Jahrbuch, 1901). „Für die Spezialerklärung des Faust 
habe ich in Kisten und Kasten gar nichts vorrätig. Auch sind Sie ja bestens ver- 
sehen mit Kommentatoren aller Art. Hören Sie: Tragen Sie augenblicklich diesen 
ganzen Trödel wieder auf die Lesegesellschaft, von wannen er gekommen ist - 
Was ihnen am Faust zu finden bestimmt ist, das werden Sie von Ahnungswegen 
finden müssen. - Faust ist nämlich ein echter und gerechter Mythus, d. h. ein 
großes urtümliches Bild, in welchem jeder sein Wesen und Schicksal auf seine 
Weise wieder zu ahnen hat. Erlauben Sie mir eine Vergleichung: Was hätten wohl 
die alten Griechen gesagt, wenn zwischen sie und die Ödipussage rieh ein Kommen- 
tator hingepflanzt hätte? Zu der Ödipussage lag in jedem Griechen eine Ödipusfiber 
welche unmittelbar berührt zu werden und auf ihre Weise nachzuzittem verlangte. 
Und so ist es mit der deutschen Nation und dem Faust." 

2 ) Ich darf es nicht verschweigen, daß ich eine Zeitlang mit mir im Zweifel 
war, ob ich es wagen dürfe, das persönlich Intime, welches die Autorin in einer 
gewissen Selbstlosigkeit wissenschaftlichen Interesses der Öffentlichkeit preis- 
gegeben hat, analytisch zu entschleiern. Aber ich sagte mir, daß die Verfasserin 
ein tiefer gehendes Verständnis ebenso ertragen müsse, wie die Einwendungen der 
Kritik. Man hat ja immer etwas zu riskieren, wenn man sich der Öffentlichkeit 
aussetzt. Mein totaler Mangel an persönlicher Beziehung zu Miß Miller erlaubt mir 
eine freie Sprache, zugleich enthebt er mich aller, die Schlußfolgerung beein- 
trächtigenden Rücksichtnahme, die man einer Dame schuldig wäre. Die Person 
der Autorin ist mir daher ebenso schattenhaft wie ihre Phantasien, und ich habe, 
wie einst Odysseus, mich bemüht, diesen Schatten nur soviel Blut trinken zu lassen, 
. . 3* 



36 



: 



in. 

Vorbereitende Materialien zur Analyse 
der Miller'schen Phantasien. 

Wir wissen aus mannigfacher psychoanalytischer Erfahrung, daß, 
wenn jemand eigene Phantasien oder seine Träume erzählt, es sich 
dabei immer nicht nur um ein dringendes, sondern um das momentan 
peinlichste seiner intimen Probleme handelt 1 ). 

Da 'wir es bei Miß Miller mit einem komplizierten System zu tun 
haben, müssen wir uns sorgfältig auch mit Einzelheiten beschäftigen, 
die ich, am besten der Darstellung Millers folgend, abhandle. 

Im ersten Kapitel: Phenomenes de Suggestion passagere ou 



um ihn sprechen zu machen, damit er uns einige Geheimnisse der Unterwelt verrate. 
Nicht etwa, daß ich mich freute, fremde Intimitäten auszukramen, um den Er- 
ratenen damit an den Pranger zu stellen, sondern weil ich sein individuelles 
Geheimnis als ein allgemeingültiges zeigen möchte, darum habe ich die 
Aufgabe dieser Analyse übernommen, für die mir die Verfasserin vielleicht wenig 
Dank weiß. 

l ) Ein schönes Beispiel findet sich bei C. A. Bemoulli: Franz verbeck 
und Friedrich Nietzsche. Eine Freundschaft, 1908 (Bd. I, S. 72). B. schildert 
Nietzsches Benehmen in der Basler Gesellschaft: „Einmal erzählte er seiner 
Tischdame: ,Mir hat kürzlich geträumt, meine Hand, die vor mir auf dem Tische 
lag, bekam plötzlich eine gläserne durchsichtige Haut; ich sah deutlich in ihr 
Gebein, in ihr Gewebe, in ihr Muskelspiel hinein. Mit einem Male sah ich eine 
dicke Kröte auf meiner Hand sitzen und verspürte zugleich den unwiderstehlichen 
Zwang, das Tier zu verschlucken. Ich überwand meinen entsetzlichen Widerwillen 
und würgte sie hinunter.' Die junge Frau lachte. ,Und darüber lachen SieT' 
fragte Nietzsche mit furchtbarem Ernst und hielt seine tiefen Augen halb fragend 
halb traurig auf seine Nachbarin gerichtet. Da ahnte diese, wenn sie es auch 
nicht ganz begriff, es habe hier ein Orakel im Gleichnismunde zu ihr gesprochen 
und Nietzsche ihr durch eine schmale Spalte den Blick in den dunkeln Abgrund 
seines Innern aufgetan." S. 166 fügt B. folgende Notiz an: „Man kam vielleicht 
auch dahinter, daß die tadellose Exaktheit in seiner Kleidung weniger auf ein harm- 
loses Wohlgefallen an sich selbst zurückzuführen sei, als daß darin sich eine aus 
einem geheimen, quälenden Ekel entspringende Befleckungsfurcht äußere." 

Nietzsche ist bekanntlich sehr jung nach Basel gekommen. Er befand 
sich -damals gerade in einem Alter, wo andere junge Leute ans Heiraten denken. 
Er saß neben einer jungen Frau und erzählte ihr, daß mit seinem durchsichtigen 
Gliede etwas Schreckliches und Ekelhaftes passiert sei, das er auch ganz in seinen 
Körper habe aufnehmen müssen. Man weiß, welche Krankheit Nietzsches 
Leben ein vorzeitiges Ende bereitet hat. Eben gerade das hatte er seiner Dam e 
mitzuteilen. Ihr Lachen war wirklich ungereimt. 



37 

d'autosuggestion instantanee, gibt Miß Miller eine Reihe von Bei- 
spielen für ihre ungewöhnliche Suggestibilität, die sie selber als ein 
Symptom ihres nervösen Temperamentes betrachtet. Z. B. liebt sie 
leidenschaftlich Kaviar, während einige ihrer Angehörigen sich davor 
ekeln. Sobald jemand seinen Abscheu ausdrückt, so fühlt sie für einige 
Augenblicke ebenso den gleichen Ekel. Ich brauche wohl nicht be- 
sonders hervorzuheben, daß solche Beispiele individualpsychologisch 
immer recht wichtig sind. Daß Kaviar etwas ist, wozu nervöse Frauen 
leicht ein besonderes Verhältnis haben, ist dem Psychoanalytiker bekannt. 

Miß Miller hat eine außergewöhnliche Fähigkeit der Einfühlung 
und Identifikation. Z. B. identifizierte sie sich im „Cyrano" dermaßen 
mit dem verwundeten Christian de Neuvillette, daß sie in 
ihrer eigenen Brust einen wirklichen durchdringenden Schmerz fühlte, 
genau an der Stelle, wo Christian den tödlichen Schuß erhielt. ^V 

Man könnte das Theater vom psychoanalytischen Standpunkte 
aus unästhetischerweise als eine Anstalt für öffentliche Komplex- 
bearbeitung bezeichnen. Der Genuß des Lustspieles oder der sich in 
Wonne auflösenden dramatischen Verwicklung geschieht auf dem 
Wege rückhaltloser Identifikation eigener Komplexe mit dem Spiele, f, 
der Genuß der Tragödie in dem schauerlich- wohltätigen Gefühl, daß 
es dem andern passiert, was einem selber drohte. Das Mitempfinden 
unserer Autorin mit dem sterbenden Christian will heißen, daß in ihr 
ein Komplex einer ähnlichen Lösung harrt, und leise ein „hodie tibi 
cras mihi" mitflüstert. Und damit man wisse, welches, genau bezeichnet, 
der wirksame Augenblick ist, fügt Miß Miller an, daß sie den Schmerz 
in der Brust fühle „lorsque Sarah Bernhardt se precipite sur lui pour 
etancher le sang de sa blessure", also der wirksame Augenblick ist der, 
wo die Liebe zwischen Christian und Roxane ein jähes Ende findet. 
Überblicken wir das ganze Stück Ro Stands, so fallen un£ gewisse 
Stellen auf, deren Wirkung man sich nicht leicht entziehen kann, und 
die wir hier hervorheben wollen, weil sie für alles Spätere von Bedeutung 
sind. Cyrano de Bergerac mit der langen häßlichen Nase, derentwegen 
er zahlreiche Duelle besteht, liebt Roxane, die ihrerseits ahnungslos 
Christian liebt, um der schönen Verse willen, die aus Cyranos Feder 
stammen, aber scheinbar von Christian kommen. Cyrano ist der Un- 
verstandene, dessen heiße Liebe und edle Seele niemand ahnt, der Held, 
der sich anderen opfert; und sterbend, erst am Abend des Lebens, 
liest er ihr nochmals den letzten Brief Christians vor, dessen Verse 
er aber selber verfaßt hatte: 



38 

„Roxane, adieu, je vais mourir; 

C'est pour ce soir, je crois, ma bien-aimee! 

J'ai l'äme bürde encore d'amour inexprim6 

Et je meurs! Jamais plus, jamais mes yeux grises, 

Mes regards dont c'etait les fremissantes fete3, 

Ne baiseront au vol les gestes que vous faites; 

J'en revois un petit qui vous est familier 

Pour toucher votre front et je voudrais crier — . 

Et je crie: 
Adieu! — Ma chere, ma cherie, 
Mon tresor — mon amour! 
Mon coeur ne vous quitta jamais une seconde, 
Et je suis et je serai jusque dans lautre monde 
Celui qui vous aime sans mesure, celui — " 

Worauf Roxane in ihm den wahren Geliebten erkennt. Es ist 
schon zu spät, der Tod kommt, und im agonalen Delir erhebt sich 
Cyrano, zieht den Degen: 

„Je crois qu'elle regarde .... 

Qu'elle ose regarder mon nez, la camarde! 

(II leve son epee.) 
Que dites-vous? .... C'est inutile? .... 

Je le sais! 
Mais on ne se bat pas dans l'espoir du succes! 
Non! Non! C'est bien plus beau, lorsque c'est inutile! 

— Qu'est-ce que c'est que tous ceux-lä? — Vous etes mille? 
Ah ! je vous reconnais, tous mes vieux ennemis ! 
Iie mensonge! 

(II frappe de son epee le vide.) 
Triens, tiens, ha! ha! les Compromis, 

Les Prejuges, les Lächetes! 

(II frappe.) 
Que je pactise? 
Jamais, jamais! — Ah, te voilä, toi, la Sottise! 

— Je sais bien qu'ä la fin vous me mettrez ä bas; 
N'importe: je me bats! je me bats, je me bats! 
Oui, vous m'arrachez tout, le laurier et la rose! 
Arrachez! Ilya malgre vous quelque chose 

Que j 'empörte, et ce soir, quahd j'entrerai chez Dieu, 
Mon salut balaiera largement le seuil bleu. 
Quelque chose que sans un pli, sans une tache, 
J'emporte malgre vous, et c'est — mon panache." 

Cyrano, der unter der häßlichen Hülle seines Körpers eine um so 
schönere Seele barg, ist ein Sehnsüchtiger und Unverstandener, und 
sein letzter Triumph ist, daß er wenigstens mit reinem Schüde scheidet — 



- 39 

sans un pli et sans une tache. Die Identifikation der Autorin mit dem 
sterbenden Christian, der an sich, eine wenig eindrucksvolle und sym- 
pathische Figur ist, spricht es aus, daß ihrer Liebe ein jähes Ende 
beschieden ist — so wie Christian. Das tragische Intermezzo mit Chri- 
stian spielt sich aber, wie wir gesehen haben, auf einem weit bedeu- 
tungsvolleren Hintergrund ab, nämlich der unverstandenen Liebe 
Cyranos zu Roxane. Es dürfte daher der Identifikation mit Christian 
nur die Bedeutung einer Deckerinnerung zukommen, die für Cyrano 
eingesetzt ist. Daß dem wahrscheinlich so sein dürfte, werden wir 
im weiteren Verlaufe unserer Analyse sehen. 

Diesem Beispiele der Identifikation mit Christian folgt als weiteres 
Beispiel eine ungemein plastische Erinnerung an das Meer beim An- 
blicke der Photographie eines Dampfers auf hoher See. („Je sentis 
les pulsations des machines, le soulevement des vagues, le balancement 
du navire.") 

Wir dürfen hier schon die Vermutung aussprechen, daß sich an 
die Seereisen besonders eindrucksvolle Erinnerungen knüpfen, die 
tief in die Seele eingegriffen haben und der Deckerinnerung durch' 
unbewußtes Mitklingen ein besonders kräftiges Relief verleihen. In- 
wiefern diese hier vermuteten Erinnerungen mit dem oben berührten 
Problem zusammenhängen könnten, werden wir unten sehen. 

Das nunmehr folgende Beispiel ist sonderbar: Einmal im Bade 
hatte sich Miß Miller die Haare mit einem Handtuch umwunden, 
um sie vor der Nässe zu schützen. Im gleichen Momente hatte sie 
folgenden starken Eindruck: „II me sembla que j'etais sur un piedestal, 
une veritable statue egyptienne, avec tous ses details : membres raides, 
un pied en avant, la main tenant des insignes" usw. Miß Miller iden- 
tifiziert sich also mit einer ägyptischen Statue, natürlich auf Grund 
eines subjektiven Anspruches. Das heißt doch: Ich bin wie eine ägyp- 
tische Statue, also ebenso steif, hölzern, erhaben und „impassible", 
wofür ja die ägyptische Statue sprichwörtlich ist. Eine solche Behaup- 
tung macht man sich ohne innere Nötigung nicht vor; die richtige 
Formel dürfte also wohl lauten: „so steif, hölzern usw. wie eine ägyp- 
tische Statue möchte ich wohl sein." Der Anblick des eigenen unbe- 
deckten Körpers im Bade pflegt für die Phantasie unweigerlich Folgen 
zu haben, die sich am besten durch obige Formel beschwichtigen 
lassen 1 ). 

x ) Ich könnte hierfür leicht eine ganze Reihe psychoanalytischer Erfahrungen 
anführen. 



40 

Das darauf folgende Beispiel hebt die persönliche Einwirkung der 
Autorin auf einen Künstler hervor: „J'ai reussi ä lui faire rendre des 
paysages, comme ceux du lac Leman, oü il n'a jamais ete, et il preten- 
dait »que je pouvais lui faire rendre des choses qu'il n'avait jamais 
vues, et lui donner la Sensation d'une athmosphere ambiante qu'il 
n'avait jamais sentie; bref que je me servais de lui comme lui-meme 
se servait de son crayon, c'est ä dire oomme d'un simple instrumenta ." 

Diese Beobachtung steht in schroffem Gegensatze zur Phantasie 
der ägyptischen Statue. Miß Miller hat das unausgesprochene Be- 
dürfnis, hier ihre beinahe magische Wirkung auf einen andern Menschen 
hervorzuheben. Auch dies dürfte nicht ohne innere Nötigung geschehen 
die namentlich der empfindet, dem eben eine gefühlsbetonte Einwirkung 
auf den Nebenmenschen öfter nicht gelingt. 

Damit ist die Reihe der Beispiele erschöpft, welche die Auto- 
suggestibilität und suggestive Wirkung von Miß Miller schildern 
sollen. In dieser Hinsicht sind die Beispiele allerdings weder besonders 
schlagend noch interessant, in analytischer Hinsicht dagegen schon 
viel wertvoller, da sie uns bereits einen Einblick in die Seele der Autorin 
gestatten. Ferenczi 1 ) hat uns in einer trefflichen Arbeit belehrt, 
was von Suggestibilität zu denken ist, daß nämlich diese Eigentümlich- 
keit im Lichte der Freudschen Libidotheorie neue Aspekte gewinne 
insofern, als ihre Wirkungen durch subjektive „Libidobesetzungen" 
erklärlich werden. Es wurde dies bereits oben bei der Besprechung 
der Beispiele angedeutet, am ausführlichsten anläßlich der Identifikation 
mit Christian: Die Identifikation wird dadurch wirksam, daß sie einen 
Energiezufluß erhält aus den stark gefühlsbetonten („besetzten") 
Hintergedanken des Christianmotivs. Umgekehrt ist die suggestive 
Wirkung der eigenen Person in einer besonderen Fähigkeit, Interesse 
(d. h. Libido) auf eine andere Person zu konzentrieren, wodurch der 
andere unbewußt zur Reaktion (gleichsinnig oder entgegengesetzt) 
gezwungen wird. Die Mehrzahl der Beispiele betreffen Fälle, wo Miß 
Miller Suggestivwirkungen unterlegen ist, d. h. wo sich bei ihr spontan 
die Libido gewisser Eindrücke bemächtigt hat, was unmöglich ist, 
wenn Libido in einem nicht ganz gewöhnlichen Maße duroh fehlende 
Anwendung auf die Wirklichkeit angestaut ist. Miß Millers Be- 
trachtungen über Autosuggestibilität belehren uns daher über die 
Tatsache, daß die Autorin sich anschickt, in ihren folgenden Phan- 
tasien einiges aus der Geschichte ihrer Liebe mitzuteilen. 

*) Ferenczi: Introjektion und Übertragung. Dieses Jahrbuch. Bd. I. 



41 



IV. 
Der Schöpferhymnus. 

Das zweite Kapitel in Miß Millers Arbeit ist überschrieben: 
Gloire ä Dieu. Poeme onirique. 

Im Alter von 20 Jahren machte Miß Miller (1898) eine größere 
Reise nach und in Europa. Wir lassen ihrer Schilderung das Wort: 

„Nach einer langen und rauhen Reise von New York nach 
Stockholm, von da nach Petersburg und Odessa, war es für mich eine 
wahre Wollust *) (une veritable volupte) die Welt der bewohnten 

Städte zu verlassen und in die Welt der Wellen, des 

Himmels und des Schweigens einzutreten . Ich blieb stunden- 
lang an Deck, um zu träumen, auf einem Liegestuhl ausgestreckt: 
Die Geschichten, Legenden und Mythen der verschiedenen Länder, die 
ich in der Ferne gesehen, kamen undeutlich zurück, in eine Art leuchten- 
den Nebels verschmolzen, in dem die Dinge ihre Realität verloren, 
während die Träume und Gedanken einzig den Anschein einer wirklichen 
Realität gewannen. In der ersten Zeit vermied ich sogar jede Gesell- 
schaft und hielt mich auf der Seite, ganz in meine Träumereien ver- 
loren, wo alles, was ich von Großem, Schönem und Gutem kannte, 
mir mit neuer Kraft und neuem Leben ins Bewußtsein zurückkam. 
Ich verwendete auch einen guten Teil meiner Zeit dazu, um meinen 
fernen Freunden zu schreiben, zu lesen und kleine Gedichte über die ge- 
schauten Orte zu skizzieren. Einige dieser Gedichte hatten einen 
eher ernsthaften Charakter." 

Es mag vielleicht überflüssig scheinen, auf alle diese Details 
näher einzutreten. Wenn wir uns aber an die oben gemachte Bemerkung 
erinnern, daß, wenn oie Menschen ihr Unbewußtes reden lassen, sie 
uns immer die wichtigsten Dinge ihrer Intimität sagen, so erscheint 
uns auch das Kleinste bedeutsam. Wertvolle Persönlichkeiten 
sagen uns durch ihr Unbewußtes auoh immer wertvolle Dinge, so 
daß sich geduldiges Interesse immer lohnt. 

Miß Miller schüdert in diesem Stück einen „Introversions- 
zustand" : Nachdem das Leben der Städte mit seinen vielen Ein- 
drücken ihr Interesse an sich gerissen hatte (mit jener bereits er- 



') Die Auswahl von Worten und Gleichnissen ist immer bedeutsam. Eine 
Psychologie des Reisens und der dabei mithelfenden unbewußten Kräfte wäre 
noch zu schreiben. 



42 

örterten Suggestivkraft, welche den Eindruck gewaltsam erzwingt), 
athmet sie auf dem Meer erleichtert auf und versinkt nach all der 
Äußerlichkeit ganz in Innerlichkeit mit absichtlicher Abspaltung der 
Umgebung, so daß die Dinge ihre Realität verlieren und die Träume 
zur Wirklichkeit werden. Wir wissen aus der Psychopathologie, daß 
es gewisse Geistesstörungen 1 ) gibt, welche dadurch eingeleitet werden, 
daß die Kranken langsam sich immer mehr von der Realität ab- 
schließen, in ihre Phantasie versinken, wobei in dem Maße, wie die 
Realität ihren Akzent verliert, die Innenwelt an Realität und deter- 
minierender Kraft zunimmt 2 ). Dieser Prozeß führt zu einem Höhe- 
punkt (der individuell verschieden ist), wo die Kranken plötzlich ihrer 
Abspaltung von der Wirklichkeit mehr oder weniger bewußt werden: 

x ) Diese Geistesstörung hatte bis jetzt die durchaus unglückliche Krae- 
pelinsche Bezeichnung: Dementia praecox. Es ist ein ganz besonderes Unglück 
für diese Krankheit, daß die Psychiater sie gefunden haben. Diesem Umstände 
ist ihre anscheinend schlechte Prognose zu verdanken, indem Dementia praecox 
soviel wie therapeutische Hoffnungslosigkeit bedeutet. Wie sähe die Hysterie aus, 
wenn man sie vom Standpunkte des Psychiaters beurteilen wollte ! Der Psychiater 
sieht naturgemäß in seiner Anstalt nur das Allerschlimmste und muß daher ein 
Pessimist sein, denn er ist therapeutisch gelähmt. Wie würde die Tuberkulose 
kläglich dastehen, wenn ein Arzt eines Asyls für Unheilbare ihre Klinik schreiben 
würde ! So wenig, wie die chronischen Hysterien, die in den Irrenanstalten langsam 
versimpeln, für die wirkliche Hysterie charakteristisch sind, so wenig ist es die 
Dementia praecox für ihre in der Praxis so häufigen Vorstufen, die Janet als 
Psychasthenie bezeichnet. Sie fallen unter die Bleulersche Definition der Schizo- 
phrenie, welcher Name allerdings eine psychologische Tatsache impliziert, die 
mit ähnlichen Tatbeständen bei Hysterie leicht verwechselt werden könnte. Für 
meinen Privatgebrauch, mit dem ich niemand beschweren will, habe ich den Ter- 
minus: Introversionsneurose, womit meines Erachtens das wichtigste Cha- 
rakteristikum der Krankheit gegeben ist, nämlich das Überwiegen der Intro- 
version gegenüber der Übertragung, welch letztere Hysterie kennzeichnet. 

In meiner „Psychologie der Dementia praecox" habe ich die Janetsche 
Psychasthenie nicht mit Dementia praecox zusammengebracht. Die seitherigen 
Erfahrungen, besonders der Umstand, daß ich mich in Paris später über den Psych- 
astheniebegriff belehren ließ, haben mir die Zugehörigkeit der Janetschen Gruppe 
zur Introversionsneurose (Schizophrenie Bleuler) dargetan. 

*) Vergl. die verwandten Auffassungen in meiner Schrift: Über die Psy- 
chologie der Dementia praecox. Halle, 1907 und Inhalt der Psychose. Deuticke, 
Wien, 1908. Ebenso Abraham: Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie 
und der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 
1908. Verfasser definiert in Anlehnung an Freud die charakteristische Tendenz 
der Dementia praecox als Autoerotismus, was, wie ich bemerke, eine der 
Folgen der Introversion bedeutet. 



43 

das Ereignis, das dann eintritt, ist die pathologische Aufregung, d. h. 
die Kranken fangen an, sich an die Umgebung zu wenden, allerdings 
mit krankhaften Absichten, die aber doch den (zwar mißlungenen) 
kompensierenden Übertragungsversuch darstellen 1 ). (Die Mittel der 
Darstellung sind natürlich äußerst verschieden, worauf ich hier nicht 
näher eintrete.) 

Dieser Typus scheint überhaupt eine psychologische Regel zu 
sein, die für alle Neurosen und daher in ganz abgeschwächtem Maße 
auch für die Normalen gilt. Wir können daher erwarten, daß Miß 
Miller nach dieser energischen und anhaltenden Introversion, die 
sogar das Realitätsgefühl zeitweise beeinträchtigte, von neuem einem 
Eindrucke der realen Welt unterliegen wird (und zwar einem ebenso 
energisch suggestiven Einfluß, wie dem ihrer Träumereien). Folgen 
wir der Erzählung weiter: 

„Aber als die Reise ihrem Ende sich nahte, überboten sich die 
Schiffsoffiziere an Liebenswürdigkeit (tout ce qu'il y a de plus ein- 
presse et de plus aimable) und ich brachte viele amüsante Stunden 
damit zu, ihnen Englisch zu lehren. An der Küste von Sizilien, im Hafen 
von Catania, schrieb ich ein Seemannslied, das übrigens einem auf 
See wohlbekannten Liede sehr sich annäherte („Brine, wine and 
damsels fine"). Die Italiener singen im allgemeinen alle gut, und einer 
der Offiziere, der während der Nachtwache auf Deök sang, hatte mir 
einen großen Eindruck gemacht und mir die Idee eingegeben, einige 
zu seiner Melodie passende Worte zu schreiben. 

Bald darauf mußte ich beinahe das bekannte Sprichwort, „Veder 
Napoli e poi morir", umkehren, ich wurde nämlich plötzlich sehr leidend 
(obschon nicht gefährlich) ; ich erholte mich aber wieder so weit, daß 
ich an Land gehen konnte, um im Wagen die Sehenswürdigkeiten 
der Stadt zu besuchen. Dieser Tag ermüdete mich sehr und da wir 
die Absicht hatten, folgenden Tags Pisa zu sehen, ging ich abends 
beizeiten an Bord und legte mich bald schlafen, ohne an etwas Ernst- 
hafteres als an die Schönheit der Offiziere und an die Häßlichkeit 
der italienischen Bettler zu denken." 

Man ist etwas enttäuscht, statt dem erwarteten Realitätseindruck 
bloß einem kleinen Intermezzo, einem Flirt, zu begegnen. Immerhin 
hatte einer der Offiziere, der Sänger, einen großen Eindruck gemacht 



1 ) Freud, dem ich ein wesentliches Stück dieser Einsicht verdanke, 
spricht auch von „Heilungsverauch". 



'- 






44 

(„il m'avait fait beaucoup d'impression.") Die Bemerkung am Schlüsse 
der Schilderung „sans scnger ä rien de plus serieux qu'a la beaute 
des officiers" usw. vermindert allerdings wieder die Ernsthaftigkeit 
des Eindruckes. Die Annahme aber, daß der Eindruck doch offenbar 
die Stimmung sehr beeinflußte, wird unterstützt durch die Tatsache, 
daß ein Gedicht in Anlehnung an ein solches erotischen Charakters 
(„brine, wine and damsels fine") zustande kam, und zwar zu Ehren 
des Sängers. Man ist allzuleicht geneigt, dergleichen Eindrücke leicht 
zu nehmen und man gibt zu gerne den Aussagen der Beteiligten nach, 
wenn sie alles als einfach und wenig ernsthaft darstellen. Ich ver- 
weile deshalb längere Zeit bei diesem Eindrucke, weil es von Belang 
ist, zu wissen, daß ein erotischer Eindruck nach einer derartigen Intro- 
version von tiefer und von Miß Miller vielleicht unterschätzter 
Wirkung auf das Gemüt ist. Das plötzliche vorübergehende Unwohl- 
sein ist dunkel und bedürfte einer psychologischen Beleuchtung, die 
allerdings aus Mangel an Anhaltspunkten unterbleiben muß. Nur aus 
einer bis in die Fundamente reichenden Erschütterung können die 
nunmehr zu schüdernden Phänomene verstanden werden: 

„Von Neapel nach Livorno fährt das Schiff eine Naoht, während 
welcher ich mehr oder weniger gut schlief — mein Schlaf ist nämlich 
selten tief oder traumlos. Es schien mir, als ob die Stimme meiner 
Mutter mich gerade zu Ende des folgenden Traumes aufweckte: „Zu- 
erst hatte ich eine vage Vorstellung von den Worten: When the mc~ 
ming stars sang together" — welche das Präludium einer gewissen 
unklaren Vorstellung von Schöpfung und von mächtigen das Weltall 
durchhallenden Chorälen waren. Trotz des sonderbaren widerspruchs- 
voll-verworrenen Charaktere, der dem Traum eigentümlich ist, mischten 
sich die Chöre eines Oratoriums, das von einer der ersten Musikgesell- 
schaften New Yorks aufgeführt worden war, und sodann Erinnerungen 
an Miltons „Verlorenes Paradies" hinein. Dann tauchten aus diesem 
Gewirre langsam gewisse Worte auf, die sich zu drei Strophen ordneten, 
und zwar erschienen sie in meiner Handschrift, auf gewöhnlichem 
Schreibpapier mit blauen Linien, auf einem Blatte meines alten Poesie- 
albums, das ich immer bei mir führe, kurz, sie erschienen mir genau 
so, wie sie sich einige Minuten später wirklich in meinem Buche 
befanden." 

Miß Miller zeichnete nun folgendes Gedicht auf, das sie einige 
Monate später noch etwas umredigierte, wodurch es sich dem Traum- 
originale nach ihrer Ansicht wieder mehr annäherte: 



45 

When the Eteraal first made Sound 
A myriad ears sprang out to hear, 
And throughout all the Univerae 
There rolled an echo deep and clear: 
All Glory to the God of Sound! 

When the Eternal first made Light 
A myriad eyes sprang out to look, 
And hearing ears and seeing eyes, 
Once more a mighty choral took: 
„All Glory to the God of Light!" 

When the Eternal first gave Love, 
A myriad hearts sprang into life; 
Eears filled with music, eyes with Light, 
Pealed forth with hearts with love all rife: 
„All Glory to the God of Love!" 1 ) 

Bevor wir auf die Versuche von Miß Miller, durch eigene Ein- 
fälle 2 ) die Wurzeln dieser subliminalen Schöpfung aufzudecken, ein- 
gehen, wollen wir einen kurzen analytischen Überblick über das 
bisher mitgeteilte Material gewinnen. Der Eindruck vom Schiffe 
wurde bereits gebührend hervorgehoben, so daß es nun nicht mehr 
schwer fallen dürfte, der dynamischen Prozesse habhaft zu werden, 
welche diese dichterische Offenbarung herbeiführten. Es wurde oben 
angedeutet, daß Miß Miller die Tragweite des erotischen Eindruckes 
vielleicht nicht unbeträchtlich unterschätzt hat. Diese Annahme 



1 ) Der Sinn kann deutsch etwa folgendermaßen wiedergegeben werden: 

Als der Ewige den Ton erschuf, 
Da erstanden Myriaden von Ohren, ihn zu hören 
Und durch das ganze Universum rollte ein Echo tief und klar: 
' „Ruhm sei dem Gott des Tones!" 

Äla der Ewige das Licht erschuf, 
Da erstanden Myriaden Augen, es zu sehen, 
Und hörende Ohren und sehende Augen 
Erhoben von neuem den mächtigen Choral: 
„Ruhm sei dem Gott des Lichtes !" 

Als der Ewige die Liebe erschuf, 
Da traten Myriaden Herzen ins Leben; 
Ohren, erfüllt von Tönen, Augen von Licht 
Und Herzen überströmend von Liebe gaben 
„Ruhm dem Gott der Liebe!" 

2) loh bemerke, daß Miß Miller in ihrer Publikation keine Ahnung von 
Psychoanalyse verrät. 



46 



gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch die Erfahrung, daß ganz all- 
gemein relativ schwache erotische Eindrücke außerordentlich unter- 
schätzt werden. Man kann dies am besten in den Fällen sehen wo " 
die Beteiligten aus sozialen oder moralischen Gründen eine erotische 
Beziehung für denkunmöglich halten (z. B. Eltern und Kinder Ge 
schwister, [homosexuelle] Beziehungen zwischen älteren und jüngeren 
Mannern usw.). Ist der Eindruck relativ leicht, so existiert er für den 
Beteiligten gar nicht, ist er stark, so entsteht eine tragische AbhärW 
keit, die jeden Unsinn im Gefolge haben kann. Die Urteilslosigkeit 
kann unglaublich weit gehen: Mütter, die die ersten Erektionen des 
kleinen Sohnes in ihrem eigenen Bett erleben, eine Schwester, die sich 
quasi scherzhaft mit dem Bruder herumdrückt, eine 20jährige Tochte 
die sich noch dem Papa auf die Knie setzt und dabei „sonderbare" 
Empfindungen im „Unterleib" hat; sie sind alle moralisch im höchsten 
Grad entrüstet, wenn man von „Sexualität" sprechen wollte. Unsere 
ganze Erziehung geht schließlich stillschweigend darauf aus, von Erotik 
möglichst wenig zu wissen und tiefste Unkenntnis darüber zu ver 
breiten. Es ist daher kein Wunder, daß das Urteil in puncto der 1W~ 
weite eines erotischen Eindruckes sozusagen in der Regel unsicher und 
unzulänglich ist. Miß Miller war zu einem tiefen erotischen Eindruck 
wie wir gesehen haben, durchaus disponiert. Von der dadurch erregten 
Gefuhlssumme scheint aber nicht allzuviel ans Licht gedrungen 2U 
sein, indem der Traum noch eine mächtige Nachlese zu halten hatte 
Die analytische Erfahrung weiß, daß die ersten Träume, welche p a " 
tienten zur Analyse bringen, nicht zum mindesten auch deshalb von 
besonderem Interesse sind, weü sie öfter Beurteilungen und Wertungen 
der Persönlichkeit des Arztes herausbringen, die man vorher ^ 
vergeblich direkt erfragt hätte. Sie bereichern den bewußten Ei„ 

t^rUvT t ? aÜent V ° n Seinem ABto haUe ' Öfter um g— bei 
trachtliche Stucke, und zwar sind es natürlich in der Regel erotische 

Anmerkungen, welche das Unbewußte zu machen hat, eben wegen 

der ganz allgemeinen Unterschätzung und unsicheren Beurteilung 1, 

relativ schwachen erotischen Eindruckes. In der drastischen u nd 

hyperbolischen Ausdrucksweise des Traumes erscheint der Eindruck 

häufig wegen der ungemessenen Dimensionen des Symbols in beinah« 

unverständlicher Form. Eine weitere Eigentümlichkeit, die auf der 

historischen Schichtung des Unbewußten zu beruhen scheint, ist die 

daß ein erotischer Eindruck, dem bewußte Anerkennung versagt wird' 

sich emer früheren und bereits abgelegten Übertragung bemächtigt 



47 

und darin sich ausdrückt. Daher es z. B. kommt, daß bei jungen Mädchen 
zur Zeit der ersten Liebe sich bemerkenswerte Schwierigkeiten der 
erotischen Ausdrucksfähigkeit einstellen, die sich auf Störungen durGh 
regressive Wiederbelebung des Vaterbildes oder der Vater - Imago 1 ) 
analytisch reduzieren lassen. 

Man darf wohl etwas Ähnliches bei Miß Miller vermuten, denn 
die Idee der männlichen schöpferischen Gottheit ist analytisch und 
historisch-psychologisch ein Derivat der Vater- Imago 2 ) und hat den 
Zweck, zunächst die abgelegte infantile Vaterübertragung so zu ersetzen, 
daß dem Individuum der Übergang aus dem engen Kreise der Familie 
in den weiten Kreis der menschlichen Gesellschaft erleichtert werde. 

Wir erblicken zufolge dieser Überlegung in dem Gedichte und 
seinem „Präludium" das religiös-dichterisch geformte Produkt einer 
auf das Surrogat der Vater-Imago regredierenden Introversion. Trotz 
der mangelhaften Apperzeption des wirksamen Eindruckes werden 
wesentliche Bestandteile desselben in die Ersatzbildung aufgenommen, 
gewissermaßen als Abzeichen der Herkunft. (Pfister hat dafür den 
treffenden Ausdruck „Gesetz der Komplexrückkehr" eingeführt.) Der 
wirksame Eindruck war ja der zur Nachtwache singende Offizier 
(When the morning stars sang together — ), dessen Bild dem Mädchen 
eine neue Welt eröffnete („Schöpfung"). 



x ) Ich gebe hier dem Ausdruck „Imago" absichtlich den Vorzug vor dem 
Ausdruck „Komplex", um nämlich dem psychologischen Tatbestand^ den ich 
unter „Imago" begreife, jene lebendige Selbständigkeit in der psychischen Hier- 
archie auch sichtlich in der Wahl des Terminus 1 technicus zu verleihen, d. h. jene 
Autonomie, die ich als wesentliche Eigentümlichkeit des gefühlsbetonten Kom- 
plexes auf Grund vielfacher Erfahrungen gefordert habe. (Vgl. Psychologie der 
Dementia praecox, Kapitel II und III.) Meine Kritiker, besonders Isser lin, haben 
in dieser Auffassung eine Rückkehr zu mittelalterlicher Psychologie erblickt 
und sie darum gründüch verworfen. Diese „Rückkehr" gesohah meinerseits bewußt 
und absichtlich, denn die phantastisch projizierte Psychologie alten und neuen 
Aberglaubens, besondere die Daemonologie liefert für meine Auffassung zahllose 
Belege. Überaus interessante Einsichten und Bestätigungen gibt uns auch der 
geisteskranke Schreber in seiner Selbstbiographie (Denkwürdigkeiten eines 
Nervenkranken, Mutze, Leipzig), wo er die Autonomielehre vollendet zum Ausdruck 
gebracht hat. 

„Imago" lehnt sich zunächst an die psychologisch erschöpfende Darstellung 
in Spittelers Roman „Imago" an* sodann an die antike religiöse Vorstellung 
der „imagines et lares". 

2 ) Vgl. meine Schrift: Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des 
Einzelnen. 



V 



> 



48 

Dieser „Schöpfer" hat den Ton geschaffen, dann das Licht und 
dann die Liebe. Daß zuerst der Ton erschaffen wurde, kann nur in- 
dividuell erklärt werden, denn es gibt keine Kosmogonie, die so musi- 
kalische Neigungen hätte. Wir dürfen schon jetzt eine Konjektur 
wagen, die bereits in der Luft liegt und sich nachher reichlich bestätigen 
wird, nämlich folgende Assoziationskette : Der Sänger — der singende 
Morgenstern — der Gott des Tones — der Schöpfer — der Gott des 
Lichtes — (der Sonne) — (des Feuers) — und der Liebe. 

Die Glieder dieser Reihe sind durch das Material belegt mit Aus- 
nahme von Sonne und Feuer, die ich in Parenthese setzte, die 8ich 
aber im weiteren Verlaufe der Analyse durch das Folgende bestätigen 
werden. Sämtliche Bezeichnungen gehören mit einer Ausnahme auch 
in die erotische Sprache („mein Gott, Stern, Licht, meine Sonne 
Feuer der Liebe, feurige Liebe" usw.). „Schöpfer" erscheint zunächst 
undeutlich, wird aber verständlich durch den Hinweis auf die Unter- 
töne des Eros, auf die mitschwingenden Akkorde der Natur, die sich 
in jedem Liebespaare zu verjüngen trachtet und das Wunder der 
Schöpfung erwartet. 

Miß Miller hat sich ebenfalls bemüht, die unbewußte Schöpfung 
ihres Geistes ihrem Verständnisse zu erschließen, und zwar durch 
ein Verfahren, das mit dem der Psychoanalyse prinzipiell übereinstimmt 
und daher zu denselben Resultaten führt, wie die Psychoanalyse. Aber 
wie es dem Laien und Anfänger zu gehen pflegt, bleibt Miß Miller, 
da sie keine Kenntnis der Psychoanalyse besitzt, bei den Einfällen 
stehen, die notwendigerweise den zugrunde liegenden Komplex bloß 
in indirekter, d. h. zensurierter Weise zur Darstellung bringen. Immerhin 
genügt ein einfaches Schluß verfahren, eigentlich bloß ein Fertigdenken 
dazu, um den Sinn aufzufinden. 

Miß Miller findet es zunächst erstaunlich, daß ihre unbewußte 
Phantasie nicht, dem mosaischen Schöpfungsberichte folgend, das 
Licht an erste Stelle setzt, sondern den Ton. 

Nun folgt eine richtig ad hoc und theoretisch konstruierte Er- 
klärung, deren Hohlheit charakteristisch ist für alle derartigen Deutungs- 
versuche. Sie sagt: „Es ist vielleicht interessant,' daran zu erinnern, 
daß Anaxagoras ebenfalls den Kosmos durch eine Art Wirbelwind 1 ) 

*) Es handelt sich bekanntlich bei Anaxagoras darum, daß die lebendige 
Urpotenz des voDg der toten Urpotenz der Materie wie durch einen Windstoß 
die Bewegung erteilt. Von Schall ist natürlich keine Rede. Vielmehr hat dieser voöc 
der dem späteren Begriff des Philo, dem Aöyos oneguartKÖs der Gnosis und 






49 

aus dem Chaos entstehen läßt, was im allgemeinen nicht ohne Hervor- 
bringung von Schall geschieht. Aber zu dieser Zeit hatte ich noch 
keine philosophischen Studien gemacht, und ich wußte weder von 
Anaxagoras noch von seinen Theorien über den vovg, welchen ich 
offenbar unbewußt gefolgt war. Ich befand mich damals ebenso in 
gänzlicher Unwissenheit über Leibni,tz und wußte daher auch nichts 
von seiner Doktrin »dum Deus calculat, fit mundus«". 

Die beiden Hinweise Miß Millers auf Anaxagoras und Leib- 
nijfcz beziehen sich auf Schöpfung durch den „Gedanken", daß nämlich 
der göttliche Gedanke allein eine neue materielle Wirklichkeit hervor- 
bringen könne; eine zunächst unverständliche Andeutung, die aber 
bald dem Verständnisse näher treten wird. 

Wir kommen nun zu denjenigen Einfällen, aus denen Miß Miller 
ihre unbewußte Schöpfung Iiauptsächlich ableitet: 

„Vor allem ist es „Das verlorene Paradies" von Milton in der 
von Dore illustrierten Ausgabe, die wir zu Hause hatten und an der 
ich mich öfter, seit meiner Kindheit, erfreut habe. Dann das Buch 
Hiob, woraus man mir öfter, solang ich mich zu entsinnen weiß, 
vorgelesen hat. Übrigens, wenn man die ersten Worte des „Verlorenen 
Paradieses" mit meinem ersten Vers vergleicht, bemerkt man, daß es 
das gleiche Versmaß ist. 



x Weite 



Of man's first disobedience 

When the Eternal first made sound. 



s 



Weiter erinnert mein Gedicht an verschiedene Stellen in Hiob 
'und an ein oder zwei Stellen aus Hä ndels Oratorium „Die Schöpfung" 1 ), 
was schon undeutlich im Beginne des Traumes vorkam." 

Das „Verlorene Paradies", das bekanntlich mit dem Beginne der 
Welt so nahe zusammenhängt, wird näher präzisiert durch den Vers: 
Of man's first disobedience 

der sich wie ersichtlich auf den Sündenfall bezieht, dessen Bedeutung 
nicht weiter zu betonen ist. Ich kenne den Einwand, den jeder der 

dem paulinischen nveüfia sowie dem nveüfta der nebenchristlichen Theologien 
schon recht ähnlich ist, wohl die alte mythologische Bedeutung des befruchtenden 
Windhauches, der die Stuten Lusitaniens und die ägyptischen Geier befruchtete. 
Die Beseelung des Adam und die Befruchtung der Gottesmutter durch das nveü/na 
erfolgen auf ähnliche Weise. Die infantile Inzestphantasie einer meiner Kranken 
lautet: Der Vater deckt ihr die Hände aufs Gesicht und bläst ihr in den geöffneten 
Mund. 

*) Es dürfte wohl Haydns Schöpfung gemeint sein. 
Jung, Libido. 4 



50 

• 

Psychoanalyse Unkundige hier erheben wird, nämlich Miß Miller 
hätte ja ebensogut irgend einen andern Vers als Beispiel wählen können 
nur zufälligerweise hätte sie gerade den ersten besten genommen, der 
ebenso zufälligerweise diesen Inhalt hat. Die Kritik, die wir gleicher- 
weise von unseren ärztlichen Kollegen wie von unseren Patienten 
erfahren, operiert, wie man weiß, in der Regel mit solchen Argumenten. 
Dieses Mißverständnis stammt daher, daß man das Kausalitätsgesetz 
auf psychischem Gebiete viel zu wenig ernst nimmt: es gibt nämlich 
keine Zufälle, keine „ebensogut". Es ist so, und darum ist ein zu- 
reichender Grund vorhanden, warum es so ist. Es ist also so, daß 
das Gedicht von Miß Miller mit dem Sündenfalle zusammenhängt, 
worin sich eben jene erotische Komponente hervordrängt, deren Vor- 
handensein wir oben vermutet haben. 

Leider unterläßt es Miß Miller zu sagen, welche Stellen aus 
Hiob ihr einfielen. Es sind deshalb nur allgemeine Vermutungen 
möglich. Zunächst die Analogie zum „Verlorenen Paradies": Hiob 
verliert alles, was er hat, und zwar auf einen Vorschlag Satans hin, der 
ihn gegen Gott aufwiegeln will. Ebenso ging durch die Versuchung 
der Schlange dem Menschen das Paradies verloren und sie wurden in 
die Erdenqual verstoßen. Die Idee oder vielmehr die Stimmung, die 
durch die Reminiszenz an das „Verlorene Paradies" ausgedrückt wird 
ist das Gefühl von Miß Miller, etwas verloren zu haben, was mit 
satanischer Versuchung zusammenhängt. Es geht ihr wie Hiob daß 
sie unschuldig leidet, denn sie ist der Versuchung doch nicht zum Opfer 
gefallen. Hiobs Leiden bleibt von seinen Freunden unverstanden 1 ) 
keiner weiß, daß Satan seine Hand im Spiele hat und Hiob wirklich 
unschuldig ist. Hiob wird nicht müde, seine Unschuld zu beteuern. 
Liegt darin eine Anspielung? Wir wissen, daß gewisse Neurotische 
und besonders Geisteskranke beständig ihre Unschuld verteidigen 
gegen nicht existierende Angriffe; bei näherem Zusehen aber ent- 
deckt man, daß der Kranke, indem er anscheinend grundlos seine 
Unschuld verteidigt, damit bloß eine „Deckhandlung" vollzieht, 
deren Energie gerade jenen Triebregungen entstammt, deren sünd- 
hafter Charakter eben durch den Inhalt der vermeintlichen Vorwürfe 
und Verleumdungen enthüllt wird 2 ). 

x ) Siehe Hiob 16, 1 bis 11. 

z ) F. N. Ich erinnere mich z. B. an den Fall eines jungen, geisteskranken 
Mädchens, die beständig ihre Unschuld verdächtigt wähnte, was sie sich durchaus 
nicht ausreden ließ. Allmählich entwickelte sich aus der entrüsteten Verteidigung 
heraus eine entsprechend energische positive Erotomanie. 

t 



51 

Hiob leidet doppelt, einerseits am Verluste seines Glückes und 
anderseits an dem Mangel an Verständnis bei seinen Freunden, 
welch letzteres sich durch das ganze Buch hindurch zieht. Das Leid 
des Unverstandenen erinnert an die Gestalt des Cyrano de Berge- 
rac : er leidet auch doppelt, einerseits an hoffnungsloser Liebe, ander- 
seits am Unverstandensein. Er fällt, wie wir gesehen haben, im letzten 
hoffnungslosen Kampfe gegen „Le Mensonge, les Compromis, les Pre- 
juges, les Lächetes et la Sottise" — 

Oui, Vous m'arrachez toüt le laurier et la rose! 
Hiob klagt: 

„Gott hat mich übergeben den Ungerechten und hat mich in 
der Gottlosen Hände lassen kommen. 

Ich war im Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er 
hat mich beim Hals genommen und zerstoßen und hat mich ihm 
zum Ziel aufgerichtet. 

Er hat mich umgeben mit seinen Schützen 1 ); er hat 
meine Nieren gespalten und nicht verschont — 

Er hat mir eine Wunde über die andere gemacht; er ist an mich 
gelaufen wie ein Gewaltiger 2 ). 

Die Gefühlsanalogie liegt im Leiden des hoffnungslosen 
Kampfes gegen das Mächtigere. Es ist, wie wenn dieser Kampf 
von ferne begleitet wäre von den Klängen der „Schöpfung", was auf 
ein schönes und mysteriöses Bild schließen läßt, das dem Unbewußten 
angehört und noch nicht zum Lichte der Oberwelt emporgedrungen 
ist. Wir ahnen mehr, als daß wir es wissen, daß nämlich dieser Kampf 
wirklich etwas mit Schöpfung zu tun hat, mit dem Ringen zwischen 
Verneinung und Bejahung. Die Hinweise auf Rostands Cyrano 
durch die Identifikation mit Christian, auf Miltons Verlorenes 
Paradies", auf die Leiden des von seinen Freunden unverstandenen 
Hiob verraten deutlich, daß in der Seele der Dichterin sich etwas 
mit diesen Büdern identifiziert, also leidet wie Cyrano und Hiob das 
Paradies verloren hat und von „Schöpfung" träumt - Schöpfung 
durch den Gedanken — Befruchtung durch den Windhauch des 
Anaxagoras 3 ). 

Wir überlassen uns nun wieder der Führung von Miß Miller: 

l ) Die Hervorhebung im Texte wird im IL Teüe meiner Arbeit ihre Er- 
klärung finden. 

*) Hiob 16, 12 ff. 

3 ) Vgl. oben die Fußnote zum Text von Miß M. 



52 



„Ich erinnere mich, daß ich im Alter von 15 Jahren mich einmal 
sehr aufregte über einen Artikel, den mir meine Mutter vorgelesen hatte 
über die ,Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt*. Ich regte mich dermaßen 
auf, daß ich fast die ganze Nacht nicht schlafen konnte, indem ich 
immer und immer wieder überlegte, was das wohl sagen wolle. 

Im Alter von 9 bis 16 Jahren ging ich alle Sonntage in eine Pres- 
byterianerkirche, an der damals ein sehr gebildeter Mann als Pfarrer 
amtete. In einer der frühesten Erinnerungen, die ich von ihm bewahrt 
habe, sehe ich mich als ganz kleines Mädchen in einem großen Kirchen- 
stuhl sitzen in beständiger Bemühung, mich wach zu halten und auf- 
zupassen, ohne aber um alles in der Welt imstande zu sein, zu ver- 
stehen, was er damit sagen wollte, als er uns vom , Chaos', , Kosmos' 
und von der ,Gabe der Liebe' (don d'amour) sprach." 

Es sind also ziemlich frühe Erinnerungen aus der Zeit der er- 
wachenden Pubertät (9 bis 16), welche die Ideen des aus dem Chaos 
entstehenden Kosmos mit dem ,don d'amour" verknüpft haben. Das 
Medium, in dem diese Verknüpfung stattfand, ist die Erinnerung 
an einen gewiß sehr verehrten Geistlichen, der jene dunklen Worte 
sprach. Aus dem gleichen Zeiträume stammt die Erinnerung an jene 
Aufregung über die Idee des schöpferischen „Gedankens", der von sich 
aus „sein Objekt erzeugt". Hier sind zwei Wege der Schöpfung an- 
gedeutet: der schöpferische Gedanke und die geheimnisvolle Beziehung 
zum „don d'amour". 

Ich habe zu einer Zeit, wo ich das Wesen der Psychoanalyse 
noch nicht begriffen hatte, die glückliche Gelegenheit gehabt, durch 
längere Beobachtung tiefe Einblicke in die Seele eines 15 jährigen 
Mädchens zu gewinnen. Ich habe damals mit Erstaunen entdeckt 
welches die Inhalte der unbewußten Phantasien sind und wie weit 
sie sich von dem entfernen, was ein Mädchen in diesem Alter äußerlich 
zeigt. Es waren weit ausgreifende Phantasien von geradezu mythischer 
Fruchtbarkeit. Das Mädchen war in der abgespaltenen Phantasie die 
Stammutter ungezählter Geschlechter 1 ). Wenn wir die ausgesprochen 
dichterische Phantasie des Mädchens in Abzug bringen, so bleiben Ele- 
mente übrig, die allen Mädchen in diesem Alter gemeinsam sind, denn 
das Unbewußte ist in unendlich viel höherem Grade allen Menschen 
gemeinsam als die Inhalte des individuellen Bewußtseins; denn es ist 



x ) Der Fall ist publiziert in: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter 
okkulter Phänomene. Mutze, Leipzig 1902. 



53 

die Verdichtung des historisch Durchschnittlichen und 
Häufigen. 

Das Problem von Miß Miller in diesem Alter war das Allgemein- 
Menschliche: Wie werde ich schöpferisch sein? Die Natur kennt darauf 
nur eine Antwort: „Durch das Kind (don d'amour? !)." Doch wie kommt 
man zum Kinde? Hier taucht das bange Problem auf, das sich, wie unsere 
analytische Erfahrung weiß, an den Vater knüpft 1 ), wo es sich doch 
nicht anknüpfen sollte, denn die Erbsünde des Inzestes lastet seit alters 
schwer auf dem menschlichen Geschlecht. Die starke und natürliche 
Liebe, die das Kind dem Vater verbindet, wendet sich in den Jahren, 
wo das Menschliche des Vaters allzu deutüch erkannt wird, weg zu 
höheren Formen des Vaters, zu den „Vätern" der Kirche und zu dem 
von ihnen sichtbar dargestellten Vatergott 2 ); und da ist noch weniger 
Möglichkeit, jenes Problem anzuknüpfen. Jedoch ist die Mythologie 
nicht verlegen um Tröstungen. Ist der Xfyog nicht auch Fleisch ge- 
worden? Ist nicht das göttliche tivsv/m, eben der Xöyog, in den Schoß 
der Jungfrau eingegangen und hat als Menschensohn unter uns ge- 
wohnt? Jener Windstoß des Anaxagoras war ja der göttliche vovg 
der aus sich selber zur Welt geworden ist. Warum behielten wir das. 
Bild der unbefleckten Mutter bis auf den heutigen Tag? Weil es immer 
noch trostreich ist und ohne Worte und laute Predigt den Trostsuchenden 
sagt: „Ich bin auch Mutter geworden" — durch die „Idee, die spontan 
ihr Objekt erzeugt". 

Ich glaube, es war Grund ger.ug vorhanden für eine schlaflose 
Nacht, wenn sich jene dem Alter der Pubertät eigentümlichen Phan- 
tasien dieser Idee bemächtigten - die Folgen wären ja unabsehbar. 
Alles Psychologische hat eine untere und eine obere 
Bedeutung, wie der tiefsinnige Satz der alten Mystik sagt: ovoa.ög 
avco, ovgavog xärco, a m Q a ävco, altega *dro>, nav rovro ävco, näv 
tovTO x&xco, xovro Xaßk xai einv X su Wir würden nämlich der geistigen 
Eigenart unserer Autorin wenig gerecht werden, wenn wir uns damit 
begnügten, die Erregung jener schlaflosen Nacht einzig und allein auf 
das Sexualproblem im engeren Sinne zurückzuführen. Das wäre bloß 
die eine, und zwar, um den mystischen Ausdruck zu gebrauchen, nur 
die untere H älfte. Die andere Hälfte aber ist die intellektuelle 

*) VgL Freud: Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben. Dieses Jahrbuch, 
Bd. I, 1. Hälfte, und Jung: Konflikte der kindlichen Seele, Jahrbuch II. 1. 

2 ) Andere brauchen diese Stufe nicht, sondern werden vom Eros vorher 
weggerafft. 



54 

Sublimation, welche danach strebt, den zweideutigen Satz von der 
„Idee, die spontan ihr Objekt erzeugt", auf ihre Weise wahr zu 
machen: ideale Schöpfung an Stelle der realen. 

Bei einer zu geistiger Leistung offenbar sehr befähigten Per- 
sönlichkeit ist die Aussicht auf geistige Fruchtbarkeit etwas, das der 
höchsten Sehnsucht würdig ist, denn für viele wird es eine Lebensnot- 
wendigkeit sein. Auch diese Seite der Phantasie erklärt in hohem Maße 
die Erregung, denn es ist ein das Zukünftige vorahnender Gedanke; 
einer von jenen Gedanken, die um einen Ausdruck Maeterlincks 
zu gebrauchen 1 ), dem „inconscient superieur", jener „prospektiven 
Potenz" subliminaler Kombinationen, entstammen 2 ). Es ist eine Gelegen- 
heitserfahrung meiner täglichen Berufsarbeit (eine Erfahrung, über 
deren Sicherheit ich mich mit all jener Vorsicht ausdrücken muß, die 

*) La Sagesse et Ja Destinee. 

.') Man wird mir diesmal kaum den Vorwurf des Mystizismus ersparen. 
Vielleicht aber wäre die Sache doch zu überlegen: zweifellos enthält das Unbewußte 
die psychologischen Kombinationen, die den Schwellenwerf des Bewußtseins 
nicht erreichen. Die Analyse zerlegt diese Kombinationen in ihre historischen 
Determinanten, denn das ist eine der wesentlichen Aufgaben der Analyse, die 
Besetzungen der mit der zweckmäßigen Lebensführung konkurrierenden Kom- 
plexe durch Auflösung zu depotenzieren. Die Psychoanalyse arbeitet rückwärts, 
wie die Geschichtswissenschaft. So, wie ein großer Teil der Vergangenheit dermaßen 
entrückt ist, daß ihn die Kenntnis der Historie nicht mehr erreicht, so ist auch ein 
großer Teil der unbewußten Determination unerreichbar. Die Historie weiß aber 
zweierlei Dinge nicht, nämlich das in der Vergangenheit Verborgene und das in der 
Zukunft Verborgene. Beides wäre vielleicht mit einer gewissen Wahrscheinlich- 
keit zu erreichen, ersteres als Postulat, letzteres als historische Prognose. Insofern 
im Heute schon das Morgen enthalten ist und alle Fäden des Zukünftigen schon 
gelegt sind, könnte also eine vertiefte Erkenntnis der Gegenwart eine mehr oder 
minder weitreichende und sichere Prognose des Zukünftigen ermöglichen. Über- 
tragen wir dieses Raisonnement, wie das schon Kant getan hat, auf das Psy- 
chologische, so muß sich notwendig dasselbe ergeben: so wie nämlich dem Un- 
bewußten nachweisbar längst unterschwellig gewordene Erinnerungsspuren noch 
zugänglich sind, so auch gewisse sehr feine subliminale Kombinationen nach vor- 
wärts, welche für das zukünftige Geschehen, insofern solches durch unsere Psy- 
chologie bedingt ist, von allergrößter Bedeutung sind. So wenig aber die Geschichte- 
wissenschaft sich um die Zukunftskombinationen bekümmert, welche vielmehr 
das Objekt der Politik sind, so wenig sind auch die psychologischen Zukunfts- 
kombinationen Gegenstand der Analyse, sondern wären vielmehr Objekt einer 
unendlich verfeinerten psychologischen Synthetik, welche den natürlichen Strö- 
mungswegen der Libido zu folgen verstünde. Das können wir nicht, wohl aber das 
Unbewußte, denn dort geschieht es, und es scheint, als ob von Zeit zu Zeit in ge- 
wissen "Fällen bedeutsame Fragmente dieser Arbeit wenigstens in Träumen zu 



55 

durch die Kompliziertheit des Stoffes geboten ist), daß in gewissen 
Fällen von jahrelangen Neurosen zur Zeit des Krankheitsbeginnes 
oder geraume Zeit vorher ein Traum stattfand, öfter von visionärer 
Deutlichkeit, der unauslöschlich dem Gedächtnis sich einprägte und 
in der Analyse einen dem Patienten verborgenen Sinn enthüllt, der 
die nachfolgenden Lebensereignisse, d. h. ihre psychologischen Be- 
deutungen antizipiert 1 ). Ich bin geneigt, der Erregung jener unruhigen 
Nacht auch diese Bedeutung zuzuerkennen, denn die nachfolgenden 
Lebensereignisse, soweit sie uns Miß Miller bewußt und unbewußt 
entschleiert, sind ganz danach angetan, die Vermutung, daß jener 
Moment auch als das Vorhalten und Vorahnen (= Wünschen) eines 
sublimierten Lebenszieles aufzufassen ist, zu bestätigen. 

Miß Miller schließt die Reihe ihrer Einfälle mit folgenden Be- 
merkungen : 

„(Der Traum) scheint mir hervorzugehen aus einer Vermischung 
von Vorstellungen des Verlornen Paradieses, aus Hiob und der »Schöp- 
fung' mit Ideen wie ,der Gedanke, der spontan sein Objekt erzeugt', 
,die Gabe der Liebe, Chaos und Kosmos'." 

Wie in einem Kaleidoskop die farbigen Glassplitter, so hätten 
sich in ihrem Geiste Brocken von Philosophie, Ästhetik und Religion 
kombiniert — „unter dem anregenden Einfluß der Reise und der im 
Fluge gesehenen Länder, verbunden mit dem großen Schweigen und 
dem unsagbaren Zauber des Meeres". — „Ce ne fut qu'e cela et rien 
de plus: ,Only this and nothing more!'." 

Mit diesen Worten geleitet uns Miß Miller höflich und nach- 
drücklich hinaus. Ihre Abschiedsworte in ihrer noch einmal englisch 
bestätigten Negation hinterlassen eine Neugierde; nämlich, welche 
Position durch diese Worte negiert werden soll? „Ce ne fut que cela 
et rien de plus", nämlich wirklich nur „le charme impalpable de la 
mer" — und der junge Mann, der zur Nachtwache melodisch sang, ist 
längst vergessen, und niemand soll wissen, am wenigsten die Träumerin, 
daß er ein Morgenstern war, der der Schöpfung eines neuen Tages 

Tage träten, woher dann die vom Aberglauben Jängat geforderte prophetische 
Bedeutung der Träume käme. 

Die Abneigung der Exakten von heutzutage gegen derlei wohl kaum 
als phantastisch zu bezeichnende Gedankengänge ist bloß eine Überkompensation 
der Jahrtausende alten, aber allzu großen Neigung der Menschen, an die Wahr- 
sagerei zu glauben. 

x ) Träume scheinen solange spontan in Erinnerung zu bleiben, als sie die 
psychologische Situation des Individuums treffend resümieren. 



56 

vorauf ging 1 ). Man sollte sich aber hüten, mit einem Satz wie „Ce ne 
fut que cela" sich selber und den Leser zu beschwichtigen. Es könnte 
sich sonst ereignen, daß man sich sofort wieder dementieren muß. 
(Vgl. die trefflichen Beispiele in Freuds: „Psychopathologie des Alltag- 
lebens", III. Aufl., S. 57.) Das passiert auch Miß Miller, indem sie ein 
englisches Zitat: „Only this and nothing more" folgen läßt, allerdings 
ohne die Quelle anzugeben. Das Zitat stammt aus dem ungemein 
wirkungsvollen Gedicht „The Raven" von Edgar A. Poe (in seinen 
„Miscellaneous Poems"). Die betreffende Strophe lautet: 

While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping, 
As of some one gently rapping, rapping at my Chamber door. 
„T'is some visitor", I muttered, tapping at my Chamber door — 
Only this and nothing more. 

Ein gespenstischer Rabe klopft nächtlicherweile an seine Tür 
und erinnert den Dichter an seine unwiederbringlich verlorene „Lenore". 
Der Rabe heißt „Nevermore", und als Refrain zu jeder Strophe krächzt 
er sein schreckliches „Nevermore". Alte Erinnerungen kommen qualvoll 
zurück und das Gespenst sagt unerbittlich „Nevermore". Der Dichter 
versucht vergeblich den unheimlichen Gast hinauszuscheuchen, er ruft 
dem Raben zu: 

„Be that word our sign of parting, bird or fiend !" I shrieked upstarting — 
„Oet thee back into the Tempest and the Nights Plutonian shore! 
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken ! 
Leave my ißoneliness unbroken! — quit the bust above my door! 
Take the beak from out my heart, and take thy form from off my door!" 
Quoth the Raven „Nevermore". 

*) Wie ärmlich eigentlich Ensemble und Requisiten des erotischen" Erleb- 
nisses sind, zeigt ein vielfach variiertes Liebeslied, das ich in seiner epirotischen 
Fassung zitiere: 

Epirotisches Liebeslied. 
(Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, XII, S. 159.) 
Mädchen, als wir uns geküßt, da war es Nacht, wer sah uns? — 
Uns hat ein nächt'ger Stern gesehn, uns hat der Mond gesehn, 
Und neigte sich herab zum Meer und gab dem Meere Kunde, 
Das Meer sagt es dem Ruder dann, das Ruder seinem Schiffer, 
Der Schiffer machte draus ein Lied, da hörten es die Nachbarn, 
Da hört es auch der Geistliche und sagt es meiner Mutter, 
Von der erfuhr's der Vater drauf, in hellen Zorn geriet er; 
Sie zankten mich und schalten mich und haben mir verboten, 
Je noch an meine Tür zu gehn, je noch zu gehn ans Fenster. 
Und doch werd' ioh ans Fenster gehn, als wär's zu meinen Blumen, 
Und nimmer ruh' ich, ehe nicht der Liebste mein geworden. 






57 

Das anscheinend leicht über die Situation hinweghüpfende "Wort 
„Only this and nothing more" stammt aus einem Texte, der die Ver- 
zweiflung über die verlorene Liebe in ergreifender Weise schildert. Das 
Zitat dementiert also unsere Dichterin aufs schlagendste. 

Sie unterschätzt also doch den erotischen Eindruck und die I 
weitreichende Wirkung seiner Erregung. Eben diese Unterschätzung, 
welche Freud präziser als Verdrängung formuliert hat, ist der Grund, 
warum das erotische Problem nicht direkt zur bewußten Bearbeitung 
gelangt, und daraus entstehen diese „psychologischen Rätsel". Der 
erotische Eindruck arbeitet im Unbewußten weiter und schiebt an seiner 
Statt Symbole ins Bewußtsein. Man spielt so mit sich selber Verstecken. 
Zuerst sind es die „singenden Sterne des Morgens", dann das Verlorne 
Paradies, dann kleidet sich die erotische Sehnsucht in ein priesterliches 
Gewand und spricht dunkle Worte über Weltschöpfung und erhebt sich 
schließlich zum religiösen Hymnus, um endlich dort einen Ausweg 
ins Freie zu finden, gegen den die Zensur der moralischen Persönlichkeit 
nichts mehr einwenden kann. Der Hymnus aber enthält in seiner Eigen- 
artigkeit die Kennzeichen seiner Herkunft, das „Gesetz der Komplex- 
rückkehr" hat sich in ihm erfüllt: der „nächtliche Sänger ist auf dem 
Umwege der alten Übertragung auf Vater-Priester zum „Ewigen", 
zum Schöpfer geworden, zum Gott des Tones, des Lichtes und 
der Liebe. 

Der Umweg der Libido scheint ein Leidensweg zu sein, wenig- 
stens läßt das „Verlorne Paradies" und die parallele Erinnerung an Hiob 
darauf schließen. Nehmen wir dazu die einleitenden Andeutungen 
der Identifikation mit Christian, die auf Cyrano schließen lassen, so 
ergibt sich ein Material, das den Umweg der Libido wirklich als Leidens- 
weg schildert: so wie die Menschen nach dem Sündenfall die Last des 
Erdenlebens zu tragen hatten oder wie die Qualen Hiobs, der unter 
der Macht Satans und Gottes litt, der, selber ahnungslos, zum Spielball 
zweier jenseitiger Mächte wurde, die wir nicht mehr als metaphysisch, 
sondern als metapsychologisch betrachten. Dieses selbe Schauspiel 
der Gotteswette bietet uns auch Faust: 

Mephistopheles: „Was wettet ihr? Den sollt ihr noch verlieren, 
Wenn ihr mir die Erlaubnis gebt, 
Ihn meine Straße sacht zu führen." 

Satan 1 ): „Aber recke deine Hand aus, und taste an alles, was 
er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen? 



! 



#■ 



x ) Hiob 1, 11. 



58 

Während in Hiob die beiden großen Strömungen als gut und böse 
schlechthin charakterisiert sind, ist das Problem des Faust ein aus- 
gesprochen erotisches, nämlich der Kampf zwischen Sublimation und 
Eros, wobei der Teufel durch die ihm zugehörige Rolle des erotischen 
Verführers treffend gekennzeichnet ist. Das Erotische fehlt bei Hiob 
zugleich ist er aber auch des Konfliktes in seiner eigenen Seele nicht 
bewußt, er bestreitet sogar anhaltend die Reden seiner Freunde, die ihn 
vom Bösen in seinem Herzen überzeugen wollen. Insofern, möchte 
man sagen, ist Faust bedeutend ehrlicher, indem er die Zerrissenheit 
seiner Seele offen zugibt. 

Miß Miller handelt wie Hiob, sie sagt es nicht und läßt das Böse 
und das Gute aus dem Jenseits kommen, aus dem Metapsychologischen. 
Daher die Identifikation mit Hiob auch in dieser Hinsicht bezeichnend 
ist. Noch eine weitere, und zwar sehr bedeutende Analogie ist zu er- 
wähnen: das Zeugende, als welches die Liebe vom natürlichen Stand- 
punkt aus eigentlich aufgefaßt werden will, bleibt bei der aus dem 
erotischen Eindruck sublimierten Gottheit als wesentliches Attribut 
stehen, daher Gott im Hymnus durchaus als Schöpfer gepriesen ist. 
Hiob bietet wie bekannt dasselbe Schauspiel. Satan ist der Zerstörer 
von Hiobs Fruchtbarkeit, Gott ist der Fruchtbare selber, daher er am 
Schlüsse des Buches den von hoher dichterischer Schönheit erfüllten 
Hymnus auf seine eigene Schöpferkraft spricht, wobei auffallender- 
weise zwei unsympathische Vertreter der Tierwelt am meisten bedacht 
werden, die Behemoth und der Leviathan, beides Vertreter der denkbar 
rohesten Naturgewalt, der Behemoth recht eigentlich das phallische 
Attribut des Schöpfergottes: 

„Siehe, der Behemoth, den ich neben dir gemacht habe, frisset 
Heu wie ein Ochs. 

Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden und sein Vermögen 
im Nabel seines Bauches. 

Sein Schwanz strecket sich wie eine Zeder, die Adern seiner 
Scham starren wie ein Ast. 

Seine Knochen sind wie fest Erz und seine Gebeine sind wie 
eiserne Stäbe. 

Er ist der Anfang der Wege Gottes; der ihn gemacht hat, der 
greift ihn an mit seinem Schwert 1 ). 

— Siehe, er schlucket in sich den Strom und achtet's nicht 
groß: läßt sich dünken, er wolle den Jordan mit seinem Munde aus- 
schöpfen. 

*) De Wette übersetzt hier: „Er ist das erste der Werke Gottes; sein 
Schöpfer reicht (ihm) dar sein Schwert." 



59 

Noch fähet man ihn mit seinen eigenen Augen und durch Fall- 
stricke durchbohret man ihm seine Nase 1 ). 

Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Hamen und seine 
Zunge mit dem Strick fassen? 

Wenn du deine Hand an ihn legst, so gedenke, daß es ein Streit 
sei, den du nicht ausführen wirst. 

— Niemand ist so kühn, daß er ihn reizen darf; wer ist denn, 
der vor mir stehen könne 2 ) ? 

Wer hat mir was zu vor getan, daß ich's ihm vergelte? Es 
ist mein, was unter allen Himmeln ist." 

Dies sagt Gott, um Hiob seine Macht und Urgewalt nachdrücklich 
vor Augen zu führen : Gott ist wie der Behemoth und wie der Leviathan : 
die segenspendende, fruchtbare Natur — die unbezähmbare Wildheit 
und Schrankenlosigkeit der Natur — und die überwältigende Gefahr 
der entfesselten Gewalt 3 ). 

Was aber hat das irdische Paradies Hiobs zerstört? Die entfesselte 
Naturgewalt. Der Gott hat, wie der Dichter hier durchblicken läßt, 
einfach einmal seine andere Seite, die man Teufel nennt, herausgekehrt 
und alle Schrecken der Natur auf Hiob losgelassen — zu erzieherischen 
Zwecken natürlich. Der Gott, der solche Ungeheuerlichkeiten schuf, 
vor denen die armen schwachen Menschlein vor Angst erstarren, muß 
wirklich Qualitäten in sich bergen, die zu denken geben. Dieser Gott 
wohnt im Herzen, im Unbewußten, im Reich der Metapsychologie. 
Dort ist die Quelle der Angst vor dem unsagbar Schrecklichen und der 
Kraft, dem Schrecken zu widerstehen. Der Mensch, d. h. sein bewußtes 
Ich aber ist wie ein Spielball, wie eine Feder, die von verschiedenen 



i) De Wette: „Vor seinen Augen fängt man ihn wohl; in Fesseln durch- 
bohrt man ihm die Nase?" 

a ) De Wette: „Keiner Ist so kühn, daß er ihn reize: und wer ist, daß er 
sich mir widersetze?" 

s ) Hiob: 41, 13 ff. (Leviathan). 
„Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Munde gehen Flammen. 
Auf seinem Hake wohnt die Stärke, und vor ihm her hüpft die Angst. 

— Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie ein unterer Mühlstein- 
Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken, und wenn er daher bricht, so 

ist keine Gnade da. 

— Auf Erden ist ihm Niemand zu gleichen; er ist gemacht, ohne Furcht zu sein. 
Er verachtet alles, was hoch ist; er ist ein König über alles stolze Wild." 

42, 1 ff. Und Hiob antwortete dem Herrn und sprach: 
Ich erkenne, daß du Alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen, ist 

dir zu schwer. 



60 

Windströmungen herumgewirbelt wird, bald das Opfer, und bald 

der Opfer er, und beides kann er nicht hindern. Das Buch Hiob zeigt 
uns den Gott als Schöpfer und Zerstörer am Werke: Wer ist dieser 
Gott? Ein Gedanke, der sich der Menschheit in allen Weitgehenden 
und zu allen Zeiten und immer wieder aufs Neue in ähnlicher Form 
aufgedrängt hat: eine jenseitige Gewalt, der man preisgegeben ist, die 
y ebensowohl zeugt wie tötet, ein Bild der Notwendigkeiten des Lebens. 
Da, psychologisch verstanden, die Gottheit nichts anderes ist, als ein • 
projizierter Vorstellungskomplex, der je nach der Religiosität des 
einzelnen gefühlsbetont ist, so ist der Gott mithin als Repräsentant 
einer gewissen Energie- (Libido-) Summe zu betrachten, die darum 
projiziert („metaphysisch") erscheint, weil sie vom Unbewußten aus 
wirkt, indem sie dorthin verdrängt ist, wie die Psychoanalyse zeigt. 
\W Wie ich früher (Bedeutung des Vaters) wahrscheinlich machte, zehrt 
Ifl der religiöse Trieb die inzestuöse Libido der infantüen Vorzeit auf 
In den uns vorliegenden hauptsächlichen Religionsformen scheint zum 
mindesten das Formgebende die Vaterübertragung, in älteren Re- 
ligionen scheint es auch die Mutterübertragung zu sein, welche die 
Attribute der Gottheit formt. Die Attribute der Gottheit sind die Über- 
gewalt, das furchterregende und zornig verfolgende Väterliche (alt- 
testamentlich) und das hebende Väterliche (neutestamentlich). 
Das sind die Attribute der Libido in jenem weiten Sinne, in dem 
Freud diesen Begriff empirisch gefunden hat. In gewissen heidnischen 
und auch christlichen Attributen der Gottheit tritt das Mütterliche 
stark hervor, im Heidnischen kommt dazu noch das Tierische in 
breitester Ausladung*). Nirgends fehlt das Infantile, das den religiösen 
Phantasien oft nur zu sehr anhaftet und von Zeit zu Zeit wieder mächtig 
hervorbricht 2 ). All dies deutet auf den Ursprung der im Religiösen 

2 ) Dem Christlichen fehlt daa Theriomorphe bis auf Reste, wie Taube 
Fisch, Lamm, letzteres in den Katakombenbildern auch als Widder dargestellt' 
Hierher gehören auch die Tiere der Evangelisten, die zunächst historischer Deutung 
bedürfen. Adler und Löwe waren bestimmte Einweihungsgrade im Mithrasmy- 
stenum. Die Verehrer des Dionysos nannten sich ß6e S , da der Gott als Stier dar- 
gestellt wurde, ebenso die äQuroi der als Bärin aufgefaßten Artemis. Der Engel 
könnte den ijAiöÖQO/iOt des Mithrasmysteriums entsprechen. Es ist eine besonder^ 
köstliche Erfindung der christlichen Phantasie, daß das dem heiligen Antonius 
beigegebene Tier gerade das Schwein ist, denn der gute Heilige gehört zu den- 
jenigen, die den übelsten Versuchungen des Teufels unterworfen waren. 

2 ) Vgl. Pf isters ausgezeichnete Schrift: Die Frömmigkeit des Grafen 
Ludwig von Zinzendorf. Wien 1910. 




61 



tätigen Dynamismen hin: es sind diejenigen Triebkräfte, die in der 
Kindheit der inzestuösen Verwendung" durch das Dazwischen treten 
deF Inzestschranke entzogen werden und die besonders in der Pubertäts- 
zeit infolge libidinöser Zuschüsse, die der noch unvollständig ver- 
wendeten Sexualität entspringen, zu ihrer eigenartigen Tätigkeit 
geweckt werden. Wie leicht verständlich, ist das Wirksame an der 
Gottesidee nicht die Form, sondern die Kraft, die Libido. Die Urgewalt, 
die ihr der Hiobsche S chöpfjrJi ff mnus vindiziert, das Bedingungslose 
und Unerbittliche, Ungerechte und Übermenschliche sind echte und 
rechte Attribute der Libido, die „uns ins Leben hinein führt", die den 
„Armen schuldig werden" läßt und gegen die der Kampf vergeblich 
ist. _Es_gihtnichts anderes^a ls daß der Mensch mit diesem Willen zu- 
saminengeke, was uns Nietzsches Zarathustra eindringlich lehrt. 

Wir sehen, daß bei Miß Miller der unbewußt entstandene religiöse 
Hymnus eine Ersatzbildung für das Erotische ist; seine Materialien 
nimmt er größtenteils aus Infantikeminiszenzen, die durch die intro- 
vertierte Libido wieder ins Leben zurückgerufen werden. Wäre diese 
religiöse „Schöpfung" nicht geglückt (und auch eine andere sublimierte 
Anwendung ausgeschlossen gewesen), so wäre Miß Miller dem erotischen 
Eindruck anheimgefallen entweder bis zur natürlichen Konsequenz 
oder bis zum negativen Ausgang, der das verlorene Liebesglück mit 
einem entsprechend kräftigen Bedauern ersetzt hätte. Bekanntlich 
sind die Meinungen sehr geteilt über den Wert dieses Ausganges eines 
erotischen Konfliktes, wie ihn Miß Miller zur Darstellung gebracht hat. 
Es sei gewiß viel schöner, eine erotische Spannung unbemerkt in die 
erhabenen Gefühle religiöser Poesie aufzulösen, an denen vielleicht 
viele andere Menschen ireude und Erbauung finden könnten. Man 
täte Unrecht, vom radikalen Standpunkt des Wahrheitsfanatismus 
aus Sturm zu laufen gegen diese Auffassung. 

Ich finde, man sollte mit philosophischer Bewunderung die sonder- 
baren Wege der Libido betrachten und den Absichten ihrer Umwege nach- 
forschen. Damit, daß wir die erotische Wurzel ausgegraben haben, ist 
noch nicht zu viel gesagt, jedenfalls das Problem nicht erledigt. Würde 
nicht eine geheime Zweckdienlichkeit von wahrscheinlich höchster 
biologischer Bedeutung damit verbunden sein, so hätte sich gewiß nicht 
die Sehnsucht der zwanzig vergangenen Jahrhunderte danach gestreckt, i 
Zweifellos bewegt sich diese Art der Libidoumwandlung in gleicher Rich- 
tung, wie das in weitestem Sinne „ekstatische" Ideal des Mittelalters und 
der antiken Mysterienkulte, von denen einer das nachmalige Christen- 



\ 









62 




tum wurde. Biologisch ist in diesem Ideal eine Übung der psycho- 
logischen Projektion (des paranoiden Mechanismus, wie Freud 
sagen würde) zu erblicken 1 )/ Die Projektion besteht in der Verdrängung 
des Konfliktes ins Unbewußte^ und der Hinaussetzung des verdrängten 
Inhaltes in die anscheinende Objektivität (was zugleich auch die Formel 
der Paranoia ist). Die Verdrängung dient, wie man weiß, zur Erlösung 
von einem peinlichen Komplex, von dem unbedingt loszukommen 
jst, da man seine zwingende und unterdrückende Gewalt fürchtet. 
Die Verdrängung kann zur anscheinend vollständigen Unterdrückung 
führen, was einer starken Selbstbeherrschung entspricht. Leider aber 
hat die Selbstbeherrschung Grenzen, die nur zu enge gezogen sind. 
Feinere Menschenbeobachtung zeigt, daß zwar im entsprechenden 
Moment die Ruhe bewahrt wird, dafür aber gewisse Folgewirkungen 
auftreten, die in zwei Kategorien zerfallen: 

I. Der unterdrückte Affekt kommt unmittelbar nachher an die 
Oberfläche, und zwar selten direkt, sondern gewöhnlich in der Form 
einer Verschiebung auf ein anderes Objekt (z. B. : man ist in offizieller 
Beziehung höflich, untertänig, geduldig usw. und läßt den ganzen 
Ärger an der Frau oder an den Untergebenen aus). 

II. Der unterdrückte Affekt schafft anderwärts Kompensationen. 
Z. B.: Menschen, die sich zu übermäßiger Ethik anstrengen, immer 
altruistisch und idealistisch denken, fühlen und handeln, rächen sich 
für die Unerträglichkeit ihres Ideals durch fein angelegte ihnen selbst 
natürlich nicht als solche zum Bewußtsein kommende Bosheiten, 
die zu Mißverständnissen und Mißverhältnissen führen. Anscheinend 
sind das dann alles nur „besonders unglückliche Umstände" oder die 
Schuld und die Bosheit anderer Leute oder tragische Verwicklungen./ 
Man ist den Konflikt bewußt zwar los geworden, er steht einem aber 
unsichtbar vor den Füßen und man stolpert über ihn bei jedem Schritt. 
Die Technik des anscheinenden Unterdrückens und Vergessens ist un- 
zulänglich, weil in letzter Linie doch undurchführbar — eigentlich ist 
es ein bloßer Notbehelf. Eine weit wirksamere Hilfe gewährt die religiöse 
Projektion: Man behält den Konflikt (Sorge, Schmerz, Angst usw.) 
im Auge und übergibt ihn einer außenstehenden Persönlichkeit, der 
Gottheit. Dazu will uns die evangelische Forderung erziehen: 

„All Eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für Euch" 2 ). 

2 ) Das spät entstandene, unter außer jüdischen Einflüssen stehende Buch 
Hiob ist eine treffliche Darstellung projizierter Individualpsychologie. 
2 ) I. Petr. 5, 7. 









63 



„Sorget nichts, sondern in allen Dingen lasset Eure Bitte 
Gott kund werden" l ). 



vor 



Man solle die die Seele belastenden Komplexe bewußt der 
Gottheit übergeben, d. h. einem bestimmten Vorstellungskomplex 
assoziieren, der für objektiv-real gesetzt wird, als Person, die die für 
uns unlösbaren Fragen beantwortet. Zu dieser erzieherischen Forderung 
gehört das freimütige Sündenbekenntnis und die ein solches 
voraussetzende christliche Demut. Beides soll es ermöglichen, sich 
selber zu prüfen und zu erkennen 2 ). Als wichtigste Unterstützung 
dieses Erziehungswerkes ist das gegenseitige Sündenbekenntnis 
— zu betrachten, (Vgl. Jac. 5, 16: „Bekenne einer dem andern seine 
Sünden.") Diese Maßnahmen zielen auf ein durchaus psychoanalytisches 
Bewußthalten der Konflikte,/ was auch eine conditio sine qua 
non des psychoanalytischen Genesungszustandes ist. Doch wie die 
Psychoanalyse in der Hand des Arztes als eine zunächst weltliche 
Methode den realen Übertragungsgegenstand als den erlösenden 
Übernehmer. der Konflikte des Bedrückten einsetzt, so die christliche 
Religion den für real gesetzten Heiland, „in welchem wir haben die 
Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden" 3 ). Er 
ist der Löser und Rückkäufer unserer Schuld, ein Gott, der über der 
Sünde steht, „welcher keine Sünde getan hat, ist"' auch kein Betrug 
in seinem Munde erfunden" 4 ); „welcher unsere Sünden selbst geopfert 
hat an seinem Leibe auf dem Holz" 6 ). „Also ist Christus einmal geopfert, 
wegzunehmen Vieler Sünden 8 )." Dieser so gedachte Gott ist gekenn- 
zeichnet als in sich selbst schuldlos und als Selbstopferer. (Diese Be- 
stimmungen gelten also für jene Energie- [Libido-] Menge, die dem als 
Erlöser bezeichneten Vorstellungskomplex zukommt.) Die bewußte 
Projektion, auf welche die christliche Erziehung hinarbeitet, bringt 
somit eine doppelte "Wohltat: erstens hält man sich den Konflikt 
„Sünde") zweier sich gegenseitig widerstrebender Tendenzen bewußt 
und verhütet dadurch, daß durch Verdrängen und Vergessen aus einem 
bekannten Leiden ein unbekanntes und darum um so quälenderes 

*) Phil. 4, 6. 

*) „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns seibat, und 
die Wahrheit ist nicht in uns," 1 Joh. 1, 8. 

*) Eph. 1, 7 und Col. 1, 14. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und 
lud auf sich unsere Schmerzen." Jesaja 53, 4. 

«) 1 Petr. 2, 22. 

*) 1 Petr. 2, 24. 

«) Hebr. 9, 28. 






:• 







64 

werde; und zweitens erleichtert man sich die Last, daß man sie dem, 
,,. der alle Lösungen kennt, übergibt. Man darf aber nicht vergessen, daß 
dem Frommen die individualpsychologischen Wurzeln der für real ge- 
setzten Gottheit verborgen sind, daß er also ohne sein Wissen die Last 
doch allein trägt und doch allein ist mit seinem Konflikt. Diese Täu- 
schung müßte unfehlbar zum baldigen Zusammenbruch des Systems 
führen, denn vor der Natur können keine Täuschungen auf die Dauer 
bestehen. Dem begegnet die mächtige Institution der christlichen 
• Gemeinschaft, deren psychologischen Sinn die Vorschrift des Ja- 
jj/l kobusbriefes am besten ausdrückt: „Bekenne Einer dem Andern seine 
|! Sünden 1 )." 

Es wird als besonders wichtig betont, die Gemeinschaft aufrecht 
zu erhalten und zwar durch gegenseitige Liebe („Übertragung"); 
die paulinischen Vorschriften lassen darüber keinen Zweifel: 

„Durch die Liebe diene Einer dem Andern 2 )." 
„Bleibet fest in der brüderlichen Liebe 3 )." 

„Und lasset uns unser wechselseitig wahrnehmen zum Anspornen 
in der Liebe und guten Werken, nicht wegbleibend von der 
eigenen Versammlung, wie manche den Brauch haben, sondern 
dazu ermahnend 4 )." 

Wir können sagen, daß die Realübertragung in der christlichen 
Gemeinschaft die conditio sine qua non der Wirksamkeit des Erlösungs- 
wunders sei. Der erste Johannesbrief spricht das auch unumwunden 
aus: 

„Wer seinen Bruder liebet, der oleibt im Lichte 6 ). 

„So wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns 6 )." 

Die Gottheit bleibt nur wirksam auf Grund der brüderlichen 
Liebe in der christlichen Gemeinschaft. Somit ist auch hier das erlösende 
Geheimnis die widerstandslose Realübertragung 7 ). Man wird sich billig 
fragen, wozu denn die Gottheit nütze sei, wenn ihre Wirksamkeit nur 
in der Realübertragung bestehe. Auch darauf weiß die evangelische 
Botschaft schlagende Antwort: 

*) „Einer trage des Andern Last." Gal. 6, 2. 
2 ) Gal. 5, 13. 
») Hebr. 13, 1. 
«) Hebr. 10, 24. 
•) 1 Joh. 2, 10. 
•) 1 Joh. *, 12. 

7 ) Denn Gott ist die Liebe, entsprechend dem platonischen „Eros 1 *, 
der den Menschen dem Übersinnlichen verbindet. 






I* 



65 



Die Menschen sind alle Brüder „in Christo". 



„Nehmet Euch untereinander an, wie auch der Christus Euch 
angenommen hat zum Preise Gottes 1 )."* 

Das Übertragungsverhältnis unter den Brüdern soll so sein, • 



wie zwischen dem Menschen und Christus, also ein geistiges. Wie die 
Geschichte antiker Kulte und die gewisser christlicher Sekten zeigt, 
ist diese Definition der Gemeinschaft eine biologisch ungemein wichtige. 
Denn die psychologische Intimität schafft gewisse kürzeste Wege 
zwischen den Menschen, die nur allzuleicht dazu führen, wovon das 
Christentum Befreiung bringen will, nämlich zum Sexualverhältnis 
mit allen jenen Konsequenzen und Notwendigkeiten, unter denen der 
eigentlich schon hoch zivilisierte Mensch um die Wende unserer Zeit- 
rechnung zu leiden hatte. Denn so, wie das antike religiöse Erlebnis 
entschieden als körperliche Vereinigung mit der Gottheit aufgefaßt 
wurde 2 ), so war auch der Kultus von Sexualität jeglicher Art durch- 
tränkt. Die Sexualität lag den Beziehungen der Menschen unter sich nur 
zu nahe. Die moralische Verlotterung der ersten christlichen Jahr- 
hunderte erzeugte eine aus dem Dunkel der untersten Volksschichten 
aufkeimende moralische Keaktion, die sich im II. und III. Jahrhundert 
am reinsten in den beiden antagonistischen Religionen, dem Christen- 
tum einerseits und dem Mithriazismus andererseits ausdrückte. Diese 
Religionen erstrebten eben jene höhere Form von Gemeinschaft im 
Zeichen einer projizierten („Fleisch gewordenen") Idee (töyog), wobei 
alle jene stärksten Triebkräfte des archaischen Menschen nutzbar werden 
konnten zu sozialer Erhaltung, die ihn vorher von einer Leidenschaft 
in die andere rissen 3 ), was den Alten als der Zwang der bösen Gestirne, / 

*) Hebr. 9, 28. 

8 ) Vgl. Reitzenstein: Die hellenistischen Mysterienreligionen. Leipzig 
und Berlin 1910, S. 20: „Zu den Formen, in denen ursprüngliche Völker sich 
die höohBte religiöse Weihe, der Vereinigung mit Gott, vorstellen,, gehört mit 
Notwendigkeit die einer geschlechtlichen Vereinigung, durch welche der 
Mensch das innerste Wesen und die Kraft eines Gottes, seinen Samen in sich 
aufnimmt. Die zunächst ganz sinnliche Vorstellung führt an den verschiedensten 
Stellen unabhängig zu heiligen Handlungen, in denen der Gott durch mensohliche 
Stellvertreter oder ein Symbol, den Phallos, dargestellt wird." 

3 ) Vgl. als ein Beispiel von vielen die treffliche psychologische Schilderung 
der Schicksale des Alypius, in den Bekenntnissen des heiligen Augustin 
(Buch VI. Kapitel 7 ff.): „Allein die Sittenlosigkeit der Karthager, die in den nichts- 
nutzigen Schauspielen sich in ihrer ganzen Wildheit geltend macht, hatte 
ihn in den Strudel dieses Elends hinabgezogen. — (Augustin, damals Lehrer der 
Jung, Libido. 5 






I 



66 

als sl/iaQfievt] vorkam 1 ) und was man im Sinne des späteren Alter- 
tums auch als Libidozwang (die dvvafug xivrjnxrj des Zeno) 

Rhetorik, bekehrte ihn durch seine Weisheit.) — Und er schwang sich nach jener» 
Worten aus der Tiefe des Schlammes empor, von der er mit seinem Willen sich 
hatte verschlingen lassen und die ihn in unseliger Lust blendete; mit mutiger 
Enthaltsamkeit streifte er den Schmutz seiner Seele ab, aller Unrat des Zirkus 
fiel von ihm ab, er betrat ihn nicht mehr. (Alypius ging darauf nach Rom, um die 
Rechte zu studieren; dort wurde er rückfällig.) — Er ward dort von unglücklicher 
Leidenschaft für Gladiatorenspiele ganz unglaublich hingerissen. Denn da er sie 
noch anfangs verabscheute und verwünschte, führten ihn einige Freunde und Mit- 
schüler, als er ihnen, die vom Mahle kamen, begegnete, obgleich er sich mit Auf- 
bietung aller seiner Kräfte heftig weigerte und Widerstand leistete, mit freundlicher 
Gewalt in das Amphitheater am Tage dieser grausamen und mörderischen Spiele. Er 
sprach dabei zu ihnen: ,Wenn Ihr auch meinen Körper an jenen Ort schleppt und 
dort festhaltet, könnt Ihr auch meinen Geist und meine Augen auf jenes Schau- 
spiel wenden? So will ich abwesend anwesend sein und Euch und diese Spiele 
überwinden.' Trotz des Gehörten führten sie ihn mit sich fort, begierig zu erfahren, 
ob er das wohl würde durchsetzen können. Als sie dort angekommen waren, setzten 
sie sich, wo noch Platz offen war und Alles glühte in unmenschlicher Lust. Jener 
schloß die Augen und verbot seiner Seele, sich in solche Fährnisse hinauszuwagen. 
hätte er doch auch seine Ohren veratopft. Denn als einer im Kampfe fiel und das 
ganze Volk ein mächtiges Geschrei erhob, erlag er der Neugierde und bereit, jeden 
Anblick, er möge sein wie er wollte, stolz zu verachten, öffnete er die Augen. 
Und seine Seele ward von schwererer Wunde getroffen als jener am Körper, den 
er zu sehen begehrte und er sank elender als jener, bei dessen Falle das Geschrei 
entstand, das durch seine Ohren eindrang und seine Augen aufschloß, so daß eine 
Blöße entstand, durch welche er getroffen und niedergeworfen werden konnte, 
im Gemüt mehr dreist als stark und um so schwächer, als er auf sich vertraute, 
nicht wie er gesollt, auf Dich. Denn da er das Blut sah, da sog er zugleich den 
Blutdurst ein und wandte sich nicht mehr ab, sondern richtete sein Gesicht darauf, 
schlang die Wut in sich und wußte es doch nicht und ergötzte sich an dem frevel- 
haften Kampfe und ward berauscht von dem blutigen Vergnügen. Nun war er nicht 
mehr derselbe, als welcher er gekommen war und der echte Spießgeselle derer, die 
ihn zuerst mit hingeschleppt hatten. Was ist da noch viel zu sagen? Er sah, er schrie 
auf, er entbrannte und trug von dannen mit sich das wahnsinnige Verlangen, das 
ihn reizte, immer und immer wieder hinzugehen, nicht nur in Begleitung derer, 
die ihn zuerst mitgeschleppt hatten, sondern Allen voran und Andere verführend." 

J ) Vgl. die Gebete der sogenannten Mithrasliturgie (herausgegeben von 
Dieterich). Dort finden sich bezeichnende Stellen, wie: — rfjg ävdQcomvris /<ou 
ymxiKfjg f>vväficag f)v iyä rcäXiv fiETajcaQaXi]/ni)ouai fierd rtjv ivearöiOav Kai 
Kareneiyovoäv jus niKQäv äväyurjv üxQeouÖJtrjTov („die me.ischliohe Seelenkraft, 
die ich wieder erlangen werde nach der gegenwärtigen und mich bedrängenden 
bitteren Not, Bchuldentrückt) — imKaÄoHfxai iveua rfjs KaTETteiyovOijg Kai 
TtatQäg djtaQaitr}tov äväyutjg — („um der niederdrückenden und bittern und. 
unerbittlichen Not willen"). 

Aus der Rede des Hohepriesters (A pule jus: Metamorphos. lib. XI, 248 ff.) 






67 

übersetzen könnte 1 ). Man darf gewiß annehmen, daß die Domesti- 
kation des Menschen schwerste Opfer gekostet hat..' Eine Zeit, die 
das stoische Ideal geschaffen hat, wird wohl gewußt haben, wozu 
und gegen wen sie es erfand. Das neronische Zeitalter gab zu 
den berühmten Stellen des 41. Briefes des Seneca an Lucilius 
die wirksame Folie: 

„Einer reißt den andern hinein in Fehler und wie können wir 
zum Heil gelangen, wenn Niemand Halt gebietet, wenn alle Welt 
uns tiefer hinein treibt?" 

„Triffst du irgendwo einen Menschen, unerschrocken in Ge- 
fahren, unberührt von Lüsten, glücklich im Unglück, ruhig mitten 
im Sturm, erhaben über die gewöhnlichen Sterblichen, auf gleicher 
Stufe mit den Göttern: erfaßt dich nicht auch da Ehrfurcht? Mußt 



läßt sich ein ähnlicher Gedankengang entnehmen. Der junge Philosoph Lucius wird 
in einen Esel, das der Isis verhaßte; immer brünstige Tier, verwandelt, später ent- 
zaubert und in die Mysterien der Isis eingeweiht. Bei der Entzauberung sagt der 
Priester folgendes: — lubrico virentis aetatulae, ad serviles delapsus volup- 
tates, curiositatis improspTae sinistrum praemium reportasti — . Nam in eos, 
quorum sibi vitas servitium Deae nostrae majestas vindicavit, non habet locum 
casus infestus — in tutelam jam receptus es Fortunae, sed videntis. — Im 
Gebete an die Himmelskönigin Isis (1. c. 257) sagt Lucius: — Qua fatonun etiam 
inextrioabiliter contorta retractas licia et Fortunae tempestates mitigas, et stella- 
rum noxios meatus cohibes. — Überhaupt war es der Sinn der Mysterien, 
den „Zwang der Sterne" zu brechen durch magische Gewalt. Die Macht des Schick- 
sals macht sich nur dann unangenehm fühlbar, wenn alles gegen unseren Willen 
geht, d. h. wenn wir uns mit uns selber nicht mehr in Übereinstimmung befinden. 
Wie ich in meiner Schrift „Die Bedeutung des Vaters" usw. zu zeigen versuchte, 
sind die gefährlichsten Schicksalsmächte infantile Libidopositionen, die im Un- 
bewußten lokalisiert sind. Der Schicksalszwang enthüllt sich bei näherem Zusehen 
als ein Libidozwang, weshalb Maeterlinck mit Recht sagt, daß ein Sokrates 
unmöglich ein Tragödienheld in der Art Hamlets werden könne. 

Dieser Auffassung entsprechend hat schon die Antike die eluaQfiivr) 
in Beziehung gesetzt zum „Urlicht" oder „Urfeuer", zur stoischen Vorstellung der 
letzten Ursache, der überall verbreiteten Wärme, die alles geschaffen hat, 
und eben daher auch das Verhängnis ist (vgl. Cumont: Mysterien der Mithra, 
S. 83). Diese Wärme ist, wie später gezeigt werden soll, ein Libidobüd. Ein anderes 
Bild der Ananke (Notwendigkeit) ist nach dem Buche des Zoroaster jieqI (pvGecog 
die Luft, die als Wind (siehe oben) wieder Verbindung mit dem Befruchtenden 
hat. Ich verdanke Herrn Pfarrer Keller in Zürich den Hinweis auf Bergsons 
Begriff der „duree creatrice". 

*) Schiller sagt im Wallenstein: „In deiner Brust sind deines Schicksals 
Sterne". „Unsere Schicksale sind das Resultat unserer Persönlichkeit", sagt 
Emerson in seinen Essays. Vgl. dazu meine Ausführungen in „Die Bedeutung 
des Vaters usw." 



68 



r^ 



du nicht sagen : ein solch erhabenes Wesen ist doch etwas anderes als 
mein elender Leib? Eine göttliche Kraft waltet da, einen so vorzüg- 
licher Geist, voller Maß, erhaben über alles Kleinliche, der lächelt 
über das, was wir andern fürchten oder erstreben: einen solchen 
belebt eine himmlische Macht; etwas Derartiges gibt es nicht ohne Mit- 
wirkung einer Gottheit. Dem größeren Teil nach gehört ein solcher 
Geist den Regionen an, aus denen er herabkam. Wie die Strahlen 
der Sonne zwar die Erde berühren, aber doch nur dort zu Hause sind, 
wo sie herkommen, so verkehrt ein großer heiliger Mensch, der zu uns 
gesandt wurde, daß wir das Göttliche besser kennen lernen, zwar mit 
uns, gehört aber eigentlich doch seiner ursprünglichen Heimat an; 
dorthin blickt und strebt er; unter uns wandelt er als ein höheres 
Wesen." 



Die Menschen dieses Zeitalters waren reif geworden zur Identi- 
fikation mit dem Fleisch gewordenen löyog, zur Gründung einer neuen 
Gesellschaft, welche eine Idee 1 ) einigte, in deren Namen sie sich lieben 
und Brüder 2 ) nennen konnten. Die unbestimmt alte Idee eines /xeolxrjg, 
eines Mittlers, in dessen Namen neue Wege der Liebe erschlossen 
wurden, wurde zur Tatsache und damit tat die menschliche Gesellschaft 
einen ungeheuren Schritt vorwärts. Dazu hatte nicht eine spekulativ 
ausgeklügelte Philosophie, sondern ein elementares Bedürfnis der in 
geistigem Dunkel vegetierenden Masse geführt. Dazu haben offenbar 
tiefste Notwendigkeiten gedrängt, denn es war der Menschheit im 
Zustande der Zügellosigkeit nicht wohl 3 ). Der Sinn jener Kulte — ich 



*) Der Aufstieg zur „Idee" ist besonders schön geschildert bei Augustin, 
Bek. Buch X, Kapitel 6 ff. Der Anfang von Kapitel 8 lautet: „Ich werde mich also 
auch noch über diese Kraft meiner Natur erheben, schrittweise emporsteigen 
zu dem, der mich bereitet hat; werde kommen zu den Gefilden und weiten Palästen 
meines Gedächtnisses." 

2 ) Auch die Bekenner deB Mithra nannten sich Brüder. In philosophischer 
Sprache war Mithra auch der aus Gott emanierte Logos (Cumont: Myst. des 
Mithra, S. 102). 

Außer den Bekennern des Mithra existierten noch viele Bruderschaften, 
die man Thiasoten nannte und wahrscheinlich die Organisationen waren, aus 
denen später die Kirche erwuchs (A. Kalthoff: Die Entstehung des Christentums, 
S. 79 ff.). 

3 ) Augustin, der jener Zeit des Überganges nicht nur zeitlich, sondern 
auch geistig nahe stand, schreibt in seinen Bekenntnissen- (Buch 6, Kapitel 16) : 
„Ich stellte die Frage auf, warum wir, angenommen, wir könnten unsterblich und 
in beständigem Genüsse des Körpers ohne die Furcht, ihn jemals zu verlieren, 
weiter leben, doch nicht glückselig seien oder was wir noch weiter 
suchten? 

Ich Elender bedachte nicht, aus welcher Quelle mir flösse, was ich über 



"* 



69 

spreche vom Christentum und Mithriazismus — ist klar: er ist mo- 
ralische Bändigung animalischer Triebe 1 ). Das explosionsartige Auf- 
treten beider Religionen verrät etwas von jenem ungeheuren Erlösungs- 
gefühl, das den ersten Bekennern innewohnte und das wir heutzutage 
kaum mehr nachzufühlen verstehen, denn diese alten Wahrheiten sind 
uns entleidet. Gewiß würden wir es noch verstehen, hätten unsere 
Sitten auch nur noch einen Hauch antiker Roheit. Wir kennen auch 
kaum mehr die Wirbelstürme entfesselter Libido, die das cäsarische 
Rom durchbrausten. Der heutige Kulturmensch scheint sehr weit 
davon entfernt zu sein. Er ist bloß nervös geworden. So sind uns 
auch notwendigerweise die Bedürfnisse der christlichen Gemeinschaft 
abhanden gekommen, denn wir kennen ihren Sinn nicht mehr. Wir 
wissen nicht, wogegen sie uns zu schützen hätte 2 ). Für aufgeklärte 

dieses doch so Schändliche ruhig mit den Freunden besprach, und ohne diese 
Freunde konnte ich nicht glücklich sein, selbst nach der Gesinnung, 
die ich damals bei jedem Strome sinnlicher Lust bewies. Diese 
Freunde liebte ich wirklich ohne Eigennutz und wußte, daß sie 
auch mich ohne Eigennutz hebten. wundersam gewundene Pfade 1" „Wehe 
dem verwegenen Geiste, der da gehofft hat, wenn er von dir (Gott) gewichen. 
Besseres zu besitzen! Mag er sich vorwärts, rückwärts, auf den Rücken 
oder auf die Seite legen, überall findet er nur harte Beschwerden; Du allein 
bist die Ruhe." 

Es ist ein nicht nur unpsychologisches, sondern auch gänzlich unwissen- 
schaftliches Verfahren, solche Wirkungen der Religion als Suggestionen kurzer- 
hand abzutun. Solche Dinge sind als Ausdruck eines tiefsten psychologischen 
Bedürfnisses ernst zu nehmen. 

x ) Beide Religionen lehren ausgesprochen asketische Moral, zugleich aber 
auch eine Moral der Tat. Letzteres gilt auch vom Mithraskult; Cumont sagt, 
daß der Mithriazismus seine Erfolge dem Werte seiner Moral verdanke, „die in 
hervorragendem Maße zum Handeln erzog" (Myst. d. Mithra, S. 108). Die An- 
hänger des Mithra bildeten eine „heilige Heerschar" zum Kampf gegen das Böse 
(Cumont 1. c, S. 108). Es gab unter ihnen Virgines = Nonnen und Continentes 
= Asketen (Cumont 1. o., S. 123). Daß die Bruderschaften noch einen andern 
Sinn hatten, nämlich einen wirtschaftlich-kommunistischen, darauf trete ich nicht 
ein. Uns interessieren hier bloß die religionspsychologischen Vorgänge. Beide 
Religionen haben die Idee des Gottesopfers gemeinsam : wie Christus sich als 
Lamm Gottes opfert, so opfert Mithra seinen Stier. Dieses Opfer ist in beiden 
Religionen der Kern des Mysteriums. Der Opfertod Christi bedeutet das Heil 
der Welt; aus dem Stieropfer des Mithra geht die ganze Schöpfung hervor. 

s ) Diese psychoanalytische Auffassung der Wurzeln der Mysterienkulte 
ist notwendigerweise einseitig, so gut wie die Analyse der Fundamente des religiösen 
Gediohtes. Um die aktuelle Verdrängungsursache bei Miß M i 1 1 e r zu verstehen, müßte 
man auf die Sittengeschichte der Gegenwart übergreifen; ebenso ist man genötigt, 



• 



I 



70 

Leute ist sogar Religiosität schon sehr nahe an die Neurose gerückt. 
In den vergangenen zwei Jahrtausenden hat das Christentum seine 
Arbeit getan und hat Verdrängungsschranken aufgerichtet, welche uns 
den Anblick unserer eigenen „Sündhaftigkeit" verwehren. Die elemen- 
taren Regungen der Libido sind uns unbekannt geworden, denn sie 
verlaufen im Unbewußten, daher auch der sie bekämpfende Glaube 
leer und schal geworden ist. Wer an diese Maskenhaftigkeit unserer 
Religion nicht glaubt, der hole sich einen Eindruck vom Aussehen 
unserer modernen Kirchen, aus denen sich Styl und Kunst längst 
geflüchtet haben. 

Damit kehren wir zurück zu der Frage, von der wir ausgingen, 
ob nämlich Miß Miller etwas Wertvolles mit ihrem Gedicht geschaffen 
hat oder nicht. Wenn wir berücksichtigen, unter welchen psychologischen 
oder sittengeschichtlichen Bedingungen das Christentum zustande ge- 
kommen ist, nämlich in einer Zeit, wo tiefste Roheit ein alltägliches 
Spektakel war, so verstehen wir die religiöse Ergriffenheit der 
ganzen Persönlichkeit und den Wert der Religion, die den Menschen 
der römischen Kultur gegen den sichtbaren Ansturm des Bösen ver- 
teidigte. Es war jenen Menschen nicht schwierig, sich die Sündhaftigkeit 
bewußt zu halten, denn sie sahen sie alltäglich vor ihren Augen aus- 
gebreitet. Das religiöse Produkt war damals die Leistung der Gesamt- 
persönlichkeit. Miß Miller unterschätzt eben nicht nur ihre „Sünde", 
sondern der Zusammenhang der „niederdrückenden und unerbittlichen 
Not" mit ihrem religiösen Produkt ist ihr sogar verloren gegangen. 
So verliert ihr poetisches Produkt ganz den lebendigen Wert des Re- 
ligiösen: Es ist nicht viel mehr als eine sentimentale Umformung des 

die aktuelle Vordrängungsursache für die Entstehung der Mysterienkulte in der 
antiken Sitten- und Wirtschaftsgeschichte aufzusuchen. Diese Unternehmung 
ist von Kalthoff in glänzender Weise ausgeführt worden. (Vgl. sein Buch: Die 
Entstehung des Christentums. Leipzig, 1904. Ich verweise auch besonders auf 
Pöhlmanns Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus, sowie 
auf Bücher: Die Aufstände der unfreien Arbeiter 143 bis 129 v. Chr., 1874.) In 
dem Umstände, daß ein unglaublich großer Teil des Volkes in der schwärzesten 
Misere des Sklaventums schmachtete, ist wahrscheinlich die andere Ursache für 
die enorme Libidointroversion der ausgehenden Antike zu suchen. Es ist auf di e 
Dauer nicht möglich, daß die, die im Glücke schwelgen, von der tiefen Trauer 
und dem noch tieferen Elend ihrer Brüder nicht auf dem heimlichen Wege des 
"""—■"Unbewußten unvermeidlich angesteckt werdeniwodurch die einen in orgiastischea 
Rasen geraden, die anderen aber, die Bessereü, in den sonderbaren Weltschmerz 
und die Übersattheit der damaligen Intellektuellen. So wurde von zwei Seiten 
her die große Introversion ermöglicht. 



X' 



71 

Erotischen, die sich unter der Hand neben dem Bewußtsein vollzieht 
und prinzipiell denselben Wert besitzt wie der manifeste Trauminhalt 1 ) 
mit seiner unsicheren und täuschenden Hinfälligkeit. Denn das Gedicht 
ist eigentlich bloß lautgewordener Traum. 

In dem Maße, wie das moderne Bewußtsein sich mit Dingen ganz 
anderer Art als Religion leidenschaftlich beschäftigt, ist die Religion 
und ihr Objekt, die elementare Sündhaftigkeit, „ins Nebenamt ge- 
treten", dr h. zu einem großen Teil ins Unbewußte. Darum glaubt 
man heutzutage weder das eine noch das andere. Darum zeiht man die 
Freudsche Schule einer unsauberen Phantasie, und man könnte 
sich doch so leicht durch einen auch bloß flüchtigen Blick auf antike 
Religions- und Sittengeschichte überzeugen, was für Dämonen die 
menschliche Seele beherbergt. Mit diesem Unglauben an die Roheit 
der menschlichen Natur verbindet sich der Unglaube an die Macht der 
Religion. Das jedem Psychoanalytiker wohlbekannte Phänomen der 
unbewußten Umformung eines erotischen Konfliktes in religiöse Be- , 
tätigung ist etwas ethisch durchaus Wertloses und nichts wie hy- 
sterische Mache. Wer dagegen seiner bewußten Sünde ebenso bewußt j 
die Religion entgegensetzt, der tut etwas, dem man im Hinblicke 
auf die Historie das Großartige nicht absprechen kann. Solches ist ge-Jy 
sunde Religion^ Der unbewußten Umformung des Erotischen!' 
ins Religiöse aber kommt der Vorwurf der sentimentalen 
und ethisch wertlosen Pose zu. * 

Die christliche Erziehung hat durch die säkulare Übung der 
naiven Projektion, die, wie wir gesehen haben, nichts anderes als eine 
verhüllte oder mittelbare Realübertragung (durchs Geistige, durch 
den X6yoe) ist, eine weitgehende Schwächung des Animalischen zustande 
gebracht, sodaß ein großer Betrag an Triebkräften für die Arbeit sozialer 
Erhaltung und Fruchtbarkeit frei werden konnte 2 ). Diese Libido- 
menge (um diesen sonderbaren Ausdruck zu gebrauchen) beschritt mit 
der aufkeimenden Renaissance (z. B. Petrarca! vgl. oben) einen Weg, 
den das ausgehende Altertum bereits religiös vorgezeichnet hatte, 
nämlich den Weg der Übertragung auf die Natur 8 ). Diese Umformung 

x ) Vgl. Freud: Die Traumdeutung. 

a ) Vgl. „Sublimierung" Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 
Wien, 1905, S. 76. 

3 ) In einer Weise, die meinem Gedankengang sehr verwandt ist, faßt Kalt- 
hoff (Entstehung des Christentums, S. 154) die Säkularisierung des religiösen 
Interesses als eine erneuerte Inkarnation des Aöyog auf; er sagt: „Das tiefere 






72 

des libidinösen Interesses ist zum guten Teil das Verdienst des Mithras- 
kultes, der eine Naturreligion im besten Sinne dieses Wortes war 1 ), 
während sich das Urchristentum der Schönheit dieser Welt als durchaus 
abhold erwies 2 ). Ich erinnere an die von J. Burcthardt erwähnte 
Stelle aus Augustin, Bek. B. X, Kap. 8: 

„Es ziehen die Menschen dahin, um zu bewundern die Höhen 
der Berge, und die gewaltigen Wogen des Meeres — und verlassen sich 
selbst." 

Der hervorragende Kenner des Mithraskultes Franz Cumont 3 ) 
sagt folgendes: 

„Die Götter waren überall und mischten sich in alle Vorgänge 
des täglichen Lebens. Das Feuer, welches die Nahrungsmittel der 
Gläubigen zubereitete und sie wärmte, das Wasser, welches ihren 
Durst löschte und sie reinigte, die Luft sogar, die sie atmeten, wie der 
Tag, der ihnen leuchtete, waren der Gegenstand ihrer Huldigungen. 
Vielleicht hat keine Religion in dem Maße, wie der Mithriacismus, 
ihren Anhängern Gelegenheit zum Gebet und Motive der Andacht 
gegeben. Wenn der Eingeweihte sich abends nach der heiligen Grotte 
begab, die in der Einsamkeit des Waldes verborgen war, so riefen 
bei jedem Schritte neue Eindrücke in seinem Herzen eine mystische 

Erfassen der Naturbeseelung in der modernen Malerei und Dichtung, die lebendige 
Intuition, deren auch die Wissenschaft bei ihren Btrengsten Arbeiten nicht länger 
antraten will, läßt leicht erkennen, wie der Logos der griechischen Philosophie, 
der dem alten Christustypus seine Weltenstellung anwies, seines Jenseitigkeits- 
charakters entkleidet, eine neue Pleischwerdung feiert." 

') Das scheint wegen der Veräußerlichung des Kultes auch sein Verderben 
geworden zu sein, denn die Augen jener Zeit mußten von der Schönheit dieser 
Welt abgelenkt werden. Augustin (Bek. B. X, Kapitel 6) bemerkt sehr richtig: 
„Aber sie (die Menschen) werden durch ihre Liebe zu ihr (der Schöpfung) derselben 
Untertan." 

a ) Augustin (Bek. B. X, Kapitel 6): „Was aber hebe ich, wenn ich dich, 
Gott, liebe? Nicht Körpergestalt, noch zeitliche Anmut, nicht den Glanz des Lichtes, 
der diesen Augen so lieb, noch die süßen Melodien abwechslungsreicher Gesänge, 
nicht der Blumen und wohlriechenden Salben und Gewürze lieblichen Duft, 
nicht Manna und Honig, nicht Glieder, denen des Fleisches Umarmungen angenehm 
sind. Nicht liebe ich dies, wenn ich meinen Gott hebe, das Licht, die Stimme, 
den Geruch, die Speise, die Umarmung meines inneren Menschen; wo meiner 
Seele leuchtet, was kein Raum faßt, wo erklinget, was keine Zeit raubt, wo duftet, 
was der Wind nicht verweht, wo schmecket, was keine Eßgier vermindert und wo 
vereint bleibt, was kern Überdruß trennt. Das ist es, was ich hebe, wenn ich meinen 
Gott hebe." (Vielleicht eine Vorlage zu Zarathustra: Die sieben Siegel. Nietzsches 
Werke, VI, S. 33 ff.) 

*) Cumont: Die Mysterien des Mithra. Ein Beitrag zur Religionsgeschichte 
der römischen Kaiserzeit. Übersetzt von Gehrioh. Leipzig, 1903, S. 109. 



73 



Erregung hervor. Die Sterne, welche am Himmel glänzten, der Wind, 
der das Laub bewegte, die Quelle oder der Bach, die murmelnd 
zu Tal eilten, selbst die Erde, auf welche sein Fuß trat — alles war 
göttlich in seinen Augen und die ganze Natur, die ihn umgab, erweckte 
in ihm die ehrfürchtige Scheu vor unendlichen Gewalten, welche im 
Weltall wirkten." 

Diese mfthrischen Grundgedanken, die wie so vieles andere 
des antiken Geisteslebens in der Renaissance wieder aus ihrem Grabe 
emporstiegen, finden sich auch in den schönen Worten Senecas 1 ): 

„Wenn du eintrittst in einen Wald von alten ungewöhnlich 
hohen Bäumen, in welchem das Durcheinander von Ästen und Zweigen 
dir den Ausblick des Himmels entzieht: weckt nicht die Erhabenheit 
eines solchen Hains, die Stille des Ortes, der wunderbare Schatten 
dieses freien und doch dichten Gewölbes in dir den Glauben an ein 
höheres Wesen? Und wo sich in unterhöhltes Gestein unter eines 
Berges Überhang eine Grotte hineinzieht, nicht von Menschenhänden 
gemacht, sondern von Natur so ausgeklüftet, durchdringt da nicht 
. dein Gemüt eine Art von Religion? Wir heiligen die Quellpunkte 
großer Flüsse; wo aus dunkelm Grunde ein Wasser herausbricht, da 
steht ein Altar; warme Quellen verehren wir; mancher See wird für 
heilig gehalten wegen seines schattigen Dunkels oder wegen seiner 
unergründeten Tiefe." 

All dies ging unter in der Weltflüchtigkeit des Christentums, 
um erst viel später wieder zu erstehen, als das Denken der Menschen 
jene Selbständigkeit der Idee erworben hatte, die dem ästhetischen 
Eindruck widerstehen konnte, so daß der Gedanke nicht mehr von der 
gefühlsmäßigen Wirkung des Eindruckes gefesselt wurde, sondern , 
sich zu reflektierender Beobachtung erheben konnte. So trat der Mensch 
in ein neues und unabhängiges Verhältnis zur Natur, womit der Grund 
zu Naturwissenschaft und Technik gelegt wurde. Damit trat aber 
neuerdings eine Verschiebung des Schwergewichtes des Interesses ein, 
es entstand wieder Realübertragung, in der es unsere Zeit am weitesten 
gebracht hat. Das materialistische Interesse hat breit überhand geV 
nommen. Daher liegen die Stätten des Geistes, wo früher- die größten 
Kämpfe und Entwicklungen stattgefunden, öde und brach. Die Welt 
ist nicht nur entgöttert, wie die Sentimentalen des 19. Jahrhunderts 
jammerten, sondern auch etwas entseelt. Man darf sich daher nicht 
wundern, wenn die Entdeckungen und Lehrmeinungen der Freud- 



*) 41. Brief an Luoilius. 



I 



74 

sehen Schule mit ihren so ganz nur psychologischen Gesichts- 
punkten auf allgemeines Kopfschütteln stoßen. Durch die Verlagerung 
des Interessenschwerpunktes aus der Innenwelt in die Außenwelt hat 
die Naturerkenntnis im Vergleiche zu früher unendlich zugenommen 
wodurch die anthropomorphe Betrachtungsweise des religiösen Dogmas 
absolut in Frage gestellt ist. Der Eeligiöse von heutzutage kann davor 
nur mit größter Mühe die Augen schließen, denn nicht nur hat sich das 
stärkste Interesse von der christlichen Religion abgewendet, sondern 
auch die Kritik und die notwendige Korrektur haben entsprechend 
zugenommen. Die christliche Eeligion scheint ihre große biologische 
Bestimmung, soweit wir zu erkennen vermögen, erfüllt zu haben: sie 
hat das menschliche Denken zur Selbständigkeit erzogen und hat darum 
ihre Bedeutung in noch unbestimmtem Umfang eingebüßt, jedenfalls 
fällt ihr Dogmengehalt dem Mythischen anheim. Im Hinbück darauf, 
daß diese Religion aber denkbar Größtes an Erziehung geleistet hat,' 
kann man sie heute nicht eo ipso verwerfen. Mir scheint nämlich, daß 
wir ihre Denkformen und nicht zum mindesten ihre große Lebensweisheit 
die sich durch zwei Jahrtausende als überaus wirksam erwiesen haben, 
noch immer irgendwie zu nützen hätten. Die Klippe ist die unglück- 
selige Verquickung von Religion und Moral. Das ist zu über- 
winden. Von diesem Kampf bleiben Spuren in der Seele zurück, 
die man ungern an einem Menschen mißt. Es ist schwer zu sagen, 
worin solche bestehen, es mangeln hierfür Begriffe wie Worte: wenn 
ich trotzdem etwas davon aussage, so tue ich es parabolisch mit den 
Worten Senecas 1 ): 



„Wenn du — beharrlich strebst nach einer edeln Gesinnung, 
so tust du etwas recht Gutes und Heilsames; du brauchst das aber 
nicht zu wünschen, du hast es ja selber in der Hand, du kannst es tun. 
Du brauchst nicht die Hände zum Himmel zu erheben oder den 
Tempeldiener zu bitten, daß er dich zu gewisserer Erhörung ganz nahe 
zu dem Ohre des Götterbildes hinzugelangen lasse: Gott ist dir nahe, 
er ist bei dir, in dir. Ja, mein lieber Lucilius, ein heiliger Geist wohnt 
in uns, der alles Böse und Gute an uns beobachtet und darüber wacht. 
Wie wir ihn behandeln, so ist er auch gegen uns; niemand ist ein guter 
Mensch ohne Gott. Oder kann sich jemand aufschwingen zum Glück 
ohne ihn? Ist er es nicht, der den Menschen große und erhabene 
Gedanken eingibt? In jedem wackeren Manne wohnt ein Gott; 
welcher — das kann ich dir nicht sagen." 






*) 41. Brief an Lucilius. 



y 



75 



V. 

Das Lied von der Motte. 

Wenig später reiste Miß Miller von Genf nach Paris; sie sagt: 
,, Meine Ermüdung in der Eisenbann war so groß, daß ich kaum eine 
Stunde lang schlafen konnte. Es war entsetzlich heiß im Damencoupe." 
Um 4 Uhr morgens bemerkte sie eine Motte, die gegen das Licht im 
Wagen flog. Sie versuchte darauf, wieder einzuschlafen. Da drängte 
sich ihr plötzlich folgendes Gedicht auf: 

The moth to the sun 1 ). 

I longed for thee when first I crawled to consciousness. 

My dreams were all of thee when in the chrysalis I lay. 

Oft myriads of my kind beat out their lives 

Against some feeble spark once caught from thee. 

And one hour more — and my poor life is gone; 

Yet my last effort; as my first desire, shall be 

But to approach thy glory; then, having gained 

One raptured glance, 1*11 die content, 

For I, the souxce of beauty, warmth and life 

Have in bis perfect splendor once beheld. 

Bevor wir auf die Materialien eingehen, die Miß Miller zum 
Verständnis des Gedichtes beibringt, wollen wir wieder zuvor einen 
Blick auf die psychologische Situation werfen, in der das Gedicht ent- 
standen ist. Seit der letzten direkten Manifestation des Unbewußten, 
die uns Miß Miller berichtete, scheinen einige Monate oder Wochen 



*) In etwas freier deutscher Prosaübersetzung: 

Die Motte zur Sonne. 

loh sehnte mich nach dir vom ersten Erwachen meiner Seele, 

All meine Träume gehörten dir, als ich noch in der Puppe lag. 

Oft verhören Tausende meiner Art ihr Leben 

An einem schwachen Funken, der von dir ausging, noch eine 

Stunde — und mein armes Leben ist entflohn — 

Doch meine letzte Kraft, wie meine erste Sehnsucht 

Soll nur deiner Herrlichkeit gelten, dann, wenn es mir gelang, 

Einen kurzen Strahl zu haschen, will ich zufrieden sterben, 

Weil ich die Quelle der Schönheit, Wärme und Leben, einmal in 

Vollkommenem Glänze gesehen habe. 



76 .. 

verflossen zu sein, i-ber welche Zeit wir gar nicht unterrichtet sind. Wir 
erfahren nichts über die Stimmungen und Phantasien dieser Zeit. Wenn 
man aus diesem Schweigen etwas schließen darf, so wäre es z. B. das, 
daß in dem Zeitabschnitt zwischen den beiden Gedichten wirklich nichts 
von Belang vorgekommen ist, daß also das Gedicht wieder ein laut- 
gewordenes Stück aus der über Monate und Jahre sich erstreckenden un- 
gewußten Komplexbearbeitung ist. Es handelt sich höchst wahr- 
scheinlich um denselben Komplex wie früher 1 ). — Das frühere Produkt, 
ein hoffnungsvoller Schöpfungshymnus, hat aber wenig Ähnlichkeit mit 
dem jetzigen Poem. Das vorliegende Gedicht hat einen recht hoffnungs- 
losen melancholischen Charakter : Motte und Sonne, zwei Dinge, die nie 
zusammenkommen. Man muß aber billig fragen, soll denn eine Motte 
wirklich zur Sonne kommen? — Wir kennen wohl die sprichwörtliche 
Redensart von der Motte, die ins Licht fliegt und sich die Flügel ver- 
brennt» nicht aber die Legende von einer Motte, die nach der Sonne 
strebt. Offenbar verdichten sich hier zwei ihrem Sinne nach nicht ganz 
zusammengehörige Dinge ; zunächst die Motte, die so lange ums Licht 
fliegt, bis sie sich verbrennt und dann das Bild eines kleinen ephemeren 
Wesens, etwa der Eintagsfliege, die in kläglichem Gegensatze zu 
der Ewigkeit der Gestirne sich nach dem unvergänglichen Lichte des 
Tages sehnt. Dieses Bild erinnert an Faust: 

„Betrachte wie in Abendsonne- Glut 
Die grünumgebnen Hütten schimmern, 
Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, 
Dort eilt- sie hin und fördert neues Leben. 
daß kein Flügel mich vom Boden hebt, 
Ihr nach und immer nach zu streben. 
Ich sah im ew'gen Abendstrahl 
Die stille Welt zu meinen Füßen .... 

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken, 
Allein der neue Trieb erwacht, 
Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken, 
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, 
Den Himmel über mir und unter mir die Wellen. 
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht. 
Ach — zu des Geistes Flügeln wird so leicht 
Kein körperlicher Flügel sich gesellen." 



J ) Komplexe pflegen von größter Stabilität zu sein, wenn sohon ihre äußeren 
Manifestationsformen kaleidoskopisch wechseln. Experimentelle Untersuchungen 
haben mich reichlich von diesem Faktum überzeugt. 






77 

Nicht lange hernach sieht Faust den „schwarzen Hund durch Saat 
und Stoppel streifen", den Hund, der der Teufel, der Versucher, selber 
ist, in dessen höllischem Feuer sich Faust die Flügel versengen wird. 
Als er glaubte, seine große Sehnsucht der Schönheit der Sonne und der 
Erde zu geben, „verließ er sich selbst darob" und geriet in die Hände 
des Bösen. 

„Ja, kehre nur der holden Erdensonne 

Entschlossen deinen Rücken zu." 

hatte Faust kurz zuvor gesagt in richtiger Erkenntnis der Sachlage, 
denn die Verehrung der Naturschönheit führt den mittelalterlichen 
Christen auf heidnische Gedanken, die in derselben antagonistischen 
Bereitschaft neben seiner bewußten Religion liegen, wie einst der 
Mithriacismus dem Christentume bedrohliche Konkurrenz machte, 
denn öfters verkleidet sich der Satan in einen Engel des Lichts 1 ). 

Die Sehnsucht Fausts wurde sein Verderben. Die Sehnsucht 
nach dem Jenseitigen hatte ihn konsequenterweise zum Lebens- 
überdruß geführt und er stand am Rande des Selbstmordes 2 ). Die 
Sehnsucht nach der Schönheit des Diesseits führte ihn von 
neuem ins Verderben, in Zweifel und Schmerz, bis zum tragischen Tode 
Margaretens. Sein Fehler war, daß er nach beiden Seiten hemmungslos 
dem Drange der Libido folgte, als ein Mensch von großer Leidenschaft. 
.Faust bildet noch einmal den völkerpsychclogischen Konflikt um 
die Wende unserer Zeitrechnung ab, aber was bemerkenswert ist, in 
umgekehrter Reihenfolge. Gegen was für furchtbare Mächte der Ver- 



*) Den letzten, bekanntlich mißlungenen Versuch, Mithriacismus über 
Christentum siegen zu lassen, machte Julian, der Apostat. 

2 ) Diese Lösung des Libidoproblems wurde durch die Weltflucht der ersten 
nachchristlichen Jahrhunderte (die Anachoretenstädte in den Wüsten des Orients) 
in ähnlicher Weise gelöst. In Vergeistigung töteten die Menschen sich ab, um dem 
Extrem der Roheit in der römischen Verfallskultur zu entfliehen. Askese ist for- 
cierte Sublimation und findet sich immer da, wo die animalischen Triebkräfte noch 
so stark sind, daß sie gewaltsam ertötet werden müssen. Der verkappte Selbst- 
mord in der Askese muß biologisch weiter nicht bewiesen werden. Chamberlain 
(Grundl. des 19. Jahrhundert») sieht in dem Problem einen biologischen Selbstmord 
wegen der maßlosen Bastardierung der damaligen Mittelmeervölker. Ich glaube, 
Bastardierung macht eher gemein und lebensfreudig. Es scheint allem nach, daß 
es feinere und höherstehende Menschen waren, die der furchtbaren Zerrissenheit 
jener Zeit, die ja bloß ein Ausdruck der Zerrissenheit des Einzelnen war, über- 
drüssig, ihrem Leben ein Ende machten, um in sich die alte Kultur mit ihrer 
unendlichen Sündhaftigkeit sterben zu lassen. 



/ 
i 



78 

führung sich der Christ mittels der absoluten Jenseitigkeit seiner Hoff- 
nung zu wehren hatte, zeigt das Beispiel des Alypius bei Augustin. 
Wer auch von uns zu joner Zeit der Antike gelebt hätte, dem wäre es 
klar geworden, daß jene Kultur zugrunde gehen mußte, weil sich die 
Menschheit selber dagegen empörte. Bekanntlich hatte sich ja schon 
vor der Ausbreitung des Christentums eine merkwürdige Erlösungs- 
erwartung der Menschheit bemächtigt. Einen Niederschlag dieser 
Stimmung dürfte wohl euch die Ekloge Virgils 1 ) sein: 

Ultima Cumaei venit jam carminis aetaa; 
Magnus ab integro Saeclorum nascitur ordo, 
Jam redit et Virgo 2 ), redeunt Saturnia regna; 
Jam nova progenies caelo demittitur alto. 
Tu modo nascenti puero, quo ferrea primum 
Desinet ac toto surget gens aurea mundo, 
Casta fave Lucina: tuus jam regnat Apollo. 

Te duce, si qua manent sceleris vestigia nostri, 
Inrita perpetua solvent formidine terras. 
Ille deum vitam aeeipiet divisque videbit 
Pennixtos heroas et ipse videbitur illis, 
Pacatumque reget patriis virtutibua orbem 8 ). 

Der mit der allgemeinen Ausbreitung des Christentums erfolgende 
Umschlag in die Askese führte ein neues Verderben für viele her- 
auf: das Klosterwesen und Anachoretentum 4 ). 

Faust macht den umgekehrten Weg; für ihn ist das asketische 
Ideal todbringend. Er ringt nach Befreiung und gewinnt das Leben, 
indem er sich dem Bösen übergibt, aber dadurch wird er zum Todbringer 
für das, was er am meisten liebt: Margarete. Er entreißt sich dem 
Schmerze und opfert sein Leben endloser nützlicher Arbeit, wodurch 



!) Bucolica. Ecl. IV. 

*) Mur} (das Recht), Tochter des Zeus und der Themis, die seit dem gol- 
denen Zeitalter die verrohte Erde verlassen hatte. 

8 ) Dank dieser Ekloge hatte Virgil später die Ehre, quasi christlicher Dichter 
zu sein. Dieser Stellung verdankt er auch das Führeramt bei Dante. 

*) Beides ist nicht nur christlich, sondern auch heidnisoh vorgebildet. 
Essener und Therapeuten waren zum Teil in der Wüste lebende Anaohoreten- 
öfden. Wahrschehuich (wie z. B. ApuL Metamorph, üb. XI zu entnehmen ist) 
bestanden kleine Änsiedlungen von Mysten oder Konsekranden um die Heüig- 
tümer der Isis und des Mithra. Sexuelle Abstinenz und auch ZöÜbat waren 
bekannt. 



!•_ 



79 

er vieler Leben rettet 1 ). Seine Doppelbestimmung als Heiland und Tod- 
bringer ist präliminarisch schon früher angedeutet: 

Wagner: „Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, 
Bei der Verehrung dieser Menge haben." 



Faust: „So haben wir mit höllischen Latwergen 
In diesen Tälern, diesen Bergen, 
Weit schlimmer als die Pest getobt. 
Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben, 
Sie welkten hin, ich muß erleben, 
Daß man die frechen Mörder lobt." 

Eine Parallele zu dieser Doppelrolle ist das historisch bedeutsam 
gewordene Wort des Matthäusevangeliums (10, 34): „Ich bin nicht ge- 
kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert." 

Das eben macht die tiefe Bedeutung des Goe theschen Faust 
aus, daß er einem, seit der Renaissance in unruhigem Schlu mm er sich 
wälzenden Problem des modernen Menschen Worte verleiht, wie es das 
Drama des ödipus für die hellenische Kultursphäre tat. Was soll der 
Ausweg sein, zwischen der Scylla der Weltverneinung und der Charybdis 
der Weltbejahung? 

Der hoffnungsvolle Ton, der sich im Hymnus an den Schöpfer- 
gott bahngebrochen hat, dürfte bei unserer Autorin nicht zu lange 
vorhalten. Die Pose verspricht bloß und hält nie Wort. Die alte Sehn- 
sucht wird wiederkommen, denn es ist eine Eigentümlichkeit aller bloß 
im Unbewußten bearbeiteten Komplexe 2 ), daß sie nichts von ihrem 
ursprünglichen Affektbetrage verlieren, sowie daß ihre äußeren Mani- 
festationen sich beinahe unbegrenzt verändern können. Man kann 
daher das erste Gedicht als einen unbewußten Versuch betrachten, 
den Konflikt durch eine positive Religiosität zu lösen, etwa in der 
Art, wie die früheren Jahrhunderte ihre bewußten Konflikte durch die 
Entgegensetzung des religiösen Standpunktes zur , Entscheidung 
brachten; dieser Versuch mißlingt. Nun folgt mit dem zweiten Gedicht 
ein zweiter Versuch, der entschieden weltlicher ausfällt; sein Gedanke 



J ) „Ein Sumpf zieht am Gebirge bin, 

Verpestet alles schon Errungene; 
Den faulen Pfuhl auch abzuziehn, 

Eröffn' ich Räume vielen Millionen " 

Die Analogie der Ausdrücke mit dem oben folgenden Stück ist zu beachten. 

2 ) Vergleiche Breuer und Freud: Studien über Hysterie, sowie Bleuler: 
Die Psychoanalyse Freuds. Jahrbuch, 1910, II. Bd., 2. Hälfte. 



80 

ist unzweideutig: Nur einmal (having gained one raptured glance . . .) 
und dann sterben. 

Aus den Sphären der religiösen Jenseitigkeit wendet sich, wie 
bei Faust 1 ), der Blick der diesseitigen Sonne zu. Und schon mischt 
sich etwas darein, das einen anderen Sinn hat; nämlich die Motte, 
die so lange ums Licht fliegt, bis sie sich die Flügel verbrennt. 

Wir gehen nun über zu dem, was Miß Miller zum Verständnis 
des Gedichtes beibringt. Sie sagt: 

„Dieses kleine Gedicht machte mir einen tiefen Eindruck. Ich 
konnte allerdings nicht gleich eine ausreichend klare und direkte 
Erklärung dafür finden. Wenige Tage später aber, als ich eine gewisse 
philosophische Arbeit, die ich in Berlin im vorigen Winter gelesen 
hatte, und an der ich mich sehr gefreut, wieder vornahm, las ich sie 
einer Freundin vor, und stieß dabei auf folgende Worte: „La meme 
aspiration passionnee de la mite vers l'etoile, de l'homme vers Dieu." 
(Die gleiche leidenschaftliche Sehnsucht der Motte nach dem Stern, 
des Menschen nach Gott.) Ich hatte diese Worte ganz vergessen, aber 
es erschien als ganz klar, daß eben diese Worte in meinem hypna- 
gogischen Gedicht wieder zum Vorschein gekommen waren. Des 
weitere n fiel mir ein vor einigen Jahren gesehenes Drama ein: „La 

*) Paust (im Selbstmordmonolog): 

„Ins hohe Meer werd' ich hinausgewiesen. 
Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen. 
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 
Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, 
An mich heran! — loh fühle mich bereit 
Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen, 
Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. — 
Dies hohe Leben, diese Götterwonne. — 
Du, erst noch Wurm, und die verdienest du? 
Ja, kehre nur der holden Erdensonne 
Entschlossen deinen Rücken zu." 
Faust (beim Spaziergang): 

„0, daß kein Flügel mich vom Boden hebt, 

Ihr nach und immer nachzustreben. 

Ich sah im ew'gen Abendstrahl 

Die stille Welt zu meinen Füßen 

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten 
Vor den erstaunten Augen auf. 

Allein der neue Trieb erwaoht, 

Ich eile fort ihr ew'ges Licht zu trinken." 

Man sieht, es ist dieselbe Sehnsucht und — dieselbe Sonne. 



81 

mite et la Flamme", als eine weitere mögliche Ursache des Gedichtes. 
Man sieht, wie oft mir der Ausdruck „Motte" eingeprägt wurde." 

Der tiefe Eindruck, den das Gedicht auf die Verfasserin machte, 
spricht es aus, daß sie ein großes Stück Liebe darein gelegt hat. Im 
Ausdruck „aspiration passionnee" begegnen wir der leidenschaftlichen 
Sehnsucht der Motte nach dem Stern, des Menschen nach Gott, d. h. die 
Motte ist Miß Miller selber. Ihre letzte Bemerkung, daß der Ausdruck 
„Motte" ihr oft eingeprägt wurde, will sagen, wie oft sie sich den Namen 
„Motte" als zu ihr selber passend gemerkt hat. Ihre Sehnsucht 
nach Gott gleicht der Sehnsucht der Motte nach dem „Stern". 
Der Leser wird sich erinnern, daß dieser Ausdruck im früheren Material 
bereits belegt ist: „When the morning stars sang together", d. h. der 
Schiffsoffizier singt zur Nachtwache an Deck. Die leidenschaftliche 
Sehnsucht nach Gott gleicht jener Sehnsucht nach dem singenden 
Morgenstern. Im vorhergehenden Kapitel wurde weitläufig gezeigt, daß 
diese Analogie zu erwarten ist — sie parvis componere magna solebam. 
Es ist, wie man will, beschämend oder empörend, daß die gött- 
liche Sehnsucht des Menschen, die ihn doch eigentlich erst wirklich 
zum Menschen macht, mit einer erotischen Nichtigkeit zusammen- 
gebracht werden muß. Eine derartige Vergleichung widerstrebt dem 
feineren Empfinden. Man ist deshalb geneigt, trotz unweigerlicher 
Tatsachen den Zusammenhang zu bestreiten. Ein italienischer Steuer- 
mann mit brauner Haut und schwarzem Schnurrbart und — die höchste, 
teuerste Vorstellung der Menschheit? Die beiden Dinge dürfen nicht 
zusammengebracht werden, dagegen empört sich nicht nur das religiöse 
Empfinden, sondern auch unser Geschmack. 

Es wäre auch gewiß unrichtig, die beiden Objekte als Konkreta 
in Vergleich zu setzen, dazu sind sie zu heterogen. Man liebt eine 
Beethovensche Sonate, man liebt aber auch Kaviar. Es wird niemanden 
einfallen, die Sonate dem Kaviar zu vergleichen. Es ist ein gemeiner 
Irrtum, daß man die Sehnsucht nach der Qualität des Objektes 
beurteilt. Der Appetit des Gourmand, der mit Gänseleber und 
Wachteln gesättigt wird, ist um nichts vornehmer, als der Appetit 
de3 Arbeiters nach Sauerkraut und Speck. Die Sehnsucht ist dieselbe, 
das Objekt wechselt. Die Natur ist nur schön vermöge der Sehnsucht 
und der Liebe, die ihr der Mensch gibt. Die ästhetischen Attribute, 
die hieraus emanieren, gelten daher zu allererst der Libido, die ja allein 
die Schönheit der Natur ausmacht. Der Traum weiß das sehr wohl 
wenn er ein starkes und schönes Gefühl durch das Bild einer schönen 

Jnag, Libido. g 



V 



82 

Landschaft darstellt. Wenn man sich im Gebiete des Erotischen bewegt, 
so wird es vollends klar, rie wenig das Objekt und wieviel die Liebe 
zu bedeuten hat. Man überschätzt, das „Sexualobjekt" in der Regel 
außerordentlich und das nur dank dem hohen Grad von Libido, die dem 
Objekt gewidmet ist. 

Anscheinend hatte Miß Miller sehr wenig für den Offizier übrig, 
was ja menschlich begreiflich ist. Aber trotzdem geht von jener Be- 
ziehung eine tiefe und langanhaltende Wirkung aus, die die Gottheit 
mit dem erotischen Objekt auf eine Linie stellt. Die Stimmungen, 
die anscheinend von diesen Objekten ausgehen, kommen eben nicht 
dorther, sondern sind Manifestationen ihrer starken Liebe. Wenn Miß 
Miller also Gott oder die Sonne preist, so meint sie ihre Liebe, jenen 
tiefsten und stärksten Trieb des menschlichen und tierischen Wesens. — 

Der Leser wird sich erinnern, daß im vorigen Kapitel folgende 
Kette von Synonymen aufgestellt wurde: Der Sänger — Gott des 
Tones — singender Morgenstern — Schöpfer — Gott des Lichts — 
Sonne — Feuer — Gott der Liebe. 

Wir hatten damals Sonne und Feuer in Parenthese gesetzt. Jetzt 
treten sie berechtigterweise in die Kette der Synonyme ein. Mit der 
Umwendung des erotischen Eindruckes aus dem Bejahenden ins Ver- 
neinende treten für das Objekt überwiegend Lichtsymbole ein. 
Im zweiten Gedicht, wo sich die Sehnsucht offener hervorwagt, ist es 
gar die irdische Sonne. Da sich die Sehnsucht vom realen Objekt ab- 
gewandt hat, ist ihr Objekt zunächst ein subjektives, nämlich Gott, 
geworden. Psychologisch ist aber Gott der Name eines Vorstellungs- 
komplexes, der sich um ein sehr starkes Gefühl (Libidosumme) gruppiert; 
das Gefühl aber ist das eigentlich Charakteristische und Wirksame 

amKomplex^.DieAttributeundSymboleder Gottheitdürften 
folgerichtigerweise dem Gefühle (der Sehnsucht, Liebe, Li- 
bido usw.) zugehören. Wenn Gott, die Sonne oder das Feuer verehrt 
wird, so verehrt man seinen Trieb, die Libido. Es ist, wie Seneca 
sagt: „Gott ist dir nahe, er ist bei dir, in dir." Der Gott ist unsere 
Sehnsucht, der wir göttliche Ehren erweisen 2 ). Wenn man nicht wüßte, 
wie ungeheuer bedeutungsvoll die Religion war und ist, so käme einem 
dieses wundersame Spiel mit sich selber lächerlich vor. Es muß daran 
aber etwas sein, was nichts weniger als lächerlich, sondern in gewissem 

*) Vgl. Jung: Diagnost. Assoc. stud. und Psychologie der Dementia 
praecox, Kapitel II und HI. 

2 ) Nach christlicher Anschauungsweise ist Gott die Liebe. 



' 



83 

Sinne höchst zweckmäßig ist. Einen Gott in sich zu tragen, will viel 
heißen : ea ist die Garantie des Glückes, der Macht, ja sogar der Allmacht 
insofern diese Attribute der Gottheit zukommen. Den Gott in sich 
tragen heißt ja soviel, wie selber Gott sein. Im Christentum, wo zwar die 
grobsinnlichen Vorstellungen und Symbole möglichst sorgfältig aus- 
gemerzt sind (eine Fortsetzung der Symbolarmut des jüdischen Kultes, 
wie es scheint), finden sich deutliche Spuren dieser Psychologie. Noch 
deutlicher allerdings ist die Gottwerdung in den nebenchristlichen 
Mysterien, wo der Myste durch die Einweihung selber zu göttlicher 
Verehrung emporgehoben wird: am Schlüsse der Konsekration im 
Isismysterium 1 ) wird der Myste gekrönt mit der Palmenkrone, auf 
ein Piedestal gestellt und als Helios verehrt 2 ). In dem von Dieterich 
als Mithrasliturgie herausgegebenen magischen Papyrus lautet ein 
icgög Xöyog des Konsekranden: 'Eytb dpi avpnkavog vptv doxrjQ xal ix 
xov ßd&ovg ävaXdpjtiov 3 ). 

Der Myste setzt sich in der religiösen Ekstase den Gestirnen gleich, 
genau so wie ein Heiliger des Mittelalters sich durch die Stigmatisation 
mit Christus gleich setzt. Franz von Assisi brachte es in echt heid- 
nischer Weise 4 ) sogar zu näherer Verwandtschaft mit dem Bruder 
Sonne und der Schwester Mond. Diese Vorstellungen von der Gott- 
werdung sind uralt. Der alte Glaube verlegte die Gottwerdung in 
die Zeit nach dem Tode, das Mysterium aber bringt die Gottwerdung \ 
schon in dieser Welt. Am schönsten stellt ein uralter Text die Gott- 
werdung dar: es ist der Triumphgesang der aufsteigenden Seele 6 ): 

„Ich bin der Gott Atum, der ich allein war. 
Ich bin der Gott Re bei seinem ersten Erglänzen. 
Ich bin der große Gott, der sich selbst schuf, der Herr der Götter, 
dem keiner unter den Göttern gleichkommt. 



*) Apul. Met. Üb. XI. 257: „At manu dextera gerebam flaumis adultam 
facem : et caput decora corona cinxerat palmae candidae foüis in modum radiorum 
prosistentibus. Sic ad instar solie exornato et in vicem simulacri constituto — ." 

2 ) Die Paraüele im Christusmysterium ist die Krönung mit der Dornen- 
krone, Schaustellung und Verspottung des HeiÜgen. 

8 ) „Ich bin ein Stern, der mit euch wandelt und aus der Tiefe aufleuchtet." 
Dieterich: Eine Mithrasüturgie, 1910. 

*) Ebenso nannten sich die Sassanidenkönige „Brüder der Sonne und 
des Mondes". In Ägypten war die Seele jedes Herrschers eine Abspaltung aus dem 
Sonnenhorus, eine Inkarnation der Sonne. 

J ) „Das Hervorgehen am Tage aus der Unterwelt." Er man: Ägypten. 
S. 409 f. ^^ 

6* 



84 

Ich war Gestern und kenne das Morgen; der Kampfplatz, der 
Götter ward gemacht, als ich sprach. Ich kenne den Namen jenes 
großen Gottes, der in ihm weilt. 

Ich bin jener große Phönix, der in Heliopolis ist, der da berechnet 
alles, was ist und existiert. 

Ich bin der Gott Min, bei seinem Hervortreten, der ich mir 
die Federn auf mein Haupt setze 1 ). 

Ich bin in meinem Lande, ich komme in meine Stadt. Ich bin 
zusammen mit meinem Vater Atum alltäglich 2 ). 

Meine Unreinheit ist vertrieben, und die Sünde, die in mir 
war, ist niedergeworfen. Ich wusch mich in jenen zwei großen Teichen, 
die in Herakleopolis sind, in denen das Opfer der Menschen gereinigt 
wird, für jenen großen Gott, der dort weilt. 

Ich gehe auf dem Wege, wo ich mein Haupt wasche in dem 
See der Gerechten. Ich gelange zu diesem Lande der Verklärten 
und trete ein durch das prächtige Tor. 

Ihr, die ihr vorne steht, reicht mir eure Hände, ich bin es, ich 
bin einer von euch geworden. Ich bin mit meinem Vater Atum zu- 
sammen alltäglich." 

Die Gottwerdung hat notwendigerweise eine Steigerung der 
individuellen Bedeutung und Macht 3 ) im Gefolge. Das scheint zunächst 
auch damit bezweckt zu sein; nämlich eine Stärkung des Individuums 
gegenüber seiner allzu großen Schwäche und Unsicherheit im realen 
Leben. Der Größenwahn der Gottidentifikation hat einen recht kläg- 
b'chen Hintergrund. Die Stärkung des Kraftbewußtseins ist aber nur 
eine äußerliche Folge der Gottwerdung, viel bedeutsamer sind die 
tieferliegenden Gefuhlsvorgänge. Wer Libido introvertiert, d. h. vom 

l ) Vgl oben die Krönung. Feder, ein Symbol der Macht. Federkrone = 
= Strahlenkrone. Krönung als solche schon ist Sonnenidentifikation. Z. B. tritt 
die Zackenkrone auf römischen Münzbildern von der Zeit an auf, wo die Cäsaren 
mit denSol invictus identifiziert wurden („Solis invicti comes"). Der Heiligenschein 
ist dasselbe, nämlich ein Sonnenbild, ebenso die Tonsur. Die Isispriester hatten 
glattrasierte, glänzende Schädel, wie Gestirne (s. Apul. Metam.). 

a ) Vgl. das, was ich hierüber in meiner Schrift: „Über die Bedeutung des 
Vaters für das Schicksal des Einzelnen" (Deuticke, Wien) sage. 

•) Im Texte der sogenannten Mithrasliturgie heißt es : TJyü el/Ji öv/un^avog 
i)füv äOTTjQ Kai e« voü ßädovs ävakäfuio>v — xaOta aov elnövrog eitöids ö 
dlöKos äizAcotiTjOerai. („Wenn du das gesagt hast, wird sich sofort die Sonnen- 
scheibe entfalten.") Der Myste bat also durch sein Gebet die göttüche Kraft, 
sogar die Sonnenscheibe zur Entfaltung zu bringen. Rostands Chantecler bringt 
ebenfalls mit seinem Krähen die Sonne zum Aufgehen. 

„Denn wahrlich ich sage euch, so ihr Glauben habt, wie ein Senfkorn groß, 
so werdet ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dioh von dannen dorthin. Und er 
wird sich heben; und nichts wird euch- unmöglich sein." (Matth. 17, 20.) 






85 

realen Objekt wegnimmt, der verfällt, falls, er nicht eine andere Real- 
ersetzung vornimmt, den notwendigen Folgen der Introversion: die 
Libido, die nach innen, ins Subjekt gewendet ist, erweckt aus den 
schlafenden Erinnerungen eine wieder auf, welche den Weg enthält, 
auf dem früher einmal die Libido zum realen Objekt gekommen war. 
Zuallererst und an oberster Stelle waren es Vater und Mutter, welche 
die Objekte der kindlichen Liebe waren; sie sind die Einzigartigen und 
Unvergänglichen und es braucht darum im Leben des Erwachsenen 
nicht viel an Schwierigkeiten, um jene Erinnerungen wieder wach- 
zurufen und wirksam zu machen. Inder Religion ist die regressive 
Wiederbelebung von Vater- und Mutterimago zum System 
organisiert. Die Wohltaten der Religion sind die Wohltaten der 
Elternhände, ihr Schutz und ihr Frieden sind die Wirkungen der Eltern- 
obhut auf das Kind, und ihre mystischen Gefühle die unbewußten 
Erinnerungen an die zärtlichen Regungen der ersten Kindheit; wie 
der Hymnus sagt: 

„Ich bin in meinem Lande, ich komme in meine Stadt. Ich bin 
mit meinem Vater Atum zusammen alltäglich." 1 ) 

Der sichtbare Vater der Welt aber ist die Sonne, das himmlische 
Feuer, daher Vater, Gott, Sonne, Feuer mythologische Synonyme 
sind. Die bekannte Tatsache, daß in der Sonnenkraft die große 
Zeugungskraft der Natur verehrt wird, spricht es dem, dem es noch 
nicht klar sein sollte, deutlich aus, daß der Mensch in der Gottheit 
seine eigene Libido verehrt, und zwar unter dem Bilde oder Symbol 
des jeweiligen Übertragungsobjektes. Überaus plastisch tritt 
diese Symbolik uns im dritten Logos des Dieterichschen Papyrus 
entgegen: Nach dem zweiten Gebet 2 ) kommen von der Sonnenscheibe 
Sterne gegen den Mysten, „fünfzackig, sehr viele und erfüllend die ganze 
Luft. „Wenn sich die Sonnensch'eibe geöffnet hat, wirst du einen un- 
ermeßlichen Kreis sehen und feurige Tore, die abgeschlossen sind." 
Der Myste spricht folgendes Gebet: 'Enaxovoöv fiov, äxovoov /xov — 



*) Vgl. besonders die Aussprüche des Johaiinisevangeliums: „Ich und 
der yater sind eins." (10, 30.) „Wer mich siehet, der siehet den Vater." (14, 9.) 
„Glaubet mir, daß ioh im Vater und der Vater in mir ist." (14, II.) — „Ich bin 
vom Vater ausgegangen, und gekommen in die Welt; wiederum verlasse ich die 
Welt, und gehe zum Vater." (16, 28.) „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu 
eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott." (20, 17.) 

2 ) Siehe oben die Fußnote 3, pag. 200. 



86 

6 owdrjoag nvevfiazi td nvgtva xXev&Qa rov ovgavov, diocö/Mrog 1 ) 
nvQbnoXe, qxoxbg xxiaxa — Tivginvoe, TWQMhjie, nvevßiaxdqxog, JtvQtxaQrj, 
xaXXiqxos, cpcoxoxQäxaiQ, 7tvQiocbfiaxe, (pcoxodöza, nvgianÖQe, nvgixXove, 
<pa>x6ßu, TWQidtva, (po>xoxivf\xa, xeQawoxlöve, <pa>xbg xteog, aiil-rjoUpcog, 
IvjtvQuJxijoupcDg äoxQoddjua. 

Die Anrufung ist, wie man sieht, fast unerschöpflich in Licht — 
und Feuerattributen und kann in ihrer Überschwänglichkeit nur noch 
den synonymen Liebesattributen des mittelalterlichen Mystikers 
verglichen werden. Unter den unzähligen Texten, die als Belege in 
Betracht kommen können, wähle ich eine Stelle aus den Schriften der 
Mechthild von Magdeburg (1212—1277): 

„O Herr, minne mich gewaltig und minne mich oft und lang; 
je öfter du mich minnest, um so reiner werde ich; je gewaltiger du mich 
minnest, umso schöner werde ich; je länger du mich minnest, umso 
heiliger werde ich hißr auf Erden." 

Gott antwortete: „Daß ich dich oft minne, das habe ich von 
• meiner Natur, denn ich bin selber die Liebe. Daß ich dich ge- 
waltig minne, das habe ich von meiner Begier, denn auch ich be- 
gehre, daß man mich gewaltig minne. Daß ich dich lang minne, 
das ist von meiner Ewigkeit, denn ich bin ohn' Ende *)." 

Die religiöse Regression bedient sich wohl der Elternimago, 
ohne sie aber als 'Übertragungsobjekt bewußt zu machen, denn das 
verbietet die Inzestschranke 3 ) ; sie bleibt vielmehr bei einem Synonym, 
z. B. des Vaters, also bei einem Gotte oder dem mehr oder weniger 
personifizierten Symbol der Sonne und des Feuers stehen 4 ). Sonne 
und Feuer, d. h. die befruchtende Kraft und die Hitze, sind Attribute 
der Libido. In der Mystik ist das innerlich geschaute Göttliche öfters 

*) „Zweileibiger", ein dunkles Epitheton, wenn man nicht annimmt, 
daß die den damaligen Mysterien geläufige Zweileibigkeit des Erlösten (vgl. die 
Paulinische Auffassung des öößa oaQKwöv und nvev/iariuöv) auch dem Gotte, 
d. h. der Libido attribuiert wurde. Tm Mithraskult soheint der Geistgott Mithra 
zu sein, während Helios der physische Gott, gewissermaßen der sichtbare Statt- 
halter der Gottheit ist. VgL unten über die Verwechselungen zwischen Christus 
und SoJ. 

8 ) Buber: Ekstat. Konfess. S. 66. 

8 ) Vgl. Freud: Drei Abhandlungen zur Sexual theorie. 

*) Renan (Dialogues et fragments philosophiques, S. 168) Sagt: „Avant 
que la religion füt arriv6e h proclamer que Dieu doit etre mis dans l'absolu et l'ideal, 
c'est-ä-dire hors du monde, un seul culte füt raisonnable et scientifique, ce füt 
le culte du soleil." 






87 

bloß Sonne oder Licht und wenig bis gar nicht personifiziert. In der 
Mithrasliturgie findet sich z. B. eine bezeichnende Stelle: 'H de nogeia 
xcöv ÖQW/xivaw ftecbv öiä xov diaxov, naxqog /xov, deov cpavrioexa.1 1 ). 
Hildegard von Bingen (1100— 1178) 2 ) drückt sich folgender- 
maßen aus: 

„Das Licht aber, das ich schaue, ist nicht örtlich, sondern weit 
und weit heller als die Wolke, die die Sonne trägt. — Dieses Lichtes 
Gestalt vermag ich in keiner Weise zu erkennen, wie ich das Kreisrund 
der Sonne nicht vollkommen anblicken kann. In diesem Lichte aber 
sehe ich zuweilen und nicht häufig ein anderes Licht, das mir das 
lebendige Licht genannt wird, und wann und in welcher Weise ich 
dieses sehe, das weiß ich nicht zu sagen. Und da ich es schaue, wird 
mir alle Traurigkeit und alle Not entrafft, also daß ich alsdann die 
Sitten eines einfältigen Mägdleins, und nicht einer alten 
Frau habe." 
Symeon, der neue Theologe (970—1040) sagt folgendes: 

„Meine Zunge entbehrt der Worte, und was in mir geschieht,., 
sieht mein Geist wohl, aber er erklärt es nicht. — Er schaut das 
Unsichtbare, das aller Gestalt Ledige, durchaus Einfache, nicht 
Zusammengesetzte, und an Größe Unendliche. Denn er erblickt keinen 
Anfang und kein Ende schaut er, und ist gänzlich keiner Mitte bewußt, 
und weiß nicht, wie er das sagen soll, was er sieht. Etwas Ganzes 
erscheint, wie ich meine, und nicht mit dem Wesen selbst, sondern 
durch eine Teilnahme. Denn an Feuer entzündest du Feuer, 
und das ganze Feuer empfängst du: jenes aber bleibt ungemindert 
und ungeteüt, wie vordem. Gleichwohl sondert sich, was mitgeteilt 
wird, von dem Ersten; und als ein Körperhaftes geht es in mehrere 
Leuchten ein. Jenes aber ist ein Geistiges, unermeßlich, untrennbar 
und unerschöpflich. Denn nicht scheidet es sich, wenn es sich hingibt, 
in viele, sondern verharrt ungeteilt und ist in mir, und geht drinnen 
in meinem armen Herzen auf , wie eine Sonne oder runde Sonnen- 
scheibe, dem Lichte ähnlich, denn es ist ein Licht!" 3 ) 



*) Dieterich 1. c. S. 6: „Der Weg der sichtbaren Götter wird durch 
die Sonne erscheinen, den Gott meinen Vater." 

2 ) Buber: Ekstat. Konfess. S. 51 f. 

3 ) Liebesgesänge an Gott. Cit. Buber: Ekstat. Konfess. S. 40. 

Eine verwandte Symbolik rindet sich bei Carlyle (Vom großen Manne): 
„Die große Tatsache des Daseins ist ihm groß. Er mag sich wenden, wohin er will, 
er kann aus der hehren Gegenwart dieser Realität nicht herauskommen. Sein 
Wesen ist so geartet, und das ist es zu allererst, was ihn groß macht. Furchtbar 
und wunderber, wirklich wie das Leben, wirklich wie der Tod ist ihm dies Weltall. 
Wenn auch alle Menschen dessen Wahrheit vergäßen und in eitlem Schein wandelten, 
er vermag es nicht. Ihm strahlt in jedem Augenblick das Flammen- 
bild entgegen." (Helden und Heldenverehrung; Hendelsche Ausgabe, S. 54.) 




88 

Daß das als inneres Licht, als Sonne des Jenseits Erschaute die 
Sehnsucht ist, ergibt sich klar aus den Worten Symeons 1 ): 

„Und Ihm folgend verlangte mein Geist den geschauten Glanz 
zu umfassen, aber er fand ihn nicht als Kreatur und es geriet ihm nicht, 
aus den Kreaturen zu gehn, daß er jenen unerschaffenen und un- 
erfaßten Glanz umfange. Dennoch umzog er alles und strebte jenen zu 
schauen. Er durchforschte die Luft, er umwandelte den 
Himmel, er überschritt die Abgründe, er durchspähte 
wie ih m schien, die Enden der Welt 2 ). Aber in alledem fand er 

Mao kann in der Literatur beliebige Proben herausgreifen z. B. S. Friedländer 
(Berlin-Halensee) in Jugend, 1910, Nr. 35, S. 823: „Ihre Sehnsucht begehrt am Ge- 
liebten nur das Reinste, sie verzehrt wie die Sonne mit der Flamme des ungeheuersten 
Lebens zu Kohle, was nicht Licht sein will. Dieses Sonnenauge der Liebe" usw 
J ) Buber 1. c. S. 45. 

a ) loh hebe diese Stelle hervor,-da, dieses Bild die-psychologische Wurzel 
enthält für die sogenannt* „Himmelswanderung der Seele'\ deren Vorstellung ; N 
, uralt ist. Es ist ein Bild der waBdefh"den Sonne, die vomAufgang zum Nieder- 
, gang über die ganze Welt wandert. Die wandernden Götter sind Sonnenbüder, I 
| d. h. Libidobilder. Dieser Vergleich ist der menschlichen Phantasie unaus- 
löschlich eingeprägt, wie das Wesendoncksche Gedicht zeigt: 

Schmerzen. 



Ach, wie sollte ioh da klagen, 
Wie, mein Herz, so schwer dioh sehn, 
Muß die Sonne selbst verzagen. 
Muß die Sonne untergehn? 

Und gebieret Tod nur Leben, 
Geben Schmerzen Wonnen nur: 
0, wie dank' ich, daß gegeben 
Solche Schmerzen mir Natur. 



Sonne, weinest jeden Abend 
Dir die schönen Augen rot, 
Wenn im Meeresspiegel badend 
Dich erreicht der frühe Tod, 
Doch erstehst in alter Pracht, 
Glorie der düstern Welt, 
Du am Morgen neu erwacht, 
Wie ein stolzer Siegesheld. 

Eine andere Parallele ist das Gedicht von RicardaHuoh 
Wie sich die Erde scheidend von der Sonne 
Mit hast'gem Flug in stürm'sche Naoht entfernt. 
Den nackten Leib mit kaltem Schnee besternt, 
Verstummt, beraubt der sommerlichen Wonne. 
Und tiefer sinkend in des Winters Schatten, 
Sich plötzlich nähert dem, wovor sie füeht, 
Mit Fvosenlioht sich warm umschlungen sieht, 
Entgegenstürzend dem verlornen Gatten. 
So ging ich, leidend der Verbannung Strafe, 
Von deinem Antlitz fort ins Ungemach, 
Dem öden Norden schutzlos zugewendet, 
Stets tiefer neigend mich dem Todesschlafe, 
Und wurde so an deinem Herzen wach, 
Von morgenroter Herrlichkeit geblendet. 



89 

nicht, denn geschaffen war alles. Und ich klagte und trauerte und 
brannte im Kerne und wie ein im Geiste Entrückter, so lebte ich. 
Er aber kam, als Er wollte, und wie eine lichte Nebelwolke nieder- 
steigend, schien Er mein ganzes Haupt zu umlagern, daß ich bestürzt 
aufschrie. Er aber wieder entfliegend ließ mich allein. Und als ich Ihn 
mühevoll suchte, erfuhr ich jählings, daß Er in mir selber war 
und in der Mitte meines Herzens erschien Er wie das Licht 
einer kreisrunden Sonne." 

Bei Nietzsche im „Ruhm und Ewigkeit" begegnen wir einer im 
wesentlichen ganz ähnlichen Symbolik (Werke, Bd. 8, Si 427): 

„Still — 

Von großen Dingen — ich sehe Großes. — 

Soll man schweigen 

Oder groß reden: 

Rede groß, meine entzückte "Weisheit. 

Ich sehe hinauf — 

Dort rollen Lichtmeere: 

— Oh Nacht, oh Schweigen, oh totenstiller Lärm. 

Ich sehe ein Zeichen, — 

Aus fernsten Fernen 

Sinkt langsam, funkelnd ein Sternbild 1 ) gegen mich. 

Es ist nicht erstaunlich, wenn die große innere Einsamkeit 
Nietzsches gewissen Denkformen wieder Dasein verleiht, welche die 
mystische Entzückung alter Kulte zu rituellen Vorstellungen erhoben 
hat. In den Gesichten der Mithrasliturgie bewegen wir uns in ganz 
ähnlichen Vorstellungen, die wir nunmehr unschwer als ekstatische 
Libidosymbole verstehen können: Meid de xo eirteiv oe xöv devxegov 
Xdyov, önov ocyf] dlg xal xd dx6Xov&a, ovqioov dlg xal nönnvaov big 
xal ev&iiog oxpet dnö xov diaxov doxegag 7ZQOoeQ%o/xevovg nevxa- 
daxxvXtaiovg JiXeioxovg xal TiuiXäJvxag öXov xöv dega. 2v de ndXiv 
Xeye: oiyrj, oiyq. Kai xov öioxov dvoiysvxog ötpei dnetqov xtixXco/m 
xal -&VQag nvotvag dzioxsxXeiofievag' 1 ). 

2 ) Die Hervorhebungen stammen von mir. 

8 ) „Nachdem du aber das zweite Gebet gesagt hast, wo es zweimal Schwei- 
gen heißt und das folgende, so pfeife zweimal und schnalze zweimal, und sogleich 
wirst du von der Sonnenscheibe Sterne herabkommen sehen, fünfzackig, sehr viele 
und erfüllend die ganze Luft. Sprich aber wiederum: Schweigen, Schweigen" 
usw. (Dieterich 1. c. S. 8, 9.) Das Keifen und Schnalzen ist ein geschmackloses, 
archaisches Relikt, ein Anlocken der theriomorphen Gottheit, wahrscheinlich 
auch Infantilreminiszenz: Beruhigung des Kindes durch Pfeifen und Schnalzen. 
Von ähnlicher Bedeutung ist das Anbrüllen der Gottheit (Mithr. lit. S. 13): „Du 



90 

Es wird Schweigen geboten, dann eröffnet sich die Lichtvision. 
Die Ähnlichkeit der Situation des Mysten mit der dichterischen Vision 
Nietzsches ist überraschend. Nietzsche sagt: „Sternbild". Stern- 
bilder sind bekanntlich in der Hauptsache therio- oder anthropomorph ; 
der Papyrus sagt: äcnigae nevzadaxrvhaiovg (ähnlich der „rosen- 
fingrigen" Eos), was nichts anderes als ein anthropomorphes Bild ist. 
Man kann demnach erwarten, daß bei längerem Zusehen sich aus dem 
„Flammenbild" ein belebtes Wesen formt, ein „Sternbild" von therio- 
oder anthropomorpher Natur, denn die Libidosymbolik bleibt nicht 
bei Sonne, Licht und Feuer stehen, sondern verfügt, wie bekannt, 
noch über ganz andere Ausdrucksmittel. Ich lasse Nietzsche den 

Vortritt: 

Das Feuerzeichen. 

„Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs, 
Ein Opferstein jäh hinaufgetürmt; 
Hier zündete sich unter schwarzem Himmel 
Zarathustra seine Höhenfeuer an." 

„Diese Flamme mit weißgrauem Bauche 

— In kalte Fernen züngelt ihre Gier, 

Nach immer reineren Höhen biegt sie den Hals — 

Eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld: 

Dieses Zeichen stellte ich vor mich hin. 

Meine Seele selber ist diese Flamme: 

Unersättlich nach neuen Fernen 

Lodert aufwärts, aufwärts ihre stille Glut." 

„Nach allem Einsamen werfe ich jetzt die Angel: 
Gebt Antwort auf die Ungeduld der Flamme, 
Fangt mir, dem Fischer auf hohen Bergen, 
Meine siebente, letzte Einsamkeit." 



aber blicke zu ihm auf und ein langes Gebrüll, wie mit einem Hörn, deinen ganzen 
Atem dran gebend, deine Seite pressend, gib von dir und küsse die Amulette" usw. 
„Meine Seele brüllt mit eines hungrigen Löwen Stimme", sagt Mechtgild 
von Magdeburg; Psalm 42, 2: „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, 
so schreiet meine Seele, Gott, zu dir." Der kultische Gebrauch ist, wie so oft, 
zur Redefigur herabgesunken. Die Dementia praecox macht den alten Gebrauch 
aber wieder lebendig im sogenannten „Brüllwunder" Schrebers (siehe dessen 
Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken; Mutze, Leipzig), durch das er dem 
über die Menschheit schlecht orientierten Gott (= Vater) Nachricht von seiner 
Existenz gibt. Die Infantilreminiszenz ist klar: das kindliche Geschrei zur Herbei- 
lockung der Eltern, das Pfeifen und Schnalzen zur Anlockung ihrer theriomorphen 
Attribute, der „hilfreichen Tiere" (s. Rank: Der Myth. von der Geb. d. Held.). 



91 

Hier wird die Libido zum Feuer, zur Flamme und zur Schlange. 
Das ägyptische Symbol der „belebten Sonnenscheibe": der Diskus 
mit den beiden üräusschlangen enthält die Kombination der beiden 
Libidoanalogien. Die Sonnenscheibe mit ihrer befruchtenden Wärme 
ist das Analogon zur befruchtenden Wärme der Liebe. Der Vergleich 
der Libido mit Sonne und Feuer ist ein wesentlich „analoger". Es ist 
auch ein „kausatives" Element darin, denn Sonne und Feuer als wohl- 
tätige Mächte sind Objekte der menschlichen Liebe (z. B. heißt der 
Sonnenheld Mithras der „Vielgeliebte"). In Nietzsches Gedicht ist 
der Vergleich ebenfalls ein kausativer, aber diesmal in umgekehrtem 
Sinne: der Vergleich mit der Schlange ist unzweideutig phallisch, 
ganz entsprechend der Neigung der Antike, im Symbole des Phallus 
die Quintessenz von Leben und Fruchtbarkeit zu sehen. Der Phallus 
ist die Quelle von Leben und Libido, der große Schöpfer 
und Wundertäter, als weicher er überall Verehrung genoß. Wir haben 
also drei Arten von Symbolbezeichnungen der Libido: 

1. Der analoge Vergleich: gleichwie Sonne und Feuer. 

2. Die kausativen Vergleiche: a) Objekt vergleich. Die Li- 
bido wird durch ihr Objekt bezeichnet, z. B. durch die wohltätige Sonne, 
b) Subjektvergleich. Die Libido wird durch ihren Ursprungsort oder 
dessen Analogon bezeichnet, z. B. durch Phallus oder (analog) Schlange. 

Bei diesen drei Grundformen des Vergleiches wirkt noch eine 
vierte mit, nämlich der Tätigkeitsvergleich, wobei das Tertium 
comparationis die Tätigkeit ist, (z. B. die Libido befruchtet wie der 
Stier, ist gefährlich — durch die Macht ihrer Leidenschaft — wie der 
Löwe, der reißende Eber, ist brünstig, wie der stets brünstige Esel usw.). 

Der Tätigkeitsvergleich kann ebensowohl der Kategorie des 
analogen, wie der des kausativen Vergleiches angehören. Diese Ver- 
gleichsmöglichkeiten bedeuten ebenso viele Symbol möglich- 
keiten und aus diesem Grunde sind alle die unendlich verschiedenen 
Symbole, so weit sie Libidobilder sind, eigentlich auf eine sehr einfache 
Wurzel zu reduzieren, närnlich eben auf die Libido und ihre fest- 
stehenden primitiven Eigenschaften. Diese psychologische 
Reduktion und Vereinfachung entspricht der historischen Bemühung 
der Zivilisationen, die unendliche Anzahl der Götter synkretistisch 
zu vereinigen und zu vereinfachen. Wir begegnen diesem Versuche 
schon im alten Ägypten, wo der maßlose Polytheismus der verschiedenen 
Ortsdämonen schließlich zur Vereinfachung nötigte. Alle die ver- 
schiedenen Lokalgötter wurden dem Gotte der Sonne, Re, identifiziert, 






92 

so der Amon von Theben, der Horus des Ostens, der Horus von Edfu, 
der Chnum von Elephantine, der Atum von Heliopolis usw. 1 ). In den 
Sonnenhymnen wurde das Mischprodukt Amon-Re-Harmachis-Atum 
als „einziger Gott, in Wahrheit lebender" angerufen 2 ). 

In dieser Richtung ging Amenhotep IV. (XVIII. Dynastie) am 
weitesten: er ersetzte alle bisherigen Götter durch die „lebende, große 
Sonnenscheibe", deren offizieller Titel lautete: 

„Die beide Horizonte beherrschende Sonne, die im Horizont 
jauchzende in ihrem Namen: Glanz, welcher in der Sonnenscheibe 
ist." — „Und zwar sollte nicht ein Sonnengott verehrt werden," fügt 
Erman 3 ) hinzu, „sondern das Gestirn der Sonne selbst, das „die 
Unendlichkeit von Leben, die in ihm ist", durch seine Strahlen- 
hände 4 ) den lebenden Wesen mitteilt." — 

Amenhotep IV. vollzog mit seiner Reform eine Deutungsarbeit, 
die psychologisch wertvoll ist. Er vereinigte alle die Stier- 6 ), Widder- 6 ), 
Krokodil-'), Pfahl- 8 ), usw. -Götter in der Sonnenscheibe und erklärte 
damit ihre Sonderattribute als mit den Attributen der Sonne vereinbar 9 ). 
Ein ähnliches Schicksal ereilte den hellenischen und römischen Poly- 
theismus durch die synkretistischen Bestrebungen der späteren Jahr- 
hunderte. Einen trefflichen Beleg dafür liefert das schöne Gebet des 
Lucius 10 ) an die Himmelskönigin (Mond): 

„Regina coeli, sive tu Ceres, alma frugum parens, seu tu coelestis 
Venus — seu Phoebi soror — seu noctuniis ululatibus horrenda 
Proserpina — ista luce feminea conlustrans cuncta moenia 11 )." 









*) Sogar der im Krokodil erscheinende Wassergott Sobk wurde Re identi- 
fiziert. 

«) Erman: Ägypten, S. 354. 

3 ) L c. S. 355. 

*) Vgl. oben: „äariQag nevtaöaKtvXuUovs"> 

'-) Apisstier als Manifestation von Ptafa. Der Stier ist ein bekanntes 
Sonnenbild. 

') Amon. 

'•') Sobk des Faijum. 

') Der Gott von Dedu im Delta, der als Holzpfahl (phallisch) verehrt 
wurde. 

•) Diese Reformation, die mit viel Fanatismus ins Werk gesetzt wurde, 
brach bald wieder zusammen. 

") Apul. Metam. lib. XI. 239. 

") Es ist bemerkenswert, daß auch die Humanisten (ioh denke an ein Wort 
des gelehrten Mutianus Rufus) bald einsahen, daß das Altertum eigentlich 
nur zwei Götter hatte, nämlich einen männlichen und einen weiblichen.- 



93 

Diese Versuche, die in zahllose Variationen zerteilten und zu 
einzelnen Göttern personifizierten religiösen Urgedanken nach ihrer 
polytheistischen Vervielfachung und Zerspaltung wieder zu wenigen 
Einheiten zusammenzufassen, schildern die Tatsache, daß schon zu 
frühen Zeiten die Analogien sich förmlich aufgedrängt haben. Reich 
an solchen Beziehungen ist bekanntlich Herodot, ganz zu schweigen 
von den Systemen der hellenistisch-römischen Welt. Dem Bestreben, 
die Einheit herzustellen, steht ein sozusagen noch stärkeres Bestreben 
gegenüber, immer wieder Vielheit zu schaffen, so daß auch in sogenannt 
streng monotheistischen Religionen, wie z. B. im Christentum, die 
polytheistische Tendenz ununterdrückbar ist. Die Gottheit zerfallt 
mindestens in drei Teile, wozu noch die weibliche Gottheit der Maria 
und das Heer der Untergötter respektive der Engel und Heiligen kommt. 
Diese beiden Tendenzen liegen miteinander in beständigem Kampfe; 
bald ist es ein Gott mit zahlreichen Attributen, oder es sind viele 
Götter, die dann einfach lokal anders benannt werden, und bald dieses, 
bald jenes Attribut ihres Grundgedankens personifizieren, wie wir 
das z. B. oben bei den ägyptischen Göttern gesehen haben. 

Damit kehren wir wieder zurück zu dem Gedichte von Nietzsche : 
Das Feuerzeichen. Wir fanden dort als Libidobild die Flamme, 
theriomorph dargestellt als Schlange (zugleich als Bild der Seele 1 ): 
„Meine Seele selber ist diese Flamme"). Wir sahen, daß die Schlange 
als phallisches Libidobild aufzufassen ist („gerade aufgerichtet vor 
Ungeduld"), und daß dieses Bild auch ein Attribut des Sonnenbildes 



x ) Nicht nur der Gottheit, sondern auch der Seele wurde die Licht- oder 
Feuersubstanz zugeschrieben, so z. B. im System des Mäni, ebenso bei den 
Griechen, wo sie als feuriger Lufthauch charakterisiert war. Der heilige Geist des 
Neuen Testamentes erscheint in Flammenform auf den Häuptern der Apostel, 
denn das nveO/Aä wurde als feurig gedacht (vgl. auch Dieterich, 1. c. S. 116). 
Ganz ähnlich ist die iranische Vorstellung des Hvareno, worunter die „Gnade 
des Himmels" zu verstehen ist, durch die ein Monarch regiert. Die „Gnade" wurde 
ais eine Art Feuer oder leuchtender Glorie, sehr substanziell, gedacht (citCumont: 
Myst. d. Mithra, S. 70). Vorstellungen verwandten Charakters begegnen wir bei 
Kerners Seherin von Prevorst, und bei dem von mir publizierten Falle (Psych, 
und Path. sog. occ. Phänomene). Hier bestehen nicht nur die Seelen aus einer 
geistigen Lichtsubstanz, sondern die ganze Welt ist nach dem Weiß-Schwarz-System 
des Manichäismus aufgebaut — und das bei einem Iß jährigen Mädchen! Die 
„intellektuelle Mehrleistung", die ich früher in dieser Schöpfung erblickte, enthüllt 
sich jetzt als eine Folge der energischen Introversion, welche tiefe, historische 
Schichten des Geistes wieder aufwühlt, worin ich eine Regression auf die im Un- 
bewußten verdichteten Erinnerungen der Menschheit erblicke. 



94 

(das ägyptische Sonnenidol) respektive ein Libidobild mit Kombination 
von Sonne und Phallus ist. Es ist deshalb nicht ganz unerhört, wenn die 
Sonnenscheibe außer mit Händen und Füßen auch mit einem Penis 
begabt wird. Den B?leg für dieses Bild finden wir in einem sonderbaren 
Gesichte der Mith-asliturgie : öfioicog dl xal 6 xalov[ievog a&Ms, % 
&QXV rov teaovQyo~vros ävipov. "(hpet yäg &nh xov dioxov äs alXbv 
xgefui/xevov 1 ). .X 

Diese überaus merkwürdige Vision einer von der Sonnenscheibe 
herunter hängenden Röhre würde in einem religiösen Texte, wie dem 
der Mithrasliturgie, befremdend und zugleich geschmacklos wirken, 
wenn dieser Röhre nicht die phallische Bedeutung zukäme: Die Röhre 
ist der ürsprungsort der Winde. Aus diesem Attribut ist die phallische 
Bedeutung zunächst nicht zu ersehen. Es ist aber daran zu erinnern, 
daß der Wind, so gut wie die Sonne, ein Befruchter und Schöpfer ist,' 
wie ich oben in eirer Fußnote bereits kursorisch erwähnte 2 ). Bei einem 
Maler des deutschen Mittelalters finden wir eine Darstellung der Con- 
ceptio immaculata, die hier der Erwähnung verdient: Vom Himmel 
kommt eine Röhre oder ein Schlauch herunter und begibt sich unter 
die Röcke der Maria; darin fliegt in Gestalt der Taube der heilige Geist 
herunter zur Befruchtung der Gottesmutter 8 ). 

Hon egger hat bei einem Geisteskranken (paranoide Demenz) 
folgende Wahnidee entdeckt: Der Kranke sieht an der Sonne einen 
sogenannten „Aufwärts- Schwanz" (d. h. soviel wie erigierten Penis). 
Wenn der Kranke mit dem Kopfe hin- und herwackelt, so schwankt 
auch der Sonnenpenis hin und her und daraus entsteht der Wind. 
Diese sonderbare Wahnidee blieb uns so lange unverständlich, bis ich 
die Visionen der Mithrasliturgie kennen lernte. Die Wahnidee wirft aber 
auch ein erklärendes Licht, wie mir scheint, auf eine recht dunkle 
Stelle des Textes, die unmittelbar der vorhin zitierten folgt: ek Sl rd 
fiigi] td TtQ Ös tißa &7iiQanov ohv &nr,Xi(bxrjv. 'Eav jj XBxXt]Qc6#eroe 

! ) „Ähnlicherweise wird sichtbar sein auch die sogenannte Röhre, der 
Y Ursprung des diensttuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnensoheibe wie 
eine herabhängende Röhre sehen." Dieterioh 1. o. S. 6, 7. 

2 ) Ich füge hier eine StelJe aus Firmicus Mater nus (Mathes. I. 5, 9- 
cit. Cumont: Text, et Mon. I, 40) an: „Coi (animo) desoensus per orbem s'olis 
tribuitur." 

3 ) Von Mithras, der in wunderbarer Weise aus einem Felsen geboren wird, 
bemerkt St. Hieronymus, daß diese Erzeugung „solo aestu libidinis" erfolgt sei 
(Cumont: Text, et Mon. I, S. 163). 






95 

dß de rd fieor] tov äavjhojTov 6 etsgog, ö/wicog elg ja fxegy] rd ixeivov 
öxpu xr]v änocpooäv tov ögäfiatog. 

Dieterich (S. 7) übersetzt hier: 

„Und zwar nach den Gegenden gen Westen, unendlich als 
Ostwind; wenn die Bestimmung nach den Gegenden des Ostens 
der andere hat, so wirst du in ähnlicher Weise nach den Gegenden 
jenes die Umdrehung (Fortbewegung) des Gesichtes sehen." 

Etwas deutlicher übersetzt Mead 1 ): 

„And towards the regions Westward, as though it were an 
infinite Eastwind. But if the other wind, toward the regions of the 
East, should be in serviee, in the like fashion shall thou see, toward 
the regions of that (side) the converse of the sight." 

"Oga/ua ist die Vision, das Gesehene, anoyoqa heißt eigentlich 
das Wegtragen, Wegnehmen. Der Sinn dürfte demnach sein: je nach 
der Richtung des Windes wird das Gesehene bald dahin, bald dorthin 
weggetragen oder gewendet. Das Öoafia ist die Röhre, der „Ur- 
sprungsort der Winde", die sich bald nach Osten, bald nach Westen 
wendet und den entsprechenden Wind erzeugt, darf man wohl hinzu- 
fügen. Mit dieser Bewegung der Röhre stimmt die Vision des Geistes- 
kranken erstaunlich überein 2 ). 

Die verschiedenen Attribute der Sonne, in Serien zerlegt, kommen 
in der Mithrasliturgie nacheinander zur Erscheinung: Nach der Vision 
des Helios treten sieben Jungfrauen mit Schlangengesichtern 
und sieben Götter mit Gesichtern schwarzer Stiere auf. 

Die Jungfrau ist als kausativer Vergleich der Libido leicht ver- 
ständlich. Die Schlange im Paradies wird gerne weiblich gedacht, als 
das verführerische Prinzip im Weibe (von alten Künstlern auch weiblich 
dargestellt), obschon die Schlange eigentlich phallische Bedeutung hat. 

J ) Mead: A Mithriac Ritual. London 1907, S. 22. 

2 ) Ich verdanke meinem Freunde und Mitarbeiter Dr. Riklin die Kenntnis 
folgenden Falles, der eine uns interessierende Symbofik aufweist: Es handelt sich 
um eine paranoide Patientin, die folgendermaßen in den manifesten Größenwahn 
überging; sie sah plötzlich ein starkes Licht, ein Wind blies sie an, sie fühlte, 
wie sich ihr „Herz umkehrte" und von diesem Augenblick an wußte sie, daß Gott 
bei ihr eingekehrt und in ihr war. 

Ich muß hier auch auf die interessanten Zusammenhänge von mythologischen 
und pathologischen Bildungen hinweisen, die sich aus der mit bewundernswerter 
Geduld und Gründlichkeit durchgeführten analytischen Untersuchung von Fräu- 
lein Dr. S. Spielrein ergeben. Fräulein Dr. Spielrein hat, was ich ausdrücklich 
hervorhebe, in selbständiger und von mir unabhängiger Forschungsarbeit 
die von ihr in diesem Jahrbuch dargestellten Symbolismen entdeckt. 




96 

In ähnlichem Bedeutungswandel wurde in der Antike die Schlange 
auch zum Symbol der Erde, die ihrerseits stets weiblich gedacht wurde. 
Der Stier ist wohlbekanntes Fruchtbarkeitssymbol der Sonne. Die 
Stiergötter werden in der Mithrasliturgie xvaj&axoawXaxeg, „Weltachsen- 
wächter" genannt, die die „Achse dea Kreises des Himmels" umdrehen. 
Dasselbe Attribut hat auch der Gottmensch Mithras, der bald der Sol 
invictus selber ist, bald der mächtige Gefährte und Beherrscher des 
Helios: er hält in der rechten Hand „das Bärengestirn, das bewegt und 
zurückwendet den Himmel". Die stierköpfigen Götter, ebenfalls legol 
xal äkxi/wi veaviat wie Mithras selbst, dem das Attribut vetixegog 
beigegeben ist, sind nur attributive Auseinanderlegungen derselben 
Gottheit. Der Hauptgott der Mithrasliturgie zerfällt selber in Mithras 
und Helios, deren beider Attribute einander sehr verwandt sind (von 
Helios): öxpet üeöv vewxegov eveidij TWQtvöxQixa h> ya&vi Xevxcö xal 
xXapvöi xoxxlvfl, exovra tivqivov oxicpavov 1 ); (von Mithras): öyjei deov 
VTzeQpeye&r], qxoxivrjv tjpna xrjv öyjiv, veüxeqov, %Qvaox6fxav, iv xit&vi 
Xevxcö xal X6 va oxe<pdvcp xal ävat-vgioi, xazkypvxa xfj de£ia x^l 
.{töoxov <b[iov xQÜoeov, 8g iatcv ÜQxxog % xivovaa xal ävxtoxQicpovoa 
xbv ovQavdv, xaxa Sgav ävanoXevovoa xal xaxanoXevovaa. ineixa öipst 
ävxov ix xcöv ofifidrcov ämganag xal ix tov ow/naxog foxigag äXXo- 
/jh'ovg 2 ). 

Setzen wir Gold und Feuer als wesentlich ähnlich, so herrscht 
eine große Übereinstimmung in den Attributen der beiden Götter. 
An diese heidnisch -mystischen Bilder verdienen die wahrscheinlich 
ziemlich gleichzeitigen Visionen der Johannes-Apokalypse angereiht 
zu werden: 

„Und da ich mich wandte, sah ich sieben goldene Leuchter 
und in der Mitte der sieben Leuchter 3 ) einen gleich einem Menschen- 
sohne, bekleidet mit einem Talar und umgürtet an der Brust mit 






x ) Dieterich 1. c. S. 10, II: „Du wirst einen Gott sehen, jugendlich, 
schön, mit feurigen Locken in weißem Gewände, und in scharlochrotem ManteL 
mit einem feurigen Kranze." 

*) Dieterich L c. S. 14, 15: „Du wirst sehen, Gott übergewaltig mit 
leuchtendem Antlitz, jung, mit goldenem Haupthaar, in weißem Gewände, mit 
goldenem Kranz, in weiten Beinkleidern, haltend in der rechten Hand eines Rindes 
goldene Schulter, die da ist das Bärengestini, das bewegt und zurüokwendet den 
Himmel, stundenweise hinauf und hinabwandelnd, dann wirst du sehen aus seinen 
Augen Blitze und aus seinem Leibe Sterne springen." 

■) Nach chaldäischer Lehre nimmt die Sonne den Mittelplatz im Chore 
der sieben Planeten ein. 






•• 



97 



goldenem Gürtel ; sein Haupt aber und seine Haare weiß wie weiße 
Wolle, wie Schnee; und seine Augen wie Feuerflamme; und seine 
Füße gleich Erzweihrach; wie im Ofen geglühet; und seine Stimme 
wie Rauschen großer Wasser; und er hatte in seiner .rechten Hand 
sieben Sterne 1 ); und aus seinem Munde ging ein scharfes zwei- 
schneidiges Schwert 2 ); und sein Antlitz war, wie die Sonne 
leuchtet in ihrer Macht." (De Wette, Offenb. Joh. I, 12 ff. 

„Siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß Einer, gleich 
einem Menschensohne, der hatte auf seinem Haupte eine goldene 
Krone (axkpavov xQvoovv) und in seiner Hand eine scharfe Sichel 2 )." 
(De Wette, Offenb. Joh. 14, 14.) 

„Seine Augen aber waren wie Feuerflamme und auf seinem 
Haupte viele Diademe." 

„Und er war angetan mit einem in Blut getunkten Kleide 3 )." 

„Und die himmlischen Heere folgeten ihm nach auf weißen 
Rossen, bekleidet mit weißem und reinem Byssus*). Und aus seinem 
Munde gehet ein scharfes, zweischneidiges Schwert." (De Wette, 
Offenb. Joh. 19, 12 ff.) 

Man braucht nicht anzunehmen, daß ein direktes Abhängig- 
keitsverhältnis zwischen der Apokalypse und der Mithrasliturgie vor- 
handen ist. Die visionären Bilder beider Texte sind geschöpft aus 
einer Quelle, die nicht bloß an einer Stelle fließt, sondern sich im Geiste 
vieler Menschen findet, da die Symbole, die aus ihr hervorgehen, zu 
typisch sind, um bloß einem Einzelnen angehören zu können. 

Ich setzte diese Bilder hierher, um zu zeigen, wie sich die primitive 
Lichtsymbolik allmählich bei zunehmender Vertiefung des Gesichtes 
zum Bilde des Sonnenhelden, des „Vielgeliebten" 5 ) entwickelt. Der 
Weg über die Lichtsymbolik ist durchaus typisch; ich darf vielleicht 6 ) 



fr 



*) Der große Bär besteht aus sieben Sternen. 

*) Mithras wird häufig mit dem Messer in der einen Hand und der Fackel 
in der andern Hand dargestellt. Das Messer spielt als Opferinstrument in seinem • 
Mythus eine große Rolle. 

:i ) Vgl. dazu den scharlachroten Mantel des Helios in der Mithrasliturgie. 
Es gehörte zu den Riten verschiedener Kulte, sich in die blutigen Häute der Opfer - 
tiere zu hüllen, so bei den Luperkalien, Dionysien und Saturnalien, welch letztere 
uns den Karneval hinterlassen haben, dessen typische Figur in Rom der priapisohe 
Puloinello war. 

*) Vgl. die in Byssus gekleidete Gefolgschaft des Helios. Auch die stier- 
köpfigen Götter tragen weiße neßi^di/tara (Schürzen?). 

5 ) Der Titel des Mithra in Vendidad XIX, 28; oit. Cumont: Text, et 
Mon., S. 37. 

*) Die Entwicklung der Sonnensymbolik in „Faust" reicht nicht bis zur 
anthropomorphen .Vision, sie macht (in der Selbstmordszene) beim Wagen des 
Jung, Libido. 7 



98 

daran erinnern, daß ich' diesen Weg schon früher an zahlreichen Bei- 
spielen nachgewiesen habe, weshalb ich es mir ersparen kann, noch 
einmal darauf zurückzukommen 1 ). Diese visionären Vorgänge sind 
die psychologischen Wurzeln zu den Sonnenkrönungen in den My- 
sterien (vgl. Apul. Met. lib. XI.). Ihr Ritus ist zu liturgischer Form 
erstarrte religiöse Halluzination, die ihrer großen Gesetzmäßigkeit 
wegen eben zu allgemeingültiger äußerer Form werden konnte. 

Nach all dem ist es leicht verständlich, daß die alte christliche 
Kirche einerseits in einem besonderen Verhältnis zu Christus als Sol 
novus stand und andererseits eine gewisse Mühe hatte, sich des irdischen 
Symbols des Christus zu erwehren. Schon Philo von Alexandrien 
sah in der Sonne das Bild des göttlichen Logos oder der Gottheit über- 
haupt (De Somniis I, 85). In einer Ambrosianischen Hymne wird Christus 
angerufen: sol salutis etc. Zur Zeit des Marcus Aurelius nannte 
Meli ton in seiner Schrift Jiegl Iovxqov 2 ) Christus den "HXioe 
ävatolLrjs y.6vos ifhos ovtos ävhetkev an ovQavov. 

Noch deutlicher ist eine Stelle bei Pseudo-Cyprian 3 ): 

„0 quam praeclara providentia ut ülo die quo f actus est sol, 
in ipso die nasceretur Christus, v. Kai. Apr. feria IV, et ideo de ipso 
ad plebem dicebat Malachias propheta: „Orietur vobis ßol iustitiae 
et curatio est in pennis ejus", hie est sol iustitiae cuis in pennis 
curatio praeostendebatur 4 ). 

In einer angeblich von Johannes Chrysostomus herrührenden 
Schrift: De solstitiis et Aequinoctiis 6 ) heißt es: 

Helios Halt. („Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, an mich heran.") 
Zur Aufnahme des sterbenden oder abschiednehmenden Helden kommt der 
Feuerwagen, wie bei Elias oder Mithras Himmelfahrt (ähnlich Franz von 
Assisi). Der Flug des „Faust" geht übers Meer, ebenso der des Mithras, die alt- 
christlichen bildnerischen Darstellungen der Himmelfahrt des Elias lehnen sich 
zum Teil an die entsprechenden mithrischen Darstellungen an: Die zum Himmel 
aufstürmenden Pferde des Sonnenwagens verlassen die feste Erde und nehmen ihren 
Weg über einen zu ihren Füßen hegenden Wassergott, den Okeanos. (Cumont: 
Textes et monuments figures relatifs aus mysteres de Mithra. Bruxelles 1899, 
I, S. 178, dort entsprechende Abbildung.) 

*) Vgl. meine Schrift: Zur Psych, u. Path. sog. occ. Phän. 

2 ) Cf. Pitra: Analecta Sacra, Cit. Cumont: Text et Mon. t. I, S. 355. 

3 ) CSt. Usener: Weinachtsfest, S. 5. 

*) Die Stelle aus Maleachi findet sich 3, 19: „Euch aber, die ihr meinen 
Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren 
Flügeln (Federn)." Diese Figur erinnert an das ägyptische Sonnenbüd. 

*) Cumont: Text, et Mon., t. I, S. 355. 



99 

„Sed et dominus nascitur mense Decembri hiemis tempore, 
VIII. kal. Januarias, quando oleae matuxae praemuntur ut unctio' 
id est chrisma, nascatur — sed et Invicti natalem appellant! 
Quis utique tarn invictus nisi dominus noster qui mortem subactam 
devicit? Vel quod dicant Solis esse natalem, ipse est sol iustitiae, 
de quo Malachias propheta dixit. — Dominus lucis ac noctis conditor 
et discretor qui a propheta Sol iustitiae cognominatus est." 

Nach dem Zeugnis des Eusebius von Alexandrien 1 ) beteiligten 
sich auch die Christen an der bis ins V. Jahrhundert andauernden 
Verehrung der aufgehenden Sonne: oval xolg ngoaxvvovoi xöv rjXiov 
xal x\\v oeXrjvrjv xal xovg äoxegag. TloXXovg yäo olöa xovg nqooxwovvxag 
xal evxofxevovg eig xöv rjXiov. "Hör] yäg ävaxe'davxog xov fjXiov, ngoaev- 
Xovxai xal Xiyovoiv ,'EXhjoov tf/uag" xal ov fiövov 'HXioyvcooxat xal 
algexixol zovxo tioiovoiv äXXä xal %Qioziavol xal ä<pevxeg xrp> jcioxtv xoig 
aloexixoig owa/xiyvvvxai. 

Augustin 2 ) hält seinen Christen ausdrücklich entgegen: 

Non est Dominus Sol factus sed per quem Sol factus est — 
ne quis carnaliter sapiens Solem istum (Christum) intelligendum 
putaret. 

Die Kunst hat viel von Sonnenkult aufbewahrt 3 ) : so den Strahlen- 
schein um das Haupt Christi, den Heiligenschein überhaupt. Auch die 
christliche Legende attribuiert viele Feuer- und Lichtsymbole ihren 
Heiligen 4 ). Die zwölf Apostel wurden z. B. den zwölf Tierkreiszeichen 
verglichen, daher mit einem Stern über dem Haupte dargestellt 5 ). 

x ) Or. VI: TteQi äaxQovöfioiv. cit. Cumont: Text. et. Mon. t. I, S. 356. 

2 ) Tract. XXXIV, 2; cit. Cumont: Text, et Mon. t. I, S. 356. 

3 ) Die Katakombenbilder enthalten viel Sonnensymbolik. Das Swastika- 
kreuz z. B. (ein bekanntes Sonnenbild, Sonnenrad oder Sonnenfüßchen) findet 
sich auf dem Gewände des Fossor Diogenes im Coemeterium des Petrus 
und Marcellinus. Die Symbole der aufsteigenden Sonne, Stier und Widder, finden 
sich im Orpheusfresko des Coemeteriums der heiligen Domitilla; ähnlich Widder 
und Pfau (der mit dem Phönix Sonnensymbol ist) auf einem Epitaph der Kallistus- 
katakombe. 

') Vgl. die zahlreichen Beispiele bei Görres: Die christliche Mystik. 

s ) In den Homilien des Clemens von Rom (Homil. II, 23; cit. Cumont: 
Text, et Mon. t. I, S. 356) heißt es: Tä kvqiq yeyoväotv bäbeua änööroZot 
Töiv zov i]Xiov dcööem jurjvtüv cpeQovtes röv äQidfiöv. 

Wie ersicbtlicb, bezieht sich dieses Bild auf den Sonnenweg durch den 
Zodiakus. Ohne einer Deutung des Zodiakus vorgreifen zu wollen, erwähne ich, 
daß nach alter Anschauung (wahrscheinlich chaldäisch) der Sonnenweg als 
Schlange dargestellt wurde, die die Tierkreiszeichen auf dem Rücken trägt 
(ähnlich wie der Deus leontocephalus des Mithrasmysteriums). Diese Anschauung 

7* 



100 

• 

(Vgl. Leblant: Sarcopbages de la Gaule, 1880.) Es ist kein Wunder, 
daß die Heiden, wie Tertullian berichtet (Apol. 16: Alii humanius 
et verisimilius Solem credunt deum nostrum), die Sonne für den Christen- 
gott hielten. Bei den Manichäern war es sogar wirklich die Sonne. 
Eines der merkwürdigsten Momente dieser Sphäre, wo sich Heidnisch- 
Asiatisches, Hellenistisches und Christliches mischten, ist die von 
Wirth edierte ,'E^y^aig ticqi twv h üegoidi nQax&evrcov" x ), 
ein Fabelbuch, aber eine Fundgrube für nebenchristliche Phantasien, 
die tiefe Einblicke in die christliche Symbolik gestatten. Dort findet 
sich S. 166, 22 folgende magische Widmung - Au 'HXUp ■&£& fiEydXco 
ßaodei 3 It]oov. In gewissen Gegenden Armeniens wird noch jetzt 
(von Christen) die aufgehende Sonne verehrt, daß sie „ihren Fuß auf 
dem Gesichte des Betenden möge ruhen lassen" 2 ). Der Fuß fällt als 
anthropomorphes Attribut auf. Wir begegneten bereits dem theriomorphen 
Attribut der Federn und dem Sonnenphallus. 

Andere Vergleiche der Sonnenstrahlen, wie Messer, Schwert, 
Pfeil usw. haben ebenfalls, wie wir aus der Traumpsychologie wissen, 
eine phallische Grundbedeutung. 

Diese Bedeutung kommt auch dem Fuß zu, wie ich hier andeute 8 ), 



ifit belegt durch eine in andorm Zusammenhang von Cumont edierte Stelle aus 
einem vatikanischen Kodex (190, saec. XIII, p. 229; in Text, et Mon. t. I, 
S. 85): TÖre ö n&vOoq)0£ 6r)fuovQyÖ£ äuoto vev/nari bciinjöe xöv /xiyav ÖQ&vovxa 
Ovv r<$ ucv.oourj/ievqi OTeqjävqt, Xiyo örj rä iß' gQöia, ßaöTägovra ini roü vdivov 
airroti. Diese innige Zusammengehörigkeit der g$OU> mit der Tierkreisschlange ist 
bemerkenswert und gibt zu denken. Das manichäische System attribuierte Christo 
auch das Bild der Schlange und zwar der Schlange am Baum des Paradieses, wozu 
die Stelle Joh. 3, 14 allerdings weitgehende Berechtigung gibt. („Wie Moses in 
der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß des Menschen Sohn erhöhet werden". ) 
Ein alter Theologe, Hauff (Biblische Real- und Verbalkonkordanz 1834), bemerkt 
zu dieser Stelle vorsorglich: „Christus betrachtet jedoch jene alttestamentliche 
Erzählung als absichtsloses Symbol der Versöhnungsidee." Die beinahe leibliche. 
Zusammengehörigkeit der Anhänger mit Christus ist bekannt. (Rom.: 12, 4: 
„Gleicherweise, als wir an einem Leibe viele Glieder haben, aber alle Glieder 
nicht einerlei Geschäfte haben, also sind wir viele ein Leib in Christo, aber unter- 
einander ist eines des andern Glied.") Wenn sich bestätigen sollte, daß die Tier ■ 
kreisbilder Libidobilder sind, so gewänne der Satz Joh. I, 29: „Siehe, das ist 
Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt", einen vielsagenden Sinn, womit 
ioh selbstverständlich auf die Geschichte der Redefigur abziele. 

l ) Nach einer Münchner Handschrift aus dem XI. Jahrhundert: Albrecht 
Wirth: Aus orientalischen Chroniken. Frankfurt, 1894, S. 151. 

l ) Abeghian: Der armenische Volksglaube, 1899, S. 41. 

3 ) Vgl. Aigremont: Fuß und Schuhsymbolik Leipzig, 1909. 



101 



ebenso den Federn oder Haaren der Sonne, welche Sonnenmacht oder 
-kraft bedeuten. Ich verweise auf die Simsonlegende und die Erzählung 
der Baruch-Apokalypse vom Vogel Phönix, der vor der Sonne her- 
fliegend seine Federn verliert und ermattet abends im ozeanischen 
Bade sich kräftigt. 

Wir haben unter dem Symbol von „Motte und Sonne" in die 
historischen Tiefen der Seele hinuntergegraben und bei dieser Arbeit 
sind wir auf ein verschüttetes altes Idol des „jugendlich schönen, feuer- 
lockigen" und strahlengekrönten Scnnenhelden gestoßen, der ewig, 
dem Sterblichen unerreichbar, die Erde umwandelt, dem Tage die Nacht, 
dem Sommer den Winter, dem Leben den Tod folgen läßt — und wieder- 
ersteht in verjüngter Pracht und neuen Generationen leuchtet. Ihm gilt 
die Sehnsucht der in der Motte sich bergenden Träumerin. 

Die antike, vorderasiatische Kultursphäre kannte eine Sonnen- 
verehrung unter dem Bilde des sterbenden und wiedererstehenden 
Gottes (Osiris, Tammuz, Attis-Adonis 1 ), Christus, Mithras und sein 
Stier 2 ), Phönix usw.). Im Feuer wurde ebensosehr die wohltätige wie 
die verheerende Macht verehrt. Die Naturmächte haben immer zwei 
Seiten, wie wir schon beim Gotte des Hiob sahen. Dieser Revers führt 
uns wieder zum Gedicht der Miß Miller zurück. Ihre Reminiszenzen 
belegen auch unsere vorgängige Vermutung, daß nämlich das Bild von 
Motte und Sonne eine Verdichtung sei von zwei Bildern, wovon wir das 
eine soeben besprochen haben ; das andere ist die Motte und die Flamme. 
Als Titel eines Theaterstückes, von dessen Inhalt die Autorin uns aller- 
dings nichts mitteilt, dürfte „Motte und Flamme" wohl den bekannten 
erotischen Sinn haben: ums Feuer der Leidenschaft solange herum- 
fliegen, bis man sich die Flügel verbrennt. Die leidenschaftliche Sehn- 
sucht, d. h. die Libido hat ihre zwei Seiten: sie ist die Kraft, die alles 
verschönt und unter Umständen auch alles zerstört. Man gibt sich öfters 
den Anschein, als ob man nicht recht verstehen könne, worin denn 
die zerstörende Eigenschaft der schaffenden Kraft bestehe. Eine 

*) Attis wurde spater dem Mithras assimiliert. Er wurde ebenso wie Mithras 
mit der phrygiBchen Mütze dargestellt (Cumont: Myster. des Mithra, S. 65). 
Nach dem Zeugnis des Hieronymus war die Geburtshöhle von Bethlehem ur- 
sprünglich ein Heiligtum (Spelaeum) des Attis (üsener: Weihnachtsfest, S. 283). 

2 ) Cumont (Die Mysterien des Mithra, S. 4) sagt vom Christentum 
und MithriaadBmus: „Mit Erstaunen gewahrten die beiden Gegner, wie ähnlich 
sie sich in vieler Hinsicht waren, ohne sich von den Ursachen dieser Ähnlichkeit 
Rechenschaft geben zu können." 






1U ^ BERLIN. 

Frau, die sich, zumal unter heutigen Kulturumständen, der Leidenschaft 
überläßt, erfährt das Zerstörende nur zu bald. Man muß sich um ein 
weniges aus nur bürgerlich gesitteten Umständen herausdenken, um 
zu verstehen, welch Gefühl grenzenloser Unsicherheit den Menschen 
befällt, der sich bedingungslos dem Schicksal übergibt. Selbst fruchtbar 
sein, heißt sich selber zerstören, denn mit dem Entstehen der folgenden 
Generation hat die vorausgehende ihren Höhepunkt überschritten; 
so werden unsere Nachkommen unsere gefährlichsten Feinde, mit 
denen wir nicht fertig werden, denn sie werden überleben und darum 
unfehlbar uns die Macht aus den entkräfteten Händen nehmen. Die 
Angst vor dem erotischen Schicksal ist ganz begreiflich,. denn es ist etwas 
Unabsehbares daran; überhaupt birgt das Schicksal unbekannte Ge- 
fahren und das beständige Zögern des Neurotischen, das Leben zu 
wagen, erklärt sich unschwer aus dem Wunsche, abseits stehen zu 
dürfen, um nicht im gefährlichen Kampfe des Lebens mitringen zu 
müssen 1 ). 

Wer auf das Wagnis, zu erleben, verzichtet, muß den Wunsch 
dazu in sich ersticken, eine Art Selbstmord begehen. Daraus erklären 
sich die Todesphantasien, die den Verzicht auf den erotischen Wunsch 
gerne begleiten. Im Gedicht hat Miß Miller diese Phantasien bereits 
ausgesprochen, sie fügt bei den Materialien noch folgendes hinzu: „Ich 
hatte eine Auswahl von Stücken Byrons gelesen, die mir sehr gefiel 
Und eindrücklich blieb. Übrigens ist der Ehythmus meiner zwei letzten 
Verse „For I, the source etc.", und dem zweier Byronschen Verse 
sehr ähnlich: 

„Now let me die as I have lived 'in faith 
Nor tremble tho* the universe should quake." 

Diese Beminiszenz, womit die Reihe der Einfälle schließt, bestätigt 
die Todesphantasien, die sich aus dem Verzichte auf den erotischen 
Wunsch ergeben. Das Zitat stammt, was Miß Miller nicht erwähnt, 
aus einer unvollendeten Dichtung Byrons: „Heaven and Earth" 2 ). 
Die ganze Stelle lautet: 

*) Unsere heutigen moralischen Anschauungen kommen diesem Wunsche 
entgegen, soweit es dos erotische Schicksal betrifft. Das für viele Menschen nötige 
erotische Wagen wird oft allzu leicht durch moralische Gegengründe entmutigt, 
und man läßt sich gerne entmutigen, denn man hat dabei erst noch den sozialen 
Vorteil, „moralisch" zu sein. 

2 ) The poetical works of Lord Byron, Pearl Edition. London, 1902, S. 421. 



. 



103 

„Still blessed be the Lord. 

For what is past, 

For that whieh is: 

For all are His, 

From first to last — 

Time — Space — Eternity — Life — Death — 

The vast known and immeasurable Unknown 

He made and can unmake, 

And shall I for a little gasp of breath 

Blasphenie and groan? 

No, let me die as I have lived in faitk 

Nor quiver though the universe may quake?" 

Die Worte sind in einer Art Lobpreisung oder Gebet enthalten, ge- 
sprochen von einem „Sterblichen", der vor der steigenden Sintflut 
auf hoffnungsloser Flucht sich befindet. Miß Miller setzt sich durch 
ihr Zitat in dieselbe Situation, d. h. läßt leise durchblicken, daß ihre 
Gefühlslage vergleichbar sei der Verzweiflung der Unglücklichen, die 
sich von den drohend steigenden Wassern der Sintflut bedrängt sehen. 
Damit gestattet uns die Autorin einen tiefen Blick hinunter in die dunkeln 
Untergründe ihrer Sehnsucht nach dem Sonnenhelden. Wir sehen, daß 
ihre Sehnsucht vergeblich ist, sie ist eine Sterbliche, nur kurz von 
höchster Sehnsucht emporgetragen zum Lichte und dann dem Tode 
verfallen oder vielmehr, von Todesangst emporgetrieben, wie die 
Menschen der Sintflut, und trotz verzweiflungsvollem Kampfe rettungs- 
los dem Verderben preisgegeben, eine Stimmung, die lebhaft die Schluß- 
szene aus Cyrano de Bergerac in Erinnerung ruft 1 ): 

Cyrano: „Oh mais .... puisqu'elle est en chemin, 

Je Tattendrai debout . . . ., et l'epee ä la main. 

Que dites-vous? .... C'est inutüe? Je le sais. 
Mais on ne se bat pas dans l'espoir du succes. 
Non, non. C'est bien plus beau lorsque c'est inutile. 

Je sais bien qu'ä la fin vous me mettrez ä bas .... 

Wir wissen ja bereits zur Genüge, welche Sehnsucht und welcher Trieb 
sich zum Lichte den Weg frei zu machen trachtet, aber damit man es 
deutlich und unwiderruflich wisse, weist uns das Zitat „No, let me die . ." 
auf einen Kontext hin, der alles früher Gesagte bestätigt und vollendet. 



i) Edmond Rostand: Cyrano de Bergerac. Paris, 1898. 



104 

Der Göttliche, der „Vielgeliebte", der im Bilde der Sonne verehrt 
wird, ist auch das Ziel der Sehnsucht unserer Dichterin. 

Byrons „Heaven und Earth" ist ein „Mystery, founded on the 
following passage in Genesis: „And it came to pass . . . that the Sons 
of God saw the daughters of men, that they were fair; and 
they took them wives of all which they choose 1 ). Außerdem 
setzt Byron als ein weiteres Motto seiner Dichtung folgenden Passus 
aus Coleridge vor: „And woman wailing for her demon 
lover." 

Byrons Dichtung komponiert zwei große Ereignisse, ein psycho- 
logisches und ein tellurisches, die alle Schranken niederwerfende Leiden- 
schaft und die Schrecken der entfesselten Naturgewalten, eine Parallele, 
die in unseren früheren Erörterungen bereits eingeführt wurde. Die 
Engel Samiasa und Azaziel entbrennen in sündiger Leidenschaft für 
die schönen Töchter Kains, Anah und Aholibamah und durchbrechen 
so die Schranke, die zwischen Sterbliche und Unsterbliche gesetzt 
ist. Sie empören sich, wie einst Luzifer, gegen Gott, und der Erzengel 
Raphael erhebt warnend seine Stimme 2 ): 

„But man hath listen'd to his voice 

And ye to woman's — beautiful she is, 

The serpent's voice less subtle than her kiss. 

The snake but vanquish'd dust; but she will draw 

A second ho*t from heaven to break heaven'slaw." 

Die Macht Gottes ist bedroht durch die Verführung der Leidenschaft, 
dem Himmel droht ein zweiter Abfall seiner Engel. Übersetzen wir 
diese mythologische Projektion zurück ins Psychologische, woher sie 
ja ihren Ursprung genommen, so heißt es: Die Macht des die Welt mit 
weisen Gesetzen regierenden Guten und Vernünftigen wird bedroht 
durch die chaotische Urmacht der Leidenschaft. Daher muß die Leiden- 
schaft ausgerottet werden, d. h. in mythologischer Projektion: das 
Geschlecht Kains und die ganze sündige Welt soll von Grund aus 
vernichtet werden durch die Sintflut. Sie ist die notwendige Folge 
der sündhaften Leidenschaft, die alle Schranken durchbrochen hat. 
Ihr Gleichnis ist das Meer und die Gewässer der Tiefe und die Regen- 

1 ) L Mose, 6, 2 : Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Mensohen, 
wie sie schön waren und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. 

*) 1. c. S. 419. 



105 

fluten 1 ), welche die erzeugenden, befruchtenden, die „mütterlichsten" 
waren, wie die indische Mythologie die Gewässer nennt; nun verlassen 
sie ihre natürlichen Grenzen und schwellen an über die Höhen der Berge 
und ersäufen alles Lebendige, denn Leidenschaft vernichtet 
sich selbst. Die Libido ist Gott und Teufel. Mit der Vernichtung 
der Sündhaftigkeit der Libido wird daher ein wesentliches Stück der 
Libido überhaupt vernichtet; durch den Verlust des Teufels erlitte Gott 
selber einen namhaften Verlust; es wäre eine Amputation am Leibe 

*) Die Projektion auf das „Kosmische" ist das uralte Vorrecht der Libido, 
denn sie tritt schon natürlicherweise durch alle Sinnespforten anscheinend von 
außen in unsere Wahrnehmung ein, und zwar in Form der Lust- und Unlusttöne 
der Wahrnehmung, die wir bekanntlich ohne weitere Überlegung dem Objekte 
attribuieren, und deren Ursachen wir, trotz philosophischer Überlegung, stets im 
Objekt aufzusuchen geneigt sind, während das Objekt oft verzweifelt wenig daran 
schuld ist. (Vgl. dazu den Freudschen Ubertragungsbegriff, und namentlich, 
was Ferenczi in seiner Schrift „Introjektion und Übertragung" sagt. Dieses 
Jahrbuch, Bd. I, S. 422.) Hübsche Beispiele unmittelbarer Libidoprojektion 
finden sich in erotischen Liedern: 

„Unten an dem Strande, unten dort an dem Ufer, 

Dort wusch eine Maid wohl ihres Mannes Tüchlein .... 

Und ein linder West kam wehend übers Ufer, 

Hob den Rock ihr auf ein wenig durch sein Wehen, 

Und ein wenig üeß er ihren Knöchel sehen. 

Und das Ufer ward, es ward die ganze Welt hell." 

(Neugriechisches Volkslied aus Sanders: Das Volksleben der Neugriechen, 
1844, S. 81. Zit: Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, Jahrgang XH, 1902, 
S. 166.) 

„In Gymirs Gehöft gehen sah ich 

Mir liebe Maid; 

Vom Glanz ihrer Arme erglühte der Himmel 

Und all das ewige Meer." 

(Aus „Die Edda". Übersetzt von H. Gering, S. 53. Zit.: Zeitschrift für Volks- 
kunde, Jahrgang XII, 1902, S. 167.) ' 

Hierher gehören auch alle die Wunder berichte über die „kosmischen" 
Ereignisse bei Geburt und Tod der Helden (Stern von Bethlehem, Erdbeben, 
Zerreißen des Tempelvorhanges usw. beim Tode Christi). Die Allmacht Gottes 
iBt die notorische Allmacht der Libido, des einzigen wirklichen Wundertäters, 
den wir kennen. Das von Freud beschriebene Symptom der „Allmacht der Ge- 
danken" bei Zwangsneurose entsteht aus der „Sexualisierung" des Intellektes. 
Die historische Parallele dazu ist die durch Introversion erreichte magische Allmacht 
des Mysten. Der Gedankenallmacht entspricht die ebenfalls durch Introversion 
erreichte Gottidentifikation der Paranoiker. 



106 

der Gottheit. Darauf weist die geheimnisvolle Andeutung in der Klage 
Raphaels über die beiden Empörer Samiasa und Azaziel hin: 

„ Why, 

Cannot thia earth be inade, or be destroy'd, 
Without involving ever some vast void 
In thc immortal ranks? " 

Die Liebe hebt den Menschen nicht nur über sich selbst, sondern 
auch über die Grenzen seiner Sterblichkeit und Irdischkeit hinaus und 
empor zur Göttlichkeit und indem sie ihn emporhebt, vernichtet sie 
ihn. Diese Selbstüberhebung" findet mythologisch ihren treffenden 
Ausdruck im Bau des himmelhohen Turmes von Babel, der den Menschen 
Verwirrung bringt 1 ), in der Dichtung Byrons ist es der sündhafte Ehr- 
geiz des Kainsgeschlechtes, dessen Liebe sich die Sterne dienstbar 
macht und die Söhne Gottes selber verführt. Wenn schon die Sehnsucht 
nach den höchsten Dingen — ich möchte sagen — legitim ist, so liegt 
doch schon in dem Umstand, daß sie ihre menschlichen Grenzen verläßt, 
das Sündhafte und darum Verderbliche. Die Sehnsucht der Motte 
nach den Sternen ist nicht ganz rein und durchsichtig, sondern glüht 
in schwülem Dunste, denn Mensch bleibt Mensch. Durch das Über- 
maß seiner Sehnsucht zieht er das Göttliche in das Verderben seiner 
Leidenschaft herunter 2 ), dafür scheint er sich zum Göttlichen zu er- 
heben, mordet aber dadurch seine Menschlichkeit. So wird die Liebe 
von Anah und Aholibamah zu ihren Engeln zum Untergange für Götter 
und Menschen. Die Anrufung, mit der die Kainstöchter ihre Engel 
beschwören, ist eine psychologisch genaue Parallele zu dem Gedicht 
von Miß Miller. 

Anah 3 ): „Seraph! 

Frorn thy sphere! 
Whatever star 4 ) contain thy glory; 
In the eternal dephths of heaven 
Albeit thou watchest with „the seven", 



x ) Vergleichbar den mythologischen Helden, die nach ihren größten Taten 
in geistige Verwirrung fallen. 

2 ) Ich muß hier auf die blasphemische Frömmigkeit Zinzendorfs verweisen, 
die uns Pfisters ausgezeichnete Untersuchung zugänglich gemacht hat. 

s ) Anah ist eigentlich die Gehebte Japhets, des Sohnes Noahs. Sie verläßt 
ihn um des Engels willen. 

*) Der Angerufene ist eigentlich ein Stern. VgL Miß Millers Gedicht. 



L 



107 



Though through space infinite and hoary 
Before they bright wings world be driven, 

Yet hear! 

Ob, think öf her who holds thee deär! 
And though she nothing is to thee, 
Yet think that thou art all to her. 

Eternity is in thine years, 

Unborn, undying beauty in thine eyes; 

With nie thou canst not sympathise, 

Except in love, and there thou must 

Acknowledge that more loving dust 

Ne'er wept beneath the skies. 

Thou walk'st thy many worlds 1 ) thou seest 

Tne face of him who made thee great, 

As she hath made me of the least 

Of those cast out from Eden's gate; 

Yet Seraph dear! 

Oh hear! 

For thou hast loved me, and I would not die 
Until I know what I must die in knowing, 
That thou forgett'st in thine eternity 
Her whose heart death could not keep from 

O'erflowing 

For thee, immortal essence as thou art 2 ) 

Great is their love who love in sin and fear; 

And such, I feel, are waging in my heart 

A war unworthy: to an Adamite 

Forgive, my Seraph! that such thoughts appear. 

For sorrow is our dement 



*) Eigentlich ein Attribut der wandernden Sonne. 
*) Vgl. Miß Miller: 

„. . . My poor life is gone; 

then having gained 

One raptured glance, 1*11 die content, 

For I, the source of beauty, wannth and life 

Have in hiß perfeot splendor once beheld." 



108 



The hour is near 
Which teils me we are not abändern 'd quite. 

Appear! Appear! 

Seraph ! 
My own Azaziel! be but here, 
And leave the stars to their own light." 

Aholibamah: 

„I call thee, I await thee and I love thee. 

Though I be form'd of clay, 

And thou of beams 1 ) 

More bright, than those of day on Eden's streams, 

Thine immortality cannot repay 

With love more warm than mine 

My love. There is a ray 2 ) 

In me, which, though forbidden yet to shine, 

I feel was lighted at thy God's and thine 3 ). 

It may be hidden long: death and decay 

Our mother Eve bequeath'd us — but my heart 

Defies it: though this life must pas3 away, 

Is that a cause for thee and me to part? 

I can share all things, even immortal sorrow; 
For thou hast ventured to share life with me, 
And shall I shrink from thine etemity? 
No! though the serpentfs sting 4 ) should pierce 

Me thorough; 

And thou thyself wert like the serpent, coil 
Around me still! 6 ) And I will smile, 



i) Die Lichteubstanz des Gottes. 

2 ) Die Iichtsnbstanz der eigenen Seele. 

3 ) Die Verbindung der beiden Lichtsubstanzen zeigt die Gemeinsohaftlich- 
keit ihres Ursprungs; es sind Libidobilder. Hier sind es Redefiguren, früher war 
es Doktrin. Nach Mechthild v. Magdeburg (Das fließende Licht der Gott- 
heit, herausgegeben von Escherich; Berlin, 1900) ist die Seele aus „Minne" 
gemacht. 

*) Vgl. oben, was über das Libidobild der Schlange gesagt wurde. Der 
Gedanke, daß der Höhepunkt auch zugleich das Ende bedeute, ja sogar den Tod, 
drängt sich hier durch. 

*) Vgl. die oben erwähnten Bilder Stucks: Die Sünde, das Laster und die 
Wollust, wo der nackte Erauenleib von einer Schlange umwunden ist. Im Grunde 
genommen, ein Bild äußerster Todesangst. Der Tod der Kleopatra ist hier zu 
erwähnen. 



109 



And curae thee not but hold 

Thee in as warm a fold 

As — but descend, and prove 

A mortals love 

For an immortal 

Die Erscheinung der beiden Engel, die auf die Anrufung erfolgt, 

ist, wie immer, eine glänzende Lichtvision: 

Aholibaniah: 

The clouds from off their pinions fhnging, 
As though they bore to-morrows light. 

Anah: 

But if our father see the sight. 

Aholibaniah: 

He would but deem it was the moon 
Rising unto some sorcerer's tune 
An hour too soon. 

Anah: 

Lo! They have kindled all the west, 
Like a returning sunset 

On Ararat's late secret crest 

A mild and many-colour'd bow, 

The remnant of their flashing path, 

Now shines! 

Im Anblick dieser farbigen Lichtvision, wo beide Frauen ganz 
Sehnsucht und Erwartung sind, gebraucht Anah ein ahnungsvolles 
Gleichnis, welches plötzlich wieder hinunterblicken läßt in die unheim- 
liche dunkle Tiefe, aus der für einen Augenblick die schreckliche Tier- 
natur des milden Lichtgottes auftaucht: 

, and now, behold! it hath 

Retum'd to night, as rippling foam, 

Which the leviathan hath lash'd 

From his unfathomable hörne, 

When sporting on the face of the calm deep, 

Subsides soon after he again hath dash'd 

Down, down, to where the ocean's fountains sleep." 

So, wie der Leviathan ! Wir erinnern uns dieses überwältigenden 
Gewichtes in der Wagschale der Rechte Gottes über den Menschen 
Hiob. Wo die tiefen Quellen des Ozeans sind, wohnt der Leviathan; 
von dort steigt die allzerstörende Flut herauf, die alles ertränkende 



110 

Flut der tierischen Leidenschaft. Das erdrückende, umschnürende 1 ) 
Gefühl des herandrängenden Triebes wird mythologisch projiziert als 
alles übersteigende Flut, welche alles Existierende vernichtet, um aus 
dieser Vernichtung eine neue, bessere Schöpfung hervorgehen zu lassen : 
Japhet 2 ): 

The eternal will 

Shall deign to expound this dream 

Of good and evil; and redeem 

Unto himself all times, all things; 

And, gather'd under his almighty wings, 

Abohsh hell! 

And to the expiated Earth 

JRestore the beauty of her birth. 
Spirits: 

And when shall take effect this wondrous speU? 
Japhet: 

When the Redeemer cometh; first in pain 

And then in glory. 

• Spirits: 

New times, new climes, new arts, new men, but still, 

The same old tears, old crimes, and oldest ill, 

Shall be amongst your race in different forms; 

But the same moral storms 

Shall oversweep the future, as the waves 

In a few hours the glorious giants graves. 

Die prophetischen Ausblicke Japhets haben zunächst prophetische 
Bedeutung für unsere Dichterin: mit dem Tode der Motte im Lichte 
ist für einmal das Übel beseitigt; der Komplex hat, wenn auch in zen- 
surierter Form, sich wieder einmal der Wirklichkeit gezeigt; damit ist 
das Problem aber* nicht gelöst, alles Leid und jegliche Sehnsucht beginnt 
wieder von vorne, es ist aber „Verheißung in der Luft", die Vorahnung 
des Erlösers, des „Vielgeliebten", des Sonnenhelden, der wieder zur 
Sonnenhöhe ansteigt und wiederum heruntersteigt zur Kälte des Winters, 
der das Licht der Hoffnung ist von Geschlecht zu Geschlecht, das Bild 
der Libido. 



*) Umwicklung durch die Schlange. 
2 ) Byron 1. c, S. 415. 



ZWEITER TEIL. 



I. 

Einleitung. 

Bevor ich auf die Materialien dieses zweiten Teiles eingehe, 
erscheint es mir geboten, einen Rückblick zu werfen auf den eigen- 
artigen Gedankengang, den uns die Analyse des Gedichtes „The Moth 
to the sun" gewiesen hat. Obschon dieses Gedicht vom vorhergehenden 
Schöpferhymnus sehr verschieden ist, hat uns die nähere Untersuchung 
der „Sehnsucht nach der Sonne" doch auf religiöse, astralmythologische 
Grundgedanken geführt, die sich eng an die Betrachtungen zum ersten 
Gedicht anschließen: Der schöpferische Gott des ersten Gedichtes, 
dessen zwiespältige moralisch-physische Natur uns besonders Hiob 
deutlich zeigte, erfährt in den Grundlagen des zweiten Gedichtes eine 
neue Qualifizierung von astralmythologischem oder, besser gesagt, 
von astrologischem Charakter. Der Gott wird zur Sonne und findet 
damit jenseits der moralischen Zerlegung des Gottesbegriffes in den 
moralischen Himmelsvater und in den Teufel einen adäquaten 
natürlichen Ausdruck. Die Sonne ist, wie Renan bemerkt, eigentlich 
das einzig vernünftige Gottesbild, ob wir nun auf dem Standpunkt 
des Urzeitbarbaren oder dem der modernen Naturwissenschaft stehen : 
beide Male ist die Sonne der Elterngott, mythologisch überwiegend 
der Vatergott, von dem alles Lebende lebt, der der Befruchter und 
Schöpfer aller lebendigen Dinge ist, die Energiequelle unserer Welt. 
In der Sonne als natürlichem Dinge, das keinem menschlichen Moral- 
gesetz sich beugt, läßt sich der Widerstreit, dem die Seele des Menschen 
durch die Wirkung der Moralgesetze 1 ) anheimgefallen ist, zu völliger 
Harmonie auflösen. Auch die Sonne ist nicht nur Wohltat, denn sie 



l ) Dies erscheint uns vom psychologischen Standpunkt aus so. Siehe unten. 




112 

• 

vermag auch zu zerstören, daher das Zodiakalbild der Augusthitze der 
herdenverwüstende Löwe ist, den der jüdische Vorheüand Simson 1 ) 
tötet, um die verschmachtende Erde von dieser Plage zu erlösen. Es 
ist aber die der Sonne harmonische und inhärente Natur, zu brennen, 
und es erscheint dem Menschen natürlich, daß sie brennt. Auch scheint 
sie auf Gerechte und Ungerechte gleicherweise und läßt ebensowohl 
nützliche wie schädliche Lebewesen wachsen. Die Sonne ist daher, 
wie nichts sonst, geeignet, den sichtbaren Gott dieser Welt darzustellen, 
d. h. die treibende Kraft unserer eigenen Seele, die wir Libido nennen, 
und deren Wesen es ist, Nützliches und Schädliches, Gutes und Böses 
hervorgehen zu lassen. Daß dieser Vergleich kein bloßes Spiel mit 
Worten ist, darüber haben uns die Mystiker belehrt: wenn sie durch 
Verinnerlichung (Introversion) in die Tiefen ihres eigenen Wesens 

> hinabsteigen, so finden sie „in ihrem Herzen" das Bild der Sonne, 
sie finden ihre eigene Liebe oder Libido, die mit Recht, ich darf wohl 
sagen, mit physikalischem Recht, Sonne genannt wird, denn unsere 
Energie- und Lebensquelle ist die Sonne. So ist unsere Lebenssubstanz 
ab ein energetischer Prozeß ganz Sonne. Welch besonderer Art diese 
vom Mystiker innerlich angeschaute „Sonnenenergie" ist, zeigt ein 
Beispiel aus der indischen Mythologie 2 ): Aus den Erklärungen des 
III. Teiles des Shvetäshvataropanishad entnehmen wir folgende Stellen, 
die sich auf Rudra 3 ) beziehen: 

(2.) " Yea, the one R udra who all these worlds with ruling po wers 
doth rule, Stands not for any second. Behind those that are born he 
Stands; at ending time ingathers all the worlds he hath evolved, pro- 
tector(he). 

(3.) He hath eyes on all sides, on all sides surely hath faces, arms 
surely on all sides, on all sides feet. With arms, with wings, he 
tricks them out, creating heaven and earth, the only God. 

(4.) Who of the gods is both the source and growth, the lord of 

l ) Simson als Sonnengott. Siehe Steinthal: Die Sage von Simson. 
Zeitechr. f. Völkerpsyoh., Bd. IL 

*) Ich verdanke die Kenntnis dieses Stückes Herrn Dr. van Ophnijsen 
in Zürich. 

3 ) Rudra, eigentlich als Vater der Marute (Winde) ein Wind- oder 
I Sturmgott, tritt hier als alleiniger Schöpfergott auf, wie der Verlauf des 
Ji Textes zeigt. Als Windgott kommt ihm leicht die Schöpfer- und Befruchter - 
f rolle zu: Ich verweise auf die Ausführungen des I. Teiles zu Anaxagoras 
Vund unten. 



113 

all, the Rudra, mighty seer ; who brought the shining germ of old into 
existence — may he with reason pure conjoin us. 1 )" 

Diese Attribute lassen deutlich den Allschöpfer erkennen und 
in ihm die Sonne, die beflügelt ist und mit tausend Augen die Welt 
durchspäht 2 ). 

Die folgenden Passagen bestätigen das Gesagte und fügen noch 
dazu die für uns wichtige Besonderheit, daß der Gott auch in der einzeln 
nen Kreatur enthalten ist: 

(7.) "Beyond this (world), the Brahman beyond, the mightv 
one, in every creature hid according to ist form, the one encircling 
lord of all — Him having known, immortal they become." 

(8.) "J know this mighty man, sun-like, beyond the darkness, 
Him (and him) only knowing one crosseth over death; no other 
path (at all) is there to go." 

(11.) ". . . . spread over the universe is He, the lord. Therefore 
as allpervader, He's benign." 

Der mächtige Gott, der Sonnengleiche, ist in jedem, und wer 
ihn kennt, ist unsterbbch 3 ). (Wer die tiefe Angst vor dem Tode kennt, 
wird leicht verstehen, daß der Unsterblichkeitswunsch ein treibendes 
Motiv zur Sonnenidentifikation ist.) Mit dem Texte weiterschreitend, 
gelangen wir zu neuen Attributen, welche uns darüber belehren, in 
welcher Form und Gestalt Rudra im Menschen wohnt : 

(12.) "The mighty monarch, He, the Man, the one who doth 
the essence start towards that peace of perfect stainlessness, lordly, 
exhaustless light. 

(13.) The Man, the size of a thumb, the inner Seif, sits ever 
in the heart of all that's born; by mind, mind-ruling in the heart, is 
He revealed. That they who know, immortal they become. 

(14.) The Man of the thousands of heads, (and) thousands of 
eyes, (and) thousands of feet, covering the earth on all sides, He Stands 
beyond, ten finger-breadths. 



1 ) Diese und die folgenden TJpanishadstellen sind zitiert aus: The TJpanis- 
hads, transl. by G. R. S. Mead and J. C. Chattopadhyäya. London 1896. 

2 ) Ähnlich ist auch der unzweifelhafte persische Sonnengott Mithra mit 
einer Unzahl von Augen ausgestattet. 

a ) Wer den Gott, die Sonne, in sich hat, ist unsterblich, wie die Sonne. 
Vgl. I. Teil, Abschnitt V. 

Jung, Libido. 8 



114 

(15.) The Man is veriiy this all, (both) what has been and what 
will be, lord (too) of deathlessness which far all eise surpasses. 

Wichtige Parallelstellen finden sieh Kathopanishad : Sect. II, 
Part IV. 

(12.) The Man of the size of a thumb, resides in the midst, whithin 
in the Seif, of the past and the future the lord. 

(13.) The Man, of the size of a thumb, like flame free of smoke, 
of past and of future the lord, the same is to-day, to-morrow the same 
will He be. 

Wer dieser Däumling ist, ist leicht zu erraten: das phallische 
Symbol der Libido. Der Phallus ist dieser Heldenzwerg, der die 
großen Taten verrichtet, er, dieser häßliche Gott, von unscheinbarer 
Gestalt, der aber der große Wundertäter ist, da er der sicht- 
bare Ausdruck der im Menschen inkarnierten Schöpferkraft ist. 
Dieser wunderliche Gegensatz ist auch dem Faust (in der Mütter- 
szene) auffällig: 

Mephisto pheles: „Ich rühme dich, eh du dich von mir trennst, 

Und sehe wohl, daß du den Teufel kennst; 
Hier diesen Schlüssel nimm. 

Faust: Das kleine Ding! 

Mephistopheles: Erst faß ihn an und schätz ihn nicht gering. 

Faust: Er wächst in meiner Hand! er leuchtet, 

blitzt! 

Mephistopheles: Merkst du nun bald, was man an ihm 

besitzt! 
Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern!" 

Wiederum gibt hier der Teufel dem Faust das wundersame Werkzeug, 
ein phallisches §ymbol der Libido, in die Hand, wie schon im Anfang 
der Teufel, in Gestalt des schwarzen Hundes, sich Faust gesellt, indem 
er sich mit den Worten einführt: 

„Ein Teil von jener Kraft, 
Die stets das Böse will und stets das Gute schafft." 

Mit dieser „Kraft" vereinigt, gelingt es Faust, seine eigentliche 
Lebensaufgabe durchzuführen, zuerst mit Übeln Abenteuern und dann 
zum Segen der Menschheit, denn ohne das „Böse" gibt es keine schaffende 



115 

- 

Kraft. Hier in der geheimnisvollen Mütterszene, wo der Dichter das letzte 
Geheimnis schöpferischer Kraft dem Verstehenden entschleiert, bedarf 
Faust des phallischen Zauberstabes, dem er zuerst die magische Kraft 
nicht zutraut, um das größte der Wunder zu vollbringen, nämlich die 
Erschaffung von Paris und Helena. Damit erreicht Faust göttliche 
Wunderkraft, und zwar durch das unscheinbare kleine Instrument. 
Dieser paradoxe Eindruck scheint uralt zu sein, denn auch die Upa- 
nishaden wissen folgendes vom Zwerggott zu sagen: 

(19.) "Without hands, without feet, He moveth, He graspeth; 
eyeless He seeth, (and) earless He heareth; He knoweth what is to 
be known, yet is there no knower of Hirn. Hirn call the first, 
mighty the Man." 

(20.) Smaller tlian small, (yet) greater than great, in the heart of 
this creature the Seif doth repose . . . . etc." 

Der Phallus ist das Wesen, das sich ohne Glieder bewegt, der 
sieht ohne Augen, der die Zukunft weiß ; und als symbolischen Repräsen- 
tanten der überall verbreiteten Schöpferkraft ist ihm Unsterblichkeit 
vindiziert. Er wird als durchaus selbständig gedacht, was nicht nur eine 
dem Altertum geläufige Vorstellung war, sondern auch aus den porno- 
graphischen Zeichnungen unserer Kinder und Künstler hervorgeht. 
Er ist ein Seher, Künstler und Wundertäter, daher es nicht sonderbar 
ist, wenn gewisse phallische Charakteristica sich beim mythologischen 
Seher, Künstler und Wundertäter wiederfinden. Hephästus, Wieland 
der Schmied und Mäni (der Stifter des Manichäismus, dessen Künstler- 
schaft aber auch gerühmt wird), haben verkrüppelte Füße, es 
scheint auch typisch zu sein, daß die Seher blind sind und daß der 
alte Seher Melampus einen so verräterischen Namen (Schwarzfuß) 
besitzt 1 ). Der Zwergfuß, die Unscheinbarkeit und Mißgestalt sind ganz 
besonders bezeichnend geworden für jene geheimen chthonischen 
Götter, die Söhne des Hephästus, denen mächtige Wunderkraft zu- 
getraut wurde, die Kabiren 2 ). Der Name bedeutet „mächtig", 
ihr samothrakischer Kult ist innigst verschmolzen mit dem des ithy- 
phallisehen Hermes, der nach dem Berichte des Herodot durch die 

i 

1 ) Zu dem kommt, daß er den kultischen Phallus eingeführt hat. Zum 
Dank dafür, daß er die Mutter der Schlangen bestattete, reinigten ihm die jungen 
Schlangen die Ohren, so daß er hellhörend wurde. 

2 ) Vgl. das Vasenbild aus dem Kabeirion von Theben, wo die Kabiren 
in edler und in karikierter Form dargestellt sind (bei Röscher: Lex. s. 
Megaloi Theoi.). 

8* 






116 

Pelasger nach Attika gebracht wurde. Sie heißen auch die /xeyäkoi -Osoi, 
die großen G-ötter. Ihre nahen Verwandten sind die idäischen Daktylen 
{Finger) oder Däumlinge 1 ), die die Götter mutter die Schmiede- 
kunst gelehrt hat. („Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern.") Sie waren die ersten 
Weise n, die Lehrer des Orpheus und erfanden die ephesischen Za uber- 
for mein und die m usi kalische n Rh y thme n 2 ). Das charakteristische 
Mißverhältnis, auf das wir oben im Upanishadtext und im Faust 
hinwiesen, findet sich auch hier, indem der riesige Herakles als idäi- 
scher Daktylos galt. Die riesigen Phryger, die kunstfertigen Diener 
der Rhea 3 ), waren ebenfalls Daktylen. Der Weisheitslehrer der Baby- 
lonier, Oannes*), wurde in phallischer Fischform dargestellt 5 ). Die 
beiden Sonnenhelden, die Dioskuren, stehen in Beziehung zu 
den Kabiren 6 ), sie tragen auch die bemerkenswerte spitze Kopf- 
bedeckung (Pileus), welche diesen geheimnisvollen Göttern eigen 
ist 7 ) und die sich von da an, wie ein geheimes Erkennungszeichen 
weiterpflanzt. Attis (dieser ältere Bruder des Christos) trägt die spitze 
Mütze, ebenso Mithras. Traditionell ist sie geworden für unsere heutigen 
chthonischen Infantilgötter 8 ), die Heinzelmännchen (Penaten) und 
das ganze typische Zwerggelichter. Freud 9 ) hat uns bereits auf die 
phallische Bedeutung des Hutes in rezenten Phantasien aufmerksam 
gemacht. Eine weitere Deutung ist wohl die, daß die spitze Mütze die 
Vorhaut darstellt. Um nicht zu weit von meinem eigentlichen Thema 
abzukommen, muß ich mich hier mit Andeutungen begnügen. Ich werde 
aber bei späterer Gelegenheit mit ausführlichen Nachweisen auf diesen 
Punkt zurückkommen. 



*) Die Berechtigung, die Daktylen Däumlinge zu nennen, gibt eine Notiz 
bei Plinius, 37, 170, wonach es kretische Edelsteine von Eisenfarbe und Daumen- 
form gab, welche Idaei Daktyli genannt wurden. 

2 ) Daher das Metrum des Daktylos. 

3 ) Siehe Röscher: Lex. d. Gr. u. Rom. Myth. ö. Daktyloi. 

*) Nach Jensen: Kosmologie, S. 292 f., ist Oannes-Ea der Menschen- 
bildner. 

*) Inman: Ancient pagan and modern Christian symboliam. 

e ) Varro identifiziert die fieyäXoi deot mit den Penaten. Die Kabiren 
seien simulacra duo virilia Castorfs et Pollucis am Hafen von Samothrake. 

7 ) In Brasiae an der lakonischen Küste und in Pephnos befanden sich 
einige bloß fußhohe Statuen mit Mützen auf dem Kopfe. 

8 ) Daß gerade die Mönche die Kapuze wieder erfunden haben, erscheint ' 
von nicht geringem Belang. 

9 ) Zentralbl. f. Psychoanalyse, II, S. 187 ff. 



117 

Die Zwerggestalt führt zu der Figur des göttlichen Knaben, des 
puer aeternus, nais, des jungen Dionysos, Jupiter Anxurus, Tages 1 ) 
usw. Auf dem oben bereits erwähnten Vasenbild von Theben ist ein 
bärtiger Dionysos als KABIP02 bezeichnet, dabei eine Knabengestalt 
als Ileus, dann folgt eine karikierte Knabengestalt als UPATOAA02 
bezeichnet, und dann wieder eine bärtige karikierte Mannsgestalt, 
die als MIT02 bezeichnet ist 2 ). Maos heißt eigentlich Faden, wird aber 
in der orphischen Sprache für Samen gebraucht. Es wird vermutet, 
daß diese Zusammenstellung einer kultischen Bildgruppe im Heiligtum 
entsprach. Diese. Vermutung deckt sich mit der Geschichte des Kultus, 
soweit sie bekannt ist: es ist ein ursprünglich phönikischer Kult von 
Vater und Sohn 3 ), von einem alten und jungen Kabir, die den 
griechischen Göttern mehr oder minder assimiliert wurden. Zu dieser 
Assimilation eignete sich die Doppelgestalt des erwachsenen und des 
kindlichen Dionysos besonders. Man könnte diesen Kultus auch den des 
großen und des kleinen Menschen nennen. Nun ist Dionysos unter 
verschiedenen Aspekten ein phallischer Gott, in dessen Kult der 
Phallos ein wichtiger Bestandteil war (so z. B. im Kultus des argivi- 
schen Stier-Dionysos). Außerdem hat die phallische Herme des Gottes 
Anlaß zu einer Personifikation des Dionysosphallus gegeben, in Ge- 
stalt des Gottes Phales, der nichts andres als ein Priapus ist. Er heißt 
hcÜQos oder ovyxco/xog Baayjjov^). Entsprechend dieser Sachlage kann 
man nicht wohl anders, als im oben erwähnten Käßioos-Atövvoos 
und dem ihm beigegebenen Hais das Bild des Mannes und 
seines Penis zu erkennen 5 ). Das im Upanishadtext hervorgehobene 
Paradoxon von groß und klein, von Zwerg und Riese ist 
hier milder ausgedrückt als Knabe und Mann oder Sohn und 



1 ) Das typische Motiv des knabenhaften Weisheitslehrers ist auch in den 
Christosmythus aufgenommen worden: Die Szene des 12jährigen Jesusknaben 
im Tempel. 

2 ) Neben ihm findet sich eine als KPATEIA bezeichnete weibliche Figur, 
die (orphisch) als „Gebärende" gedeutet wird. 

3 ) Röscher: Lex. s. v. Megaloi Theoi. 

*) Röscher: Lex. s. v. Phales. 

5 ) Vgl. die Nachweise Freuds: Zentralbl. f. Psychoanalyse, I, S. 188 f. 
Ich bemerke an dieser Stelle auch, daß etymologisch penis und penätes nicht 
zusammengestellt werden. Dagegen werden griech. neos, nöotir), sanskr. pasa-h, 
lat. penis zu mittelhd. visel (Penis) und althd. fasel mit der Bedeutung von 
foetus, proles gestellt. (Walde: Lat. Etym. s. penis.) 



118 v 

Vater 1 ). Das Motiv der Mißgestalt, welches der kabirische Kult 
stark verwendet, ist auf dem Vasenbild ebenfalls vorhanden, indem 
die Parallelfiguren zu Dionysos und Ilaig die karikierten Mixog und 
ÜQatöXaog sind. Wie vorher der Größenunterschied Anlaß zur Spaltung 
wird, so hier die Mißgestalt 2 ). 

Ohne zunächst weitere Nachweise zu bringen, möchte ich be- 
merken, daß von dieser Erkenntnis aus ganz besondere Schlaglichter 
auf die ursprüngliche psychologische Bedeutung der religiösen Heroen 
fallen. Dionysos steht in einem innigen Zusammenhang mit der Psy- 
chologie des vorderasiatischen, sterbenden und auferstehenden Gott- 
heilandes, dessen mannigfache Abwandlungen sich in der Figur des 
Christos zu einem die Jahrtausende überdauernden festen Gebilde 
verdichtet haben. Wir gewinnen von unserem Standpunkt aus die 
Einsicht, daß diese Heroen sowie ihre typischen Schicksale Abbilder 
der menschlichen Libido und ihrer typischen Schicksale sind. Es sind 
imagines, wie die Gestalten unserer nächtlichen Träume, die Schau- 
spieler und Interpreten unserer geheimen Gedanken. Und da wir heut- 
zutage die Symbolik der Träume zu enträtseln und dadurch die ge- 
heime psychologische Entwicklungsgeschichte des Individuums zu 
erraten vermögen, so eröffnet sich hier ein Weg zum Verständnis der 
geheimen Triebfedern der psychologischen Entwicklung der Völker. 

Unsere obigen Gedankengänge, welche die phänische Seite der 
Libidosymbolik dartun, zeigen auch, wie sehr berechtigt der terminus 
„Libido" ist 3 ). Ursprünglich vom Sexuellen hergenommen, ist dieses 



*) Ich erwähne, daß Stekel in der Traumsymbolik diese Art der Dar- 
stellung des Genitale aufgespürt hat, ebenso Spielrein bei einem Falle von 
Dementia praecox. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 369. 

2 ) Die dazu gestellte Figur der KQäzeia, der „Gebärenden", überrascht 
insofern, als ich schon geraume Zeit die Vermutung hege, daß die religionsbildende 
Libido aus der primitiven Beziehung zur Mutter sich anscheinend erübrigt hat. 

3 ) In der gleichzeitig mit meinem I. Teil erschienenen Abhandlung Freuds 
(Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw., dieses 
Jahrbuch, Bd. III, S. 68) findet sich eine dem Sinne meiner Ausführungen völlig 
parallele Bemerkung Freuds über die aus den Phantasien des geisteskranken 
Schreber sich ergebende „Libidotheorie": „Die durch Verdichtung von 
Sonnenstrahlen, Nervenfasern und Samenfäden komponierten ,Gottes«. 
strahlen Schrebers sind eigentlich nichts anderes als die dinglich dargestellten, 
nach außen projizierten Libidobesetzungen und verliehen seinem Wahne eine 
auffällige Übereinstimmung mit' unserer Theorie. Daß die Welt untergehen muß, 
weil das Ich des Kranken alle Strahlen an sich zieht, daß er später während des 
Rekonstruktionsvorganges ängstlich besorgt sein muß, daß Gott nicht die Strahlen- 



119 

Wort zum geläufigsten Fachausdruck der Psychoanalyse geworden, 
und dies aus dem einzigen Grunde, weil sein Begriff weit genug ist, 
um alle die unerhört mannigfaltigen Manifestationen des Willens im 
Schopenhauerschen Sinne zu decken, und genügend inhaltsreich 
und prägnant, um die eigentliche Natur der von ihm begriffenen psy- 
chologischen Entität zu charakterisieren. 

Auch die eigentliche klassische Bedeutung des Wortes ,Libido" 
qualifiziert es als durchaus passenden Terminus. Libido ist bei Cicero 1 ) 
in einem sehr weiten Sinne gefaßt: [volunt ex duobus opinatis] bonis 
[nasci] Libininem et Laetitiam: ut sit laetitia praesentium 
bonorum: libido f uturorum. — Laetitia autem et Libido in bonorum 
opinione versantur, cum Libido ad id, quod videtur bonum, illecta 
et inflammata rapiatur. — Natura enim omnes ea, quae bona videntur, 
sequuntur, fugiuntque contraria. Quamobrem simul objecta species cuius- 
piam est, quod bonum videatur, ad id adipiscendum impellit ipsa natura. 
Id cum constanter prudenterque fit., ejusmodi appetitionem stoici ßovXrjaiv 
appellant, nos appellamus voluntatem ; eam illi putant in solo esse sapi- 
ente, quam 8ic def iniunt ; voluntas est quae quid cumratione desiderat: 
quae autem ratione adversa incitata est vehementius, ea libido est, 
vel cupiditas effrenata, quae in omnibus stultis invenitur." Die 
Bedeutung von Libido ist hier Wünschen und in der stoischen Unter- 
scheidung vom Wollen zügellose Begier. In entsprechendem Sinne 
gebraucht Cicero 2 ) libido : „Agere rem aliquam libidi ne, non ratione." 
In demselben Sinne sagt Sallust: „Iracundia pars est libidmis." 
An anderer Stelle in milderem und allgemeinerem Sinne, der sich der 
analytischen Anwendung vollkommen nähert: „Magisque in decoris 
armis et militaribus equis, quam in scortis et conviviis libidinem habe- 
bant." Ebenso: „Quod si tibi bona libido fuerit patriae usw." Die 
Anwendung von Libido ist so allgemein, daß die Phrase „libido est 
scire" bloß die Bedeutung von „ich will", „es beliebt mir", hat. In 
der Phrase „aliquem libido urinae lacessit" hat libido die Bedeutung 
von Drang. Auch die Bedeutung von sexueller Lüsternheit ist 
klassisch vorhanden. Mit dieser durchaus allgemeinen klassischen 



Verbindung mit ihm löse, diese und manche andere Einzelheiten der Schreber- 
schen Wahnbildung klingen fast wie endopsychische Wahrnehmungen der Vor- 
gänge, deren Annahme ich hier einem Verständnis der Paranoia zugrunde ge- 
legt habe." 

J ) Tusculanarum quaestionum lib. IV. 

*) Pro Quint. 14. 



120 

« 
Verwendung des Begriffes deckt sich auch der entsprechende ety- 
mologische Kontext des Wortes libido : 

Libido oder lubido (mit libet, älter lubet) es beliebt, und libens 
oder lubens = gern, willig) sanskr. lübhyati = empfindet heftiges 
Verlangen, löbhayati = erregt Verlangen, lubdha-h = gierig, löbha-h = 
Verlangen, Gier. got. liufs, althochd. liob = lieb. Im weitern wird 
dazugestellt got. lubains = Hoffnung und althochd. lobön = loben, 
lob = Lob, Preis, Ruhm. Altbulg. ljubiti = lieben, ljuby = Liebe, 
lit. liaupsinti = lobpreisen 1 ). 

Man kann sagen, daß dem Libido begriff; wie er sich in den neuen 
Arbeiten Freuds und seiner Schule entwickelt hat, im biologischen 
Gebiete funktionell dieselbe Bedeutung zukommt wie dem Begriff 
der Energie auf physikalischem Gebiete seit Robert Mayer 2 ). Es 
dürfte nicht überflüssig sein, an dieser Stelle ein Weiteres über den Be- 
griff der Libido zu sagen, nachdem wir der Gestaltung ihrer Symbole 
bis zu ihrem höchsten Ausdruck in der menschlichen Gestalt des reli- 
giösen Heros gefolgt sind. 

IL 

Über den Begriff und die genetische Theorie 

der Libido. 

Die hauptsächlichste Quelle für die Geschichte des Libido- 
begriffes sind Fre uds: „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". Dort 
wird der Terminus ,Libido' in dem ihm (medizinisch) ursprünglich 
eigenen Sinne des Sexualtriebes, des Sexualbegehrens gefaßt. Die Er- 

J ) Walde: Lat. etymol. Wörterbuch, 1910, s. libet. Liberi = Kinder 
wird von Nazari (Riv. di Fil., XXXVI, 573 f.) zu libet gestellt. Sollte dies sich 
bestätigen, so wäre der mit liberi unbezweifelt zusammengestellte Liber, der 
italische Zeugungsgott, ebenfalls zu libet gestellt. Libitina ist die Leichen- 
göttin, die mit Lubentina und Lubentia (Attribut der Venus), das zu übet gehört, 
nichts zu tun haben soll. Der Name ist noch unerklärt. (Vgl. die späteren Aus- 
führungen dieser Arbeit.) Libare = gießen (opfern?) soll mit liber nichts zu 
tun haben. 

Die Etymologie von libido zeigt nicht nur die zentrale Stellung des Begriffs, 
sondern auch den Zusammenhang mit dem deutschen „Liebe". Unter diesen 
Umständen müssen wir sagen, daß nicht nur der Begriff, sondern auch das Wort 
Libido für die vorliegende Sache trefflich gewählt ist. 

s ) Eine erkenntnistheoretische Korrektur des Satzes von der Erhaltung 
der Energie könnte bemerken, daß dieses Bild die Projektion einer endopsychischen 
Wahrnehmung der äquivalenten Libidoumwandlungen sei. 



121 

fahrung nötigt zur Annahme einer Verlagerungsfähigkeit der Libido, 
indem zweifellos Funktionen oder Lokalisationen nicht sexueller Trieb- 
kräfte fähig sind, einen gewissen Betrag an sexueller Triebkraft, einen 
„libidinösen Zuschuß" aufzunehmen 1 ). Es können dadurch Funktionen 
oder Objekte Sexualwert erhalten, die unter normalen Umständen und 
eigentlich nichts mit Sexualität zu tun haben 2 ). Aus dieser Tatsache 
ergibt sich der Freudsche Vergleich der Libido mit einem Strom, 
der teilbar ist, der sich stauen läßt, der in Kollateralen überfließt usw. 3 ). 
Freuds ursprüngliche Auffassung erklärt also nicht „alles sexuell" 
wie unsere Gegner zu behaupten beheben, sondern anerkennt die 
Existenz besonderer ihrer Natur nach weiter nicht bekannter Trieb- 
kräfte, denen Freud aber, gedrängt durch die offenkundigsten Tat- 
sachen, die jedem Laien einleuchten, die Fähigkeit zuschreiben mußte, 
„libidinöse Zuschüsse" zu empfangen. Das zugrunde liegende hypo- 
thetische Bild ist das Symbol des „Triebbündels", 4 ) worin der Sexual- 
trieb als ein Partialtrieb des ganzen Systems figuriert. Sein Über- 
greifen in andere Triebgebiete ist eine Erfahrungstatsache. Die aus 
dieser Auffassung sich abzweigende Theorie Freuds, wonach die Trieb- 
kräfte eines neurotischen Systems eben jenen libidinösen Zuschüssen 
zu anderen (nicht sexuellen) Triebfunktionen entsprechen 5 ) ist durch 



i) Freud (Drei Abhandlungen, 1. Aufl., S. 26): „Neben einein, an sich 
nicht sexuellen, aus motorischen Impulsquollen stammenden „Trieb" unterscheidet 
man an — den Partialtrieben — einen Beitrag von einem Reize aufnehmenden 
Organ (Haut usw.). Letzteres soll hier als erogene Zone bezeichnet werden, als 
jenes Organ, dessen Erregung dem Triebe den sexuellen Charakter verleiht." • 

2 ) Freud (1. c., S. 12): „Eine bestimmte dieser Berührungen, die der 
beiderseitigen Lipponschleirahaut, hat als Kuß — einen hohen sexuellen Wert 
erhalten, obwohl die dabei in Betracht kommenden Körperteile nicht dem Ge- 
schlechtsapparat angehören, sondern den Eingang zum Verdauungskanal bilden. " 

3 ) Siehe Freud: 1. c. S. 28. 

*) Eine alte Anschauung, der bekanntlich Möbius wieder zu ihrem Rechte 
zu verhelfen suchte. Unter den Neuem sind es Fouillee, Wundt, Beneke, 
Spencer, Ribot u. a., welche dem Triebsystem das psychologische Primat zuer- 
kennen. Von den älteren Philosophen und Psychologen wollen wir ganz absehen. 

5 ) Freud (Drei Abhandlungen, 1. Aufl., S. 22): „Ich muß vorausschicken, 
daß diese Psychoneurosen, soweit, meine Erfahrungen reichen, auf sexuellen Trieb- 
kräften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, daß die Energie des Sexualtriebes 
einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften Erscheinungen unter- 
halten, sondern ich will ausdrücklich behaupten, daß dieser Anteil der einzig 
konstante und die wichtigste Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexual- 
leben der betreffenden Personen sich entweder ausschließlich oder vorwiegend 
oder nur teilweise in diesen Symptomen äußert." 



122 

die Arbeiten Freuds und seiner Schule meines Erachtens hinlänglich 
in ihrer Richtigkeit erwiesen. Seit 1905, dem Zeitpunkt des Erscheinens 
der drei Abhandlungen, ist eine Wandlung eingetreten 1 ) in der An- 
wendung des Libidobegrifies: sein Anwendungsgebiet wurde erweitert. 
Ein besonders deutliches Beispiel dieser Erweiterung ist meine vor- 
liegende Arbeit. Ich muß aber bemerken, daß auch Freud, gleich- 
zeitig mit mir, sich genötigt sah, den Begriff der Libido zu erweitern, 
allerdings mit jener zögernden Vorsicht, wie sie einem so schwierigen 
Problem gegenüber am Platze ist. Ich muß bemerken, daß es die der 
Dementia praecox so nahe verwandte Paranoia war, welche Freud 
zu einer Lockerung der früheren Begriffsfassung zu nötigen scheint. 
Der betreffende Passus, den ich wörtlich hierher setzen will, lautet 
(Jahrbuch, Bd. III, S. 65): 

„Eine dritte Überlegung, die sich auf den Boden der hier entwickelten 
Anschauungen stellt, wirft die Frage auf, ob wir die allgemeine Ablösung 
der Libido von der Außenwelt als genügend wirksam annehmen sollen 
um aus ihr den .Weltuntergang' zu erklären, ob nicht in diesem Falle die 
festgehaltenen Ichbesetzungen hinreichen müßten, um den Rapport mit 
der Außenwelt aufrecht zu erhalten. Man müßte dann entweder das, was 
wir Libidobesetzung (Interesse aus erotischen Quellen) heißen, 

S Jt i !r IntereSS ° überhau P t zusammenfallen lassen oder die 
Möglichkeit in Betracht ziehen, daß eine ausgiebige Störung in der Unter- 
bringung der Libido auch eine entsprechende Störung in den Ichbesetzungen 
induzieren kann. Nun sind dies Probleme, zu deren Beantwortung wir 
noch ganz hilflos und ungeschickt sind. Könnten wir von einer gesicherten 
Trieblehre ausgehen, so stünde es anders. Aber in Wahrheit verfügen wir 
über nichts dergleichen. Wir fassen den Trieb als den Grenzbegriff des 
bomatischen gegen das Seelische, sehen in ihm den psychischen Re- 
präsentanten organischer Mächte und nehmen die populäre Unterscheidung 
von Ichtrieben und Sexualtrieb an, die uns mit der biologischen Doppel- 
stellung des Einzelwesens, welches seine eigene Erhaltung wie die der 
Gattung anstrebt, übereinzustimmen scheint. Aber alles weitere sind 
Konstruktionen, die wir aufstellen und auch bereitwillig wieder fallen 
lassen, um uns in dem Gewirre der dunkleren seelischen Vorgänge zu orien- 
tieren und wir erwarten gerade von psychoanalytischen Untersuchungen 
über krankhafte Seelenvorgänge, daß sie uns gewisse Entscheidungen 
in den Fragen der Trieblehre aufnötigen werden. Bei der Jugend und 
Vereinzelung solcher Untersuchungen kann diese Erwartung noch nicht 
Erfüllung gefunden haben. Die Möglichkeit von Rückwirkungen der Libido- 

*) Wie unglaublich tief die Scholastik unserer Zeit noch in den Knochen 
steckt, sieht man an der Tatsache, daß man Freud zu guter Letzt auch noch 
vorwirf t, daß er gewisse Auffassungen geändert habe. Wehe denen, die die Menschen 
zwingen, umzulernen.' „Les savants ne sont pas curieux." 



.. 



123 

Störungen auf die Ichbesetzungen wird man so wenig von der Hand weisen 
dürfen, wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder induzierte Störung 
der Libidovorgänge durch abnorme Veränderungen im Ich. Ja, es ist 
wahrscheinlich, daß Vorgänge dieser Art den unterscheidenden Charakter 
der Psychose ausmachen. Was hiervon für die Paranoia in Betracht kommt, 
wird sich gegenwärtig nicht angeben lassen. Ich möchte nur einen einzigen 
Gesichtspunkt hervorheben. Man kann nicht behaupten, daß der Paranoiker 
sein Interesse von der Außenwelt völlig zurückgezogen hat, auch nicht 
auf der Höhe der Verdrängung, wie man es etwa von gewissen anderen 
Formen von halluzinatorischen Psychosen beschreiben muß. Er nimmt 
die Außenwelt wahr, er gibt sich Rechenschaft über ihre Veränderungen, 
wird durch ihren Eindruck zu Erklärungsleistungen angeregt und darum 
halte ich es für weitaus wahrscheinlicher, daß eine veränderte Relation 
zur Welt allein oder vorwiegend durch den Ausfall des Libidointeresses 
zu erklären ist." 

In diesem Passus tritt Freud deutlich an die Frag*f Tieran, ob 
der notorische Wirklichkeitsverlust der paranoiden Demenz (und der 
Dementia praecox 1 ), auf den ich in meiner „Psychologie der Dementia 
praecox 2 )" ausdrücklich aufmerksam gemacht habe, auf den Rückzug 
des „libidinösen Zuschusses" allein zurückzuführen- sei, oder ob dieser 
zusammenfalle mit dem sogenannten objektiven Interesse überhaupt. 
Es ist wohl kaum anzunehmen, daß die normale „fonction du reel" 
(Jan et) 3 ) nur durch „libidinöse Zuschüsse" oder erotisches Interesse 
unterhalten wird. Die Tatsachen liegen so, daß in sehr vielen Fällen die 
Wirklichkeit überhaupt wegfällt, so daß die Kranken nicht eine Spur 
von psychologischer Anpassung oder Orientierung erkennen lassen. 
(Die Realität ist in diesen Zuständen verdrängt und durch Komplex- 
inhalte ersetzt.) Man muß notgedrungenerweise sagen, daß nicht nur 
das erotische, sondern überhaupt das Interesse, d. h. die ganze Realitäts- 
anpassung in Verlust geraten ist. In diese Kategorie gehören die stupo- 
rösen und katatonischen Automaten. 

An diesen Phänomenen wird es offenbar, daß die aus der Psycho- 
logie der Neurosen (vorzugsweise Hysterie und Zwangsneurose) herüber- 
genommene Differenzierung des nichtsexuellen Triebes von seinem 
libidinösen Zuschuß bei der Dementia praecox (wozu die paranoide 
Demenz gehört) versagt, und das aus guten Gründen. Ich habe mir 
früher in meiner Psychologie der Dementia praecox mit dem Ausdruck 
„psychische Energie" geholfen, weil ich die Dementia-praecox- Theorie 



/ 



: ) Seh rebers Fall ist keine reine Paranoia in modernem Sinne. 

a ) Ebenso in „Der Inhalt der Psychose", 1908. 

3 ) Vgl. dazu Jung: Psychologie der Dementia praecox, S. 114. /' 






124 

nioht auf die Theorie der Verlagerungen der libidinösen Zuschüsse 
zu gründen vermochte. Meine damals vorzugsweise psychiatrische 
Erfahrung erlaubte mir das Verständnis dieser Theorie nicht, deren 
Richtigkeit für die Neurosen (streng genommen: für die Übertragungs- 
neurosen 1 ) ich erst später, dank vermehrter Erfahrung auf dem Gebiet 
der Hysterie und Zwangsneurose einsehen lernte. Im Gebiete dieser Neu- 
rosen handelt es sich tatsächlich darum, daß dasjenige Stück Libido, 
welches durch die spezifische Verdrängung erübrigt, introvertiert wird 
und regressiv frühere Übertragungsbahnen beschreitet (z. B. den Weg 
der Elternübertragung 2 ). Dabei bleibt aber die sonstige, nichtsexuelle 
psychologische Anpassung an die Umgebung erhalten, soweit sie nicht die 
Erotik und ihre sekundären Positionen (die Symptome) betrifft. Das, 
was diesen Kranken an der Wirklichkeit fehlt, ist eben das in der Neu- 
rose befindliche Stück Libido. Bei der Dementia praecox hingegen 
fehlt der Wirklichkeit nicht bloß das Stück Libido, das sich aus der 
uns bekannten spezifischen Sexualverdrängung erübrigt, sondern 
weit mehr, als man der Sexualität sensu strictiori aufs Konto schreiben 
könnte. Es fehlt ein dermaßen großer Betrag an Wirklichkeitsf unktion , 
daß auch noch Triebkräfte im Verlust einbegriffen sein müssen, deren 
Sexualcharakter durchaus bestritten werden muß 3 ), denn es wird 
niemandem einleuchten, daß die Realität eine Sexualfunktion ist. 
Überdies müßte, wenn sie es wäre, die Introversion der Libido (sensu 
strictiori) schon in den Neurosen einen Realitätsverlust zur Folge haben, 
und zwar einen, der sich mit dem der Dementia praecox in Vergleich 
setzen ließe. Diese Tatsachen haben es mir unmöglich gemacht, die 
Freudsche Libidotheorie auf die Dementia praecox zu übertragen. 
Ich bin daher auch der Ansicht, daß der Versuch Abrahams 4 ) vom 
Standpunkt der Freu dachen Libidotheorie theoretisch kaum haltbar 
ist. Wenn Abraham glaubt, daß durch die Abkehr der „Libido" 



J ) Siehe Definition im I. Teil. 

-) Eine frigide Frau z. B., der es infolge spezifischer Sexual Verdrängung 
nie gelang, die Libido sexualis an den Mann zu bringen, hält die Elternimago in 
sich wach und produziert Symptome, die in jene Umgebung gehören. 

3 ) Ich bemerke übrigens, daß derartige Überschreitungen des sexuellen Trieb- 
gebietes auch bei hysterischen Psychosen vorkommen können; das liegt schon in der 
Definition der Psychose, die nichts anderes als eine allgemeine Anpassungsstörung 
bedeutet. s. 

*) Die psychosexuellen Differenzen-derJJysterie und der Dementia praecox 
Zentralbl. f. Nervenheilkunde u. Psychiatrie, 1908. 



125 






von der Außenwelt das paranoide System oder die schizophrene 1 ) 
Symptomatologie entsteht, so ist diese Annahme vom Standpunkt 
des damaligen Wissens aus nicht berechtigt, denn eine bloße Libido- 
intro version und -regression führt, wie Freud klar gezeigt hat, un- 
weigerlich in die Neurose (strenger gesagt : in die Übertragungsneurose) 
und nicht in die Dementia praecox. Die bloße Übersetzung 
der Libidotheorie auf die Dementia praecox ist unmöglich, weil 
diese Krankheit einen Verlust aufweist, der durch den Ausfall 
der Libido (s. s.) nicht erklärt werden kann. 

Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, daß auch unser 
Meister, als er seine Hand an den spröderen Stoff des paranoiden Geistes- 
lebens legte, zu einem Zweifel an der Anwendbarkeit des bisherigen 
Libidobegriffes genötigt wurde. Meine reservierte ' Stellung gegenüber 
der Ubiquität der Sexualität, wie ich sie in der Vorrede zu meiner 
Psychologie der Dementia praecox bei aller Anerkennung der psycho- 
logischen Mechanismen einnahm, war diktiert durch die damalige 
Lage der Libidotheorie, deren sexuelle Definition mir nicht erlaubte, 
Funktionsstörungen, welche das (unbestimmte). Gebiet des Hunger- 
triebes ebensosehr betreffen wie das der Sexualität, durch eine sexuelle 
Libidotheorie zu erklären. Die Libidotheorie erschien mir lange Zeit 
unanwendbar bei der Dementia praecox. Bei meiner analytischen 
Arbeit bemerkte ich aber mit wachsender Erfahrung eine langsame 
Veränderung meines Libidobegriffes: an Stelle der deskriptiven 
Definition der „Drei Abhandlungen" trat allmählich eine genetische 
Definition der Libido, welche es mir ermöglichte, den Ausdruck 
„psychische Energie" durch den Terminus „Libido" zur ersetzen. 
Ich mußte mir sagen : Wenn schon die Wirklichkeitsfunktion heute nur 
zum allergeringsten Teil aus Sexuallibido und zum allergrößten Teil 
aus sonstigen „Triebkräften" besteht, so ist es doch eine sehr wichtige 
Frage, ob nicht phylogenetisch die Wirklichkeitsfunktion, 
wenigstens zu einem großen Teil, sexueller Provenienz 
war. Diese Frage in bezug auf die Wirklichkeitsfunktion direkt zu 
beantworten, ist nicht möglich. Wir versuchen aber auf einem Umweg, 
zum Verständnis zu gelangen. 

Ein flüchtiger Blick auf die Entwicklungsgeschichte genügt, 
um uns zu belehren, daß zahlreiche komplizierte Funktionen, denen 
heutzutage Sexualcharakter mit allem Recht aberkannt werden muß, 



a ) Freud sagt: Paraphrenie, was gewiß besser klingt. 




126 

ursprünglich doch nichts als Abspaltungen aus dem allgemeinen Pro- 
pagationstrieb sind. Es hat sich ja, wie bekannt, in der aufsteigenden 
Tierreihe eine wichtige Verschiebung in den Prinzipien der Propagation 
vollzogen: die Blasse der Fortpflanzungsprodukte mit der damit ver- 
bundenen Zufälligkeit der Befruchtung wurde mehr und mehr ein- 
geschränkt zugunsten einer sichern Befruchtung und einem wirk- 
samen Brutschutz. Dadurch vollzog sich eine Umsetzung der Energie 
der Ei- und Samenproduktion in die Erzeugung von Anlockungs- und 
Brutschutzmechaniemen. So erblicken wir die ersten Kunsttriebe in 
der Tierreihe im Dienst des Propagationstriebes, beschränkt auf die 
Brunstsaison. Der ursprüngliche Sexualcharakter dieser biologischen 
Institutionen verliert sich mit ihrer organischen Fixation und funktio- 
nellen Selbständigkeit. Wenn schon über die sexuelle Herkunft der 
Musik kein Zweifel obwalten kann, so wäre es eine wert- und geschmack- 
lose Verallgemeinerung, wenn man Musik unter der Kategorie der 
Sexualität begreifen wollte. Eine derartige Terminologie würde dazu 
führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie abzuhandeln, weil er auch 
aus Steinen besteht. 

Es kann nur einen Laien in entwicklungsgeschichtlichen Fragen 
verwundern, wie wenig Dinge es eigentlich in der Welt der Menschen 
gibt, die man nicht in letzter Linie auf den Propagationstrieb reduzieren 
muß; ich denke, es sei so ziemlich alles, was uns lieb und teuer ist. 

Wir sprachen bis jetzt von der Libido als dem Propagations- 
trieb und hielten uns damit in den Schranken jener Auffassung, welche 
Libido in ähnlicher Weise dem Hunger entgegensetzt, wie der In- 
stinkt der Arterhaltung gern dem der Selbsterhaltung gegenüber- 
gestellt wird. In der Natur gibt es natürlich diese künstliche Scheidung 
nicht. Hier sehen wir nur einen kontinuierlichen Lebenstrieb, einen 
Willen zum Dasein, der durch die Erhaltung des Individuums die 
Fortpflanzung der ganzen Art erreichen will. Insofern deckt sich diese 
Auffassung mit dem Begriff des Willens bei Schopenhauer, als 
wir eine von außen gesehene Bewegung innerlich nur als Wollen er- 
fassen können. (Die Sprache verrät es: bewegen, motivieren.) Dieses 
Hineinlegen von psychologischen Wahrnehmungen in das Objekt 
wird philosophisch als „Introjektion" bezeichnet. (Ferenczis 
Begriff der „Introjektion" bezeichnet umgekehrt das Hereinnehmen 
der Außenwelt in die Innenwelt: Vgl. Fere nczi, Introjektion und Über- 
tragung. Dieses Jahrbuch, Bd. I, S. 422.) Durch die Introjektion wird 
das Weltbild allerdings wesentlich verfälscht. Der Freudsche Begriff 



i 



127 

des Lustprinzips ist eine voluntaristische Formulierung des Intro- 
jektionsbegriffes, während sein jyiederum voluntaristisch gefaßtes 
„Realitätsprinzip" funktioneU dem entspricht, was ich als „Realitäts- 
korrektur" bezeichne und R. Avenarius als „empirio kritische Prin- 
zipialkoordination". (Vgl. Avenarius, Menschl. Weltbegr. S. 25 ff.) 
Derselben Introjektion verdankt der Kraftbegriff sein Dasein; wie 
schon Galilei es klar ausgesprochen hat, daß sein Ursprung in der 
subjektiven "Wahrnehmung der eigenen Muskelkraft zu suchen ist. 

Wenn wir schon einmal zu der kühnen Annahme gekommen sind, 
daß Libido, die ursprünglich der Ei- und Samenproduktion diente, 
nunmehr auch in der Funktion des Nestbaues fest organisiert und keiner 
andern Verwendung mehr fähig auftritt, dann sind wir auch genötigt, 
jedes Wollen überhaupt, also auch den Hunger, in diesen Begriff 
einzubeziehen. Denn wir haben dann keinerlei Berechtigung mehr, 
das Wollen des Nestbauinstinkts von dem Essenwollen prinzipiell zu v 

unterscheiden. 

. — '■■ " -■ 

Diese Betrachtung führt uns auf einen Libido begriff, der über 
' die Grenzen naturwissenschaftlicher Formung zu einer phüosophischen 
Anschauung sich erweitert, zu einem Begriff des Willens überhaupt., 1 
\Jch muß es dem Philosophen überlassen, mit diesem Stück eines psycho-i ■ 
logischen Voluntarismus fertig zu werden. Ich verweise im übrigen 
auf die hier entsprechenden Ausführungen Schopenhauers 1 ). Was 
das Psychologische dieses Begriffes (worunter ich, wohlverstaäden, 
nicht das Metapsychologische respektive Metaphysische verstehe) 
anbelangt, so erinnere ich hier an die kosmogonische Bedeutung des 
Eros bei Piaton und bei Hesiod 2 ) sowie an die orphische Figur 
des Phanes, des „Leuchtenden", des Erstgewordenen, des „Vaters 
des Eros". Phanes hat auch (orphisch) die Bedeutung des Priapos, 
er ist ein Liebesgott, zwiegeschlechtig und dem thebanischen Dio- 
nysos Lysios gleichgesetzt 3 ). Die orphische Bedeutung des Phanes 
kommt der des indischen Käma gleich, dem Liebesgott, der auch 
kosmogonisches Prinzip ist. Beim Neuplatoniker Plotin ist die Welt- 
seele die Energie des Intellektes 4 ). Plotin vergleicht das Eine 
(das schaffende Urprinzip) mit dem Licht überhaupt, den Intellekt 
mit der Sonne (<?), die Weltseele mit dem Mond (9). Ein anderer 

*) Welt als Wille und Vorstellung, Bd. I, § 54. 

s ) Theogonie. 

3 ) Vgl. Röscher: Lex., S. 2248 ff. 

«) Drews: Plotin, Jena 1907, S. 127. 



X 




128 

Vergleich ist, daß Plotin das Eine mit dem Vater und den Intellekt 
mit dem Sohne vergleicht 1 ). Das Eine als Uranos bezeichnet ist trans- 
zendent. Der Sohn als Kronos hat die Regierung der sichtbaren "Welt. 
Die Weltseele (als Zeus bezeichnet) erscheint als ihm untergeordnet. 
Das Eine oder die Usia des gesamten Daseins wird von Plotin als 
Hypostase bezeichnet, ebenso auch die drei Emanationsformen, also 
uia ovoia h rgtaiv vjiooxdoeoiv; — wie Drews bemerkt, ist dies 
aber auch die Formel der christlichen Trinität (Gott- Vater, Gott- Sohn 
und Heiliger Geist), wie sie auf den Konzilien zu Nikäa und Konstanti- 
nopel festgestellt wurde 2 ). Es erübrigt noch anzumerken, daß gewisse 
frühchristliche Sektierer dem Heiligen Geist (Weltseele, Mond) mütter- 
liche Bedeutung beilegten. (Vgl. unten über das Chi im Timaeus.) 
Die Weltseele hat bei Plotin Neigung zum geteilten Sein und 
zur Teilbarkeit, der Conditio sine qua non aller Veränderung, 
Schöpfung und Fortpflanzung (also mütterliche Qualität), sie ist ein 
„unendliches All des Lebens" und ganz Energie; sie ist ein lebendiger 
Organismus der Ideen, die in ihr zur Wirksamkeit und Wirklichkeit ge- 
langen 3 ). Der Intellekt ist ihr Erzeuger, ihr Vater, das in ihm Angeschaute 
bringt sie im Sinnlichen zur Entfaltung 4 ). „Was im Intellekt zusammen- 
geschlossen liegt, das kommt als Logos in der Weltseele zur Entfaltung, 
erfüllt sie mit Inhalt und macht sie gleichsam von Nektar trunken 5 )." 
Nektar ist analog Soma Fruchtbarkeits- und Lebenstrank, also Sperma. 
Die Seele wird vom Intellekt befruchtet (also vom Vater, vgl. unten 
die analogen ägyptischen Vorstellungen). Sie heißt als „obere" Seele '■ 
himmlische Aphrodite, als „untere" irdische Aphrodite. Sie' 
kennt „die Schmerzen der Geburt" 6 ) usw. Aphrodite ns Vogel, die 
Taube, ist nicht vergebens Symbol des Heiligen Geistes. 

Dieser Abschnitt aus der Geschichte der Philosophie, der sich 
leicht noch vermehren ließe, zeigt die Bedeutung der endopsychischen 
Wahrnehmung der Libido und ihrer Symbole für das menschliche 
Denken. 

In der Mannigfaltigkeit der natürlichen Erscheinung sehen wir 
das Wollen, die Libido, in verschiedenster Anwendung und Formung. 



*) 1. c, S. 132. 

a ) 1. c, S. 135. 

3 ) Plotin: Enneaden, II, 5, 3. 

*) Enn., IV, 8, 3. 

6 ) Enn., III, 5, 9. 

6 ) 1. c, 141. 



129 

Wir sehen die Libido im Stadium der Kindheit zunächst ganz in der 
Form des Ernährungstriebes, der den Aufbau des Körpers versorgt. 
Mit der Entwicklung des Körpers eröffnen sich sukzessive neue An- 
wendungsgebiete der Libido. Das letzte und in seiner funktionellen 
Bedeutung überragende Anwendungsgebiet ist die Sexualität, die 
zunächst als außerordentlich an die Ernährungsfunktion gebunden 
erscheint. (Beeinflussung der Fortpflanzung durch die Ernährungs- 
bedingungen bei niederen Tieren und Pflanzen.) Im Gebiet der Sexualität 
gewinnt die Libido jene Formung, deren gewaltige Bedeutung uns zur 
Verwendung des Terminus Libido überhaupt berechtigt. Hier tritt 
die Libido so recht eigentlich als Propagationstrieb auf, und zwar zu- 
nächst in der Form einer undifferenzierten sexuellen Urlibido, die als 
Wachstumsenergie schlechthin die Individuen zu Teilung, Sprossung 
usw. veranlaßt. (Die klarste Scheidung der beiden Libidoformen findet 
sich bei den Tieren, bei denen das Ernährungsstadium durch ein Puppen- 
stadium vom Sexualstadium geschieden ist.) 

Aus jener sexuellen Urlibido, welche die Millionen Eier und 
Samen aus einem kleinen Geschöpfe heraus erzeugte, haben sich mit 
gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit Abspaltungen ent- 
wickelt, deren Funktion durch eine speziell differenzierte Libido unter- 
halten wird. Diese differenzierte Libido ist nunmehr „desexualisiert", 
indem sie der ursprünglichen Funktion der Ei- und Samenerzeugung 
entkleidet ist und auch keine Möglichkeit mehr vorhanden ist, sie 
wiederum zu ihrer ursprünglichen Funktion zurückzubringen. So besteht 
überhaupt der Entwicklungsprozeß in einer zunehmenden Aufzehrung 
der Urlibido, welche nur Fortptlanzungsprodukte erzeugte, in die 
sekundären Funktionen der Anlockung und des Brutschutzes. Diese 
Entwicklung setzt nun ein ganz anderes und viel komplizierteres Ver- 
hältnis zur Wirklichkeit, eine eigentliche Wirklichkeitsfunk- 
tion voraus, die funktionell untrennbar mit den Bedürfnissen der 
Propagation verbunden ist, d. h. die veränderte Propagationsweise 
führt als Korrelat eine entsprechend erhöhte Wirklichkeitsanpassung 
mit sich 1 ). 

Auf diese Weise gelangen wir zur Einsicht in gewisse ursprüngliche 
Bedingungen der Wirklichkeitsfunktion. Es wäre grundfalsch zu sagen, 
ihre Triebkraft sei eine sexuelle, sie war in hohem Maße eine sexuelle. 

J ) Damit soü natürlich nicht gesagt sein, daß die Wirkliehkeitsfunktion 
ausschließlich der Differenzierung der Propagation ihr Dasein verdanke. Der 
unbestimmt große Anteil der Ernährungsfunktion ist mir bewußt. 

Jung, Libido. Q 



Si 



130 

Der Prozeß der Aufzehrung der Urlibido in sekundäre Betriebe 
erfolgte wohl immer in Form des „libidinösen Zuschusses", d. h. die 
Sexualität wurde ihrer ursprünglichen Bestimmung entkleidet und als 
Partia) betrag zum phylogenetisch sich allmählich steigernden Betriebe 
der Anlockung- und Brutschutzmechanismen verwendet. Diese Über- 
weisung von Sexuallibido aus dem Sexualgebiet sensu strictiori an 
Nebenfunktionen findet noch immer statt 1 ). Wo diese Operation ohne 
Nachteil für die Anpassung des Individuums gelingt, spricht man von 
Sublimierung, wo der Versuch mißlingt, von Verdrängung. 

Derdeskriptive Standpunktder Psychologie sieht die Vielheit 
der Triebe, darunter als Partialphänomen den Sexualtrieb, außerdem 
erkennt er gewisse libidinöse Zuschüsse zu nichtsexuellen Trieben an. 

Anders der genetische Standpunkt: Er sieht das Hervorgehen 
der Vielheit der Triebe aus einer relativen Einheit, der Urlibido 2 ), er 
sieht, wie fortwährend sich Partialbe träge von der Urlibido abspalten, 
als libidinöse Zuschüsse sich neuformierenden Betrieben zugesellen und 
darin schließlich aufgehen. Infolgedessen ist es dem genetischen Stand- 
punkt unmöglich, den strengbegrenzten Libidobegriff des deskrip- 
tiven Standpunktes festzuhalten, er führt unvermeidlich zu einer 
Lockerung des Libidobegriffes. Damit gelangen wir zu dem Libido- 
begriff, wie ich ihn subreptive im ersten Teile dieser Arbeit eingeführt 
habe, in der Absicht, dem Leser diesen genetischen Libidobegriff 
mundgerecht zu machen. Die Aufklärung über diesen harmlosen Betrug, 
die ich dem Leser schuldete, versparte ich auf den zweiten Teil. 

Erst durch diesen genetischen Libidobegriff, der 
nach allen Seiten über das Rezentsexuelle (oder Deskriptiv- 
sexuelle) hinausgeht, wird die Übersetzung der Freudschen 
Libidotheorie aufs Psychotische möglich. Wie der bisherige 
Freudsche Libidobegriff mit den Problemen der Psychose kollidiert, 
zeigt der oben zitierte Passus 3 ). Wenn ich daher (in dieser Arbeit oder 



1 ) Der Malthusianismus ist die künstliche Fortsetzung der natürlichen 
Tendenz. *» 

2 ) Z. B. zunächst in der Form der Propagation als eines Unterfalles des 
Willens überhaupt. 

3 ) Freud, dessen absolut empirische Einstellung ich den das Gegenteil 
behauptenden Gegnern gegenüber immer wieder verteidigen muß, hat in seiner 
Paranoiaarbeit sich, von den Tatsachen dieser Krankheit über den Rahmen seines 
eigenen ursprünglichen Libidobegriffes hinausfuhren lassen. Er braucht dort 
libido sogar für Wirklichkeitsfunktion, was ich mit dem Standpunkte der ,,Drei 
Abhandlungen" nicht vereinigen kann. 



131 

sonstwo) überhaupt von „Libido" spreche, so verbinde ich damit den 
genetischen Begriff, der das Rezentsexuelle um einen beliebig 
großen Betrag an desexualisierter Urlibido erweitert. Wenn 
ich sage, ein Kranker nehme seine Libido von der Außenwelt weg, 
um die Innenwelt damit zu besetzen, so meine ich nicht, er nehme 
bloß die libidinösen Zuschüsse zur Wirklichkeitsfimktion weg; sondern 
er nimmt, nach meiner Auffassung, noch von jenen nicht mehr sexuellen 
(„desexualisierten") Triebkräften weg, welche die Wirklichkeitsfunktion 
eigentlich und regelmäßig unterhalten. 

Auf Grund dieser Begriffsfassung bedürfen gewisse Stücke unserer 
Terminologie ebenfalls der Revision. Wie bekannt, hat Abraham 
den Versuch unternommen, die Libidotheorie auf die Dementia praecox 
zu übertragen und hat den charakteristischen Mangel an gemütlichem 
Rapport und die Aufhebung der Wirklichkeitsfunktion als Auto- 
erotismus aufgefaßt. Dieser Begriff bedarf der Revision. Eine hy- 
sterische Libidointroversion führt zu Autoerotismus, indem der Pa- 
tient seine erotischen Zuschüsse zur Anpassungsfunktion introver- 
tiert, wodurch sein Ich mit dem entsprechenden Betrag an erotischer 
Libido besetzt wird. Der Schizophrene entzieht der Wirklichkeit aber 
weit mehr als bloß die erotischen Zuschüsse, dafür entsteht in seinem 
Innern aber auch etwas ganz anderes als beim Hysterischen. Er ist 
mehr als autoerotisch, er bildet ein intrapsychisches Reali- 
tätsäquivalent, wozu er notwendigerweise andere Dynamismen 
zu verwenden hat als erotische Partialbeträge. Daher muß ich Ble uler 
die Berechtigung zuerkennen, den von der Neurosenlehre her- 
genommenen und dort legitimen Begriff des Autoerotismus abzulehnen 
und durch den Begriff des Autismus 1 ) zu ersetzen. Ich muß sagen, 
daß dieser Terminus den Tatsachen besser gerecht wird als „Auto- 
erotismus". Damit anerkenne, ich meine frühere Gleichsetzung von 
Autismus (Bleuler) und Autoerotismus (Freud) als unberechtigt 
und ziehe sie zurück 2 ). Dazu nötigt mich die hier vorgenommene, wie 
ich hoffe, gründliche Revision des Libido begriff es. 

Aus diesen Überlegungen dürfte zwingend hervorgehen, daß der 
deskriptivpsychologische oder rezentsexuelle Begriff der Libido auf- 

*) Bleuler gelangt zu diesem Begriffe allerdings auf Grund anderer Über- 
legungen, denen ich nicht immer zustimmen kann. Vgl. Bleuler: Dementia- prae- 
cox, in Aschaffenburgs Handbuch der Psychiatrie. 

*) Siehe Jung: Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen 
Negativismus. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 469. 



132 

gegeben werden muß, damit die Libidotheorie auch auf die Dementia 
praecox Anwendung finden kann. Daß sie dort anwendbar ist, zeigt 
am besten Freuds glänzende Untersuchung der Schreb ersehen 
Phantasien. Die Frage ist nur, ob der von mir in Vorschlag gebrachte 
genetische Libidobegriff nun auch noch für die Neurosen passe. Ich 
glaube, diese Frage darf bejaht werden. Natura non facit saltus — es 
ist nicht bloß zu erwarten, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß 
wenigstens temporär und in verschiedenen Abstufungen auch bei den 
Neurosen Funktionsstörungen vorkommen, die über die Reichweite 
des Rezentsexuellen hinausgehen, auf jeden Fall gilt dies von psy- 
chotischen Episoden. 

Ich halte die Erweiterung des Libido begriff es, die durch die jüng- 
sten analytischen Arbeiten vorbereitet wurde, für einen wesentlichen 
Fortschritt, der namentlich dem gewaltigen Arbeitsgebiet der Intro- 
versionspsychosen zugute kommen wird. Dort liegen die Beweise für 
die Richtigkeit meiner Annahme schon bereit. Es hat sich nämlich 
durch eine Reihe von Arbeiten der Züricher Schule, die erst zum Teil 
veröffentlicht sind 1 ), herausgestellt, daß die pha ntastische n Ersatz- 
produkte, welche an Stelle der gestörten Realitätsfunktion 
treten, deutliche Züge archaischen Denkens tragen. Diese 
Konstatierung geht dem oben aufgestellten Postulat parallel, wonach 
der Wirklichkeit nicht bloß ein rezenter (individueller) Libidobetrag 
entzogen wird, sondern auch eine bereits differenzierte („desexuali- 
sierte") Libidomenge, welche beim normalen Menschen seit unvor- 
denklichen Zeiten die Realitätsfunktion besorgte. Eine Wegnahme 
der letzten Erwerbungen der Realitätsfunktion (oder Anpassung) muß 
notwendigerweise durch einen früheren Anpassungsmodus ersetzt 
werden. Wir finden diesen Grundsatz bereits in der Neurosenlehre, 
daß nämlich eine infolge Verdrängung fehlschlagende rezente Über- 
tragung durch einen alten Übertragungsweg ersetzt wird, nämlich durch 
eine Regressivbelebung der Elternimago beispielsweise. In der (Über- 
tragungs) Neurose, wo von der Realität bloß der rezentsexuelle Libido- 
betrag durch die spezifische Sexualverdrängung weggenommen wird, 
ist das Ersatzprodukt eine Phantasie individueller Provenienz und 
Tragweite und es fehlen, bis auf Spuren, jene archaischen Züge an den 
Phantasien jener Geistesstörungen, bei denen ein Stück allgemein 
menschlicher und seit Alters organisierter Realitätsfunktion weg- 

*) Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizo- 
phrenie. Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 329. 



L 



V 



133 

gebrochen wird. Dieses Stück kann nur durch ein entsprechendes all- 
gemein gültiges archaisches Surrogat ersetzt werden. Ein einfaches 
und klares Beispiel für diesen Satz verdanken wir der Forscherarbeit 
des leider zu früh verstorbenen Honegger 1 ): 

Ein Paranoider von guter Intelligenz, der die Kugelgestalt der 
Erde und ihre Rotation um die Sonne sehr wohl kennt, ersetzt in seinem 
System die modernen astronomischen Einsichten durch ein bis ins 
Detail ausgearbeitetes System, das man ein archaisches nennen 
muß, indem die Erde eine flache Scheibe ist und die Sonne darüber 
wandert 2 ). (Ich erinnere auch an das im ersten Teil erwähnte Beispiel 
rom Sonnenphallus, das wir ebenfalls Honegger verdanken.) Spiel- 
rein hat uns ebenfalls einige sehr interessante Beispiele gebracht 
von den archaischen Definitionen, welche in der Krankheit die Real- 
bedeutungen der modernen "Worte zu überwuchern beginnen. 
Z. B. hat die Patientin Spielreins die mythologischen Bedeutungen 
des Alkohols, des Rausch'trankes, als „Samenerguß" wieder richtig I 
aufgefunden 3 ). Sie hat auch eine Symbolik des Kochens, welche ich 
in Parallele setzen muß zu der überaus bedeutsamen alchemistischen ; 
Vision des Zosimos*), der in der Höhlung des Altars kochendes 
Wasser fand und darin Menschen 5 ). Die Patientin setzt auch Erde 
für Mutter 6 ), ebenso Wasser für Mutter 7 ) Ich verzichte auf fernere 
Beispiele, indem weitere Arbeiten aus der Züricher Schule noch eine 
Fülle von Dingen dieser Art bringen werden. 

Mein obiger Satz von der Ersetzung der gestörten Wirklichkeits- 
funktion durch archaische Surrogate wird unterstützt durch ein treff- 
liches Paradoxon Spielreins; die Autorin sagt S. 397 ihrer zitierten 
Arbeit: „Ich hatte mehrfach die Illusion, als seien die Kranken 

') Seine Untersuchungen sind in meiner Hand und ihre Publikation ist 
in Vorbereitung. 

2 ) Honegger brachte dieses Beispiel in seinem Vortrage an der privaten 
psychoanalytischen Vereinigung in Nürnberg 1910. 

3 ) Spielrein: 1. c, S. 338, 353 und 387. Zu Soma als „Samenerguß" 
vgl. unten. 

*) Vgl. Berthelot: Les Alchemistes Grecs, und Spielrein: 1. c, S. 353. 

5 ) Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß diese Vision den ursprünglichen 
Sinn der Alchemie enthüllt: ein ursprünglicher Befruchtungszauber, d. h. ein Mittel, 
wie Kinder gemacht werden könnten ohne Mutter. Ich begnüge mich mit dieser 
Andeutung. 

6 ) Spielrein: 1. c, S. 345. 

7 ) Spielrein: 1. c, S. 338. 



134 



einfach Opfer eines im Volke herrschenden Aberglaubens 
geworden." Tatsächlich setzen die Kranken an Stelle der Wirklichkeit 
Phantasien, ähnlich den real unrichtigen Geistesprodukten der Ver- 
gangenheit, die aber einmal Wirklichkeitsanschauung waren. Wie die 
Zosimosvision zeigt, waren die alten Superstitionen Symbole 1 ), 
welche Übergänge auch auf die entlegensten Gebiete gestatten. Dies 
muß für gewisse archaische Zeitalter sehr zweckmäßig gewesen sein, 
denn damit boten sich bequeme Brücken zur Überleitung eines libidi- 
nösen Partialbetrages ins Geistige ! Offenbar an eine ähnliche biologische 
Bedeutung des Symbols denkt auch Spielrein, wenn sie sagt 3 ): 

„So scheint mir ein Symbol überhaupt dem Bestreben eines Kom- 
plexes — nach Auflösung in das allgemeine Ganze des Denkens seinen 
Ursprung zu verdanken. — Der Komplex wird dadurch des Persönlichen 
beraubt. — Diese Auflösung8(Ti > ansformations)tendenz jedes einzelnen 
Komplexes ist die Triebfeder für Dichtung, Malerei, für jede Art von Kunst." 

Wenn wir hier den formalen Begriff „Komplex" durch den Be- 
griff der Libidomenge (= Affektgröße des Komplexes) ersetzen, was 
eine vom Standpunkt der Libidotheorie aus berechtigte Maßnahme 
ist, so läßt sich Spielreins Ansicht mit der meinigen unschwer zur 
Deckung bringen. Wenn ein primitiver Mensch überhaupt weiß, was 
ein Zeugungsakt ist, so kann er nach dem Prinzip des kleinsten Kraft- 
maßes niemals auf die Idee kommen, die Zeugungsglieder durch Seh wert' 
griff und Weberschiffchen zu ersetzen (wie in dem obigen Beispiel). 
Er müßte denn genötigt sein, ein Analogon zu ersinnen, um ein offenbar 
sexuelles Interesse auf einen asexuellen Ausdruck zu 
bringen. Das treibende Motiv dieser Überleitung rezentsexueller 
Libido auf nicht sexuelle Vorstellungen kann meines Erachtens nur in 
einem Widerstand aufgefunden werden, welcher sich der primi- 
tiven Sexualität entgegenstellt. 

Es scheint, als ob auf diesem Wege phantastischer Analogiebildung 
allmählich immer mehr Libido desexualisiert wurde, indem zunehmend 
Phantasiekorrelate für die primitiven Verrichtungen der Sexuallibido 
eingesetzt wurden. Damit wurde allmähich eine gewaltige Erweiterung 
des Weltbildes erzielt, indem immer neue Objekte als Sexualsymbole 
assimiliert wurden: Es ist eine Frage, ob nicht überhaupt auf diese 



x ) Ich muß auch an jene Indianer erinnern, welche die ersten Menschen 
aus der Vereinigung eines Schwertgriffes und eines Weberschiffchens hervor- 
gehen lassen. 

2 ) 1. c., S. 399. 






L 



135 

Weise der menschliche Bewußtseinsinhalt ganz oder wenigstens zum 
großen Teil zustande gekommen ist. Jedenfalls ist es evident, daß 
diesem Trieb zur Analogiefindung eine gewaltige Bedeutung für die 
menschliche Geistesentwicklung zukommt. Wir müssen Steinthal 
durchaus Recht geben, wenn er meint, daß dem Wörtchen „gleichwie" 
eine ganz unerhörte Wichtigkeit für die Entwicklungsgeschichte des 
Denkens zugestanden werden müsse. Es läßt sich leicht denken, daß 
die Überleitung von Libido auf phantastische Korrelate die primitive 
Menschheit zu einer Reihe der wichtigsten Entdeckungen geführt hat. 

in. X 

Die Verlagerung der Libido als mögliche Quelle 
der primitiven menschlichen Erfindungen. 

Ich will im folgenden versuchen, an einem konkreten Beispiel 
die Libidoüberleitung zu schildern : Ich behandelte einmal eine Patientin, 
welche an einem katatonen Depressionszustande litt. Da es sich um 
eine Introversionspsychose leichteren Grades handelte, so war die 
Existenz zahlreicher hysterischer Züge' nicht befremdlich. Im Beginn 
der analytischen Behandlung verfiel sie einmal, während sie von einer 
sehr schmerzlichen Angelegenheit erzählte, in einen hysterischen 
Dämmerzustand, in welchem sie alle Zeichen sexueller Erregung 
zeigte. (Es deutete auch alles darauf hin, daß sie während dieses Zu- 
standes die Kenntnis meiner Gegenwart abgespalten hatte, aus ersicht- 
lichen Gründen!) Die Erregung lief aus in einen masturbatorischen 
Akt (frictio femorum). Dieser Akt war von einer sonderbaren Geste 
begleitet: Sie macht mit dem Zeigefinger der linken Hand 
an der linken Schläfe anhaltend sehr heftige rotierende 
Bewegungen, wie wenn sie dort ein Loch bohren wollte. 
Nachher bestand „völlige Amnesie" für das Vorgefallene, auch war 
über die sonderbare Geste mit der Hand nichts zu erfahren. Obschon 
diese Handlung unschwer als ein an die Schläfe verlegtes Mund-, Nasen- 
oder Ohrenbohren zu erkennen ist, das in das Gebiet des infantilen 
ludus sexualis 1 ), der die Sexualbetätigung vorbereitenden Übung, 
gehört, so schien mir dieser Eindruck doch bedeutsam: warum, war 
mir zunächst nicht klar. Viele Wochen später hatte ich Gelegenheit, 
mit der Mutter der Patientin zu sprechen. Ich erfuhr von ihr, daß 

') Natürlich ein Onanievorspiel. 



136 

Patientin schon ein recht sonderbares Kind gewesen sei: zweijährig 
zeigte sie schon die Neigung, stundenlang sich rücklings an eine 
offene Schranktür zu setzen und mit dem Kopf rhythmisch die Türe 
zuzustoßen 1 ), womit sie die ganze. Umgebung zur Verzweiflung brachte. 
Wenig später fing sie an, anstatt wie andere Kinder zu spielen, im 
Kalkbewurf der Hausmauer mit dem Finger ein Loch zu 
bohre n. Sie tat das mit kleinen drehenden und schabenden Bewegungen 
und war stundenlang bei der Arbeit. Den Eltern war sie ein völliges 
Bätsei. (Vom 4. Jahre an etwa trat dann Onanie ein.) Es ist klar, daß wir 
in dieser frühen infantilen Betätigung die Vorstufe des späteren Handelns 
zu erblicken haben. Was als besonders merkwürdig dabei berührt, 
ist, daß das Kind 1. die Handlung nicht am eigenen Körper ausführt, 
und 2. die Assiduität, mit der es die Tätigkeit ausführt 2 ). Man ist ver- 
sucht, diese beiden Konstatierungen in einen Kausalnexus zu bringen 
und zu sagen : Weil das Kind diese Handlung nicht am eigenen Körper 
vollführt, daher komme vielleicht die Assiduität, indem es beim Bohren 
in der Mauer nie zu der Befriedigung gelange, als wenn es die 
Handlung am eigenen Körper onanistisch ausführe. 

Das zweifellos onanistische Bohren der Patientin läßt sich in eine 
sehr frühe Zeit der Kindheit zurückverfolgen, die vor der Zeit der 
lokalen Onanie liegt. Jene Zeit ist psychologisch noch recht dunkel, 
weil individuelle Reproduktionen noch in hohem Maße fehlen (ähnlich 
wie beim Tier). Das zeitlebens Überwiegende beim Tier ist das seiner 
Ar t im allgemeinen Eigentümliche (bestimmte Lebensart), wogegen beim 
Menschen später das Individuelle gegenüber dem Rassentypus sich 
durchdrückt. Um so mehr muß, die Richtigkeit dieser Überlegung 
vorausgesetzt, das anscheinend ganz unbegreiflich individuelle Handeln 
dieses Kindes in so frühem Alter auffallen. Wir wissen aus der späteren 
Lebensgeschichte dieses Kindes, daß seine Entwicklung, die, wie immer, 
unergründlich verwoben ist mit parallellaufenden äußeren Ereignissen; 
zu jener Geistesstörung geführt hat, die für den Individualismus und 
die Originalität ihrer Produkte ganz besonders bekannt ist, zur 

» 

x ) Dieses echt katatonische Pendeln mit dem Kopfe sah ich im Falle einer 
Katatonika aus allmählich nach oben verlagerten Koitusbewegungen entstehen, 
was Freud als Verlegung von unten nach oben längst beschrieben hat. Ich wäre 
der Kritik dankbar, wenn sie einmal, statt beständigen Streitens mit Worten 
eine solche schlichte Tatsache diskutieren wollte. 

a ) Die kleinen Bröckel, die dabei herausfielen, steckte sie in den Mund, 
und aß sie. 



137 

Dementia praecox. Das Eigenartige dieser Krankheit scheint, wie wir 
oben gezeigt zu haben glauben, auf dem stärkeren Hervortreten der 
phantastischen Denkart, des Frühinfantilen überhaupt, zu beruhen; 
aus diesem Denken gehen alle jene zahlreichen Berührungen mit mytho- 
logischen Produkten hervor, und was wir für originelle und gänzlich 
individuelle Schöpfungen halten, sind sehr oft nichts anderes als Bil- 
dungen, die denen der Vorzeit zu vergleichen sind. Ich glaube, man 
darf dieses Kriterium einmal an alle Bildungen dieser merkwürdigen 
Krankheit anlegen, so vielleicht auch an dieses besondere Symptom 
des Bohrens. Wir sahen bereits, daß das onanistische Bohren der 
Patientin aus einer sehr frühen Jugendzeit stammt, d. h. aus jener 
Vergangenheit wieder hervorgerufen wurde, indem die Kranke erst, 
nachdem sie mehrere Jahre verheiratet war, wieder in die frühere Onanie 
zurückfiel, und zwar nach dem Tode ihres Kindes, mit dem sie sich 
durch eine überzärtliche Liebe identifiziert hatte. Als das Kind starb, 
traten bei der damals noch gesunden Mutter die frühinfantilen Symp- 
tome ein in Form einer kaum verhehlten anfallsweisen Masturbation, 
die mit eben diesem Bohren verknüpft, war. Wie schon bemerkt, trat 
das primäre Bohren ein zu einer Zeit, die der aufs Genitale lokali- 
sierten Infantilonanie voranging. Diese Konstatierung ist 
insofern von Bedeutung, als dieses Bohren dadurch von einer ähnlichen 
späteren Gewohnheit, die nach der genitalen Onanie eintritt, unter- 
schieden ist. Die späteren Übeln Angewohnheiten stellen in der Regel 
einen Ersatz dar für verdrängte genitale Masturbation respektive für 
Versuche in dieser Hinsicht. Als solche können diese Gewohnheiten 
(Fingerlutschen, Nägelkauen, Zupfen, Ohren- und Nasenbohren usw.) 
bis weit in das erwachsene Alter hinein andauern, als regelrechte 
Sjinptome einer verdrängten Libidomenge. 

Wie oben bereits angedeutet wurde, betätigt sich die Libido beim 
jugendlichen Individuum zunächst ausschließlich in der Zone der 
Ernährungsfunktion, wo im Saugakt durch rhythmische Bewegung 
die Nahrung aufgenommen wird, unter allen Zeichen der Befriedigung. 
Mit dem Wachstum des Individuums und der Ausbildung seiner Organe 
schafft sich die Libido neue Wege des Bedürfnisses, der Betätigung 
und der Befriedigung. Nunmehr gilt es, das primäre Modell der rhythmi- 
schen, Lust und Befriedigung erzeugenden Tätigkeit in die Zone anderer 
Funktionen zu übertragen mit dem schließlichen Endziel in der Sexuali- 
tät. Ein beträchtlicher Teil der • >l Hungerlibido" hat sich in „Sexual- 
libido" umzusetzen. Dieser Übergang geschieht nicht etwa plötzlich 



X 



138 

in der Pubertätszeit, wie laienhafte Voraussetzung glaubt, sondern 
ganz allmählich im Verlaufe des größeren Teiles der Kindheit. Die Libido 
kann sich nur mit Schwierigkeit und ganz langsam (wie immer!) von 
der Eigentümlichkeit der Ernährungsfunktion befreien, um in die 
Eigentümlichkeit der Sexualfunktion einzugehen. In diesem Über- 
gangsstadium sind, soweit ich dies zu beurteilen vermag, zwei Epochen 
zu unterscheiden: die Epoche des Lutschens und die Epoche 
der verlagerten rhythmischen Betätigung. Das Lutschen 
gehört seiner Art nach noch ganz zum Rayon der Ernährungsfunktion, 
überragt ihn jedoch dadurch, daß es nicht mehr Ernährungsfunktion 
ist, sondern rhythmische Betätigung mit dem Endziel der Lust und der 
Befriedigung ohne Nahrungsaufnahme. Als Hilfsorgan tritt hier die 
Hand auf. In der Epoche der verlagerten rhythmischen Betätigung 
tritt die Hand als Hilfsorgan noch deutlicher hervor, die Lustgewinnung 
verläßt die Mundzone und wendet sich anderen Gebieten zu. Der 
Möglichkeiten sind nun viele. Es sind wohl in der Regel zunächst die 
anderen Körperöffnungen, die das Objekt des libidinösen Interesses 
werden, sodann die Haut und besondere Stellen derselben. Die an diesen 
Orten ausgeführte Tätigkeit, die als Reiben, Bohren, Zupfen usw. 
auftreten kann, erfolgt in einem gewissen Rhythmus und dient der 
Erzeugung von Lust. Nach längerem oder kürzerem Verweilen der 
Libido an diesen Stationen wandert sie weiter, bis sie in der Sexualzone 
anlangt und dort zunächst Anlaß werden kann zu den ersten onanisti- 
schen Versuchen. Auf ihrer Wanderung nimmt die Libido nicht Weniges 
aus der Ernährungsfunktion mit in die Sexualzone, woraus sich un- 
schwer die zahlreichen und innigen Verknüpfungen zwischen Ernährungs- 
und Sexualfunktion erklären lassen. Erhebt sich nach erfolgter Be- 
setzung der Sexualzone irgend ein Hindernis gegen diese nunmehrige 
Anwendungsform der Libido, so erfolgt nach bekannten Gesetzen 
eine Regression auf die nächst zurückliegenden Stationen der beiden 
oben erwähnten Epochen. Es ist nun von besonderer Wichtigkeit, 
daß die Epoche der verlagerten rhythmischen Betätigung im großen 
und ganzen mit der Zeit der Geistes- und Sprachentwicklung 
zusammenfällt. Ich möchte vorschlagen, die Periode von der Geburt bis 
zur Besetzung der Sexualzone (die im allgemeinen zwischen dem 3, und 
5. Lebensjahr erfolgen dürfte), als yorsexuelle Entwicklungs- 
stufe zu bezeichnen. (Vergleichbar dem Puppenstadium des Schmetter- 
lings.) Sie ist gekennzeichnet durch die wechselnde Mischung 
von Elementen der Ernährungs- und der Sexualfunktion. 






139 

Auf diese "vorsexuelle Stufe können gewisse Regressionen zurück- 
greifen: es scheint, nach den bisherigen Erfahrungen zu schließen, 
dies bei der Regression der Dementia praecox die Regel zu sein. Ich 
möchte zwei kurze Beispiele erwähnen: der eine Fall betrifft ein junges 
Mädchen, das in der Verlobungszeit an Katatonie erkrankte. Wie sie 
mich zum ersten Male sah, kam sie plötzlich auf mich zu, umarmte 
mich und sagte: „Papa, gib mir zu essen !" Der andre Fall betrifft eine 
junge Magd, die sich beklagte, man verfolge sie mit Elektrizität und 
bringe.,ihr damit ein sonderbares Gefühl an den Genitalien bei, „wie 
wenn es da unten esse und trinke". 

Diese regressiven Phänomene zeigen, daß auch von der Distanz 
des modernen Geistes aus noch jene früheren Stationen der Libido 
einer regressiven Besetzung fähig sind. Man kann daher annehmen, 
daß in früheren Entwicklungsstadien der Menschheit dieser Weg 'noch 
weit gangbarer war als heu^e. Es wäre daher von prinzipiellem 
Interesse, zu erfahren, ob sich Spuren davon in der Geschichte erhalten 
haben. 

Wir verdanken es der verdienstvollen Arbeit Abrahams 1 ), 
daß wir auf eine völkergeschichtliche Pnantasie des Bohrens auf-, 
merksam wurden, welche in der bedeutenden Schrift Adalbert Kuhns 2 ) 
eine besondere Bearbeitung gefunden hat. Durch diese Untersuchungen 
werden wir mit der Möglichkeit bekannt gemacht, daß der Feuerbringer 
Prometheus ein Bruder des indischen Pramantha, nämlich des 
männlichen, feuerreibenden Holzstückes sein könnte. Der indische 
Feuerholer heißt Mätarievan, und die Tätigkeit des Feuerbereitens 
wird in den hieratischen Texten immer mit dem Verbum manthämi 8 ) 
bezeichnet, welches schütteln, reiben, durch Reiben hervor- 
bringen heißt. Kuhn hat dieses Verbum in Beziehung zum Griechi- 
schen /xav&dvo) gesetzt, welches „lernen" heißt, und ebenso die Be 
griffsverwandtschaft erläutert 4 ). Das Tertium comparationis dürfte i 



J ) Traum und Mythus, Deuticke, Wien 1909. 

2 ) A. Kuhn: Mythologische Studien. Bd. I: Die Herabkunft des Feuers 
und des Göttertrankes. 2. Aufl., Güttersloh, 1886. Eine sehr gut zu lesende, 
auszugsweise Mitteüung des Inhalts findet sich bei Steinthal: Die ursprüng- 
liche Form der Sage von Prometheus. Zeitschr. f. Völkerpsychologie und Sprach- 
wissenschaft. Bd. II, 1862, ebenso bei Abraham, 1. c. 

3 ) Auch mathnämi und mathäyati. Der Wurzel manth oder math kommt 
eine besondere Bedeutung zu. 

*) Zeitschr. f. vergl. Sprachforschung, II, 395 u. IV, 124. 



140 

Rhythmus liegen (das Hin- und Herbewegen im Geiste). Nach 
Kuhn soll die Wurzel manth oder math über /navöävco (/ud&tjjua, 
liä&rjots), TiQo-firj&eofMu auf ÜQOfirj'&Evg führen, der bekanntlich der 
griechische Feuerräuber ist. Durch ein im Sanskrit allerdings nicht 
belegtes Wort „pramäthyus", das von pramantha her vermittelt und 
dem die Doppelbedeutung von „ Reiber" und „Räuber" zukäme, wird 
der Übergang auf Prometheus bewerkstelligt. Dabei verursacht aber 
die Vorsilbe „pra" besondere Schwierigkeit, so daß die ganze Ableitung 
von einer Reihe von Autoren bezweifelt und zum Teil für verfehlt 
gehalten wird. Es wird dagegen hervorgehoben, daß, wie der thurische 
Zeus den hier besonders interessierenden Beinamen TlQo-fMiv&evg 
führt, so könnte auch ÜQo-fxrj'&Evg gar kein ursprüngliches indo- 
germanisches Stammwort, das zu skr. pramantha Beziehung hatte, 
sein, sondern wäre nur Beiname. Dieser Auffassung kommt eine 
Hesychglosse entgegen: 3 I&&g: 6 xwv Tixdvojv xrjQvk ÜQo^evg. 
Eine andere Hesychglosse erklärt föaivofjuu {laivco erhitzen), als 
ÜEQuaivo/xai, wodurch für 'IMg die Bedeutung „der Flammende" 
analog zu AV&cov oder &Zeyvag herauskommt 1 ). Die Beziehung 
von Prometheus zu pramantha dürfte demnach wohl kaum eine so 
direkte sein, wie Kuhn vermutet. Die Frage einer indirekten Be- 
ziehung ist damit nicht ausgeschlossen. Vor allem ist ÜQow&evg 
auch als Beiname zum 'Iddg von großer Bedeutung, indem der „Flam- 
mende" der „Vorbedenker" ist. (Pramati = Vorsorge ist auch Attribut 
des Agni, obschon pramati anderer Ableitung ist). Prometheus aber 
gehört auch dem Stamme der Phlegyer an, welche von Kuhn in un- 
bestrittene Beziehung zu der indischen Priesterfamüie der Bhrgu 
gesetzt werden 2 ). Die Bhrgu sind wie Mätaricvan (der in der „Mutter 
Schwellende") auch Feuerholer. Kuhn bringt eine Stelle bei, wonach 
Bhrgu auch aus der Flamme entsteht, also gleich Agni. („In der Flamme 
entstand Bhrgu, Bhrgu geröstet, verbrannte nicht.") Diese Anschauung 
führt auf eine verwandte Wurzel von Bhrgu, nämlich skr. bhräy = 
leuchten, lat. fulgeo und griech. cpUyco (skr. bhargas = Glanz, lat. 
fulgur) Bhrgu erscheint demnach als der „Leuchtende". $Zeyvag 
heißt eine gewisse Adlerart wegen ihrer brandgelben Farbe. 
Klar ist der Zusammenhang mit cpkeyeiv = brennen. Die Phlegyer 

x ) Bapp in Rosebers Lex. Sp. 3034. 

2 ) Bhrgu = (pteyv, ein anerkannter Lautzusammenhang. Siehe Röscher, 
Sp. 3034, 54. 



L 



141 

sind also die Feueradler 1 ). Zu den Phlegyern gehört auch Prometheus. 
Der Weg von Pramantha zu Prometheus geht nicht durch das Wort, 
sondern durch die Anschauung und wir haben deshalb wohl für Pro- 
metheus dieselbe Deutung anzunehmen, die sieh aus der indischen 
Feuersymbolik für den pramantha ergibt 2 ). 

Neuerdings sind die kompetenten Philologen wieder mehr der 
Ansicht, daß Prometheus erst nachträglieh seine Bedeutung als Vor- 
bedenkender (belegt durch die Figur der „Epimetheus") angenommen 
und ursprünglich doch mit pramantha, manthämi, mathäyati zu tun 
habe, dagegen etymologisch mit ngo^io/nai, ftd&ijpa, [iav&äv(o nicht 
zusammengebracht werden dürfe. Umgekehrt hat das mit Agni ver- 
bundene pramati = Vorsorge mit manthämi nichts zu tun. Was man 
also bei dieser verwickelten Sachlage einzig konstatieren kann, ist, 
daß wir das Denken respektive das Vorsorgen, Vorbedenken in Ver- 
bindung mit der Feuer bohrung vorfinden, ohne daß etymologisch 
sichere Beziehungen zwischen den dafür gebrauchten Worten gegen- 

*) Der Adler als Feuertotem bei Indianern, siehe Röscher, Sp. 3034, 60. 

2 ) Der Stamm „manth" geht nach Kuhn im Deutsehen in mangeln, 
rollen (von der Wäsche) über. Manthara ist der Butterquirl. Als die Götter den 
amrta (Unsterblichkeitstrank) durch die Umquirlung des Ozeans erzeugten, 
gebrauchten sie den Berg Mandara als Quirl (siehe Kuhn: 1. c, S. 17 ff.). Stein- 
thal macht aufmerksam auf den lateinischen Ausdruck der poetischen Sprache: 
mentula = männliches Glied, wobei ment= manth gesetzt wäre. Ich füge 
noch hinzu: mentula ist als Diminutiv zu menta oder mentha (fdvda) Minze 
zudenken. Im Altertum hieß die Minze „Krone der Aphrodite" (Diosc, 11,154). 
A pule jus nennt sie „mentha venerea", sie war ein Aphrodisiacum. (Der Gegen- 
sinn findet sich beiHippokrates: Si quis eam saepe comedat, ejus genitale 
semen ita colliquescit, ut effluat, et arrigere prohibet et corpus imbecillum reddit, 
und nach Dioscorides ist die Minze antikonzeptionelles Mittel; siehe 
Aigremont: Volkserotik und Pflanzenwelt, Bd. I, S. 127.) Von der Menta aber 
sagten die Alten auch: „Menta autem appellata, quod suo odore mentem 
feriat — mentae ipsius odor animum excitat". Das führt uns auf den Stamm 
ment — in mens: Geist — (engl, mind), womit die parallele Entwicklung zu 
pramantha — ÜQOfiTjdevs — vollzogen wäre. Beizufügeni3t noch, daß ein besonders 
starkes Kinn mento heißt (gew. mentum). Eine besondere Entwicklung des 
Kinnes wird bekanntlich auch der priapischen Figur des Pulcinell beigegeben, 
ebenso die spitzen Barte (und Ohren) der Satyren und sonstigen priapischen 
Dämonen, wie überhaupt alle Hervorragungen des Körpers männliche und alle 
Vertiefungen oder Höhlen weibliche Bedeutung annehmen können. (Dies gilt 
auch für alle anderen belebten und unbelebten Gegenstände. Vgl. Maeder: Psych. - 
Neurol. Wochenschr., X. Jahrgang). Jedoch ist dieser ganze Zusammenhang 
fast mehr als unsicher. 



•N 



142 

wärtig nachzuweisen wären. Für die Etymologie wird heben der Migration 
der Wortstämme die Wanderung oder autochthone Wiederentstehung 
gewisser urtümlicher Bilder oder Anschauungsweisen von ausschlag- 
gebender Bedeutung sein. 

Der Pramantha als das Werkzeug des Manthana (des Feueropfers) 
wird im Indischen rein sexuell aufgefaßt: der Pramantha als Phallus 
oder Mann, das untenliegende gebohrte Holz als Vulva oder Weib 1 ). 
Das erbohrte Feuer ist das Kind, der göttliche Sohn Agni. Kultisch 
heißen die beiden Hölzer Purüravas und Urvagi und werden personifi- 
ziert gedacht als Mann und Weib. Aus dem Genitale des Weibes wird 
das Feuer geboren 2 ). Eine besonders interessante Darstellung der 
kultischen Feuererzeugung (manthana) gibt Weber 3 ): 

„Ein bestimmtes Opferfeuer wird durch Reiben zweier Hölzer ent- 
zündet; man nimmt ein Stück Holz mit den Worten: ,Du bist des Feuers 
Geburtsort', legt darauf zwei Grashalme: ,Ihr seid die beiden Hoden', 
auf diese die adharärani (das untergelegte Holz), ,du bist Urvaci', salbt die 
uttarärani (das darauf zu legende Holzscheit) mit Butter : , Du bist Kraft' 
(semen, o Butter), legt sie dann auf die adharärani: ,Du bist Purüravas' 
und reibt beide dreimal: ,Ich reibe dich mit dem Gäyatrimetrum', ,Ich 
reibe dich mit dem Trishtubhmetrum', ,Ich reibe dich mit dem Jagati- 
metrum'." 

Die sexuelle Symbolik dieser Feuererzeugung ist unverkennbar; 
wir sehen hier auch die Rhythmik, das Metrum an ursprünglicher 
Stelle als Sexualrhythmus, der sich über die Rhythmisierung des 
Brunstrufe? zur Musik erhebt. Ein Lied des Rigveda (III, 29, 1—3) 
bringt dieselbe Auffassung und Symbolik: 

„Das ist das Drehholz, der Zeuger (Penis) ist bereitet, bring die 



*) Abraham erwähnt, daß im Hebräischen die Bedeutung der Worte für 
Mann und Weib auf diese Symbolik sich beziehen. 

2 ) „Was das gulya (pudendum) genannt wird, das heißt die yoni (Geburts- 
stätte) des Gottes; das Feuer, welches dort geboren wird, heißt segenbringend". 
Kätyäyanas Karmapradipa I, 7, übersetzt von Kuhn, Herabkunft des Feuers, 
S. 67. Der etymologische Zusammenhang bohren — geboren ist möglich. 
Das germanische böron (bohren) ist urverwandt mit lat. forare (id. ) und gr. <paQdo> = 
pflügen. Es wird eine idg. Wurzel bher mit der Bedeutung tragen vermutet, 
sanskr. bhar-, gr. q>£Q-, lat. fer-; daraus althd. beran = gebären, engl, to bear, 
lat. fero und fertilis, fordus (trächtig), gr. tpOQÖ$ (id.). Walde (Lat. Etym. s. 
ferio) stellt forare allerdings zu der Wurzel bher-. Vgl. dazu unten die phallischc 
Pflugsymbolik. 

3 ) Weber: Indische Studien, I, 197, zitiert Kuhn: 1. c, S. 71. 



143 

Herrin des Stammes 1 ) herbei den Agni laß uns quirlen nach altem 
Brauch. 

In den beiden Hölzern liegt der jätavedas, wie in den Schwangern 
die wohlbewahrte Leibesfrucht; tagtäglich ist Agüi zu preisen von den sorg- 
samen, opferspendenden Menschen. 

In die Dahingcstreckte laß hinein (den Stab), der du deß kundig bist; 
sogleich empfängt sie, hat den Befruchtenden geboren; mit rötlicher Spitze, 
leuchtend seine Bahn ward der Iläsohn in dem trefflichen Holze geboren" 2 ). 

Neben der unzweideutigen Koitussymbolik bemerken wir, daß 
der Pramantha auch zugleich der Agni, der erzeugte Sohn ist: der 
Phallus ist der Sohn oder der Sohn ist der Phallus, daher Agni in der 
vedischen Mythologie triadischen Charakter hat. Damit gewinnen wir 
wieder den Anschluß an den oben besprochenen kabirischen Vater- 
Sohn-Kult. Auch in der heutigen deutschen Sprache haben wir An- 
klänge an die uralten Symbole bewahrt: Ein Junge wird als , .Bengel" 
bezeichnet, im Hessischen als „Stift" oder „Bolzen 3 )" . Die Artemisia 
Abrotanum L., welche zu Deutsch „Stabwurz" heißt, wird im Eng- 
lischen als boy's-love bezeichnet. (Die Vulgärbezeichnung des Penis 
als Knabe wurde bereits von Grimm und A. angemerkt.) Als aber- 
gläubischer Gebrauch wurde die kultische Feuererzeugung in Europa 
bis ins XIX. Jahrhundert festgehalten. Kuhn erwähnt einen solchen 
Fall noch aus dem Jahre 1828, der sich in Deutschland ereignete. 
Man hieß die feierliche Zauberhandlung das „Nodfyr", Notfeuer 4 ) 
und gebrauchte den Zauber hauptsächlich gegen die Viehseuchen. 
Kuhn erwähnt aus der Chronik von Lanercost vom Jahre 1268 einen 



*) Oder der Menschen überhaupt. Vigpatni ist das weibliche Holz, vigpati, 
ein Attribut des Agni, das männliche. Das Feuerzeug ist der Ursprung des Men- 
schengeschlechtes aus derselben verkehrten Logik wie bei den oben erwähnten 
Weberschiffchen und Schwertgriff. Der Koitus als Ursprung des Menschen- 
geschlechtes soll dadurch negiert werden aus den unten noch näher zu erörternden 
Motiven eines ursprünglichen Widerstandes gegen die Sexualität. 

2 ) Das Holz als Symbol der Mutter ist der heutigen Traumforschung bekannt. 
Vgl. Freud: Traumdeutung, S. 211. Als Symbol des Weibes deutet es Stekel 
(Sprache des Traumes, S. 128) an. Holz ist auch Vulgärbezeichnung für den 
Busen („Holz vor dem Hause"). Die christliche Holzsymbolik ist ein Kapitel 
für sich. „Ilasohn": IIa heißt die Tochter Manus, des Einzigen, der mit Hilfe 
seines Fisches die Sintflut überstanden hat und dann mit seiner Tochter die Men- 
schen wiedererzeugte. 

3 ) Vgl. Hirt: Etymol. der neuhochd. Sprache, S. 348. 

4 ) Das Capitulare Carlomanni von 942 verbot „illos sacrilegos ignes quos 
niedfyr vocant". Vgl. Grimm: Mythol., 4. Aufl., S. 502. Hier sind auch Be- 
schreibungen derartiger Feuerzeremonien zu finden. 






144 

besonders merkwürdigen Fall von Notfeuer 1 ), dessen Zeremonien die 
phallische Grundbedeutung klar erkennen lassen: 

„Pro fidci divinae integritate servanda recolat leotor, quod cum 
hoc anno in Laodonia pestis grassaretur in pecudes armehti, quam vocant 
usitate Lungessouht, quidam bestiales, habitu claustrales non animo, 
docebant idiotas patriae ignem confrictione de lignis educere et 
simulacrum Priapi statuere, et per haec bestiis succurrere. Quod cum 
unus laicus Cisterciensis apud Fentone fecisset ante atrium aulae, ac in- 
tinctis testiculis canis in aquam benedictam super animalia 
sparsisset etc." 

Diese Beispiele, welche eine klare Sexualsymbolik der Feuer- 
erzeugung erkennen lassen, erweisen dadurch, daß sie aus verschiedenen 
Zeiten und verschiedenen Völkern stammen, die Existenz einer durch- 
gehenden Neigung, der Feuererzeugung nicht nur magische, sondern 
auch sexuelle Bedeutung beizulegen. Das kultische oder zauberische 
Wiederholen dieser uralten, längst überholten Erfindung zeigt, wie 
sehr der menschliche Geist in alten Formen perseveriert und. wie tief 
eingewurzelt diese uralte Reminiszenz des Feuerbohrens ist. Man 
wird zunächst geneigt sein, in der Sexualsymbolik der kultischen 
Feuererzeugung eine relativ späte Zutat der Priestergelehrsamkeit 
zu erblicken. Dies mag wohl berechtigt sein für die kultische Elaboration 
des Feuer mysteriums. Ob aber nicht ursprünglich die Feuererzeugung 
überhaupt ein Sexualakt, d. h. ein Koitusspiel war, das ist noch 
die Frage. Daß dergleichen bei sehr primitiven Völkern vorkommt, 
wissen wir von dem australischen Stamm der Watschandies 2 ), welche 
im Frühling folgenden Befruchtungszauber aufführen: Sie graben ein 
Loch in den Boden, so geformt und mit Bauschen so umsteckt, daß es 
ein weibliches Genitale nachahmt. Um dieses Loch tanzen sie die ganze 
Nacht, wobei sie die Speere so vor sich halten, daß sie an einen Penis 
in erectione erinnern. Sie umtanzen das Loch und stoßen die Speere 
in die Grube, indem sie dazurufen : pulli nira, pulli nira, wataka ! (non 
fossa, non fossa, sed cunnus!). Solche obszönen Tänze kommen auch 
bei anderen niederen Stämmen vor 3 ). 

In diesem Frühlingszauber sind die Elemente des Koitusspieles 
enthalten: Loch und Phallus 4 ). Dieses Spiel ist nichts anderes als ein 

') Kuhn, 1. c, S. 43. 

») Preuse: Globus, LXXXVI, 1905, S. 35S. 

3 ) Vgl. dazu Fr. Schultze: Psychologie der Naturvölker. S. 161 f. 
*) Dieses primitive Spiel führt zur phänischen Pflugsymbolik. 'Aqoüv 
heißt pflügen und besitzt daneben die poetische Bedeutung von schwängern. 



145 

Koitusspiel, d. h. ursprünglich war dies Spiel wohl einfach Koitus 
in der Form der sakramentalen Begattung, welche noch lange ein 
geheimer Bestandteil gewisser "Kulte war und in Sekten wieder auf- 
genommen wurde 1 ). So lassen sich in den Zeremonien der Zinzen- 

Das lateinische arare heißt bloß pflügen e Phrase aber „fundum alienum arare" 
heißt: „die Kirschen in Nachbars Garten pflücken". Eine treffliche Darstellung 
des phallischen Pfluges findet sich auf einer Vase des archäologischen Museums in 
Florenz: Es sind darauf eine Reihe von 6 nackten ithyphallischen Männern abge- 
bildet, die einen phallisch dargestellten Pflug tragen (Dieterich: Mutter Erde, 
S. 107 ff. ). Der „carrus navalis" (Carneval) unseres Frühlingafestes war im Mittelalter 
bisweilen ein Pflug. (Hahn: Demeter und Baubo. Zitiert b. Dieterich, 1. c., S. 109.) 

Herr Dr. Abegg in Zürich macht mich aufmerksam auf die geistreiche 
Arbeit von R. Meringer: Wörter und Sachen. Indogerm. Forschungen, 16, 
179/84, 1904. Wir werden hier mit einer sehr weitgehenden Verschmelzung der 
Libidosymbole mit äußerem Stoff und äußerer Tätigkeit bekannt gemacht, welche 
unsere obigen Überlegungen in außerordentlichem Maße stützt. Meringers 
Überlegung geht von zwei indogermanischen Wurzeln aus, uen und ueneti. 

Idg. * uen Holz, ai. van, vana. Agni ist garbhas vanäm, .Leibesfrucht 
der Hölzer'. 

Idg. * ueneti hieß ,er ackert'; damit ist das Anbohren des Bodens mittels 
eines spitzen Holzes und das darauffolgende Aufreißen des Bodens gemeint. Dieses 
Verbum selbst ist nicht belegt, da die damit bezeichnete primitive Bearbeitung 
des Ackers (.Hackbau') schon sehr früh ausgestorben ist. Als man eine bessere 
Behandlung des Ackers kennen lernte, ging die Bezeichnung des primitiven Kultur- 
bodens auf die Weide, die Trift über; hierher got. vinja vofi-f); altisl. vin Gras- 
platz, Weide. Dazu vielleicht auch die isl. Vanen als Ackerbaugötter. 

Aus .ackern' entsteht coire (dieser Zusammenhang wäre wohl umzukehren) ; 
dazu idg. * uenos .Liebesgenuß', lat. venus. (Vgl. dazu die Wurzelbedeutung uen = 
Holz!) 

Aus co'ire — »leidenschaftlich erstreben'; vgl. ahd. vinnan .toben'. Dazu 
auch got. vens iÄnig, ahd. wän Erwartung, Hoffnung; skrt. van begehren; ferner 
.Wonne'; altisl. yinr Geliebter, Freund. Aus der Bedeutung .ackern' entsteht 
.wohnen'; dieser Übergang hat sich nur im Germanischeu vollzogen. Aus wohnen >- 
gewöhnen, gewohnt sein; altisl. vanr .gewohnt'. Aus .ackern' ferner >- sich mühen, 
plagen; altisl. vinna arbeiten; ahd. winnan sich abarbeiten; — got. vinnan näoxeiv, 
vunns nätyna. Aus .ackern' entsteht anderseits .gewinnen, erlangen', "ahd. 
giwinnan; aber auch .verletzen': got. vunds .wund'. „Wund" im ursprünglichsten 
Sinne war somit zuerst der durch den Hackbau aufgerissene Boden. Aus .ver- 
letzen' dann auch .schlagen, besiegen'; ahd. winna Streit; altsächs. winnan kämpfen. 
') Der alte Brauch des „Brautlagers" auf dem Acker, welches dazu bestimmt 
war, den Acker fruchtbar zu machen, enthält den Urgedanken in elementarster 
Form: damit war die. Analogie in klarster Weise ausgedrückt: So wie ich das 
Weib befruchte, befruchte ich die Erde. Das Symbol leitet Sexuallibido 
über auf die Bebauung und Befruchtungder Erde. Vgl. dazu Mannhardt 
Wald- und Feldkulte, I, woselbst reichliche Belege zu finden sind. 

Jung, Libido. jq 



V 



' 



1 



146 

dorfischen Religionsübung Anklänge an das Koitussakrament auf- 
weisen, ebenso in anderen Sekten. (Vgl. dazu das letzte Kapitel.) 

Man kann sich unschwer denken, daß, wie die oben erwähnten 
Australneger das Koitusspiel in dieser Weise aufführen, dasselbe Spiel 
auch in einer andern Weise aufgeführt werden könnte, und zwar eben 
in Form der Feuererzeugung. Statt durch zwei auserwählte Menschen 
wurde der Koitus durch zwei Simulacra von Menschen dargestellt, 
durch Purüravas und Urvagi, durch Phallus und Vulva, durch Bohrer 
und Loch. Wie hinter anderen Gebräuchen der primitive Gedanke 
der sakramentale Beischlaf ist, so auch hier die Urtendenz eigentlicl 
der Akt selber ist. Denn der Akt der Befruchtung ist der Höhepunkt, 
das eigentliche Fest des Lebens und wohl würdig zum Kern eines 
religiösen Mysteriums zu werden. Wie wir schließen dürfen, daß die 
Erdlochsymbolik der Watschandies zunächst an Stelle des Koitus 
tritt mit dem weiteren Horizont der Erdbefruchtung, so wäre eben- 
falls die Feuererzeugung als Ersatz des Koitus zu denken, und 
zwar wäre aus diesem Raisonnement konsequent weiter zu schließen, 
daß die Erfindung der Feuerbereitung eben dem Drange, 
ein Symbol für den Sexualakt einzusetzen, zu ver- 
danken ist 1 ). 

Wir kehren hier für einen Moment zum infantilen Symptom 
des Bohrens zurück. Denken wir uns, daß ein erwachsener kräftiger 
Mann mit derselben Ausdauer und der entsprechenden Energie wie 
dieses Kind, das Bohren mit zwei Hölzern ausführt, so kann er bei diesem 
Spiel leicht die Feuererfindung machen. Von größter Bedeutung bei 

*) Spielroins Kranke (Jahrbuch III, S. 371) bringt Feuer und Zeugung 
ebenfalls unmißverständlich zusammen; sie sagt darüber folgendes: „Das Eisen 
braucht man zum Zwecke der Erddurchbohrung, zum Zwecke des Feuerschlusses. 
(Dazu ist aus der Mithrasliturgie anzumerken: In der Anrufung des feurigen 
Gottes heißt es: ö öwöijoas nvevfiaxi xä nvQiva ukeldqa toö ovQavoü: 
„Der du mit dem Geisthauch die feurigen Sohlösser des Himmels verschlossen 
naa t — öffne mir.") „Mit dem Eisen kann man aus dem Steine kalte Menschen 
schaffen." Die Erddurchbohrung hat bei ihr Befruchtungs- oder Geburtsbedeutung. 
S. 382 sagt sie: „Mit dem glühenden Eisen kann man den Berg durchbohren. 
Das Eisen wird glühend, wenn man es in einen Stein bohrt." 

Vgl. dazu die Etymologie von bohren und gebären (oben). In l'Oiseau bleu 
von Maeterlinck finden die beiden Kinder, die im Lande der ungeborenen 
Kinder den blauen Vogel suchen, einen Knaben, der in der Nase b ohrt. Von ihm 
heißt es: Er werde ein neues Feuer erfinden, um die Erde wieder zu er- 
wärmen, wenn sie erkaltet sein wird. 



. 



147 

dieser Arbeit ist der Rhythmus*). Diese Hypothese scheint mir psycho- 
logisch wohl möglich. Es soll damit nicht gesagt sein, daß einzig auf 
die "Weise die Feuererfindung gemacht worden sei. Ebensogut kann sie 
beim Feuersteinschlagen erfolgt sein. Das Feuer wird auch wohl kaum 
bloß an einem Ort entdeckt worden sein. Was ich hier konstatieren 
möchte, ist bloß der psychologische Prozeß, dessen symbolische An- 
deutungen auf eine derartige Möglichkeit der Feuererfindung oder der 
Feuerbereitung hinweisen. 

Die Existenz des primitiven Koitusspiels- oder -ritus erscheint 
mir hinlänglich erwiesen. Dunkel ist nur die Nachdrücklichkeit und 
Energie des rituellen Spieles. Bekanntlich sind ja diese primitiven 
Riten öfter von sehr blutigem Ernste und werden mit ungemeinem 
Energieaufwand durchgeführt, was als ein großer Kontrast zu der 
notorischen Faulheit primitiver Menschen erscheint. Dadurch verliert 
die rituelle Handlung ganz den Charakter des Spieles und gewinnt 
den der absichtlichen Anstrengung. Wenn gewisse Negerstämme 
eine Nacht lang nach 3 Tönen in monotonster Weise tanzen können, 
so fehlt für unser Gefühl daran der Charakter des Spielerischen gänzlich, 
es mutet mehr an wie Übung. Es scheint eine Art Zwang zu bestehen, 
Libido in derartige rituelle Betätigung überzuleiten. Wenn der Stoff 
der Ritualhandlung der Sexualakt ist, so ist wohl anzunehmen, daß 
er eigentlich Gedanke und Ziel der Übung ist. Unter diesen Umständen 
erhebt sich aber die Frage, warum der primitive Mensch den Sexual- 
akt mit Anstrengung symbolisch darzustellen sich bemühe respek- 
tive (Avenn diese Fassung als zu hypothetisch erscheinen sollte) seine 
Energie in solchem Maße anstrenge, um praktisch gänzlich wertlose 
Dinge herzustellen, die ihn anscheinend nicht einmal besonders amü- 
sieren 2 ). Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der Sexualakt auch 
dem primitiven Menschen wünschenswerter vorkommt als absurde 
und dazu noch anstrengende Übungen. Es ist wohl nicht anders möglich, 
als daß^mgewisser Zwang vom ursprünglichen Gegenstand 
und der eigentlichen Absicht wegleite und die Erzeugung 
von Surrogaten herbeiführt. (Die Existenz phallischer oder 
orgastischer Kulte deutet nicht eo ipso auf eine besondere Ausgelassen- 
heit des Lebens hin, so wenig wie die asketische Symbolik des Christen- 

J ) Vgl. dazu die interessanten Nachweise bei Bücher: Arbeit und Rhyth- 
mus, Leipzig 1899. 

2 ) Das Amüsement ist zweifellos mit vielen Riten verknüpft, jedoch lange 
nicht mit allen. Es gibt sehr unangenehme Dinge. 

10* 




148 

tums auf eine besondere Sittlichkeit der Christen. Man verehrt das, 
was man nicht hat oder nicht ist.) Dieser Zwang führt, um in der oben 
formulierten Terminologie zu reden, einen gewissen Libidobetrag 
von der eigentlichen Sexualbetätigung weg und schafft für das Verlorene 
symbolischen und annähernd gültigen Ersatz. Diese Psychologie ist " 
bestätigt durch die oben erwähnte Watschandiezeremonie : wählend 
der ganzen Zeremonie darf keiner der Männer auf eine 
Frau blicken. Dieses Detaü belehrt uns wiederum, wovon die Libido 
weggezogen werden soll. Damit erhebt sich aber die dringende Frage, 
woher dieser Zwang komme? Wir haben oben schon einmal angedeutet, 
daß sich der primitiven Sexualität ein Widerstand entgegenstelle, 
der zu einem seitlichen Austreten der Libido auf Ersatzhandlungen 
(Analoga, Symbole) führte. Es ist undenkbar, daß es sich dabei um 
irgend einen äußern Widerstand, um ein wirkliches Hindernis handle, 
indem es keinem Wilden einfällt, seine schwer erreichbaren Jagdtiere 
mit Ritualzauber einzufangen, sondern es handelt sich um einen inner n 
Widerstand, indem Wollen gegen Wollen, Libido gegen Libido 
tritt, denn ein psychologischer Widerstand entspricht als energetisches 
Phänomen einem gewissen Libidobetrag. Der psychologische Zwang 
zur Libidoüberleitung beruht auf einer ursprünglichen Uneinigkeit 
des Wollens. Ich werde andernorts von dieser anfänglichen Spaltung 
der Libido zu handeln haben. Hier dürfen wir uns nur mit dem Probleme 
\ der Libidoüberleitung beschäftigen. Die Überleitung erfolgt, wie mehr- 
fach angedeutet wurde, auf dem Wege der Verlegung auf ein Analogon. 
Die Libido wird an der eigentlichen Stelle weggenommen und auf ein 
anderes Substrat übersetzt. 

Der Widerstand gegen die Sexualität zielt darauf ab, den Sexual- 
akt zu verhindern, er sucht also Libido aus der Sexualfunktion heraus- 
zudrängen. Wir sehen z. B. bei Hysterie, wie die spezifische Verdrängung 
den aktuellen Übertragungsweg verlegt, dadurch ist die Libido genötigt, 
einen andern Weg einzuschlagen, und zwar einen frühern, nämlich 
den inzestuösen Weg zu den Eltern (in letzter Linie). Reden wir 
aber vom Inzestverbot, welches die allererste Sexualübertragung 
verhindert, dann gestaltet sich die Sachlage insofern anders, als dann 
kein anderer früherer Realübertragungsweg vorhanden ist — außer der 
vorsexuellen Entwicklungsstufe, wo die Libido noch zum Teil 
Ernährungsfunktion war. Durch eine Regression auf die vorsexuelle 
Stufe wird die Libido quasi desexualisiert. Da nun aber das Inzest- 
verbot nur eine temporäre und bedingte Einschränkung der Sexualität 



149 

bedeutet, so wird nur derjenige Libidobetrag, welchen man am besten 
als den inzestuösen Anteil bezeichnet, auf die vorsexuelle Stufe 
zurückgedrängt; die Verdrängung betrifft also nur die Sexuallibido, 
die sich dauernd bei den Eltern fixieren möchte. Der Sexuallibido 
wird also nur der inzestuöse Anteil entzogen, auf die vorsexuelle Stufe 
zurückgedrängt und dort, wenn die Operation gelingt, desexualisiert, 
wodurch dieser Libidobetrag für eine asexuale Verwendung geschickt 
wird. Es ist aber anzunehmen, daß die Operation nur mit Schwierig- 
keiten bewerkstelligt wird, indem die inzestuöse Libido sozusagen 
künstlich aus der Sexuallibido abgespalten werden muß, mit der 
sie seit alters (durch die ganze Tierreihe) ununterscheidbar verknüpft 
war. Die Regression des inzestuösen Anteils muß daher nicht nur mit 
großen Schwierigkeiten erfolgen, sondern auch einen beträchtlichen 
Sexualcharakter in die vorsexuelle Stufe hineintragen. Die Folge davon 
ist, daß die hieraus entspringenden Phänomene zwar ganz den Charakter 
der Sexualhandlung an sich tragen, aber doch de facto keine Sexual- 
handlung mehr sind; sie entspringen der vorsexuellen Stufe und sind 
unterhalten durch verdrängte Sexuallibido, daher ihnen doppelte 
Bedeutung zukommt. So ist das Feuerbohren ein Koitus (und zwar 
ein inzestuöser), aber ein desexualisierter, der seinen unmittelbaren 
Sexualwert verloren hat, dafür aber indirekt der Propagation der 
Spezies förderlich ist. Die vorsexuelle Stufe ist charakterisiert durch 
zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, weil die Libido dort ihre 
definitive Lokalisation noch nicht gefunden hat. Es erscheint daher 
verständlich, daß ein Libidobetrag, der regressiv diese Stufe wieder 
betritt, sich mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten gegenüber sieht. 
Vor allem tritt ihm die Möglichkeit einer rein onanistischen Be- 
tätigung entgegen. Da es sich bei dem regredierenden Libidoanteü 
aber um Sexuallibido handelt, deren letzte Bestimmung die Propagation 
ist, daher ganz auf das äußere Objekt geht (Eltern), so wird sie diese 
Bestimmung als ihren wesentlichen Charakter auch mit introvertieren. 
Die Folge davon ist, daß die rein onanistische Betätigung sich als un- 
genügend erweist und ein äußeres Objekt aufgesucht werden muß, das an 
die Stelle des Inzestobjektes tritt/Den Idealfalleines derartigen Objektes 
stellt die nahrungspendende Mutter Erde dar. Die Psychologie 
der vorsexuellen Stufe trägt dazu die Ernährungskomponente bei, die 
Sexuallibido den Koitusgedanken. Daraus entstehen die uralten Symbole 
des Ackerbaues. In der Handlung des Ackerbaues mischt sich Hunger 
und Inzest. Die uralten Kulte der Mutter Erde und der gesamte darauf 



150 

gerichtete Aberglaube, sahen in der Bebauung der Erde die Befruchtung 
der Mutter. Das Ziel der Handlung ist aber ein desexualisiertes, ctenn 
es ist die Ackerfrucht und die in ihr liegende Nahrung. Die aus dem 
Inzestverbot erfolgende Regression führt in diesem Fall zur Wieder- 
besetzung der Mutter, diesmal aber nicht als Sexualobjekt, sondern 
als Ernährerin. y\ 

Einer ganz ähnlichen Regression auf die vorsexuelle Stufe, speziell 
auf die zunächst liegende Stufe der verlagerten rhythmischen Betätigung, 
scheinen wir die Erfindung des Feuers zu verdanken. Die aus dem 
Inzestverbot introvertierte Libido (mit der genaueren Bestimmung 
der motorischen Bestandteile des Koitus) stößt, auf vorsexueller Stufe 
angelangt, auf das verwandte infantile Bohren, dem sie nun, ent- 
sprechend ihrer Bestimmung aufs Reale einen äußern Stoff gibt (daher 
der Stoff passenderweise materia heißt, indem das Objekt die Mutter 
ist, wie oben!). Wie ich oben zu zeigen versuchte, gehört zur Aktion 
des infantilen Bohrens nur die Kraft und Ausdauer eines erwachsenen 
Mannes und das geeignete „Material", um Feuer zu erzeugen. Wenn 
dem so ist, so kann erwartet werden, daß in Analogie zu unserem obigen 
Fall von onanistischem Bohren auch die Feuererzeugung 
ursprü-nglich als ein solcher, am Objekt dargestellter Akt 
quasi onanistischer Betätigung zustandekam. Dieser Nachweis 
ist selbstverständlich niemals wirklich zu leisten, aber es ist denkbar, daß 
sich irgendwo Spuren dieser ursprünglichen onanistischen Vorübungen 
zur Feuererzeugung erhalten haben. Es ist mir geglückt, in einem sehr 
alten Monument indischer Literatur einen Passus aufzufinden, der 
unzweifelhaft diesen Übergang der Sexuallibido durch die onanistische 
Phase in die Feuerbereitung enthält. Dieser Passus findet sich im 
Brihadäranyaka-Upanishad 1 ) ; ich zitiere nach der Übersetzung von 
Deussen 2 ): 

„Nämlich er (Atman 3 ) war so groß wie ein Weib und ein Mann, wenn 
sie sich umschlungen halten. Dieses, sein Selbst zerfällte er in zwei Teile; 



J ) Die Upanishaden gehören zur Brahmana, zur Theologie der vedischen 
Schriften und enthalten den theosophisch-spekulativen Teil der vödischen Lehren. 
Die vedischen Schriften respektive Sammlungen sind zum Teil von ganz un- 
bestimmbarem Alter und können, da sie lange nur mündlich überliefert wurden, 
in eine sehr ferne Vorzeit zurückreichen. 

a ) Deussen: Die Geheimlehre deB Veda, S. 23 f. 

8 ) Das Ur- und Allwesen, dessen Begriff sich, ins Psychologische zurück- 
übersetzt, mit dem Libidobegriff deckt. 



151 

daraus entstanden Gatte und Gattin 1 ). — Mit ihr begattete er sich; daraus 
entstanden die Menschen. Sie aber erwog: ,Wie mag er sich mit mir be- 
gatten, nachdem er mich aus sich selbst erzeugt hat? Wohlan, ich will 
mich verbergen!' — Da ward sie zu einer Kuh; er aber ward zu einem 
Stier und begattete sich mit derselben. Daraus entstand das Rindvieh. — 
Da ward sie zu einer Stute; er aber ward zu einem Hengste; sie ward zu 
einer Eselin, er zu einem Esel und begattete sich mit derselben. Daraus 
entstanden die Einhufer. — Sie ward zu einer Ziege, er zu einem Bocke; 
sie zu einem Schafe, er zu einem Widder und begattete sich mit derselben; 
daraus entstanden die Ziegen und Schafe. — Also geschah es, daß er alles, 
was sich paart, bis hinab zu den Ameisen, dieses alles erschuf. — Da erkannte 
er: , Wahrlich ich selbst bin die Schöpfung, denn ich habe die ganze Welt 
erschaffen!' — Darauf rieb er (die vor den Mund gehaltenen Hände) 
so; da brachte er aus dem Munde als Mutterschoß und aus den I 
Händen das Feuer hervor." 

Wir begegnen hier einer Schöpfungslehre besonderer Art, die 
einer psychologischen Rückübersetzung bedarf: Im Anfang war die 
Libido undifferenziert bisexuell 2 ), darauf erfolgt die Differenzierung 
in eine männliche und eine weibliche Komponente. Von da an weiß 
der Mensch, was er ist. Nun folgt eine Kluft im Zusammenhang des 
Denkens, in welche eben jener Widerstand gehört, den wir oben zur 
Erklärung des Sublimierungszwanges postulierten. Darauf erfolgt der 
aus der Sexualzone herausverlegte onanistische Akt des Reibens oder 
Bohrens (hier Fingerlutschens), aus welchem die Feuererzeugung 
hervorgeht 3 ). Die Libido verläßt hier die ihr eigentlich zugehörige Be- 

l ) Atman ist also als ursprünglich bisexuelles Wesen gedacht — entsprechend 
der Libidotheorie. Die Welt entstand aus dem Begehren: Vgl. Brihadäranyaka- 
Upanishad 1, 4, 1 (Deussen): 

l. „Am Anfang war diese Welt allein der Atman — der blickte um sich: Da 
sah er nichts anderes als sich selbst. — 2. Da fürchtete er sich; darum fürchtet 
sich einer, wenn er allein ist. Da bedachte er: , Wovor sollte ich mich fürchten, 
da nichts anderes außer mir da ist?' — 3. Aber er hatte auch keine Freude, darum 
hat einer keine Freude, wenn er allein ist. Da begehrte er nach einem Zweiten. " 
Hierauf folgt die oben zitierte. Schilderung seiner Zerspaltung. Piatons Vor- 
stellung der Weltseele nähert sich dem indischen Bilde sehr an: „Der Augen be- 
durfte sie keineswegs, denn es befand sich neben ihr nichts Sichtbares. — Nichts 
trennte sich von ihr, nichts trat zu ihr hinzu, denn außer ihr gab es nichts." 
(Timaios, Übers. Kiefer, Jena 1909, S. 26.) 

*) Vgl. dazu Freuds: Drei Abhandlungen zur Sexual theorie. 

s ) Eine, wie es scheint, genaue Parallele zu der Handstellung im Upanishad- 
text, erfuhr ich von einem kleinen Kind. Das Kind hielt die eine Hand vor den 
Mund und rieb sich mit der andern darauf, eine Bewegung, die sich mit der des 
Geigens vergleichen läßt. Es war eine frühinfantile Gewohnheit, die lange Zeit 
hindurch anhielt. 



152 

tätigung als Se xualf u n ktio n und regrediert auf die vorsexuelle Stufe, 
wo sie entsprechend den obigen Auseinandersetzungen eine der Vor- 
stufen der Sexualität besetzt, damit nach der Ansicht der Upanishaden 
die erste menschliche Kunst und von da aus, wie die Ideen Kuhns 
über den Stamm manth andeuten, vielleicht die höhere geistige Tätig- 
keit überhaupt erzeugt. Dieser Entwicklungsgang hat für den Psy- 
chiater nichts Fremdartiges, indem es eine schon längst bekannte, 
psychopathologische Tatsache ist, wie nahe sich Onanie und exzessive 
Phantasietätigkeit berühren. (Die Sexualisierung [Autonomisierung] 
des Geistes durch den Autoerotismus 1 ) ist eine so geläufige Tatsache, 
daß Beispiele dafür überflüssig sind.) Der Weg der Libido ging also, 
wie wir nach diesen Erfahrungen schließen dürfen, ursprünglich in 
ähnlicher Weise wie bei dem Kinde, nur in umgekehrter Reihenfolge: 
der Sexualakt wurde aus der ihm eigentlich zugehörigen Zone heraus- 
gedrängt und in die analoge Mundzone verlegt 2 ), wobei dem Munde 
die Bedeutung des weiblichen Genitales zukam, der Hand respektive 
den Fingern aber die phallische Bedeutung 3 ). Auf diese Weise wird 
in die 'regressiv wiederbesetzte Tätigkeit der vorsexuellen Stufe die 
Sexualbedeutung hineingetragen, die ihr vorher allerdings auch schon 
partiell zukam, aber in einem ganz andern Sinne. Gewisse Funktionen 
der vorsexuellen Stufe erweisen sich als dauernd zweckmäßig und werden 
deshalb als Sexualfunktionen später be'behalten. So wird z. B. die Mund- 
zone als erotisch wichtig beibehalten, d. h. ihre Besetzung erweist sich 
als dauernd fixiert. Was den Mund betrifft, so wissen wir, daß er auch bei 
Tieren eine Sexualbedeutung insofern hat, als z. B. Hengste im Akte 
die Stuten beißen, ebenso Kater, Hahne usw. Eine zweite Bedeutung 
hat der Mund als Sprachapparat. Er dient in wesentlicher Weise 
mit zur Erzeugung der Lockrufe, die meistens die bestausge bildeten 
Töne der Tierwelt darstellen. Was die Hand betrifft, so wissen wir, 
daß sie die wichtige Bedeutung des Kontrektationsorgans hat (z. B. 
bei den Fröschen). Die vielfache erotische Anwendung der Hand 
bei Affen ist bekannt. Ist nun ein Widerstand gegen die eigentliche 
Sexualität gesetzt, so wird die Libidoaufstauung am ehesten diejenigen 



1 ) Vgl. Freud: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Dieses 
Jahrbuch, Bd. T, S. 357. 

2 ) Wie oben gezeigt wurde, wandert beim Kinde die Libido aus der Mund- 
zone in die Sexualzone. 

3 ) Vgl. oben das über Daktylos Gesagte. Reichliche Belege bei Aigremont: 

Fuß- und Schuhsymbolik. 



153 

Kollateralen zu einet Überfunktion bringen, welche geeignet sind, den 
Widerstand zu kompensieren, nämlich die nächsten Funktionen, welche 
zur Einleitung des Akt.es dienen 1 ); einerseits die Funktion der Hand, 
anderseits die des Mundes. Der Sexualakt aber, gegen den sich der 
Widerstand richtet, wird durch einen ähnlichen Akt der vorsexuellen 
Stufe ersetzt, wofür der Idealfall das Fingerlutschen respektive Bohren 
ist. Wie beim Affen auch der Fuß gelegentlich die Funktion der Hand 
vertreten kann, so ist auch das Kind in der Wahl des Lutschobjektes 
oft unsicher, indem es statt der Finger die große Zehe in den Mund steckt. 
Diese letztere Geste gehört zu einem indischen Ritus, nur wird dort die 
Großzehe nicht in den Mund gesteckt, sondern gegen das Auge gehalten 2 ). 
Durch die genitale Bedeutung von Hand und Mund wird diesen Organen, 
die auf vorsexueller Stufe der Lustgewinnung dienten, eine zeugende 
Eigenschaft erteilt, welche identisch ist mit jener oben erwähnten 
Bestimmung, die auf das äußere Objekt abzielt, weil es sich um Sexual- 
respektive Propagationslibido handelt. Wenn durch die wirkliche 
Feuerbereitung der Sexualcharakter der dazu verwendeten Libido 
erfüllt ist, dann bleibt aber die Mundzone ohne adäquate Betätigung: 
nur die Hand hat jetzt ihr eigentliches rein menschliches Ziel in ihrer 
ersten Kunst erlangt. 

Der Mund hat, wie wir sahen, eine weitere wichtige Funktion, 
die ebensoviel sexuelle Beziehung auf das Objekt hat wie die Hand, 
nämlich die Erzeugung des Lockrufes. Bei dem Aufbrechen des auto- 
erotischen Ringes, Hand-Mund 3 ), wo die phallische Hand zum feuer- 

1 ) Wenn bei dem heutzutage enorm angewachsenen Sexualwider stand die 
Frauen die sekundären Geschlechtsmerkmale und sonstigen erotischen Reize durch 
besonders konstruierte Korsetts hervorheben, so ist das eine Erscheinung, die 
noch ins selbe Schema der Vermehrung der Anlockung gehört. 

2 ) Die Ohiöffnung beansprucht bekanntlich auch Sexualwert. In einem 
Marienhymnus heißt es: „quae per aurem coneepisti". Rabelais' Gargantua 
wird durchs Ohr der Mutter geboren. Bastian (Beiträge z. vergl. Psychologie 
S. 238) erwähnt aus einem altern Werke folgende Stelle: „Man findet in diesem 
ganzen Königreiche auch unter den allerkleinsten Mägdlein keine Jungfrawn, 
denn sie tun gleich in ihre zarte Jugend eine besondere Mixtur in ihr Gemachter 
hinein, wie gleichfalls auch in die Ohrlöcher, machen dieselbige damit weit und 
erhalten sie immerzu offen." — Auch der mongolische Buddha wird aus dem 
Ohr seiner Mutter geboren. 

3 ) Das treibende Motiv zum Aufbrechen des Ringes Aväre, wie ich oben 
flüchtig bereits andeutete, in der Tatsache zu suchen, daß oie sekundäre Sexual - 
tätigkeit (der verlagerte Koitus) nie imstande ist oder sein wird, jene natürliche 
Sättigung herbeizuführen, wie die Betätigung an eigentlicher Stelle. Mit diesem 



154 

zeugenden Instrumente wurde, hatte die der Mundzone zugeführte 
Libido einen andern Funktionsweg zu suchen, der sich naturgemäß 
in der bereits bestehenden Funktion des Brunstrufes eröffnete. 
Der hier untertretende libidinöse Zuschuß muß. die gewöhnlichen Folgen 
gehabt haben: nämlich Aktivierung der neubesetzten Funktion, also 
eine Elaboration des Lockrufes. 

Wir wissen, daß aus den Urlauten sich einmal die menschliche 
Sprache entwickelt hat. Der psychologischen Sachlage entsprechend 
müßte angenommen werden, daß die Sprache diesem Moment ihren 
eigentlichen Ursprung verdankt, nämlich dem Augenblick, wo sich 
der, auf vorsexuelle Stufe zurückgedrängte Trieb nach außen wandte, 
um dort ein äquivalentes Objekt aufzufinden. Das eigentliche Denken 
als bewußte Handlung ist, wie wir im ersten Teil sahen, ein Denken 
mit positiver Bestimmung nach der Außenwelt hin, d. h. ein „sprach- 
liches" Denken. Diese Art von Denken scheint in jenem Moment ent- 
standen zu sein. Es ist nun sehr merkwürdig, daß diese Ansicht, die auf 
dem "Wege des Raisonnements gewonnen wurde, wiederum durch alte 
Tradition und sonstige mythologische Fragmente gestützt wird. 

Im Aitareyopanishad 1 ) (Sekt. I, Part. II) findet sich bei der 
Lehre von der Entwicklung des Menschen folgender Passus: „Being 
brooded-o'er his mouth hatched out, like as an egg ; from out his mouth 
(came) speech, from speech the fire 2 )." In Part. II wo geschildert 
wird, wie die neugeschaffenen Dinge in den Menschen eingesetzt werden, 
heißt es: „Fire, speech becoming, entered in the mouth." Diese Stellen 
lassen die Zusammengehörigkeit von Feuer und Sprache deutlich er- 
kennen 3 ). Im Brihadäranyaka-Upanishad (3,2) 4 ) findet sich der Passus: 

„ Yäynavalkya", so sprach er, ,wenn nach dem Tode dieses Menschen 
seine Rede in das Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Auge in die 
Sonne usw. Eine weitere Stelle aus dem Brihadäranyaka-Upanishad (4, 3) 
lautet: ,Aber wenn die Sonne untergegangen ist, o Yäynavalkya, und der 






ersten Schritte zur Verlagerung war auch der erste Schritt zur charakteristischen 
Unzufriedenheit getan, welche den Menschen späterhin von Entdeckung zu Ent- 
deckung trieb, ohne ihn je die Sättigung erreichen zu lassen. 

') Übersetzt von Mead und Chattopädhyäya. 

») „Da er ihn bebrütete, spaltete sich sein Mund wie ein Ei, aus dem Mund 
entsprang die Rede, aus der Rede Agni." (Übersetzt von Deussen.) 

*) In einem Liede des Rigveda (10, 90) heißt es, daß die Hymnen und 
Opfersprüche, wie überhaupt sozusagen die ganze Schöpfung aus dem „gänzlich 
verbrannten" Purusha (Urmensch -Weltschöpfer) hervorgegangen seien. 

*) Übersetzt von Deussen. 



155 

Mond untergegangen ist, und das Feuer erloschen ist, was dient dann dem 
Menschen als Licht?' — ,Dann dient ihm die Eede als Licht; denn bei dem 
Lichte der Eede sitzt er und gehet umher, treibt seine Arbeit und kehret 
heim.' — Aber wenn die Sonne untergegangen ist, o Yäyiiavalkya, und 
der Mond untergegangen ist und das Feuer erloschen und die Stimme 
verstummt ist, was dient dann dem Menschen als Licht?' — ,Dann dient 
er sich selbst (ätman) als Licht; denn bei dem Lichte des Selbstes sitzt 
er und gehet umher, treibt seine Arbeit und kehret heim'." 

In diesem Passus bemerken wir, wie wiederum das Feuer in 
nächster Beziehung zur Rede steht. Die Rede selber heißt ein ,, Licht", 
das seinerseits reduziert wird auf das „Licht" des ätman, der schaffenden 
seelischen Kraft, der Libido. So faßte die indische Metapsychologie 
Rede und Feuer als Emanationen des innern Lichtes, von dem wir 
wissen, daß es die Libido ist. Sprache und Feuer sind ihre Manifestations- 
formen als die ersten menschlichen Künste, die aus ihrer Verlagerung 
entstanden sind. Auf diesen gemeinsamen psychologischen Ursprung 
scheinen auch gewisse Ergebnisse der Sprachforschung hinzuweisen. 
Der indogermanische Stamm b h ä bezeichnet die Vorstellung von 
leuchten, scheinen. Dieser Stamm findet sich in griech. <pdco, cpalvoi, 
<pdog, in altirl. bän = weiß, im nhd. bohnen = glänzend machen. Der- 
selbe Stamm bhä bedeutet aber auch sprechen; er findet sich im 
Sanskr. bhan = sprechen, arm. ban = Wort, im nhd. Bann, bannen, 
griech. <pä-ftl, ecpav, cpung, lat. fä-ri, fänum. 

Der Stamm bhelso mit der Bedeutung „klinge, belle" findet 
sich in Sanskr. bhas = bellen und bhäs == reden, sprechen, litth. 
balsas = Stimme, Ton. Eigentlich ist bhel-so = hell sein vgl. 
acddg = hell, litth. bälti = weiß werden, mhd. blaß. 

Der Stamm lä mit der Bedeutung von tönen, bellen findet sich 
in Sanskr. las läsati = erklingen und las läsati = strahlen, 
glänzen. 

Der verwandte Stamm lesö mit der Bedeutung begehre findet 
sich wiederum in Sanskr. las, 1 äsati = spielen, lash, läshati = be- 
gehren, griech. /AaxavQog — geil, goth. lustus, nhd. Lust, lat. lascivus. 

Ein weiterer verwandter Stamm, las 6 = scheinen, strahlen 
findet sich in las, läsati = strahlen, glänzen. 

In dieser Gruppe kommen, wie ersichtlich, die Bedeutungen 
von begehren, spielen, strahlen und tönen zusammen. Ein 
ähnliches archaisches Zusammenfließen der Bedeutungen in die ur- 
sprüngliche Libidosymbolik (wie wir vielleicht schon sagen dürfen) 
findet sich in jener ägyptischen Wörterklasse, die sich aus den nahe- 



156 

r 

verwandten Wurzeln ben und bei und der Reduplikation benben 
und belbel herleitet. Die ursprüngliche Bedeutung dieser Wurzeln 
ist: auswerfen, heraustreten, schwellen, hervorwallen (mit 
dem Nebenbegriff sprudeln, biasenwerfen und Rundung), belbel, 
von dem_ Zeichen des Obelisken (von ursprünglich phallischer Natur) 
begleitet, bedeutet Lichtquell. Der Obelisk selber führte neben techenu 
und men den Namen benben, seltener auch berber und belbel 1 ). Die 
Libidosymbolik erklärt diese Zusammenhänge, wie mir scheint. 

Der indogermanische Stamm vel mit der Bedeutung von wallen 
(Feuer) findet sich im Sanskr. ulunka = Brand, griech. • FaXia, 
att. ätea = Sonnenwärme, goth. vulan = wallen, ahd. mhd. walm = 
Hitze, Glut. Der verwandte indogermanische Stamm velkö mit 
der Bedeutung von leuchten, glühen findet sich in Sanskr. ulkä = 
Feuerbrand, griech. FeXxävog = Vulcanus. Derselbe Stamm vel heißt 
aber auch tönen, in Sanskr. väni= Getön, Gesang, Musik, tschech. 
volati = rufen. 

Der Stamm sveno=töne, klinge findet sich in Sanskr. 
svan, svänati = rauschen, erklingen, zend. qanaht, lat. sonäre, 
altiran. senm, cambr.sain, lat.sonus, angels.svinsian = tönen. Der ver- 
wandte Stamm svenos = Geräusch, Getön findet sich in ved. svanas = 
Geräusch, lat. sonor, sonorus. Ein weiterer verwandter Stamm ist 
svonös = Ton, Geräusch, in altiran; son = Wort. 

Der Stamm sve(n), loc. sveni, dat. sunei, bedeutet Sonne 
in zend. qeng = Sonne (vgl. oben svenö zend. qanaht) got. sun-na 
sunno 2 ). 

Auch hier hat uns Goethe vorgearbeitet: 

„Die Sonne tönt nach alter Weise 
In Brudersphären Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang." (Faust I. Teil.) 

x ) Vgl. Br ugsch: Bei. u. Myth. d. alt. Ägypter, S. 255 f. und das Ägyptische 
Wörterbuch. 

*) Das deutsche Wort Schwan gehört hierher, daher er auch singt, wenn 
er stirbt. Er ist die Sonne. Die Figur bei Heine fügt sich hier sehr schön an: 

,,Es singt der Schwan im Weiher 
Und rudert auf und ab, 
Und immer leiser singend, 
Taucht er ins Flutengrab." 

Hauptmanns „Versunkene Glocke" ist ein Sonnenmythus, wobei 
Glocke = Sonne = Leben = Libido. 



157 

„Horchet, horcht dem Sturm der Hören! 

Tönend wird für Geistesohren 

Schon der neue Tag geboren. 

Felsentore knarren rasselnd, 

Phoebus' Räder rollen prasselnd, 

Welch Getöse bringt das Licht! 

Es drommetet, es posaunet, 

Auge blinzt und Ohr erstaunet, 

Unerhörtes hört sich nicht. 

Schlüpfet zu den Blumenkronen, 

Tiefer, tiefer, still zu wohnen, 

In die Felsen, unters Laub, 

Trifft es euch, so seid ihr taub." (Faust IL Teil.) 

Auch der schönen Verse Hölderlins dürfen wir nicht vergessen: 

„Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir 

Von all deiner Wonne; dennoch eben ist's, 

Daß ich gelauscht, wie goldner Töne 

Voll, der entzückende Sonnen Jüngling 

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt; 

Es tönten rings die Wälder und Hügel nach — ". 

Wie in der archaischen Sprache Feuer und Sprachlaut (Lockruf, 
Musik) als Emanationsformen der Libido erscheinen, so werden auch 
Licht und Schall, in die Seele eintretend, zu Einem, zu Libido. 
M a n i 1 i u s spricht es aus in seinen schönen Versen : 

— „Quid mirum noscere mundum 
Si possunt homines, quibus est et mundus in ipsis 
Exemplumque dei quisque est in imagine parva? 
An quoquam genitos nisi caelo credere fas est 
Esse homines? 

Stetit unus in arcem 
Erectus capitis victorque ad sidera mittit 

sidereos oculos. 

Auf die für das Weltbild überhaupt fundamentale Bedeutung 
der Libido weist uns der Begriff von Sanskr. tejas hin. Ich verdanke 
Herrn Dr. Abegg in Zürich, einem trefflichen Kenner des Sanskrit, 
die Zusammenstellung der 8 Bedeutungen dieses Wortes. 

Tejas bedeutet: 

1. Schärfe, Schneide. 

2. Feuer, Glanz, Licht, Glut, Hitze. 

3. Gesundes Aussehen, Schönheit. 

4. Die feurige und farbeerzeugende Kraft im menschlichen Orga- 
nismus (in der Galle gedacht). 



158 



5. Kraft, Energie, Lebenskraft. 

6. Heftiges Wesen. 

7. Geistige, auch magische Kraft; Einfluß, Ansehen, Würde. 

8. Der männliche Same. 

Hieraus vermögen wir zu ahnen, wie für das primitive Denken 
die sogenannte objektive Welt subjektives Bild war und sein mußte. 
Auf dieses Denken verlangt das Wort des „Chorus mysticus" angewendet 
zu werden : 

„Alles Vergängliche 

Ist nur ein Gleichnis." 

Das Sanskritwort für Feuer ist agnis (das lateinische ignis) 1 ), 
das personifizierte Feuer ist der Gott Agni, der göttliche Mittler 2 ), 

1 ) Mit ag-iiis, beweglich zusammenhängend. Siehe Max Müller: Vorl. 
über den Ursprung und die Entwicklung der Religion, S. 237. 

2 ) Ein eranischer Name des Feuers ist Nairyocagha = männliches 
Wort. Indisch: Naräcamsa = Wunsch der Männer (Spiegel, Eran. Altertumsk., 
II, 49). Das Feuer hat Logosbedeutung (vgl. Kap. VII, Erläuterungen zu „Sieg- 
fried"). Von Agni, dem Feuer, sagt Max Müller in seiner Einleitung in die ver- 
gleichende Religionswissenschaft: „Es war eine dem Inder geläufige Vorstellung, 
das Feuer auf dem Altar zugleich als Subjekt und Objekt zu fassen. Das Feuer 
verbrannte das Opfer und war somit gleichsam der Priester, das Feuer trug das 
Opfer zu den Göttern und war somit ein Vermittler zwischen Menschen und 
Göttern; das Feuer stellte aber auch selbst etwas Göttliches, einen Gott vor, 
und wenn diesem Gott Ehre erzeugt werden sollte, so war das Feuer sowohl Subjekt 
als Objekt des Opfers. Daher die erste Vorstellung, daß Agni sich selbst opfert, 
d. h. daß er sein eigenes Opfer für sich selbst darbringt, dann aber, daß er sich 
selbst zum Opfer bringt." Die Berührung dieses Gedankengangs mit dem christ- 
lichen Symbol Hegt auf der Hand. Denselben Gedanken spricht Krishna aus 
in Bhagavad-Gita b. IV. (Transl. by Arnold, London 1910.) 

"All' b then God! 
The sacrifice is Brahm, the ghee and grain 
Are Brahm, the fire is Brahm, the flesh it eats 
Is Brahm, and unto Brahm attaineth he 
Who, in such office, meditatos on Brahm." 

Hinter diesen Symbolismus des Feuers sieht die weise Diotima (in 
Piatons Symposion o. 23). Sie belehrt den Sokrates, daß Eros das „Mittel- 
wesen zwischen Sterblichen und Unsterblichen" sei, „ein großer Dämon, lieber 
Sokrates; denn alles Dämonische ist eben das Mittelglied zwischen Gott und 
Mensch". Eros hat die Aufgabe, „Dolmetsch und Bote zu sein von den Menschen 
bei den Göttern und von den Göttern bei den Menschen, von den einen für ihre 
Gebete und Opfer, von den anderen für ihre Befehle und ihre Vergeltungen der 
Opfer, und so die Kluft zwischen beiden auszufüllen, so daß durch seine Vermittlung 



159 

dessen Symbol gewisse Berührungen mit dem des Chris tos hat. Im 
Avesta und in den Vedas ist das Feuer der Götterbote. Es gibt innerhalb 
der christlichen Mythologie Einiges, das mit dem Agnimythus nahe 
zusammenkommt. Daniel (3, 24 f.) berichtet von den 3 Männern im 
Feuerofen : 

.,Da entsetzte sich der König Nebukadnezar und fuhr auf und sprach 
zu seinen Räten: .Haben wir nicht 3 Männer gebunden in das Feuer lassen 
werfen?' Sie antworteten und sprachen zum Könige: ,Ja, Herr König.' 
Er antwortete und sprach: .Sehe ich doch 4 Männer los im Feuer 
gehn und sind unversehrt; und der vierte ist, gleich als wäre 
er ein Sohn der Götter'." 

Dazu bemerkt die Biblia pauperum (nach einem deutschen 
Incunabulnm von 1471): 

„Man list in dem propheten Daniel am III c. dass nabuchodonosor 
der kunig zu babilon liess setzen 3 Kind in ein gluenden ofen und da der 
kunig kam zu dem ofen und sach hinein, da sach er bey den III den vierten, 
der was gleich dem Sun gotz. Die drei bedeuten uns die heiligen Drivaltig- 
keit der person und der viert ainigkeit des wesen. Also Christus in seiner 
erclarung bezaichet er die Drivaltigkeit der person und die ainigkeit des 
wesen." 

Nach dieser mystischen Deutung erscheint die Legende der drei 
Männer im Feuerofen als ein Feuerzauber, wobei der Gottessohn er- 
scheint: die Dreiheit wird mit der Einheit zusammengebracht, oder 
mit anderen Worten : durch den Koitus wird ein Kind erzeugt. Der 

das All sich mit sich selber zusammenbindet". Eros ist ein Sohn der Penia 
(Armut, Bedürftigkeit), empfangen vom nektarberauschten Porös. Die Bedeutung 
ven Porös ist dunkel; nÖQOg heißt Weg und Loch, Öffnung. Zielinski, Arch, 
f. Rel. Wissensch., IX, 43 ff. setzt ihn mit Phoroneus, dem Feuerbringer identisch, 
was bezweifelt wird, andere bringen ihn mit dem anfänglichen Chaos zusammen, 
wiederum andere lesen willkürlich Köoos und Möqos. Unter diesen Umstanden — 
in dubio pro reo — ist die Frage gestattet, ob nicht ein relativ einfacher Sexual- 
symbolismus dahinter zu suchen sei. Eros wäre dann einfach der Sohn der Be- 
dürftigkeit und der weiblichen Genitalien, denn diese Pforte ist Uranfang und 
Geburtsstätte des Feuers. Diotiina gibt eine treffliche Schilderung des Eros: 
„Er ist mannhaft, verwegen und beharrlich, ein gewaltiger Jäger (Bogenschütze! 
vgl. unten) und unaufhörlicher Ränkeschmied, welcher stets, nach der Weisheit 
trachtet — ein gewaltiger Zauberer, Giftmischer und Sophist; und weder 
wie ein Unsterblicher ist er geartet noch wie ein Sterblicher, sondern an dem- 
selben Tage blüht er bald und gedeiht, wenn er die Fülle des Erstrebten 
erlangt hat, bald stirbt er dahin; immer aber erwacht er wieder zum 
Leben vermöge der Natur seines Vaters (Wiedergeburt!); das Gewonnene 
jedoch rinnt ihm immer wieder von dannen — ." Zu dieser Charak- 
terisierung sind Kap. V, VI und VII dieser Arbeit zu vergleichen. 



160 

glühende Ofen (wie der glühende „Dreifuß" bei Faust) ist ein Mutter- 
symbol, wo die Kinder gebacken werden. (Vgl. dazu auch Riklin: 
"Wunscherfüllung und Symb. in Mährchen, S. 69, wo ein Kind dadurch 
erzeugt wird, daß die Eltern ein Rübchen (!) in den Ofen 1 ) legen.) 
Der Vierte im Feuerofen erscheint als der Gottessohn Christus, im 
Feuer sichtbarer Gott geworden. Die mystische Dreiheit und Einheit 
sind unzweifelhaft sexualsymbolistisch. (Vgl. dazu die vielen Hinweise 
bei In man: Ancient pagan and modern Christian symbolisms.) Vom 
Retter Israels und seiner Feinde (dem Messias) heißt es Jes. 10, 17: 
„Und das Licht Israels wird ein Feuer sein und sein Heiliger wird eine 
Flamme sein." 

In einem Hymnus des Syrers Ephre m heißt es von Christus : „Du, 
der ganz Feuer ist, erbarme Dich meiner." 

Agni ist die Opferflamme, der Opferer und das Geopferte 
gleich wie der Christus. Gleich wie Christus sein erlösendes Blut als 
ein (pdg/Mxxov ä&avaolag im berauschenden Weine hinterließ, so ist 
Agni auch der So ma, der heilige Begeisterungstrank, der Unsterblich- 
lichkeitsmeth 2 ). Soma und Feuer sind in der indischen Literatur 
ganz identisch gesetzt, so daß wir in Soma leicht wieder das Libido- 
symbol zu entdecken vermögen, wodurch sich eine Reihe anscheinend 
paradoxer Eigenschaften des Soma ohneweiters auflösen lassen. Wie* 
die alten Inder im Feuer eine Emanation des innern Libidofeuers 
erkannten, so erkannten sie auch im berauschenden Tranke („Feuer- 
wasser", Soma-Agni, als Regen und Feuer) eine Libidoemanation. 
Die vedische Definition des Soma als Samenerguß 8 ) belegt diese Auf- 
fassung. Die Somabedeutung des Feuers, ähnlich wie die Abendmahl- 
bedeutung des Leibes Christi (Vgl. das in Kreuzform gebratene Passah- 
lamm der Juden) erklärt sich durch die Psychologie der vorsexuellen 

x ) Das Motiv des Ofens, wo das Kind ausgebrütet wird, findet sich auch im 
Typus des Walfisehdrachenmythus wieder. Es ist dort ein regelmäßig wieder- 
kehrendes Motiv, daß das Innere des „Drachen" sehr heiß ist, ao daß infolge der 
Hitze dem Helden die Haare ausgehen; d. h. wohl, daß er dort den für den 
erwachsenen Menschen charakteristischen Haarschmuck verliere und ein Kind 
werde. (Natürlich beziehen sich die Haare auch auf die Sonnenstrahlen, die im 
Untergang ausgelöscht werden.) Mannigfache Beispiele für dieses Motiv finden 
sich bei Frobenius „Das Zeitalter des Sonnengottes", Bd. I, Berlin 1904. 

a ) Diese Seite Agnis weist auf Dionysos hin, der sowohl mit der christ- 
lichen wie mit der indischen Mythologie bemerkenswerte Parallelen hat. 

*) „Alles nun, was auf der Welt feucht ist, das erschuf er aus dem Samen- 
erguß; dieser aber ist der Soma." Brihadaranyaka-Upanishad (1, 4) Deussen. 



161 

Stufe, wo die Libido noch zum Teil Ernährungsfunktion war. Der Soma 
ist der „nährende Trank", dessen mythologische Charakterisierung 
dem Feuer und seiner Entstehung parallel läuft, daher beide in Agni 
vereinigt sind. Auch wird der Unsterblichkeitstrank durch die indischen 
Götter so gequirlt wie das Feuer. Durch das Zurücktreten der Libido 
auf die vorsexuelle Stufe wird es klar, warum so viele Götter einerseits 
sexuell definiert sind, anderseits aber gegessen werden. 

Wie uns das Beispiel der Feuerbereitung zeigte, dürfte das Feuer- 
instrument nicht nachträglich zu seiner Sexualsymbolik gekommen 
sein, sondern die Sexuallibido war die treibende Kraft, welche zu seiner 
Entdeckung führte, weshalb die nachmaligen Priesterlehren nichts als 
Konstatierungen seines tatsächlichen Ursprunges waren. In derselben 
Weise sind wohl auch andere primitive Entdeckungen zu ihrer Sexual- 
symbolik gekommen; sie stammen eben aus Sexuallibido ab. 

In den bisherigen Darlegungen, dio vom pramantha des Agni- 
opfers ausgingen, haben wir uns nur mit der einen Bedeutung des Wortes 
manthämi oder mathnämi beschäftigt, nämlich mit der, welche die. 
Bewegung des Keibens ausdrückt. Wie Kuhn zeigt, kommt diesem 
Worte aber auch die Bedeutung von abreißen, an sich reißen, 
rauben zu 1 ). Wie Kuhn zeigt, (Herabk. des Feuers, S. 18) ist diese 
Bedeutung schon in den vedischen Texten vorhanden. Die Entdeckungs- 
sage faßt die Feuererzeugung immer als einen Eaub auf (sie gehört 
insofern zu dem über die ganze Erde verbreiteten Motiv der schwer 
zu erreichenden Kostbarkeit). Die Tatsache, daß vielerorts, 
nicht nur in Indien, die Feuerbereitung als ein ursprünglicher Raub 
dargestellt wird, scheint auf einen allgemein verbreiteten Gedanken 
hinzudeuten, wonach die Feuerbereitung etwas Verbotenes, Usurpiertes 
oder Strafwürdiges wäre, das nur durch List oder Gewalttat (meist 
durch List) erreicht werden kann 2 ), öfter ist es das heimliche Stehlen 
oder das listige Ubervorteüen, das, wenn es dem Arzte als ein Symptom 
entgegentritt, immer das heimliche Erfüllen eines verbotenen Wunsches 
bedeutet 3 ). Historisch geht wohl dieser Zug zunächst auf die Tatsache, 

1 ) Die Frage ist, ob sich diese Bedeutung erst sekundär entwickelt hat. 
Nach Kuhn scheint dies angenommen zu werden; er sagt (Herabkunft des 
Feuers, S. 18): „Mit der bisher entwickelten Bedeutung der Wurzel manth hat sich 
aber auch schon in den Veden die aus dem Verfahren natürlich sich entwickelnde 
Vorstellung des „Abreißens, usw. entwickelt." 

2 ) Beispiele bei Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

8 ) Vgl. dazu Stekel: Die sexuelle Wurzel der Kleptomanie. Zeitschr. 
f. Sexualwissenschaft, 1908. 

Jung, Libido. it 



/ 



\ 



162 

daß die rituelle Feuerbereitung in zauberischer Absicht angewendet 
wurde, daher vom offiziellen Glauben verfolgt wurde; sodann war 
sie rituelles Mysterium 1 ), deshalb von den Priestern gehütet und mit 
Geheimnis umgeben. Die rituellen Vorschriften der Inder verheißen 
dem schwere Strafe, der auf unrichtige Weise Feuer bereitete. Die Tat- 
sache allein, daß etwas Mysterium ist, heißt, daß etwas in der Ver- 
borgenheit getan wird. Was geheim bleiben muß, was man sonst nicht 
sehen oder tun darf, etwas auch, das mit schweren Strafen des Leibes 
und der Seele umgeben ist; also vermutlich etwas Verbotenes, 
das eine kultische Lizenz erhalten hat. Nach all dem, was 
oben über die Genese der Feuerbereitung gesagt wurde, ist es nicht mehr 
schwer zu erraten, was das Verbotene ist: es ist die. Onanie. Wenn 
ich oben sagte, daß die Unbefriedigung es aein dürfte, welche den 
autoerotischen Ring der verlagerten Sexualbetätigung .am eigenen 
Körper aufbreche und so die weiten Gefilde der Kultur eröffne, so 
erwähnte ich nicht, daß dieser nur locker geschlossene Ring der ver- 
lagerte n onanistischen Betätigung viel fester geschlossen werden kann, 
wenn nämlich der Mensch die andere große Entdeckung macht, 
nämlich die der richtigen Onanie 2 ). Damit tritt die Betätigung am 
eigentlichen Orte ein und damit unter Umständen eine für lange Zeit 
ausreichende Befriedigung, wodurch aber die Sexualität um ihre eigent- 
lichen Absichten geprellt wird. Es ist ein Betrug an der natürlichen 
Entwicklung der Dinge, indem alle die Spannkräfte, die der Kultur- 
entwicklung dienen können und sollen, ihr durch die Onanie entzogen 
werden, indem statt der- Verlagerung eine Regression auf das Lokal- 
sexuelle vollzogen wird, was gerade das Gegenteil ist von dem, was 
als zweckmäßig erscheint. Psychologisch ist aber die Onanie eine 
Erfindung von nicht zu unterschätzender Bedeutung : Man ist geschützt 
vor dem Schicksal, indem keine sexuelle Bedürftigkeit es dann vermag, 
einen dem Leben auszuliefern. Man hat ja mit der Onanie den großen 
Zauber in Händen, man braucht nur zu phantasieren und dazu zu 



1 ) Auch in der katholischen Kirche herrschte an verschiedenen Orten die 
Sitte, daß einmal im Jahre der Priester „künstliches" Feuer erzeugte. 

2 ) Ich muß bemerken, daß die Bezeichnung der Onanie als einer großen 
Entdeckung kein von mir ersonnener Scherz ist, sondern ich verdanke diesen 
Eindruck zwei jugendlichen Patienten, die vorgaben, im Besitze eines schreck- 
lichen Geheimnisses zu sein, sie hätten etwas Furchtbares entdeckt, das nie sonst 
jemand wissen dürfte, weil sonst ein großes Elend über die Menschen käme: Sie 
hatten nämlich die Onanie entdeckt. 



163 

onanieren, so besitzt man alle Lüste der Welt und ist durcl/ nichts 
gezwungen, durch harte Arbeit und schweres Ringen mit der Wirk- 
lichkeit, sich die Welt seiner Wünsche zu erobern 1 ). Aladdin reibt 
seine Lampe und die dienstbaren Geister stehen zu seiner Verfügung, 
so drückt das Märchen den großen psychologischen Gewinn der billigen 
Regression auf die lokale Sexualbefriedigung aus. Aladdins Symbol 
deckt die Zweideutigkeit der magischen Feuer bereitung in feiner Weise. 

Die nahe Beziehung der Feuererzeugung zum onanistischen Akte 
wird durch einen Fall belegt, dessen Kenntnis ich Herrn Dr. Sehmid 
in Cery verdanke: Ein imbeciller Bauernknecht legte mehrmals Feuer. 
Bei einer Brandstiftung wurde er durch sein Verhalten während des 
Brandes dadurch verdächtig, daß er, die Hände in den Hosentaschen, 
in der Tür eines gegenüberliegenden Hauses stand und dem Brande 
vergnügt zusah. Während der Untersuchung in der Irrenanstalt schildert 
er den Brand sehr weitläufig und macht dazu verdächtige Bewegungen 
mit der Hand in der Hosentasche. Die sofort vorgenommene körperliche 
Untersuchung ergab, daß er masturbiert hatte. Später gestand er, daß 
er sich jeweilen masturbierte, wenn er sich am selbst gelegten Feuer 
ergötzte. 

Die Feuerbereitung an sich ist ein völlig nüchterner, nützlicher " 
und durch viele Jahrtausende überall geübter Gebrauch, dem an sich 
wohl bald nichts mehr Geheimnisvolles zukam, so wenig wie dem Essen 
und Trinken. Es war aber immer eine Tendenz da, von Zeit zu Zeit 
einmal auf eine zeremonielle und geheimnisvolle Art Feuer zu bereiten 
(ebenso wie das rituelle Essen und Trinken), was in genau vorge- 
schriebener Weise zu erfüllen war, und wovon niemand abweichen durfte. 
Diese der Technik gesellte geheimnisvolle Tendenz ist der stets neben 
der Kultur vorhandene zweite Weg in die onanistische Regression. 
Dieser gelten die strengen Gesetze; der Eifer der zeremoniellen Vor- 
richtungen und die religiösen Schauer des Mysteriums stammen zu 
allernächst aus dieser Quelle : die Zeremonie in ihrer praktischen Sinn- 

a ) Man muß billigerweise aber auch berücksichtigen, daß die durch unsere 
Moral erheblich verschärften Lebensbedingungen so schwierig sind, daß es für 
viele Menschen einfach praktisch unmöglich ist, zu jenem Ziel zu gelanger, das 
man keinem Menschen mißgönnen möchte, nämlich der Möglichkeit der liebe. 
Unter diesem grausamen Domestikationszwang muß der Mensch zur Onanie 
gelangen, wenn er eine irgendwie aktive Sexualität besitzt. Bekanntlich sind 
es gerade die nützlichsten und besten Menschen, die ihre Tugenden einer kräftigen 
Libido verdanken. Eine energische Libido verlangt aber zeitweise mehr als bloße 
christliche Nächstenliebe. 

11* 



164 

losigkeit ist eine äußerst sinnvolle Institution vom psychologischen 
Standpunkt aus, indem sie einen durch Gesetze genau umschriebenen 
Ersatz der onanistischen Regressionsmöglichkeit darstellt 1 ). Dem Inhalt 
der Zeremonie kann das Gesetz nicht gelten, denn es ist für die rituelle 
Handlung eigentlich ganz gleichgültig, ob sie so oder so vorgenommen 
wird. Dagegen ist es sehr wesentlich, ob die aufgestaute Libido durch 
eine sterile Onanie abgeführt oder auf Sublimierungswege übergeleitet 
wird. Der Onanie gelten in erster Linie jene strengen Schutzmaßregeln 2 ). 
Ich verdanke Freud einen weiteren bemerkenswerten Hinweis 
auf die onanistische Natur des Feuerraubes oder vielmehr des Motivs 
der schwer erreichbaren Kostbarkeit (wozu der Feuerraub ge- 
hört). Es sind mehrfach in der Mythologie Formulierungen vorhanden, 
die etwa folgendermaßen lauten: Das Kostbare soll von einem Tabu- 
baume gepflückt oder abgerissen werden (Paradiesbaum, He- 
speriden), was eine verbotene und gefährliche Handlung ist. Am klarsten 
in jeder Hinsicht ist der altbarbarische Gebrauch im Dienste der Diana 
von Aricia : Priester der Göttin kann nur werden, wer in ihrem heiligen 
Hain einen Ast abzureißen wagt. Das „Abreißen" hat sich in der Vul- 
gärsprache (neben dem „Abreiben") als Symbol des onanistischen 
Aktes erhalten. So ist das „Reiben" wie das „Reißen", welche beide 
in manthänii enthalten und anscheinend nur durch den Mythus 
des Feuerraubes verbunden sind, in einer tieferen Schicht, im ona- 
nistischen Akt verknüpft, worin „Reiben" im eigentlichen, , .Reißen" 
aber im übertragenen Sinne verwendet ist. Es wäre demnach vielleicht 
zu erwarten, daß in der tiefsten Schicht, nämlich der inzestuösen, 
die dem autoerotischen Stadium vorausgeht 3 ), die beiden Bedeutungen 



*) Vgl. dazu die grundlegenden Ausführungen Freuds: Zwangshandlungen 
und Religionsübung. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehro, Bd. II, 
S. 122 ff. 

2 ) Ich bin mir wohl bewußt, daß die Onanie nur ein Zwischenphänömen 
ist. Es erübrigt immer noch das Problem der originalen Libidozerspaltung. 

3 ) Ich nenne in konsequenter Anwendung meiner im vorigen Kapitel 
erörterten Terminologie das Stadium nach der Inzestliebe das Auto-Erotische, 
wobei ich das Erotische hervorhebe als ein Regressivphänomen: die an der 
Inzestschranke aufgestaute Libido besetzt regressiv eine ältere, der inzestösen 
Objektliebe vorausgehende Funktionsweise, die man unter dem Bleuler- 
schen Terminus Autismus begreifen könnte, nämlich die Funktion der puren 
Selbsterhaltung, die vorzugsweise durch die Ernährungsfunktion gekenn- 
zeichnet ist. Man kann aber auf die vorsexuelle Stufe den Terminus „Autis- 
mus" darum nicht mehr wohl anwenden, indem er bereits für den Geisteszustand der 



165 

in eine zusammengehen, die aus Mangel an mythologischer Tradition 
vielleicht nur etymologisch erschlossen werden kann. 

IV. 

Die unbewußte Entstehung des Heros. 

Vorbereitet durch die vorausgehenden Kapitel nähern wir uns 
der Personifikation der Libido in Gestalt eines Helden, eines Heros 
oder Dämon. Damit verläßt die Symbolik das Gebiet des Sächlichen 
und Unpersönlichen, das dem astralen und meteorischen Symbol 
eignet, und nimmt menschliche Form an, die Gestalt des von Leid zu 
Freude und von Freude zu Leid sich wandelnden Wesens, das bald, 
der Sonne gleich, im Zenith steht, bald in finstere Nacht getaucht 
ist und aus eben dieser Nacht zu neuem Glänze ersteht 1 ). Wie die 
Sonne in eigener Bewegung und aus eigenem inneren Gesetz vom 
Morgen zum Mittag aufsteigt, den Mittag überschreitet, und sich 
zum Abend hinunterwendet, ihren Glanz hinter sich lassend, und 
gänzlich in die alles verhüllende Nacht hinuntersteigt, so geht auch 
nach unwandelbaren Gesetzen der Mensch seine Bahn und versinkt 
nach vollbrachtem Lauf in der Nacht, um am Morgen in seinen 
Kindern wieder zu neuem Kreislaufe zu erstehen. Der symbolische 
Übergang von Sonne zu Mensch ist leicht und gangbar. Diesen Weg 
geht auch die dritte und letzte Schöpfung von Miß Miller. Dieses 
Stück nennt sie „Ohiwantopel, Drame hypnagogique". Über das Zu- 
standekommen dieser Phantasie berichtet sie folgendes: 

„Nach einem Abend voll Sorge und Beängstigung legte ich mich 
um 11% Uhr schlafen. Ich fühlte mich aufgeregt und unfähig zu schlafen, 
obschon ich sehr ermüdet war. — Es war kein Licht im Zimmer. Ich schloß 
die Augen und hatte dabei ein Gefühl, wie wenn irgend etwas geschehen 
sollte. Dann überkam mich das Gefühl einer allgemeinen Entspannung, 
und ich blieb so passiv wie möglich. Es erschienen vor meinen Augen Linien, 
Funken und leuchtende Spiralen, gefolgt von einer kaleidoskopischen 
Revue rezenter trivialer Vorkommnisse." 

Der Leser wird es mit mir beklagen, daß wir, um der Diskretion 
willen, nich t wissen können, was der Gegenstand ihrer Sorgen und 

Dementia praecox gebraucht ist, wo er den Autoerotismus plus introvertierter 
desexualisierter Libido zu decken hat, Autismus bezeichnet'also in erster Linie 
ein pathologisches Phänomen von regressivem Charakter, die vorsexuelle 
Stufe aber einen normalen Punktionszustand, das Puppenstadium. 

*) Daher wohl jener schöne Name des Sonnenhelden Gilgamesch: Weh- 
frohmensch. Vgl. Jensen: Gilgamesch Epos. 



166 

• 

Ängste war. Es wäre für das Folgende von großem Belang gewesen, 
darüber unterrichtet zu sein. Diese Lücke in unserm Wissen ist um so 
beklagenswerter, da seit dem ersten Gedicht (1898) 4 volle Jahre ver- 
flossen sind bis zu der hier zu besprechenden Phantasie (1902). Über 
die Zwischenzeit, in der gewiß das große Problem im Unbewußten 
nicht geschlummert hat, fehlen alle Nachrichten. Vielleicht hat dieser 
Mangel aber auch insofern sein Gutes, als unser Interesse durch keine 
Anteilnahme am persönlichen Schicksal der Autorin abgelenkt wird 
von der Allgemeingültigkeit der sich nunmehr gebärenden Phantasie. 
Es fällt damit etwas weg, was den Analytiker in seiner täglichen Arbeit 
öfter hindert, den Blick von der beschwerlichen Mühsal der Kleinarbeit 
zu den weiten Zusammenhängen zu erheben, in denen jeder neurotische 
Konflikt mit dem Ganzen menschlichen Geschickes steht. 

Der Zustand, den uns die Autorin hier schildert, entspricht einem 
solchen, wie er einem gewollten Somnambulismus voranzugehen pflegt 1 ), 
wie ihn also z. B. spiritistische Medien öfter schildern. Man muß wohl 
eine gewisse Geneigtheit annehmen, auf die leisen nächtlichen Stimmen zu 
horchen, sonst gehen derartig feine und kaum fühlbare innere Erlebnisse 
unbemerkt vorüber. Wir erkennen in diesem Horchen eine nach Innen 
führende Strömimg der Libido, die nach einem noch unsichtbaren, 
geheimnisvollen Ziel abzufließen beginnt. Es scheint, daß die Libido 
plötzlich ein Objekt in den Tiefen des Unbewußten entdeckt hat, das 
sie mächtig anzieht. Das von Natur aus ganz nach außen gewendete 
Leben der Menschen erlaubt für gewöhnlich derartige Introversionen 
nicht; es muß dazu schon ein gewisser Ausnahmezustand vorausgesetzt 
werden, nämlich ein Mangel an äußeren Objekten, welcher das Indi- 
viduum dazu zwingt, einen Ersatz dafür in. der eigenen Seele zu suchen. 
Es ist nun allerdings schwer zu denken, daß diese reiche Welt zu arm sein 
sollte, um dem Lieben eines Menschenatomes kein Objekt bieten zu 
können. Das kann auch der Welt und ihren Dingen nicht zugemutet 
werden. Sie bietet unendlichen Baum für jeden. Es ist vielmehr die 
Unfähigkeit zu lieben, welche den Menschen seiner Möglichkeiten 
beraubt. Leer ist diese Welt nur dem, der es nicht versteht, seine Libido 
auf die Dinge zu lenken und sie für ihn lebendig und schön zu machen. 
(Die Schönheit liegt ja nicht in den Dingen, sondern im Gefühl, das 
wir den Dingen geben.) Was uns also zwingt, einen Ersatz aus uns 






x ) Vgl. dazu auch die interessanten Untersuchungen von H. Silberer 
Dieses Jahrbuch, Bd. I, S. 513 ff. 






167 

selber zu schaffen, ist nicht der äußere Mangel an Objekten, sondern 
unsere Unfähigkeit, ein Ding außer- uns liebend zu umfassen. Gewiß 
werden die Schwierigkeiten der Lebenslage und die Widrigkeiten 
des Daseinskampfes bedrücken, aber auch schlimme äußere Situationen 
werden uns das Alisgeben der Libido nicht verwehren, im Gegenteil, 
sie können uns zu den größten Anstrengungen anspornen, wobei wir 
unsere ganze Libido an die Realität heranbringen können. Nie werden 
reale Schwierigkeiten die Libido dermaßen dauernd zurückzwingen 
können, daß daraus z. B. eine Neurose entsteht. Dazu fehlt der Kon- 
flikt, der die Bedingung jeder Neurose ist. Der "Widerstand, 
der sein Nichtwollen dem Wollen entgegensetzt', vermag es allein, 
jene pathogene Introversion zu erzeugen, welche der Ausgangspunkt 
jeder psychogenen Störung ist. Der Widerstand gegen das Lieben 
erzeugt die Unfähigkeit zur Liebe. Wie die normale Libido einem 
beständigen Strome gleicht, der seine Wasser breit in die Welt der 
Wirklichkeit hinausergießt, so gleicht der Widerstand, dynamisch 
betrachtet, nicht etwa einem im Flußbett sich erhebenden Felsen, der 
vom Strom über- oder umflutet wird, sondern einem Rückströmen, 
statt nach der Mündung, nach der Quelle hin. Ein Teil der Seele will 
wohl das äußere Objekt, ein anderer Teil aber möchte zurück nach der 
subjektiven Welt, wo die luftigen und leicht gebauten Paläste der Phan- 
tasie winken. Man könnte diese Zwiespältigkeit menschlichen Wollens, 
wofür Bleuler von psychiatrischen Gesichtspunkten aus den Begriff 
der Ambitendenz 1 ) geprägt hat, als etwas immer und überall Vor- 
handenes annehmen und sich daran erinnern, daß auch der allerprimi- 
tivste motorische Impuls schon gegensätzlich ist, indem z. B. beim 
Streckakte auch die Beugemuskeln innerviert werden; diese normale 
Ambitendenz aber führt niemals zur Erschwerung oder gar Verhinderung 
des intendierten Aktes, sondern ist unerläßliche Vorbedingung für dessen 
Vollkommenheit und Koordination. Daß aus dieser Harmonie fein 
abgestimmter Gegensätzlichkeit dem Handeln ein störender Widerstand 
erwachse, dazu gehört ein abnormes Plus oder Minus auf der einen 
oder andern Seite. Aus diesem dazutretenden Dritten entsteht der 
Widerstand 2 ). Dies gilt auch für die Zwiespältigkeit des Wollens, aus 
der dem Menschen so viele Schwierigkeiten erwachsen. Erst das abnorme 
Dritte löst die normalerweise in innigster Verbindung befindlichen 



l ) Siehe Bleuler: Psychiatr.-neurol. Wochenschr. , XII. Jg., Nr. 18 bis 21. 
■) Vgl. dazu meine Auseinandersetzung: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 469. 



168 

Gegensatzpaare und bringt sie als getrennte Tendenzen zur Er- 
scheinung; erst dadurch werden sie eigentlich zu Wollen und Nicht- 
wollen 1 ), die einander hindernd in den Weg treten. Die Harmonie 
wird so zur Disharmonie. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, zu 
untersuchen, woher das unbekannte Dritte stamme und was es sei. 
Bei unseren Kranken an der Wurzel gefaßt, enthüllt sich der „Kern- 
komplex" (Freud) als das Inzestproblem. Als . Inzesttendenz er- 
scheint uns die zu den Eltern regredierende Sexuallibido. Daß dieser 
Weg so leicht möglich ist, scheint davon herzukommen, daß die Libido 
auch eine ungeheure Trägheit besitzt, die kein Objekt der Ver- 
gangenheit lassen will, sondern für immer festhalten möchte. Der 
„tempelschänderische Griff rückwärts", von dem Nietzsche spricht, 
entpuppt sich, seiner Inzesthülle entkleidet, als ein ursprünglich passives 
Steckenbleiben der Libido bei den ersten Kindheitsobjekten. Diese 
Trägheit ist aber auch eine Leidenschaft, wie dies La Rochefoucauld 2 ) 
glänzend ausführt: „De toutes les passions, celle qui est la plus 
inconnue ä nous-meines, c'estla paresse; eile est la plus ardente et 
la plus maligne de toutes, quoique sa violence soit insensible, et 
que les dommages qu'elle cause soient tres Caches: si nous considerons 
attentivement son pourvoir, nous verrons qu'elle. se rend en toutes 
rencontres maitresse de nos sentiments, de nos interets et de 
nos plaisirs: c'est la remore qui a la force d'arreter les plus grands 
vaisseaux, c'est une bonace plus dangereuse aux plus importantes 
affaires que les ecueils et que les plus grandes tempetes. Le repos 
de la paresse est un charme secret de Tarne qui suspend sou- 
dainement les plus ardentes poursuites et les plus opiniätres reso- 
lutions. Pour donner enfin la veritable idee de cette passion il 
faut dire que la paresse est comme une beatitude de 
l'äme, qui la console de toutes ses pertes et qui lui tient lieu des 
tous ses biens." 

Diese gefährliche, dem primitiven Menschen vor allen andern 
zukommende Leidenschaft ist es, die unter der bedenklichen Maske 
der Inzestsymbole erscheint, von der uns die Inzestangst wegzutreiben 
hat, und die unter dem Bilde der „furchtbaren Mutter" 3 ) vor allem 

') Vgl. die Ermahnung Krishnas an den wankenden Arjuna in Bhagavad- 
Gitä: ,,But thoü, be free of the pairs of opposites!" II. book. transl. by 
E. Arnold, 1910. 

*) Pensees LIV. 

3 ) Vgl. dazu die folgenden Kapitel. 



169 

zu überwinden ist. Sie ist die Mutter so unendlich vieler Übel, nicht 
zuletzt der neurotischen Beschwernisse. Denn ganz besonders aus dem 
Dunste stehengebliebener Libidoreste entwickeln sich jene schädlichen 
Phantasienebel, welche die Realität so verschleiern, daß die Anpassung 
beinahe unmöglich wird. Wir wollen aber hier den Grundlagen der 
Inzestphantasien nicht weiter nachspüren; die vorläufige Andeutung 
meiner rein psychologischen Auffassung des Inzestproblems 
möge genügen. Hier soll uns nur die Frage beschäftigen, ob der Wider- 
stand, "der bei unserer Autorin zur Introversion führt, eine bewußte 
äußere Schwierigkeit bedeute oder nicht. Wäre es eine äußere Schwierig- 
keit, so würde zwar die Libido heftig aufgestaut, sie würde eine Hoch- 
flut von Phantasien erzeugen, die man am besten als Pläne bezeichnet; 
nämlich Pläne, wie man das Hindernis überwinden könnte. Es wären 
sehr konkrete Wirklichkeits Vorstellungen, welche Lösungen anzubahnen 
suchen. Es wäre ein angestrengtes Nachdenken, das zu allem andern 
wohl eher führte, als zu einem hypnagogischen Drama. Der oben ge- 
schilderte passive Zustand will zu einem wirklichen äußern Hindernis gar 
nicht passen, sondern deutet eben durch seine passive Ergebenheit auf eine 
Tendenz, die unzweifelhaft reale Lösungen verschmäht und einen 
phantastischen Ersatz bevorzugt. Es dürfte sich demnach in letzter 
Linie und wesentlich nur um einen innern Konflikt handeln, etwa in 
der Art jener früheren Konflikte, welche zu den beiden ersten unbe- 
wußten Schöpfungen geführt haben. Wir sind demnach zu dem Schlüsse 
genötigt, daß das äußere Objekt nicht geliebt werden kann, weil ein 
überwiegender Libidobetrag ein phantastisches Objekt bevorzugt, 
das zum Ersatz der fehlenden Wirklichkeit aus den Tiefen des Un- 
bewußten heraufgeholt werden soll. 

Die auf den ersten Stufen der Introversion sich ergebenden 
visionären Phänomene rangieren unter den bekannten Erscheinungen 1 ) 
der hypnagogischen Vision (sog. „Eigenlichterscheinungen" des Auges). 
Sie bilden, wie ich in einer früheren Arbeit auseinandersetzte, die 
Grundlage der eigentlichen Visionen, der symbolischen Selbstwahr- 
nehmungen der Libido, wie wir jetzt sagen könnten. 

Miller fährt fort: „Ich hatte darauf den Eindruck, als ob irgend eine 
Mitteilung mir unmittelbar bevorstehe. Es schien mir, als ob die Worte 



') Vgl. dazu: Joh. Müller: Über die phantastischen Gesichteerscheinungen, 
Coblenz, 1826, und Jung: Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter 
Phänomene. 



170 

sich in mir wiederholten: „Rede, o Herr, denn deine Magd hört, öffne du 
selbst meine Ohren!" 

Dieser Passus schildert sehr deutlich die Intention; der Ausdruck 
„communique" (Mitteilung) ist sogar ein in spiritistischen Kreisen 
geläufiger Ausdruck. Die biblischen Worte enthalten eine deutliche 
Anrufung oder „Gebet", d. h. ein an die Gottheit (den unbewußten 
Komplex) gerichtetes Wünschen (= libido). Das Gebet bezieht sich 
auf 1 Sam. 3, 1 ff., wo Samuel nachts dreimal von Gott gerufen wird, 
aber glaubt, EU rufe ihn, bis ihn dieser belehrt, daß Gott es sei, der ihn 
rufe und daß er ihm, wenn er wieder seinen Namen rufe, antworten 
solle: „Rede, denn dein Knecht höret." Die Träumerin benutzt diese 
Worte eigentlich in umgekehrtem Sinne, nämlich um damit den Gott 
zu erzeugen; sie leitet ihre Wünsche, ihre Libido, damit in die Tiefen 
ihres Unbewußten. 

Wir wissen, daß so sehr die Individuen durch die Verschiedenheit 
ihres Bewußtseinsinhaltes getrennt sind, sie um so ähnlicher sind, 
was ihre unbewußte Psychologie betrifft. Es ist für jeden, der praktisch 
psychoanalytisch arbeitet, ein bedeutender Eindruck, wenn er inne 
wird, wie gleichförmig eigentlich die typischen unbewußten Komplexe 
sind,, Verschiedenheit entsteht erst durch die Individuation. Diese 
Tatsache gibt einem wesentlichen Stücke der Schopenhauer sehen 
und Hartmannschen Philosophie eine tiefe psychologische Be- 
rechtigung 1 ). Diesen philosophischen Anschauungen dient die ganz 
offenkundige Gleichförmigkeit des Unbewußten als psychologische 
Grundlage. Das Unbewußte enthält jene durch die individuelle Dif- 
ferenzierung überwundenen weniger differenzierten Reste früherer 
psychologischer Funktion. Die Reaktionen und Produkte der tierischen 
Psyche sind von einer allgemein verbreiteten Gleichförmigkeit und 
Festigkeit, die wir beim Menschen anscheinend nur spurweise zu ent- 
decken vermögen. Der Mensch erscheint uns als etwas ungemein 
Individuelles im Gegensatz zum Tiere. 

Das könnte nun allerdings auch eine gewaltige Täuschung sein, 
indem wir die zweckmäßige Tendenz haben, immer nur die Verschieden- 
heit der Dinge zu erkennen. Das erfordert die psychologische Anpassung, 
welche ohne die minutiöseste Differenzierung der Eindrücke gar nicht 
möglich wäre. Wir haben gegenüber dieser Tendenz sogar die denkbar 
größte Mühe, die Dinge, mit denen wir uns tagtäglich beschäftigen, 






l ) Ebenso der verwandten Lehre der Upanishaden. 



171 

in ihren allgemeinen Zusammenhängen zu erkennen. Diese Erkenntnis 
wird uns viel leichter bei Dingen, die uns ferner stehen. Es ist z. B. 
für einen Europäer zunächst fast unmöglich in einer chinesischen 
Volksmenge die Gesichter zu differenzieren, während doch die Chinesen 
ebenso individuelle Gesichtsbildung haben, wie wir Europäer; aber 
das Gemeinsame ihrer fremdartigen Gesichtsbildung ist dem Fern- 
stehenden viel einleuchtender als die individuelle Verschiedenheit. 
Leben wir aber unter den Chinesen, so verschwindet der Eindruck 
des Einheitlichen mehr und mehr und schließlich sind auch die Chinesen 
Individuen. Die Individualität gehört zu jenen bedingten Tatsächlich- 
keiten, die wegen ihrer praktischen Bedeutsamkeit theoretisch ungeheuer 
überschätzt werden; sie gehört nicht zu jenen überwältigend klaren und 
sich darum aufdrängenden allgemeinen Tatsachen, auf welche zunächst 
eine Wissenschaft sich zu gründen hat. Der individuelle Bewußtseinsinhalt 
ist so das denkbar ungünstigste Objekt für eine Psychologie, weil er 
eben das Allgemeingültige bis zur Unkenntlichkeit verschleiert hat. 
Das Wesen des Bewußtseinsprozesses ist ja der in minutiösen Einzel- 
heiten sich abspielende Anpassungsprozeß. Dagegen ist das Unbewußte 
das Allgemeinverbreitete, das nicht nur die Individuen unter sich 
zum Volke, sondern auch rückwärts mit den Menschen der Vergangen- 
heit und ilirer Psychologie verbindet. So ist das Unbewußte in seiner 
über das Individuelle hinausgehenden Allgemeinheit in erster Linie 
das Objekt einer wirklichen Psychologie, die Anspruch darauf erhebt, 
keine Psycho physik zu sein. 

Der Mensch als Individuum ist eine verdächtige Erscheinung, 
deren Existenzberechtigung von einem natürlichen biologischen Stand- 
punkt aus sehr bestritten werden könnte, indem von dort aus das 
Individuum nur Rass,enatom ist und nur Sinn hat als Massenbestandteil. 
Der Kulturstandpunkt aber gibt dem Menschen eine ihn von der Masse 
trennende Individualtendenz, die im Laufe der Jahrtausende zur 
Pereönlichkcitsausbildung führte, womit Hand in Hand der Heroen- 
kult sich entwickelte und in den modernen individualistischen Per- 
sönlichkeitskultus übergegangen ist. Der Versuch der rationalistischen 
Theologie, den persönlichen Jesus festzuhalten als letzten und 
kostbarsten Rest der ins Unvorstellbare entschwundenen Gottheit 
entspricht dieser Tendenz. In dieser Hinsicht war die katholische 
Kirche bedeutend praktischer, indem sie dem allgemeinen Bedürfnis 
nach dem sichtbaren oder doch wenigstens historisch beglaubigten 
Heros dadurch entgegenkam, daß sie einen kleinen, aber deutlich 



172 

wahrnehmbaren Gott der Welt, nämlich den römischen Papa, den 
Pater patrum und zugleich den Pontifex maximus des unsichtbaren 
obern oder innern Gottes auf den Thron der Anbetung setzte. Die sinn- 
liche Wahrnehmbarst des Gottes unterstützt natürlich den religiösen 
Introversionsprozeß., in dem die menschliche Figur die Übertragung 
wesentlich erleichtert, denn unter einem geistigen Wesen kann man 
sich nicht leicht etwas Liebenswertes oder Verehrungswürdiges vor- 
stellen. Diese überall vorhandene Tendenz hat sich in der ratio- 
nalistischen Theolog'c mit ihrem durchaus historisch gewollten Jesus 
heimlicherweise 'erhalten. Nicht daß die Menschen den sichtbaren 
Gott liebten, sie lieoen ihn nicht so, wie er ist, denn er ist bloß ein 
Mensch, und wenn die Frommen Menschen lieben wollten, so könnten 
sie zu ihrem Nachbarn und zu ihrem Feinde gehen, um ihn zu lieben. 
Die Menschen wollen im Gotte nur ihre Ideen lieben, nämlich das, 
was sie von Vorstellungen in den Gott projizieren. Sie wollen damit 
ihr Unbewußtes lieben, nämlich jene in allen Menschen gleichen Reste 
uralten Menschtums und zehntausendjähriger Vergangenheit, d. h. 
jenes von aller Entwicklung hinterlassene Gemeingut, das allen Menschen 
geschenkt ist, wie das Sonnenlicht und die Luft. Indem aber die Menschen 
dieses Erbgut lieben, lieben sie das, was allen gemeinsam ist; sie kehren so 
zur Mutter der Menschen, nämlich zum Geiste der Rasse zurück, und ge- 
winnen auf diese Weise wieder etwas von jenem Zusammenhang und von 
jener geheimen und unwiderstehlichen Kraft, die das Gefühl der Zu- 
sammengehörigkeit mit der Herde zu verleihen pflegt. Es ist das Problem 
des Antaeus, der nur durch die Berührung mit der Mutter Erde seine 
Riesenkraft bewahrt. Dieses zeitweilige Insichselbstzurücktreten, was, 
wie wir bereits gesehen haben, ein Zurückgehen in ein kindliches Ver- 
hältnis zu den Elternimagines bedeutet, scheint innerhalb gewisser 
Grenzen von günstiger Wirkung auf den psychologischen Zustand 
des- Individuums zu sein. Es ist überhaupt zu erwarten, daß die beiden 
Grundmechanismen der Psychosen, die Übertragung und die Intro- 
version, in weitem Maße auch höchst zweckmäßige normale Reaktions- 
weisen gegen Komplexe sind: die Übertragung als ein Mittel, sich vor 
dem Komplex in die Realität zu flüchten, die Introversion als ein 
Mittel, sich mit dem Komplex von der Realität loszumachen. 

Nachdem wir uns nunmehr unterrichtet haben über die allgemeinen 
Absichten des Gebetes, sind wir gerüstet, weiteres über die Visionen 
unserer Träumerin zu vernehmen: nach dem Gebet erscheint „der 
Kopf einer Sphinx mit ägyptischen Kopfputz", um rasch wieder zu 



173 

verschwinden. Hier wurde die Autorin gestört, so daß sie für einen 
Moment geweckt wurde. Diese Vision erinnert an die eingangs er- 
wähnte Phantasie vbn der ägyptischen Statue, deren erstarrte Geste 
hier als ein Phänomen der sog. funktionalen Kategorie ganz am 
Platze ist. Die leichten Stadien der Hypnose werden auch technisch 
als „Engourdissement" bezeichnet. Das Wort „Sphinx" deutet in 
der ganzen zivilisierten Welt auf „Rätsel"; ein rätselhaftes Geschöpf, 
das Rätselfragen stellt, wie die Sphinx des ödipus, welche am Ein- 
gang seines Schicksals steht als eine symbolische Ankündigmig des 
Unabwendbaren. Die Sphinx ist eine halb theriomorphe Darstellung 
derjenigen Mutterimago, die man als die „furchtbare Mutter", von der 
sich in der Mythologie noch reichlich Spuren finden, bezeichnen kann. 
Diese Deutung trifft bei ödipus zu. Hier steht die Frage offen. Man 
wird mir vorwerfen, daß nichts außer dem Wort „Sphinx" die Anspielung 
auf die Sphinx des ödipus rechtfertige. Bei dem Mangel an subjektiven 
Materialien, die im Mill ersehen Texte für diese Vision ganz fehlen, 
wäre eine individuelle Deutung auch ganz ausgeschlossen. Die Andeutung 
einer „ägyptischen" Phantasie (Erster Teil, Kapitel III) ist ganz un- 
genügend, um hier verwendet zu werden. Wir sind daher gezwungen, 
wenn wir uns überhaupt an ein Verständnis dieser Vision wagen 
wollen, — in vielleicht allzu kühner Weise — an die völkergeschichtlich 
vorliegenden Materialien uns zu wenden unter der Voraussetzung, 
daß das Unbewußte des heutigen Menschen seine Symbole noch ebenso 
präge, wie fernste Vergangenheit. Die Sphinx in ihrer traditionellen 
Form ist ein menschlich-tierisches Misch wesen, dem wir diejenige 
Auffassung müssen zuteil werden lassen, die überhaupt für dergleichen 
Phantasieprodukte Geltung hat. Ich verweise zunächst im allgemeinen 
auf die Ausführungen des ersten Teiles, wo von der theriomorphen 
Repräsentation der Libido gesprochen wurde. Dem Analytiker ist 
diese Darstellungsweise aus den Träumen und den Phantasien der 
Neurotiker (und Normalen) ganz geläufig. Der Trieb wird gern als 
ein Tier dargestellt, als Stier, Pferd, Hund usw. Einer meiner Patienten, 
der mißliche Beziehungen zu Weibern hatte und der sozusagen mit 
der Befürchtung, ich werde ihm sicher seine Sexualabenteuer ver- 
bieten, in die Behandlung eintrat, träumte, ich (sein Arzt) spieße ein 
sonderbares Tier, halb Schwein, halb Krokodil, mit großer Geschick- 
lichkeit an die Wand. Von derartigen theriomorphen Darstellungen 
der Libido wimmeln die Träume. Auch Mischwesen, wie in diesem 
Traume, sind nicht selten. Eine Reihe von sehr schönen Belegen, wo 



174 

besonders die untere animalische Hälfte theriomorph dargestellt ist, 
hat uns Bertschinger gegeben 1 ). Die Libido, welche theriomorph 
repräsentiert wird, ist die „tierische" Sexualität, welche sich in ver- 
drängtem Zustande befindet. Bekanntlich geht die Geschichte der 
Verdrängung auf das Inzestproblem zurück, wo sich die ersten Gründe 
für den moralischen Widerstand gegen die Sexualität auftun. Die 
Objekte der verdrängten Libido sind in letzter Linie die Imagines von 
Vater und Mutter, daher die theriomorphen Symbole, sofern sie nicht 
bloß allgemein die Libido symbolisieren, gern Vater und Mutter dar- 
stellen (z. B. Vater durch einen Stier, Mutter durch eine Kuh dar- 
gestellt). Aus dieser Wurzel dürften, wie wir früher zeigten, die therio- 
morphen Attribute der Gottheit stammen. Insofern verdrängte Libido 
unter gewissen Bedingungen sich wieder als Angst manifestiert, sind 
diese Tiere meist schrecklicher Natur. Im Bewußtsein hängt man 
mit allen Fasern der Pietät an der Mutter, im Traum verfolgt sie einen 
als schreckliches Tier. Die Sphinx, mythologisch betrachtet, ist nun 
tatsächlich ein Angsttier, das deutliche Züge eines Mutterderivates 
erkennen läßt: In der Sage des Odipus ist die Sphinx gesandt von 
Here, welche Theben um der Geburt des Bacchus willen haßte. Indem 
ödipus die Sphinx, welche nichts anderes alß die Angst vor der 
Mutter ist, überwindet, muß er Jokaste, seine Mutter, freien, da der 
Thron und die Hand der verwitweten Königin von Theben dem zu- 
gehörten, der das Land von der Sphinxplage befreite. Die Genealogie 
der /Sphinx ist reich an Beziehungen auf das hier angeregte Problem: 
sie ist eine Tochter der Echidna, eines Mischwesens, oben eine schöne 
Jungfrau, unten eine gräuliche Schlange. Dieses Doppelwesen ent- 
spricht dem Bilde der Mutter: oben die menschliche liebenswerte 
anziehende Hälfte, unten die animalische, /durch das Inzestverbot in 
ein Angsttier umgewandelte, furchtbare Hälfte. ^Die Echidna stammt 
von der Allmutter, der Mutter Erde, Gäa,' welche mit Tartaros, 
der personifizierten Unterwelt (dem Orte der Angst), sie zeugte. Echidna 
selber ist die Mutter aller Schrecken, der Chimära, Scylla, Gorgo, ; des '- 
scheußlichen Cerberus, dos neme'ischen Löwen und des Adlers, der des" 
Prometheus Leber fraß, außerdem zeugte sie noch eine Reihe von 
Drachen. Einer ihrer Söhne ist auch Orthrus, der Hund des ungeheuer- 
lichen Gervon, der von Herakles getötet wurde. Mit diesem Hunde, 



l ) Bertschinger: Illustrierte Halluzinationen. Dieses Jahrbuch, Bd. III, 
S. 69 ff. 



175 

ihrem Sohne, erzeugte Echidna in blutschänderischem Beischlafe 
die Sphinx. Diese Materialien dürften genügen, um jenen Libidobetrag 
zu charakterisieren, der Anlaß zum Sphinxsymbol wurde. Wenn wir 
bei dem Mangel an subjektivem Material es überhaupt wagen dürfen* 
einen Kückschluß auf das Sphinxsymbol bei unserer Autorin zu machen, 
so müßten wir sagen, daß die Sphinx einen ursprünglich inzestuös ab- 
gespaltenen Libidobetrag aus dem Verhältnis zur Mutter repräsentiere. 
Vielleicht schieben wir aber diesen Schluß auf, bis wir die folgenden 
Visionen vernommen haben. 

Nachdem nun Miller sich wieder konzentriert hatte, entwickelten 
sich die Visionen weiter: „Plötzlich erscheint ein Aztek, vollständig klar 
in jedem Detail: die Hand offen mit großen Fingern, profilierter Kopf, 
Rüstung, Kopfschmuck ähnlich dem Federschmuck des amerikanischen 
Indianers. Das Ganze erinnert etwas an mexikanische Skulpturen." 

Das altertümliche Ägyptische der Sphinx ist hier durch die ameri- 
kanische Vorzeit, durch das Aztekische ersetzt. Das Wesentliche hängt 
daher weder an Ägypten, noch an Mexiko — denn beides läßt sich nicht 
miteinander vertauschen — sondern an dem subjektiven Moment, 
das die Träumerin aus ihrer eigenen Vorzeit produziert. Es ist zu be- 
merken, daß ich bei Analysen von Amerikanern häufig beobachtet habe, 
daß gewisse unbewußte Komplexe (d. h. die verdrängte Sexualität) 
sich durch das Symbol des Negers oder Indianers darstellten, d. h. 
wo ein Europäer in seinem Traum erzählte: ,,dann kam ein abgerissenes, 

schmutziges Individuum daher ", ist es beim Amerikaner 

und bei solchen, die in den Tropen lebten, ein Neger. Wie bei uns der 
Vagabund, Verbrecher usw., So bezeichnet auch der Neger oder In- 
dianer die eigene verdrängte, primitive und als minderwertig betrachtete 
Sexual persönlichkeit. Es lohnt sich auch auf die Einzelheiten 
der Vision einzutreten, da verschiedenes bemerkenswert ist. Der Feder- 
schmuck, der natürlich aus Adlerfede'rn zu bestehen hat, ist eine Art 
Zauber. Der Held nimmt dadurch etwas von der sonnenhaften Art 
dieses Vogels an, wenn er sich mit dessen Federn schmückt, so gut wie 
man sich den Mut und die Kraft des Feindes aneignet, wenn man dessen 
Herz verschluckt oder sein Skalp nimmt. Zugleich ist die Federlcrone 
eine Krone, was gleichbedeutend ist mit der Strahlenkrone der Sonne. 
Wie wichtig historisch die Sonnenidentifikation ist, haben wir im 
ersten Teil gesehen 1 ). 

') Wie sehr wichtig die Krönung und Sonnenidentifikation ist, das zeigen 
nicht nur zahllose , alte Gebräuche, sondern auch die entsprechenden altertüm- 



176 

A Besonderes Interesse kommt der Hand zu, deren Stellung 
als „offen", und deren Finger als „large" (ä larges doigts) angegeben 
werden. Es ist auffallend, daß es gerade die Hand ist, auf die ein deut- 
licher Akzent fällt. Man hätte vielleicht eher eine Schilderung des 
Gesichtsausdruckes erwarten können. Bekanntlich ist die Geste der 
Hand bedeutsam; leider wissen wir hier" nichts darüber. Immerhin 
ist hier eine Parallelphantasie zu erwähnen, welche ebenfalls die Hand 
akzentuiert: Der Patient sah im hypnagogisehen Zustand seine Mutter 
wie ein byzantinisches Kircliengemäkle an die Wand gemalt, sie hielt 
die eine Hand in die Höhe, weit offen mit gespreizten Fingern. Die 
Finger waren sehr groß, an den Enden kolbig angeschwollen und 
je von einer kleinen Strahlenkorona umgeben. Der nächste Einfall 
zu diesem Bild waren die Finger* eines Frosches mit Saugscheiben an 
den Enden, dann die Penisähnlichkeit. Die altertümliche Aufmachung 
dieses Mutterbildes ist ebenfalls von Belang. Offenbar hat bei dieser 



liehen Sprachfiguren in der religiösen Sprache: Weish. Sah 5, 17: „Darum werden 
sie empfangen — eine schöne Krone von der Hand des Herrn." 1. Pctr. 6, 2, 4: 
„Weidet die Herde Christi, — so werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, 
die unverwelkliche Krone der Ehre empfangen." In einem Kirchenliede von 
Allendorf heißt es von der Seele: „Sie ist nun aller Not entnommen, Ihr Schmerz 
und Ssufzen ist dahin; Sie ist zur Freudenkrone kommen, Sie steht als Braut 
und Königin, Im Golde ewger Herrlichkeiten, Dem großen König an der 
Seiten" usw. In einem Liede von Laurentius Laurentii heißt es (ebenfalls 
von der Seele): „Der Braut wird, weil sie überwunden, Die Krone nun vertraut." 
In einem Liede von Sacer finden wir den Passus: „Schmückt meinen Sarg mit 
Kränzen, Wie sonst ein Sieger prangt — Aus jenen Himmelslenzen, Hat meir>e 
Seel' erlangt, Die ewig grüne Krone; Die werte Siegespracht, Rührt her von 
Gottes Sohne: Der hat mich so bedacht." Eine Stelle aus dem oben erwähnten 
Liede Aliendorfs ist hier ergänzend anzufügen, damit des uYalte Psychologem 
von der Sonnenwerdung des Menschen, der wir im ägyptischen Triumphgesang 
der aufsteigenden Seele begegneten, wieder voll werde: (Von der Seele. Fort- 
setzung des obigen Passus.) „Sie sieht sein klares Angesicht (Sonne); Sein 
freudenvoll, sein lieblich Wesen Macht sie nun durch und durch genesen; Sie 
ist ein Licht in seinem Licht. — Nun kann das Kind den Vater sehen, Es 
fühlt den sanften Liebestrieb; Nun kann es Jesu Wort verstehen: Er selbst, 
der Vater, hat dich heb. Ein unergründlich Meer des Guten, Ein Abgrund ew'ger 
Segensfluten, Entdeckt sich dem verklärten Geist; Er schauet Gott von An- 
gesichte, Und weiß was Gottes Erb im Lichte Und ein Miterbe Christi 
heißt. -- Der matte Leib ruht in der Erden; Er schläft bis Jesus ihn erweckt. 
Dann wird der Staub zur Sonne werden, Den jetzt die finstre Gruft bedeckt; 
Dann werden wir mit allen Frommen, Wer weiß, wie bald, zusammenkommen, 
Und bei dem Herrn sein alle Zeit." Ich habe durch Sperrdruck die bezeichnenden 
Stellen herausgehoben; sie sprechen für sich selbst, so daß ich nichts beizufügen habe. 



177 

• 

letzteren Phantasie die Hand phallische Bedeutung. Diese Deutung 
wird erhärtet durch eine höchst bemerkenswerte weitere Phantasie 
desselben Patienten: Er sieht aus der Hand seiner Mutter etwas wie 
eine Rakete aufsteigen, die bei genauerem Zusehen ein leuchtender 
Vogel mit goldenen Flügeln ist, ein Goldfasan, wie ihm dann einfällt. 
Wir haben in den vorausgehenden Kapiteln gesehen, daß der Hand 
tatsächlich eine phallische, zeugende Bedeutung zukommt, und daß 
diese Bedeutung bei der Feuererfindung eine große Rolle spielt. 
Zu dieser Phantasie läßt sich nur bemerken: mit der Hand wird das 
Feuer gebohrt, aus der Hand kommt es also: Agni, das Feuer, wird 
als ein goldbeschwingter Vogel gepriesen 1 ). Daß es die Hand 
der Mutter ist, das ist überaus bedeutsam. Ich muß es mir aber ver- 
sagen, hier näher darauf einzutreten. Es möge genügen, durch die paral- 
lelen Handphantasien auf die mögliche Bedeutung der Hand des 
Azteken hingewiesen zu haben. Wir haben bei der Sphinx andeutungs- 
weise die Mutter erwähnt. Der die Sphinx ersetzende Aztek weist 
durch seine verdächtige Hand auf parallele Phantasien, wo die phallische 
Hand tatsächlich der Mutter gehört. Ebenso stoßen wir bei den Parallel- 
phantasien auch auf das Altertümliche. Daß das Altertümliche, das wir aus 
andern Erfahrungen als ein Symbol für „infantil" ansprechen, tatsächlich 
auch hier diesen Wert hat, bestätigt Miller in den Anmerkungen zu 
ihren Phantasien, sie sagt: „Dans mon enfance, je m'interessais 
totit particulierement aux fragments azteques et ä l'histoire du Perou et 
des Incas." Durch die beiden Kinderanalysen, welche dieses Jahrbuch 
gebracht hat, haben wir Einblick gewonnen in die kleine Welt des Kindes 
und haben gesehen, welch brennende Interessen und Fragen heimlieh 
die Eltern umgeben, und daß es die Eltern sind, denen auf lange Zeit 
hinaus alle Interessen gelten 5 "). Man darf daher mit Recht vermuten, 
daß das Altertümliche den „Alten" gelte, d. h. den Eltern; daß mithin 
dieser Aztek etwas von Vater oder Mutter an sich habe. Bis jetzt deuten 
indirekte Hinweise nur auf die Mutter, was wiederum bei einer Ameri- 
kanerin nicht erstaunlich ist, indem Amerika, infolge der starken 
Ablösung vom Vater, charakterisiert ist durch einen meist enormen 
Mutterkomplex, was wiederum mit der besondern sozialen Stellung 
der Frau in den Vereinigten Staaten zusammenhängt. Diese Stellung 

1 ) Ich muß, um Mißverständnisse zu vermeiden, hinzufügen, daß dies 
dem Patienten gänzlich unbekannt war. 

2 ) Das bestätigt auch die Analyse eines 11jährigen Mädchens, über die 
ich am I. Congres International de Pedologie, 191.1 in Brüssel berichtete. 

Jung, Libido. J2 



178 

bedingt bei tüchtigen Frauen eine besondere Männlichkeit, die die 
Symbolisierung in einer männlichen Figur leicht ermöglicht 1 ). 

Nach dieser Vision fühlte Miß Miller, wie sich ihr ein Name 
„Stück für Stück" formte, der diesem Azteken, „dem Sohn eines 
Inka von Peru", zuzugehören scheint. Der Name lautet: Chi-wan-to-pel. 
Wie die Autorin andeutet, gehört etwas Derartiges zu ihren kindlichen 
Reminiszenzen. Der Aid; der Namengebung ist, wie die Taufe, etwas 
für die Schöpfung der Persönlichkeit ungemein Wichtiges, indem dem 
Namen seit alters eine magische Gewalt zugetraut wird, mit der man 
z. TS. den Geist der Verstorbenen herbeizwingen kann. Den Namen 
jemandes wissen, bedeutet mythologisch, Macht über ihn haben. Als 
allgemein bekanntes Beispiel erwähne ich das Märchen vom Rumpel- 
stilzchen. In einem ägyptischen Mythus nimmt Isis dadurch dauernd 
dem Sonnengott Ee die Macht, daß sie ihn nötigt, ihr seinen wahren 
Namen mitzuteilen usw. Den Namen geben heißt daher, Macht geben, 
eine bestimmte Persönlichkeit verleihen 2 ). Über den Namen selber 
bemerkt die Autorin, daß er sie sehr erinnere an den eindrucksvollen 
Namen des Popocatepetl, der bekanntlich zu den unverlierbaren 
Schulerinnerungen gehört und zur größten Indignation der Patienten 
in der Analyse öfter in einem Traum oder Einfall auftaucht und den- 
selben alten Scherz mitbringt, den man in der Schule gehört, selber 
gemacht, und später wieder vergessen hat. Wenn man sich auch nicht 



') Die Identität, des göttlichen Heros mit dem Mysten ist unzweifelhaft. 
In einem Papyrusgebet an Hermes heißt es: öü yaQ iyöi Kai £yo> Ov ' rö Oov övo/iia 
iuöv Kai tö ifiöv oov £yd> yäg el/M xö eWoXöv oov. (Kenyon: Greek Papyr. 
in fche Brit. Mus., 1893, S. 116. Pap. CXXII, 2 ff . Cit. Dieterich: Mithras- 
lithurgie, S. 79.) Der Heros als Libidobild ist trefflich dargestellt im Leidener 
Dionysoskopf (Röscher, I, Sp. 1128), wo die Haare über der Stirn sich flammen- 
artig emporschlängeln. Er ist — wie eine Flamme: ,,Dein Heiliger wird eine 
Flamme sein." Firmicus Maternus (de errore prof. relig. 104, 28 f.) macht 
uns auch bekannt mit der Tatsache, daß der Gott als Bräutigam und ,, junges 
Licht" begrüßt wurde. Er überliefert den verderbten griechischen Satz : de vvvcpe 
X&IQE vvv(pe veov <p<ög, dem er die christliche Auffassung naiv entgegen hält: 
,,Nullum apud te lumon est nee est aliquis qui sponsus mereatur audire: unuin 
Inmen est, unus est sponsus. Nominum horum gratiam Christus aoeepit." 
So ist auch Christus heute noch unser Heros und Seelenbräutigam. Diese 
Attribute werden sich im folgenden auch für den Helden von Miß Miller be- 
stätigen. 

2 ) Die Namengebung ist bei sogenannten spiritistischen Manifestationen 
daher von Bedeutung. Siehe meine Schrift: Zur Psychologie und Pathologie 
sogenannter okkulter Phänomene, 1902. 



179 

scheut, diesen unheiligen Scherz psychologisch vorurteilslos 
in Betracht zu ziehen, so wird man sich doch nach der Berechtigung 
dazu fragen. Man muß aber auch die Gegenfrage stellen, warum ist es 
denn gerade immer der Popocatepetl und nicht der benachbarte 
Iztaccihuatl oder der noch höhere und ebenfalls benachbarte. Orizaba? 
Letzterer hat sogar den schöneren und leichter auszusprechenden 
Namen. Popocatepetl ist eindrücklich um seines onomatopoetischen 
Namens willen. Im Englischen ist das Wort to pop = paffen (popgun = 
Knallbüchse usw.), welches hier als Onomatopoesie in Betracht kommt; 
im Deutschen usw. die Wörter Hinterpommern, Pumpernickel, Bombe, 
Petarde (le pet = Flatus). Das dem Deutschen geläufige Wort „Popo" 
(Podex) existiert zwar im Englischen nicht, hingegen wird der Flatus 
als ,,to poop" bezeichnet, in der Infantilsprache ,,to poopj" (ameri- 
kanisch). Der Akt des Defäzierens bei Kindern wird gern als ,,to pop" 
bezeichnet. Ein scherzhafter Name für den Posterior ist „the bum". 
(Poop heißt auch das Hinterteil des Schiffes.) Im Französischen geht 
pouf! als Onomatopoesie. po uff er = platzen, la poupe = Schiffs- 
hinterteil, le poupard = Wickelkind, la poupee = Puppe. Poupon 
sagt man als Kosewort für ein pausbäckiges Kind. Im Holländischen 
pop = Puppe. Im Lateinischen ist puppis = poupe, bei Plautus 
aber auch scherzhaft für den rückwärtigen Körperteil gebraucht; 
pupus heißt Kind, pupula = Mädchen, Püppchen. (Das griechische non- 
nvt<o bezeichnet einen schnalzenden, klatschenden oder blasenden 
Schall. Man sagt es vom Küssen, bei Theokrit auch von den Neben- 
geräuschen des Flötenblasens.) Die etymologischen Parallelen zeigen eine 
bemerkenswerte Verwandtschaft des in Frage stehenden Körperteils 
mit dem Kinde. Diese Beziehung wollen wir hier nur hervorheben,, 
um sie zunächst fallen zu lassen. Diese Frage wird uns unten beschäftigen. 
Einer meiner Patienten hat in seinen Knabenjahren immer den 
Defäkationsakt mit der Phantasie verknüpft: sein Posterior sei ein 
Vulkan und es finde eine gewaltige Eruption statt, Gaseexplosionen 
und Lavaergüsse. Die Bezeichnungen für die elementaren Natur- 
ereignisse sind ursprünglich sehr wenig poetisch, man denke z. B. an 
die schöne Erscheinung des Meteor, das die deutsche Sprache in un- 
poetischer Weise Sternschnuppe nennt. (Gewisse südamerikanische 
Indianer nennen die Sternschnuppe „Harn der Sterne".) Man nimmt 
eben nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes die Bezeichnungen 
aus nächster Quelle. (Z. B. die Übertragung der bereits metonymischen 
Bezeichnung des Urinierens- als „Schiffens" auf das Eegnen.) 

12* 



180 

Es scheint nun zunächst sehr dunkel zu sein, wieso die geradezu 
mystisch erwartete Figur des Chiwantopel, welchen Miß Miller in 
einer Anmerkung dem Kontrollgeist der Spiritisten vergleicht 1 ), in 
eine so unehrerbietige Nachbarschaft gerät, daß sein Wesen (Name) 
sogar mit jenen abgelegenen Körperregionen in Verbindung gebracht 
wird. Um diese Möglichkeiten zu verstehen, muß man sich sagen: 
wenn aus dem Unbewußten produziert wird, so wird zunächst das 
dem Gedächtnis verloren gegangene Material der Infantilzeit herauf- 
gebracht. Man hat sich daher auf den Standpunkt jener Zeit zu stellen, 
in welcher jenes Infantilmaterial noch an der Oberfläche war. Wenn 
nun ein sehr verehrter Gegenstand vom Unbewußten in die Nähe des 
Analen gerückt wird, so muß man daraus schließen, daß damit etwas 
Ähnliches ausgedrückt sei, nämlich eine hohe Wertschätzung. Die 
Frage ist nur, ob das auch der Psychologie des Kindes entspricht. 
Bevor wir auf diese Frage eintreten, ist zu konstatieren, daß das Anale 
mit der Verehrung ganz nahe zusammenhängt: Man denke an die 
traditionellen Fäkalie ai des Großmogul; ein orientalisches Märchen 
berichtet das gleiche von den christlichen Rittern, die sich mit dem 
Kote des Papstes und der Kardinäle einsalbten, um sich furchtbar zu 
machen. Eine Patientin, für welche besondere Verehrung des Vaters 
charakteristisch ist, hatte die Phantasie, sie sehe ihren Vater würdevoll 
auf dem Nachtstuhl sitzen und vorübergehende Leute grüßten ihn 
devot 2 ). Schließlich bewahrt die kräftigere Sprache die treffliche Figur: 
„Einem vor Untertänigkeit in den A . . . . kriechen". Die Nachbarschaft 
des Analen schließt die Verehrung oder Wertschätzung keineswegs aus, 
wie die Beispiele zeigen, und wie leicht auch aus der innigen Beziehung 
von Kot und Gold zu ersehen ist 3 ); auch hier tritt das äußerst Wert- 



») Die Alten kannten diesen Dämon als den Owsonaöög, den Begleiter 
und Mitfolger. 

*) Eine Parallele zu diesen Phantasien sind die bekannten Deutungen der 
Sella Petri des Papstes. 

*) Als Freud aus analytischen Erfahrungen auf den Zusammenhang 
Kot- Gold aufmerksam machte, fanden sich viele Ignoranten veranlaßt, diesen 
Zusammenhang vornehm zu belächeln. Die Mythologen denken hierüber anders: 
so sagt de Gubernatis, daß immer Kot und Gold zusammen Serien. 

Grimm berichtet folgenden Zaubergebrauch: Wenn man dafe ganze Jahr 
hindurch Geld im Hause haben will, so muß man am Neujahrstag Linsen essen. 
Dieser merkwürdige Zusammenhang erklärt sich einfach durch die physiologische 
Tatsache der Schwerverdaulichkeit der Linsen, die in Form von Münzen wieder 
zutage treten. So ist man ein Geldsch geworden. 



181 

lose in nächste Beziehung zum äußerst Wertvollen. Dies gilt auch von 
religiösen Wertschätzungen. Ich fand (damals zu meinem großen Er- 
staunen), daß eine sehr religiös erzogene junge Patientin in einem 
Traume den Kruzifixus auf dem Grunde eines blaugeblümten Nacht- 
geschirres darstellte, also in der Form eines Exkrementum. Der Gegen- 
satz ist so enorm, daß man annehmen muß, die Wertschätzungen 
der Kindheit müßten von den unserigen doch recht verschieden sein. 
Das sind sie tatsächlich auch. Die Kinder bringen dem Defäkationsakt 
und dessen Produkten eine Hochachtung und ein Interesse entgegen 1 ), 
wie es später nur noch der Hypochonder zustande bringt. Wir begreifen 
dieses Interesse erst dann, wenn wir sehen, daß das Kind schon früh 
eine Propagationstheorie damit verknüpft 2 ). Aus diesem libidinösen 
Zuschuß wohl erklärt sich das enorme Interesse für diesen Akt. Das 
Kind sieht: des ist der Weg, auf dem produziert wird, auf dem etwas 
„herauskommt'' 

Dasselbe Kind, von dem ich in der kleinen Broschüre „Über 
Konflikte der kindlichen Seele" berichtete und das bekanntlich eine 
ausgebildete Anaige burtstheorie hatte, wie der kleine Hans, über den 
Freud berichtete, hat später eine gewisse Gewohnheit angenommen, 
sich längere Zeit auf dem Klosett zu verweilen. Einmal wurde der Vater 
ungeduldig, ging zum Klosett und rief: „Komm doch endlich mal raus; 
was machst du denn?" Worauf von innen die Antwort kam: „Ein 
Wägelchen und zwei Ponies !" Die Kleine „macht" also ein Wägelchen 
und zwei Ponies, nämlich Dinge, die sie sich zu jener Zeit besonders 
wünschte. Auf diesem Wege kann man sich machen, was man sich 
wünscht, und das Gemachte ist das Gewünschte. Das Kind wünscht sich 
sehnlichst eine Puppe oder (im Grunde genommen) ein wirkliches 
Kind (d. h. das Kind übt sich zu seiner zukünftigen biologischen Auf- 
gabe), und auf dem Wege, auf dem überhaupt produziert wird, macht 
es sich die Puppe 3 ) als Vertreterin des Kindes oder überhaupt des 
Gewünschten 4 ). Von einer Patientin habe ich eine parallele Phantasie 



*) Ein Französisch sprechender Vater, der mir gegenüber für sein Kind 
(natürlich) dieses Interesse bestreiten wollte, erwähnte aber doch, daß, wenn 
das Kind von Cacao spreche, immer noch ,,Kt" dazufüge; es meint nämlich 
caca-au-lit. 

2 ) Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. I, S. 1 ff . Jung: Dieses Jahrbuch, 
Bd. II, S. 33 ff. 

3 ) Ich verweise auf den obigen etymologischen Zusammenhang. 
«) Vgl. dazu Bleuler: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 467 f. 



182 

aus ihrer Kinderzeit erfahren; auf dem Klosett befand sich in der Mauer 

eine Spalte, Sie phantasierte, aus dieser Spalte komme eine Fee heraus 

und schenke ihr alles, was sie wünsche. Der „locus" ist bekanntlich 

der Ort der Träume, wo manches gewünscht und geschaffen wird, 

dem man später diesen Ursprungsort nicht mehr ansehen würde. Eine 

hierhergehörige pathologische Phantasie berichtet Lombroso 1 ) von 

zwei geisteskranken Künstlern: 

„Jeder von ihnen hielt sich für Gott selbst und den Beherrscher 
der Welt. Sie schufen oder zeugten die Welt, indem sie dieselbe aus dem 
Mastdarm hervorgehen ließen, gleichwie die Eier der Vögel dem Eierkanal 
(d. h. Kloake) entspringen. Einer dieser beiden Künstler war mit wahrem 
Kunstsinn ausgestattet. Er malte ein Bild, in welchem er sich eben im 
Schöpfungsakt befindet; die Welt tritt aus seinem After hervor: das 
männliche Geschlechtsglied ist in voller Erektion; er ist nackt, umgeben 
von Weibern und allen Abzeichen seiner Macht/' 

Das Exkrementum ist also in einem gewissen Sinne das Gewünschte 
und deshalb fällt ihm die entsprechende Wertschätzung zu. Erst als 
ich diese Zusammenhänge einsah, wurde mir eine Beobachtung klar, 
die ich vor langen Jahren einmal machte, die ich nie recht verstand, 
und die mich deshalb immer beschäftigte. Es war eine gebildete 
Patientin, die unter sehr tragischen Umständen von Mann und Kind 
sich trennen mußte und in die Irrenanstalt gebracht wurde. Sie zeigte 
eine typische Affektlosigkeit und „Schnoddrigkeit", die man auoh als 
affektive Verblödung auffaßt. Da ich damals schon an dieser Verblödung 
zweifelte und darin eine sekundäre Einstellung zu erkennen geneigt 
war, gab ich mir eine besondere Mühe, zu entdecken, wie ich in diesem 
Fall die Existenz der Affektes entdecken könnte. Schließlich nach mehr 
als dreistündiger Bemühung gelang es mir, einen Gedankengang auf- 
zufinden, der die Patientin plötzlich zu einem vollständig adäquaten 
und deshalb erschütternden Affekte brachte. In diesem Moment war 
der affektive Rapport mit ihr völlig hergestellt. Das geschah am Vor- 
mittag. Als ich abends um die abgemachte Zeit wieder auf die Ab- 
teüung ging, um sie aufzusuchen, da hatte sie sich zu meinem Empfang 
vom Kopf bis zu den Füßen mit Kot eingeschmiert und rief lachend: 
„Gefall' ich dir so?" Das hatte sie nie zuvor getan, es war offenkundig 
für mich bestimmt. Der Eindruck, den ich dadurch empfing, war so 
persönlich beleidigend, daß ich infolgedessen von der affektiven Ver- 
blödung solcher Fälle auf Jahre hinaus überzeugt war. Jetzt verstehen 



') Genie und Irrsinn. 






183 

wir diese Handlung als eine infantile Begrüßungszeremonie und Liebes- 
erklärung. 

Die Entstehung von Chiwantopel, d. h. einer unbewußten Per- 
sönlichkeit, aus Popökatepetl, will also heißen, im Sinne der obigen 
Erklärung, „ich mache, produziere, erfinde ihn selbst". Es handelt 
sich also um eine Art Menschenschöpfung oder Geburt auf analem 
Wege. Die ersten Menschen werden aus Kot, Ton oder Lehm gemacht. 
Das lateinische lutum, das eigentlich „aufgeweichte Erde" bedeutet, 
hat ebenfalls den übertragenen Sinn von Dreck. Bei Plautus ist es 
sogar ein Schimpfwort, etwa: „Du Dreck!". Die Geburt hintenhinaus 
erinnert auch an das Motiv des Hintersich Werfens. Ein bekanntes 
Beispiel ist das Orakel, das Deukalion und Pyrrha, die einzig Über- 
lebenden aus der großen Flut, erhalten hatten: Sie sollten die Gebeine 
der großen Mutter hinter sich werfen. Sie warfen sodann die Steine 
hinter sich, woraus Menschen entstanden. In ähnlicher Weise 
entstanden nach einer Sage die Daktylen aus dem Staub, den die 
Nymphe Anchiale hinter sich warf. Einer scherzhaften Bedeutung 
des analen Produktes ist noch zu gedenken: das Exkrementum wird 
im Volkswitz oft als Denkmal oder Erinnerungszeichen aufgefaßt 
(was in der Form des grumus merdae beim Verbrecher eine besondere 
Rolle spielt). Ich erinnere nur an die allbekannten Scherzerzählungen 
von dem, der, von einem Geist durch labyrinthische Gänge zu einem 
verborgenen Schatz geführt, als letztes Wegzeichen, nachdem er sich 
aller Kleidungsstücke entledigt hat, noch ein Exkrementum hinpflanzt. 
In einer fernen Vorzeit freilich kam einem derartigen Zeichen eine 
ebenso große Bedeutung zu wie der Losung der Tiere als einer wichtigen 
Kunde der Anwesenheit oder Zugrichtung. Einfache Stein male („Stein- 
männchen") werden wohl die vergänglichere Losung ersetzt haben. 

Es ist nun merkwürdig, daß Miller als Parallele zu dem Bewußt- 
werden von Chiwantopel einen andern Fall anführt, wo ein Name sich 
ihr plötzlich aufdrängte, nämlich A-ha-ma-ra-ma mit dem Gefühl, 
als ob es sich um etwas Assyrisches handle 1 ). Als mögliche Quelle fiel 
ihr dazu ein: „Asurabama — qui fabriqua des briquescuneiform.es 2 )", 



s ) Also auch liier wieder die Beziehung auf das „Altertümliche", die in- 
fantile Vorzeit. 

») Dieses Faktum ist mir unbekannt. Es wäre möglich, daß irgendwo ein 
sagenhafter Name eines Mannes erhalten wäre, der die Keilschrift erfand; (wie 
z. B. Sinlikiunnini als Dichter des Gilgameshepos). Es gelang mir aber nicht, 
etwas Derartiges aufzufinden. Allerdings hat Aschschurbanaplu oder Asurbanipal 



^184 

also jene unvergänglichen, aus Lehm bereiteten Urkunden und 
Monumente ältester Geschichte. Hervorzuheben ist, daß die „briques" 
nicht „cuneiformes" sind, so . würde es zweideutigerweisc heißen: 
„keilförmige Ziegel", was eher im Sinne unserer Vermutung spräche 
als im Sinne der Autorin. Es ist schmerzlich, diese Spuren und An- 
deutungen nicht weiter verfolgen zu können. Dazu reichen meine 
Kenntnisse nicht aus. Wir müssen daher notgedrungenerweise den 
Gedankengang an dieser Stelle fallen lassen. 

Miller bemerkt, daß neben dem Namen „Asurabama" ihr noch 
„Ahazuerus", oder Ahasverus, eingefallen sei. Dieser Einfall führt 
auf eine ganz andere Seite des Problems der unbewußten Persönlichkeit. 
Wenn uns die bisherigen Materialien etwas aus der infantilen Menschen- 
schöpfungstheorie verrieten, so eröffnet sich durch diesen Einfall 
ein Ausblick auf den Dynamismus der unbewußten Persönlichkeits- 
schaffung. Ahasver ist bekanntlich der ewige Jude. Sein Charakteristikum 
ist das endlose und ruhelose Wandern bis zum Weltuntergang. 
Die Tatsache, daß der Autorin gerade dieser Name eingefallen ist, 
berechtigt uns, dieser Spur zu folgen. 

Die Legende des Ahasver, deren erste literarische Spuren dem 
XIII. Jalirhundert angehören, scheint abendländischen Ursprungs 
zu sein und gehört zu jenen Bildungen, die unverwüstliche Lebens- 
kraft besitzen. Die Gestalt des ewigen Juden hat mehr literarische 
Bearbeitungen erfahren als die Figur des Faust und diese Bearbeitungen 
gehören in der Hauptsache alle dem letzten Jahrhundert an. Hieße 
die Gestalt nicht Ahasver, sie wäre doch da unter anderm Namen, 
vielleicht als der Comte de St. Germain, der geheimnisvolle Rosen- 
kreuzer, dessen Unsterblichkeit versichert wird und dessen augenblick- 
licher Aufenthaltsort (d. h. das Land) sogar bekannt sein soll 1 ). Ob- 
schon die Nachrichten von Ahasver nicht früher als im XIII. Jabr- 

jene wunderbare keilschriftliche Bibliothek hinterlassen, die in Kujundschik 
ausgegraben wurde. Vielleicht hat „Asurubama" mit diesem Namen zu tun. In 
Betracht kommt ferner der Name von Aholi-bamah, dem wir im ersten Teil 
begegnet sind. Das Wort „Ahamarama" verrät ebenfalls Beziehungen zu An ah 
und Aholibamah, welche eben jene Kainstöchter mit der sündigen Leidenschaft 
zu den Gottessöhnen sind. Diese Möglichkeit weist auf Chiwantopel als den 
ersehnten Gottessohn hin. (Dachte Byron an die beiden hurerischen Schwestern 
Ohola und Oholiba? (Ezech. 23, 4.) 

*) Das Volk gibt seinen wandernden Sonnenhelden nicht her. So wurde 
auch Cagliostro nachgesagt, er sei einmal aus einer Stadt zu gleicher Zeit aus 
allen Stadttoren mit vier weißen Pferden ausgefahren, (Helios!) 



185 

hundert nachgewiesen werden können, kann die mündliche Tradition 
ja doch bedeutend weiter zurückreichen und es wäre nicht unmöglich, 
daß eine Brücke zum Orient existierte. Dort ist die Parallelfigur Chidr 
oder al Chadir, der von Rückert besungene Chidher, der „Ewig 
Junge". Die Legende ist rein islamitisch. Das sonderbare aber ist, 
daß Chidher nicht nur ein Heiliger, sondern in sufischen Kreisen 1 ) 
sogar bis zu göttlicher Bedeutung emporsteigt. Bei dem strengen 
Monotheismus des Islam ist man geneigt, bei Chidher an eine vor- 
islamitische arabische Gottheit zu denken, die von der neuen Religion 
zwar offiziell nicht anerkannt, aber aus politischen Gründen toleriert 
worden sei. Davon ist aber nichts nachzuweisen. Die ersten Spuren des 
Chidher finden sich in den Korankommentatoren Buch äri (gest. 
870 p. Chr.) und Tabari (gest. 923 p. Chr.), und zwar im Kommentar 
zu einer merkwürdigen Stelle der 18. Sure des Koran. Die 18. Sure 
ist betitelt: „die Höhle", nämlich nach der Höhle der Siebenschläfer, 
die nach der Legende 309 Jahre darin schliefen und so der Verfolgung 
entgingen und in einer neuen Ära erwachten.. Ihre Legende wird in der 
18. Sure erzählt und daran werden allerhand Betrachtungen geknüpft. 
Die wunscherfüllende Idee der Legende ist ganz klar. Der mystische 
Stoff dazu ist die unveränderliche Vorlage des Sonnenlaufes: die Sonne 
geht zeitweise unter, stirbt aber nicht. Sie verbirgt sich im „Schöße" 
des Meeres oder in einer unterirdischen Höhle 3 ) und wird am Morgen 
wieder heil „geboren". Die Sprache, in welche dieses astronomische 
Ereignis sich kleidet, ist von klarer Symbolik: die Sonne kehrt in den 
Mutterschoß zurück und wird nach einiger Zeit wieder geboren. 
Natürlich ist dieser Vorgang eigentlich eine inzestuöse Handlung, wovon 
auch mythologisch noch deutliche Spuren erhalten sind, nicht zum 
mindesten in dem Umstände, daß die sterbenden und wiedererstehenden 
Götter die Liebhaber der eigenen Mutter sind, respektive sich durch 
die eigene Mutter hindurch erzeugt haben. Christos als der fleisch- 
gewordene Gott hat sich durch Maria selbst erzeugt; Mithras hat das 
gleiche getan. Diese Götter sind unverkennbare Sonnengötter, daher 
die Sonne dasselbe auch tut, um sich wieder zu erneuern. Natürlich 
ist nicht anzunehmen, daß die Astronomie zuerst kam und dann solche 
Göttervorstellungen ; der Weg war, wie immer, umgekehrt, und zwar 

\) Mystiker. 

a ) Auch Agni, das Feuer, verbirgt sich bisweilen in einer Höhle, muß 
deshalb wieder geholt respektive durch Zeugung aus der Höhle des weiblichen 
Holzes herausgebracht werden. Vgl. Kuhn: Herabk. des Feuers. 



186 

war es wohl so, daß ein primitiver Wiedergeburtszauber (Taufe, 
allerhand abergläubische Gebräuche vorn Durchziehen der Kranken 
usw.) an den Himmel projiziert wurden. Diese Jünglinge waren also 
aus der Höhle (dem Leib der Mutter Erde) wie der Sonnengott zu 
einer neuen Zeit geboren und haben so den Tod überstanden. Sie waren 
ir sofern Unsterbliche. Es ist nun interessant zu sehen, wie der Koran 
nach längeren ethischen Betrachtungen im Verlauf derselben Sure 
zu folgendem Passus gelangt, der für die Entstellung der Chidhermythe 
von besonderer Bedeutung ist; ich zitiere darum den Koran wörtlich: 

„Moses sagte einst zu seinem Diener (Josua, Sohn des Nun): Ich 
will nicht aufhören zu wandern, und sollte ich auch 80 Jahre 
lang reisen, bis ich deu Zusammenfluß der zwei Meere erreicht habe. 
Als sie nun diesen Zusammenfluß der zwei Meere erreicht hatten, da vergaßen 
sie ihren Fisch (den sie nämlich zur Zehrung mitgenommen), der seinen 
Weg durch einen Kanal ins Meer nahm. Als sie nun an diesem Orte 
vorbei waren, da sagte Moses zu seinem Diener : Bringe uns das Mittags- 
brod ; denn wir fühlen uns von dieser Reise ermüdet. Dieser aber erwiderte : 
Sieh nur, was mir geschehen! Als wir dort am Felsen lagerten, da vergaß 
ich den Fisch. Nur der Satan kann die Veranlassung sein, daß ich ihn ver- 
gessen und mich seiner nicht erinnert habe, und auf eine wunderliche Weise 
nahm er seinen Weg ins Meer. Da sagte Moses: Dort ist denn die Stelle, 
die wir suchen. Und sie gingen den Weg, den sie gekommen, wieder zurück. 
Und sie fanden einen unserer Diener, den wir 1 ) mit unserer 
Gnade und Weisheit ausgerüstet hatten. Da sagte Moses zu ihm: 
Soll ich dir wohl folgen, damit du mich, zu meiner Leitung, lehrest einen 
Teil der Weisheit, die du gelernt hast? Er aber erwiederte: Du wirst bei 
mir nicht aushalten können; denn wie solltest du geduldig ausharren bei 
Dingen, die du nicht begreifen kannst?" 

Moses begleitet nun den geheimnisvollen Diener Gottes, der 
allerhand Dinge tut, die Moses nicht begreifen kann, schließlich nimmt 
der Unbekannte Abschied von Moses und sagt folgendes zu ihm: 

„Die Juden werden dich über den Dhulqarnein fragen 2 ). Antworte: 

>) Wir = Allah. 

2 ) Der „Zweihörnige". Gemeint ist nach den Kommentatoren Alexander 
der Große, der in der arabischen Sage etwa die Rolle des deutschen Dietrich von 
Bern spielt. Der Zweihörnige bezieht sich auf die Kraft des Sonnenstieres. Auf 
Miinzbildern findet sich Alexander öfter mit den Hörnern des Jupiter Ammon. 
Es handelt sich um Idendifikationen des sagenumwobenen Herrschers mit der 
Frühlingssonne im Zeichen des Stieres und des Widders. Es ist unverkennbar, 
daß die Menschheit ein stärkstes Bedürfnis hat, das Persönliche und Menschliche 
ihrer Helden auszulöschen, um sie schüeßlich durch eine /xexäaraois der Sonne 
gleich, d. h. ganz zum Libidos ymbol zu machen. Denken wir mit Schopenhauer, 
so werden wir wohl sagen: Libidosymbol. Denken wir aber mit Goethe, so 
sagen wir; Sonne; denn wir sind, weil uns die Sonne sieht. 



187 

Ich will euch eine Geschichte von ihm erzählen. Wir befestigten sein Reich 
auf Erden und wir gaben ihm die Mittel, alle seine Wünsche zu erfüllen. 
Er ging einst seines Weges, bis er kam an den Ort, wo die Sonne -unter- 
geht, und es schien ihm, als ginge sie in einem Brunnen mit schwarzem 
Schlamm unter. Dort traf er ein Volk . . ." 

Es folgt eine moralische Betrachtung, darauf fährt die Erzäh- 
lung fort: 

„Dann verfolgte er seinen Weg weiter, bis er kam an den Ort, wo 
die Sonne aufgeht . . ." 

Wenn wir nun wissen wollen, wer der Unbekannte Diener Gottes 
ist, so belehrt uns darüber dieser Passus: er ist der Dhulqarnein, 
Alexander, die Sonne, er geht zum Ort des Untergangs und 
geht zum Ort des Aufgangs. Der Passus von dem unbekannten 
Diener Gottes wird von den Kommentatoren durch eine ganz bestimmte 
Legende erklärt. Der Diener ist Chidber, „der Grünende", „der nie 
ermüdende Wanderer, der durch Jahrhunderte und Jahrtausende 
über die Länder und Meere schweift, der Belebrer und Berater frommer 
Menschen, der Weise in göttlichen Dingen — der Unsterbliche" 1 ). 
Die Autorität des Tabari bringt Chidher in Beziehung zum Dhul- 
qarnein: Chidher habe im Zuge Alexanders den „Lebensstrom" erreicht, 
und beide hätten, ohne es zu wissen, daraus getrunken, so daß sie un- 
sterblich geworden seien. Ferner wird Chidher von den alten 
Kommentatoren mit Elias identifiziert, der auch nicht 
gestorben ist, sondern auf feurigem Wagen zum Himmel fuhr. 
Elias ist ein Helios 2 ). Es ist zu bemerken, daß auch von Ahasvcr 
vermutet wird, er verdanke seine Existenz einer dunkeln Stelle der 
heiligen christlichen Schrift. Diese Stelle findet sich Matth. 16, 13 ff. 
Zuerst kommt die Szene, wo Christus den Petrus als den Felsen seiner 
Kirche einsetzt und ihn zum Statthalter seiner Macht ernennt 3 ), darauf 
folgt die Prophezeiung seines Todes und dann kommt die Stelle: 

„Wahrlich, ich sage euch, es sind einige unter denen, die hier stehen, 
welche den Tod nicht kosten werden, bis sie den Sohn des Menschen kommen 
sehen in seinem Reich." 

Hier folgt auch die Szene der Verklärung: 



>) Völlers: Chidher. Archiv für Religionswissenschaft, S. 235 f., Bd. XII, 
1909. Ich entnehme dieser Arbeit die Ansichten der Korankommentare. 

2 ) Hier schließt sich die Himmelfahrt des Mithras und des Christos an. 
Siehe Erster Teü. 

8 ) Parallele im Mithrasmysterium ! Siehe unten. 



188 

„Und ward vor ihnen verwandelt, indem sein Angesicht leuchtete 
wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht. Und siehe, 
es erschienen ihnen Moses und E lias, die unterredeten sich mit ihm. Petrus 
aber hob an und sagte zu Jesus: Herr, hier ist für uns gut sein; wenn es 
dir recht ist, will ich hier drei Zelte aufschlagen, eines für dich, eines für 
Elias und eins für Moses 1 )." 

Aus diesen Stellen geht hervor, daß Christus auf gleicher Höhe 
mit Elias stehe, aber nicht identisch mit ihm sei 2 ), obschon er vom Volke 
für Elias gehalten wird. Die Himmelfahrt setzt Christus aber identisch 
mit Elias. Die Weissagung Christi läßt erkennen, daß außer seiner eigenen 
Person noch eine oder einige Unsterbliche existieren, die nicht sterben 
werden bis zur Parusie. Nach Joh. 21, 21 ff. wurde auch der Jünger 
Johannes als dieser Unsterbliche angesehen und in der Legende ist 
er tatsächlich nicht tot, sondern er schläft bloß in der Erde bis zur 
Parusie und atmet, so daß der Staub auf seinem Grabe aufwirbelt 3 ). 
Es führen, wie ersichtlich, gangbare Brücken von Christos über Elias 
zu Chidher und zu Ahasver. Es heißt in einem Bericht 4 ), daß Dhul- 
qarnein seinen „Freund" Chidher zur Lebensquelle geführt hätte, 
um ihn Unsterblichkeit trinken zu lassen 5 ). (Alexander hat auch im 
Lebensstrom gebadet und die rituellen Waschungen verrichtet.) Wie 
ich oben in der Fußnote erwähnte, ist nach Matth. 17, 11 ff. Johannes 
der Täufer der Elias, also identisch zunächst mit Chidher. Nun ist aber 
zu bemerken, daß in der arabischen Legende Chidher gern als Begleiter 
oder als begleitet auftritt. (Chidher mit Dhulqamcin oder mit Elias, 
„gleichwie" diese oder identisch mit ihnen 6 ).) Es sind also zwei Ähn- 



x ) Parallelen dazu sind die Unterredungen Mohammeds mit Elias, dort 
passiert ebenfalls die Geschmacklosigkeit, daß bei dieser Gelegenheit „Himmels- 
speise" serviert wird. Im Neuen Testament beschränkt sich die Tölpelhaftigkeit 
auf den Vorschlag des Petrus. Dergleichen Züge gehen gewiß auf den Infantil- 
charakter solcher Szenen, so gut wie die Riesengestalt des Elias im Koran, ferner 
die Erzählungen der Kommentatoren, daß Elias und Chidher jährlich einmal 
in Mekka zusammenkommen, sich unterreden und sich bei dieser Gelegenheit 
auch gerade gegenseitig den Kopf rasieren. 

2 ) Hingegen ist nach Matth., 17, 11 ff. Johannes der Täufer als Elias 
aufzufassen. 

3 ) Y^J. die Kyffhäusersage. 
*) Völlers 1. c. 

8 ) Ein anderer Bericht sagt, daß Alexander mit seinem,, Minister "Chidher 
auf dem Adamsberg in Indien gewesen sei. 

6 ) Diese mythologischen Gleichungen folgen ganz den Regeln des Traumes, 
wo der Träumer in einem Traume in mehrere analoge Gestalten zerlegt sein kann. 



A. 



189 

liehe, die aber doch unterschieden sind. Die analoge Situation im 
Christlichen finden wir in der Jordanszene, wo Johannes den Christum 
„zur Lebensquelle führt". Christus ist dabei zunächst der Unter- 
geordnete, Johannes der Übergeordnete, ähnlich wie Dhulqarnein 
und Chidher oder Chidher und Moses, auch Elias. Namentlich letzteres 
Verhältnis ist so, daß Völlers 1 ) Chidher und Elias einerseits mit Gil- 
gamesh und seinem sterblichen Bruder Eabani, anderseits mit den 
Dioskuren, von denen auch der eine sterblich und der andere unsterblich 
ist, vergleicht. Diese Beziehung findet sich auch bei Christus und 
Johannes dem Täufer 2 ) einerseits und Christus und Petrus anderseits. 
Letztere Parallele findet ihre Erklärung allerdings erst durch die Ver- 
gleichung mit dem Mithrasinysterium, wo uns wenigstens durch Monu- 
mente der esoterische Inhalt verraten wird. Auf dem mithrischen 
Marmorrelief von Klagenfurt 3 ) ist dargestellt, wie Mithras den vor 
ihm Knieenden oder von unten auf iha zuschwebenden Helios mit der 
Strahlenkrone krönt oder ihn heraufführt (?). Auf einem mithrischen 
Monument von Osterburken ist Mithras dargestellt, wie er mit der rechten 
Hand die mystische Rindsschulter über den vor ihm geneigt stehen- 
den Helios hält, die linke Hand ruht am Schwertgriff. Eine Krone 
liegt zwischen beiden am Boden. Cumont 4 ) bemerkt zu dieser Szene, 
daß sie wahrscheinlich den göttlichen Prototyp der Zeremonie der Ein- 
weihung in den Grad des Miles darstelle, wobei dem Mysten ein Schwert 
und eine Krone verliehen wurden. Helios wird also zum Miles des 
Mithras ernannt. Überhaupt scheint Mithras sich in einer gönnerhaften 
Rolle gegenüber dem Helios zu bewegen, was an die Kühnheit des 
Herakles gegenüber Helios erinnert: auf seinem Zuge gegen Geryon 
brennt Helios zu heiß, voll Zorn bedroht ihn Herakles mit seinen nie 
fehlenden Pfeilen. Dadurch wird Helios zum Nachgeben gezwungen und 
leiht dem Heros sein Sonnenschiff, mit dem er übers Meer zu fahren pflegt. 
So gelangt Herakles nach Erythia, zu den Rinderherden des Geryon 6 ). 

*) 1. c. 

s ) „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen." 

3 ) Cumont: Text, et Mon., S. 172 ff. 

«) 1. c, S. 173. 

B ) Die farallele zwischen Herakles und Mithras ist noch weiter zu führen. 
Wie Herakles ist Mithras ein trefflicher Bogenschütze. Nach gewissen Monu- 
menten zu urteilen, scheint nicht nur die Jugend des Herakles von einer Schlange 
bedroht zu sein, sondern auch die des Mithras. Der Sinn des ädXog des Herakles 
<daa Werk) deckt sich mit dem mithrischen Mysterium der Stierüberwältigung 
und Opferung. (Siehe Cumont: Myst. des Mithras, II. Aufl., 1911.) 



190 

Auf dem Klagenfurter Monument Ist Mithras ferner dargestellt, 
wie er dem Helios die Hand drückt, wie zum Abschied oder zu einer 
Bestätigung. In einer weiteren Szene besteigt nun Mithras den Wagen 
des Helios zur Himmelfahrt respektive zur „Meerfahrt" 1 ). Cumont ist 
der Ansicht, daß Mithras dem Helios (oder Sol), eine Art feierlicher 
Belehn ung gibt und seine göttliche Macht weiht, indem er ihn eigen- 
händig krönt 2 ). Dieses Verhältnis entspricht dem von Christus zu Petrus. 
Petrus hat durch sein Attribut, den Hahn, den Charakter eines Sonnen- 
gottes, Nach der Himmelfahrt (Meerfahrt) Christi ist er der sichtbare 
Statthalter der Gottheit, er erleidet daher denselben Tod (Kreuzigung) 
wie Christus, wird zum römischen Hauptgott (zum Sol in'victus), zu 
der im papa sich verkörpernden ecclesia militans et triumphans; in 
der Malchuszene schon erweist er sich als der miles Christi, dem das 
Schwert verliehen, und als der Felsen, auf den die Kirche gegründet 
ist; und als dem, der die Macht besitzt, zu binden und zu lösen, ist ihm 
auch die Krone 3 ) gegeben. So ist er als Sol der sichtbare Gott, der Papst 
aber, als Erbe des römischen Cäsar, der „solis invicti comes". Die 
abtretende Sonne ernennt einen Nachfolger, dem sie die Sonnenkraft 
übergibt 4 ). Dhulqarnein gibt Chidher das ewige Leben, Chidher teilt 
dem Moses die Weisheit mit 5 ); es existiert sogar ein Bericht, wo der 
vergeßliche Diener Josua ahnungslos aus der Lebensquelle trinkt, 
dadurch unsterblich wird und nun von Chidher und Moses (zur Strafe) 
in ein Schiff gesetzt und aufs Meer hinausgesendet wird. — Wieder 
ein Fragment aus einem Sonnenmythus, das Motiv der „Meerfahrt" 6 ). 

Das uralte Symbol, das jenen Teil des Zodiacus bezeichnet, 
in dem die Sonne mit der Wintersonn wende wieder den Jahreskreislauf 
antritt, ist der Ziegenfisch, der alyoxeQcos; die Sonne steigt wie eine 
Ziege auf die höchsten Berge und geht später ins Wasser wie ein Fisch. 
Der Fisch ist das Symbol des Kindes 7 ), denn das Kind lebt vor seiner 

J ) Diese drei Szenen sind auf dem Klagenfurter Monument alle in einer 
Reihenfolge dargestellt, so daß man deren dramatische Zusammengehörigkeit 
vermuten darf. Abbildung in Cumont: D. Myst. des Mithras. 

a ) Cumont: Siehe- s. Mithras. Röscher: Lex. Sp. 3048, 42 ff . 

s ) Sogar die dreifache Krone. 

4 ) Die christliche Reihenfolge ist: Johannes — Christus, Petrus. — Papst. 

5 ) Die Unsterblichkeit des Moses ist durch die Parallelsetzung mit Elias 
bei der Verklärung erwiesen. 

6 ) Vgl. Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

7 ) Daher der „Sohn" Gottes das Fischsymbol hat, zugleich ist das 
kommende Weltzeitalter das der Fische. 



191 

Geburt im "Wasser, wie ein Fisch; und die Sonne wird, indem sie ins 
Meer taucht, Kind und Fisch zugleich. Der Fisch ist aber auch ein 
phallisches Symbol 1 ), ebenso ein Symbol für das Weib 2 ), kurz gesagt: 
der Fisch ist ein Libidosymbol, und zwar, wie es scheint, vorwiegend 
für die Wiedererneuerung der Libido. 

Die Reise des Moses mit seinem Diener Josua ist eine Lebens- 
reise (80 Jahre). Sie werden alt und verlieren die Lebenskraft (Libido), 
d.h. den Fisch, „der auf wunderliche Weise seinen Weg ins Meer nimmt" ; 
d. h. die Sonne geht unter. Wie die beiden den Verlust bemerken, da 
finden sie an jener Stelle, wo sich die Lebensquelle befindet (wo 
der tote Fisch wiederbelebt wurde und ins Wasser sprang), den 
Chidher, in seinen Mantel vermummt 3 ), auf der Erde sitzen, nach 
anderer Version auf einer Insel im Meere oder „am feuchtesten 
Orte der Erde"; d. h. eben geboren aus der mütterlichen 
Wassertiefe. Wo der Fisch verschwand, wird Chidher, ,,der Grünende" 
geboren, als ein „Sohn der Wassertiefe", das Haupt verhüllt, ein Kabir, 
ein Verkünder göttlicher Weisheit, der alte babjdonische Oannes-Ea, 
der in Fischgestalt dargestellt wurde und täglich als Fisch aus dem 
Meere kam, um dem Volk die Weisheit zu lehren 4 ). 

Sein Name wird mit Johannes in Zusammenhang gebracht. 
Durch den Aufgang der wiedererneuerten Sonne wird das, was Wasser- 
tier, Fisch war, in der Dunkelheit lebte, von allen Schrecken der Nacht 
und des Todes umgeben 5 ), zum leuchtenden, feurigen Tagesgestirn. 
So gewinnen die Worte des Täufers Johannes besonderen Sinn 6 ): 



') Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik. 
») In man: Ano. pag. and mod. Christ. Symb. 

3 ) Amnionhülle? 

4 ) Der etrurische Tages, der „frischausgeackerte Knabe", der aus der 
eben gezogeneu Ackerfurche entsteht, ist auch ein Weisheitslehrer. In der Lita- 
olanemythe der Basutos (Frobenius 1. c, S. 105) wird geschildert, wie ein 
Ungeheuer alle Menschen verschlungen hat, und nur ein Weib übrig blieb, das 
in einem Stalle (statt Höhle, vgl. unten die Etymologie dieses Mythos) mit 
einem Sohn, dem Helden, niederkam. Bis sie ein Lager aus Stroh für den 
Neugeborenen hergerichtet hatte, war er bereits aufgewachsen und sprach „Worte 
der Weisheit". Das schnelle Aufwachsen des Helden, ein häufig wiederkehrendes 
Motiv, seneint darzutun, daß die Geburt und anscheinende Kindheit des Helden 
darum so sonderbar sind, weil seine Geburt eigentlich seine Wiedergeburt be- 
deutet, daher er sich nachher so rasch an seine Heldenrolle gewöhnt. Vgl. unten. 

6 ) Kampf des Re mit der Nachtschlange. • 
•) Matth. 3, 11. 



192 

„Ich taufe euch mit Wasser zur Buße, der aber nach mir kommt, ist 
stärker denn ich, der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer 
taufen." 

Mit Völlers dürfen wir auch Chidher und Elias (Moses und 
seinen Diener Josua) mit Gilgamesh und seinem Bruder-Diener Eabani 
in Vergleich setzen. Gilgamesh durchwandert die Welt, von Angst und 
Sehnsucht getrieben, die Unsterblichkeit zu finden. Sein Weg führt 
ihn übers Meer zum weisen Utnapishtim (Noah), der das Mittel kannte, 
um über die Wasser des Todes zu kommen. Dort hat Gilgamesh nach 
der zauberischen Pflanze auf den Grund des Meeres zu tauchen, die 
ihn wieder ins Land der Menschen zurückführen soll. Wie er wieder 
in die Heimat gekommen, stiehlt ihm eine Schlange das Zauber- 
kraut (der Fisch schlüpft wieder ins Meer). Auf der Rückkehr vom 
Lande der Seligen begleitet ihn aber ein unsterblicher Schiffer, der, 
durch einen Fluch des Utnapishtim verbannt, nicht mehr ins 
Land der Seligen zurückkehren darf. Durch den Verlust des zauberischen 
Krautes hat Gilgamesh 's Reise den Zweck verloren, er ist dafür von 
einem Unsterblichen begleitet, dessen Schicksal wir allerdings aus 
den Fragmenten des Epos nicht mehr erfahren können. Dieser ver- 
bannte Unsterbliche ist die Vorlage zu Ahasver, wie Jensen 1 ) treffend 
bemerkt. 

Wir treffen auch hier auf das Motiv der Dioskuren, sterblich und 
unsterblich, untergehende und aufgehende Sonne. Dieses Motiv 
wird auch als aus dem Heros heraus projiziert dargestellt: 

Das Sacrificium mithriacum (das Stieropfer) ist in seiner kul- 
tischen Darstellung sehr oft flankiert durch die beiden Dadophoren, 
Cautes und Cautopates, der eine mit aufrechter und der andere mit 
gesenkter Fackel. Sie stellen eine Art Brüderpaar dar, welches seinen 
Charakter durch die Symbolik der Fackelstellung verrät. Cumont 
bringt sie nicht vergebens mit den sepulkralen Eroten in Verbindung, 
die als Genien mit der umgekehrten Fackel traditionelle Bedeutung 
haben. Der eine wäre also der Tod, der andere das Leben. Ich kann 
nicht umhin, vom Sacrificium mithriacum (wo das Stieropfer in der 
Mitte von beiden Seiten von den Dadophoren flankiert ist) auf das 
christliche Lammes(Widder)opfer hinzuweisen. Der Kruzifixus ist 
auch traditionell flankiert durch die beiden Schacher, wovon der eine 
aufsteigend zum Paradiese ist, der andere herunterfahrend zur 



l ) Das Gilgameshepos in der Weltliteratur, Bd. I, S. 50. 



L 



193 

Hölle 1 ). Der Gedanke des Sterblichen und des Unsterblichen scheint 
also auch in den christlichen Kultus übergegangen zu sein. 

Semitische Götter werden öfter als von 2 Paredroi flankiert 
dargestellt, z. B. der Baal von Edessa, begleitet von Aziz und Monimos 
(Baal als Sonne begleitet auf ihrem Laufe durch Mars und Merkur, 
wie die astronomische Deutung lautet). Nach chaldäischer Anschauung 
sind die Götter in Triaden gruppiert. In diesen Anschauungskreis 
gehört auch die Trinität, die Idee des dreieinigen Gottes, als welcher 
auch Christos in seinem Einssein mit dem Vater und dem Heiligen Geiste 
angesehen werden muß. So gehören die beiden Schacher auch innerlich 
zu Christus. Die beiden Dadophoren sind, wie Cumont nachweist, 
nichts als Abspaltungen 2 ) aus der Hauptfigur des Mithras, dem ein 
geheimer triadischer Charakter zukommt. Nach einer Nachricht bei 
Dionysius Areopagita feierten die Magier ein Fest „rov rguikaoiov 
Mt&Qov" 3 ). Eine ähnliche auf Trinität sich beziehende Bemerkung 
macht Plutarch von Ormuzd: „zglg iavrör avfrjoag dniorrjoe xov 
f/Xiov" 4 ). Die Dreieinigkeit als drei verschiedene Zustände des Einen ist 
auch ein christlicher Gedanke. In allererster Linie ist darin ein Sonnen- 
mythus zu suchen. Eine Bemerkung bei Macrobius 1, 18 kommt 
dieser Auffassung zu Hilfe: 

Hae autem aetatum diversitates ad solem referuntur, ut parvulus 
videatur hiemali solstitio, qualem Aegyptii proferunt exadytodiecerta,. . . 
aequinoctio vernali figura iuvenis ornatur. Postea statuitur aetas ejus 



*) Der Unterschied zum Mithrasopfer scheint ungemein bezeichnend zu 
sein. Die Dadophoren sind harmlose Lichtgötter ohne Anteilnahme am Opfer. 
Im Christusopfer fehlt das Tier. Dafür sind es zwei Verbrecher, die den gleichen 
Tod erleiden. Die Szene ist ungeheuer viel dramatischer. Die innere Beziehung 
der Dadophoren zu Mithras, auf die ich unten zu sprechen komme, läßt das 
gleiche auch für Christus und die Verbrecher vermuten. Die Szene mit Barabbas 
verrät, daß Christos der abtretende Jahresgott ist, der von einem Verbrecher 
dargestellt wurde, während man den des kommenden Jahres frei ließ. 

2 ) Z. B. zeigt ein Monument folgende Widmung: D(eo) I(nvicto) M(ithrae) 
Cautopati. Man findet bald Deo Mithrae Caute oder Deo Mithrae Cautopati, 
in ähnlicher Abwechslung wie Deo Invicto Mithrae — oder bloß — Deo Invicto — 
oder gar nur — Invicto — . Es kommt auch vor, daß die Dadophoren mit Messer 
und Bogen, den Attributen des Mithras, ausgerüstet sind. Es ist daraus zu 
schließen, daß die drei Figuren quasi drei verschiedene Zustände einer einzigen 
Person repräsentieren. Vgl. Cumont: Text, et Mon., S. 208 f. 

') Cumont: Text, et Mon., S. 208. 

*) Zitiert bei Cumont: Text, et Mon., S. 209. 
Jung, Libido. 13 









194 

plenissima effigie barbae solstitio aestivo exunde per diminu- 

tiones veluti senescenti quarta forma deus figuratur 1 ). 

Wie Cumont berichtet 2 ), tragen Cautes und Cautopates ge- 
legentlich der eine einen Stierkopf, der andere einen Skorpion in 
Händen 3 ). Taurus und Skorpio sind Äquinoktialzeichen, was klar darauf 
hinweist, daß die Opferszene sich zunächst auf den Sonnenlauf be- 
zieht: die aufsteigende, die in der Soromerhöhe sich selbst opfernde 
und die untergehende Sonne. In der Opferszene, dem Sonnensymbol, 
war der Aufgang und der Untergang nicht leicht zu veranschaulichen, 
daher dieser Gedanke aus dem Opferbild heraus verlegt wurde. 

Wir haben oben angedeutet, daß die Dioskuren einen ähnlichen 
Gedanken darstellen, allerdings in einer etwas andern Form: Die eine 
Sonne ist immer sterblich, die andere unsterblich. Da diese ganze 
Sonnenmythologie nur an den Himmel projizierte Psychologie ist, 
so lautet wohl der zugrunde liegende Satz : So wie der Mensch aus einem 
Sterblichen und einem Unsterblichen besteht, ist auch die Sonne ein 
Brüderpaar 4 ), wovon der eine Bruder sterblich, der andere unsterblich 
ist. Dieser Gedanke liegt der Theologie überhaupt zugrunde : der Mensch 
ist zwar sterblich, aber es sind doch welche, die unsterblich sind (oder 
es ist in uns etwas, das unsterblich ist). So sind die Götter oder ein 
Chidher oder ein Comte de St. Germain unser Unsterbtich.es, das 
irgendwo, unfaßbar, unter uns weilt. Der Sonnen vergleich belehrt uns 
immer wieder, daß die Götter Libido sind; sie ist unser Unsterbliches, 
indem sie jenes Band darstellt, durch welches wir uns als nie erlöschend, 
in der Rasse fühlen 5 ). Sie ist Leben vom Leben der Menschheit. Ihre 



') Zitiert bei Cumont: 1. c. 

2 ) Text, et Mon., S. 210. 

3 ) Taurus und Scorpio sind die Äquinoktialzeichen für den Zeitraum von 
4300 — 2150 a. Chr. n. Diese längst überholten Zeichen wurden also konservativ 
bis in die nachchristliche Zeit noch aufbewahrt. 

') Unter Umständen ist es auch Sonne und Mond. 

*) Um die individuelle und die Allseele, den persönlichen und den über- 
persönlichen Ätman zu charakterisieren, gebraucht ein Vers des^Shvetäshvatara- 
Upanishad (Deussen) folgendes Gleichnis: 

„Zwei schön beflügelte verbundne Freunde 
Umarmen einen und denselben Baum; 
Einer von ihnen speist die süße Beere, 
Der andre schaut, nicht essend, nur herab. 



195 

aus den Tiefen des Unbewußten emporströmenden Quellen kommen, 
wie unser Leben überhaupt, aus dem Stamme der ganzen Menschheit,' 
indem wir ja nur ein von der Mutter abgebrochener und verpflanzter 
Zweig sind. 

Da das „Göttliche" in uns die Libido ist 1 ), so dürfen wir uns 
nicht wundern, wenn wir in unserer Theologie urtümliche Bilder seit 
alten Zeiten mitgenommen haben, welche dem Gotte die dreifache 
Gestalt geben. Wir haben diesen xqoiMoiov öeöv aus derphallischen 
Symbolik übernommen, deren Ursprünglichkeit wohl unbestritten 
sein mag 2 ). Das männliche Genitale ist die Grundlage dieser Dreiheit. 
Es ist eine anatomische Tatsache, daß der eine Testikel meist etwas 
höher steht als der andere, und es ist ferner ein uralter, aber stets noch 
lebendiger Aberglaube, daß der eine Testikel Knaben und der andre 
Mädchen zeuge 3 ). An diese Auffassung scheint eine spätbabylonische 
Gemme aus der Sammlung Lajards«) anzuklingen: In der Mitte des 
Bildes steht ein androgyner Gott (männliches und weibliches Gesicht 5 ). 
Auf der rechten, männlichen Seite befindet sich eine Schlange mit 
einem Sonnenhalo um den Kopf, auf der linken, weiblichen Seite be- 

Zu solchem Baum der Geist, herabgesunken, 
In seiner Ohnmacht grämt sich, wahnbefangen; 
Doch wenn er ehrt und schaut des andern Allmacht 
Und Majestät, dann weicht von ihm sein Kummer. — 

Aus dem die Hymnen, Opferwerk, Gelübde, 
Vergangnes, Künftiges, Vedalehren stammen, 
Der hat als Zaubrer diese Welt geschaffen, 
In der der andre ist verstrickt durch Blendwerk. 

*) Unter den den Menschen zusammensetzenden Elementen wird in der 
Mithrasliturgie besonders das Feuer als das Göttliche hervorgehoben und be- 
zeichnet als tö elg H&P KQäOiv deodÜQijrov Dietrich, 1. c, S. 58. 

2 ) Es genügt, auf das hebevolle Interesse hinzuweisen, das der Mensch 
und sogar der Gott des Alten Testamentes für die Beschaffenheit des Penis haben, 
und wie viel dort davon abhängt. 

3 ) Die Testikel gelten gern für Zwillinge. Daher heißen vulgär die Hoden 
es Siamois. (Anthropophyteia VII, S. 20. Zitiert bei Stekel: Sprache des 
Traumes, S. 169.) 

*) Recherches sur le culte etc. de Venus, Paris 1837. Zitiert bei In man: 
Ancient pagan and modern Christian Symbolism. New- York, S. 4. 

6 ) Das androgyne Element ist in den Gesichtern von Adonis, Christus, 
Dionysus und Mithras nicht zu verkennen. Anspielung auf die Bisexualität der 
Libido. Das glattrasierte Gesicht und die Weiberkleider der katholischen Priester 
enthalten einen sehr alten, femininen Einschlag aus dem Attis-Kybele-Kult. 

13* 



196 

findet sich ebenfalls eine Schlange, mit dem Mond über dem Kopfe. 
Über dem Kopfe des Gottes sind drei Sterne. Dieses Ensemble dürfte 
die Trinität 1 ) der Darstellung sichern. Die Sonnenschlange rechts ist 
männlich, die Schlange links (durch den Mond) weiblich. Dieses Bild 
besitzt nun ein symbolisches Sexualsuffix, das die Sexualbedeutung 
des Ganzen aufdringlich macht; auf der männlichen Seite befindet 
sich eine Raute, ein beliebtes Symbol des weiblichen Genitales, auf 
der weiblichen Seite befindet sich ein Rad ohne Felgen. Ein Rad weist 
immer auf die Sonne, die Speichen sind aber am Ende kolbig verdickt, 
was auf phänische Symbolik hinweist; es scheint ein phallisches Rad 
zu sein, wie es der Antike nicht unbekannt war. Es gibt obszöne Gemmen, 
wo Amor ein Rad aus lauter Phalli dreht 2 ). Was die phallische Be- 
deutung der Sonne betrifft, so weist hier nicht nur die Schlange darauf 
hin; ich zitiere aus der Fülle der Belege bloß einen besonders auf- 
dringlichen Fall: In der Antikensammlung von Verona habe ich eine 
spätrömische mystische Inschrift gefunden, in der sich folgende Dar- 
stellung findet 3 ) : 



Diese Symbolik liest sich sehr einfach: Sonne-Phallus, Mond- 
Vagina (Uterus). Bestätigt wird diese Deutung durch ein anderes 
Monument derselben Sammlung. Dort findet sich die gleiche Dar- 
stellung, nur ist das Gefäß 4 ) ersetzt durch die Gestalt eines Weibes. 

*) Stekel (Sprache des Traumes) hat vielfach die Trias als phallisches 
Symbol angemerkt, z. B. S. 27. 

2 ) Sonnenstrahlen = Phalli. 

») Die Abbildung stammt nicht von einer Photographie, sondern bloß von 
einer Bleistiftskizze des Verfassers. 

«) In einer Bakairimythe kommt ein Weib vor, das aus einem Mais mörsor 
entstanden ist. In einer Zulumythe heißt es: Eine Frau soll einen Blutstropfen 
in einem Topfe auffangen, dann den Topf verschließen, für 8 Monate beiseite 
stellen und im 9. wieder öffnen. Sie folgt dem Rate, öffnet im 9. Monat den Topf 
und findet ein Kind darin. (Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes, I 
. S. 237.) 






197 

In ähnlicher Weise sind wohl auch die Münzdarstellungen auf- 
zufassen, wo sich in der Mitte eine Palme von einer Schlange um- 
wunden findet, flankiert von 2 Steinen (Testikel), oder in der Mitte 
ein Stein umwunden von einer Schlange, rechts eine Palme und links 
eine Muschel (= weibliches Genitale 1 ). Bei Lajard (Recherch. s. 1. 
culte de Venus) findet sich eine Münze von Perga, wo die Artemis 
von Perga durch einen konischen (phallischen) Stein dargestellt ist, 
flankiert von einem Mann (angeblich Men) und einer weiblichen Figur 
(angeblieh Artemis). Auf einem attischen Basrelief findet sich Men 
(der sogenannte Lunus) mit einem sogenannten Speer (einem Scepter 
von phallischer Grundbedeutung) flankiert von Pan mit einer Keule 
(Phallus) und einer weiblichen Figur 2 ). Die traditionelle Darstellung 
des Kruzifixus flankiert von Johannes und Maria schließt sich eng an 
diesen Vorstellungskreis an, ebensowohl wie der Kruzifixus mit den 
Schachern. Wir sehen daraus, wie neben der Sonne immer wieder der 
noch viel ursprünglichere Vergleich der Libido mit dem Phallischen 
auftaucht. Eine besondere Spur verdient hier noch aufgezeigt zu werden. 
Der den Mithras vertretende Dadophor Cautopates wird auch mit 
Hahn 1 ) und Pinienapfel dargestellt. Diese aber sind die Attribute des 
phrygischen Gottes Men, dessen Kult eine große Verbreitung hatte. 
Men wurde mit dem Pileus 4 ), Pinienzapfen, und Hahn dargestellt, 
ebenfalls in der Gestalt eines Knaben, wie auch die Dadophoren 
knabenhafte Figuren sind. (Diese letztere Eigenschaft nähert sie mit 
Men den Kabiren an.) Nun hat Men ganz nahe Beziehungen zu Attis, 
dem Sohn und Geliebten der Kybele. In der römischen Kaiserzeit 
wurden Men und Attis ganz verschmolzen. Wie oben schon angemerkt 
wurde, trägt auch Attis den Pileus, wie Men, Mithras und die Dado- 
phoren. Als Sohn und Geliebter seiner Mutter führt er uns wieder 
zur Quelle dieser religionsbildenden Libido, nämlich zum Mutterinzest. 
Der Inzest führt logischerweise zur sakralen Kastration im Attis- 
Kybele-Kultus, indem auch der Heros sich, von seiner Mutter rasend 
gemacht, selbst verstümmelt 5 ). Ich muß es mir versagen, an dieser 

\) Inman: l. c, & 10, PI. IX. 

"-) Röscher: Lex. Sp. 2733/4 siehe s. Men. 

3 ) Ein wohl bekanntes Sonnentier. Als phallisches Symbol häufig. 

*) Wie Mithras und die Dadophoren. 

5 ) Die Kastration im Dienste der Mutter beleuchtet in ganz besonderer 
Weise Exod. 4, 25: „Da nahm Zipporah einen Stein, und beschnitt ihrem Sohn 
die Vorhaut und rührte ihm seine Füße an und sprach: ,,Du bist mir ein Blut- 
bräutigam." Diese Stelle zeigt, was die Beschneidung bedeutet. 



198 




Stelle tiefer zu gehen, da ich das Inzestproblem erst am Schlüsse be- 
sprechen möchte. Der Hinweis genüge, daß die Analyse dieser Libido- 
symbolik von verschiedenen Seiten her immer wieder zum Mutter- 
inzest führt. Wir dürfen daher vermuten, die Sehnsucht der zum Gott 
erhobenen (ins Unbewußte verdrängten) Libido ist eine ursprünglich sog. 
inzestuöse, die der Mutter gilt. Durch den Verzicht auf die Männlichkeit 
der ersten Geliebten gegenüber tritt das feminine Element mächtig 
hervor, daher jener stark androgyne Charakter der sterbenden und 
auferstehenden Gottheilande. Daß diese Heroen fast immer Wanderer 
sind 1 ), ist ein psychologisch klarer Symbolismus: Das Wandern ist ein 
Bild der Sehnsucht 2 ), des nie rastenden Verlangens, das nirgends sein 
Objekt findet, denn es sucht die verlorene Mutter, ohne es zu wissen. 
Über das Wandern ist der Sonnenvergleich auch unter diesem Aspekt 
leicht verständlich, daher die Helden auch immer der wandernden 
Sonne ähnlich sind, woraus man sich zum Schlüsse berechtigt glaubt, 
der Mythus des Helden sei ein Sonnenmythus. Der Mythus vom Helden 
aber ist, wie uns scheinen will, der Mythus unseres eigenen leidenden 
Unbewußten, das jene ungestillte und selten stillbare Sehnsucht nach 
allen tiefsten Quellen seines eignen Seins, nach dem Leibe der Mutter, 
und in ihm nach der Gemeinschaft mit dem unendlichen Leben in den 
unzähligen Formen des Daseins hat. Ich muß hier das Wort dem Meister 
lassen, der die tiefsten Wurzeln faustischer Sehnsucht geahnt hat: 

Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis. 

Göttinnen thronen hehr in Einsamkeit, 

Um sie kein Ort, noch weniger eine Zeit, 

Von ihnen sprechen ist Verlegenheit. 

Die Mütter sind es! 

Göttinnen, ungekannt 

Euch Sterblichen, von uns nicht gern genannt. 
Nach ihrer Wohnung magst ins Tiefste schürfen, 
Du selbst bist schuld, daß ihrer wir bedürfen. 
Wohin der Weg? 

Kein Weg! Ins Unbetretene, 
Nicht zu Betretende; ein Weg ans Unerbetene, 
Nicht zu Erbittende. Bist du bereit? 
Nicht Schlösser sind, nicht Riegel wegzuschieben, 
Von Einsamkeiten wirst umhergetrieben. 



1 ) Gilgamesh, Dionysos, Herakle6, Christus, Mithras usw. 

2 ) Vgl. dazu Graf: R. Wagner im Fliegenden Holländer. Schriften zur 
angewandten Seelenkunde. 



199 



Hast du Begriff von öd und Einsamkeit? 

Und hättest du den Ozean durchschwömmen 

Das Grenzenlose dort geschaut, 

So sähst du dort doch Well' auf Welle kommen, 

Selbst wenn es dir vorm Untergange graut. 

Du sähst doch etwas. Sähst wohl in der Grüne 

Gestillter Meere streichende Delphine; 

Sähst Wolken ziehen, Sonne, Mond und Sterne; 

Nichts wirst du sehn in ewig leerer Ferne, 

Den Schritt nicht hören, den du tust, 

Nichts Festes finden, wo du ruhst. 



Hier diesen Schlüssel nimm. 

Der Schlüssel wird die rechte Stelle wittern, 
Folg ihm hinab, er führt dich zu den Müttern. 

Versinke denn! Ich könnt' auch sagen: steiget 

S'ist einerlei. Entfliehe dem Entstandnen, 

In der Gebilde losgebundne Räume; 

Ergötze dich am längst nicht mehr Vorhandnen; 

Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe, . 

Den Schlüssel schwinge, halte sie vom Leibe. 

Ein glühnder Dreifuß 1 ) tut dir endlich kund, 
Du seist im tiefsten, allertiefsten Grund. 
Bei seinem Schein wirst du die Mütter sehn; 
Die einen sitzen, andre stehn und gehn; 
Wie's eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung, 
Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung. 
Umschwebt von Bildern aller Kreatur; 
Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur. 
Da faß ein Herz, denn die Gefahr ist groß, 
Und gehe grad auf jenen Dreifuß los, 
Berühr ihn mit dem Schlüssel! 

V. 

Symbole der Mutter und der Wiedergeburt. 

Die der Schöpfung des Heros folgende Vision beschreibt Miller 
als „ein Gewimmel von Personen". Dieses Bild ist uns aus der Traum- 

. *) Ich habe oben, gelegentlich der Zosimosvision, angedeutet, daß der 
Altar den Uterus bedeute, entsprechend dem Taufbecken. 



200 

deutung zunächst als das Symbol des Geheimnisses 1 ) bekannt. Es 
scheint, daß die Rücksicht auf Darstellbarkeit (Freud) diese Symbol- 
wahl bedingt: Der Träger des Geheimnisses der Menge der Nicht- 
wissenden gegenübergestellt. Der Besitz an Geheimnissen trennt 
von der Gemeinschaft der übrigen Menschen. Da f ür den Libido- 
haushalt der möglichst reibungslose, und vollständige Rapport 
mit der Umgebung von großer Bedeutung ist, so pflegt der Besitz an 
subjektiv wichtigen Geheimnissen sehr störend zu wirken. 
Man kann sagen, daß sich die ganze Lebenskunst axif das eine Problem 
einschränkt, wie man Libido auf möglichst unschädliche Weise los wird. 
Es ist daher für den Neurotiker in der Behandlung eine ganz besondere 
Wohltat, wenn er sich endlich seiner verschiedenen Geheimnisse ent- 
ledigen kann. Das Symbol der Volksmenge, vorzugsweise der strömenden 
und sich bewegenden Menge ist, wie ich öfter gesehen habe, auch für 
die große Bewegung des Unbewußten gesetzt, gern bei Personen, die 
nach außen stilles Wasser sind. 

Die Vision des Gewimmels entwickelt sich weiter: es treten 
Pferde auf, eine Schlacht wird geschlagen. 

Ich möchte die Bedeutung dieser Visionen mit Silber er zunächst 
als zur „funktionalen Kategorie" gehörig erkennen, indem der Grund- 
gedanke des durcheinanderströmenden Gewimmels nichts als ein Symbol 
für die nunmehr anstürmende Gedankenmasse ist, ebenso die Schlacht 
und eventuell die Pferde, welche die Bewegung veranschaulichen. 
Die tiefere Bedeutung des Auftretens von Pferden wird sich erst im 
weiteren Verlauf unserer Behandlung der Muttersymbole ergeben. 
Bestimmteren und auch inhaltlich bedeutenderen Charakter hat die 
folgende Vision: Miß Miller sieht eine „Cite de reve", eine Stadt der 
Träume. Das Bild ist so, wie sie es kurz zuvor auf dem Einband eines 
„Magazines" gesehen hatte. Leider erfahren wir nichts weiteres darüber. 
Man darf sich wohl ruhig unter dieser „Cite de reve" einen erfüllten 
Wunschtraum vorstellen, nämlich etwas recht Schönes und Ersehntes, 
eine Art von himmlischem Jerusalem, wie es sich der Apokalyptiker 
geträumt hat. 

Die Stadt ist ein mütterliches Symbol, ein Weib, das die 
Bewohner wie Kinder in sich hegt. Es ist daher verständlich, daß die 
beiden Muttergöttinnen, Rhea und Kybele, beide die Mauerkrone, 
tragen. Das Alte Testament behandelt die Städte Jerusalem, Babel 
usw wie W eiber. Jesaja (47, 1 ff.) ruft aus: 

*) Freud: Die Traumdeutung. 






I 



201 

..Herunter Jungfrau, du Tochter Babel, setze dich in den Staub, setze 
dich auf die Erde; denn die Tochter der Chaldäer hat keinen Stuhl 
mehr. Man wird dich nicht mehr nennen : du Zarte und Üppige. 

Nimm die Mühle und mahle Mehl; flicht deine Zöpfe aus, hebe die Schleppe, 
entblöße den Schenkel, wate durchs Wasser, 

Daß deine Blöße aufgedeckt und deine Schande gesehen werde. — 

Setze dich in die Stille, gehe in die Finsternis, du Tochter der Chaldäer; 
denn du sollst nicht mehr heißen: Frau über Königreiche." 

Jeremiä (50, 12) sagt von Babel: 

„Eure Mutter steht mit großen Schanden, und die euch geboren hat, 
ist zum Spott worden." 

Feste, nie bezwungene Städte sind Jungfrauen; Kolonien sind 
Söhne und Töchter einer Mutter. Städte sind auch Huren: Jesaja 
sagt von Tyros (23, 16): 

„Nimm die Harfe, gehe in der Stadt um, du vergessene Hure" 

und 

„Wie geht das zu, daß die fromme Stadt zur Hure worden ist?" 

Einer ähnlichen Symbolik begegnen wir im Mythus des Ogyges, 
dem vorzeitlichen König, der im ägyptischen Theben herrschte und 
dessen Frau entsprechenderweise Triebe hieß. Das von Kadmus ge- 
gründete böotische Theben erhielt daher den , Beinamen : „cgygisch". 
Diesen Beinamen führt auch die große Flut, die die „ogygische" 
heißt, weil sie unter Ogyges kam. Dieses Zusammentreffen wird sich 
unten als wohl' kaum zufällig herausstellen. Die Tatsache, daß Stadt 
und Frau des Ogyges denselben Namen führen, weist darauf hin. daß 
irgend eine Beziehung zwischen der Stadt und der Frau existieren 
muß, was unschwer einzusehen ist, indem die Stadt eben einfach 
identisch ist mit dem Weibe. Einer ähnlichen Vorstellung begegnen 
wir im Indischen, wo Indra als Gemahl der Urvarä gilt, Urvarä aber 
heißt das „fruchtbare Land". Ebenso wird die Besitzergreifung eines 
Landes durch den König als Vermählung mit der Ackererde aufgefaßt. 
Ähnliche Vorstellungen müssen auch in Europa geherrscht haben. 
Die Fürsten hatten bei ihrem Regierungsantritt etwa eine gute Ernte 
zu garantieren. Der schwedische König Domaldi wurde wegen Mißratens 
der Ernte sogar getötet (Ynglingasage 18). In der Rämasage vermählt 
sich der Held Ränia mit Sita, der Ackerfurche 1 ). In den gleichen Vor- 

*) Ich verdanke die Nachweise von Indra und Urvarä, Domaldi und Räma 
Herrn Dr. Abegg in Zürich. 



202 

Stellungskreis gehört die chinesische Sitte, daß der Kaiser beim 
Regierungsantritt zu pflügen hat. Diese Idee, daß der Boden weiblich 
sei, schließt auch den Gedanken in sich vom beständigen Zusammensein 
mit dem Weibe, einem körperlichen Ineinanderleben. Shiva,der phallische 
Gott ist als Mahadeva und Parwati männlich und -weiblich; er hat 
seiner Gemahlin Parwati sogar die eine Hälfte seines Körpers zur 
Wohnung eingeräumt 1 ). Jnman 2 ) bringt die Zeichnung eines Punditen 
von Ardanari-Iswara : Die eine Hälfte des Gottes ist männlich, die 
andere weiblich und die Genitalien sind in beständiger Koha- 
bitation. Das Motiv der beständigen Kohabitation findet sich 
auch ausgedrückt in dem bekannten Lingamsymbol, das überall in 
indischen Tempeln zu finden ist: Die Basis ist ein weibliches Symbol 
und drin steht der Phallus 3 ). Dieses Symbol kommt den griechischen, 
mystischen Phalluskörben und -kisten sehr nahe. (Vergleiche dazu 
unten die Eleusinischen Mysterien.) Die Kiste oder Lade ist hier weib- 
liches Symbol, nämlich der Mutterleib, was den älteren Mythologen 
eine ganz bekannte Auffassung war 1 ). Die Kiste, das Faß oder Körbchen 
mit dem kostbaren Inhalt wird gern als auf dem Wasser schwimmend 
gedacht, in einer bemerkenswerten Umkehrung der natürlichen Tat- 
sache, daß das Kind im Fruchtwasser schwimmt und dieses sich im 
Uterus befindet. Durch diese Umkehrung aber wird ein großer Subli- 
mierungsvorteil erzielt, indem eine ungeheure Anwendungsmöglichkeit 
für die mythenspinnende Phantasie dadurch geschaffen wird, nämlich 
der Anschluß an den Sonnenlauf. Die Sonne schwimmt über das 
Meer als der unsterbliche Gott, der jeden Abend in das mütterliche 
Meer untert aucht und am Morgen wieder erneuert geboren wird. 

l ) Auch das christliche Mittelalter dachte sich die Trinität als im Leibe 
der hl. Jungfrau wohnend. 

8 ) Symbolisni. Plate VII. 

?) Eine andere Form desselben Motivs ist die persische Anschauung vom 
Lebensbaume, der im Regensee Vourukasha steht. Die Samen dieses Baumes 
werden dem Wasser beigemischt und dadurch wird die Fruchtbarkeit der Erde 
unterhalten. Vendidad 5, 57 ff. heißt es: Die Gewässer fließen „zum See Vouru- 
kasha, hin zu dem Baum Hväpa, dort wachsen meine Bäume alle, von allen 
Gattungen, diese lasse ich dort herabregnen als Speise für den reinen Mann als 
Weide für die wohlgeschaffene Kuh. (Befruchtung auf vorsexueller Stufe aus- 
gedrückt!) Ein weiterer Lebensbaum ist der we'Se Haoma, der in der Quelle 
Ardvicüra, dem Lebenswasser, wächst. Spiegel: Eran. Altertumskunde, I 
465, 467. 

*) Schöne Nachweise hierfür bringt die Schrift Ranks: D. Myth. v. d. 
Geburt des Helden. 



203 



Frobenius (Das Zeitalter des Sonnengottes, S. 30) sagt: 



„Tritt nun für den blutigen Sonnenaufgang etwa die Anschauung 
auf, daß hier eine Geburt stattfindet, die Geburt der jungen Sonne, so 
schließt sich hieran unbedingt die Frage, woher denn die Vaterschaft komme, 
wie dies Weib zu der Schwangerschaft gelangt sei. Und da nun dies Weib 
dasselbe symbolisiert wie der Fisch, nämlich das Meer (indem wir von 
einer Annahme ausgehen, daß die Sonne sowohl im Meer untergeht als 
aus dem Meer emporsteigt), so ist die urmerkwürdige Antwort, daß dies 
Meer ja vordem die alte Sonne verschluckt habe. Es bildet sich demnach 
die Konsequenz mythe, da das Weib „Meer" vordem die Sonne verschluckt 
hat und jetzt eine neue Sonne zur Welt bringt, so ist sie offenbar schwanger 
geworden." 

Alle diese meerbefahrenden Götter sind Sonnensymbole. Sie sind 
für die „Nachtmeerfahrt" (Frobenius) in ein Kästchen oder in eine 
Arche eingeschlossen, öfter mit einem Weibe zusammen (wiederum 
in Umkehrung des tatsächlichen Verhältnisses, aber in Anlehnung 
an das Motiv der beständigen Kohabitation, dem wir oben begegnet 
sind). Während der Nachtmeerfahrt ist der Sonnengott im Mutter- 
leibe eingeschlossen, öfter von allerhand Gefahren bedroht. 

Statt vieler Einzelbeispiele begnüge ich mich, das Schema, das 
Frobenius (1. c.) für zahllose Mythen dieser Art konstruiert hat, 
hier wiederzugeben: 

t Hitze -Haar 
Tr , 7 . West . 0st . ) Ausschlüpfen* 




\-Landen- 



# 



j[T "«oegumg - (MeerW «* 



\ 



Frobenius gibt dazu folgende Legende: 



„Ein Held wird von einem Wasserungetüm im Westen verschlungen 
(.verschlingen'). Das Tier fährt mit ihm nach Osten (.Meerfakrt'). In- 
zwischen entzündet er in dem Bauche ein Feuer (, Feuerentzünden') und 
schneidet sich, da er Hunger verspürt, ein Stück des herabhängenden 
Herzens ab (.Herzabschneiden'). Bald darauf merkt er, daß der Fisch 
auf das Trockene gleitet (.Landen') ; er beginnt sofort das Tier von innen 
heraus aufzuschneiden (.öffnen'); dann schlüpft er heraus (.Ausschlüpfen'). 



204 

In dem Bauche des Fisches ist es so heiß gewesen, daß ihm alle Haare aus- 
gefallen sind (,Hitze\ ,Haar'). — Vielfach befreit der Held noch gleich- 
zeitig alle, die vorher verschlungen wurden (, All verschlingen') und die 
nun alle auch ausschlüpfen (, Allausschlüpfen')." 

Eine sehr naheliegende Parallele ist Noahs Fahrt auf der Sint- 
flut, in der alles Lebende stirbt, nur er und das von ihm bewahrte 
Leben werden einer neuen Geburt der Schöpfung entgegengeführt. 
In einer melapolynesischen Sage (Frobenius 1. c. S. 61) heißt es, 
daß der Held im Bauche des Kombili. (Königsfisch) seinen Obsidian 
nimmt und dem Fisch den Bauch aufschneidet. „Er schlüpfte hinaus, 
und sah einen Glanz. Und er setzte sich nieder und überlegte: ,Ich 
wundere mich, wo ich bin?" sagte er. Da stieg die Sonne mit 
einem Kuck empor und warf sich von einer Seite zur andern." Die 
Sonne ist wieder ausgeschlüpft. Frobenius (S. 173 f.) erwähnt aus 
dem Ramayana die Mythe des .Affen Hanumant, der den Sonnenhelden 
repräsentiert: „Die Sonne, in welcher Hanumant durch die Luft eilt, 
wirft einen Schatten auf das Meer; ein Meerungeheuer bemerkt den- 
selben und zieht durch ihn Hanumant an sich. Als dieser sieht, daß das 
Ungeheuer ihn verschlucken will, dehnt er seine Gestalt ganz 
maßlos aus; das Ungeheuer nimmt dieselben gigantischen Propor- 
tionen an. Als es das tut, wird Hanumant so klein wie ein Daumen 
schlüpft in den großen Leib des Ungeheuers hinein und kommt auf 
der andern Seite wieder hinaus." An einer andern Stelle des Gedichtes 
heißt es, er sei zum rechten Ohre des Ungeheuers wieder heraus- 
gekommen. (Wie Rabelais' Gargantua, der auch aus dem Ohr der 
Mutter geboren wurde.) „Hanumant nimmt darauf seinen Flug wieder 
auf und findet ein neues Hindernis in einem andern Meerungeheuer 
das ist die Mutter Rahus (des sonnenverschlingenden Dämons). 
Diese zieht ebenfalls den Schatten 1 ) Hanumants an sich ; dieser airnmt 
wieder zu der früheren Kriegslist seine Zuflucht, wird klein und schlüpft 
in ihren Leib hinein, doch kaum ist er darin, so wächst er zum riesigen 
Klumpen an, schwillt auf, zerreißt sie, tötet sie und macht sich davon." 

So verstehen wir, daß der indische Feuerholer Matarigvan „der 
in der Mutter Schwellende" heißt. Die Arche (Kästchen, Lade, Faß, 
Schiff usw.) ist ein Symbol des Mutterleibes, ebenso wie das Meer, 
in das die Sonne zur Wiedergeburt versinkt. 

') Schatten = wohl Seele, deren Natur gleich der Libido ist. Vgl. dazu 
I. Teil. 






205 

Aus diesem Vorstellungskreis heraus verstehen wir die mytho- 
logischen Aussagen über Ogyges : Er ist der, der die Mutter, die Stadt, 
besitzt, der also mit der Mutter vereinigt ist, daher auch unter ihm die 
große Flut kam, indem es ein typisches Stück im Sonnenmythus ist, 
daß der Held, wenn vereinigt mit der schwererreichbaren Frau, in einem 
Faß und dergl. ins Meer ausgesetzt wird und dann an einem fernen 
Gestade zu neuem Leben landet. Das Mittelstück, die „Nachtmeer- 
fahrt" in der Arche, fehlt in der Tradition über Ogyges 1 ). Es ist aber 
die Regel in der Mythologie, daß die einzelnen typischen Stücke eines 
Mythus in allen erdenklichen Variationen aneinander gefügt sein 
können, was die Deutung des einzelnen Mythus ohne Kenntnis aller 
anderen außerordentlich erschwert. Der Sinn des hier angeregten Mythen- 
kreises ist klar: es ist die Sehnsucht, durch die Rückkehr in den 
Mutterleib die Wiedergeburt zu erlangen, d. h. unsterblich 
zu werden wie die Sonne. 

Diese Sehnsucht nach der Mutter drückt sich in unseren heiligen 
Schriften reichlich aus 2 ). Ich erinnere zunächst an die Stelle im Galater- 
brief, wo es heißt (4, 26 ff.): 

„Das obere Jerusalem aber ist frei (eine Freie, keine Sklavin), 
das ist unsere Mutter. Denn e9 steht geschrieben: Freue dich, du 
Unfruchtbare, die nicht gebiert, brich in Jubel aus, die nicht kreißt; denn 



») Ich muß aber erwähnen, daß Nork (Real Wörterbuch sub Theben uud 
Schiff) aus zum Teil sehr anfechtbaren Gründen dafür plaidiert, daß Theben 
die „Schiffstadt" sei. Ich hebe aus seinen Gründen eine Stelle aus Diodor (1, 57) 
hervor, wonach Sesostris (den Nork mit Xisuthros in Beziehung setzt) dem 
höchsten Gott in Theben ein Schiff von 280 Ellen Länge geweiht habe. Im 
Gespräch des Lucius (Apulejus: Metam. lib. II, 28.) wird die Nachtmeerfahrt 
als erotische Redefigur gebraucht: „Hac enim sitarchia navigium Veneris 
indiget sola, ut in nocte pervigili et oleo lucerna et vino calix abundet." Die 
Vereinigung des Coitusmotivs mit dem Schwangerschaftsmotiv findet sich in 
der „Nachtmeerfahrt" des Osiris, der im Mutterleibe seine Schwester begattet. 

2 ) Psychologisch sehr beweisend ist die Art und Weise, wie Jesus seine 
Mutter behandelt, wie er sie barsch von sich weist: um so sicherer und um bo 
stärker wird die Sehnsucht nach ihrer Imago in seinem Unbewußten wachsen. Es 
ist wohl kein Zufall, daß der Name Maria ihn durch sein Leben begleitet. Vergl. 
den Ausspruch Matth. 10, 35 f. : „Ich bin gekommen, zu entzweien, einen Menschen 
mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter. — Wer Vater und Mutter mehr 
liebt denn mich, ist mein nicht wert." Diese direkt feindselige Absicht, die an 
die legendäre Rolle des Bertran de -Born erinnert, richtet sich gegen die inzes- 
tuösen Bindungen und zwingt die Menschen, ihre Libido auf den sterbenden, 
in die Mutter eingehenden und auferstehenden Heiland, den Heros Christos zu 
übersetzen. 



206 

die Einsame hat viele Kinder, mehr als die, die einen Mann hat. Ihr aber 
Brüder, seid nach Isaak Kinder der Verheißung. Aber wie damals der 
nach dem Fleisch Gezeugte den nach dem Geist Gezeugten verfolgte, so 
auch jetzt. Aber was sagt die Schrift? Wirf die Magd hinaus und ihren Sohn, 
denn der Sohn der Magd soll nicht erben mit dem Sohne der Freien. Also, 
Brüder, sind wir nicht der Magd Kinder, sondern der Freien. Für die Freiheit 
hat uns Christus befreit." 

Die Christen sind die Kinder der oberen Stadt, eines Symbols 
der Mutter, nicht Söhne der irdischen Stadt-Mutter, die man hinaus- 
werfen soll, denn der fleischlich Gezeugte ist im Gegensatz zu dem geistig 
Gezeugten, welcher nicht aus der fleischlichen Mutter, sondern aus 
einem Symbol für die Mutter geboren ist. Man muß hier wiederum 
an die Indianer denken, die den erster* Menschen aus einem Schwert- 
griff und einem Weberschiffchen hervorgehen lassen. Das religiöse Denken 
ist verbunden mit dem Zwang, die Mutter nicht mehr Mutter zu 
nennen, sondern Stadt, Quelle, Meer usw. Dieser Zwang kann nur aus 
dem Bedürfnis stammen, eine mit der Mutter verbundene Libido- 
menge zu betätigen, doch so, daß die Mutter dabei durch ein Symbol 
vertreten respektive versteckt sei. Die Symbolik der Stadt finden 
wir wohl entwickelt in der Apokalypse des Johannes, wo zwei Städte 
eine große Rolle spielen, die eine von ihm beschimpft und verflucht, 
die andre ersehnt. Wir lesen Apokal. 17, 1 ff. : 

„Komm, ich zeige dir das Gericht über die große Buhlerin, die an den 
großen Wassern saß, mit der die Könige der Erde Unzucht getrieben, und 
wurden trunken die Bewohner der Erde vom Wein ihrer Unzucht; und er 
trug mich in eine Wüste im Geiste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem 
scharlachnen Tiere, voll Namen der Lästerung mit sieben Köpfen und zehn 
Hörnern. Und das Weib war in Purpur und Scharlach gekleidet, und ver- 
goldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldnen 
Becher 1 ) in der Hand voll Greuel und Unsauberkeit ihrer Unzucht; und 
auf ihrer Stirn war ein Name geschrieben, im Geheimniß: Babylon die 
große, die Mutter der Buhlerinnen und der Greuel der Erde. Und ich sah 
das Weib trunken vom Blut der Heiligen und vom Blut der Zeugen Jesu, 
und sah hin und wunderte mich groß, da ich sie sah." 

Es folgt hier eine uns unverständliche Deutung des Gesichts, aus 
der wir nur hervorheben wollen, daß die 7 Köpfe 2 ) des Drachen sieben 

') Genitale. 

2 ) Die Hörner des Drachen erhalten folgende Attribute: „Sie werden vom 
Fleisch des Weibes zehren und sie mit Feuer verbrennen." Das Hörn, 
ein phallisches Emblem, ist im Einhorn das Symbol des Heiligen Geistes (Logos). 
Das Einhorn wird vom Erzengel Gabriel gehetzt und in den Schoß der Jungfrau 



207 

Berge bedeuten, auf denen das Weib sitzt. Es dürfte sich hier um eine 
deutliche Beziehung auf Ro m handeln, also auf die Stadt, deren irdische 
Macht die Welt in der Zeit des Apokalyptikers bedrückte. Die Wasser, 
auf denen das Weib, die „Mutter", sitzt, sind „Völker und Massen 
und Nationen und Sprachen", auch das scheint Rom zu gelten, denn 
es ist die Mutter der Völker und besitzt alle Länder. Wie in der Sprache 
z. B. Kolonien „Töchter" heißen, so sind die Rom unterworfenen 
Völker wie Glieder einer der Mutter unterworfenen Familie: In einer 
andern Version des Bildes treiben die Könige der Völker, also die „Väter", 
mit dieser Mutter Unzucht. Die Apokalypse fährt fort (18, 2 ff.): S{ 

„Gefallen, gefallen ist die große Babylon und ward eine Behausung 
für Dämonen und ein Gefängnis aller unreinen Geister und Gefängnis aller 
unreinen und verhaßten Vögel, denn aus dem Zornwein ihrer Uuzucht 
haben alle Nationen getrunken." 

So wird diese Mutter nicht nur Mutter aller Greuel, sondern auch 
eigentlich das Behältnis alles Bösen und Unreinen. Die Vögel sind 
Seelenbilder 1 ), gemeint sind also alle Seelen der Verdammten und 
bösen Geister. So wird die Mutter zur Hekate, zur Unterwelt, zur Stadt 
der Verdammten selber. Wir erkennen in dem urtümlichen Bilde des 
Weibes auf dem Drachen 2 ) unschwer das oben erwähnte Bild der 
Echidna, der Mutter aller höllischen Schrecken. Die Babylon ist das 
Bild der „furchtbaren" Mutter, die mit teuflischer Versuchung alle 
Völker zur Hurerei verführt und mit ihrem Weine trunken macht. 
Der Raüschtrank steht hier in nächster Beziehung zur Unzucht, denn 
er ist ebenfalls ein Libidosymbol, wie wir bereits bei der Parallele von 
Feuer und Sonne gesehen haben. 

gejagt, womit die Conceptio immaculata sinngemäß angedeutet wird. Die Hörner 
sind aber auch Sonnenstrahlen, daher die Sonnengötter öfter gehörnt sind. Der 
Sonnenphallus ist das Vorbild des Hornes (Sonnenrad und Phallusrad), daher 
Hörn Symbol der Macht. Hier „verbrennen" die Hörner „mit Feuer" und ver- 
zehren das Fleisch} man erkennt darin ein Bild der Höllenpein, wo die Seelen 
durch das Feuer der Libido (ungestillte Sehnsucht) „gebrannt" werden. Die 
Buhlerin soll also von ungestillter Sehnsucht (Libido) „verzehrt"oder „verbrannt" 
werden. Prometheus erleidet ein ähnliches Schicksal, indem der Sonnen-(Libido-) 
Vogel seine Eingeweide frißt; man könnte auch sagen, er sei vom „Hörn" durch- 
stoßen. Ich ziele auf die phallische Bedeutung des Speeres. 

*) In der babylonischen Unterwelt z. B. tragen die Seelen ein Flügelkleid 
wie die Vögel. Siehe Gilgameshepos. 

*) In einem Brüggener Evangelienbuch des 14. Jahrhunderts findet sich 
eine Miniature, wo das „Weib" lieblich wie die Gottesmutter zum halben 
Leibe in einem Drachen drin steht. 



208 

Nach dem Fall und der Verfluchung der Babylon finden wir 
Apokal. 19, 6 ff. den Hymnus, der uns überleitet von der unteren 
zur oberen Mutterhälfte, wo nun alles möglich werden soll, was ohne 
Verdrängung des Inzestuösen unmöglich wäre: 

„Alleluja, denn der Herr, unser Gott, der Allbeherrscher, ist König 
geworden. Freuen wir uns und jauchzen wir und bringen ihm Preis: denn 
es ist gekommen die Hochzeit des Lammes 1 ), und seine Frau hat sich bereitet, 
und es ward ihr gegeben, sich anzutUn mit strahlendem reinem Linnen; 



') Griechisch TÖ ägylov, Böckchen, Diminutiv des ungebräuchlichen 
ügijv = Widder. (Bei Theophrast kommt es in der Bedeutung von „junge 
Schößlinge" vor.) Das verwandte Wort ägvlg bezeichnet ein in Argos alljährlich 
gefeiertes Fest zum Andenken an Linos, wobei der Mvos genannte Klagegesang 
gesungen wurde zur Beklagung des von Hunden zerrissenen Linos, des neuge- 
borenen Knäbchens der Psamathe und des Apollo. Die Mutter hatte das Band 
ausgesetzt aus Furcht vor ihrem Vater Krotopos. Aus Rache sandte aber Apollo 
einen Drachen, die Poine, in das Land des Krotopos. Das Orakel von Delphi 
gebot eine jährliche Klage der Frauen und Jungfrauen um den toten Linos. Auch 
Psamathe fiel ein Teil der Verehrung zu. Die Linosbeklagung ist, wie Herodot 
zeigt (II, 79), identisch mit dorn phönikisehen, kyprischen und ägyptischen 
Gebrauch der Adonis-(Tammuz-)Beklagung. In Ägypten heiße der Linos 
Maneros, wie Herodot bemerkt. Brugsch weist nach, daß Maneros von dem 
ägyptischen Klagerufe maa-n-chru: „komme auf den Ruf" herstamme. Die 
Poine hat die Eigentümlichkeit, daß sie allen Müttern die Kinder aus dem Leibe 
reißt. Dieses Ensemble von Motiven finden wir wieder in der Apokalypse 12, 1 f., 
wo von dem gebärenden Gestirnweib gehandelt wird, dessen Kind von einem 
Drachen bedroht ist, aber in den H i m mel entrückt wird. Der Herodianische 
Kindermord ist eine Vermenschlichung dieses „urtümlichen" Bildes. Das Lamm 
bedeutet den Sohn. (Vgl. Brugsch: Die Adonisklage und das Linoslied, Berlin, 
1852.) Dieterich (Abraxas, Studien zur Rehgionsgeschichte des späteren Alter- 
tums, 1891) verweist zur Erklärung dieses Passus auf den Mythus von Apollo und 
Python, den er (nach Hyginus) folgendermaßen wiedergibt: „Python, dem Sohne 
der Erde, dem großen Drachen, war ge weissagt, daß der Sohn derLeto ihn töten 
würde. Leto war von Zeus schwanger: Hera bewirkt aber, daß sie nur da, wo die 
Sonne nicht scheine, gebären könne. Als Python aber merkt, daß Leto 
gebären wird, fängt er an sie zu verfolgen, um sie zu töten. Aber Boreas trägt 
die Lsto zum Poseidon. Dieser bringt sie nach Ortygia und bedeckt die Insel 
mit den Wogen des Meeres. Als Python die Leto nicht findet, kehrt er zum Parnaß 
zurück. Auf der von Poseidon erhobenen Insel gebiert Leto. Am vierten Tage 
nach der Geburt nimmt Apollo Rache und tötet den Python. Die Geburt auf der 
verborgenen Insel gehört zum Motiv der „Nachtmeerfahrt". (S. Frobeniua: 
1. c. passira.) Das Typische der „Inselphantasie" hat zum ersten Male Riklin. 
(Dieses Jahrbuch, Bd. II, S. 246 ft) richtig herausgefühlt. Eine hübsche 
Parallele dazu findet sich, zudem mit dem nötigen inzestuösen Phantasiematerial, 
in H. de Vere Stacpool: The blue lagoon. (Eine Parallele zu „Paul et Virginie".) 



L 



209 

denn das Linnen sind die Rechttaten der Heiligen. Und er spricht zu mir: 
schreibe: Selig sind, die berufen sind zur Hochzeit des Lammes." 

Das Lamm ist des Menschen Sohn, der mit der „Frau" Hochzeit 
feiert. Wer die „Frau" ist, bleibt zunächst dunkel. Apokal. 21, 9 ff., 
aber zeigt uns, welche „Frau" die Braut des Widders ist: 

„Komm, ich will dir zeigen die Braut, das Weib des Lammes 1 ) 
und er trug mich im Geiste auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir 
die heilige Stadt Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott 
her, mit der Herrlichkeit Gottes." 

Aus dieser Stelle dürfte nach allem Vorangegangenen erhellen, 
daß die Stadt, die himmlische Braut, die hier dem Sohn verheißen 
wird, die Mutter ist 2 ). In Babylon wird, um mit dem Galaterbrief 
zu reden, die unreine Magd hinausgeworfen, um hier im himmlischen 
Jerusalem die Mutter-Braut um so sicherer zu erwerben. Es zeugt von 
feinster psychologischer Witterung, daß die Väter der Kirche, die den 
Kanon aufstellten, dieses Stück symbolistischer Deutung des Christus- 
mysteriums nicht verloren gehen ließen. Es ist eine kostbare Fundgrube 
für die dem Urchristentum unterliegenden Phantasien und Mythen- 
stoffe 3 ). Die ferneren Attribute, die auf das himmlische Jerusalem 

*) Apokal. 21, 2 f.: „Und die heilige Stadt, das neue Jerusalem sah ich 
herabkommen aus dem Himmel von Gott, bereitet wie eine für ihren Mann 
geschmückte Braut" usw. 

*) Die Sage von Saktideva in Somadeva Bhatta erzählt, daß der Held, 
nachdem er die Verschlingung durch einen ungeheuren Fisch (furchtbare Mutter) 
glücklioh überstanden hat, endlich die goldene Stadt sieht und seine geliebte 
Prinzessin heiratet. (Frobenius: 1. c. S. 175.) 

3 ) In den apokryphen Akten des hl. Thomas (II. Jahrhundert) ist die 
Kirche als die jungfräuliche Muttergattin Christi aufgefaßt. In einer Anrufung 
des Apostels heißt es: 

Komm, heiliger Name Christi, der du über allen Namen bist. 

Komm, Macht des Höchsten und größte Gnade. 

Komm, Spender des Segens, des höchsten. 

Komm, Mutter gnadenvolle. 

Komm, Ökonomie des Männlichen. 

Komm, Frau, die du die verborgenen Mysterien aufdeckst usw. 
In einer andern Anrufung heißt est 

Komm, größte Gnade. 

Komm, Gattin (wörtlich Gemeinschaft) des Männlichen, 

Komm, Frau, die du weißt das Mysterium des Erwählten. 

Komm, Frau, die du die verborgenen Dinge zeigest. 

Und die unsagbaren Dinge offenbarest, heilige 

Taube, die du die Zwillingsnestvögel hervorbringst 

Komm, geheime Mutter" usw. 

Jung, Libido. 24 






. V 



210 

gehäuft wurden, machen seine Bedeutung als Mutter überwältigend 
klar 1 ): 

„Und er zeigte mir einen Strom von Lebenswasser glänzend wie 
Kristall hervorkommend ans dem Throne Gottes und des Lammes mitten 
in ihrer Gasse; hüben und drüben am Strom den Baum des Lebens 
zwölfmal fruchtbringend, jeden Monat seine Frucht gebend; und die Blätter 
des Baumes sind zur Heilung der Nationen. Und Gebanntes soll es 
nicht mehr geben 2 )." 

Wir begegnen in diesem Stück dem Symbol des Wassers, das 
wir bei der Erwähnung des Ogyges in Verbindung mit der Stadt fanden. 
Die mütterliche Bedeutung des Wassers gehört zu den klarsten Symbol- 
deutungen im Gebiete der Mythologie 3 ), so daß die Alten sagen konnten: 
fj &äXaooa — xfjg yeviaecag avjxßoXov. Aus dem Wasser kommt das 
Leben, 4 ) daher auch die beiden Götter, die uns hier am meisten interes- 
sieren, nämlich Christus und Mithras ; letzterer ist nach den Darstellungen 
neben einem Flusse geboren, Christus hat seine Neugeburt im Jordan er- 
fahren, zudem ist er geboren aus der n-qytf 6 ), dem sempiterni fons amoris, 
der Gottesmutter, welche heidnisch-christliche Legende -zur Quellen- 
nymphe gemacht hat. Die „Quelle" findet sich auch im Mithriacismus : 
Eine pannonische Weihinschrift lautet: fonti perenni. Eine Inschrift 
von Apulum ist der „Fons Aeterni" geweiht. (Cumont: Text. etMon. 
I, 106 f.) Im Persischen ist Ardvicura die Quelle mit Lebenswasser. 
Ardvicüra-Anähita ist eine Wasser- und Liebesgöttin (wie Aphrodite 

F. C. Conybeare: Die jungfräuliche Kirche und die jungfräuliche Mutter. 
Archiv für Religionswissenschaft, IX, 77. 

Die Beziehung der Kirche zur Mutter ist ganz unzweifelhaft, ebenso die 
Auffassung der Mutter als Gattin. Die Jungfrau ist notwendigerweise zur Ver- 
deckung des Inzestes dazwischen gestellt. Die „Gemeinschaft des Männlichen" 
weist auf das Motiv der beständigen Kohabitation. Die „Zwillingsnestvögel" 
weisen auf die alte Legende, daß Jesus und Thomas Zwillinge gewesen seien. 
Es handelt sich offenbar um das Dioskurenmotiv, daher der ungläubige Thomas 
seinen Finger in die Seitenwunde legen muß, deren Sexual bedeutung Zinzen- 
dorf richtig gefühlt hat, als ein Symbol, das die androgyne Natur des Urwesens 
(der Libido) andeutet. Vgl. die persische Sage vom Zwillingsbaume Meschia und 
Mechiane sowie das Dioskurenmotiv und das Kohabitationsmotiv. 

J ) Apok. 22, 1 ff. 

2 ) Kai näp xarädeua oinc ioxai ärt, es soll keine Verwünschung mehr sein. 

') Vgl. dazu Freud: Traumdeutung. Ferner Abraham: Traum und 
Mythus, S. 22 f. 

*) Jes. 48, 1: „Höret das, ihr vom Hause Jakob, die ihr heißet mit Namen 
Israel und aus dem Wasser Judas geflossen seid." 

6 ) Wirth: Aus orientalischen Chroniken. 



231 

die „Schaumgeborene" ist). Die neuen Perser bezeichnen mit Nähid 
den Planeten Venus und eine mannbare Jungfrau. (Spiegel Erän 
Altertumsk. II, S. 54 ff.). ~ ' 

In den Tempeln der Anaitis gab es prostituierte Hierodulen 
(Huren). Bei den Sakaeen (zu Ehren der Anaitis) gab es rituelle 
Prügeleien (Strabo XI), wie beim Feste des ägyptischen Ares und 
seiner Mutter. Der im Vourukashasee wohnende Gott „ein Befruchter" 
der Menschen, hieß Apanm Napät = „mit Frauen versehen". (Spiegel 
1. C. S. 62.) (Motiv der beständigen Kohabitation.) In den Vedas heißen 
die Gewässer mätritamäh = die mütterlichsten 1 ). Alles Lebendige 
steigt, wie die Sonne, aus dem Wasser und taucht am Abend hinunter 
in das Wasser. Aus den Quellen, den Flüssen und Seen geboren, ge- 
langt der Mensch im Tode an die Wasser des Styx, um die „Nacht- 
meerfahrt" anzutreten. Der Wunsch ist: jene schwarzen Wasser des 
Todes möchten Wasser des Lebens sein, der Tod mit seiner kalten 
Umarmung möchte der Mutterschoß sein, wie das Meer die Sonne 
zwar verschlingt, aber aus mütteriichem Schoß wieder gebärt (Jonas- 
motiv 2 ). Das Leben glaubt an keinen Tod: 

In Lebensfluten, in Tatensturm, 
Wall ich auf und ab, 
Wehe hin und her! 
Geburt und Grab, 
Ein ewiges Meer, 
Ein wechselnd Weben, 
• Ein glühend Leben 

Daß das %vXov Zmrjg, das Lebensholz oder der Lebensbaum, 
ein mütterliches Symbol ist, dürfte aus den obigen Erläuterungen 
hervorgehen. Der etymologische Zusammenhang von vco, vXrj, vlög in 
der idg. Wurzel sü" deutet die Sinnverschmelzung in der dahinter- 
liegenden Mutter- und Zeugungssymbolik an. Der Lebensbaum ist wohl 
zunächst ein fruchttragender Stammbaum, also ein Mutterbild. 
Zahlreiche Mythen belegen die Abstammung des Menschen von Bäumen, 

*) Die griechische „Materia" ist Ut), das auch Holz und Wald bezeichnet; 
es bedeutet eigentlich feucht von idg. Wurzel sü in flu: naß machen, regnen 
lassen, i>erö S = Regen, ir. suth = Saft, Frucht, Geburt, sanskr. sürä = 
Branntwein, sutus = Schwangerschaft, süte, sügate = zeugen, sutas = 
Sohn, süras = Soma, i)iög = Sohn (sanskr. sünüs, got. sunus.) 

«) Kolfirjßa heißt Beischlaf, woe/^otov Schlafgemach, daraus coenie- 
terium = Friedhof. 

U* 



212 

viele Mythen zeigen, wie der Heros im mütterlichen Baume einge- 
schlossen ist, so der tote Osiris in der Säule, Adonis in der Myrthe usw. 
Zahlreiche weibliche Gottheiten wurden als Bäume verehrt, daher der 
Kult der heiligen Haine und Bäume. Es ist von durchsichtiger Be- 
deutung, wenn sich Attis unter einer Fichte entmannt, d. h. er tut es 
wegen der Mutter. Mannigfach wurden Göttinnen unter dem Bilde 
des Baumes oder des Holzes verehrt. So war die Juno von Thespiae 
ein Baumast, die von Samos ein Brett, die von Argos eine Säule, die 
karische Diana ein unbehauenes Stück Holz, die Athene von Lindus 
eine geglättete Säule. Tertullian nennt die Ceres auf Pharos: rudis 
palus et informe lignum sine effigie. Athen aus bemerkt von der 
Latona zu Delos, sie sei ein t-vfovov äfiogcpov, ein ungeformtes Holz- 
stück 1 ). Tertullian nennt eine attische Pallas: crucis stipes, Kreuz- 
pfahl (oder Mast). Der bloße Holzpfahl ist, wie schon der Name (Pfahl, 
palus, (pdXrjg) andeutet, phallisch 2 ). Der <paXX6g ist ein Pfahl, als kul- 
tischer Lingam gern aus Feigenholz geschnitzt, wie auch die römischen 
Priapstatuen. <PäXog heißt ein Vorsprung oder Aufsatz am Helm, später 
xä>vog genannt. Wie äva-yaX-avziaoig : Kahlköpfigkeit auf dem 
Vorderteil des Kopfes, und (paXaxgög: kahlköpfig in Verbindung mit 
dem cpäXog-nöivog des Helmes andeuten, kommt auch dem oberen Teil 
des Kopfes quasi phallische Bedeutung zu 3 ). &dXXrjvog hat über cpaXX6g 
die Bedeutung von „hölzern"; (paX-dyyoi[xa = Walze. yäXayg': ein 
runder Balken; ebenso heißt die durch ihre wuchtige Stoßkraft 
ausgezeichnete mazedonische Schlachtordnung, ferner heißt das 
Fingerglied 4 ) auch (pdXayk~; cpaXXaiva oder (päXaiva ist der Walfisch, 
dessen phallische Natur ich bereits im ersten Teil angedeutet habe. 
Es kommt nun noch rpaXog dazu mit der Bedeutung leuchtend, 



1 ) Nork: Real Wörterbuch. 

2 ) Statt Säulen auch coni, so im Kult der Kypris, der Istar usw. 

3 ) In einer Mythe von Zelebes heißt eine Taubenjungfrau, die nach der 
Weise des Schwanjungfraumythus war gefangengenommen worden, Utahagi 
nach einem weißen Härchen, welches auf ihrem Scheitel wuchs und dem 
Zauberkraft innewohnte. Frobenius: 1. o., S. 307. 

*) Bezüglich der phallischen Symbolik des Fingergliedes verweise ich auf 
die Ausführungen über Daktylos, II. Teü, Kapitel I. Ich erwähne hier noch aus 
einer Bakairimythe folgendes: „Nimagakaniro verschluckte zwei Bakairifinger- 
knochen, von denen viele im Hause waren, weil Oka sie für seine Pfeilspitzen 
gebrauchte und viele Bakairi tötete, deren Fleisch er aß. Von den Fingerknochen 
und nur von diesen, nicht von Oka, wurde die Frau schwanger." (Zitiert Fro- 
benius: 1. c, S. 236.) 



213 

glänzend. Die idg. Wurzel ist bhale = strotzen, schwellen 1 ). Wer 
denkt nicht an Faust? 

„Er wächst in meiner Hand, er leuchtet, blitzt!" 

Das ist „urtümliche" Libidosymbolik, welche zeigt, wie unmittelbar 
die Beziehung zwischen phallischer Libido und Licht ist. Dieselben 
Beziehungen finden sich auch in den Anrufungen Rudra's im Rigveda : 

Rigv. 1, 114, 3: „Mögen wir deine Gunst erlangen deiner, des männer- 
beherrschenden, o harnender Rudra." 

Ich verweise hier auf die oben erwähnte phallische Symbolik 
Rudra's in den Upanishaden. 

4: „Den flammenden Rudra, den das Opfer ausführenden, den 
kreisenden (am Himmel im Bogen wandelnden), den Seher, rufen wir 
zur Hilfe hernieder." 

2, 33, 5 : „ — der Süßes erschließende, der sich leicht rufen lassende, 
der rotbraune, der mit schönem Helme versehene, möge uns nicht 
der Eifersucht in die Gewalt geben. 

6 : Erfreut hat mich der mit den Marut verbundene S ti e r, mit rüstigerer 
Lebenskraft den flehenden. 

8: Dem rötlichbraunen Stier, dem weiß glänzenden, laß kräftiges 
Preislied erschallen; verehre den flammenden mit Verehrungen, wir 
besingen das glänzende Wesen Rudra's. 

14: Möge Rudra's Geschoß (Pfeü) an uns vorbei sich wenden, möge 
des Glänzenden große Ungunst vorbeigehen; Spanne die festen (Bogen 
oder die harten Pfeile?) ab für die Fürsten, du (mit Harn) segnender 
(zeugungskräftiger) sei gnädig unsern Kindern und Enkeln 2 )." 

Auf diese Weise gelangen wir aus dem Gebiete der Muttersymbolik 
unmerklich in das Gebiet einer männlichen, phallischen Symbolik. 
Auch dieses Element liegt im Baume, sogar im Stammbaume, wie mittel- 
alterliche Stammbäume deutlich zeigen: aus dem zuunterst liegenden 
Vorfahr wächst an der Stelle des membrum virile der Stamm des großen 
Baumes empor. Der bisexuelle Symbolcharakter des Baumes ist an- 
gedeutet durch die Tatsache, daß im Lateinischen die Bäume männliche 
Endung und weibliches Geschlecht haben 3 ). Bekannt ist die weibliche 



/ 



*) Weitere Belege hierzu bei Prellwitz: Grieeh. Etym. 

2 ) Siecke: Der Gott Rudra im Rigveda. Archiv für Religionswissenschaft, 
Bd. I, S. 237 ff. 

3 ) Der Feigenbaum ist der phallische Baum. Bemerkenswert ist, daß 
Dionysos eine Ficus an den Eingang des Hades pflanzte, so, wie man Phallen 
auf die Gräber stellte. Die der Kypris geweihte Zypresse wurde ganz zum Todes- 
zeichen, indem man sie an die Türe des Sterbehauses stellte. 




214 

(speziell mütterliche) Bedeutung des Waldes und die phallische Be- 
deutung der Bäume in den Träumen. Ich erwähne ein Beispiel: 

Eine junge Frau, die, von jeher nervös, nach mehrjähriger Ehe bei 
Beschränkung der Kinderzahl infolge der typischen Libidoaufstauung 
erkrankte, hatte folgenden Traum, als sie einen ihr sehr zusagenden jungen 
Mann mit viel versprechenden freien Ansichten kennen lernte: „Sie fand 
sich in einem Garten, dort stand ein merkwürdiger exotischer Baum mit 
sonderbaren, rötlichen, fleischigen Blüten oder Früchten, sie brach sich 
davon und aß. Sie fühlte sich davon zu ihrem Schrecken vergiftet." 

An der Hand der antiken oder poetischen Symbolik läßt sich dieses 
Traumbild unschwer verstehen, ich darf daher wohl auf die Mitteilung 
des analytischen Materials verzichten) 1 . 

Die Doppelbedeutung des Baumes ist unschwer dadurch zu 
erklären, daß nämlich solche Symbole nicht „anatomisch" zu verstehen 
sind, sondern psychologisch als Libidogleichnisse, daher es nicht 
angängig ist, den Baum als phallisch schlechthin, z. B. seiner Form- 
ähnlichkeit wegen, aufzufassen, er kann auch Weib heißen oder Uterus 
oder Mutter. Die Einheit der Bedeutung liegt nur im Libidogleichnis 2 ). 

1 ) Es gibt eine Abaxt wissenschaftlichen Denkens, welche dadurch gekenn- 
zeichnet ist, daß der Forscher sich gegen sich selbst künstlich dumm stellt und 
gewisse Dinge nicht zu verstehen vorgibt, die er sonstwo ganz gut versteht. 
Die künstlich ersonnenen Dummheiten dienen angeblich der Vertiefung der 
Diskussion von Argumenten. Das ist scholastische Methode. 

2 ) Der Baum ist daher auch gelegentlich ein Sonnenbild. Ein von 
Dr. van Ophuijsen mir mitgeteiltes russisches Rätsel lautet: ,,Es steht ein 
Baum mitten im Dorfe und ist in jeder Hütte sichtbar?" „Die Sonne und ihr 
Licht." Ein norwegisches Rätsel lautet: 

,,Es steht ein Baum auf dem Billingsberge, 
Der tropft über ein Meer, 
Seine Zweige leuchten wie Gold; 
Das rätst Du heute nicht." 

Die Sonnentochter sammelt am Abend die goldenen Zweige, die von der 
wunderbaren Eiche gebrochen sind. 

„Bitterlich weint das Sonnchen 
Im Apfelgarten. 
Vom Apfelbaum ist gefallen 
Der goldene Apfel, 
Weine nicht Sonnchen, 
Gott macht einen andern 
Von Gold, von Erz, 
Von Silberchen." 



L 



215 

Man geriete von einer Sackgasse in die andere, wenn man sagen wollte, 
dieses Symbol ist für die Mutter gesetzt und jenes für den Penis. Die 
, feste Bedeutung der Dinge hat in diesem Reich ein Ende. Einzige 
Realität ist dort die Libido; ihr ist: „Alles Vergängliche nur ein 
Gleichnis". Es ist also nicht die physische wirkliche Mutter, sondern 
die Libido des Sohnes, deren Objekt einst die Mutter war. Wir nehmen 
die mythologischen Symbole viel zu konkret und wundern uns bei 
jedem Schritt über die endlosen Widersprüche. Die Widersprüche 
kommen nur daher, daß wir stets wieder vergesesn, daß im Reiche der 
Phantasie „Gefühl alles" ist. Wenn es also etwa heißt: „seine Mutter 
war eine böse Zauberin", so lautet die Übersetzung: Der Sohn ist in sie 
verliebt, d. h. er ist nicht imstande, die Libido von der Mutterimago 
abzulösen, er leidet daher an inzestuösen Widerständen usw. 

Die Wasser- und die Baumsymbolik, die als weitere Attribute 
dem Symbole der Stadt beigegeben sind, weisen ebenfalls auf jenen 
Libidobetrag hin, der unbewußt bei der Mutterimago verankert ist. 
Die Apokalypse läßt an gewissen Hauptstellen die unbewußte Psycho- 
logie der religiösen Sehnsucht durchschimmern: die Sehnsucht 
nach der Mutter 1 ). Auch die Erwartung des Apokalyptikers endet 
bei der Mutter : xai nav xatä&e/ua ovx gotai hi, und es soll keine Ver- 
wünschung mehr geben. Es soll keine Sünde, keine Verdrängung, kein 
Uneinssein mit sich selber mehr sein, keine Schuld, keine Todesangst 
und kein Schmerz der Trennung. 

So klingt die Apokalypse in jenen selben mystisch strahlenden 
Akkord aus, den dichterische Ahnung zwei Jahrtausende später wieder 
erlauschte; es ist das letzte Gebet des „Doctor Marianus": 

Das Apfelpfücken vom Paradiesesbaum ist dem Feuerraub zu vergleichen y 
das Zurückholen der Libido von der Mutter. (Vgl. die unten folgenden Erläu- 
terungen zur spezifischen Tat des Helden.) 

l ) Das Verhältnis des Sohnes zur Mutter war die psychologische Grundlage 
vieler Kulte. Für die christliche Legende ist die Beziehung des Sohnes zur Mutter 
dogmatisch außerordentlich klar. Auch Robertson (Evang. Myth., S. 36) fiel 
die Beziehung Christi zu den Marien auf, und er spricht die Vermutung aus, daß 
diese Beziehung wahrscheinlich auf einen alten Mythus hinweise, „wo ein 
palästinensischer Gott, vielleicht des Namens Josehua, in den wechselnden Be- 
ziehungen von Geliebter und Sohn gegenüber einer mythischen Maria auftritt — 
eine natürliche Fluktuation in der ältesten Theosophie und eine, die mit Ab- 
weichungen in den Mythen von Mithras, Adonia, Attis, Osiris und Dionysos 
vorkommt, die alle mit Muttergöttinnen und entweder einer Gemahlin oder einer 
weiblichen Doppelgängerin in Verbindung gebracht werden, insofern die Mutter 
und Gemahlin gelegentüch identifiziert werden". 



216 

Blicket auf zum Retterblick 
Alle reuig Zarten, 
Euch zu seligem Geschick 
Dankend umzuarten. 
"Werde jeder bess're Sinn 
Dir zum Dienst erbötig; 
Jungfrau, Mutter, Königin, 
Göttin, bleibe gnädig! 

Es erhebt sich beim Anblick dieser Schönheit und Größe des Ge- 
fühles eine prinzipielle Frage: ob nämlich die durch Religiosität kom- 
pensierte primäre Tendenz als inzestuös nicht zu eng gefaßt sei. Ich 
habe mich darum schon oben daliin ausgedrückt, daß ich den der Libido 
entgegengesetzten Widerstand als „im Allgemeinen" mit dem Inzest- 
verbot zusammenfallend betrachte. Ich muß die Definition des psy- 
chologischen Inzestbegriffes noch offen lassen. Ich will aber hier her- 
vorheben, daß es ganz besonders die Gesamtheit des Sonnenmythus 
ist, welche uns dartut, daß die unterste Grundlage des „inzestuösen" 
Begehrens nicht auf die Kohabitation, sondern auf den eigenartigen 
Gedanken hinausläuft, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz 
zurückzukehren, in die Mutter hinein zu gelangen, um wiederum von 
der Mutter geboren zu werden. Auf dem Wege zu diesem Ziele steht 
aber der Inzest, d. h. die Notwendigkeit, auf irgend einem Wege wieder 
in der Mutter Leib hinein zu gelangen. Einer der einfachsten Wege 
wäre, die Mutter zu befruchten und sich identisch wieder zu erzeugen. 
Hier greift hindernd das Inzestverbot ein, daher nun die Sonnen- 
oder Wiedergeburtsmythen von allen möglichen Vorschlägen wimmeln, 
wie man den Inzest umgehen könnte. Ein sehr deutlicher Umgehungs- 
weg ist, die Mutter in ein anderes Wesen zu verwandeln oder zu ver- 
jüngen 1 ), um sie nach erfolgter Geburt (respektive Fortpflanzung) 
wieder verschwinden, d. h. sich zurückverwandeln zu lassen. Es ist nicht 
die inzestuöse Kohabitation, die gesucht wird, sondern die Wieder- 
geburt, zu der man allerdings am ehesten durch Kohabitation gelangen 
könnte. Dies ist aber nicht der einzige Weg, obschon vielleicht der 
ursprüngliche. Das Hindernis des Inzestverbotes macht die Phantasie 
erfinderisch : z. B. wird versucht, durch Befruchtungszauber die Mutter 
schwanger zu machen (An wünschen eines Kindes). Versuche in dieser 
Hinsicht bleiben natürlich im Stadium mythischer Phantasien stecken. 



*) Rank hat dies im Schwanjungfraumythus an schönen Beispielen gezeigt. 
Die Lohengrinsage. Schriften zur angewandten Seelenkunde. 



217 

Einen Erfolg aber haben sie, und das ist die Übung der Phantasie, 
welche allmählich eben durch die Schaffung von phantastischen Mög- 
lichkeiten Bahnen herstellt, auf denen die Libido sich betätigend, 
abfließen kann. So wird die Libido auf unmerkliche Weise 
geistig. Die Kraft, „die stets das Böse will", schafft so geistiges Leben. 
Daher in den Religionen dieser Weg nunmehr zum System erhoben ist. 
Es ist darum überaus lehrreich, zu sehen, wie die Religion sich bemüht, 
dieses symbolische Übersetzen zu fördern 1 ). Ein treffliches Beispiel 
in dieser Hinsicht gibt uns das Neue Testament: Im Gespräch über 
die Wiedergeburt kann sich Nikodemus 2 ) nicht enthalten, die Sache 
sehr real aufzufassen: 

„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er ein Greis ist? Kann 
er denn in den Leib seiner Mutter zum zweitenmal eingehen und geboren 
werden?" 

Jesus strebt aber danach, die sinnliche Anschauung des in 
materialistischer Schwere dämmernden Geistes des Nikodemus läuternd 
zu erheben und verkündet ihm — im Grunde genommen das Gleiche — 
und doch nicht das Gleiche: 

„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn einer nicht geboren wird 
aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich des Himmels eingehen. 
Was aus dem Fleische geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geiste 
geboren ist, ist Geist. Wundere dich nicht, daß ich dir gesagt habe: ihr 
müßt von oben her geboren werden. Der Wind wehf, wo er will, und du 
hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; 
so ist es mit jedem, der da aus dem Geiste geboren ist." 

Aus dem Wasser geboren sein heißt immer nur : aus dem Mutter- 
leib geboren sein. Vom Geist: heißt vom befruchtenden Windhauch; 

1 ) Muther (Geschichte der Malerei, Bd. II) sagt im Kapitel Die ersten 
spanischen Klassiker: „Tieck schreibt einmal: ,Wollust ist das große Geheimnis 
unseres Wesens. Sinnlichkeit ist das erste bewegende Rad in unserer Maschine. 
Sie wälzt unser Dasein von der Stelle und macht es froh und lebendig. Alles, 
was wir als schön und edel träumen, greift hier hinein. Sinnlichkeit und Wollust 
sind der Geist der Musik, der Malerei und aller Künste. Alle Wünsche der 
Menschen fliegen um diesen Pol, wie Mücken um das brennende Licht. Schönheits- 
sinn und Kunstgefühl sind nur andere Dialekte und Aussprachen. Sie bezeichnen 
nichts weiter als den Trieb des Menschen zur Wollust. Ich halte selbst die Andacht 
für einen abgeleiteten Kanal des Sinnentriebes.' Hier ißt ausgesprochen, was 
man bei der Beurteilung der alten Kirchenkunst niemals vergessen darf: das 
Streben, die Grenzen zwischen irdischer und himmlischer Liebe zu verwischen, 
die eine unmerklich in die andere überzuleiten, ist jederzeit der leitende Gedanke, 
das stärkste Agitationsmittel der katholischen Kirche gewesen." 

2 ) Joh. 3, 3 ff. 






218 

darüber belehrt uns auch der griechische Text, wo Geist und Wind 
durch dasselbe Wort nvevfia gegeben sind: xö yey£vvr\fxevov Ix xrjg 
oaoxds oäg!; iotiv, xal xö yeyevvrj/xevov ix xov nvtv/xaxog nvevfid laxiv. — 
To nvevfxa önov MXei nvei usw. 

Diese Symbolik wird vom gleichen Bedürfnis getragen wie 
die ägyptische Legende vom Geier, dem Muttersymbol, daß er nur 
weiblich sei und vom Winde befruchtet werde. Man erkennt als 
Grundlage dieser mythologischen Behauptungen ganz klar die ethische 
Förderung: Du sollst von der Mutter sagen, sie werde nicht 
von einem Manne auf gewöhnliche, sondern von einem 
Hauchwesen auf ungewöhnliche Art befruchtet.Diese Forderung 
steht in einem strikten Gegensatz zur realen Wahrheit, daher der Mythus 
ein passender Ausweg ist: man sagt: es sei ein Heros gewesen, der ge- 
storben und auf eine merkwürdige Weise wieder geboren sei und so 
die Unsterblichkeit erlangt habe. Das Bedürfnis, das diese Forderung 
aufstellt, ist offenkundig ein Verbot gegen eine bestimmte Phantasie 
über die Mutter: ein Sohn darf natürlich denken, daß ein Vater ihn 
auf fleischlichem Weg erzeugt habe, nicht aber, daß er selber 
die Mutter befruchte nnd so, sich selber gleich, zu neuer 
Jugend wieder gebären lasse. Diese inzestuöse Phantasie, die 
aus irgend welchen Gründen eine ungemeine Stärke besitzt 1 ) und daher 
als gebieterischer Wunsch auftritt, wird verdrängt und im Bewußtsein 
durch die obige Forderung, sich (unter gewissen Bedingungen) über 
das Geburtsproblem symbolisch auszudrücken, nämlich immer dann, 
wenn es die eigene Wiedergeburt aus der Mutter betrifft. In der Auf- 
forderung Jesu an Nikodemus erkennen wir klar diese Tendenz: 
„denke nicht fleischlich, sonst bist du Fleisch, sondern denke symbolisch, 
dann bist du Geist". Es ist evident, wie ungemein erzieherisch und 
wie fördernd dieser Zwang zum Symbolischen sein kann: Nikodemus 
bliebe in platter Alltäglichkeit stecken, wenn es ihm nicht gelänge, 
symbolisch sich über seinen verdrängten Inzestwunsch zu erheben. 
Als ein richtiger Bildungsphilister spürt er wahrscheinlich auch kein 
zu großes Verlangen nach dieser Anstrengung, denn die Menschen scheinen 
sich im wesentlichen damit zu begnügen, die inzestuöse Libido 
zu verdrängen und im besten Falle durch einige bescheidene Beligions- 



S 



x ) Wir wollen hier die Gründe für die Stärke dieser Phantasie nicht dis- 
kutieren. Es scheint mir aber nicht schwierig zu sein, nachzufühlen, was für 
Mächte hinter der obigen Formel stecken. 



219 

Übungen zu betätigen. Es scheint aber anderseits wichtig zu sein, 
daß der Mensch nicht einfach verzichtet und verdrängt und damit 
im inzestuösen Verhältnis doch stecken bleibt, sondern daß er jene 
Triebkräfte, die im Inzestuösen gebunden liegen, zurückhole, um damit 
sein Bestes zu tun; denn der Mensch bedarf seiner ganzen Libido, um 
die Grenzen seiner Persönlichkeit auszufüllen, und dann erst wird er 
imstande sein, sein Bestes zu tun. Den Weg, wie der Mensch seine 
inzestuös gebundene Libido doch zur Betätigung bringen kann, 
scheinen die religiös-mythologischen Symbole gewiesen zu haben. 
Deshalb belehrt Jesus den Nikodemus: ,,Du sollst an deinen inzestuösen 
Wunsch der Wiedergeburt denken, jedoch sollst du denken, du werdest 
aus dem Wasser, durch den Windhauch gezeugt 1 ), wiedergeboren und 
so des ewigen Lebens teilhaft werden." So kann die Libido, die untätig 
im inzestuösen Wunsch gebunden liegt, unterdrückt und in Angst 
vor dem Gesetz und dem rächenden Vatergott, durch das Symbol 
der Taufe (Geburt aus dem Wasser) und der Zeugung durch das Symbol 
der Ausgießung des Heiligen Geistes, hinüber in die Sublimierung ge- 
leitet werden. So wird der Mensch wieder ein Kind 2 ) und hineingeboren 
in einen Geschwisterkreis, aber seine Mutter ist die „Gemeinschaft 
der Heiligen", die Kirche, und sein Geschwisterkreis die Menschheit, 
mit der er im gemeinsamen Erbteil uralter Symbole sich aufs neue 
verbindet. Es scheint, daß dieser Prozeß jener Zeit, in der das Christen- 
tum entstanden ist, besonders nötig war, denn jene Zeit hatte infolge 
der unglaublichen Gegensätze zwischen dem Sklaventum und der 
Freiheit des Bürgers und Herrn jenes Bewußtsein der Zusammen- 
gehörigkeit der Menschen gänzlich verloren. Wohl einer der nächsten 
und wesentlichsten Gründe für die energische Infantilregression im 
Christentum, welche Hand in Hand geht mit der Wiederbelebung des 
Inzestproblems, ist in der weitgehenden Entwertung des Weibes zu 
suchen. Zu jener Zeit war die Sexualität dermaßen leicht zugänglich, 
daß die Folge davon nur eine ganz außerordentliche Entwertung des 
Sexualobjektes sein konnte. Daß es Persönlichkeits werte gibt, war eben 
erst durch das Christentum zu entdecken, und viele Menschen haben es 
heutzutage noch nicht entdeckt. Die Entwertung des Sexualobjektes aber 

l ) Lactantius sagt: „Wenn alle wissen, daß gewisse .Tiere die Gewohnheit 
haben, durah den Wind und Lufthaueh zu empfangen, weshalb sollte jemand 
es für wunderbar halten, wenn behauptet wird, eine Jungfrau sei durch den Geist 
Gottes geschwängert worden?" Robertson: Evang. Myth., S. 31. 

») Daher die starke Betonung der Kindschaft im Neuen Testament. 



220 

verhindert die Ausfuhr derjenigen Libido, welche nicht mit sexueller Be- 
tätigung gesättigt werden kann, weil sie einer bereits desexualisierten, 
höheren Ordnung angehört. (Wäre dem nicht so, so könnte ein Don 
Juan nie neurotisch sein, das Gegenteil aber ist der Fall.) Denn wie 
sollten jene höheren Schätzungen einem verächtlichen, wertlosen 
Objekt gegeben werden? Deshalb macht sich die Libido auf die Suche 
nach dem schwer erreichbaren, verehrten, vielleicht unerreichbaren 
Ziele, nachdem sie schon zu lange „Helenen gesehen hat in jenem 
Weibe", und als dieses Ziel stellt sich dem Unbewußten die Mutter 
dar. Daher erheben sich dort wieder in erhöhtem Maße auf Inzest- 
widerständen beruhende symbolische Bedürfnisse, welche bald die 
schöne, sündige Götterwelt des Olymps in schwer verständliche, traum- 
haft dunkle Mysterien verwandeln, welche mit ihren Symbolhäufungen 
und dunkel beziehungsreichen Sprüchen das religiöse Empfinden 
jener römisch-hellenistischen Welt uns so fern rückem/ 

! Wenn wir sehen, wie sehr sich Jesus bemüht, dem Nikodemus 
die symbolische Auffassung der Dinge, d. h. eigentlich eine Verdrängung 
und Verschleierung des wirklichen Tatbestandes annehmbar zu machen, 
und wie bedeutsam es für die Geschichte der Zivilisation überhaupt 
war, daß in dieser Weise gedacht wurde und noch gedacht wird, dann 
verstehen wir die Empörung, die sich allerorten erhebt gegen die psycho- 
analytische Aufdeckung der wahren Hintergründe der neurotischen 
oder normalen Symbolik. Immer und überall stößt man auf das odiose 
Kapitel der Sexualität, die sich jedem rechtschaffenen Menschen von 
heutzutage als etwas Beschmutztes darstellt. Es sind aber keine 2000 
Jahre vergangen, seitdem der religiöse Kult der Sexualität mehr oder 
weniger offen in hoher Blüte stand. Allerdings waren das ja Heiden 
und wußten es nicht besser. Aber die Natur der religiösen Kräfte ändert 
sich nicht von Säkulum zu Säkulum ; wenn man sich einmal einen tüchtigen 
Eindruck geholt hat vom Sexualgehalt antiker Kulte und wenn man 
sich vorstellt, daß das religiöse Erlebnis, nämlich die Vereinigung mit 
dem Gott 1 ) vom Altertum als ein mehr oder weniger konkreter Koitus 
aufgefaßt wurde, dann kann man sich wahrhaftig nicht mehr einbilden, 
daß die Triebkräfte der Religion post Christum natum nun plötzlich 
ganz andere geworden seien; es ist dort genau so gegangen, wie mit 
der Hysterie, die zuerst irgend eine nicht besonders schöne, kindliche 



J ) Das mystische Fühlen der Gottesnähe, das sogenannte persönliche 
innere Erlebnis. 



L 



221 

Sexualbetätigung pflegte, und nachher eine hyperästhetische Ablehnung 
entwickelt, so daß jedermann sich von ihrer besonderen Reinheit über- 
zeugen läßt. Das Christentum mit seiner Verdrängung des 
manifest Sexuellen ist das Negativ des antiken Sexual- 
kultus. Der ursprüngliche Kultus hat sein Vorzeichen geändert 1 ). 
Man muß nur einmal gesehen haben, wieviel vom frölilichen Heiden- 
tum, darunter sogar unanständige Götter mit in die christliche Kirche 
hinübergewandert sind: So feierte der alte indezente Priapus ein 
fröhliches Auferstehungsfest in S. Tychon 2 ), ebenso zum Teü in den 
Ärzten SS. Kosmas und Damian, die sich huldvollst Membra virüia 
in Wachs an ihrem Feste weihen lassen 3 ). Auch taucht S. Phallus alten 
Angedenkens wieder auf, um sich in ländlichen Kapellen verehren 
zu lassen ; vom übrigen Heidentum ganz zu schweigen ! Wer es noch 
nicht gelernt hat, die Sexualität als eine neben dem Hunger als gleich- 
berechtigte Funktion anzuerkennen, und es deshalb als eine Ent- 
würdigung empfindet, daß gewisse Tabuinstitutionen, die als asexuale 
Refugia galten, als von sexueller Symbolik strotzend erkannt werden, 
der wird den Schmerz erleben müssen, klar einzusehen, daß dem trotz 
größter Empörung doch so ist. Man muß verstehen lernen, daß das 
psychoanalytische Denken eben gerade, der bisherigen Denkgewohnheit 
entgegenlaufend, jene Symbolbüdungen die durch unzählige Über- 
arbeitungen immer komplizierter wurden, wieder zurückdenkt. Damit 
wird eine Reduktion vorgenommen, die, wenn es sich um etwas anderes 
handelte, intellektuell erfreute, hier aber nicht nur ästhetisch, sondern 
scheinbar auch ethisch sich unangenehm anfühlt, indem die hier zu 
überwindenden Verdrängungen durch unsere besten Absichten zustande 
gekommen sind. Wir müssen anfangen unsere Tugendhaftigkeit zu 
überwinden, mit der sicheren Befürchtung auf der andern Seite in die 
Schändlichkeit hineinzufallen. Dem ist nun gewiß so, indem die große 
Tugendhaftigkeit immer innerlich kompensiert ist durch eine große 
Neigung zur Schändlichkeit, und wie viele Lasterhafte gibt es, die 
eine süßliche Tugend und moralischen Größenwahn innerlich bewahren? 
Beide Kategorien von Menschen entpuppen sich als Snobs, wenn sie 
mit der analytischen Psychologie in Berührung kommen, denn der 

>) Die sexuelle Süßlichkeit macht sich aber doch noch überall bemerkbar, 
in der Lämmersymbolik und den geistlichen Liebesliedern an Jesum, den Seelen- 
bräutigam. 

*) Usener: Der heilige Tychon, 1907. 

') Vgl. W. P. Knight: Worship of PriapuB. 



I 



222 

Moralische hat sich ein objektives und billiges Urteil über die Sexualität 
eingebildet und der Unmoralische hat ganz vergessen, einmal ein- 
zusehen, "wie gemein er sich eigentlich mit seiner Sexualität benimmt 
und wie unfähig er einer selbstlosen Liebe ist. Man vergißt ganz, daß 
man sich nicht nur von einem Laster in jämmerlicher Weise kann 
hinreißen lassen, sondern auch von einer Tugend. Es gibt eine frenetische, 
orgiastische Tugendhaftigkeit, die ebenso schändlich ist und ebenso 
/\ viele Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten nach sich zieht wie 
das Laster. 

In einer Zeit, wo ein großer Teil der Menschheit anfängt das 
Christentum wegzulegen, lohnt es sich wohl, klar einzusehen, wozu 
man es eigentlich angenommen hat. Man hat es angenommen, um der 
Roheit der Antike endlich zu entkommen. Legen wir es weg, so steht 
schon wieder die Ausgelassenheit da, von der uns ja das Leben in 
modernen Großstädten einen eindrucksvollen Vorgeschmack gibt. Der 
Schritt dorthin ist kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt. Es geht 
wie beim einzelnen, der eine Übertragimgsform ablegt und keine 
neue hat, er wird unfehlbar regressiv den alten Übertragungsweg 
wieder besetzen, zu seinem größten Nachteil, denn die Umwelt hat 
sich seitdem wesentlich verändert. Wer also von der historischen und 
philosophischen Haltlosigkeit der christlichen Dogmatik und der reli- 
giösen Leere eines historischen Jesus, von dessen Person wir nichts 
wissen und dessen religiöser Gehalt zum Teil talmudische, zum Teil 
hellenistische Weisheit ist, abgestoßen, das Christentum und damit 
die christliche Moral weglegt, der steht allerdings vor dem antiken 
Problem der Ausgelassenheit. Heutzutage fühlt sich der Einzelne 
noch durch die öffentliche hypokritisehe Meinung gehemmt und zieht 
es daher vor, ein geheimes Separatleben zu führen, öffentlich aber 
Moral darzustellen; anders aber könnte es kommen, wenn man all- 
gemein die moralische Maske einmal zu dumm fände, und die Menschen 
sich bewußt würden, wie gefährlich ihre Bestien aufeinander lauern, 
dann könnte wohl ein Rausch der Entsittlichung über die Menschheit 
gehen — das ist der Traum, der Wunschtraum des moralisch Be- 
schränkten von heutzutage: er vergißt die Not, die dem Menschen 
den Atem raubt und die mit harter Hand jeden Taumel unterbräche. 
Man darf mir nicht die Gedankenlosigkeit zumuten, daß ich durch die 
analytische Reduktion die Libido quasi wieder auf primitive, fast 
überwundene Stufen zurückversetzen wolle und ganz vergäße, was 
dann für eine furchtbare Misere über die Menschen käme — gewiß 



223 

werden sich einzelne durch die antike Raserei der von der Schuldlast 
befreiten Sexualität hinreißen lassen, zu ihrem eigenen größten Schaden; 
es sind aber solche, die unter anderen Umständen bloß auf andere Weise 
vorzeitig untergegangen wären— ich kenne aber das wirksamste und 
unerbittlichste Regulativ der menschlichen Sexualität: es ist die Not. 
Mit diesem Bleigewicht wird die menschliche Lust nie zu hoch fliegen. 
Es gibt heutzutage zahllose Neurotische, die es einfach darum sind, 
weil sie nicht wissen, warum sie eigentlich nicht auf ihre eigene Facon 
selig werden dürfen; sie wissen auch nicht einmal, daß es ihnen daran 
fehlt. Und außer diesen Neurotischen gibt es noch viel mehr Normale — 
und zwar Menschen von besserer Sorte — die sich beengt und unzufrieden 
fühlen. Für alle diese soll die Reduktion auf die sexuellen Elemente 
vorgenommen werden, damit sie in den Besitz ihrer primitiven Per- 
sönlichkeit gelangen, daß sie sie würdigen lernen und wissen, wie und 
wo sie in Rechnung einzustellen ist. Auf diese Weise allein kann es 
geschehen, daß gewisse Forderungen erfüllt, andere aber als unbillig, 
weil infantil, erkannt und zurückgewiesen werden. Auf diese Weise 
soll der einzelne verstehen lernen, daß gewisse Dinge so zu opfern sind, 
daß man sie tut, aber auf einem andern Gebiet. Wir bilden uns 
ein, wir hätten auf unsere Inzestwünsche längst verzichtet, sie ge- 
opfert, abgeschnitten und es existiere nichts mehr davon: daß dem 
aber nicht so ist, sondern daß wir den Inzest unbewußterweise auf 
anderen Gebieten begehen, kommt uns nicht bei. In den religiösen 
Symbolen z. B. wird der Inzest begangen 1 ). Wir hielten die inzestuösen 
Wünsche für verschwunden und verloren und entdecken sie in der 
Religion in voller Tätigkeit. Dieser Umformungsprozeß ist in säkularer 
Entwicklung unbewußt erfolgt. Wenn ich früher (I. Teil) bemerkte, 
daß eine derartige unbewußte Umformung der Libido eine ethisch 
wertlose Pose sei, und dem gegenüber das Christentum der römischen 
Urzeit stellte, von dem es klar ist, gegen welche Mächte der Sinn- 
losigkeit und Verrohung es stand, so müßte ich hier sagen: was die 
Sublimierung der inzestuösen Libido anbelangt, so ist auch der Glauben 
an das religiöse Symbol kein ethisches Ideal mehr, denn es ist eine 
unbewußte Umformung des Inzestwunsches in Symbolhandlungen 
und Symbolvorstellungen, die den Menschen quasi hinüber betrügen, 
so daß ihm der Himmel als ein Vater erscheint und die Erde als Mutter 
und die Menschen darauf als Kinder und Geschwister. So kann der 

*) Oder in den Ersatzbildungen, die an Stelle der Religion treten. 



224 

Mensch doch allezeit Kind sein, seine Inzestwünsche befriedigen, ohne 
daß er es weiß. Dieser Zustand wäre unzweifelhaft ideal 1 ), wenn er 
nicht kindlich und infolgedessen ein bloß einseitiger Wunsch wäre, 
der kindlich erhält. Der Revers ist die Angst. Man spricht zwar 
immer von dem frommen Menschen, der nie erschüttert in seinem 
Gottvertrauen unentwegt sicher und beseligt durch die Welt gehe — 
ich habe diesen Chidher noch nie gesehen. Er dürfte wohl eine Wunsch- 
figur sein. Die Regel ist die große Unsicherheit der Gläubigen, die sie 
mit fanatischem Geschrei bei sich selber und bei anderen übertönen, 
ferner der Glaubenszweifel, die moralische Unsicherheit, die Bezweiflung 
der eigenen Persönlichkeit, das Schuldgefühl und zu allerunterst die 
große Angst vor der ganzen andern Wirklichkeitsseite, gegen die auch 
höchst intelligente Menschen sich mit aller Kraft sträuben. Diese andere 
Seite ist der Teufel, der Widersacher oder — moderner ausgedrückt — 
die Realitätskorrektur des durch das prävalierende Lustprinzip 2 ) 
schmackhaft gemachten infantilen Weltbildes. Die Welt aber ist kein 
Garten Gottes, des Vaters, sondern auch ein Ort des Grauens. Nicht 
nur ist der Himmel kein Vater und die Erde keine Mutter und die 
Menschen sind nicht Geschwister, sondern sie repräsentieren auch 
ebenso viel feindliche, zerstörende Mächte, denen wir um so sicherer 
ausgeliefert sind, je vertrauensvoller und gedankenloser wir uns der 
sogenannten Vaterhand Gottes anvertrauen. Man darf nie das harte 
Wort des ersten Napoleon vergessen, daß der liebe Gott immer auf 
Seite der besseren Artillerie sei. 

Der religiöse Mythus tritt uns aber hier als eine der größten 
und bedeutsamsten menschlichen Institutionen entgegen, welche mit 
täuschenden Symbolen dem Menschen doch die Sicherheit und Kraft 
geben, vom Ungeheuern des Weltganzen nicht erdrückt zu werden. 
Das Symbol, vom Standpunkt des real Wahren aus betrachtet, ist 
zwar täuschend, aber es ist psychologisch wahr 3 ), denn es war und 
ist die Brücke zu allen größten Errungenschaften der Menschheit. 



l ) Der Zustand war unzweifelhaft ideal für frühere Zeiten, wo der Mensch 
überhaupt infantiler war, und ist es jetzt noch für denjenigen Teil der Menschheit, 
der infantil ist; wie groß ist dieser Teil? 

z ) Vgl. Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 1 ff. 

3 ) Wir bewegen uns hier, was nicht zu vergessen ist, ganz im Gebiete der 
Psychologie, der bekanntlich keinerlei transzendente Bedeutung weder in positiver 
noch in negativer Beziehung zukommt. Es handelt sich hier um ein schonungs- 
loses Wahrmachen des durch Kant fixierten erkenntnistheoretischen Stand- 



225 

Es ist aber keineswegs gesagt, daß dieser unbewußte Weg der 
Umformung des Inzestwunsches in Eeligionsübung der einzige oder 
einzig mögliche wäre. Es gibt auch eine bewußte Anerkennung und 
Einsicht, mit der wir uns jener im Inzest gebundenen, in Religionsübung 
transformierten Libido bemächtigen können, so daß wir des Stadiums 
der religiösen Symbolik zu diesem Zweck nicht mehr bedürfen. Es 
wäre denkbar, daß man nicht mehr „um Christi wülen" dem Neben- 
menschen etwas Gutes erweist, sondern aus der Einsicht, daß die 
Menschheit, also auch wir, nicht bestehen könnten, wenn in der Herde 
sich der eine nicht für den andern opfern könnte. Das wäre der 
Weg der sittlichen Autonomie, der vollkommenen Freiheit, 
wenn der Mensch ohne Zwang das wollen könnte, was er 
doch tun muß, und das aus Einsicht, ohne Täuschung durch den 

punktes nicht bloß für die Theorie, sondern, was wichtiger ist, auch für die Praxis. 
Man soll auch nicht mehr dergleichen tun und infantiles Weltbild spielen wollen, 
da all dies nur geeignet ist, den Menschen seinem eigentlichen und höchsten 
ethischen Ziele, der sittlichen Autonomie, zu entfremden. Das religiöse Symbol 
ist nach unvermeidlicher Abstreichung gewisser antiquierter Stücke als Postulat 
oder als transzendente Theorie und auch als Lehrgegenstand wohl beizu- 
behalten, aber in dem Maße mit neuem Inhalte zu erfüllen, wie es der derzeitige 
Stand des Kulturstrebens erfordert. Diese Theorie darf aber für den „erwachsenen" 
Menschen nicht zum positiven Glauben, zur Illusion werden, die ihm die Wirk- 
lichkeit in täuschenden Beleuchtungen erscheinen läßt. Wie der Mensch ein zwie- 
faches Wesen ist, nämlich ein Kultur- und ein Tierwesen, so seheint er auch zweierlei 
Wahrheit zu bedürfen, der Kulturwahrheit, d. h. der symbolistischen, trans- 
zendenten Theorie, und der Naturwahrheit, welche unserem Begriffe des „real 
Wahren" entspricht. In demselben Maße, wie die reale Wahrheit eine bloß figür- 
liche Ausdeutung der Realitätsapperzeptionen ist, ist auch die religiös-symbolische 
Theorie bloß eine figürliche Ausdeutung gewisser endopsychischer Apperzeptionen. 
Ein ganz wesentlicher Unterschied ist es aber, daß der transsubjektive'n Wirk- 
lichkeit eine transzendentale Unterlage unabhängig in Dauer und Bestand durch 
die denkbar besten Garantien zugesichert ist, während den psychologischen 
Phänomenen eine transzendentale Unterlage von subjektiver Beschränkung und 
Hinfälligkeit infolge zwingender- empirischer Data zuerkannt werden muß. Daher 
ist die reale Wahrheit das relativ universell Gültige, die psychologische Wahrheit 
dagegen ein bloß funktionelles Phänomen innerhalb einer menschlichen Kültur- 
epoche. So will es dem bescheideneren Standpunkt des Empirikers heute scheinen. 
Gelänge es hingegen auf einem mir unbekannten und unerwarteten Wege, das 
Psychologische seines Charakters eines biologischen Epiphänomens zu entkleiden 
und ihm dafür die Stellung einer physikalischen Entität anzuweisen, so wäre 
die psychologische Wahrheit in die reale Wahrheit aufzulösen oder vielmehr 
umgekehrt, da dann das Psychologische hinsichtlich der endgültigen Theorie 
einen größeren Wert, seiner Unmittelbarkeit wegen, beanspruchen müßte. 

Jung, Libido. Jg 






226 

Glauben an die religiösen Symbole. Das, was uns innerhalb eines 
positiven Glaubens an einen religiösen Mythus infantil und daher ethisch 
minderwertig erhält, ist diese Täuschung, die zwar kulturhistorisch 
von denkbar größter Bedeutung und ästhetisch von unvergänglicher 
Schönheit ist, aber dem nach sittlicher Autonomie strebenden Menschen 
ethisch nicht mehr genügen kann. 

Das infantile und sittlich Gefährdende ist der Glauben an 
das Symbol, indem wir die Libido dadurch auf eine illusorische Realität 
leiten. Das einfache, leugnerische Weglegen des Symbols ändert nichts, 
denn die ganze geistige Disposition bleibt dieselbe, wir nehmen uns 
nur das gefährliche Objekt weg. Das Objekt aber ist nicht gefährlich, 
sondern unsere infantile Geistesdisposition ist es, der zu Liebe wir 
durch das einfache Weglegen des religiösen Symbols etwas sehr Schönes 
j und Sinnreiches verloren haben. Ich denke, der Glaube sollte durch 
I das Verstehen ersetzt werden, so behalten wir die Schönheit 
des Symbols und sind doch frei von den niederdrückenden Folgen 
der Unterwerfung im Glauben. Dieses wäre wohl die psychoanalytische 
Heilung des Glaubens und des Unglaubens. J 

Die der Vision der Stadt folgende ist die eines „seltsamen Nadel- 
holzbaumes mit knorrigen Ästen". 

Diese Vision mutet uns nicht fremdartig an nach all dem, was 
wir bereits vom Lebensbaum und seiner Assoziation mit Stadt und 
Lebenswasser vernommen haben. Dieser besondere Baum scheint 
die Kategorie der Muttersymbole einfach fortzusetzen. Das Attribut 
„seltsam" wird wohl, wie in Träumen, eine besondere Hervorhebung 
ausdrücken, d. h. ein besonderes unterliegendes Komplexmaterial. 
Leider gibt uns die Autorin kein individuelles Material dazu. Da nun 
durch die Weiterentwicklung der Mi Her sehen Visionen der schon 
in der Symbolik der Stadt angedeutete Baum hier besonders hervor- 
gehoben wird, so sehe ich mich genötigt, noch ein weiteres Stück aus 
der Symbolgeschichte des Baumes vorzubringen. 

Bekanntlich haben die Bäume in Kultus und Mythus von jeher 
eine große Rolle gespielt. Der typische Mythenbaum ist der Paradieses- 
oder Lebensbaum, den wir babylonisch reichlich belegt finden, ebenso 
jüdisch, neben — und vorchristlich in der Fichte des Attis, dem Baum 
oder den Bäumen des Mithras, germanisch in Yggdrasill usw. Das 
Aufhängen des Attisbildes an einer Fichte, das Aufhängen des Marsyas, 
das ein berühmtes künstlerisches Motiv wurde, das Hängen Odins, 






227 

die germanischen Hängeopfer, die ganze Reihe der gehängten Götter 
belehren uns, daß das Hängen Christi am Kreuzesbaum nicht etwas Ein- 
maliges in der religiösen Mythologie ist, sondern in denselben Vorstellungs- 
kreis wie die übrigen hineingehört. In dieser Anschauungswelt ist das Kreuz 
Christi der Lebensbaum und zugleich das Todesholz. Dieser Gegensatz ist 
nicht erstaunlich. So wie man legendär die Abstammung des Menschen 
aus Bäumen behauptete, so bestanden auch Bestattungsgebräuche, 
wonach man die Menschen in hohlen Bäumen bestattete, daher die 
deutsche Sprache bis jetzt den Ausdruck „Totenbaum" für Sarg auf- 
bewahrte. Wenn wir nicht vergessen wollen, daß der Baum ein über- 
wiegendes Muttersymbol ist, so kann uns der mythische Sinn dieser 
Bestattungs weise keineswsgs unverständlich sein. Der Tote wird 
der Mutter übergeben zur "Wiedergeburt. Wir treffen dieses 
Symbol in der von Plutarch 1 ) überlieferten Osirismythe, die über- 
haupt in verschiedenen Hinsichten vorbildlich ist. Rhea ist mit Osiris 
schwanger, zu gleicher Zeit auch mit Isis; Osiris und Isis begatten sich 
schon im Mutterleib. (Motiv der „Nachtmeerfahrt" mit Inzest.) Dir Sohn 
ist Arueris, später Horus genannt. Von Isis heißt es, sie sei im „ganz 
Feuchten" geboren (terdQTf) de xfjv^Iow iv navvygoig yevea&w) ; von Osiris 
heißt es, ein gewisser Pamyles in Theben habe beim Wasserschöpfen 
eine Stimme aus dem Zeustempel gehört, die ihm befahl, zu verkündigen, 
daß der fiiyag ßaadevg evegyezrjg "OoiQcg geboren sei. Diesem Pamyles 
zu Ehren wurden die Pamylien gefeiert, die den Phallophorien 
ähnlich seien. Pamyles ist also, ähnlich wie der ursprüngliche Dionysos, 
ein phallischer Dämon: der Mythus heißt also reduziert: Osiris und 
Isis werden vom Phallus aus dem Wasser = Mutterleib gezeugt, also 
auf ganz gewöhnliche Weise. (Kronos hat die Rhea geschwängert, 
die Beziehung war heimlich, und Rhea seine Schwester. Helios aber 
beobachtete sie und verfluchte ihre Vermischimg.) Osiris wird durch 
den Unterweltgott Typhon listigerweise durch Einschließen in eine 
Lade getötet; diese wurde auf dem Nil ausgesetzt und so ins Meer 
hinaus gesandt. Osiris aber begattet sich in der Unterwelt mit seiner 
zweiten Schwester Nepbthys (Motiv der Nachtmeerfahrt mit Inzest). 
Man sieht, wie hier die Symbolik entwickelt ist: Im Mutterleib vor dem 
extrauterinen Dasein begeht Osiris den Inzest, im Tode, dem zweiten 
intrauterinen Dasein, begeht Osiris wieder Inzest. Beide Male mit 
einer Schwester, die einfach für die Mutter eingesetzt ist als legales, 

l ) De Isid. et Osir. 

15* 



228 



unzensuriertes Symbol, da die Schwesterehe im frühen Altertum nicht 
nur bloß geduldet, sondern eigentlich vornehm war. Zarathustra empfahl 
sogar die Verwandtenehe. Diese Mythenform wäre also heutzutage 
unmöglich, da Kohabitation mit der Schwester als inzestuös der Ver- 
drängung unterläge. 

Der böse Typhon lockt mit List Osiris in die Lade oder Kiste: 
Diese Verdrehung des wirklichen Tatbestandes ist durchsichtig: Das 
anfänglich „Böse" im Menschen will wieder in die Mutter zurück, d. h. 
die vom Gesetz verdammte inzestuöse Sehnsucht nach der Mutter 
ist die angeblich von Typhon erfundene List. Sehr bezeichnend ist es 
eine List: durch eine List will sich der Mensch wieder irgendwie zur 
Wiedergeburt hindurchbetrügen, um von neuem Kind zu werden. 
Ein früherer ägyptischer Hymnus 1 ) erhebt sogar eine Anklage gegen 
die Mutter Isis, daß sie den Sonnengott Re mit Verrat fälle: es wird 
der Mutter als böser Wille ausgelegt, daß sie den Sohn ausgestoßen 
und verraten habe. Der Hymnus beschreibt, wie Isis eine Schlange 
formte, sie auf den Weg des ße legte und wie diese Schlange den 
Sonnengott mit giftigem Bisse verwundete, von welcher Wunde er nie 
mehr genas, so daß er sich schließlich auf den Rücken der Himmelskuh 
zurückziehen mußte. Die Kuh aber ist die kuhköpfige Göttin, wie 
Osiris der Apis. Die Mutter wird angeklagt, wie wenn sie die Ursache 
wäre, daß man sich zur Mutter flüchten müsse, um von der Wunde 
zu genesen, die einem die Mutter geschlagen hat, dadurch daß der Inzest 
verboten wurde 2 ) und man abgeschnitten wurde von der hoffnungsvollen 
Sicherheit der Kindheit und frühen Jugend, von all dem unbewußt 
triebhaften Geschehen, welches das Kind leben läßt als ein seiner selbst 
nicht bewußtes Anhängsel der Eltern. Es muß darin viel gefühlhafte 
Erinnerung an das Tierzeitalter liegen, wo es noch kein „Du sollst" 
und „Du darfst" gab, sondern alles nur einfaches Geschehen war. 
Noch scheint dem Menschen eine tiefe Erbitterung innezuwohnen, 
daß ihn einstmals ein brutales Gesetz vom triebartigen Gewährenlassen 



») Erman: Ägypten, S. 360 f. 

*) Ich muß auch hier wieder daran erinnern, daß ich mit dem Worte Inzest 
mehr Bedeutung verbinde, als dem Terminus eigentlich zukäme. Wie Libido 
das Vorwärtsstrebende ißt, so ist etwa der Inzest das in die Kindheit Rückstrebende. 
Für das Kind heißt es noch nicht Inzest; nur für den Erwachsenen, der eine 
vollausgebildete Sexualität besitzt, wird dieses Rückstreben zum Inzest, indem 
er kein Kind mehr ist, sondern eine Sexualität besitzt, die eigentlich keine regre- 
dierende Applikation mehr erträgt. 



229 

und der großen Schönheit der in sich selbst harmonischen Tiernatur 
trennte. Diese Trennung manifestierte sich wohl unter Anderm im Inzest- 
verbot und seinen Korrelaten (Heiratsgesetze usw.), daher sich Schmerz 
und Zorn auf die Mutter beziehen, wie wenn sie Schuld trüge an der 
Domestikation des Menschensohnes. Um seines Inzestwunsches (seines 
Rückstrebens zur Tiernatur) nicht bewußt zu werden, wirft der Sohn 
alle schlimmste Schuld auf die Mutter, woraus das Bild der „furchtbaren 
Mutter" entsteht 1 ). Die Mutter wird ihm zum Angstgespenst, zum 
Mar 2 ). 

Nach vollendeter Nachtmeerfahrt wird die Lade des Osiris bei 
Byblos ans Land geworfen und kommt in die Zweige einer Erika zu 
liegen, die den Sarg umwächst und zum herrlichen Baum eraporgedeiht. 
Der König des Landes ließ den Baum als eine Säule unter sein Dach 
stellen 3 ). In diese Zeit des Verlorenseins des Osiris (Wintersonnen- 
wende) fällt die seit Jahrtausenden übliche Klage um den gestorbenen 
Gott und seine evQeaig ist ein Freudenfest. Ein Passus aus dem 
klagenden Suchen der Isis ist besonders hervorzuheben: Sie flattert als 
Schwalbe klagend um die Säule, die den im Tode schlafenden Gott 
umschließt. (Dasselbe Motiv kehrt in der Kyffhäusersage wieder.) 

Später zerstückelt Typhon die Leiche und zerstreut die Stücke. 
Dem Zerstückelungsmotiv begegnen wir in zahlreichen Sonnen- 
mythen 4 ) als Umkehrung der Zusammensetzung des Kindes im Mutter- 
leibe 5 ). Tatsächlich sucht auch die Mutter Isis die Stücke des Leichnams 
mit Hilfe d es schakalköpfigen Anubis zusammen. (Sie fand auch 

1 ) Vgl. Frobenius: Das Zeitalter des Sonnengottes. 

2 ) Vgl. die Nachtmarsagen, in denen der Mar ein schönes Weib ist. 

3 ) Was sehr an die in Astartetempeln aufgestellten phänischen Säulen 
erinnert. Tatsächlich soll auch nach einer Version die Frau des Königs Ast arte 
geheißen haben. Dieses Symbol erinnert an die, passenderweise äyttöAma ge- 
nannten Kreuze, die eine Reliquie in sich bergen. 

4 ) Spielrein (dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 358 ff.) weist bei einer dementen 
Kranken zahlreiche Andeutungen des Zerstücklungsmotivs nach. Bruchstücke 
von verschiedenen Dingen und Stoffen werden „gekocht" oder „verbrannt". 
„Die Asche kann zum Menschen werden." Patientin sah Kinder in Glassärgen 
zerschlagen. Dem dort erwähnten „Waschen, Reinigen, Kochen, Verbrennen" 
usw. kommt neben der Koitusbedeutung noch Schwangerschaftsbedeutung zu, 
letzteres wahrscheinlich in überwiegendem Maße. 

•) Letzte Abkömmlinge dieser uralten Kinderentstehungstheorie sind in 
der Karmalehre enthalten, und das Bild von den Genen der Mendelschen Ver- 
erbungstheorie hegt nicht zu fern ab. Man halte sich nur die subjektive Bedingtheit 
alles Erkennens vor Augen. 



■ 









230 

die Leiche mit Hilfe von Hunden.) Hier wurden die nächtlichen 
Leichenfresser, die Hunde und Schakale, zur Mithilfe der Zusammen- 
setzung, der Wiedererzeugung 1 ). Dieser Funktion des Leichenfraßes 
verdankt auch der ägyptische Geier seine Symbolbedeutung als 
Mutter. In der persischen Urzeit warf man die Leichen hinaus, den 
Hunden zum Fräße, wie heute noch in den indischen Leichentürmen 
den Geiern die Beseitigung des Aases überlassen wird. Persien aber 
kannte die Sitte, dem Sterbenden einen Hund ans Lager zu führen 
und der Sterbende hatte ihm einen Bissen zu überreichen 2 ). Die Sitte 
will offenbar zunächst sagen, der Bissen soll dem Hund gehören, damit 
er den Leib des Sterbenden verschone, ähnlich wie Cerberus be- 
schwichtigt wird durch den Honigkuchen, den ihm Herakles bei der 
Höllenfahrt überreicht. Wenn wir aber den schakalköpfigen Anubis, 
der bei der ■Wiederzusammenstellung des zerstückelten Osiris seine 
guten Dienste leistet, und die Mutterbedeutung des Geiers berück- 
sichtigen, so drängt sich uns die Frage auf, ob nicht mit dieser Zeremonie 
etwas Tieferes gemeint sei? Mit dieser Idee hat sich auch^ßreuzer 3 ) 
beschäftigt und ist zum Schluß gekommen, daß die astrale Form der 
Hundezeremonie, nämlich das Erscheinen des Hundssternes zur Zeit 
des höchsten Sonnenstandes, damit in Zusammenhang stehe, daß näm- 
lich das Herbeibringen des Hundes eine kompensatorische Bedeutung 
habe, indem dadurch der Tod ganz im Gegenteil zum höchsten Sonnen- 
stande gemacht werde. Dies ist durchaus psychologisch gedacht, wie 
sich aus der ganz allgemeinen Tatsache ergibt, daß der Tod als Ein- 
treten in den Mutterleib (zur Wiedergeburt) aufgefaßt wird. Dieser 
Deutung durfte auch die sonst rätselhafte Funktion des Hundes im 
Sacrificium mithriacum zu Hilfe kommen. An dem von Mithras getöteten 
Stier springt auf den Monumenten immer ein Hund auf. Nun ist aber 
dieses Sacrificium sowohl durch die persische Legende wie durch die 
Monumente auch als der Moment höchster Fruchtbarkeit auf- 
gefaßt. Am schönsten kommt dies wohl zum Ausdruck auf dem pracht- 
vollen Mithrasrelief von Heddernheim; auf der einen Seite einer 
großen (ehemals wahrscheinlich drehbaren) Steinplatte befindet sich 
die stereotype Niederwerfung und Opferung des Stieres, auf der andern 
Seite stehen Sol mit einer Traube in der Hand, Mithras mit dem Füllhorn, 



*) Demeter suchte die Glieder des zerrissenen Dionysos zusammen und 
gebar den Gott darauf wieder. 
a ) Vgl. Diodorus, III, 62. 
3 ) Symbolik. 



231 



die Dadophoren mit Früchten, entsprechend der Legende, daß aus dem 
toten Weltstier alle Fruchtbarkeit hervorgeht, aus den Hörnern die 
Früchte, aus dem Blut der Wein, aus dem Schwanz das Getreide 
aus seinem Samen die Rindergeschlechter, aus seiner Nase der Knob- 
lauch usw. Über dieser Szene steht Silvanus mit den von ihm ent- 




Die auf das mitlirische Opfer folgende Fruchtbarkeit. 

springenden Tieren des Waldes. In diesem Zusammenhang dürfte dem 
Hund sehr wohl die von Creuzer vermutete Bedeutung zukommen 1 ). 

*) Ergänzungsweise ist noch anzufügen, daß der Kynokephalos Anubis als 
Wiederhersteller der Osirisleiche (zugleich Genius des Hundssternes) eine kompen- 
satorische Bedeutung hat. In dieser Bedeutung erscheint er auf vielen Sarko- 
phagen. Der Hund ist auch ein ständiger Begleiter des heilenden Äskulap. Am 
besten unterstützt folgende Petroniusstelle die Creuzersche Hypothese: 



232 

Kehren wir nun zum Osirismythus zurück! Trotz der von Isis 
ins Werk gesetzten Wiederherstellung der Leiche gelingt die Wieder- 
belebung insofern nur unvollständig, als der Phallus des Osiris nicht 
wieder beigebracht werden kann, weil er von den Fischen gefressen 
worden war; die Lebenskraft fehlt 1 ). Osiris begattet zwar als Schatten 
noch einmal Isis, die Frucht aber ist Harpokrates, der schwach war 
an xoig xärcodev yvioig, an den unteren Gliedmaßen, d. h. entsprechend 
der Bedeutung von yvXov, an den Füßen. (Hier Fuß in phallischer 
Bedeutung, wie klar ersichtlich.) Diese Unheilbar keit der abtretenden 
Sonne entspricht der Unheilbarkeit des Re in dem oben erwähnten 
älteren ägyptischen Sonnenhymnus. Osiris, wenn auch als Schatten, 
rüstet nun die junge Sonne, seinen Sohn Horus, zum Kampfe mit 
Typhon, dem bösen Geiste der Finsternis. Osiris und Horus entsprechen 
dem eingangs erwähnten Vater- Sohn-Symbolismus, der wiederum 
entsprechend der dortigen Aufstellung 2 ) flankiert ist durch die wohl- 
gebildete und häßliche Figur, nämlich Horus und Harpokrates, der 



{Sat. c. 71.) Valde te rogo, ut secundum pedes statuae meae catellam piagas — 
ut mihi contingat tuo beneficio post mortem vivere. (Cf. Nork, 1, c, s. v. 
Hund.) Außerdem weist auf die mütterliche Wiedergeburtsbedeutung des Hundes 
soine Beziehung zur hundeköpfigen Hekate, der Unterweltsgöttin, hin. Sie empfing 
als Canioula Hundsopfer zur Fernhaltung der Pest. Ihre nahe Beziehung zu 
Artemis als Mondgöttin läßt ihre Gegensätzlichkeit zur Fruchtbarkeit durch- 
schimmern. Hekate ist auch die erste, die der Demeter Kunde vom geraubten 
Kinde bringt. (Anubisrolle!) Ebenso empfing auch die Geburtsgöttin 
Ilithyia Hundeopfer, und Hekate selber ist gelegentlich Hochzeits- und Ge- 
burtsgöttin. 

') Frobenius (1. c, S. 393) macht die Bemerkung, daß den Feuergöttern 
(den Sonnenhelden) häufig ein Glied fehle. Dazu gibt er folgende Parallele: 
„Sowie der Gott dem Ogren (Riesen) hier einen Arm ausdreht, so dreht Odysseus 
dem edlen Polyphem das Auge aus, worauf die Sonne dann geheimnisvoll am 
Himmol emporkriecht. Sollte dies Feuerandrehen und das Armausdrehen in 
einem Zusammenhange stehen?" Diese Frage wird dadurch klar beleuchtet, 
wenn wir annehmen, entsprechend dem Gedankengange der Alten, daß das Arm- 
ausdrehen eigentlich eine Kastration ist. (Das Symbol des Beraubens der Lebens- 
kraft.) Es ist ein Akt entsprechend der Attiskastration um der Mutter willen. 
Aus diesem Verzichte, der eigentlich ein symbolischer MutterinzeBt ist, entsteht 
die Feuererfindung, wie wir oben bereits vermutet haben. Es ist übrigens zu 
erwähnen, daß das Armausdrehen zunächst nur „Überwältigung" bedeutet und 
deshalb sowohl dem Helden wie seinem Gegner passieren kann. (Vgl. z. B. Fro- 
benius 1. c, S. 112 und 395.) 

') Vgl. besonders die Schilderung der Schale von Theben. 



233 

meistens als Krüppel erscheint, oft bis zur Fratzenhaftigkeit ent- 
stellt 1 ). 

Er vermischt sich in der Tradition ganz mit Horus, mit dem er 
auch den Namen gemeinsam hat. Hor-pi-chrud, wie sein eigentlicher 
Name lautet 2 ), setzt sich aus chrud = Kind und Hör (von dem 
Adjektiv hri = auf, über, obenauf) zusammen und bedeutet das ,, oben- 
aufkommende Kind", als die steigende Sonne, gegenüber Osiris, der 
die niedersteigende Sonne, die Sonne ,,im Westen" personifiziert. 
So sind Osiris und Horpichrud oder Horus ein Wesen, bald Gatte, 
bald Sohn derselben Mutter Hathor-Isis. Der Chnum-Rä, der Sonnen- 
gott von Unterägypten, als Widder dargestellt, hat als weibliche Landes- 
gottheit Hatmehit zur Seite, die den Fisch auf ihrem Haupte führt. 
Sie ist die Mutter und Gattin des Bi-neb-did (Widder, Lokalname 
des Chnum-Rä). Im Hymnus von Hibis 3 ) wird Amon-Ra angerufen: 

„Dein (Chnum- Widder) weüt in Mendes, vereinigt als Viergott ein 
Thmuis. Er ist der Phallus, der Herr der Götter. Es freut sich 1er Stier 
seiner Mutter an der Kuh (ahet, der Mutter) und der Mann befruchtet 
durch seinen Samen." 

In weiteren Inschriften 4 ) wird Hatmehit direkt als ,, Mutter des 
Mendes" bezeichnet. (Mendes ist die griechische Form von Bi-neb-did: 
Widder). Sie wird auch angerufen als die „Gute", mit dem Nebensinne 
von ta-nofert, als „junges Weib". Die Kuh als Muttersymbol findet 
sich bei allen möglichen Formen und Abarten der Hathor-Isis und be- 
sonders bei dem weiblichen Nun (parallel dazu die Urgöttin Nit oder 
Neith), dem feuchten Urstoff, der, dem indischen Atman 5 ) verwandt, 
zugleich männlicher und weiblicher Natur ist. Nun wird daher ange- 
rufen 6 ): „Arnon" das Urgewässer 7 ), das als Anfang Seiende". 

J ) Herr Prof. Freud hat mir freundlichst mitgeteilt, daß eine weitere 
Determinante für das Motiv der ungleichen Brüder in der elementaren Be- 
obachtung der Geburt und Nachgeburt zu finden sei. Es ist eine exotische 
Sitte, die Plazenta wie ein Kind zu behandeln! 

j^,Brugsch: Bei. u. Mythol. d. alt. Ägypt., S. 354. 

8 ) Brugsch: 1. c, S. 310. 

•) Brugsch: 1. c, S. 310. 

B ) Auch dem Ätman kommt im Bilde flüssige Qualität zu, insofern er 
dem Purusha des Rigveda wesentlich identisch gesetzt werden darf. „Der Purusha 
bedeckt ringsum die Erde allerorten, zehn Finger hoch noch drüber hin zu 
fließen." 

8 ) Brugsch: 1. c, S. 112 ff. 

7 ) In der Thebals, wo der Hauptgott Chnum ist, vertritt dieser in seiner 
kosmogonischen Komponente den Windhauch, aus dem sich später der „über 



234 



Er wird auch bezeichnet als der Vater der Väter, die Mutter der Mütter. 
Dem entspricht die Anrufung der weiblichen Seite des Nun-Amon, 
der Nit oder Neith: 

„Nit, die Alte, die Gottesmutter, die Herrin von Esne, der Vater 
der Väter, die Mutter der Mütter, das ist der Käfer und der Geier, das 

Seiende als Anfang." 

„Nit, die Alte, die Mutter, welche 
gebar den Lichtgott Rä, die zuerst ge- 
bar, als nichts war, das gebar." 

„Die Kuh, die Alte, welche die 
Sonne gebar und die Keime der Götter 
und Menschen legte." 

Das Wort „nun" bezeichnet die 
Begriffe jung, frisch, neu, ebenso 
das neuankommende Wasser der 
Nilflut. Im übertragenen Sinne wird 
so auch „nun" für das chaotische Ur- 
gewasser gebraucht, überhaupt für 
die gebärende Urmaterie 1 ), die durch 
die Göttin Nunet personifiziert wurde. 
Aus ihr entsprang Nut, die Himmels- 
göttin, die mit besterntem Leibe dar- 
gestellt wird oder auch als Himmels- 
kuh ebenfalls mit besterntem Leibe. 
Wenn sich also der Sonnengott 
nach und nach zurückzieht auf den 
Rücken der Himmelskuh, wie der 
arme Lazarus in „Abrahams Schoß", 
so heißt es beide Male dasselbe; sie 
gehen in die Mutter zurück, um als 
Horus wieder zu erstehen. So kann 
man sagen, daß am Morgen die Göttin Mutter ist, am Mittag Schwester- 
gattin und am Abend wieder Mutter, die den Todmatten in ihren 
Schoß aufnimmt, erinnernd an die Pietä des Michelangelo. Wie die 
Abbildung (aus Diderons Iconographie Chretienne) zeigt, ist dieser 
Gedanke auch ganz ins Christentum übergegangen. 

den Wassern schwebende Geist {jivev/xa) Gottes" entwickelt hat; das uralte 
Bild der kosmischen Eltern, die aufeinander gedrückt liegen, bis der Sohn sie 
auseinander sprengt. (Vgl. oben die Symbolik des Ätman.) 
J ) Brugsch: S. 128 f. 



1 'Mi '** "^rJt 


f^Sii\ 






') 


! / >* 


SssM 




WH 


= F$U f ■ 


1 




iwj 


3 


n 








il MF 
1 / 1 ' 


1 


\] 


p 


^jgpfSfgtjB 






m 








^^•jwy^^flj 



Maria mit dem göttlichen Sohne. 



L 



235 

So erklärt sich das Schicksal des Osiris : er geht ein in den Mutter- 
leib, die Lade, das Meer, den Baum, die Astartesäule, er wird zer- 
stückelt, wiedergeformt und erscheint in seinem Sohne, dem Hor-pi- 
chrud, aufs neue. 

Bevor wir auf die weiteren Geheimnisse, die uns dieser schöne 
Mythus verrät, eingehen, ist noch ein Mehreres vom Symbol des Baumes 
zu sagen. Osiris liegt auf den Zweigen des Baumes, von ihnen um- 
wachsen, wie im Mutterleib. Das Motiv der Umschlingung und Um- 
rankung findet sich öfter im Sonnen-, id est Wiedergeburtsmythus: 
Ein gutes Beispiel ist das Dornröschen, dann die Sage von dem Mädchen 1 ), 
das zwischen Rinde und Holz eingeschlossen ist, ein Jüngling mit 
seinem Hörn aber befreit es. Das Hörn ist golden und silbern, was auf 
den Sonnenstrahl in seiner phallischen Bedeutung hinweist. (Vergl. 
das oben über das Hörn Gesagte.) Eine exotische Sage berichtet vom 
Sonnenhelden, wie er aus Schlinggewächsen befreit werden muß 2 ). 
Ein Mädchen träumt von ihrem Liebhaber, er sei ins Wasser gefallen, 
sie versucht ihn zu retten, hat aber zuerst Tang und Seegras aus dem 
Wasser zu ziehen, dann erwischt sie ihn. In einer afrikanischen Mythe 
muß der Held nach seiner Tat erst aus dem Tang ausgewickelt werden. 
In einer polynesischen Mythe wird das Schiff des Helden von den 
Fangarmen eines riesigen Polypen umschlungen. Res Schiff ist auf 
seiner Nachtmeehrfahrt von der Nachtschlange umschlungen. In der 
poetischen Bearbeitung von Buddhas Geburtsgeschichte durch Sir 
Edwin Arnold (The light of Asia pag. 5 f.) findet sich ebenfalls das 
Umschling ungsmotiv : 

„Queen Maya stood at noon, her days mlfilled, 

Under a Palso in the Palace-grounds, 

A stately trunk, straight as a temple-shaft, 

With drown of g'.ossy leaves and a fragrant blooms 

And knowing the time come — for all things knew 

The conscious tree bent down its bows to make 

A bower about Queen Maya's Majesty; 

And Earth put forth a thousand sudden flowers 

To spread a couch; while ready for the bath 

The rock hard by gave out a limpid stream 

Of crystal flow. So brought she forth the child 3 )." 

l ) Serbisches Lied, auf das Grimm: Myth. IT, S. 544, Bezug nimmt. 

*) Frobenius: 1. c. 

3 ) Vgl. die Geburt des germanischen Aschanes, wo ebenfalls Fels, Baum 
und Wasser der Geburtsszene beiwohnen. Auch Chidher wird gefunden, auf der 
Erde sitzend, der Boden rings von Blumen bedeckt. 



236 

Einem sehr ähnlichen Motiv begegnen wir in der Kultlegende 
der samisehen Hera. Alljährlich verschwand (angeblich) das Bild 
aus dem Tempel, wurde am Meeresufer irgendwo an einem Lygosstamm 
befestigt und mit dessen Zweigen umwunden. Dort wurde es „gefunden" 
und mit Hochzeitskuchen bewirtet. Dieses Fest ist zunächst unzweifel- 
haft ein iegög yä/xos (kultische Hochzeit), denn in Samos ging die 
Legende, daß Zeus zuerst ein langdauerndes, heimliches Liebesverhältnis 
mit Hera gehabt habe. In Platää und Argos wurde sogar der Hochzeits- 
zug mit Brautjungfern, Hochzoitsmalil usw. dargestellt. Das Fest 
fand im Hochzeitsmonat rajurjltcov statt (Anfang Februar). Aber 
auch in Platää wurde das Bild an eine einsame Stelle des Waldes 
zuvor gebracht, etwa entsprechend der Legende bei Plutarch, daß 
Zeus die Hera geraubt und dann in einer Höhle des Kithairon versteckt 
habe. Nach unseren bisherigen Ausführungen müssen wir daraus aller- 
dings noch auf einen andern Gedankengang schließen, nämlich auf den 
Wiederverjüngungszauber, der mit dem Hierosgamos verdichtet ist. 
Das Verschwinden und Verstecken im Wald, in der Höhle, am Meeres- 
ufer, im Lygos 1 ) umschlungen, deutet auf Sonnentod und Wiedergeburt. 
Die Vorfrühlingszeit (die Zeit der Hochzeiten) im FaßfjXu&v paßte 
dazu sehr gut. Tatsächlich berichtet Pausanias 2, 38, 2, daß die 
argivisehe Hera durch ein alljährliches Bad im Quell Kanathos 2 ) 
wieder zur Jungfrau wurde. Die Bedeutung dieses Bades wird 
noch hervorgehoben durch den Bericht, daß im platäischen Kult der 
Hera Teleia Tritonische Nymphen auftraten als Wasserträgerinnen. 
In der Erzählung von Hias XIV, 294—296 und 346 f., wo das eheliche 
Lager des Zeus auf dem Ida geschildert ist 3 ), heißt es: 

Also Zeus umarmte voll Inbrust seine Gemahlin. 

Unten die heilige Erd' erzeugt aufgrünende Kräuter, 

Lotos und tauiger Blum', und Krokos, sammt Hyakinthos, 

Dicht und locker geschwellt, die empor vom Boden sie trugen: 

Hierauf ruheten beid' und hüllten sich ein Gewölk um, 

Schön und strahlend von Gold; und es taute nieder mit Glanzduft, 

Also schlummerte sanft auf Gargaros 5 Höhe der Vater, 

Trunken von Schlaf und Lieb', und hielt in den Armen die Gattin 



') Avyos 'st eine Weide, überhaupt jeder biegsame und flechtbare Zweig 
(■Xvyös ist auch eine Tischlersehraube, um Holz einzuspannen). Xvy6ut heißt 
flechten. 

2 ) Euphe misch für dävaros"! 

3 ) Sonderbarerweise findet sich gerade bei dieser Stelle, V. 288, die 
Schilderung des hoch auf der Tanne sitzenden Schlafes: 



237 

Drexler (bei Röscher Lex. Sp. 2102, 52 ff.) erkennt in dieser 
Schilderung eine unverkennbare Anspielung auf den Göttergarten 
im äußersten Westen am Ufer des Ozeans, welche Vorstellung 
aus einem vorhomerischen Hierosgamos-Hymnus entnommen wäre. 
Jenes westliche Land ist das Land des Sonnenunterganges, dorthin 
eilen Herakles, Gilgamesh u. a. mit der Sonne, um sich dort Unsterb- 
lichkeit zu holen, wo die Sonne und mütterliches Meer zu ewig ver- 
jüngendem Beilagersich vereinigen. Unsere Vermutung einer Verdichtung 
des Hierosgamos mit einem Wiedergeburtsmythus dürfte sich 
demnach wohl bestätigen. Pausanias (III, 16, 11) erwähnt ein 
verwandtes Mythenfragment, daß nämlich das Bild der Artemis Orthia 
auch Lygodesma (von Weiden gefesselt) heiße, weil es in einem 
Weidenbusch gefunden worden sei; in diesem Bericht scheint 
eine Beziehung auf die allgemeingriechische Hierosgamosfeier mit 
ihren oben besprochenen Gebräuchen zu liegen 1 ). 

Das Motiv des „Verschlingens", das Frobenius als einen der 
regelmäßigsten Bestandteile der Sonnenmythen aufgewiesen hat, steht 
hier (auch sprachfigürlich) ganz nahe. Der „Walfischdräche" (Mutter- 
leib) ,, verschlingt" immer den Helden. Das Verschlingen kann auch 
partiell sein, d. h. ein teilweises Verschlingen. Ein 6 jähriges Mädchen, 
das ungern in die Schule geht, träumt, daß sein Bein von einem großen 
roten Wurm umschlungen werde. Für dieses Tier hat sie gegen Er- 
warten ein zärtliches Interesse. Eine erwachsene Patientin, die sich, 
infolge einer außerordentlich starken Mutterübertragung auf eine 
ältere Freundin, von dieser nicht trennen kann, träumt: Sie hat mit 
ihrer Freundin ein tiefes Wasser zu überschreiten (typisches Bild!), 
ihre Freundin fällt hinein (Mutterübertragung), sie versucht sie hinaus- 
zuziehen, es gelingt beinahe, da faßt aber ein großer Krebs die Träumerin 
am Fuß und versucht sie hineinzuziehen. 

Auch etymologisch ist dieses Bild vorhanden: Es gibt eine indo- 
germanische Wurzel velu-, vel- mit der Bedeutung von umringen, 

„Allda saß er von Zweigen umhüllt voll stachlicher Tangein 
Gleich dem tönenden Vogel, der nachts die Gebirge durchflattert." 

Es sieht aus, wie wenn dieses Motiv zum Hierosgamos gehörte. Vgl. auch 
das zauberische Netz, mit dem Hephästos Ares und Aphrodite in flagranti um- 
schließt und festlegt zum Spotte der Götter. 

l ) Verwandt ist der Ritus der Fesselung der Bilder des Herakles und des 
tyriechen Melkarth. Auch die Kabiren wurden in Hüllen eingewickelt. Creuzer, 
Symbolik, II, 350. 









238 

umhüllen, drehen, wenden. Daraus abgeleitet sind : Sanskr. val, valati = 
bedecken, umhüllen, umringen, ringeln (Schlangensymbol), valli = 
Schlingpflanze, ulüta=Boa constrictor = lat. volütus, lit. 
velü, velti = wickeln, kirchenslav. vlina = althochd. wella = Welle. 
Zu der Wurzel velu gehört auch die Wurzel vivo mit der Bedeutung 
Hülle, Eihaut, Gebärmutter. (Man sieht: die Schlange ist um ihrer 
Häutung willen ein treffliches Wiedergeburtssymbol.) Sanskr. ulva. 
ulba mit derselben Bedeutung. Lat. volva, volvula, vulva. Zu velu 
gehört auch die Wurzel ulvorä mit der Bedeutung von Fruchtfeld, 
Pflanzenhülle. Sanskr. urvarä = Saatfeld. Zend. urvara = Pflanze. 
(Siehe die Personifizierung der Ackerfurche.) Der gleiche Stamm vel 
hat auch die Bedeutung von wallen. Sanskr. ulmuka = Brand. 
Fatta Fela, got. vulan = wallen. Althochd. und mittelhoch, walm = 
Hitze, Glut 1 ). (Es ist typisch, daß dem Sonnenhelden im Zustand 
der „Involution" vor Hitze immer die Haare ausgehen.) Ferner findet 
sich die Wurzel vel als „tönen" 2 ) und als wollen, wünschen. (Libido !) 
Das Motiv des Umschlingens ist Muttersymbolik 3 ). Dies erwahr- 



>) Fick: Indog. Wörterbuch, I, S. 132 f. 

2 ) Vgl. die „tönende Sonne". 

8 ) Zum Verschlingungsmotiv gehört auch das Motiv der „Klappfelsen" 
(Frobenius I.e., S.405). Der Held muß mit seinem Schiffe zwei Felsen passieren, 
die zusammenklappen. (Ähnlich beißende Tür, zusammenklappender Baum- 
stamm.) Beim Passieren wird meistens der Schwanz des Vogels abgeklemmt 
(oder das Hinterteil des Schiffes usw.); man erkennt darin wieder das Kastrations- 
motiv („Armausdrehen"), denn die Kastration tritt für den Mutterinzest ein. 
Die Kastration erfolgt in den Formen eines Koitus. Scheffel verwendet dieses 
Bild in seinem bekannten Liede : „EinHarung liebt' eine Auster" usw. Das Ende 
vom Liede ist, daß die Auster ihm beim Küssen den Kopf abklemmt. Die Tauben, 
die Zeus die Ambrosia bringen, haben auch die Klappfelsen zu passieren. Die 
„Tauben" bringen durch den Inzest (Eingehen in die Mutter) dem Zeus die Un- 
sterblichkeitsnahrung, vergleichbar den Äpfeln (Brüsten) Freyas. Wie auch 
Fresenius erwähnt, stehen die Felsen oder Höhlen, die sich nur auf einen 
Zauberspruch öffnen, mit dem Klappfelsenmotiv in nächster Verbindung. Am 
allerbezeichnendsten in dieser Hinsicht ist eine südafrikanische Mythe (Frobenius, 
S. 407): „Man muß den Felsen beim Namen rufen und laut schreien: „Felsen 
Utunjambili, öffne dich, damit ich eintreten kann. Der Stein kann aber, wenn er 
sich dem betreffenden Mann nicht eröffnen will, damit antworten: „Der 
Fels wird nicht durch Kinder geöffnet, er wird geöffnet durch die 
Schwalben, die in der Luft fliegen!" 

Das Bemerkenswerte ist, daß keine Menschenkraft den Felsen öffnen kann, 
nur ein Spruch vermag es, — oder ein Vogel. Schon diese Formulierung sagt 
es, daß die Eröffnung des Felsens ein Unternehmen sei, das nicht wirklich aus- 



1 



239 

heitet sich auch durch die Tatsache, daß die Bäume z. B. wiedergebären 
(wie der , .Walfisch drache" im Jonasmythus). Sie tun das ganz im 
allgemeinen, so sind in der griechischen Sage die MeX'uxi vvju<pai die 
Eschen, die Mütter des ehernen Menschengeschlechtes. (Zugleich 
liegt darin auch wieder die phallische Komponente, indem aus der 
Esche die Lanze gefertigt wird.) In der nordischen Mythologie ist 
Askr, die Esche, der Urvater. Seine Frau Embla ist die „Emsige" und 
nicht, wie man früher glaubte, die Erle. Askr dürfte in erster Linie 
wohl die phallische Eschenlanze bedeuten. (Vergl. den sabinischen 
Gebrauch, das Haar der Braut mit der Lanze zu scheiteln.) Der Bundehesh 
symbolisiert die ersten Menschen, Meschia und Meschiane als den Baum 
Reivas, von dem der eine Teil einen Ast in ein Loch des andern steckt. 
(Nork.) Der Stoff, den nach dem nordischen Mythus der Gott belebte, 
als er Menschen schuf, wird als tre = Holz, Baum 1 ) bezeichnet 2 ). 
Ich erinnere auch an vlrj = Holz, was lateinisch materia heißt. Im Holz 
der Weltesche Yggdrasil verbirgt sich beim Weltuntergang ein Menschen- 
paar, von dem dann die Geschlechter der erneuerten Welt abstammen 3 ). 
In diesem Bilde ist leicht wieder das Noahmotiv („Nachtmeerfahrt") 
zu erkennen, zugleich ist im Symbol von Yggdrasil wieder ein Mutter- 
bild zu erkennen. Im Moment des Weltunterganges wird die Weltesche 
zur bewahrenden Mutter, zum Toten- und Lebensbaum, ein iyxöXniov*). 

geführt werden kann, sondern das man nur auszuführen wünscht. (Wünschen 
ist im Mittelhochdeutschen auch schon das „Vermögen Außerordentliches zu 
schaffen".) Wenn ein Mensch stirbt, so bleibt nur der Wunsch übrig, er möchte 
noch leben, ein unerfüllter Wunsch, ein „schwebender" Wunsch, daher diejSeeJen 
Vö gel sind . Die Seele ist ganz nur Libido, wie an vielen Stellen dieser Unter- 
8uchüng~erhellen dürfte, sie ist „Wünschen". So ist der hilfreiche Vogel, der 
dem Helden im Walfisch wieder ans Licht verhilft, der die Felsen öffnet, — der 
Wiedergeburtswunsch. (Die Vögel als Wünsche, vgl. das schöne Bild von Thoma, 
wo der Jüngling seine Arme sehnsuchtsvoll ausstreckt nach den Vögeln, die über 
sein Haupt hinziehen.) 

') Grimm: Myth., I, S. 474. 

2 ) In Athen gab es ein Geschlecht der AlyeiQÖro/xoi, der aus der Pappel 
Gehauenen. 

3 ) Hermann: Nord. Myth., S. 589. 

4 ) Javanische Stämme pflegen ihr Gottesbild in einer künstlichen Aus- 
höhlung eines Baumes aufzustellen. Hier schließt sich die „Höhlchen"phantasie 
Zinzendorfs und seiner Sekte an. Vgl. Pfister, Frömmigk. d. Gr. v. Zinzendorf. 
Im persischen Mythus ist der weiße Haoma ein himmlischer Baum, der im See 
Ourukasha wächst, der Fisch Khar- mähi kreist schützend um ihn und ver- 






240 

Aus dieser Wiedergeburtsfunktion der Weltesche wird auch das Bild 
klar, dem wir in dem Kapitel des ägyptischen Totenbuches, das „Pforte 
von der Kenntnis der Seelen des Ostens" heißt, begegnen: 

„Ich bin der Pilot in dem heiligen Kiele, ich bin der Steuermann, 
der sich in dem Schiffe des Eä l ) keine Ruhe gönnt. Ich kenne jenen Baum 
von smaragdgrüner Farbe, aus dessen Mitte Rä emporsteigt zur 
Wolkenhöhe 2 )." 

Schiri und Baum (Totenschiff und Totenbaum) sind hier nahe 
beisammen. Das Bild sagt, daß Rä aus dem Baum geboren emporsteigt. 
(Osiris in der Erika.) Auf dieselbe Art ist wohl die Darstellung des 
Sonnengottes Mithras zu deuten, welcher auf dem Heddernheimer 
Relief dargestellt ist, wie er zu halbem Leibe aus dem Wipfel eines 
Baumes emporragt (siehe Abbild.). (In derselben Weise wie auf 
zahlreichen anderen Monumenten bis zu halbem Leibe im Felsen 
steckend, wodurch die Felsgeburt veranschaulicht wird, ähnlich Men.) 
öfter findet sich neben der Geburtsstätte des Mithras ein Fluß. Diesem 
Symbolkonglomerat entspricht die Geburt des Aschanes, des ersten 
Sachsenkönigs, der aus den Harzfelsen emporwächst, die mitten 
im Wald bei einem Springbrunnen 3 ) stehen 4 ). Hier finden wir alle 
Muttersymbole vereinigt, Erde, Holz, Wasser, drei Formen fester 
Materia. Wir dürfen uns nicht mehr wundern, wenn im Mittelalter 
der Baum poetisch mit dem Ehrentitel „Frau" angeredet wurde. Ebenso 
ist es nicht erstaunlich, daß die christliche Legende aus dem Totenbaum 
des Kreuzes das Lebensholz, den Lebensbaum, machte, so daß öfter 
Christus an einem grünenden und fruchttragenden Lebensbaum 
dargestellt wurde. Diese Zurückleitung des Kreuzsymbols auf den 
Lebensbaum, der schon babylonisch als wichtiges Kultsymbol be- 
glaubigt ist, hält auch der gründliche Bearbeiter der Kreuz- 



teidigt ihn gegen die Kröte Ahrimans. Er gibt ewiges Leben, den Frauen Kinder, 
den Mädchen Gatten und den Männern Rosse. Im Minökhired heißt der Baum 
der „Zubereiter der Leichname". (Spiegel: Erän. Altertumskunde, II, 115.) 

') Sonnenschiff, das die Sonne und Seele über das Todesmeer geleitet 
zum Aufgange. 

*) Brugsch: 1- c. 177. 

3 ) Ähnlich Jesaja, 51, 1: „Schauet den Felsen an, davon ihr gehauen 
seid, und des Brunnens Gruft, daraus ihr gegraben seid." Weitere Belege in A. von 
Löwis of Menar: Nordkaukasische Steingeburtsagen, Archiv für Religions- 
wissenschaft, XIII, 509 ff. 

«) Grimm: Myth., I, S- 474. 






241 



geschichte, Zöckler 1 ), für durchaus wahrscheinlich. Die vorchrist- 
liche Bedeutung des (universell verbreiteten) Symbols widerspricht 
dieser Auffassung nicht, im Gegenteil, denn sein Sinn ist Leben. 
Auch das Vorkommen des Kreuzes im Sonnenkult (hier das gleicharmige 
und das Swastikakreuz als Darstellung des Sonnenrades) sowie im Kult 




Christus am Lebensbaum. 

der Liebesgöttinnen (Isis mit der Crux ansata, dem „Tau", dem Speculum 
veneris 9 usw.) widerspricht der obigen (historischen) Bedeutung 
keineswegs. Die christliche Legende hat von diesem Symbolismus 
reichlich Gebrauch gemacht. Für den Kenner mittelalterlicher Künste 
geschichte ist jene Darstellung bekannt, wo das Kreuz aus dem Grabe 

J ) Das Kreuz Christi. Rel.-hist.-kirchl.^rchäoi: Untersuchungen, 1875. 
Jung, Libido. jg 



242 

Adams wächst. Die Legende war, daß Adam auf Golgatha begraben 
lag. Seth hatte auf sein Grab einen Zweig des Paradiesesbaumes ge- 
pflanzt, der zum Kreuz- und Totenbaum Christi wurde 1 ). Bekanntlich ist 
durch Adams Schuld Sünde und Tod in die Welt gekommen und Christus 
hat uns durch seinen Tod von der Schuld losgekauft. Auf die Frage, 
worin denn Adams Schuld bestanden habe, ist zu sagen, daß seine 
unverzeihliche, mit dem Tode zu büßende Sünde war, daß er sich er- 
dreistete, vom Paradiesesbaum zu pflücken 2 ). Was das für Folgen 
hatte, schildert eine orientalische Legende: Einer, dem es vergönnt 
war, nach dem Sündenfall noch einen Blick ins Paradies zu werfen, 
sah dort den Baum und die vier Ströme. Der Baum aber war verdorrt 
und in seinen Zweigen lag ein Kindlein. Die Mutter war schwanger 
geworden 3 ). 

Dieser bemerkenswerten Sage entspricht die talmudische Tra- 
dition, daß Adam schon vor Eva ein dämonisches Weib besaß, Namens 
Lilith, mit der er um die Herrschaft rang. Lilith aber erhob sich 
durch den Zauber des Gottesnamens in die Luft und verbarg sich im 
Meer. Adam aber zwang sie zurück mit Hilfe von drei Engeln 4 ). 
Lilith wurde zu einem Mar, einer Lamia, welche die Schwangeren 
bedrohte und die neugeborenen Kinder raubte. Der Parallel- 
mythos ist der der Lamien, der Nachtgespenster, die die Kinder er- 
schreckten. Die ursprüngliche Sage war, daß Lamia Zeus verlockte, 

') Die Sage von Seth findet sich bei Jubinal: Mysteres inWits du 
XV. siecle, T. II, S. 16 ff. Zitiert Zöckler: 1. c, S. 241. 

*) Die Schuld wird, wie immer, in diesen Mythen, wenn möglich, auf die 
Mutter abgewälzt. Die germanischen heiligen Bäume standen auch unter dem 
Gesetz eines absoluten Tabu: es durfte von ihnen kein Blatt abgerissen und 
auf dem Boden, soweit ihr Schatten reichte, nichts gepflückt werden. 

s ) Nach der deutschen Sage (Grimm: Bd. II, S. 809) wird der erlösende 
Held geboren, wenn der Baum, der jetzt als schwaches Bcis aus einer Mauer 
wächst, groß geworden ist und wenn aus seinem Holze die Wiege gezimmert 
wird, in welcher der Held soll geschaukelt werden. Die Formel lautet (1. c): 
„Eine Lande solle gepflanzt werden, die werde oben zwei Plantschen (Äste) treiben, 
aus deren Holz eine Poie zu machen sei: Welches Kind in ihr zuerst liegen werde, 
das sei bestimmt, mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht zu werden 
und dann trete Erlösung ein." Auch in germanischen Sagen knüpft sich be- 
merkenswerterweise der Eintritt des künftigen Ereignisses an einen keimenden 
Baum. Vgl. dazu die Bezeichnungen Christi als ein „Reis" oder eine „Rute". 

*) Worin das Motiv der „Vogelhilfe" zu erkennen ist. Engel sind eigentlich 
Vögel. Vgl. das Vogelkleid der Unterweltseelen, „Seelenvogel"; im Sacrificium 
mithriacum ist der Götterbote (der „Engel") ein Rabe, der geflügelte Hermes 
usw. Die Dreizabl ist phallisch bedeutsam. 



243 

die eifersüchtige Hera aber bewirkte, daß Lamia nur tote Kinder 
zur "Welt brachte. Seitdem ist die wütende Lamia die Verfolgerin 
der Kinder, die sie tötet, wo sie nur immer kann. Dieses Motiv kehrt 
in den Märchenerzählungen häufig wieder, wo die Mutter oft ganz 
direkt als Mörderin 1 ) oder als Menschenfresserin auftritt, ein 
deutsches Paradigma ist das bekannte Märchen von Hansel und Gretel. 
Tatsächlich ist Xa/xta ein großer, gefräßiger Meerfisch 2 ), womit der 
Anschluß an die von Frobenius so schön bearbeitete Walfischdrachen- 
mvthe gefunden ist, wo das Meertier den Sonnenheros verschlingt 
zur Wiedergeburt und wo der Held alle List aufzuwenden hat, das 
Ungeheuer zu überwinden. Wir begegnen hier wiederum dem Bilde 
der furchtbaren Mutter in der Gestalt des gefräßigen Fischschlundes 
des Todes 3 ). Bei Frobenius (1. c.) finden sich zahlreiche Beispiele, 
wo das Ungeheuer nicht nur Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, 
ein ganzes Land verschlungen hat, was alles durch den Helden zu einer 
gloriosen Wiedergeburt erlöst wird. 

Die Lamien sind typische Nachtmare, deren weibliche Natur 
reichliph belegt ist 4 ). Ihre überall verbreitete Eigentümlichkeit ist, 
daß sie ihre Opfer reiten. Ihr Gegenstück sind die gespenstischen 
Kosse, die den Reiter in tollem Lauf entführen. Man erkennt in diesen 
Symbolformen leicht den Typus des Angsttraumes, der, wie Riklin 
zeigt 5 ) für die Märchenerklärung durch den Versuch von Laistner 6 ) 
bereits bedeutsam geworden ist. Das typische Reiten erhält einen 
besondern Aspekt durch die Ergebnisse der analytischen Erforschung 
der Kinderpsychologie: die beiden einschlägigen Arbeiten von Freud 
und mir 7 ) haben einerseits die ängstliche Bedeutung der Pferde, ander- 
seits die sexuelle Bedeutung der Reitphantasie herausgebracht. Wenn 
wir diese Erfahrungen mit in Betracht ziehen, so kann es uns nicht mehr 
zu sehr überraschen, wenn wir vernehmen, daß die mütterliche Welt- 

l ) Vgl. Frobenius: 1. c. 

*) Aa/iÖ£ = Schlund, Höhle, rä Aa/ula = Erdsohlünde. 

') Die nahe Beziehung öeAtpig = Delphin und befaptig = uterus ist hervor- 
zuheben. In Delphi befindet sich der Erdschlund und der Dreifuß (ÖEAqjivlg = 
ein delphischer Tisch mit drei Füßen in Delphinengestalt). Vgl. im letzten Kapitel 
Melicertes auf dem Delphin und das Verbrennungsopfer Melkarths. 

*) Vgl. die umfangreiche Zusammenstellung bei Jones: On the nightmare. 

B ) Riklin: Wunscherfüllung und Symbolik usw. 

8 ) Laistner: Das Rätsel der Sphinx. 

7 ) Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. I. 

Jung: Konflikte der kindlichen Seele. Deutioke, Wien. 

16* 




244 

esche Yggdrasill deutsch „Schreckroß" heißt. Cannegieter 1 ) sagt von 
den Nachtmaren: „Abigunt eas nymphas (matres deas, mairas) hodie 
rustici osse capitis equini tectis injecto, cujusmodi ossa per has 
terras in rusticorum villis crebra est animadvertere. Nocte autem ad 
concubia equitare creduntur et equos f atigare ad longinqua itinera". 
Das Zusammensein von Mar und Pferd scheint auf den ersten Blick 
auch etymologisch vorzuliegen — Nightmare und Mare (engl.). Der indo- 
germanische Stamm zu Märe ist aber Mark. Märe ist das Pferd, 
engl, mare, althochdeutsch marah (männliches Pferd) und meriha 
(weibliches Pferd), altnordisch merr (mara = Alp), angelsächsich myre 
(maira). Französisch cauchmar kommt von calcare =s treten (von 
Iterativbedeutung, daher für keltern), wird auch vom Hahn gesagt, 
der die Henne „betritt" (Hahnentritt). Diese Bewegung ist ebenfalls 
typisch für den Mar, daher heißt es vom König Vanlandi: „Mara trad 
han", die Mara trat ihn tot im Schlafe 2 ). Ein Synonym für Alp oder Mar 
ist der Troll oder „Treter 3 )". Diese Bewegung (calcare) ist wiederum, 
belegt durch Freuds und meine Erfahrung an Kindern, wo dem Treten 
oder „Strampeln" eine besondere infantile Sexualbedeutung zukommt. 
(So tritt auch gleich der Mara die „Stempe" 4 ). 

Der gemeinarische Stamm mar heißt sterben, daher „mara" 
die „Tote", oder der Tod. Daraus ergeben sich mors, pcögog = Schicksal, 
(ebenso {idiQa' 1 .) 5 ). Bekanntlich repräsentieren die unter der Weltesclie 
sitzenden Nomen das Schicksal, wie Klotho, Lachesis und Atropos» 
Auch bei den Kelten geht der Begriff der fatae wohl in den der matres 
und matronae über 6 ), die bei den Deutschen göttliche Bedeutung 
hatten. Eine bekannte Stelle bei Julius Caesar (de bello Gall. 1, 50) 
berichtet uns von dieser Bedeutung der Mütter: ut matres familiaa 
eorum sortibus et vaticinationibus 7 )declararent,utramproeliumcommitti 
ex usu esset, nee ne. 

*) Epistola de ara ad Noviomagum reperta, S. 25. Zitiert b. Grimm.: 
Myth., Bd. II, S. 1041.) 

*) Grimm: 1. c, Bd. II, S. 1041. 

3 ) Vgl. dazu die quellenstampfenden Pferde. 

*) Grimm: 1. c, Bd. II, S. 1041. 

6 ) Vgl. Herr mann: Nord. Myth., S. 64, und Fiok: Vergleich. Wörterb. 
d. indogerm. Sprache, Bd. I. 

«) Grimm: 1. c, Bd. I, S. 345 f. 

7 ) Parallel die mantische Bedeutung des delphischen Schlundes, Mimir's 
Brunnen usw. „Abgründe der Weisheit", siehe letztes Kapitel. Hippolytos, in den 
seine Stiefmutter verliebt war, wird nach dem Tode zur weisen Nymphe 
Egeria versetzt. 









245 

Zu der Etymologie des Mar ist auch hinzuzufügen, daß im Fran- 
zösischen mere eine starke lautliche Annäherung stattfindet zwischen 
Mutter und Mar, was etymologisch allerdings nichts beweist. Im Slaw. heißt 
mara Hexe, poln. mora = Alp. mör oder möre (Schweizer Deutsch) 
heißt Mutterschwein (auch Schimpfwort). Das böhmische mura heißt 
Nachtmar und Abendschmetterling, Sphinx. Dieser sonderbare Zusam- 
menhang erklärt sich durch die analytisch schon öfter erhobene Tat- 
sache, daß Tiere mit zusammenklappbaren Schalen („Venusmuschel") 
oder Flügeln aus durchsichtigem Grunde als Symbol des weiblichen 
Genitales verwendet werden 1 ). Die Sphingiden sind die Dämmerungs- 
falter, sie kommen in der Dunkelheit wie die Mare. Endlich ist zu er- 
wähnen, daß der heilige Ölbaum der Athene juoqUx hieß (das von fx6 QO g 
hergeleitet wird). Halirrhotios wollte den Baum umhauen, tötete 
sich aber dabei selber mit dem Beile. 

Der klangliche etymologisch zufällige Zusammenhang von 
mar, mere mit Meer und lat. mare ist merkwürdig. Sollte er 
vielleicht zurückweisen auf das „große, urtümliche Bild" der Mutter, 
die uns erstmals einzige Welt bedeutete und nachmals zum Symbol 
von aller Welt wurde? Von den Müttern sagt ja Goethe: sie 
sind „umschwebt von Bildern aller Kreatur". Auch die Christen 
konnten es nicht lassen, ihre Gottesmutter wieder mit dem Wasser " 
zu vereinigen: „Ave maris Stella" beginnt ein Marienhymnus. 
Auch sind es Neptuns Eosse, welche die Meereswogen sym- 
bolisieren. Es dürfte wohl von Belang sein, daß das Infantilwort ma-ma 
(Mutterbrust) im Anlaut in allen möglichen Sprachen sich wiederholt 
/Und daß die Mütter von zwei religiösen Heroen Maria und Maja hießen. 
Daß die Mutter des Kindes Pferd ist, zeigt sich am deutlichsten in der 
barbarischen Sitte, das Kind auf dem Eücken zu tragen oder auf der 
Hüfte reiten zu lassen. Odin hing an der Weltesche, der Mutter, seinem 
„Schreckroß". / /Der ägyptische Sonnengott sitzt auf dem Kücken 
seiner Mutter, der Himmelskuh. y^ 

Wir sahen bereite, daß nach ägyptischer Vorstellung Isis, die 
Gottesmutter, dem Sonnengott den bösen Streich mit der giftigen 
Schlange spielte, ebenso benimmt sich die Isis in der Überlieferung 
des Plutarch verräterisch gegenüber ihrem Sohne Horus: Horus be- 
zwingt nämlich den bösen Typhon, der Osiris meuchlerisch (furchtbare 
Mutter = Typhon) mordete. Isis aber läßt ihn wieder frei. Horus, 

*) Beispiel bei Bertschinger: Dieses Jahrbuch, Bd. III, 1. Hälfte. 



246 



darüber empört, legte Hand an die Mutter und riß ihr den 
königlichen Schmuck vom Haupte 1 ), wofür ihr Hermes einen 
Kuhkopf aufsetzte. Darauf bezwang Horus den Typhon zum zweiten 
Male. Typhon ist in der griechischen Sage ein ungeheurer Drache. 
Auch ohne diese Konstatierung ist es klar, daß der Kampf des Horus 
der typische Kampf des Sonnenhelden mit dem „Walfischdrachen" 
ist. Von letzterem aber wissen wir, daß er ein Symbol der furcht- 
baren Mutter ist, des gefräßigen Todesschlundes, wo die Menschen 
zermahlen und zerstückelt werden 2 ). Wer dieses Ungeheuer überwindet, 
hat sich eine neue oder ewige Jugend erkämpft. Dazu muß man aber, 
allen Gefahren trotzend, meistens in den Leib des Ungeheuers hinab- 
steigen 3 ) (Höllenfahrt) und dort unten einige Zeit verweilen („Nacht- 
meergefängnis", Frobenius). 

Der Kampf mit der Nachtschlange bedeutet demnach die 
Überwältigung der Mutter, der ein schändliches Verbrechen, 
nämlich der Verrat des Sohnes, zugetraut wird. Eine volle Bestätigung 
dieser Zusammenhänge wird uns durch die von George Smith ent- 
deckten Fragmente des babylonischen Weltschöpfungsepos, die größten- 
teils aus der Bibliothek Asurbanipals stammen. Die Entstehungszeit 
des Textes könnte in die Zeit Hammurabis fallen (2000 a. Chr. n.)'. 
Aus diesem Schöpfungsbericht 4 ) erfahren wir, daß der uns bereits 
bekannte Sohngott Ea, der Sohn der Wassertiefe und der Gott der 
Weisheit 5 ), Apsü überwältigt hat. Apsü ist der Erzeuger der großen 
Götter (er existierte anfangs in einer Art Dreieinigkeit mit Tiämat, 
der Göttermutter und Mummu, seinem Vezier.) Ea hat also den Vater 
bezwungen. Tiämat aber sann auf Rache: Sie rüstete zum Kriege, 
gegen die Götter: 



1 ) 'AXX' imßaAövTa rfj firjTQi T&g X El Q a S änoöiiäöat v/jg tte<paAf)s rd 
ßaöMeiov. Plutarch: De Isid. et Osir., 19, 6. 

2 ) Vgl. die bei Frobenius (Zeitalter des Sonnengottes) berichteten exo- 
tischen Mythen, wo der Walfischbauch einfach das Totenland ist. 

3 ) Es gehört zu den ständigen Eigentümlichkeiten des Mar, daß er nur 
wieder zu dem Loche hinaus kann, wo er hereinkam. Dieses Motiv 
gehört ersichtlicherweise als projiziertes Wunschmotiv in den Wiedergeburts- 
mythus. 

*) Nach Greßmann: Altorient. Text, und Bild. Bd. I, S. 4 ff. 

5 ) Abgrund der Weisheit, Brunnen der Weisheit, Quelle der Phantasie. 
Vgl. unten. 



247 

„Mutter Hubur, die alles bildete, 

Gab unwiderstehliche Waffen bei, gebar Riesenschlangen 

Mit spitzen Zähnen, schonungslos in jeder Hinsicht(?); 

Mit Gift füllte sie, statt mit Blut, ihren Leib. 

Wütende Riesenmolche (?) bekleidete sie mit Furchtbarkeit; 

Von Schreckensglanz ließ sie sie strotzen, bildete sie hochragend (?) 

"Wer sie erschaute, sollte vor Schauder vergehn (?); 

Ihre Leiber sollten sich bäumen, ohne daß sie sich zur Flucht wenden. 

Sie stellte auf Molche(?), Drachen und Lahamen, 

Orkane, tolle Hunde, Skorpionmenschen, 

Mächtige Stürme, Fischmenschen und Widder(?) 

Mit schonungslosen Waffen, ohne Furcht vor Kampf. 

Gewaltig sind ihre (Tiämat's) Geheiße, unwiderstehlich sind sie." 

„Nachdem Tiämat ihr Werk gewaltig gemacht, 

Ersann(?) sie (Böses) gegen die Götter, ihre Nachkommenschaft; 

Um Apsü zu rächen, handelte Tiämat böse." 

„Da nun Ea jene Sache hörte, 

Ward er schmerzlich beängstigt, traurig setzte er sich nieder. 

„ « 

„Er ging vor den Vater, seinen Erzeuger Ansar, 
Um alles was Tiämat geplant, ihm zu berichten: 
„Tiämat, unsere Mutter, hat Widerwillen gegen uns gefaßt, 
Hat eine Zusammenrottung veranstaltet, grimmig wütend." 

Gegen das furchtbare Heer der Tiämat stellen die Götter schließ- 
lich den Frühlingsgott Mardtik, die siegende Sonne. Marduk rüstet 
sich zum Kampfe ; von seiner Hauptwaffe, die er sich schafft, heißt es : 

„Er schuf den bösen Wind Imhullu, den Südsturm und den Orkan; 

Den Vierwind, den Siebenwind, den Wirbelwind(?) und den Unheilswind(?). 

Ließ dann hinaus die Winde, die er geschaffen, ihrer sieben; 

Im Innern Tiämats Verwirrung zu stiften, zogen sie hinter ihm einher. 

Da nahm empor der Herr den Zyklon (?), seine große Waffe; 

Als Wagen bestieg er den Sturmwind, den unvergleichlichen, schrecklichen." 

Seine Hauptwaffe ist der Wind und ein Netz, mit dem er Tiämat 
umschlingen will. Er nähert sich Tiämat und fordert sie zum Zweikampf 
heraus 1 ). 

„Da traten zusammen Tiämat und der Weise(?) unter den Göttern, Marduk, 

Zum Kampf sich erhebend (?); sich nähernd zur Schlacht; 

Da breitete der Herr sein Netz aus und fing sie; 

Den Imhullu in seinem Gefolge ließ er gegen ihr Antlitz los, 

Als Tiämat nun ihren Mund öffnete, soweit sie vermochte (?), 

>) „Da näherte sich der Herr, nach Tiämats Mitte (?) spähend — ." 



248 

Ließ er den Imhullu hineinfahren, damit sich ihre Lippen nicht schließen 

könnten. 
Mit den wütenden "Winden füllte er ihren Leib; 

Erfaßt(?) ward ihr Inneres und ihren Mund öffnete sie weit. 

Er setzte den Speer(?) an(?), zerschlug ihren Leib, 

Ihr Inneres zerfetzte er, zerschnitt (ihr) Herz, 

Bändigte sie und machte ihrem Leben ein Ende; 

Ihren Leichnam warf er hin, auf ihn tretend." 

Nachdem Marduk die Mutter erschlagen, ersann er die Welt- 
schöpfung: 

„Da ruhte der Herr aus, ihren Leichnam betrachtend, 

Teilte dann den Koloß(?), Kluges planend; 

Er zerschlug sie wie einen platten(?) Fisch in zwei Teile 1 ), 

Eine Hälfte von ihr stellte er hin und deckte (damit) den Himmel." 

Auf diese Weise schaffte Marduk das Weltall aus der Mutter. 
Es ist klar ersichtlich, daß die Tötung des Mutterdrachens hier unter 
dem Bilde einer Windbefruchtung mit negativen Vorzeichen erfolgt. 

Die Welt wird aus der Mutter geschaffen, d. h. mit der von der 
Mutter (durch die Opferung) weggenommenen Libido. Diese bedeutsame 
Formel werden wir im letzten Kapitel noch näher zu beleuchten haben. 
Auch in der Literatur des Alten Testamentes finden sich höchst inter- 
essante Parallelen zu diesem uralten Mythus, wie Gunkel 2 ) glänzend 
nachgewiesen hat. Es lohnt sich, der Psychologie dieser Parallelen 
nachzugehen : 

Jes. 51, 9 f : 

Auf, auf, wappne dich mit Kraft, Jahwes Ann! 

Auf wie in den Tagen der Vorzeit, 

Den Geschlechtern der Urzeit! 

Bist Du's nicht, der Rahab zerschmettert, 

Den Drachen schändete? 

Bist Du's nicht, der das Meer austrocknete, 

Die Wasser der großen Flut? 

Der Meerestiefen zum Wege machte, 

Daß hindurchzogen die Erlösten?" 

Der Name Rahab wird im Alten Testament gern für Ägypten 
gesetzt, ebenso Drache (Jes. 30, 7 heißt Ägypten das „geschweigte 
Rahab"), will daher etwas Böses und Feindseliges bedeuten. Rahab 

1 ) Spaltung der Mutter, vgl. Kaineus, sowie Spalte, Erdspaltung usw. 

2 ) Schöpfung und Chaos. Göttingen, 1895, S. 30 ff. 



249 

ist aber auch die bekannte Hure von Jericho, die als spätere 
Gattin des Fürsten Salma Stammutter Christi wurde. Hier tritt 
Bahab auf als der alte Drache, als Tiämat, gegen deren schlimme 
Macht Marduk oder Jahwe auszieht. Der Ausdruck „die Erlösten" 
bezieht sich auf die aus der Sklaverei befreiten Juden, ist aber auch 
mythologisch, indem der Held aus dem Walfischdrachen die schon 
früher Verschluckten wieder befreit. (Frobenius 1. c.) 
Psalm 89, 11. 

„Du hast geschändet wie ein Aas Itahab!'' 
Hiob, 26, 12 f. : 

„Mit seiner Macht hat er das Meer beruhigt, 
• Mit seinem Verstände Eahab zerschmettert. 
Die Riegel des Himmels schaudern vor ihm, 
Seine Hand schändete die gewundene Schlange." 

Gunkel setzt Eahab als identisch mit Chaos, d. h. Tiämat. 
Das „Schänden" gibt Gunkel auch als „Vergewaltigen" wieder (1. c. 
pag. 42). Tiämat oder Rahab ist als Mutter auch die Hure. So behandelt 
auch Gilgamesch die Ischtar, welche er der Hurerei bezichtigt. Dieser 
Vorwurf an die Mutter ist uns aus der Traumanalyse geläufig. Der 
Drache Rahab erscheint auch als Leviathan, als Wasserungeheuer. 
(Mütterliches Meer.) 

Psalm 74, 13 ff.: 

Du hast gespalten machtvoll das Meer, 

Hast zerbrochen die Häupter der Drachen im Wasser. 

Du hast zerschlagen die Häupter Leviathans, 

Gabst ihn zum Fraß, zur Speise den Schakalen. 

Du hast gespalten Quelle und Bach, 

Du hast vertrocknet uralte Ströme." 

Wenn wir im ersten Teil dieser Arbeit bloß die phallische Be- 
deutung des Leviathan hervorgehoben haben, so entdecken wir nun 
hier auch seine Mutterbedeutung. Eine weitere deutliche Parallele ist 

Jes. 27, 1 ff. : 

„An jenem Tage sucht Jahwe heim 

Mit seinem Schwert, dem grausamen, großen und starken, 

Den Leviathan, die gewundene Schlange, 

Und tötet den Drachen im Meere." 

Hiob 40, 25 ff. begegnen wir einem besonderen Motiv: 



250 

„Ziehst du gar Leviathan an der Angel herauf, 
Hältst mit der Schnur seine Zunge fest? 
Legst die Haken in sein Maul, 
Durchbohrst mit dem Ring seine Wange?" 

Zu diesem Motiv finden sich bei Frobenius (1. c.) zahlreiche 
Parallelen in exotischen Mythen, wo das mütterliche Meerungeheuer 
ebenfalls geangelt wird. Die Vergleiche der Mutterlibido mit den Ele- 
mentargewalten des Meeres und den gewaltigen Ungetümen, welche 
die Erde trägt, zeigt, wie unüberwindlich groß die Macht jener Libido 
ist, die wir als die mütterliche bezeichnen. 

Wir haben bereits gesehen, daß das Inzestverbot den Sohn ver- 
hindert, sich selber durch die Mutter hindurch wieder zu erzeugen. 
Das muß aber der Gott tun, wie uns die bewundernswerte Klarheit 
und Offenheit der pietätsvollen ägyptischen Mythologie zeigt, die 
uns urälteste und einfachste Vorstellungen aufbewahrt hat: So formt 
Chnum, „der Former, Töpfer, Baumeister" auf der Töpferscheibe 
sein Ei, denn er ist „das unsterbliche Wachstum, die eigene Erzeugung 
und die eigene Selbstgeburt, der Schöpfer des Eies, das aus dem Ur- 
wasser hervortrat". Im Totenbuch heißt es: „Ich bin der hehre Falke 1 ), 
der hervorgetreten ist aus seinem Ei." Eine andere Stelle im Totenbuch 
heißt: „Ich bin der Schöpfer des Nun, der seinen Sitz in der Unterwelt 
genommen hat. Mein Nest wird nicht geschaut und mein Ei wird nicht 
zerbrochen 2 )." Ein weiterer Passus lautet: „Jener große und herrliche 
Gott in seinem Ei, der sein eigener Urheber ist für das, was aus ihm 
entstanden ist 3 )." 

Daher heißt auch der Gott Nagaga-uer, der „große Gackerer". 
(Totenbuch 98, 2: „Ich gackere wie die Gans und ich pfeife wie der 
Falke.") Das Inzestverbot wird der Mutter als -boshafte Willkür 
vorgeworfen, mit der sie den Sohn von der Unsterblichkeit ausschließe. 
Daher wenigstens ein Gott darüber sich empören, die Mutter über- 
wältigen und züchtigen muß. (Vergl. oben Adam und Lilith.) Die Über- 



a ) D. h. der Sonnengott. 

2 ) Für Verstehende darf ich hier wohl erwähnen, daß eines meiner Kinder, 
ein Töchterchen, das farbige Modelliermasse zu Weihnachten bekam, als erste 
spontane Leistung ein Nest mit einem Ei formte, daneben eine Strahlensonne, 
welche brütend das Ei bescheint. 

3 ) Brugsch: Rel. u. Myth., S. 161 ff. 



251 

■wältigung bedeutet inzestuöse Notzucht 1 ). Herodot hat uns 2 ) ein 
wertvolles Stück dieser religiösen Phantasie aufbewahrt: 

„Und wie sie der Isis in der Stadt Busiris ihr Fest begehen, ist von 
mir zuvor schon bemerkt worden. Es schlagen nämlich nach der Opferung 
sich alle, Männer und Weiber, wohl viele tausend Menschen. Doch den, um 
deswillen sie sich schlagen, wäre mir Sünde zu nennen. 

„In Papremis jedoch feiern sie Opfer mit heiligen Handlungen, 
wie an den übrigen Orten. Aber um die Zeit, wenn die Sonne sich neigt, 
sind einige wenige Priester um das Bild herum geschäftig; die meisten 
von ihnen stehen mit hölzernen Keulen am Eingang; und andere, die ein 
Gelübde erfüllen wollen, über tausend Männer, stehen auch sämtlich mit 
Holzprügeln, ihnen gegenüber auf einem Haufen. Nun führen sie das Büd 
in einem kleinen und vergoldeten Tempel am Vorabend heraus in ein 
anderes heiliges Gebäude. Da ziehen denn die wenigen, die bei dem Bilde 
zurückbleiben, einen vierrädrigen Wagen, worauf der Tempel steht, mit 
dem Bilde, das er einschließt. Die anderen aber, die in den Vorhallen stehen, 
lassen sie nicht herein; allein die Gelübdepflichtigen, die dem Gott beistehen, 
schlagen zur Abwehr auf sie los. Da gibt es nun eine hitzige Prügelschlacht, 
wobei sie die Köpfe einander zerschlagen und, wie ich glaube, wohl auch 
viele an den Wunden sterben; unerachtet die Ägypter selbst behaupteten, 
es stefbe kein einziger. 

Und diese Festversammlung behaupten die Eingeborenen darum 
eingeführt zu haben: in diesem Heiligtum wohne die Mutter des Ares 3 ). 
Nun sei Ares auswärts erzogen worden und, als er zum Manne gereift 
war, hergekommen, um mit seiner Mutter Umgang zu haben; 
da ihn denn die Diener seiner Mutter, weil er ihnen noch nie zu Gesicht 
gekommen war, nicht ruhig herzuließen, sondern abhielten; worauf er aus 
einer andern Stadt Leute holte, den Dienern übel mitspielte und zu seiner 
Mutter einging. Daher behaupten sie, dem Ares diese Schlägerei bei 
seinem Fest eingeführt zu haben." 

Es ist klar, daß die Frommen sich hier für ihre Teilnahme am 
Mysterium der Mutter Vergewaltigung*) durchprügeln und töten, das 



J ) In einem Pyramidentext, welcher den Kampf des toten Pharao um die 
Vorherrschaft im Himmel schildert, heißt es: „Der Himmel weint, die Sterne 
beben, die Wächter der Götter zittern und ihre Diener entfliehen, wenn sie den 
König als Geist sich erheben sehen, als einen Gott, der von seinen Vätern lebt 
und sichseiner Mütter bemächtigt." (Zitiert b. Dietericb: Mithraslit., S. 100.) 

2 ) Buch II, 61 ff. 

3 ) Unter Ares ist wahrscheinlich der ägyptische Typhon gemeint. 

*) In der polynesischen Mauimythe ist die Tat des Sonnenhelden auch recht 
deutlich: er raubt der Mutter den Gürtel. Der Schleierraub im Typus des Schwan- 
jungfraumythus heißt dasselbe: In einer afrikanischen Mythe von Joruba not- 
züchtigt der Sonnenheld einfach seine Mutter (Frobenius 1. c). 



I 



252 

ist der Anteil, der ihnen zugehört 1 ), während die Heldentat dem. Grotte 
gehört 2 ). Mit diesem Aies ist, wie gute Gründe vermuten lassen, der 
ägyptische Typhon gemeint. Typhon repräsentiert so die böse 
Sehnsucht nach der Mutter, welche aber andere Mythenformen 
der Mutter vorwerfen, nach bekanntem Muster. Der dem Osiristod 
(Erkrankung des Re) ganz analoge Tod Balders durch die Verwundung 
mit dem Mistelzweig scheint einer ähnlichen Erklärung zu bedürfen. 
In der Mythe wird berichtet, wie alle Geschöpfe verpflichtet wurden, 
Balder nichts zu tun, nur der Mistelzweig wurde vergessen, angeblich, 
weil er noch zu jung war. Der fällte Balder. Die Mistel ist ein Parasit. 
Aus dem Holze einer parasitischen oder rankenden Pflanze wurde das 
weibliche Holzstück bei der rituellen Feuerbohrung gewonnen 3 ) 
also die Feuermutter. Auf „märentakken", worunter Grimm die Mistel 
vermutet, ruht die Mare aus 4 ). Die Mistel war ein Heilmittel gegen die 
^ Unfruchtbarkeit. In Gallien durfte nur unter feierlichen Zeremonien 
nach vollbrachtem Opfer der Druide auf die heilige Eiche steigen, 
um dort die rituelle Mistel zu schneiden 6 ). Diese Handlung ist ein kultisch 
eingeschränkter und organisierter Inzest. Das, was auf dem Baume 
wächst, ist das Kind 6 ), das man von der Mutter haben möchte, denn das 
wäre man selber in erneuter und verjüngter Gestalt und eben gerade 
das kann man nicht haben, weil dem das Inzestverbot entgegen- 
steht. Wie der keltische Brauch zeigt, ist diese Handlung nur 
unter Beobachtung gewisser Zeremonien dem Priester gestattet; der 
Gottheld und Welterlöser aber tut das Unerlaubte, Übermensch- 
liche und erkauft dadurch Unsterblichkeit. Der Drache, der zu 
diesem Zweck überwunden werden muß, ist, wie dem Leser schon 
längst klar geworden sein muß, der Widerstand gegen den Inzest. 
Drache und Schlange, namentlich mit ihrer charakteristischen Häufung 

J ) Der oben erwähnte Mythos von Halirrhotios, der sich selber tötet, als 
er den heiligen Baum der Athene, die Moria, fällen wollte, enthält dieselbe Psy- 
chologie, ebenso die Priesterkastrationen (Attiskastration) im Dienste der großen 
Mutter. Die asketische Selbstquälerei im Christentum fließt selbstverständlich 
auch aus diesen Quellen, denn die christliche Symbolform bedeutet eine ganz 
intensive Regression auf den Mutterinzest. 

2 ) Das Abreißen vom Lebensbaum ist eben diese Sünde. 

3 ) Vgl. Kuhn: Herabkunft des Feuers. 

4 ) 1. c. II, S. 1041. 

6 ) Nork: Wörterbuch s. v. Mistel. 

6 ) Daher in England wohl an Weihnachten Mistelzweige aufgehängt 
werden, Mistel als Lebensrute. Vgl. Aigremont: Volkserotik und Pflanzenwelt. 



\ 



\ 



253 

von Angstattributen, sind die Symbolrepräsentanten der Angst, die 
dem verdrängten Inzestwunsch entspricht. Es ist daher verständlich, 
wenn wir immer wieder dem Baum mit der Schlange begegnen (im 
Paradies überredet die Schlange sogar zur Sünde); der Schlange oder 
dem Drachen kommt besonders die Bedeutung des Schatzhüters und 
-Verteidigers zu. Die sowohl phallische wie weibliche Bedeutung des 
Drachens 1 ) zeigt, daß es sich wieder um ein Symbol der sexuell neu- 
tralen (oder bisexuellen) Libido handelt, nämlich ein Symbol der 
Libido im Widerstand. In dieser Bedeutung tritt im altpersischen 
Tishtriyalied auch das schwarze Pferd Apaosha (der Dämon des 
Widerstandes) auf, indem es die Quellen des Kegensees besetzt hält. 
Das weiße Pferd Tishtriya stürmt zweimal vergebens, das drittemal 
gelingt es ihm mit Hälfe Ahuramazdas Apaosha zu überwältigen 2 ). 
Darauf öffnen sich die Schleusen des Himmels und fruchtbarer Regen 
ergießt sich über die Erde 3 ). In diesem Liede sieht man in der Symbol- 

A ) Wie der Baum auch phallische Natur hat aeben der Mutterbedeutung, 
so hat in den Mythen die dämonische Alte (sie sei günstig oder nefast) öfter auoh 
phallische Attribute, z. B. eine lange Zehe, einen langen Zahn, lange Lippe, langen 
Finger, lange Brüste, große Hände, großen Fuß usw. Diese Mischung männlicher 
und weiblicher Motive weist darauf bin, daß die „Alte" ein Libidosymboi ist, wie 
der Baum, allerdings vorwiegend mütterlich determiniert. Am deutlichsten 
ist die Bisexualität der Libido ausgedrückt im Bilde der drei Gräen, die zusammen 
bloß ein Auge und einen Zahn besitzen. Dieses Bild ist eine direkte Parallele 
zu dem Traum einer Patientin, die ihre Libido dargestellt hat als Zwillinge, der 
eine ist eine Schachtel und der andere ein flaschenähnlicher Gegenstand, 
denn Auge und Zahn sind weibliches und männliches Genitale. (Bezüglich Auge 
in dieser Bedeutung vgl. besonders den ägyptischen Mythus; bezüglich Zahn ist 
zu bemerken, daß Adonis, die Fruchtbarkeit, durch den Eberzahn stirbt, wie 
Siegfried durch Hagens Speer, vgl. dazu unten den Veroneser Priap, dessen Phallus 
durch die Schlange abgebissen wird. Zahn ist in dieser Hinsicht wie Schlange 
„negativer" Phallus. 

*) Vgl. Grimm: II, IV, S. 802. 

Das gleiche Motiv in anderer Anwendung findet sich in einer nieder- 
sächsischen Sage: Es wird einst eine Esche aufwachsen, von der man noch nichts 
gesehen hat, doch wächst ein kleiner Sproß unbemerkt aus dem Boden. Dazu 
kommt in jeder Neujahrsnacht ein weißer Reiter auf weißem Pferde, um 
den jungen Schoß abzuhauen. Zu gleicher Zeit kommt aber auch ein schwarzer 
Reiter und wehrt ihm. Nach langem Kampfe gelingt es dem Weißen, den Schwarzen 
zu vertreiben und der Weiße haut den Sproß ab. Einmal aber wird es dem Weißen 
nicht mehr gelingen, dann wird die Esche aufwachsen, und wenn sie so groß ist, 
daß ein Pferd darunter angebunden werden kann, dann wird ein mächtiger König 
kommen und eine gewaltige Schlacht wird anheben (Weltuntergang). 

3 ) Chantepie de la Saussaye: Lehrbuch der Religionsgeschichte, Bd. II, 



« 18K 



X 



254 

wähl sehr schön, wie Libido gegen Libido gesetzt ist, Wollen gegen 
Wollen, das Uneinssein des primitiven Menschen mit sich selber, das 
er in allen Widrigkeiten und Gegensätzlichkeiten der äußern Natur 
wieder erkannte. 

Das Symbol des von der Schlange umwundenen Baumes 
ist alsou. A.auch zu übersetzen als die vom Widerstand gegen 
den Inzest verteidigte Mutter. Dieses Symbol ist auf mithrischen 
Denkmälern nicht selten. Ähnlich ist auch der von der Schlange 
umwundene Fels aufzufassen, denn Mithras (Men) ist ein Felsgeborener. 
Die Bedrohung des Neugeborenen durch die Schlange (Mithras, Her- 
kules) erklärt sich durch die Legende der Lilith und der Lamia. Python, 
der Drache der Leto und Poine, die das Land des Krotopos verwüstet, 
sind vom Vater des Neugeborenen entsendet: diese Wendung läßt die 
uns aus der Psychoanalyse bekannte Lokalisierung der Inzestangst 
beim Vater erkennen. Der Vater repräsentiert die tatkräftige Abwehr 
der Inzestwünsche des Sohnes, d, h. das Verbrechen, das der Sohn un- 
bewußt wünscht, wird dem Vater zugeschoben, in Form einer angeblich 
mörderischen Absicht des Vaters als Ursache der Todesangst 
vor dem Vater, diesem häufigen neurotischen Symptom. Dieser 
Wendung entsprechend ist das vom jungen Heros zu überwindende 
Ungeheuer auch häufig ein Riese, welcher den Schatz oder das Weib 
behütet. Ein treffendes Beispiel ist der "Riese Chumbaba im Gilgamesh- 
epos, welcher den Garten der Jshtar beschützt 1 ): er wird von Gil- 
gamesh überwältigt, wodurch Ishtar gewonnen wird. Sie stellt darauf 
das sexuelle Begehren an Gilgamesh 2 ). Diese Daten dürften genügen, 
um die Rolle des Horus bei Plutarch zu verstehen, besonders diis 
gewalttätige Behandlung der Isis. Durch die Überwältigung der Mutter 
wird der Held gleich der Sonne, er erzeugt sich wieder. Er gewinnt die 
Kraft der unbesieglichen Sonne, die Kraft ewiger Wiederverjüngung, 
So verstehen wir nunmehr auch eine Folge von Bildern (s. Abbild.) 
aus der Mithrasmythe auf dem Heddernheimer Relief. Dort ist zuerst 
die Geburt des Mithras aus dem Baum (aus dem Wipfel) dargestellt, 
das nächste Bild zeigt ihn, den überwältigten Stier tragend, wobei 
dem Stier die verdichtete Bedeutung des Ungeheuers (vergleichbar dem 
Ungeheuern von Gilgamesh überwältigten Stier), des Vaters, der als 
Riese und gefährliches Tier das Inzestverbot verkörpert, und der eigenen 



') Fernere Beispiele bei Frobenius: 1. c. passim. 
*) Vgl. Jensen: Gilgameshepos. 



[ 






255 



Libido des Sohnhelden, die er selbstopfernd überwältigt, zukommt. 
Das dritte Bild stellt Mithras dar, wie er nach dem Hauptschmuck 
des Sol, der Strahlenkrone, greift. Zunächst erinnert diese Hand- 
lung an die Gewalttat des Horus der Isis gegenüber, sodann an den 



^ 




Stieropfer des Mithras. 

christlichen Grundgedanken, daß die, die überwunden haben, 
die Krone des ewigen Lebens erlangen. Auf dem vierten Bild 
kniet Sol vor Mithras. Diese beiden letzten Bilder zeigen deutlich, 
daß Mithras die Sonnenkraft an sich genommen hat, so daß er auch Herr 
der Sonne wird. Er hat seine „tierische Natur" (den Stier) überwunden. 
Das- Tier kennt kein Inzestverbot, der Mensch ist darum Mensch, 
weil er den Inzestwunsch, d. h. die Tiernatur, überwindet. So hat Mithras 



\ 



256 

seine Tiernatur geopfert, den Inzestwunsch und mit ihm die Mutter, 
d. h. die verderbliche todbringende Mutter überwunden. (Eine Lösung, 
die schon im Gilgameshepos durch den förmlichen Verzicht des Heros 
auf die schreckliche Ishtar vorbereitet ist.) Die Überwindung der Mutter 
geschieht in dem bereits etwas asketisch angehauchten Sacrificium 
mithriacum nicht mehr in der archaischen Überwältigung, sondern 
durch den Verzicht, die Opferung des Wunsches. Der Urgedanke der 
inzestuösen Wiedererzeugung durch Eingehen in den Mutterleib 
hat sich hier schon derart verschoben, daß der Mensch, bereits so 
weit in der Domestikation vorgeschritten, glaubt, nicht durch die 
Begehung des Inzestes, sondern durch die Opferung des Inzestwunsches 
das ewige Sonnenleben zu erreichen. Diese bedeutsame im Mithras- 
mysterium ausgesprochene Wandlung findet ihre größte Vollendung 
erst im Symbol des gekreuzigten Gottes. Für Adams Sünde wird ein 
blutiges Menschenopfer an den Lebensbaum gehängt 1 ). Der Mutter 
opfert der Erstgeborene sein Leben, indem er in den Zweigen hängend 
einen seh mach- und qualvollen Tod erleidet, eine Todesart, die zu den 
schändlichsten Hinrichtungsformen gehörte, welche das römische 
Altertum nur für die gemeinsten Verbrecher bereit hatte. Der Held 
stirbt also, wie wenn er die gemeinste Freveltat begangen hätte; er 
tut sie, indem er sich wieder in die gebärenden Zweige des Lebens- 
baumes legt, zugleich aber bezahlt er die Schuld mit der Todesqual. 
In dieser Tat größten Mutes und größter Entsagung ist die Tiernatur 
am mächtigsten unterdrückt, daher ein größtes Heil für die Menschheit 
daraus zu erwarten ist, denn solche Tat allein scheint geeignet, die 
Schuld Adams zu sühnen. 

Wie schon erwähnt, ist das Aufhängen der Opfer an Bäumen 
eine allgemein verbreitete rituelle Sitte, besonders germanisch reichlich 
belegt 2 ). Rituell ist, daß die Opfer mit dem Speer durchstochen wurden. 
So heißt es von Odin (Edda, Havamal) : 

„Ich weiß, daß ich hing am windbewegten Baum 

Neun Nächte hindurch 

Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin 

Ich selber mir selbst." 



l ) In einem schlesischen Passional des 15. Jahrhunderts stirbt Christus 
am selben Holz, an dem Adam einst gesündigt. (Zitiert Zöokler: I.O., S. 241.) 

') Es wurden z. B. auch Tierhäute an die Opferbäume gehängt und es 
wurde mit Speeren danach geworfen. 



L 



^ 



257 

Die Aufhängung der Opfer an Kreuzen war auch amerikanisch 
(vor der Entdeckung). Müller 1 ) erwähnt die Fejervarysche Hand- 
schrift (ein mexikanischer Hieroglyphenkodex), an deren Schluß sich 
ein kolossales Kreuz befindet, in dessen Mitte eine blutige Gottheit 
aufgehängt ist. Ebenso interessant ist das Kreuz von Palenque 2 ): 
Obendrauf ist ein Vogel, auf beiden Seiten zwei menschliche Figuren, 
die das Kreuz ansehen und ein Kind dagegen hinhalten (zur Opferung 
oder Taufe?). Die alten Mexikaner sollen die Gunst Centeotls, „der 
Tochter des Himmels und der Göttin des Getreides", jedes Frühjahr 
durch Annagelung eines Jünglings oder einer Jungfrau an ein Kreuz 
und durch Beschießung des Opfers mit Pfeilen angerufen haben 3 ). 
Der Name des mexikanischen Kreuzes bedeutete: „Baum unseres 
Lebens oder Fleisches" 4 ). 

Ein Bildnis der Insel Philä soll auch Osiris in der Gestalt eines 
Kruzifixus darstellen, beweint von Isis und Nephthys, den Schwester- 
gattinnen 6 ). 

Die Bedeutung des Kreuzes ist gewiß mit der des Lebensbaumes 
nicht erschöpft, wie schön angedeutet. Wie auch der Lebensbaum 
eine phallische Nebenbedeutung hat (als Libidosymbol), so kommt auch 
dem Kreuz eine weitere Bedeutung außer Leben und Unsterblichkeit 8 ) 
zu. Müller (1. c.) gebraucht es als Zeichen des Regens und der Frucht- 
barkeit, da es indianisch entschieden als Fruchtbarkeitszauber erscheint. 
Daß es daher eine Rolle im Sonnenkult spielt, ist fast selbstverständlich. 
Hervorzuheben ist auch, daß es ein wichtiges Zeichen zur Fernhaltung 
alles Unheils ist (Kreuzschlagen), wie die antike Geste der Manofica. 
Diesem Zweck dienten auch die phallischen Amulette. So gründlich 

*) Geschichte der amerikanischen Urreligionen, S. 498. 

2 ) Stephens: Zentralamerika, II, 346. (Zitiert bei Müller: 1. c, S. 498.) 

3 ) Zöckler: Das Kreuz Christi. S. 34. 
*) H. H. Bankrott: Native Races of te Pacific States of North America, 

II, 506. (Zitiert Robertson: Evang. Myth., S. 139.) 

s ) Rossellini: Monumenti delT Egitto etc. Tom. 3. Tav. 23. (Zitiert 
Robertson: 1. c, S. 142.) 

8 ) Zöckler: 1. c, S. 7 ff. In der Darstellung einer Königsgeburt in Luxor 
sieht man folgendes: Der Logos und Götterbote, der vogelköpfige Thoth ver- 
kündet der jungfräulichen Königin Mautines, daß sie einen Sohn gebären werde. 
In der folgenden Szene halten Kneph und Athor die Crux ansata ihr an den 
Mund, indem sie sie damit auf geistige (symbolische) Weise be- 
fruchten. Sharp: Egyptian mythology, S. 18 f. (Zitiert Robertson: Evan- 
gelienmythen, S. 43. 

Jung, Libido. j<jf 



/ 



258 

sonst Zöckler verlährt, so hat er doch ganz übersehen, daß die 
phallische Crux ansata dasjenige Kreuz ist, das der Boden der 
Antike in zahlreichen Exemplaren wiedergibt. Abbildungen dieser 
Cruces ansatae finden sich an vielen Orten und fast jede Antikensamm- 
lung besitzt ein oder mehrere Exemplare 1 ). 

Schließlich ist auch zu erwähnen, daß die menschliche Körper- 
r"""fprm im Kreuz nachgeahmt wird als ein Mensch mit ausgestreckten 
Armen. Es ist merkwürdig, daß auf frühchristlichen Abbildungen 
Christus nicht ans Kreuz genagelt ist, sondern mit ausgebreiteten 
Armen davor steht 2 ). Maurice 3 ) gewährt dieser Deutung eine treffliche 
Unterlage; er sagt folgendes: It is a fact not less remarkable, than 
well attested, that the Druids in their groves were accustomed to select 
the most statelv and beautiful tree as an emblem of the deity they 
adored, and having cut off the side branches, they affixed two of the 
largest of them to the highest part of the trank, in such manner that 
those branches extended on each side like the arms of a man, and 
together with the body, presented the apparence of a huge cross; and 
in the bark in several places was also inscribed the letter „tau" 4 ). 

Auch der „Baum der Wissenschaft" der indischen Dschaina- 
sekte nimmt Menschengestalt an; er wird dargestellt als ein mächtig 
dicker Stamm in der Gestalt eines Menschenkopfes, aus dessen Scheitel 
zwei längere, seitlich herabhängende, und ein senkrecht aufstrebender 
kürzerer Zweig, von einer knospen- oder blütenartigen Verdickung 
gekrönt, herauswachsen 5 ). Robertson (Evang. Myth. S. 133) er- 
wähnt, daß auch im assyrischen System die Darstellung der Gottheit 
in Kreuzform vorhanden ist, wobei der senkrechte Balken einer 
menschlischen Gestalt und der wagrechte Balken einem konventionell 
gewordenen Flügelpaar entspricht. Altgriechische Idole, wie sie z. B. 
in Ägina reichlich gefunden wurden, haben einen ähnlichen Charakter: 



') Die phallischen Grenzhermen hatten öfter Kreuzgestalt mit einem 
Kopf als Spitze. (W. Payne Knight. Worship of Priapus, S. 30.) Altenglisch 
hieß das Kreuz rod = Rute. 

2 ) Robertson (1. c, S. 140) erwähnt die Tatsache, daß der mexikanische 
Priester und Opferer sich in die Haut eines eben getöteten Weibes hüllt und mit 
kreuzartig ausgestreckten Armen sich vor den Kriegsgott stellt. 

3 ) Indian Antiquities, VI, 49. 

*) Gemeint ist die primitive ägyptische Kreuzform: T. 
B ) Zöckler: 1. c, S. 19. Der Blütenknopf ist wohl deutlich phänisch. 
Vgl. den oben berichteten Traum der jungen Frau. 



L 



259 



unmäßig langes Haupt und flügeiförmig abstehende und etwas empor 
gehobene Arme (?) und vorn deutliche Brüste 1 ). 

Ob, wie vielfach behauptet wird, das Kreuzsymbol zu den beiden 
Feuerhölzern der rituellen Feuererzeugung eine Beziehung hat, muß 
ich dahingestellt sein lassen. Es hat aber den Anschein, als ob tat- 
sächlich dem Kreuzsymbol noch die Bedeutung „Vereinigung" inne- 
wohnte, denn zum Fruchtbarkeitszauber gehört schließlich dieser 
Gedanke auch, namentlich zum Gedanken der ewigen Wiedererneuerung, 
der mit dem Kreuz aufs innigste verbunden ist. Dem Gedanken der 
„Vereinigung", ausgedrückt durch das Kreuzsymbol, begegnen wir 
im Timäus des Plato, wo die Weltseele in der Form eines X (Chi) 
zwischen Himmel und Erde ausgespannt gedacht ist, also in der Form 
eines „Andreaskreuzes". Wenn wir nun noch erfahren, daß die Welt- 
seele in sich die Welt als Körper enthält, so werden wir durch dieses 
Bild unfehlbar an die Mutter erinnert. (Piaton, Timaios, übers. Kiefer, 
S. 27): 

„Die Seele setzte er (der Demiurg) in der Mitte des Weltkörpers 
ein und dehnte sie durch das ganze Weltall aus, umhüllte aber auch 
den Weltkörper noch von außen mit ihr. So brachte er denn das 
Weltall zustande als einen sich im Kreise drehenden Kreis, der einzig und 
einsam, infolge seiner guten Beschaffenheit imstande ist, mit sich selbst 
zu verkehren, und keines andern bedarf, genügend bekannt 
und befreundet mit sich selbst. Durch alle die Vorkehrungen schuf 
er die Welt als einen seligen Gott." 

Dieser höchste Grad von Untätigkeit und Bedürfnislosigkeit, 
symbolisiert durch das Eingeschlossensein in sich selber, bedeutet 
göttliche Seligkeit. Einziges menschliches Vorbild zu dieser Anschauung 
ist das Kind im Mutterleibe, d. h. vielmehr der erwachsene Mensch 
in beständiger Umarmung und Verschlingung mit seinem Ursprung, 
der Mutter. Dieser mythologisch-philosophischen Anschauung ent- 
sprechend bewohnte der beneidenswerte Diogenes auch ein Faß, um 
dadurch der Seligkeit und Gottähnlichkeit seines Nichtbedürfens 
mythologischen Ausdruck zu verleihen. (Mutterleibsphantasie). Vom 
Verhältnis der Weltseele zum Weltkörper sagt Pia ton folgendes: 

„Wenn wir jetzt erst von der Seele zu sprechen beginnen, so hat nicht 
auch der Gott sie erst nach dem Körper gebildet: denn er hätte nicht zu- 
gelassen, daß die Ältere vom Jüngeren beherrscht werde; wir, 

x ) Die Mitteilung über diese Funde verdanke ich Herrn Prof. Fiechter 
in Stuttgart. 

17* 



K 






Lh 



/ 



260 

vielfach vom. Zufall und Ungefähr abhängig: reden eben auch so, er aber 

schuf die Seele so, daß sie ihrer Entstehung und guten Beschaffenheit 

nach dem Körper vorausging und ehrwürdiger war als er, er 

machte sie zur Herrin und künftigen Gebieterin des Körpers. * 

(1. c S. 27.) 

j Es scheint auch aus anderen Andeutungen denkbar, daß das 

: Bild der „Seele" überhaupt ein Derivat der Mutterimago ist, d. h. 

eine Symbolbezeichnung für den in der Mutterimago stecken gebliebenen 

Libidöbetrag. (Vgl. die christliche Vorstellung von der Seele als einer 

, Braut des Herrn.) Die weitere Entwicklung der Weltseele im Timaios 

erfolgt in dunkler zahlenmystischer Weise. Als die Mischung vollendet 

war, geschah folgendes : 

„Dieses ganze so zusammengehäufte Gebilde aber spaltete er hier- 
auf der Länge nach in zwei Teile, verband dieselben kreuzweise in 
ihrer Mitte, so daß sie die Gestalt eines X bildeten." 

Dieser Passus nähert sich deutlich der Spaltung und Vereinigung 
des Ätman an, der nach der Spaltung einem Mann und einem Weibe 
verglichen wird, die sich umschlungen halten. Ein anderer Passus 
(1. c. S. 30) ist erwähnenswert: 

„Nachdem nun nach dem Sinne des Meisters die ganze Zusammen- 
fügung der Seele erfolgt war, bildete er hierauf alles, was körperlich ist, 
innerhalb derselben und fügte es so zusammen, daß es dieselbe 
mitten durchdrang." 

Im übrigen verweise ich auf meine Ausführungen über die mütter- 
liche Bedeutung der Weltseele bei Plotin in Kap. II. Eine ähnliche 
Loslösung des Kreuzsymboles von konkreterer Gestaltung finden wir 
bei den Muyskaindianern, die über einem Wasserspiegel (Teich oder 
Fluß) zwei Seile übers Kreuz spannen imd am Schnittpunkt Früchte, 
öl und Edelsteine als Opfer in Wasser werfen 1 ). Hier ist die Gottheit 
offenbar das Wasser und nicht das Kreuz, welch letzteres durch den 
Kreuzungspunkt nur die Opferstelle bezeichnet. Das Opfer an der 
„Vereinigungsstelle" läßt erkennen 2 ), warum dieses Symbol ein ur- 
sprünglicher Fruchtbarkeitszauber 3 ) war, warum wir ihm so häufig 
(vorchristlich) bei den Liebes(= Mutter)göttinnen begegnen, ägyptisch 
besonders bei Isis und dem Sonnengott. Die beständige Vereinigung 

i) Zöckler: 1. c, S. 33. 

«) Das Opfer am „Kreuzungspunkt" dürfte vielleicht überhaupt mit dem 
Sprachsymbolismus von „Kreuzen", „Kreuzung" usw. zu tun habeu. 
3 ) Das Opfer wird ins Wasser, d. h. in die Mutter versenkt. 



261 

dieser beiden Gottheiten haben wir bereits besprochen. Da das Kreuz 
(Tau, Crux ansata) immer wiederkehrt in der Hand des Tum, des obersten 
Gottes, des Hegemon der Enneas, so dürfte es nicht überflüssig sein, 
noch ein mehreres von den Bestimmungen des Tum zu sagen. Der Tum 
von On-Heliopolis führt den Namen ,,der Vater seiner Mutter"; was 
das heißt, bedarf keiner Erklärung. Die ihm beigegebene Göttin Jusas 
oder Nebit-Hotpet wird bald die Mutter, bald die Tochter, bald 
die Gattin des Gottes genannt. Der Tag des Herbstanfanges 
wird in den helio politischen Inschriften als „der Festtag der Göttin 
Jusasit" bezeichnet, als die Ankunft der Schwester, um sich mit 
ihrem Vater zu vereinigen". Es ist der Tag, an welchem ,,die Göttin 
Mehnit ihre Arbeit vollendet, um den Gott Osiris in das linke Auge 1 ) 
eintreten zu lassen". Der Tag heißt auch „Ausfüllung des heiligen Auges 
mit seinem Erforderlichen". Die Himmelskuh mit dem Mondauge» 
die kuhköpfige Isis nimmt im Herbstaequinoctium den den Horus 
zeugenden Samen in sich auf 2 ). (Mond als Samenbewahrer.) Das „Auge" 
vertritt ersichtlich das Genitale, wie in der Mythe von Indra, der wegen 
eines Bathsebafrevels die Bilder der Yoni (Vulva) über seinen ganzen 
Körper ausgebreitet zu tragen hatte, von den Göttern aber so weit 
begnadigt wurde, daß das entehrende Yonibild in Augen verwandelt 
wurde 3 ). (B'ormähnlichkeit.) Im Auge ist die „pupilla" ein Kind. Der 
große Gott wird wieder ein Kind, er tritt in den Mutterleib ein, um sich 
zu erneuern 4 ). In einem Hymnus heißt es auch : 

„Deine Mutter, der Himmel, streckt ihre Arme nach dir aus." 

An anderer Stelle heißt es : 

„Du strahlst, o Vater der Götter, auf dem Rücken deiner Mutter, 
täglich empfängt dich deine Mutter in ihren Armen. Wenn du in der Wohnimg 
der Nacht leuchtest, vereinigst du dich mit deiner Mutter, dem Himmel 5 )." 

Der Tum von Pitum-Heroopolis führt nicht nur die Crux ansata 
als Symbol bei sich, sondern hat auch sogar dieses Zeichen als seinen 

a ) Worunter der Mond zu verstehen ist. Vgl. später: Mond als Sammelort 
der Seelen (umschlingende Mutter). 

2 ) Brugsch: 1. c, S. 281 ff. 

3 ) Vgl. dazu, was Abraham in bezug auf pupilla sagt. (Traum und Mythus, 
S. 16.) 

*) Rückzug des Re auf die Himmelskuh. In einem indischen Reinigungs- 
ritus muß der Büßer durch eine künstliche Kuh hindurchkriechen, um wieder- 
geboren zu werden. 

5 ) Schul tze: Psychologie der Naturvölker, Leipzig, 1900, S. 338. 



262 

häufigsten Beinamen, nämlich änx oder änxi, was Leben oder der 
der Lebendige bedeutet. Er ist hauptsächlich als Agathodämonschlange 
verehrt, von der es heißt: „Die heilige Agathodämonschlange geht 
hervor aus der Stadt Nezi". Die Schlange (wegen ihrer Häutung) ist 
das Symbol der Wiedererneuerung, wie der Scarabaeus (ein Sonnen- 
symbol), von dem es heißt, daß er, nur männlichen Geschlechtes, sich 
selber wieder erschaffe. 

Der Name „Chnum" (ein anderer Name für Tum, gemeint ist 
immer der Sonnengott) kommt vom Verb x num > welches sich ver- 
binden, vereinigen heißt 1 ). Chnum tritt vorzugsweise als der Töpfer 
und Bildner seines Eies auf. Das Kreuz scheint demnach ein außer- 
ordentlich verdichtetes Symbol zu sein: seine überragende Bedeutung 
ist die vom Lebensbaum und daher ist es ein Symbol der Mutter. Die 
Symbolisierung in einer menschlichen Gestalt ist daher verständlich. 
Die phallischen Formen der Crux ansata gehören mit zum abstrakten 
Sinn „Leben" und „Fruchtbarkeit" sowie zur Bedeutung von „Ver- 
einigung", die wir nun sehr wohl als cohabitatio mit der Mutter 
zum Zwecke der Wiedererneuerung ansprechen dürfen 2 ). Es 
ist daher ein nicht nur rührender, sondern in seiner Naivität überaus 
tiefsinniger Symbolismus, wenn in einer altenglischen Marienklage 3 ) 
Maria das Kreuz anklagt, es sei ein falscher Baum, ungerechterweise 
und grundlos habe er „ihres Leibes reine Frucht, ihr holdes Vögelein" 
mit giftigem Trank zerstört (die Hinterlist der Isis, tödlicher Liebes- 
trank), mit dem Todestrank, den nur die Nachkommen des Sünders 
Adam, denen eine Schuld anhafte, zu trinken hätten. Ihr Sohn hätte 
daran keine Schuld. Sie klagt: 

„Kreuz, du bist meines Sohnes schlimme Stiefmutter, so 
hoch hast du ihn hinaufgehängt, daß ich nicht einmal seine Füße küssen 
kann! Kreuz, du bist mein Todfeind; du hast mir erschlagen mein blaues 
Vögelein !" 

Sancta Crux antwortet: 



l ) Brugsch: 1. c, S. 290 ff . 

s ) Man darf sich über diese Formel nicht wundem, denn es ist der tierische 
Mensch in uns, dessen Urkräfte in der Religion erscheinen. Dieterichs Worte 
(Mithraslit., S. 108) gewinnen in diesem Zusammenhange einen besonders bedeut- 
samen Aspekt: „Von unten kommen die alten Gedanken zu neuer Kraft in 
der Religionsgeschichte: Die Revolution von unten schafft neues Leben der 
Religion in uralten unzerstörbaren Formen." 

3 ) Dispute between Mary and the Cross in R. Morris: Legonds of the 
Holy Rood., London, 1871. (Zitiert Zöckler: 1. », S. 240 f.) 



263 

„Frau, dir danke ich meine Ehre; deine herrliche Frucht, die 
ich jetzt trage, strahlt in roter Blüte 1 ). Nicht für dich allein, nein, 
die ganze Welt zu retten, erblüht diese köstliche Blume in dir 2 )." 

Über das Verhältnis der beiden Mütter (Isis am Morgen und 
Isis am Abend) zueinander sagt Sancta Crux: 

„Du warst zur Himmelskönigin gekrönt, um des Kind es wülen, das du 
geboren. Ich aber werde als glänzende Reliquie einst aller Welt erscheinen, 
beim Gerichtstage; da werde ich dann erheben meine Klage um 
deinen heiligen, unschuldig an mir gemordeten Sohn." 

So vereinigt sich die mordende Todesmutter mit der gebärenden 
Lebensmutter in ihrer Klage um den sterbenden Gott und als äußeres 
Zeichen ihrer Vereinigung küßt Maria das Kreuz und söhnt sich mit ihm 
aus 3 ). Das naive ägyptische Altertum hat uns die Vereinigung der 
kontrastierenden Tendenzen im Mutterbild der Isis noch aufbewahrt. 
Natürlich ist diese Imago bloß ein Symbol der Libido des Sohnes zur 
Mutter und schildert den Konflikt zwischen Liebe und Inzestwiderstand. 
Die verbrecherische, inzestuöse Absicht des Sohnes erscheint als Ver- 
brecherische Hinterlist in die Mutterimago projiziert. Die Abtrennung 
des Sohnes von der Mutter bedeutet den Abschied des Menschen von 
dem Gattungsbewußtsein des Tieres, von dem für das infantilarchaische 
Denken charakteristischen Mangel an Individualbewußtsein. Erst 
durch die Gewaltsamkeit des „Inzestverbotes" konnte das sich selber 
bewußte Individuum geschaffen werden, das vorher gedankenlos 
eins war mit der Sippe, und so erst konnte die Idee des individuellen 
und endgültigen Todes möglich werden. So kam durch Adams Sünde 
der Tod in die Welt. (Dies, wie ersichtlich, uneigentlich, d. h. gegen- 
sätzlich ausgedrückt.) Die Abwehr des Inzestes durch die Mutter be- 
deutet so dem Sohn eine Bosheit, welche ihn der Todesangst ausliefert. 
(In ursprünglicher Frische und Leidenschaft tritt uns dieser Konflikt 
im Gilgameshepos entgegen; auch dort ist der Inzestwunsch in die 
Mutter projiziert.) Der Neurotiker, der die Mutter nicht lassen kann, 
hat gute Gründe: die Todesangst hält ihn dort. Es scheint, als 
sei kein Begriff und kein Wort stark genug, die Bedeutung dieses Kon- 

*) Ein sehr schönes Bild der ins Meer versinkenden blutroten Sonne. 

*) Jesus erscheint hier als Zweig und Blüte am Lebensbaum. Vgl. dazu 
die interessanten Nachweise von Robertson: Evang. Myth., S. 51 ff. über 
„Jesus, der Nazarener", welchen Titel er von Nazar oder Netzer = Zweig herleitet. 

3 ) In Griechenland wurde der Marterpfahl, an dem Verbrecher hingerichtet 
oder gestraft wurden, als &«ra; (Hekate, unterirdische Todesmutter) bezeichnet. 



264 

fliktes auszudrücken. Ganze Religionen wurden gebaut, um der Größe 
dieses Konfliktes Worte zu leihen. Dieses, durch Jahrtausende fort- 
gesetzte Ringen nach Ausdruck kann gewiß seine Kraftquelle nicht 
in dem durch den Vulgär begriff des Inzestes allzu eng gefaßten Tat- 
bestand haben; vielmehr muß man wahrscheinlich das in letzter Linie 
und ursprünglich als „Inzestverbot" sich ausdrückende Gesetz als den 
Zwang zur Domestikation auffassen und das Religionssystem 
als Institution bezeichnen, welche die den Kulturzwecken nicht un- 
mittelbar dienenden Triebkräfte animalischer Natur zunächst aufnimmt, 
organisiert und allmählich zu sublimierter Anwendung fähig macht. 

Die bei Miß Miller nunmehr folgenden Visionen bedürfen keiner 
ausführlichen Besprechung mehr. Die nächste Vision ist das Bild einer 
„purpurnen Meeresbucht". Die Meeressymbolik reiht sich glatt an das 
Vorausgegangene an. Man könnte hier des ferneren an die Reminiszenzen 
vom Golf von Neapel denken, denen wir im ersten Teil begegnet sind. 
Im Zusammenhang des Ganzen allerdings dürfen wir die Bedeutung 
der „Meeresbucht" nicht übersehen. Im Französischen heißt es „une 
baie", was wohl einem bay im englischen Urtext entsprechen dürfte. 
Es dürfte sich hier lohnen, einen Seitenblick auf das Etymologische 
dieser Vorstellung zu werfen. Baie wird überhaupt für etwas Offen- 
stehendes gebraucht, wie denn das katatonische Wort badia (Bai) 
von badar ~ öffnen kommt. Im Französischen heißt bayer den Mund 
offen haben. Ein anderes Wort für dasselbe ist Meerbusen, latein. Sinus, 
und ein drittes Wort ist Golf, das französisch in nächster Beziehung 
steht mit gouffre = Abgrund. Golf kommt von xoXjioq 1 ), das zugleich 
Busen und Schoß, Mutterschoß, daher vagina (med.), bedeutet. 
Es kann auch Gewandfalte und Tasche bedeuten. (Schweizerdeutsch 
wird auch buese als Rocktasche angeführt.) xöbzog kann auch ein 
tiefes Tal zwischen hohen Bergen bedeuten. Diese Bezeichnungen 
zeigen klar, welche Urvorstellungen zugrunde liegen. Sie machen die 
Wortwahl Goethes verständlich an jener Stelle, wo Faust der Sonne 
mit beflügelter Sehnsucht folgen möchte, um in ewigem Tage „ihr 
ewiges Licht zu trinken": 

„Nichts hemmte dann den göttergleichen Lauf 
Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten; 
Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten 
Vor den erstaunten Augen auf." 



J ) Diez: Etym. Wörterbuch der romanischen Sprachen, S. 90 ff. 






. 



265 

Faustens Sehnsucht geht ja wie bei jedem Helden nach dem 
Mysterium der Wiedergeburt, der Unsterblichkeit, daher sein Weg 
aufs Meer hinausführt und hinunter in den ungeheuerlichen Schlund 
des Todes, dessen Angst und Enge zugleich den neuen Tag bedeutet: 

„Ina hohe Meer werd' ich hinausgewiesen, 

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, 

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 

Ein Feuerwagen schwebt, auf leichten Schwingen, 

An mich heran! Ich fühle mich bereit, 

Auf neuer Bahn den Äther zu durchdringen, 

Zu neuen Sphären reiner Tätigkeit. 

Dies hohe Leben, diese Götterwonne ! 

Vermesse dich, die Pforten aufzureißen, 

Vor denen jeder gern vorüberschleicht. 

Hier ist es Zeit, durch Taten, zu beweisen, 

Daß Männerwürde nicht der Götterhöhe weicht, 

Vor jener dunkeln Höhle nicht zu beben, 

In der sich Phantasie zu eigner Qual verdammt. 

Nach jenem Durchgang hinzustreben, 

Um dessen engen Mund die ganze Hölle flammt; 

Zu diesem Schritt sich heiter zu entschließen, 

Und war* es mit Gefahr, ins Nichts dahinzufließen." 

Es klingt wie eine Bestätigung, wenn die nächstfolgende Vision 
von Miß Miller ,,une falaise ä pic", eine steil abstürzende Klippe ist. 
(Vgl. gouffre.) Der Abschluß der ganzen Keihe von Einzelvisionen 
bildet, wie die Autorin berichtet, ein Gewirr von Lauten, etwa wie 
Wa-ma, wa-ma. Dieser Laut klingt sehr ursprünglich und barbarisch. 
Da wir über die subjektiven Wurzeln dieser Laute von der Autorin 
nichts erfahren, so bleibt uns nur eine Vermutung übrig : Im Zusammen- 
hang des Ganzen wäre nämlich zu erwägen, ob nicht dieser Laut eine 
leichte Entstellung des allbekannten Rufes ist, der ma-ma heißt. (Vgl. 
dazu unten.) 

Darauf erfolgt eine Pause; in der Produktion von Visionen, dann 
setzt die Tätigkeit des Unbewußten wieder energisch ein. 

VI. 

Der Kampf um die Befreiung von der Mutter. 

Es erscheint ein Wald, Bäume und Gebüsche. Nach den Er- 
örterungen des vorangegangenen Kapitels bedarf es hier nur noch des 



/. 



266 

Hinweises, daß das Waldsymbol im wesentlichen mit der Bedeutung 
des heiligen Baumes zusammenfällt. Der heilige Baum findet sich meist 
in einem heiligen "Waldbezirk oder Paradiesesgarten. Der heilige Hain 
steht öfter an Stelle des Tabubaumes und übernimmt alle Eigenschaften 
des letzteren. (Vgl. auch das eben über vXrj Gesagte.) Die erotische 
Symbolik des Gartens ist allbekannt. Der Wald hat mythologisch 
Mutterbedeutung wie der Baum. In der nunmehr folgenden Vision 
bildet der Wald die Szene, auf der die dramatische Darstellung des 
Endes Chiwantopels sich abspielen wird. Dieser Akt spielt also an 
oder in der Mutter. 

Ich setze zunächst den Anfang des Dramas im Urtext hierher, 
soweit der erste Opferversuch reicht. Am Anfang des nächsten Kapitels 
findet der Leser die Fortsetzung, den Monolog und die Opferszene. 
Es dürfte ratsam sein, schon hier den weiteren Verlauf des Dramas 
ins Auge zu fassen. 

„Le personnage Chiwantopel surgit du midi, ä cheval avec autour 
de lui une couverture aux vives couleurs, rouge, bleue et blanche. Un Indien 
dans un costume de peau de daim ä perles, et orne de plumes s'avance en 
se blotissant et se prepare ä tirer une fleche contre Chiwantopel. Celui-oi 
presente sa poitrine dans une attitude de ddfi, et Tlndien fascine ä cette 
vue, s'esquive et disparait dans la foret". 

Der Held Chiwantopel erscheint zu Pferde. Diese Tatsache 
erscheint von Belang, da, wie der weitere Verlauf des Dramas zeigt, 
(siehe Kap. VII) das Pferd keine gleichgültige Rolle spielt, sondern 
den gleichen Tod erleidet wie der Held und von diesem sogar als „treuer 
Bruder" bezeichnet wird. Diese Andeutungen weisen auf eine bemerkens- 
werte Ähnlichkeit von Roß und Reiter hin. Es scheint zwischen beiden 
ein innerer Zusammenhang zu existieren, der sie zum gleichen Schicksal 
führt. Wir sahen bereits, daß die Symbolisierung der „Libido im Wider- 
stand" durch die furchtbare Mutter an einigen Stellen parallel geht 
mit dem Pferd 1 ). Es wäre, genau genommen, unrichtig, zu sagen, das 
Pferd sei oder bedeute die Mutter. Das Mutterbild ist ein Libidosymbol 
und ebenso ist das Pferd ein Libidosymbol und an einigen Punkten, 
begegnen sich die beiden Symbole im Wege der Begriffsüberschneidung. 
Das Gemeinsame der beiden Bilder aber liegt in der Libido, speziell 



l ) Hexen verwandeln sich gerne in Pferde, daher man an ihren Händen 
Nägelmale von Hufbeschlag entdecken kann. Der Teufel reitet auf den Hexen- 
pferden, Pfaffenköchinnea werden nach dem Tode in Pferde verwandelt. Nege 1 e i n: 
Zeitschrift des Vereines für Volkskunde, XI, S. 406 ff. 



267 

in der aus dem Inzest verdrängten Libido. In dieser Fassung erscheint 
uns also der Held und sein Pferd als eine künstlerische Gestaltung 
der Idee des Menschen mit seiner verdrängten Libido, wobei dem 
Pferde die Bedeutung des animalischen Unbewußten zukäme, das 
gezähmt und dem Willen des -Menschen" unterworfen erscheint. 
(Parallele Darstellungen wären Agni auf dem Widder, Wotan auf 
Sleipnir, Ahuramazda auf Angromainyu 1 ), Jahwe auf dem monströsen 
Seraph, Christus auf dem Esel 2 ), Dionysos auf dem Esel, Mithras auf 
dem Pferd, Löwe und Schlange, seine symbolischen Tiere, danebenher 
eilend, Men auf menschenfüßigem Pferd, Freir auf dem goldborstigen 
Eber usw.) Den mythologischen Reittieren wohnt immer auch eine 
große Bedeutung inne, indem sie sehr oft anthropomorphisiert er- 
scheinen: So hat Mens Pferd menschliche Vorderbeine, Bileams Esel 
menschliche Sprache, der enteilende Stier, dem Mithras auf den Rücken 
springt, um ihn niederzustechen (Taurokathapsie 3 ), ist eigentlich 
nach persischer Legende der Gott selbst. Das Spottkruzifix vom Palatin 
stellt den Gekreuzigten mit einem Eselskopf dar (vielleicht in An- 
lehnung an die antike Legende, daß im Tempel von Jerusalem das 
Bild eines Esels verehrt wurde). Als Drosselbart (d. h. Pferdebart) 
ist Wotan halb Mensch, halb Pferd 4 ). Auch läßt ein altes deutsches 
Rätsel diese Einheit von Roß imd Reiter 5 ) sehr hübsch erkennen: 
„Wer sind die zwei, die zum Thing fahren? Drei Augen haben sie zu- 
sammen, zehn Füße 6 ) und einen Schweif und reisen so über Land". 
Die Sagen schreiben dem Pferd Eigenschaften zu, welche psycho- 
logisch dem Unbewußten des Menschen zukommen: Pferde sind 
hellsehend und hellhörend, sie sind Wegweiser, wo der Verirrte sich 
nicht zu helfen weiß, sie sind von mantischer Fähigkeit; Ilias 19 führt 
das Pferd unheilverkündende Rede; sie hören die Worte, welche die 

1 ) Ebenso reitet der sagenhafte Urkönig Tahmuraht auf Ahriman, dorn 
Teufel. 

*) Die Eselin und ihr Füllen dürften dem christlichen Sonnenmythus an- 
gehören, indem das Zodion Cancer (Sommersolstitium) antik als Esel und sein 
Junges bezeichnet wurde. (Vgl. Robertson: Evang. Myth., S. 19.) 

s ) Das Bild ist wohl aus dem Zirkus genommen. Noch hat der spanische 
Matador heroenhafte Bedeutung. Sueton (Claud. 21): Feros tauros per spatia 
circi agunt insiliuntque defessos et ad terram cornibus detrahunt. 

*) Also zentaurisch. 

3 ) Vgl, die erschöpfende Darstellung dieses Themas bei Jahns: Roß und 
Reiter. 

6 ) Sleipnir ist achtfüßig. 






268 

Leiche spricht, wenn sie zu Grabe getragen wird, was die Menschen 
nicht hören; Caesar erfährt von seinem mensch enfiißigen Boß (wahr- 
scheinlich hergenommen aus einer Identifikation Caesars mit dem 
phrygischeii Men), daß er die Welt erobern werde. Ein Esel prophezeit 
dem Augustus den Sieg von Actium. Das Pferd sieht auch Gespenster. 
Alle diese Dinge entsprechen typischen Manifestationen des Un- 
bewußten. Daher es auch ganz verständlich ist, wenn das Pferd als 
das Bild der (bösen) tierischen Komponente des Menschen reichlich 
Beziehungen zum Teufel hat. Der Teufel hat einen Pferdefuß, unter 
Umständen auch Pferdegestalt. In kritischen Momenten zeigt er plötz- 
lich den Pferdefuß (sprichwörtlich), wie bei Haddings Entführung 
Sleipnir plötzlich hinter dem Mantel Wotans hervorschaut 1 ). Wie der 
Mar den Schlafenden reitet, so tut's auch der Teufel, daher es heißt, 
die vom Alp Befallenen seien vom Teufel geritten (daher die sprich- 
wörtliche Kedensart). Im Persischen ist (vgl. oben) der Teufel das 
Reittier Gottes. Der Teufel repräsentiert, wie alles Böse, auch die 
Sexualität, daher die Hexen mit ihm Umgang haben, wobei er in Bocks- 
oder Pferdegestalt auftritt. Die unverkennbar phallische Natur des 
Teufels teilt sich auch dem Pferde mit, daher dieses Symbol in Zu-, 
sammenhängen auftritt, wo nur diese Bedeutung erklärend wirkt. 
Es ist voranzuschicken, daß Loki in Rossesgestalt zeugt, wie der Teufel, . 
der in Pferdegestalt dasselbe tut, als alter Feuergott. So wird auch der 
Blitz theriomorph dargestellt als Pferd 2 ). Eine ungebildete Hysterika 
erzählte mir, daß sie als Kind an heftiger Gewitterangst gelitten habe, 
weil sie jedesmal da, wo ein Blitz eingeschlagen hatte, unmittelbar 
darauf ein ungeheures bis an den Himmel reichendes schwarzes Pferd 
gesehen habe 3 ). So heißt es auch in der Sage, daß der Teufel als Blitz- 
gottheit den Pferdefuß (Blitz) auf die Dächer werfe. Gemäß der 
uralten Bedeutung des Gewitters als Erdbefruclitung kommt dem BJitz 
respektive dem Pferdefuß phallische Bedeutung zu. Tatsächlich hat 
auch der Pferdefuß mythologisch die phallische Funktion, wie im 
Traum: Eine ungebildete Patientin, die von ihrem Mann ursprünglich 
sehr gewalttätig zum Koitus gezwungen worden war, träumte (nach der 
Trennung!) öfter, ein wildes Pferd springe über sie und trete ihr mit 
dem Hinterfuß in den Leib. Plutarch hat folgende Gebetsworte aus 
den Dionysosorgien übermittelt: l?.&eiv fjgcos Aiöwoe "AXtov ig vaöv 

*) Negelein: 1. c, S. 412. 
') Negelein: 1. c, S. 419. 
s ) Ich habe seither noch einen zweiten ganz ähnlichen Fall erfahren. 



' 



k 



269 

ayvbv ovv Xagkeooiv ig vabv reo ßoeco nobl &6<0V, äfie xavgs, ä^ie xavge. 
(„Komm, o Dionysos, in deinen Tempel zu Elis, komm mit den Chariten 
in deinen heiligen Tempel, tobend (orgiastisch rasend) mit dem Stier- 
fuß 1 )". Pegasus schlägt mit dem Fuß die Hippokrene, eine Quelle, 
aus dem Boden. Auf einem korinthischen Steinbild des Bellerophontes, 
das zugleich Fontäne war, floß das Wasser aus dem Huf des Pferdes 
heraus. Auch Balders Roß eröffnet durch seinen Tritt eine Quelle. 
So ist der Pferdefuß der Spender des fruchtbaren Nasses 2 ). Eine nieder- 
österreichische Sage bei Jahns (1. c. S. 27 ) erwähnt, daß man zuweilen 
einen riesigen Mann auf weißem Pferde über die Berge reiten sehe, 

was baldigen Regen bedeute.,;fn der deutschen Sage kommt Frau Holle, . 

die Geburtsgöttin, auf dem Pferd,/Schwangere in Geburtsnähe pflegen 
einem Schimmel Hafer in ihrer Schürze zu geben und ihn zu bitten, 
für baldige Entbindung zu sorgen; ursprüngliche Sitte war es, daß 
das Pferd das Genitale der Frau zu berühren hatte. Das Pferd hatte 
überhaupt (wie der Esel) die Bedeutung eines priapischen Tieres 3 ). 
Roßtrappen sind segen- und fruchtspendende Idole. Roßtrappen 
wirkten besitzgründend und hatten grenzsetzende Bedeutung, wie die 
Priape des lateinischen Altertums. Wie die phallischen Daktyle hat 
ein Pferd mit seinem Huf den Metallreichtum des Harzes aufgedeckt. 
Das Hufeisen, eine Abkürzung für Pferdefuß 4 ), hat glückbringende 
und apotropäische Bedeutung. In den Niederlanden wird ein ganzer 
Pferdefuß im Stall gegen Zauber aufgehängt. Die analoge Wirkung 
des Phallus ist bekannt, daher die Torphalli. Besonders wendete die 
Pferdekeule den Blitz ab, nach dem Grundsatz: Similia similibus. 

Pferde symbolisieren auch den Wind, h. h. das Tertium com- 
parationis ist wiederum das Libidosymbol. Die deutsche Sage kennt 
den Wind als den nach den Mädchen lüsternen wilden Jäger. Stürmische 
Punkte leiten ihren Namen gern von Pferden (Hingstbarge) ab, so 
die Schimmelberge der Lüneburgerheide. Die Zentauren sind typische 
Windgötter, wie sie auch die künstlerische Intuition Böcklins dar- 
gestellt hat 6 ). 

Pferde bedeuten auch Feuer und Licht. Beispiel sind die 



>) Preller: Griech. Mythol., I, I, S. 432. I. Aufl. 

2 ) Weitere Beispiele siehe bei Aigremont: Fuß- und Schuhsymbolik. 

3 ) Aigremont: 1. c, S. 17. 
*) Negelein: 1. c, S. 386 f. 

5 ) Ausführliche Nachweise über die Zentauren als Windgötter finden sich 
bei E. H. Meyer: Indogermanische Mythen., S. 447 ff. 



270 



feurigen Pferde des Helios. Des Hektor Rosse heißen Xanthos (gelb, 
hell), Podargos (schnellfüßig), Lampos (leuchtender) und Aithon (bren- 
nender). Eine ganz ausgesprochene Feuersymbolik wird repräsentiert 
durch die bei Dio Chrysostomus erwähnte mystische Quadriga 1 ): 
Der höchste Gott führt seinen Wagen immer im Kreise. Der Wagen 
ist mit 4 Pferden bespannt. Das an der Peripherie gehende Pferd be- 
wegt sich sehr schnell. Es hat eine glänzende Haut und trägt darauf 
die Zeichen der Planeten und der Sternbilder 2 ). (Ein Bild des 
drehenden Feuerhimmels.) Das zweite Pferd geht etwas langsamer 
und ist nur auf der einen Seite beleuchtet. Das dritte Pferd geht noch 
langsamer und das vierte dreht sich um sich selbst. Einmal aber setzt 
das äußerste Pferd mit seinem feurigen Atem die Mähne des zweiten 
in Brand und das dritte überflutet mit strömendem Schweiß das vierte 
Dann lösen sich die Pferde auf und gehen in die Substanz des Stärksten 
und Feurigsten über, welches nun zum Wagenlenker wird. Die Pferde 
stellen auch die 4 Elemente dar. Die Katastrophe ist Weltbrand und 
Sintflut, worauf die Spaltung des Gottes in das Vielerlei aufhört und 
die göttliche Einheit wiederhergestellt wird 3 ). Unzweifelhaft ist die 
Quadriga auch astronomisch als ein Zeitsymbol zu verstehen Wir 
sahen ja bereits im Ersten Teü, daß die stoische VorsteUung von Schicksal 
ein Feuersymbol ist. Es ist daher eine konsequente Durchführung des 
Gedankens, wenn die dem Schicksalsbegriff nahverwandte Zeit dieselbe 
Libidosymbolik aufweist. 

Brihädaranyaka-Upanishad 1, 1 sagt: 

„Die Morgenröte, wahrlich, ist des Opferrosses Haupt, die Sonne sein 
Auge, der Wind sein Odem, sein Rachen das allverbreitete Feuer das 
Jahr ist der Leib des Opferrosses. Der Himmel ist sein Rücken 
der Luftraum serne Bauchhöhle,, die Erde seines Bauches Wölbung d£ 
Pole sind seine Seiten, die Zwischenpole seine Rippen, die Jahresfeiän 
Beim» Glieder, die Monate und Halbmonate seine Gelenke Tage 
UDd Nacht e seine Füß e, <üe Gestirne seine Gebeine, das Gewölk sein 

') Or. XXXVI, §39 ff. (Zitiert Cumont: My 8 t. d. Mithra, S. 87, I. Aufl ) 
*) Dies ist ein besonderes Motiv, das etwas Typisches an sich haben muß 
Meine Patientin (Psychologie der Dementia praecoz, S. 165) gab ebenfalls an' 
daß ihre Pferde „Halbmonde" unter der Haut hätten, „wie Löckchen" In 
den Rudraliedern des Rigveda heißt es vom Eber Rudra, daß seine Haare j n 
Muschelform aufgewunden" seien. Indras Körper ist mit Augen bedeckt. ;" 
s ) Diese Veränderung erfolgt durch eine Weltkatastrophe. In der Mythologie 
bedeutet das Grünen und das Absterben des Lebensbaumes auoh den Wende 
punkt in der Folge der Zeitalter. 



271 

Fleisch. Das Futter, das es verdaut, sind die Sandwüsten, die Flüsse seine 
Adern, Leber und Lungen die Gebirge, die Kräuter und Bäume seine 
Haare, die aufgehende Sonne ist sein Vorderteil, die niedergehende sein 
Hinterteil." — „Der Ozean ist sein Verwandter, der Ozean seine Wiege." 

„Hier finden wir das Pferd unzweifelhaft als Zeitsymbol gedeutet, 
daneben auch als die ganze Welt. Wir begegnen auch in der mithrischen 
Eeligion einem sonderbaren Zeitgott, dem Akra, Kronos oder auch 
Deus leontocephalus genannt, weil Beine stereotype Darstellung eine 
löwenköpfige Menschengestalt ist, die, in steifer Haltung dastehend, 
von einer Schlange umschlungen ist, deren Kopf von hinten über dem 
Löwenkopf nach vorn ragt. Die Figur hält in den Händen je einen 
Schlüssel, auf der Brust ruht der Donnerkeil, auf dem Eücken befinden 
sich die 4 Flügel der Winde, außerdem trägt die Gestalt etwa auch die 
Zodia am Körper. Beigaben sind Hahn und Werkzeuge. Im karo- 
lingischen Psalterium von Utrecht, das antike Vorlagen hatte, ist 
Saeculum-Aion als ein nackter Mann mit einer Schlange in der Hand 
dargestellt 1 ). 

. Wie schon der Name der Gottheit andeutet, ist er ein Zeitsymbol, 
das interessanterweise aus Libidosymbolen zusammengesetzt ist. 
Der Löwe, das Zodion der höchsten Sommerhitze 2 ), ist das Symbol 
des mächtigsten Begehrens. („Meine Seele brüllt mit eines hungrigen 
Löwen Stimme;" Mechthild von Magdeburg.) Die Schlange ist im 
Mithrasmysterium öfter antagonistisch zum Löwen, entsprechend jener 
höchst allgemeinen Mythe vom Kampf der Sonne mit dem Drachen. 
Im ägyptischen Totenbuch wird Tum sogar als Kater bezeichnet, 
weil er als solcher die Apophisschlange bekämpft. Die Umschlingung 
ist auch, wie wir sahen, die Verschlingung, das Eingehen in den 
Mutterleib. So ist die Zeit definiert durch das Unter- und Aufgehen 
der Sonne, d. h. durch das Absterben und clie Wiedererneuerung der 
Libido. Die Beigabe des Hahnes deutet wiederum auf die Zeit und die 
der Werkzeuge auf das Schaffende der Zeit. („Duree creatrice" 
Bergson.) Oromazdes und Ahriman werden durch Zrwanakarana, 
die „unendlich lange Dauer erzeugt". Die Zeit, dieses Leere und ledig- 
lich Formale, wird im Mysterium also durch die Wandlungen der 

l ) Cumont: Text, et Mon., I, S. 76. 

*) Daher wird der Löwe von Simson getötet und später erntet Simson 
den Honig aus dem Leichnam. Das Ende des Sommers ist die Fruchtbarkeit des 
Herbstes. Es ist eine genaue Parallele zum sacrificium mithriacum. Zu Simson 
vgl. Steinthal: Die Sage von Simson. Zeitschrift für Völkerpsych., Bd. II. 



272 

schaffenden Kraft, der Libido, ausgedrückt. Macrobius (I, 20, § 15) 
sagt: „Leonis capite monstratur praesens terapus — quia conditio 
ejus valida fervensque est." Philo von Alexandrien weiß es besser: 

„Tempus ab hominibus pessimis putatur deus volentibus Bus essen- 
tiale abscondere — pravis hominibus tempus putatur causa rerum mundi, 
sapientibus vero et optimis non tempus sed Deus 1 )." 

Bei Firdusi 2 ) ist die Zeit öfter das Symbol des Schicksals, dessen 
Libidonatur wir bereits kennen gelernt haben. Der obenerwähnte 
indische Text geht allerdings noch weiter; sein Pferdesymbol enthält 
alle Welt in sich, sein Verwandter und seine Wiege ist das Meer, die 
Mutter, gleichgesetzt der Weltseele, deren mütterliche Bedeutung wir 
oben gesehen haben. Wie der Aion die Libido in der Urnschlingung, d. h. 
im Stadium des Todes und der Wiedergeburt darstellt, so ist auch hier 
die Wiege des Pferdes das Meer, d. h. die Libido ist in der Mutter, 
sterbend und wiedererstehend, wie das Symbol des Christus, der als 
reife Frucht am Lebensbaume hängt, sterbend und wiedererstehend. 

Wir haben bereits gesehen, daß das Pferd durch Yggdrasil mit 
der Baumsymbolik zusammenhängt. Das Pferd ist auch ein „Toten- 
baum"; so hieß im Mittelalter die Totenbahre St. Michaelspferd und 
Neupersisch bedeutet das Wort für Sarg „hölzernes Pferd" 3 ). Das 
Pferd hat auch die Rolle des Psychopompos, es ist das Reittier zum 
Jenseitsland; Pferde weiber holen die Seelen (Walküren). Neu- 
griechische Lieder stellen Charon zu Pferde dar. Diese Bestimmungen 
führen, wie ersichtlich, zur Muttersymbolik hinüber. Das trojanische 
Pferd war das einzige Mittel, mit dem die Stadt bezwungen werden 
konnte, weil nur der ein unüberwindlicher Held ist, der in die Mutter 
hineingegangen und wiedergeboren ist. Das trojanische Pferd ist eine 
Zauberhandlung, wie das Notfeuer, welches auch dazu dient, die 
Notwendigkeit zu bezwingen. Die Formel lautet offenbar: Um diese 
Schwierigkeit zu bewältigen, mußt du den Inzest begehen 
und noch einmal aus deiner Mutter geboren werden. Es 
scheint, daß das Einschlagen eines Nagels in den heüigen Baum etwas 



J ) Philo: In Genesim, I, 100. (Zitiert Cumont: Text, et Mon., I, S. 82.) 

2 ) Spiegel: Erän. Altertumskunde. II, 193. In der dem Zoroaster 
zugeschriebenen Schrift Hegl ^öoecog wird die Ananke, die Schicksalsnot- 
wendigkeit, durch die Luft dargestellt. Cumont: 1. c, I, S. 87. 

3 ) Spielreins Pat. (Jahrbuch, III, S. 394) spricht von Pferden, die 
Menschen, sogar ausgegrabene Leichen fressen. 



273 

Ähnliches bedeutete. Ein solches Palladium scheint der „Stock im Eisen" 
in Wien gewesen zu sein. 

Noch einer Symbolform ist zu gedenken: Gelegentlich reitet der 
Teufel auf einem dreibeinigen Pferd. Die Todesgöttin Hei reitet 
in der Pestzeifc ebenfalls auf einem dreibeinigen Pferd 1 ). Dreibeinig ist 
der riesige Esel, der im himmlischen Eegensee Vouruka3ha steht, 
dessen Urin das "Wasser "des Sees reinigt, und von dessen Gebrüll alle 
nützlichen Tiere schwanger werden und alle schädlichen Tiere abortieren. 
Die Triade weist wieder auf das Phallische hin. Die gegensätzliche 
Symbolik bei Hei ist in ein Bild verschmolzen bei dem Esel des Vou- 
rukasha. Die Libido ist ebensowohl befruchtend wie zerstörend. 

Diese Bestimmungen lassen in ihrer Gesamtheit klar die Grund- 
züge wieder erkennen: Das Pferd ist ein Libidosymbol von teils phal- 
lischer, teils Mutterbedeutung, wie der Baum, repräsentiert also Libido 
in dieser Anwendung, nämlich die durch das Inzestverbot verdrängte 
Libido. * 

Dem Helden im Mill ersehen Drama nähert sich ein Indianer, 
bereit einen Pfeil auf ihn abzuschießen. Chiwantopel aber zeigt dem 
Feinde die Brust mit stolzer Gebärde. Dieses Bild erinnert die Autorin 
an die Szene zwischen Cassius und Brutus in Julius Caesar von 
Shakespeare*). Es hat sich ein Mißverständnis zwischen den beiden 
Freunden erhoben, indem Brutus dem Cassius vorwirft, daß er ihm 
das Geld für die Legionen verweigere. Cassius, empfindlich und gereizt, 
bricht in die Klageworte aus: 

„Komm, Marc Anton, und komm, Octavius nur! 

Nehmt eure Bach' allein an Cassius, 

Denn Cassius ist des Lebens überdrüssig: 

Gehaßt von einem, den er Hebt; getrotzt 

Von seinem Bruder; wie ein Kind gescholten. 

Man späht nach allen meinen Fehlern, zeichnet 

Sie in ein Denkbuch, lernt sie aus dem Kopf, 

Wirft sie mir in die Zähne. — ich könnte 

Aus meinen Augen meine Seele weinen! 

Da ist mein Dolch, hier meine nackte Brust; * 

Ein Herz drin, reicher als des Plutus Schacht, 

Mehr wert als Gold: wo du ein Römer bist, 

So nimm's heraus. Ich, der dir Gold versagt, 



*) Negelein: 1. c., S. 416. 
*) IV. Aufzug. II. Szene. 

Jung, Libido. jo 






274 

Ich biete dir mein Herz. Stoß zu, wie einst 
Auf Caesar! Denn ich weiß, daß du am ärgsten 
Ihn haßtest, liebtest du ihn mehr, als je 
Du Cassius geliebt." 

Das hierher gehörige Material wäre unvollständig, wenn man nicht 
erwähnte, daß diese Rede des Cassius mehrere Analogien aufweist 
zu dem agonalen Delix des Cyrano (vgl. Erster Teil), nur daß Cassius 
bei weitem theatralischer und übertriebener ist. In seiner Art liegt sogar 
etwas Kindliches und Hysterisches. Brutus denkt ja nicht daran, ihn zu 
töten, sondern verabreicht ihm eine sehr kalte Douche im folgenden 
Dialog: 

Brutus: „Steckt euren Dolch ein! 

Seid zornig, wenn ihr wollt, es steh* euch frei! 

Tut, was ihr wollt: Schmach soll für Laune gelten. 

Cassius! Einem Lamm seid Ihr gesellt, 

Das so nur Zorn hegt, wie der Kiesel Feuer, 

Der, viel geschlagen, flücht'ge Funken zeigt 

Und gleich drauf wieder kalt ist. 
Cassius: „Lebt ich dazu, 

Ein Schmerz nur und Gelächter meinem Brutus 

Zu sein, wenn Gram und böses Blut mich plagt? 
Brutus: „Als ich das sprach, hatt' ich auch böses Blut. 
Cassius: „Gesteht Ihr soviel ein? Gebt mir die Hand! 
Brutus: „Und auch mein Herz. 
Cassius: „0 Brutus! 1 
Brutus: „Was verlangt Ihr? 
Cassius: „Liebt Ihr mich nicht genug, Geduld zu haben, 

"Wenn jene rasche Laune, von der Mutter 

Mir angeerbt, macht, daß ich mich vergesse? 
Brutus: „Ja, Cassius; künftig, wenn Ihr allzu streng 

„Mit Eurem Brutus seid, so denkt er, 

Die Mutter schmäl' aus Euch und läßt Euch gehn." 

Die analytische Aufklärung der Empfindlichkeit des Cassius 
führt zur Erkenntnis, daß er sich in diesen Momenten mit der Mutter 
identifiziere und sich daher recht weiblich benehme, wie das ja seine 
Rede ausgezeichnet dartut. Denn seine weibische, um Liebe werbende 
und verzweiflungsvolle Unterwerfung unter den männlichen trotzigen 
Willen des Brutus berechtigt letzteren zu der freundlichen Bemerkung, 
daß Cassius einem Lamm gesellt sei, d. h. noch etwas sehr Untüchtiges 
in seinem Charakter habe, welches von der Mutter stamme. Man er- 
kennt hierin unschwer den analytischen Tatbestand einer infantilen 



275 

Disposition, die, wie immer, durch ein Prävalieren der Elternimago, 
hier der Mutterimago, gekennzeichnet ist. Ein infantües Individuum' 
ist darum infantil, weil es sich nur ungenügend oder gar nicht aus der 
Kindheitsumgebung, d. h. von seiner Elternanpassung befreit hat, 
daher es fälschlicherweise der Welt gegenüber einerseits so reagiert] 
wie ein Kind den Eltern gegenüber, immer Liebe und sofortige Gefühls- 
belohnung heischend; anderseits durch die enge Bindung an die Eltern 
mit diesen identifiziert, benimmt sich der Infantile wie der Vater und 
wie die Mutter. Er ist nicht imstande, sich selbst zu leben und seinen 
ihm zugehörigen Typus zu finden. Weshalb Brutus sehr richtig an- 
nimmt, „die Mutter schmäl'" aus Cassius, er sei's nicht selbst. Der 
psychologisch wertvolle Tatbestand, den wir hier erheben, ist der Nach- 
weis, daß Cassius infantil und mit der Mutter identifiziert 
ist. Das hysterische Benehmen fällt dem Umstände zur Last, daß 
Cassius zum Teil noch Lamm ist, also unschuldvolles und gänzlich 
harmloses Kind; er ist also, was sein Gefühlsleben anbetrifft, hinter 
sich selber noch zurückgeblieben, wie wir solches öfter sehen bei 
Menschen, die anscheinend als Mächtige das Leben und die Mitmenschen 
beherrschen: sie sind den Anforderungen ihrer Liebesgefühle gegenüber 
Kinder geblieben. 

Die Figuren des Mill ersehen Dramas als Kinder der Phantasie 
der Schöpferin schildern natürlich alle diesen oder jenen Charakter- 
zug, der der Autorin zugehört. Am ehesten wird der Held die Wunsch- 
figur repräsentieren, denn der Held vereinigt immer alle erwünschten 
Ideale in sich. Die Geste Cyranos 1 ) ist gewiß schön und' eindrucksvoll, 
die Geste des Cassius hat theatralischen Effekt. Beide Helden schicken 
sich an, effektvoll zu sterben, was Cyrano gelingt. Diese Geste schildert 
einen Todeswunsch im Unbewußten unserer Autorin, dessen Bedeutung 
wir anläßlich ihres Gedichtes von der Motte bereits ausführlich be- 
sprochen haben. Das Sterbenwollen junger Mädchen ist nur ein indi- 
rekter Ausdruck, der auch Pose bleibt, wenn wirklich gestorben wird, 
denn auch der Tod kann posiert werden. Durch solchen Ausgang ge- 
winnt .die Pose nur an Schönheit und Wert — unter Umständen. Daß 
der höchste Gipfel des Lebens durch die Symbolik des Todes ausgedrückt 
wird,täst eine bekannte Tatsache, denn das Schaffen über sich selber 
hinaus bedeutet den eigenen Tod. Die kommende Generation ist das 
Ende der vorangehenden. Diese Symbolik ist auch der erotischen 

J ) Vgl. erster Teil. 

18* 



276 

Sprache geläufig. Zu den deutlichsten Beispielen gehört das laszive 
Gespräch zwischen Lucius und der buhlerischen Magd bei Apulejus 
(Metamorph, lib. II, 32): 

„Proeliare, inquit, et fortiter proeliare: nee enim tibi cedam, nee terga 
vortam. Cominus in aspectum, si vir es, dirige; etgrassare naviter, et oeeide 
moriturus. Hodiema pugna non habet missionem. — Simul ambo 
corruimus inter mutuos amplexus aniraas anhelantes." 

Diese Symbolik ist überaus bedeutsam, weil sie zeigt, wie 
leicht ein gegensätzlicher Ausdruck zustande kommt und wie ver- 
ständlich und bezeichnend zugleich ein derartiger Ausdruck ist. Die 
stolze Geste, mit der der Held sich dem Tode darbietet, kann sehr 
wohl auch indirekter Ausdruck sein, der um das Mitleid oder die Auf- 
regung des andern buhlt und so der kühlen analytischen Reduktion, 
wie sie Brutus vornimmt, verfiele. Auch Chiwantopels Geste ist ver- 
dächtig, denn die Cassiusszene, die ihr zur Vorlage dient, verrät indis- 
kreterweise, daß die ganze Sache bloß infantil sei und einer zu aktiven 
Mutterimago ihr Dasein verdanke. Wenn wir dieses Stück zusammen- 
halten mit der im vorigen Kapitel aufgedeckten Reihe von Mutter- 
symbolen, dann müssen wir sagen, daß die Cassiusszene uns bloß noch- 
mals bestätigt, was wir längst vermuteten, daß nämlich die treibende 
Kraft dieser symbolischen Visionen einer infantilen Mutterübertragung, 
d. h. einer unabgelösten inzestuösen Bindung -an die Mutter entstamme. 

Im Drama nimmt nun, im Gegensatz zu der inaktiven Natur der 
vorausgehenden Symbole, die Libido eine drohende Aktivität an, 
indem ein Konflikt offenbar wird, worin der eine Teil den andern mit 
Mord bedroht. Der Held, als das Idealbild der Träumerin, ist geneigt 
zu sterben, er fürchtet den Tod nicht. Entsprechend dem Infantil- 
charakter dieses Helden, wäre es gewiß an der Zeit, daß er endlich 
vom Schauplatz abträte (in infantiler Sprache „stürbe"). Der Tod soll 
ihm gebracht werden in Form eines Pfeüschusses. In Anbetracht des 
Umstandes, daß die Helden sehr oft selber große Pfeilschützen sind 
oder Pfeilschüssen erliegen (Typus St. Sebastian), dürfte es nicht über- 
flüssig sein, danach zu fragen, was der Tod durch den Pfeilschuß 
bedeute. 

Wir lesen in der Biographie der hysterischen Nonne und stig- 
matisierten Katharina Emmerich 1 ) S. 63 folgende Beschreibung ihres 
(offenbar neurotischen) Herzleidens. 

') P. Thomas a Villanova Wegener: Das wunderbare äußere und innere 
Leben der Dienerin Gottes Anna Catherina Emmerich, usw. Dülmen i. W., 1891. 






277 

„Sie erhielt nämlich schon im Noviziate als Weihnachtsgeschenk 
vom heiligen Christ ein gar sehr peinigendes Herzleiden für die ganze Zeit 
ihres Ordenslebens. Gott zeigte ihr im Innern den Zweck, es sei für den 
Verfall des Ordensgeistes, insbesondere für die Sünden ihrer Mitschwestern. 
Was aber dieses Leiden am peinigendsten machte, war ihre Gabe, welche 
sie von Jugend auf besessen hatte, nämlich das innere Wesen der Menschen 
nach seiner Wahrheit vor Augen zu sehen. Das Herzleiden empfand sie 
körperlich, als werde ihr Herz beständig von Pfeilen durchbohrt 1 ). 
Diese Pfeile — und das war das noch schlimmere geistige Leiden — er- 
kannte sie aus der Nähe als die Gedanken, Pläne, geheimen Reden von 
Mißdeutungen, Verleumdungen, Lieblosigkeiten, worin ihre Mitschwestern 
ganz grund- und gewissenlos gegen sie. und ihren gottesfürchtigen Wandel 
begriffen waren." 

Es ist schwer, eine Heilige zu sein, denn eine derartige Ver- 
gewaltigung erträgt auch die geduldige und langmütige Natur nur sehr 
schlecht und verteidigt sich auf ihre Art. Das Gegenstück zur Heiligkeit 
sind die Versuchungen, ohne die doch kein rechter Heiliger leben kann. 
Wir wissen aus psychoanalytischer Erfahrung, daß diese Versuchungen 
auch unbewußt verlaufen können, so daß nur Äquivalente davon in 
Form von Symptomen dem Bewußtsein zugeführt werden. Wir wissen 
es schon sprichwörtlich, daß Herz und Schmerz sich reimen. Es ist eine 
längst bekannte Tatsache, daß die Hysterie an Stelle eines seelischen 
Schmerzes einen körperlichen setzt. Das hat der Biograph der Emmerich 
ganz richtig aufgefaßt. Nur ist ihre Deutung der Schmerzen wie ge- 
wöhnlich eine projizierte: Es sind immer die andern, welche heimlich 
allerhand Ülples von ihr behaupten und dies macht ihr angeblich die 
Schmerzen 2 ). Die Sache liegt aber etwas anders: Der ganze schwere 
Verzicht auf alle Freuden des Lebens, dieses Absterben vor der Blüte, 
ist das Schmerzhafte im allgemeinen, und im besondern sind es die un- 
erfüllten Wünsche und die Versuche der animalischen Natur, die Macht 
der Verdrängung zu durchbrechen. Natürlich spielt das Herumklatschen 
und Sticheln der Mitschwestern liebevoll und ausgerechnet immer 
auf diese peinlichsten Dinge an, so daß es der Heiligen erscheinen mußte, 
als kämen ihre Beschwerden davon her. Sie konnte natürlich nicht wissen, 
daß das Gerücht gern die Rolle des Unbewußten übernimmt, das wie 
ein geschickter Gegner immer auf die tatsächlichen, selber schmerzlich 
empfundenen Lücken unseres Panzers zielt. 

1 ) Das Herz der Gottesmutter ist von einem Schwert durchbohrt. 

2 ) Entsprechend dem Bilde im Psalm 11, 2: „Denn siehe, die Gottlosen 
spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen, damit heimlich zu schießen 
die Frommen." 



278 

In diesem Sinne drückt sich eia Passus aus den Versreden Go ta mo 

Buddhos aus 1 ): 

Ein Wunsch doch wieder, ernst erwünscht, 

Im Willen aufgezeugt, genährt, 

Und muß allmählich sein gemißt 

Wie Pfeil im Fleische wühlt er wild. 

Die verwundenden und schmerzhaften Pfeile kommen nicht 
von außen durch Gerüchte, die doch immer nur von außen angreifen, 
sondern sie kommen aus dem Hinterhalt, aus unserem eigenen Un- 
bewußten. Das schafft das wehrlose Leiden, nicht das, was von außen 
an uns herankommt. Die eigenen verdrängten und nicht an- 
erkannten Wünsche sind es, die wie Pfeile in unserem 
Fleisch stecken 2 ). In einem andern Zusammenhang wird dies auch 
für unsere Nonne klar, und zwar sehr buchstäblich. Es ist eine bekannte 
Tatsache, die für den Wissenden keiner weiteren Belege bedarf, daß 
jene mystischen Vereinigungsszenen mit dem Heiland in der Regel 
von einem enormen Betrag an Sexuallibido durchsetzt sind 3 ). Es ist 
daher nicht erstaunlich, daß die Stigmatisationsszene nichts als eine 
Inkubation durch den Heiland ist, nur wenig metaphorisch verändert 
gegenüber der antiken Auffassung der Unio mystica als einer cohabitatio 
mit dem Gotte: Die Emmerich erzählt von ihrer Stigmatisation 
folgendes: (S. 77 bis 78.) 

„Ich hatte eine Betrachtung der Leiden Christi und flehte ihn an, 
mich doch sein Leiden auch mitempfinden zu lassen, und betete fünf Vater- 
unser zu Ehren der heiligen fünf Wunden. Ich kam, mit ausgebreiteten 
Armen im Bette liegend, in eine große Süßigkeit und in einen unendlichen 
Durst nach den Schmerzen Jesu. Da sah ich ein Leuchten auf mich nieder- 
kommen, es kam schräg von oben. Es war ein gekreuzigter Körper, ganz 



*) K. E. Neu mann: Die Reden Gotamo Buddhos aus der Sammlung der 
Bruchstücke Suttanipäto des Päli-Kanons übersetzt. München 1911. 

■) In demselben Sinne eines endogenen Schmerzes nennt Theokrit27, 28 
die Geburtswehen: ,, Geschosse der Hithyia". Im Sinne eines Wunsches findet 
sich dasselbe Gleichnis bei Jesus Sirach 19, 12: „Wenn ein Wort im -Narren 
steckt, so ist's eben, als wenn ein Pfeil in der Hüfte steckt." D. h., es läßt ihm keine 
Ruhe, als bis es heraus ist. 

3 ) Man wäre versucht zu sagen, es seien bloß uneigentlich ausgedruckte 
Koitusszenen. Dies wäre aber eine zu starke und nicht zu rechtfertigende Be- 
tonung des Ausgangsmaterials. Man darf nicht vergessen, daß die Heiligen vor- 
bildlich die schmerzhafte Domestikation der Bestie gelehrt haben. Daß Resultat 
davon, nämlich der Portschritt der Zivilisation, hat auch als Motiv dieses Handelns 
anerkannt zu werden. 



279 

lebendig und durchscheinend, mit ausgebreiteten Armen, absr ohne Kreuz. 
Die Wunden leuchteten heller als der Körper, sie waren fünf Glorienkreise, 
aus der ganzen Glorie hervortretend. Ich war ganz entzückt und mein Herz 
war mit großem Schmerze und doch mit Süßigkeit vor Verlangen nach dem 
Mitleiden der Schmerzen meines Heilandes bewegt. Und indem mein Ver- 
langen nach dem Leiden des Erlösers im Anblicke seiner Wunden immer 
mehr stieg, und wie aus meiner Brust, durch meine Hände, Seite und Füße 
nach seinen heiligen Wunden hinflehte, stürzten zuerst aus den Händen, 
dann aus der Seite, dann aus den Füßen des Bildes dreifache leuchtende 
rote Strahlen, unten in einem Pfeile sich endend, nach meinen Händen, 
Seite und Füßen." 

Die Strahlen sind, ihrem phallischen Grundgedanken entsprechend, 
dreifach, unten in einer Pfeilspitze endigend 1 ). Wie, Amor, so hat 
auch die Sonne ihren Köcher voll zerstörender oder befruchtender Pfeile 2 ), 
Sonnenstrahlen, denen phallische Bedeutung innewohnt. Auf dieser 
Bedeutung beruht offenbar die orientalische Sitte, tapfere Söhne als Pfeile 
und Wurfspieße der Eltern zu bezeichnen. „Scharfe Pfeile machen" ist 
eine arabische Redensart für „tapfere Söhne zeugen". Um die Geburt 
eines Sohnes anzuzeigen, hängt der Chinese Pfeil und Bogen vors 
Haus. Daher erklärt sich auch die Psalmstelle (127, 4): „Wie die Pfeile 
in der Hand eines Starken, also geraten die jungen Knaben." (Vgl. 
dazu das in der Einleitung über den „Knaben" Gesagte.) Durch diese 
Bedeutung des Pfeiles wird verständlich, wie der Skythenkönig Ariantas 
dazu kam, als er eine Volkszählung veranstalten wollte, von jedem 
Skythen eine Pfeilspitze zu fordern 3 ). Eine ähnliche Bedeutung kommt 
auch der Lanze zu. Aus der Lanze stammen die Menschen ab, denn die 
Esche ist auch die Mutter der Lanzen, daher das „eherne" Menschen- 
geschlecht aus ihr abstammt. Den Hochzeitsgebrauch, auf den Ovid 
anspielt („Comat virgineas hasta recttrva comas". Fastorum lib. II, 
560), haben wir bereits erwähnt. Kaineus*) befahl, daß man seine 
Lanze. verehre. Nun berichtet Pindar von diesem Kaineus die Sage, 
daß er „die Erde mit geradem Fuß spaltend" in die Tiefe gefahren sei 5 ). 

l ) Apulejus (Metam. lib. II, 31) gebraucht die Symbolik von Pfeil und 
Bogen in sehr drastischer Weise: „Ubi primam sagittam saevi Cupidinis in ima 
praecordia mea delapsam excepi, arcum meum en ! Ipse vigor attendit et oppido 
formido, ne nervus rigoris nimietate rumpatur." 

*) So der pestbringende Apollo. Ahd. heißt Pfeü: strala. 

s ) Herodot: IV, 81. 

') Vgl. Röscher: s. v. Kaineus, Sp. 894 ff . 

e ) Spielreins Kranke (Jahrbuch III, S. 371) hat die Idee der Erd- 
spaltung ebenfalls in ähnlichem Zusammenhange: „Das Eisen braucht man zum 



. 



280 

Ursprünglich soll er eine Jungfrau Kainis gewesen sein, die wegen ihrer 

Willfährigkeit von Poseidon zu einem unverwundbaren Mann gemacht 

worden sei. Ovid (Met. lib. XII) schildert den Kampf der Lapithen 

mit dem unverwundbaren Kaineus, wie sie ihn zuletzt ganz mit Bäumen 

bedeckten, weil sie ihm anders nicht beikommen konnten. Ovid sagt 

hier: 

Exitus in dubio est: alii sub inania corpus 

Tartara detrusum silvarum mole ferebant, 

Abnuit Ampycides: medioque ex aggere fulvis 

Vidit avem pennis liquidas exire sub auras. 

Röscher 1 ) hält diesen Vogel für den Goldregenpfeifer (Gha- 
radrius pluvialis), der seinen Namen davon hat, daß er in der xagadga, 
dem Erdspalt, wohnt. Durch seinen Gesang zeigt er kommenden 
Regen an. In diesen Vogel wird Kaineus verwandelt. 

Wir erkennen in diesem kleinen Mythus wiederum die typischen 
Bestandteile des Libidomythus : Ursprüngliche Bisexualität, Un- 
sterblichkeit (Unverwundbarkeit) durch Eingehen in die Mutter (mit 
dem Fuß die Mutter spalten, zugedeckt werden) und Auferstehung als 
Seelen vogel und Bringer der Fruchtbarkeit. (Auffliegende Sonne.) 
Wenn dieser so geartete Heros seine Lanze verehren läßt, so ist wohl 
zu denken, daß ihm seine Lanze ein gültiger und ersetzender Aus- 
druck sei. 

Wir verstehen von unserem jetzigen Standpunkt aus jene Stelle 
bei Hiob 2 ), die ich im ersten Teil Kap. IV erwähnte, in einem neuen 
Sinne : 

»Er — hat mich ihm zum Ziel aufgerichtet. Er hat mich umgeben 
mit seinen Schützen; er hat meine Nieren gespalten und nicht verschont — ■ 

Zwecke der Erddurchbohrimg — Mit dem Eisen kann man — Menschen schaffen — ■ 
Die Erde wird gespalten, gesprengt, der Mensch wird geteilt. — Der Mensch wird 
auseinandergeteilt und wieder zusammengelegt — Um dem Lebendigbegrabensein 
ein Ende zu machen, hieß Jesus Christus seine Jünger die Erde durchbohren." 
Das Motiv des „Spaltens" ist von allgemeiner Bedeutung. Der persische Held 
/, Tishtria, der auch als weißes Pferd erscheint, öffnet den Regensee und macht 

so die Erde fruchtbar. Er heißt auch Tir = Pfeil. Er wird auch weiblich 
dargestellt mit Bogen und Pfeil. (Cumont: Text et mon. I, S. 136.) Mithras 
schießt mit dem Pfeil Wasser aus dem Felsen, um die Dürre zu lösen. Auf mi- 
trhischen Monumenten findet sich gelegentlich das Messer in die Erde gesteckt, 
sonst ist es das Opferinstrument, das den Stier tötet. (Cumont: 1. c, S. 1G5, 
115, 116.) 

>) Götting. Gelehrt. Anzeig. 1884, S. 155. 

a ) 16, 13 ff. 



281 

Er hat mir eine Wunde über die andere gemacht; er ist an mich belaufen, 
wie ein Gewaltiger." 

Diese Symbolik verstehen wir nunmehr als einen Ausdruck für 
die durch den Ansturm unbewußter Wünsche verursachte Seelenqual, 
die Libido wühlt in seinem Fleisch, ein grausamer Gott hat sich seiner 
bemächtigt und durchbohrt ihn mit seinen schmerzhaften libidinösen 
Wurfgeschossen, mit Gedanken, die überwältigend ihn durchfahren. 
(Wie mir eine in der Genesung befindliche Dementiapraecoxkranke 
sagte: „Heute hat mich plötzlich ein Gedanke „durchstürzt".) 

Dieses nämliche Bild findet sich bei Nietzsche wieder 1 ): 

„Hingestreckt, schaudernd, 

Halbtotem gleich, dem man die Füße wärmt, 

Geschüttelt, ach! von unbekannten Fiebern, 

ZitteTnd vor spitzen eisigen Frostpfeilen, 

Von dir gejagt, Gedanke! 

Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher! 

Du Jäger hinter Wolken! 

Darniedergeblitzt von dir, 

Du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt: So hege ich, 

Biege mich, winde mich, gequält 

Von allen ewigen Martern, 

Getroffen 

Von dir, grausamer Jäger, 

Du unbekannter — Gott ! 

Triff tiefer! 

Triff einmal noch! 

Zerstich, zerbrich dies Herz! 

Was soll dies Martern 

Mit zähnestumpfen Pfeilen? 

Was blickst du wieder, 

Der Menschen Qual nicht müde, 

Mit schadenfrohen Götter-Blitz- Augen? 

Nicht töten willst du, 

Nur martern, martern? 

Es bedarf keiner langatmigen Erklärung, um in diesem Gleichnis 
das alte, universelle Bild des gemarterten Gottesopfers zu erkennen, 
dem wir bereits begegneten bei den mexikanischen Kreuzopfern und dem 
Odinsopfer 2 ). Dasselbe Bild tritt uns entgegen im hundertfach wieder- 

J ) Zarathustra: Der Zauberer. Werke, Bd. IV, S. 367 f. 

-) Spielreins Patientin sagt ebenfalls aus, daß sie von Gott durch- 
schossen worden sei (3 Schüsse) „dann kam eine Auferstehung — des Geistes." 
Das ist Introversionssymbolik. 



282 

holten St. Sebastiansmartyrium, wo das mädchenhart zarte, blühende 
Fleisch des jungen Gottes all den Schmerz des Verzichtes erraten läßt, 
den die Empfindung des Künstlers hineingelegt hat. Der Künstler 
steckt ja immer ein Stück des Geheimnisses seiner Zeit in sein Kunst- 
werk. In erhöhtem Maße gilt dasselbe auch vom vornehmsten christ- 
lichen Symbol, dem von der Lanze durchstochenen Kruzifixus, dem 
Bild des von seinen Wünschen gepeinigten, in Christo gekreuzigten 
und sterbenden Menschen christlicher Epoche. 

Daß es nicht von außen kommende Qual ist, die den Menschen 
trifft, sondern daß er sich selber Jäger, Mörder, Opferer und Opfer- 
messer ist, zeigt uns ein anderes Gedicht Nietzsches (Werke, Bd.VIII, 
S. 414), wo der anscheinende Dualismus in den seelischen Konflikt 
aufgelöst ist unter Verwendung derselben Symbolik: 

„Oh Zarathustra, 
grausamster Nimrod! 
Jüngst Jäger noch Gottes 
Das Fangnetz aller Tugend, 
Der Pfeil des Bösen! 

Jetzt ; 

Von dir selber erjagt, 

Deine eigene Beute, 

In dich selber eingebohrt 

Jetzt 

Einsam mit dir,. 

Zwiesam im eignen Wissen, 

Zwischen hundert Spiegeln 

Vor dir selber falsch, 

Zwischen hundert Erinnerungen 

Ungewiß, 

an jeder Wunde müd, 

An jedem Froste kalt, 

In eigenen Stricken gewürgt, 

Selbstkenner! 

Selbsthenker: 

Was bandest du dich 

Mit dem Strick deiner Weisheit? 

Was locktest du dich 

Ins Paradies der alten Schlange? 

Was schlichst du dich ein 

In dich — in dich? " 

Nicht von außen treffen den Helden die tödlichen Pfeile, sondern 
er selbst ist es, der in Uneinigkeit mit sich selbst, sich selber jagt, be- 



283 

kämpft'und martert. In ihm selber hat sich Wollen gegen Wollen, Libido 
gegen Libido gekehrt — daher der Dichter sagt: „In sich selber ein- 
gebohrt", d. h. vom eigenen Pfeil verwundet. Da wir den Pfeil als ein 
Libidosymbol erkannt haben, so wird uns auch das Bild des „Ein- 
bohrens" klar : es ist ein phallischer Akt der Vereinigung mit sich selbst, 
eine Art Selbstbefruchtung (Introversion), auch eine Selbstver- 
gewaltigung, ein Selbstmord, daher sich Zarathustra als Selbsthenker 
bezeichnen bann, wie Odin, der sich selber dem Odin opfert. 

Die Verwundung durch den eigenen Pfeil bedeutet also zunächst 
einen Introversionszustand. Was dieser zu bedeuten hat, wissen 
wir bereits: Die Libido sinkt in ihre „eigene Tiefe" (ein bekanntes 
Gleichnis Nietzsches) und findet dort unten in den Schatten des 
Unbewußten den Ersatz für die Oberwelt, die sie verlassen hat, nämlich 
die Welt der Erinnerungen („zwischen hundert Erinnerungen"), 
worunter die stärksten und einflußreichsten die frühinfantilen Erinne- 
rungsbilder sind. Es ist die Welt des Kindes, jener paradiesische Zustand 
frühester Kindheit, von dem uns einst ein hartes Gesetz trennte. In 
diesem unterirdischen Reich schlummern süße Heimatgefühle und 
die unendlichen Hoffnungen alles Werdenden. Wie Heinrich in der 
„Versunkenen Glocke" von Gerhart Hauptmann von seinem Wunder- 
werke sagt: 

„Es singt ein Lied, verloren und vergessen, 
Ein Heimatlied, ein Kinderliebeslied, 
Aus Märchenbrunnentiefen aufgeschöpft, 
Gekannt von jedem, dennoch, unerhört." 

Doch, wie Mephistopheles sagt, „die Gefahr ist groß" 1 ). Diese 
Tiefe ist verlockend, sie ist die Mutter und — der Tod. Wenn die Libido 
die lichte Oberwelt verläßt, sei es aus Entschluß des Menschen oder aus 
abnehmender Lebenskraft, so sinkt sie in die eigene Tiefe zurück, in 
die Quelle, aus der sie einst geflossen, und kehrt zurück zu jener Bruch- 
stelle, dem Nabel, durch den sie einst in diesen Körper eingetreten ist. 
Diese Bruchstelle heißt Mutter, denn aus ihr kam uns die Quelle 
der Libido. Darum, wenn irgend ein großes Werk zu tun ist, vor dem 
der schwache Mensch, an seiner Kraft verzweifelnd, zurückweicht, 
dann strömt seine Libido zu jenem Quellpunkt zurück — und das ist 
jener gefährliche Augenblick, in dem die Entscheidung fällt zwischen 
Vernichtung und neuem Leben. Bleibt die Libido im Wunderreich 



') Faust II. Teil, Mütterszene. 



284 

t 

der inneren Welt hängen 1 ), so ist der Mensch für die Oberwelt zum 
Schatten geworden, er ist so gut als ein Toter oder Schwerkranker 2 ). 
Gelingt es aber der Libido, sich wieder loszureißen und zur Oberwelt 
emporzudringen, dann zeigt sich ein Wunder: diese Unterweltsfahrt 
war ein Jungbrunnen für sie gewesen und aus ihrem scheinbaren Tode 
erwacht neue Fruchtbarkeit. Dieser Gedankengang wird in einem 
indischen Mythus sehr schön zusammengefaßt: Einst versank Wishnu 
in Entzückung (Introversion) und gebar in diesem Schlafzustand 
Brahma, der, auf einer Lotosblume thronend, aus dem Nabel Wishnus 
emporstieg und die Vedas mitbrachte, sie eifrig lesend. (Geburt des 
schöpferischen Gedankens aus der Introversion.) Durch Wishnus 
"Verzückung aber kam eine ungeheure Sintflut über die Welt (Ver- 
schlingung durch Introversion, die Gefahr des Eingehens in die Todes- 
mutter symbolisierend). Ein Dämon, die Gefahr benutzend, stahl 
dem Brahma die Vedas und verbarg sie in der Tiefe. (Verschlingung 
der Libido.) Brahma weckte Wishnu, und dieser, sich in einen Fisch 
verwandelnd, tauchte in die Flut, kämpfte mit dem Dämon (Drachen- 
kampf), besiegte ihn und eroberte die Vedas wieder. (Schwererreichbare 
Kostbarkeit.) 

Diesem urtümlichen Gedankengang entspricht die Selbstver- 
tiefung im Greis te und die daraus erfolgende Kräftigung. Ebenso er- 
klären sich daraus zahlreiche Opfer- und Zauberriten, von denen schon 
mehrere erwähnt wurden. So fällt auch das uneinnehmbare Troja da- 
durch, daß die Belagerer in den Bauch des hölzernen Pferdes kriechen, 
denn einzig der ist Held, der aus der Mutter wiedergeboren ist, wie die 
Sonne. Wie gefährlich dies Wagnis aber ist, zeigt das Geschick des 
Philoktet, der bei der Trojafahrt der einzige war, der das verborgene 
Heiligtum der Chryse kannte,, wo schon die Argonauten geopfert hatten 
und wo auch die Griechen zu opfern gedachten, um ihrer Fahrt ein 
glückliches Ende zu sichern. Chryse war eine Nymphe auf der Insel 
Chryse; nach dem Bericht des Scholiasten zu Sophokles' Philoktet 

l ) Auch dies ist mythologisch dargestellt in der Sage von Theseus und 
Peirithoos, welche die unterirdische Proserpina sich erobern wollten. Sie stiegen 
zu diesem Zwecke in den Erdschlund im Haine Kolonos, um in die Unterwelt 
zu gelangen; als sie unten waren, wollten sie sich etwas ausruhen, blieben aber 
gebannt an den Felsen hängen, d. h. sie blieben in der Mutter stecken und waren 
daher für die Oberwelt verloren. Später wurde wenigstens Theseus von Herakles 
befreit (Rache des Horus für Osiris), womit Herakles in die Rolle des todüber- 
windenden Heilandes tritt. 

*) Diese Formel gut in erster Linie auch- für die Dementia praecox. 



. 



285 

hat diese Nymphe Philoktet geliebt -und ihn verflucht, weil er ihre Liebe 
verschmähte. Diese charakteristische Projektion, der wir u. a. auch 
im Gilgameshepos begegnen, ist zurück zu übersetzen, wie bereits 
oben angedeutet, in den verdrängten Inzestwunsch des Sohnes, der durch 
die Projektion so dargestellt wird, als hätte die Mutter den bösen 
Wunsch, für dessen Ablehnung dem Sohn der Tod gegeben werde. 
In Wirklichkeit liegt aber die Sache so, daß der Sohn sterblich wird, 
dadurch daß er sich von der Mutter trennt. Seine Todesangst entspricht 
dann dem verdrängten Wunsch, zur Mutter zurückzukehren und läßt 
ihn glauben, daß die Mutter ihn bedrohe oder verfolge. Die teleologische 
Bedeutung dieser Verfolgungsangst ist klar: sie soll Sohn und 
Mutter auseinanderhalten. 

Der Fluch der Chryse verwirklicht sich insofern, als Philoktet, 
sich ihrem Altare nähernd, nach der einen Version mit einem seiner 
eigenen tödlich giftigen Pfeile sich am Fuße verletzt oder nach anderen 
Versionen 1 ) (diese besser und ausgiebiger belegt) von einer giftigen 
Schlange in den Fuß gebissen wird 2 ). Von da an siecht er, wie 
bekannt, dahin 3 ). 



*) Vgl. Röscher: s. v. Philoktetes, Sp. 2318, 15 ff. 

2 ) Wie der russische Sonnenheld Oleg an den Schädel des erschlagenen 
Pferdes herantritt, fährt eine Schlange daraus hervor und sticht ihn in den Fuß. 
Daran erkrankt und stirbt er. Als Indra in der Gestalt des Cyena, des Falken, 
den Soma raubt, verwundet ihn Kricanu, der Hüter, mit dem Pfeil am Fuß. 
Rigveda I, 155, IV, 322. 

3 ) Vergleichbar dem Gralkönig, der den Becher, das Muttersymbol, hütet. 
Der Mythus des Philoktet ist aus einem längern Zusammenhang genommen, 
nämlich aus dem Heraklesmythus. Herakles hat zwei Mütter, die hilfreiche 
Alkmene und die verfolgende Here (Lamia), von deren Brust er die Unsterblichkeit 
(Sehnsucht nach der Mutter) getrunken hat. Heres Schlangen überwindet Herakles 
schon in der Wiege, d. h. er überwindet die furchtbare Mutter, die Lamia. Aber 
Here schickt ihm von Zeit zu Zeit Wahnsinnsanfälle, in deren einem er seine 
Kinder tötet (Lamia). Nach einer interessanten Überlieferung geschieht die 
Tat in jenem Augenblicke, wo sich Herakles weigert, im Dienste des Eurystheus 
das große Werk zu verrichten. Infolge des Zurückweichens regrediert die für 
das Werk bereitgestellte Libido in typischer Weise auf die unbewußte Mutter - 
imago, was den Wahnsinn zur Folge hat (wie heutzutage auch noch), in welchem 
Herakles sich mit der Lamia (Here) identifiziert und die eigenen Kinder mordet. Das 
delphische Orakel teilt ihm auch mit, daß er Herakles heiße, weil er der Here 
seinen unsterblichen Ruhm verdanke, da ihre Verfolgung ihn zu den großen Taten 
nötige. Man sieht, daß die große Tat eigentlich bedeutet: Die Mutter und in ihr 
die Unsterblichkeit erobern. Seine charakteristische Waffe, die Keule, schnitt 
er aus dem mütterlichen Ölbaum. Als Sonne besaß er die Pfeile Apolls. Den 






286 

Diese durchaus typische Verwundung (siehe unten!), die auch 
Re zerstört, wird in einem ägyptischen Hymnus folgendermaßen ge- 
schildert : 



nemeischen Löwen überwindet er in seiner Höhle, deren Bedeutung „Grab im 
Mutterleibe" ist (vgl. Ende dieses Kapitels), dann folgt der Kampf mit der Hydra, 
der typische Sonnendrachenkampf, die gänzliche Mutterüberwindung (vgl. unten). 
Darauf Einfangen der cerynitischen Hirschkuh, die er mit dem Pfeile am Fuß 
verwundet, also das tut, was sonst dem Helden geschieht. Den eingefangenen 
erymanthischen Eber zeigt Herakles dem Eurystheus, worauf dieser aus Angst 
in ein Paß kroch, d. h. starb. Die Stymphaliden, der kretische Stier und die 
menschenfressenden Rosse des Diomedes sind Symbole für verheerende 
Todesmächte, unter denen besonders das letztere Beziehung auf die Mutter er- 
kennen läßt. Die Erkämpfung des kostbaren Gürtels der Amazonenkönigin 
Hippolyte läßt die Mutter wieder klar hervortreten: Hippolyte ist bereit, den 
Schmuck zu lassen, allein Here, sich in die Gestalt der Hippolyte ver- 
wandelnd, ruft die Amazonen gegen Herakles in den Kampf. (Vgl. Horus, den 
Kopfschmuck der Isis an sich reißend; darüber Weiteres unten, Kapitel VII.) Die 
Befreiung der Hesione erfolgt dadurch, daß Herakles mit einem Schiffe in den 
Bauch des Ungeheuers hinunterfährt und in dreitägiger Arbeit das Ungeheuer 
von innen tötet (Jonasmotiv, Christus im Grab respektive Hölle, Überwindung 
des Todes durch Hineinkriechen in den Mutterleib und Umbringen des Todes in 
Gestalt der Mutter. Die Libido in Gestalt der schönen Jungfrau wieder erobert.) 
Der Zug nach Erythia ist eine Parallele zu Gilgamesh, zum Moses des Koran, 
der nach der Vereinigung der beiden Meere zieht; es ist die Sonnenfahrt nach 
dem Westmeer, wobei Herakles die Meerenge von Gibraltar eröffnet („nach jenem 
Durchgang"; Faust) und mit dem Schiffe des Helios nach Erythia hinausfuhr. 
Dort erschlug er den riesigen Wächter Eurytion (Chunibaba im Gilgameshepos, 
das Vatersymbol), dann den dreifachen Geryon (ein Monstrum von phallischer 
Libidosymbolik) und verwundete dabei durch einen Pfeilschuß sogar die dem 
Geryon zu Hilfe eilende Here. Dann erfolgt der Raub der Rinder. Die schwer- 
erlangte Kostbarkeit ist hier in einer Umgebung, welche die Sache wirklich un- 
mißverständlich macht. Herakles geht wie die Sonne in den Tod, in die Mutter 
hinunter (Westmeer), überwindet aber die Iibido zur Mutter und kommt mit den 
wunderbaren Rindern wieder, er hat also seine Libido, sein Leben, den gewaltigen 
Reichtum wiedergewonnen. Denselben Gedanken finden wir im Raub der goldenen 
Hesperidenäpfel, die vom hundertköpfigen Drachen verteidigt sind. Die Über- 
wältigung des Cerberus ist auch als Überwältigung des Todes durch das Eingehen 
in die Mutter (Unterwelt) leicht verständlich. Um zu seinem Weibe Deianira zu 
kommen, muß er einen furchtbaren Kampf mit einem Wassergott Achelous 
bestehen (mit der Mutter). Der Fährmann Nossus (ein Zentaur) vergewaltigt 
ihm aber Deianeira. Mit seinen Sonnenpfeilen erlegt Herakles diesen Widersacher. 
Nessus gibt aber der Deianira den«Rat, sein giftiges Blut als Liebeszauber auf- 
zubewahren. Als nach der wahnsinnigen Ermordung des Iphitus ihm Delphi den 
Orakelspruch verweigert, bemächtigt er sich sogar des heiligen Dreifußes. 
Der delphische Spruch zwang ihn nunmehr, ein Sklave der Omphale zu werden, 



287 

„Das Alter des Gottes bewegte ihm den Mund, 

Es warf seinen Speichel ihm auf die Erde, 

Und was er ausspie, fiel auf den Boden. 

Das knetete Isis mit ihrer Hand 

Zusammen mit der Erde, die daran war; 

Sie bildete einen ehrwürdigen "Wurm daraus 

Und machte ihn wie einen Speer. 

Sie wand ihn nicht lebend um ihr Gesicht, 

Sondern warf ihn zusammengerollt (?) auf den Weg, 

Auf dem der große Gott wandelte 

Nach Herzenslust durch seine beiden Länder. 

Der ehrwürdige Gott trat glänzend hervor, 

Die Götter, die dem Pharao dienten, begleiteten ihn 

Und er erging sich wie alle Tage. 

Da stach ihn der ehrwürdige Wurm ....... 

Der göttliche Gott öffnete den Mund, 

Und die Stimme seiner Majestät drang bis zum Himmel. 

Und die Götter riefen: Siehe! 

Er konnte nicht darauf antworten. 

Seine Kinnbacken klapperten, 

All seine Glieder zitterten 

Und das Gift ergriff sein Fleisch, 

Wie der Nil sein Gebiet ergreift." 

In diesem Hymnus hat uns Ägypten wiederum eine ursprüngliche 
Fassung des Schlangenstiches aufbewahrt. Das Altern der Sonne im 
Herbst, als ein Bild des menschlichen Greisenalters, wird symbolisch 
auf eine Vergiftung durch die Schlange der Mutter zurückgeführt. 
Der Mutter wird vorgeworfen, ihre Heimtücke verursache den Tod 
des Sonnengottes. Die Schlange, das uralte Angstsymbol 1 ), veran- 
schaulicht die verdrängte Tendenz, zur Mutter zurückzukehren, denn 
die einzige Möglichkeit, sich vor dem Tode zu sichern, besitzt die Mutter, 
denn sie ist die Lebensquelle. Dementsprechend kann auch nur die 

die ihn ganz zum Kinde macht. Herakles kehrte darauf heim zu Deianira, die ihm 
das giftige Nessusgewand entgegenschickte (Isisschlange), das sofort mit seiner 
Haut verwuchs, sodaß er vergeblich versuchte, es abzureißen (Häutung des alternden 
Sonnengottes, Schlange als Symbol der Wiederverjüngung). Herakles bestieg 
darauf den Scheiterhaufen, um sich als Phönix selbst zu verbrennen, d. h. sich 
aus seinem eigenen Ei wieder zu gebären. Niemand als der junge Phüoktet wagte 
es, den Gott zu opfern. Dafür erhielt Philoktet die Sonnenpfeile und der Libido- 
mythus erneuerte sich mit diesem Horus. 

») Auch die Affen haben instinktive Schlangenfurcht. 



288 





/ 



Mutter den Todkranken heilen, daher der Hymnus im weitem schildert, 
wie die Götter zusammengerufen wurden, um Rat zu halten: 

„Und Isis kam auch mit ihrer Weisheit, 

Deren Mund voll Lehenshauch ist, 

Deren Spruch das Leid vertreibt, 

Und deren Wort den nicht mehr Atmenden belebt. 

Sie sagte: Was ist das? Was ist das, göttlicher Vater? 

Sieh, ein Wurm hat dir Leid gebracht usw." 

„Sage mir deinen Namen, göttlicher Vater, 

Denn der Mann bleibt leben, der mit seinem Namen gerufen wird." 

Worauf Re entgegnet: 

„Ich bin der, der Himmel und Erde schuf und die Berge schürzte 

Und alle Wesen darauf machte. 

Ich bin der, der das Wasser machte und die große Flut schuf, 

Der den Stier seiner Mutter machte, 

Welches der Erzeuger ist usw." 

„Das Gift wich nicht, es ging weiter, 

Der große Gott ward nicht gesund. 

Da sprach Isis zu Re: 

Das ist nicht dein Name, was du mir sagst. 

Sage ihn mir, daß das Gift hinausgehe, 

Denn der Mensch, dessen Name genannt wird, bleibt leben". 

Endlich kann Re sich entschließen, seinen wahren Namen zu sagen. 
Er wurde zwar annähernd geheilt (mangelhafte Zusammensetzung des 
Osiris), aber hatte seine Macht verloren und zog sich schließlich auf die 
Himmelskuh zurück. 

Der giftige Wurm ist, wenn man so sagen darf, ein „negativer" 
Phallus, eine tötende, statt belebende Libidoform, also ein Todeswunsch, 
statt eines Lebenswunsches. Der „wahre Name" ist Seele und Zauber- 
kraft, also ein Libidosymbol. Was Isis verlangt, ist die Rückübertragung 
der Libido auf die Muttergöttin. Dieses Verlangen erfüllt sich buch- 
stäblich, indem der alternde Gott zur göttlichen Kuh, dem Mutter- 
symbol, zurückkehrt 1 ). Aus unseren obigen Überlegungen erklärt sich 
diese Symbolik: Die vorwärts strebende lebendige Libido, die das 
Bewußtsein des Sohnes beherrscht, verlangt Trennung von der Mutter; 

') Wie lebendig solch uralte Assoziationen noch sind, zeigt Segantinis 
Bild: Die beiden Mütter: Kuh und Kalb, Mutter und Kind, im selben Stalle. 
Aus dieser Symbolik erklärt sich auch das Milieu der Geburtsstätte des Heilandes. 



t 




289 

dem steht aber die Sehnsucht des Kindes nach der Mutter hindernd 
entgegen in der Form eines psychologischen Widerstandes der er- 
fahrungsgemäß in der Neurose sich in allerhand Befürchtungen aus- 
drückt, d. h. in Angst vor dem Leben. Je mehr der Mensch sich von 
der Kealitätsanpassung zurückzieht und in faule Untätigkeit verfällt 
desto größer wird (cum grano salis) seine Angst, die ihn auf seinem Weg 
überall hindernd befällt. Die Angst stammt von der Mutter, d. h. aus 
der der Realitätsanpassung entgegenstrebenden Sehnsucht zurück- 
zugehen zur Mutter. Auf diese Weise wird die Mutter scheinbar zur 
heimtückischen Verfolgerin. Natürlich ist es nicht die wirkliche Mutter 
obschon auch die wirkliche Mutter mit ihrer krankhaften Zärtlichkeit,' 
mit der sie ihr Kind bis ins erwachsene Alter verfolgen kann, öfter 
durch nicht mehr zeitgemäße Infantilhaltung des Kindes es schwer 
schädigen kann; es ist vielmehr die Mutterimago, die zur Lamia wird. 
Ihre Kraft aber bezieht die Mutterimago einzig und allein aus der 
Geneigtheit des Sohnes, nicht nur vorwärts zu schauen und zu arbeiten 
sondern auch rückwärts zu schielen nach den verweichlichenden 
Süßigkeiten der Kindheit, nach jener herrlichen ünverantwortlichkeit 
und Lebenssicherheit, mit der uns schützende Mutterobhut einstmals 
umgeben hat 1 ). 

Diese rückschauende Sehnsucht wirkt wie ein lähmendes Gift 
auf die Tatkraft und Unternehmungslust, daher sie wohl einer giftigen 
Schlange verglichen werden kann, die auf unserem Wege liegt. An- 
scheinend ist es ein dämonischer Feind, der die Tatkraft raubt, in Wirk- 
lichkeit aber das eigene Unbewußte, dessen rückgröifende' Tendenz 
das bewußte Vorwärtsstreben zu überwältigen beginnt. Die Ursache 
dieses Vorganges kann z. B. das natürliche Altern sein, welches die 
Tatkraft abschwächt, oder es können große äußere Schwierigkeiten 
sein, an denen der Mensch zusammenbricht und wieder zum Kinde 
wird, oder es kann, und dies ist wohl etwas sehr Häufiges, das Weib 
sein, das den Mann gefangennimmt, von dem er sich nicht mehr befreien 

*) Der Mythus von Hippolytos zeigt sehr hübsch alle typischen Bestand- 
teile des Problems: Seine Stiefmutter, Phaedra verliebt sich unzüchtigerweise 
in ihn. Er weist sie zurück, sie verklagt ihn wegen Schändung bei ihrem Manne 
dieser bittet den Wassergott Poseidon, Hippolytos zu strafen. Da kommt 
ein Monstrum aus dem Meer. Die Rosse des Hippolytos werden daron 
scheu und schleifen Hippolytos zu Tode.. Er wird aber durch Äskulap wieder 
erweckt und von den Göttern zur weisen Nymphe Egeria, der Beraterin des 
Numa Pompdius versetzt. So geht der Wunsch doch in Erfüllung; jedoch ist aus 
dem Inzest Weisheit geworden. 

Jung, Libido. 1( v 



• 



290 

kann und an dem er zum Blind wird 1 ). Es wird wohl auch bedeutsam 
sein, daß Isis als Schwester-Gattin des Sonnengottes das giftige Tier 
schafft, und zwar aus dem Speichel des Gottes, der als ein Ausfluß 
für Sperma gesetzt sein mag und daher ein Libidosymbol ist. Sie schafft 
das Tier aus der Libido des Gottes, d. h. sie empfängt seine Kraft, 
macht ihn schwach und abhängig, so daß sie dadurch in die beherr- 
schende Rolle der Mutter eintritt. (Mutterübertragung auf die Gattin.) 
Dieses Stück ist (im Simsonmythus) in der Rolle der Dalila, die die 
Haare Simsons, die Sonnenstrahlen, abschneidet und ihn seiner Kraft 
beraubt, noch erhalten 2 ). Jedes Schwachwerden des erwachsenen 
Menschen läßt die Wünsche des Unbewußten lauter werden, daher das 
Abnehmen der Kraft ohneweiters als ein Rückstreben zur Mutter 
erscheint. 

Noch einer Quelle zur Wiederbelebung der Mutterimago ist zu 
gedenken. Wir sind ihr bereits bei der Besprechung der Fäustischen 
Mütterszene begegnet: nämlich die gewollte Introversion eines 
schöpferischen Geistes, der, vor den eigenen Problemen zurückweichend 
und seine Kräfte innerlich sammelnd, für Augenblicke wenigstens zur 
Lebensquelle hinabtaucht, um dort ein Weiteres an Kraft der Mutter 
abzuringen zur Vollendung seines Werkes. Es ist ein Mutter-Kind- 
spiel mit sich selber, in dem viel weichliche Selbstbewunderung und 
-bespiegelung liegt („zwischen hundert Spiegeln"; Nietzsche), ein 
narzissistisches Stadium, für profane Augen vielleicht ein wunder- 
liches Schauspiel. Die Trennung von der Mutterimago, die Geburt aus 
sich selber, macht durch ihre Qualen alles Widerliche wett. Solches 
wollen wohl die Verse Nietzsches sagen: 

„Was locktest du dich 

Ins Paradies der alten Schlange? 

Was schlichst du dich ein 

In dich — in dich? 

Ein Kranker nun, 

Der an Schlangengift krank ist 3 ); 

Ein Gefangener nun, 

Der das härteste Los zog: 

Im eigenen Schachte 



') Vgl. Herakles und Omphale. 

■) Vgl. auch die Vorwürfe des Gilgamesh gegen Ishtar* 
3 ) Auch Spielreins Patientin ist an „Schlangengift" krank. Jahrbuch III, 
S. 385. 



291 



1 



Gebückt arbeitend, 

In dich selber eingehohlt, 

Dich selber angrabend, 

Unbehilflich, 

Steif, 

Ein Leichnam — 

Von hundert Lasten übertürmt, 

Von dir überlastet, 

Ein Wissender! 

Ein Selbsterkenner ! 

Der weise Zarathustra! 

Du suchtest die schwerste Last: 
Da fandest du dich 



Die Symbolik dieses Stückes ist von größtem Reichtum. Wie 
in die Erde eingehöhlt ist der in sich selber Vertiefte; ein Toter 
eigentlich, der in die Mutter Erde zurückgekehrt ist 1 ); ein Kaineus 
„von hundert Lasten übertürmt" und in den Tod hinuntergedrückt. 
Einer, der ächzend die schwere Last seiner eigenen Libido trägt, jener 
Libido, die ihn zur Mutter zurückzieht. Wer denkt nicht an die Tauro- 
phorie des Mithras, der seinen Stier (wie der ägyptische Hymnus sagt: 
den „Stier seiner Mutter"), d. h. seine Liebe zur Mutter, als schwerste 
Last auf den Rücken nimmt und damit den schmerzvollen Gang, 
den sogenannten Transitus antritt 2 )? Dieser Passionsweg führt zur 
Höhle, in welcher der Stier geopfert wird. So hat auch Christus das 
Symbol der Liebe zur Mutter, das Kreuz, zu tragen 3 ) und trägt es zur 



1 ) Die gänzlich introvertierte Patientin Spielreins (Jahrbuch Bd. III, 
S. 336) gebraucht ähnliche Bilder; sie spricht von einer „Starrheit der Seele am 
Kreuze", von „Steinfiguren", die „gelöst" werden müssen. 

Ich verweise hier auch darauf, daß die oben besprochenen Symbolismen 
treffliche Beispiele für die „funktionale Kategorie" Silberers sind, sie schildern 
den Introversionszustand. 

2 ) W. Gurlitt sagt: „Das Stiertragen ist eines der schweren ädXa, die 
Mithras im Dienste der zu erlösenden Menschheit verrichtet, „etwa, wenn es ge- 
stattet ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, der Kreuztragung Christi ent- 
sprechend." (Zitiert Cumont, Text, et mon. I. 172.) Gewiß ist es gestattet, die 
beiden Dinge miteinander zu vergleichen. Über jene Zeit dürfte man hinaus sein, 
wo man hochmütig, in richtiger Barbarenart, auf fremde Götter, die dii minorum 
gentium, heruntersah. Aber man ist noch lange nicht darüber hinaus. 

•) Einen interessanten Beitrag zur Frage des Symbols der Kreuztragung 
gibt Robertson (Evang. Myth., S. 130): Simson trug die Torpfeiler von Gaza 
und starb zwischen den Sätilen des Saales der Philister. Auch Herakles trug 
gebückt unter seiner Last seine Säulen an die Stelle (Gades), wo er nach der 

19* 



292 



Opferstätte, wo das Lamm geopfert wird in der Gestalt des Gottes, 
des infantilen Menschen, des „Selbsthenkers", um dann in die unter- 
irdische Gruft versenkt zu werden 1 ). 

Was bei Nietzsche wie dichterische Redefigur anmutet, ist 
eigentlich uralter Mythus. Es ist, wie wenn dem Dichter noch die Ahnung 
oder die Fähigkeit gegeben wäre, unter den Worten unserer heutigen 
Sprache und in den Bildern, die sich seiner Phantasie aufdrängten, 
jene unvergänglichen Schatten längst vergangener Geistes weiten zu 
fühlen und wieder wirklich zu machen. G. Hauptmann sagt auch: 
„Dichten heißt, hinter Worten das Urwort aufklingen lassen 2 )." 

'Das Opfer, dessen geheimen und vielseitigen Sinn wir mehr 
ahnen als verstehen, geht zunächst unvollendet am Unbewußten unserer 
Autorin vorüber. Der Pfeil wird nicht abgeschossen, der Held Chiwan- 
topel ist noch nicht tödlich vergiftet und bereit zum Tode im Selbst- 




I 



syrischen Version der Legende auch starb. (Die Säulen des Herakles bezeichnen 
den Westpunkt, wo die Sonne ins Meer sinkt.) ,,In der alten Kunst wird er tat- 
sächlich dargestellt, wie er die beiden Säulen in der Weise unter den Armen trägt, 
daß sie gerade ein Kreuz bilden; hier haben wir vielleicht den Ursprung des Mythus 
von Jesus vor uns, der sein eigenes Kreuz zur Richtstätte trägt. — Merkwürdiger- 
weise substituieren die 3 Synoptiker Jesus einen Mann namens Simon aus Kyrene 
als- Kreuzträger. Kyrene ist in Libyen, dem legendären Schauplatz der Arbeit 
des Säulentragens des Herakles, wie wir gesehen haben, und Simon (Simson) 
ist die nächste griechische Namensform für Samson — das auf Griechisch, nach dem 
Hebräischen, Simson gelesen worden sein konnte. In Palästina aber war Simon, 
Semo oder Sem tatsächlich ein Gottesname, der den alten Sonnengott Semesch 
repräsentierte, der seinerseits wieder mit Baal identifiziert war, aus dessen Mythus 
der Samsonmythus zweifellos entstanden ist; und der Gott Simon genoß in 
Samaria besondere Verehrung." Das Kreuz des Herakles dürfte wohl das Sonnen- 
rad sein, wofür die Griechen das Kreuzsymbol hatten. Das Sonnenrad auf dem 
Relief der kleinen Metropolis in Athen enthält sogar ein Kreuz, das dem Malteser- 
kreuz sehr ähnlich sieht. (Cf. Thiele: Antike Himmelsbilder, 1898, S. 59.) 

x ) Die griechische Mythe von Ixion, der ans Sonnenrad gekreuzigt, ah die 
i X „vierspeichige Fessel" (Pindar) gebunden wurde, sagt es beinahe unverhüllt. 
Ixion ermordete zuerst seinen Schwiegervater, wurde aber später von Zeus entsühnt 
und mit seiner Huld beglückt. Der Undankbare aber trachtete, Hera, die Mutter, 
zu verführen. Zeus aber täuschte ihn, indem er die Wolkengöttin Nephele der 
Hera Gestalt nachahmen ließ. (Aus dieser Verbindung sollen die Zentauren hervor- 
gegangen sein.) Ixion rühmte sich seiner Tat, aber Zeus stürzte ihn zur Strafe 
Jf iü die Unterwelt, wo er auf das vom Wind ewig fortgewirbelte Rad gebunden 
wurde. (Vgl. die Strafe der Francesca da Rimini bei Dante und die „Büßerinnen" 
in Abrahams Segantini.) 

*) Zitiert Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrgang II, S. 365. 



293 

opfer. Wir dürfen schon jetzt sagen, daß, nach dem vorliegenden 
Material, mit diesem Opfer wohl das Aufgeben der Mutter gemeint 
sei, d. h. der Verzicht auf alle Bande und Beschränkungen, welche die 
Seele aus der Zeit der Kindheit mit ins erwachsene Alter herüber- 
genommen hat. Aus verschiedenen Andeutungen von Miß Miller geht 
hervor, daß sie zur Zeit jener Phantasien noch im Kreise der Familie 
gelebt hat, offenbar in einem Alter, das bereits der Selbständigkeit 
dringend bedurft hätte. Der Mensch lebt nämlich ohne wesentliche 
Gefährdung seiner geistigen Gesundheit nicht zu lange in der infantilen 
Umgebung respektive im Schöße der Familie. Das Leben ruft ihn hinaus 
zur Selbständigkeit, und wer diesem harten Ruf aus kindlicher Be- 
quemlichkeit und Ängstlichkeit keine Folge leistet, wird durch die 
Neurose bedroht. Und ist einmal die Neurose ausgebrochen, dann 
wird sie auch immer mehr zu einem vollgültigen Grunde, den Kampf 
mit dem Leben zu fliehen und für immer in der moralisch vergiftenden 
Infantiiatmosphäre zu bleiben. 

In dieses Ringen um die persönliche Selbständigkeit gehört 
die Phantasie vom Pfeilschuß. Noch hat sich bei der Träumerin, der 
Gedanke dieses Entschlusses nicht durchgerungen. Sie weist ihn viel- 
mehr ab. Nach all dem Obigen ist es einleuchtend, daß die Pfeilschuß- 
symbolik bei direkter Übersetzung als ein Koitussymbol anzusprechen 
ist. Das „Occide moriturus" 1 ) gewänne dadurch auch hier den ihm 
gehörenden sexuellen Sinn. ' Chiwantopel repräsentiert natürlich die 
Träumerin. Mit dieser Reduktion auf das Grobsexuelle ist aber nichts ge- 
wonnen und nichts verstanden, denn daß das Unbewußte Koituswünsche 
beherbergt, ist ein Gemeinplatz, dessen Entdeckung weiter nichts 
bedeutet. Der Koituswunsch unter diesem Aspekt ist nämlich 
ein Symbol für die eigene, von den Eltern abgetrennte Betätigimg 
der Libido, für die Eroberung des selbständigen Lebens. Dieser Schritt 
zum neuen Leben bedeutet aber auch zugleich den Tod des vergangenen 
Lebens 2 ), daher Chiwantopel, der Infantilheld 3 ) (der Sohn, das Kind, 
das Lamm, der Fisch), der noch durch die Bande der Kindheit gefesselt 
ist und der als Symbol der inzestuösen Libido zu sterben hat, damit 
jede rückwärtige Verbindung abgeschnitten sei. Denn zum Kampfe 



>) „Töte selber sterbend." 

2 ) Die in den Träumen reichlich auftretende Todessymbolik hat Stekel 
hervorgehoben (Sprache des Traumes, S. 317 ff.). 

3 ) Vgl. die Cassiusszene oben. 






294 

des Lebens ist alle Libido benötigt und es darf keine zurückbleiben. 
Diesen Entschluß, der alle sentimentalen Verknüpfungen mit Vater und 
Mutter zerreißen soll, kann die Träumerin noch nicht fassen und er 
sollte doch gefaßt sein, um dem Rufe des eigenen Schicksals Folge 
leisten zu können. 

VII. 
Das Opfer. 

Nachdem der Angreifer verschwunden ist, beginnt Chiwantopel 
folgenden Monolog: 

„Du bout de l'epine dorsale de ces continents, de l'extremite des 
basses terres, j'ai erre pendant une centaine de lunes, apres avoir abandonne 
le palais de mon pere toujours poursuivi par mon desir fou de trouver „celle 
qui comprendra". Avec des joyaux j'ai tente beaucoup de belies, avec des 
baisers j'ai essaye d'arracher le aecret de leur coeur, avec des actes de 
prouesse j'-ii conquis leur admiration. (II passe en revue les femmes qu'il 
a connues:) Chi-ta, la princesse de ma race . . . c'est une becasse, vani- 
teuse comme un paon, n'ayant autre chose en töte que bijoux et parfums. 
Ta-nan, la jeune paysanne . . . bah, une pure truie, rien de plus qu'un 
buste et un ventre, et ne songeant qu'au plaisir. Et puis Ki-ma, la pre- 
tresse, une vraie perruche, repetant les phrases creuses apprises des pretres ; 
toute pour la montre, sans Instruction reelle ni sincerite, mefiante, poseuse 
et hypocrite ! . . . . Helas ! Pas une qui me comprenne, pas uae qui soit 
semblable ä moi ou qui ait une äme soeur de mon äme. II n'en est pas une, 
d'entre elles toutes, qui ait connu mon äme, pas une qui ait pu lire ma 
pensee, loin de la; pas une capable de chercher avec moi les sommets lumi- 
neux, ou d'epeler avec moi le mot surhumain d'Amour!" 

Hier sagt es Chiwantopel selber, daß das Herumreisen und Herum- 
wandern ein Suchen sei nach dem andern und nach dem in der Ver- 
einigung mit ihm liegenden Sinne des Lebens. "Wir haben im ersten 
Teil dieser Arbeit diese Möglichkeit bloß leise angedeutet. Daß nun das 
Suchende männlichen und das Gesuchte weiblichen Geschlechtes ist, 
ist weiter nicht erstaunlich, da der hauptsächliche Gegenstand der 
unbewußten Übertragung die Mutter ist, wie sich aus all dem, was wir 
bereits erfahren haben, ergeben dürfte. Die Tochter stellt sich zur Mutter 
männlich ein: Die Genese dieser Einstellung läßt sich in unserem Falle 
bloß vermuten, da objektive Belege fehlen. Infolgedessen begnügen 
wir uns besser mit dem Erschließbaren. „Celle qui comprendra" be- 
deutet also in der Infantilsprache die Mutter. Zugleich bedeutet es aber 
auch den Lebensgefährten. Der Geschlechtsgegensatz kümmert be- 



L 



295 

kanntlich die Libido wenig. Für die unbewußten Besetzungen spielt 
das Geschlecht des Objektes zunächst eine überraschend geringe Rolle, 
auch das Objekt selber, als ein Objektivreales gefaßt, ist wenig be- 
deutsam. (Von größter Wichtigkeit ist aber, ob übertragen oder intro- 
vertiert wird.) Die ursprüngliche konkrete Bedeutung von „begreifen", 
„erfassen" usw. läßt die untere Hälfte des Wunsches, einen gleichge- 
sinnten Menschen zu finden, klar erkennen. Die „obere" intellektuelle 
Hälfte aber ist ebenfalls darin enthalten und will mit berücksichtigt 
sein. Man wäre auch gern geneigt, an die Tendenz zu glauben, wenn 
nicht gerade unsere Kultur damit einen besonderen Unfug triebe: ist 
doch die „unverstandene Frau" beinahe schon sprichwörtlich geworden, 
was nur die Folge ganz verdrehter Wertungen sein kann. Unsere Kultur 
unterschätzt einerseits die Wichtigkeit der Sexualität außerordentlich, 
anderseits drängt sich die Sexualität eben gerade infolge der auf ihr 
lastenden Verdrängung an allen möglichen ihr nicht zugehörenden 
Orten heraus und bedient sich einer dermaßen indirekten Ausdrucks- 
weise, daß man sie beinahe überall plötzlich anzutreffen erwarten 
kann. So wird auch die Vorstellung des intimen Verständnisses einer 
menschlichen Seele, was eigentlich etwas sehr Schönes und Reinliches 
ist, durch das Hereinfließen der indirekten Sexualbedeutung be- 
schmutzt 1 ) und widerwärtig verzerrt. Diese Nebenbedeutung oder, 
besser gesagt, der Mißbrauch, den die verdrängte und weggelogene 
Sexualität mit den höchsten seelischen Funktionen treibt, ermöglicht 
es z. B. gewissen unserer Gegner, in der Psychoanalyse schlüpfrige 
Beichtstuhlerotik zu wittern. Das sind subjektive Wunscherfüllungs- 
delirien, die keiner Gegenargumentätion bedürfen. Dieser Mißbrauch 
macht aber auch den Wunsch, „begriffen" zu werden, dann höchst 
verdächtig, wenn die natürlichen Forderungen des Lebens noch nicht 
erfüllt worden sind. Die Natur hat erste Rechte an den Menschen, 
lange nachher erst kommt der Verstandesluxus. Das mittelalterliche 
Ideal eines Lebens um des Sterbens willen dürfte nachgerade abgelöst 
werden durch eine natürlichere Lebensauffassung, in welcher die 
natürlichen Forderungen des Menschen voll berücksichtigt sind, so daß 
Gelüste der animalischen Sphäre nicht mehr die hohen Güter der 
geistigen Sphäre in ihren Dienst herunterziehen müssen, um überhaupt 

*) Ein direkter ungezwungener Ausdruck der Sexualität ist ein natürliches 
Ereignis und als solches nie unschön oder widerlich. Die „sittliche" Verdrängung 
macht die Sexualität einerseits schmutzig und heuchlerisch, anderseits frech 
und aufdringlich. 



296 

Betätigung zu finden. Wii sind daher genötigt, den Wunseh der Träu- 
merin nach Verstandensein zunächst als ein verdrängtes Stieben nach 
dem natürlichen Schicksal aufzufassen. Diese Deutung fällt auch ganz 
zusammen mit der psychoanalytischen Erfahrung, daß es zahllose 
neurotische Menschen gibt, die sich anscheinend darum vom Leben 
abhalten lassen, weil sie einen unbewußten und öfter auch bewußten 
Widerwillen vor dem sexuellen Schicksal haben, unter dem sie sich 
zwangsmäßig allerhand Unschönes vorstellen, und nur allzu groß ist 
ihre Neigung, diesem Drange der unbewußten Sexualität nachzugeben 
und das gefürchtete (unbewußt gehoffte) sexuell Widerwärtige zu 
erleben, um sich damit die Berechtigung eines begründeten Horrors 
zu erwerben, der sie dann um so sicherer in der Infantilsituation 
zurückhält. Daher kommt es, daß so viele Menschen eben gerade in 
jenes Schicksal hereinfallen, vor dem sie die größte Abscheu haben. 

Wie richtig unsere Vermutung war, daß es sich im Unbewußten 
von Miß Miller um den Selbständigkeitskampf handle, zeigt ihre 
Angabe, daß der Abschied des Helden aus dem Vaterhause sie an das 
Schicksal des jungen Buddha erinnere, der ebenfalls alles heimatliehe 
Wohlleben aufgab, um in die Welt hinauszuziehen, seiner Bestimmung 
ganz zu leben 1 ). Buddha gab dasselbe heroische Vorbild, wie Christus, 
der sich von der Mutter abschneidet und sogar bittere Worte führt 
wie: (Matth. 10, 3 f.) 

„Denkt nicht, daß ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde ; 
ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern da3 Schwert. Ich 
bin gekommen, zu entzweien einen Menschen mit seinem Vater, die Tochter 
mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und 
seine eigenen Leute werden des Menschen Feinde sein. Wer Vater und 
Mutter mehr Hebt denn mich, ist mein nicht wert." 

Oder (Luc. 12, 51 ff.): 

„Meint ihr, ich sei erschienen, Frieden zu bringen auf Erden? Nein, 
sage ich euch, sondern vielmehr Spaltung, denn von nun an werden sein 
fünf in einem Hause gespalten, drei werden gegen zwei und zwei gegen drei 
sein, der Vater gegen den Sohn und der Sohn gegen den Vater, die Mutter 
gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter 
gegen die Frau und die Frau gegen die Schwiegermutter." 

Horus entreißt seiner Mutter den Kopfschmuck, die Macht. 



*) Eine andere Quelle, die Miß Miller hier angibt, nämlich Sam. Johnson: 
Histoire de Rasselas, prince d'Abyssinie (?), war mir nicht zugänglich. 



297 



Er rang, wie Adam mit Lilith, um die Macht. Nietzsche sprach das- 
selbe auch aus mit sehr schönen Worten 1 ): 

„Man darf vermuten, daß ein Geist, in dem der ,Typus freier Geist' 
einmal bis zur Vollkommenheit reif und süß werden soll, sein entscheidendes 
Ereignis in einer großen Loslösung gehabt hat, daß er vorher umso mehr 
ein gebundener Geist war und für immer an seine Ecke und Säule ge- 
fesselt schien 2 ). Was bindet am festesten? Welche Stricke sind beinah 
unzerreißbar? Bei Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden 
es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend eignet, 
jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und Würdigen, jene 
Dankbarkeit für den Boden, aus dem sie wuchsen, für die Hand, 
die sie führte, für das Heiligtum, wo sie anbeten lernten; — ihre 
höchsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden, 
am dauerndsten verpflichten. Die große Loslösung kommt für solcher- 
maßen Gebundene plötzlich usw." 

„Lieber sterben als hier leben" — so klingt die gebieterische 
Stimme und Verführung: und dies ,hier',dies ,zu Hause' ist alles, wassie(die 
Seele) bis dahin geliebt hatte ! Ein plötzlicher Schrecken und Argwohn gegen 
das, was sie hebte, ein Blitz von Verachtung gegen das, was ihr ,Pflicht' hieß, 
ein aufrührerisches, willkürliches vulkanisch stoßendes Verlangen nach 
Wanderschaft, Fremde, Entfremdung, Erkältung, Ernüchterung, 
Vereisung, ein Haß auf die Liebe, vielleicht ein tempelschänderischer 
Griff und Blick rückwärts 3 ), dorthin, wo sie bis jetzt anbetete 
und liebte, vielleicht eine Glut der Scham über das, was sie eben tat, 
und ein Frohlocken zugleich, daß sie es tat, ein trunkenes inneres froh- 
lockendes Schaudern, in dem sich ein Sieg verrät — ein Sieg? über was? 
über wen? ein rätselhafter, fragenreicher, fragwürdiger Sieg, aber der 
erste Sieg immerhin: — dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehört 
zur Geschichte der großen Loslösung. Sie ist eine Krankheit zugleich, 
die den Menschen zerstören kann, dieser erste Ausbruch von 
Kraft und Willen zur Selbstbestimmung 4 )." 

1 ) Menschliches, Allzumeaschliches. Vorrede. 

2 ) Vgl. unten über das Motiv der Fesselung. 

3 ) Die sacrilegische Gewalttat des Horus an der Isis, worüber sich Plu- 
tarch (de Is. et Os.) gewaltig entsetzt; er sagt folgendes darüber: „Wenn aber 
jemand annehmen und behaupten wollte, dies alles sei in bezug auf die glückselige 
und unvergängliche Natur, welcher zumeist entsprechend das Göttliche gedacht 
wird, wirklich geschehen und vorgefallen: dann, um mit Äschylos zu reden, „muß 
man ausspeien und den Mund sich reinigen". Man kann sich aus diesem Urteile 
einen Begriff machen davon, wie der Gutgesinnte in der antiken Sozietät die christ- 
lichen Anschauungen verachtet haben mag, erstens den gehenkten Gott, dann die 
Behandlung der Familie, die „Grundfeste" des Staates. Der Psychoanalytiker 
wundere sich also nicht. Es war alles schon einmal da. 

4 ) Vgl. oben das vorbüdliche Schicksal von Theseus und Peirithoos. 



298 

Die Gefahr ist, wie Nietzsche glänzend ausführt, die Ver- 
einsamung in sich selber: 

„Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, 
würgender, herzzuschnürender, jene furchtbare Göttin und Mater 
saeva cupidinum." 

Die von der Mutter zurückgenommene Libido, welche nur wider- 
strebend zurückkommt, wird bedrohend wie eine Schlange, das Symbol 
des Todes, denn die Beziehung zur Mutter hat aufzuhören, zu sterben, 
woran man selber fast stirbt. In „Mater saeva cupidinum" 
erreicht das Bild eine seltene, fast bewußte Vollendung. 
Es kommt mir nicht zu, versuchen zu wollen, mit besseren Worten 
die Psychologie der Loslösung von der Kindheit zu schildern, als dies 

Nietzsche getan hat. 

• 

Miß Miller gibt uns noch einen weiteren Hinweis auf ein Material, 
das in einer mehr allgemeinen Weise ihre Schöpfung beeinflußt habe: 
Es ist dies das große indianische Epos von Longfellow: The song 
of Hiawatha. 

Meine Leser werden sich, wenn sie überhaupt die Geduld hatten, 
sich bis hierher durchzulesen und durchzudenken, Öfter gewundert 
haben, wie viele Male ich Dinge aus fernsten Fernen zum Vergleich 
heranziehe und wie sehr ich die Basis verbreitere, auf der sich die Schöp- 
fungen von Miß Miller erheben, öfter werden ihnen auch Zweifel 
aufgetaucht sein, ob wohl ein solches Unternehmen gerechtfertigt sei, 
an Hand von spärlichen Andeutungen prinzipielle Erörterungen über 
die psychologischen Grundlagen der Mythen, der Religion und der 
Kultur überhaupt anzustellen: Denn, wird man sagen, hinter den 
Millerschen Phantasien ist solches wohl kaum zu suchen. Ich brauche 
wohl kaum zu betonen, daß auch ich öfter gezweifelt habe. Ich hatte 
nämlich Hiawatha früher nie gelesen, bis ich im Verlaufe meiner 
Arbeit zu diesem Stück kam, das ich mir so lange aufgespart hatte, 
bis ich es lesen mußte. Hiawatha, eine poetische Kompilation india- 
nischer Mythen, gibt mir aber eine Berechtigung für alle vorange- 
gangenen Überlegungen, indem in diesem Epos ein seltener Reichtum 
mythologischer Probleme ausgebreitet liegt. Diese Tatsache dürfte 
für den Beziehungsreichtum der Millerschen Phantasien von großem 
Belang sein. Wir sind daher genötigt, einen Einblick in dieses Epos 
zu .gewinnen. 



L 



299 

Nawadaha singt die Gesänge des Epos vom Helden Hiawatha, 
des Menschenfreundes: 

„There he sang of Hiawatha, 

Sang the song of Hiawatha, 

Sang his wondrous birth and being, 

How he prayed and how he fasted, 

How he lived, and toiled, and suffered, 

That the tribes of men might prosper, 

That he might advance his people!" 

Diese teleologische Bedeutung des Helden als jener symbolischen 
Figur, welche Libido in Form von Bewunderung und Anbetung auf 
sich vereinigt, um sie über die Symbolbrücken des Mythus höheren 
Verwendungen zuzuführen, ist hier vorweggenommen. So werden wir 
mit Hiawatha als einem Heiland rasch bekannt und sind bereit, von 
all dem zu hören, was von einem Heiland ausgesagt werden muß, von 
wundersamer Geburt, frühen großen Taten und seiner Aufopferung 
für die Mitmenschen. 

Der I. Gesang beginnt mit einem Stück Evangelium: Gitche 
Manito, der „master of life", des Haders seiner Menschenkinder müde, 
ruft seine Völker zusammen und verkündet ihnen frohe Botschaft: 

„J will send a Prophet to you, 

A Deliverer of the nations, 

Who shall guide you and shall teach you, 

Who shall toil and suffer with you. 

If you listen to his counsels, 

You wül multiply and prosper; 

If his warnings pass unheeded, 

You will fade away and perish!" 

Gitche manito, der Mächtige, „the creator of the nations", ist 
dargestellt, wie er aufgerichtet (stood erect) „on the great Red Pipe- 
stone Quarry" steht: 

„From his footprints flowed a river, 
Leaped into the üght of morning, 
O'er the precipice plunging downward 
Gleamed like Ishkoodah, the cömet." 

Das aus den Fußstapfen fließende Wasser bekundet genugsam 
die phallische Natur dieses Schöpfers. Ich verweise auf die früheren 
Ausführungen über die phallische und Fruchtbarkeitsnatur des Pferde 



300 

fußes und der Roßtrappe 1 ), speziell erinnere ich an die Hippokrene 
und den Fuß des Pegasus. Demselben Bild begegnen wir in Psalm 65, lOff : 

„Du suchest das Land heim und wasserst es und machest es sehr 
reich. Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. Du läßest ihr Ge- 
treide wohl geraten, denn also bauest du das Land. 

,Du tränkest seine Furchen und feuchtest sein Gepflügtes, 
mit Regen machst du es weich und segnest sein Gewächs. 

Du krönest das Jahr mit deinem Gut und deine Fußstapfen 
triefen von Fett." 

Wo der befruchtende Gott hintritt, ist Fruchtbarkeit. Von der 
symbolischen Bedeutung des Trete ns sprachen wir bereits bei den 
„tretenden" Maren. So fährt auch Kaineus mit „geradem Fuß die Erde 
spaltend" in die Tiefe. Amphiaraos, ein anderer chthonischer Heros, 
versinkt in die Erde, die ihm ein Blitzstrahl von Zeus geöffnet hat. 
(Vgl. dazu die oben berichtete Vision der Hysterischen, die nach dem. 
Blitz jeweils ein schwarzes Pferd sah: Identität von Roßtrappe und 
Blitzstrahl) Durch den Blitzstrahl werden Heroen unsterblich gemacht 2 ). 
Faust gelangt zu den Müttern, indem er stampft: 

„Versinke stampfend, stampfend steigst du wieder — ." 

: Im Sonnenverschlingungsmythus stampfen oder stemmen sich 
die Helden im Rachen des Ungeheuers öfter. So durchstampft Tor 
den Schiff boden im Kampf mit dem Ungeheuer und tritt bis auf 
den Grund des Meeres. (Kaineus.) (Über das „Strampeln" als In- 
fantilphantasie, vgl. oben.) Die Regression der Libido auf die vor- 
sexuelle Stufe bringt es mit sich, daß diese vorbereitende Hand- 
lung des Tretens zum Ersatz für die Koitusphantasie (Mutterinzest) 
respektive für die Phantasie des Wiedereintrittes in den Mutterleib 
wird. Der Vergleich des aus den Fußstapfen fließenden Wassers mit 
einem Kometen ist Lichtsymbolik für das befruchtende Naß. (Sperma.) 
Nach einer Notiz bei A. v. Humboldt (Kosmos) nennen gewisse 
südamerikanische Indianerstämme die Meteore „Harn der Sterne". 
Es wird dann noch erwähnt, wie Gitche Manito Feuer macht: Er 
bläst auf einen Wald, so daß die Bäume, aneinander gerieben, in Feuer 
geraten. Dieser Dämon ist also ein treffliches Libidosymbol, auch das 
Feuer erzeugt er. 

a ) Vgl. dazu die Belege in Aigremont: Fuß- und Schuhsymbolik. Ferner 
diese Arbeit I. Teil: Sonnenfuß in einem armenischen Volksgebet. Auch de Guber- 
natis: Die Tiere in den indogermanischen Mythol., Bd. I, S. 220 ff. 

a ) Rohde: Psyche. 



L 



c 



301 



Nach diesem Prolog folgt im II. Gesang die Vorgeschichte des 
Helden: Der große Krieger Mudjekeewis (der Vater Hiawathas) hat den 
großen Bären, „the terror of the nations" listig überwältigt und ihm 
den magischen „Belt of Wampum", einen Muschelgürtel, gestohlen. 
Wir begegnen liier dem Motiv der seh wererre ichbaren Kostbarkeit, 
die der Held dem Ungeheuer entreißt. Wer der Bär ist, zeigen die Ver- 
gleiche des Dichters: Mudjekeewis schlägt den Bären auf den Kopf, 
nachdem er ihm den Schmuck geraubt: 

„With the heavy blow bewildered, 
Rose the great Bear of the mountains; 
But bis knees beneath bim trembled, 
And he whimpered like a woman." 

• 

Mudjekeewis sagt spottend zu ihm: 

„Else you would not cry and whimper 

Like a miserable woman! 

But you, Bear! sit here and wbimper, 

And disgrace your tribe by crying, 

Like a wretched Shaugodaya, 

Like a cowardly old woman!" 

Diese drei Vergleiche mit einem Weibe finden sich auf- einer 
Seite beieinander. Mudjekeewis hat als rechter Held das Leben wieder 
einmal dem Tode, der alles verschlingenden furchtbaren Mutter, aus 
dem Rachen gerissen. Diese Tat, die, wie wir gesehen haben, auch 
dargestellt wird als Höllenfahrt, „Nachtmeerfahrt", Überwindung des 
Ungeheuers von innen, bedeutet zugleich als ein Eingehen in den Mutter- 
leib eine Wiedergeburt, deren Folgen auch für Mudjekeewis bemerkbar 
werden. Wie in der Zosimosvision, so wird auch hier der Eintretende 
zum nvevfia, zum Windhauch oder Geist: Mudjekeewis wird zum 
Westwind, diesem fruchtbaren Hauche, zum Vater der Winde 1 ). 
Seine Söhne wurden zu den übrigen Winden. Von ihnen und ihrer 
Liebesgeschichte erzählt ein Intermezzo, aus dem ich nur die Werbung 
Wabuns, des Ostwindes, erwähnen möchte, weil hier das erotische 



J ) Porphyrius: de antro nympharum. (Zitiert b. Dieterich: Mithraslit., 
S. 63) sagt, daß nach der Mithraslehre den Seelen, die aus der Geburt gingen, 
Winde bestimmt seien, da diese Seelen Windhauch (nveOfia) eingezogen und 
daher ein derartiges Wesen hätten: ywxalg Ä" eis ysveoiv lovaatg uai änö 
yeviOEcos x^Q^otAevatg etKÖtois üvatjav äviftoyS 0M * T0 i<p^neadat Kai aiirds 
jzvefjjua Kai oüolav 8%eiv Toiavrijv. 



802 

Kosen des Windes besonders hübsch geschildert ist. Er sieht jeden 
Morgen ein hübsches Mädchen auf einer Wiese, das er umwirbt: 

„Every morning, gazing earthward, 
Still the first thing he beheld there 
Was her blue eyes looking at him, 
Two blue lakes among the rushes." 

Der Vergleich mit dem Wasser ist nicht nebensächlich, denn 
„aus Wind und Wasser" soll der Mensch wiedergeboren werden. 

„And he wooed her with caresses, 
Wooed her with his smile of sunshine, 
With his flattering words he wooed her, 
With his' sighing and his singing, 
Gentlest whispers in the branches, 
Softest music, sweetest odors" etc. 

In diesen onomatopoetischen Versen ist die schmeichelnde 
Werbung des Windes trefflich ausgedrückt 1 ). 

Der III. Gesang bringt die Vorgeschichte der Mütter Hiawathas. 
Seine Großmutter lebte als Mädchen auf dem Monde. Dort schaukelte 
sie sich einst auf einer Liane, ein eifersüchtiger Liebhaber aber schnitt 
die Liane ab und Nokomis, Hiawathas Großmutter, fiel auf die Erde 
herunter. Die Menschen, die sie herunterfallen sahen, hielten sie für 
eine Sternschnuppe. Diese wunderliche Herkunft der Nokomis 
wird durch einen späteren Passus desselben Gesanges näher beleuchtet: 
Dort fragt der kleine Hiawatha die Großmutter, was der Mond sei. 
Nokomis belehrt ihn darüber folgendermaßen: Der Mond sei der Körper 
einer Großmutter, die ein kriegerischer Enkel im Zorn dort hinauf- 
geworfen habe. Der Mond ist also die Großmutter. Im antiken Glauben 
ist der Mond ein Sammelort der abgeschiedenen Seelen 2 ), ein Samen- 

*) In der Mithrasliturgie geht der zeugende Geisthauch von der Sonne aus 
vermutlieh „aus der Sonnenröhre". (Vgl. Erster Teil.) Entsprechend dieser Vor- 
stellung heißt im Rigveda die Sonne der Einfüßer. Vgl. dazu das armenische 
Gebet, daß die Sonne ihren Fuß auf dem Angesichte des Betenden möge ruhen 
lassen. (Abeghian: Der armenische Volksglaube, ?B99, S. 41.) 

*) Firmicus Maternus (Mathcs., I, 5. 9): Cui (animo) descensus per 
orbem solis tribuitur, per orbem vero lunae praeparatur ascensus. Lydus (de 
mens., IV, 3) berichtet, der Hierophant Praetextatus habe gesagt, daß Janus 
Tag tieioriQag yjvxdg 6al tijv OeXrjviKÖv %6qov gutojiifjmeu Epiphanius 
(Haeres., LXVI, 52): ort £k xcbv ipvxöv ö ÖlOKOg {tfj$ osAijvrjs) änonlfaiAarai. 
Zitiert Cumont: Text, et Mon., I, I, S. 40. In exotischen Mythen ist es das- 
selbe mit dem Mond. Frobenius: 1. c, S. 352 ff . 



L 



303 

bewahrer, daher auch wieder ein Ursprungsort des Lebens von vor- 
wiegend weiblicher Bedeutung. Das Merkwürdige ist, daß Nokomis, 
auf die Erde fallend, eine Tochter, Wenonah, gebar, die nachmalige 
Mutter Hiawathas. Das Hinaufschleudem der Mutter und das Herunter- 
fallen und Gebären scheint etwas Typisches an sich zu haben. So er- 
zählt eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, daß ein wütender Stier 
eine schwangere Frau in Haushöhe emporgeworfen und ihr den Leib 
aufgerissen habe und das Kind sei wohlbehalten auf die Erde gefallen. 
Man hielt dieses Kind infolge seiner wunderbaren Geburt für einen 
Helden oder Wundertäter, aber es starb frühzeitig. Bekanntlich ist 
bei tiefstehenden Wilden der Glaube verbreitet, die Sonne sei weiblich 
und der Mond männlich. Bei den Namaqua, einem Hottentottenstamm, 
besteht die Meinung, die Sonne bestehe aus klarem Speck: „die 
Leute, die auf Schiffen fahren, ziehen sie durch Zauber allabendlich 
herunter, schneiden sich ein tüchtiges Stück ab und geben ihr dann 
einen Fußtritt, daß sie wieder an den Himmel hinauffliegt." 
(Waitz: Anthropologie II, 342.) Die infantile Nahrung kommt von 
der Mutter. (Vgl. unten.) Wir begegnen in den Gnostikerphantasien 
einer vielleicht hierher gehörigen Menschenentstehungslegende : Die ans 
Himmelsgewölbe angebundenen weiblichen Archonten vermögen infolge 
der schnellen Umdrehung des Himmels ihre Früchte nicht bei sich zu 
behalten sondern lassen sie auf die Erde herunterfallen, woraus die 
Menschen entstehen. Ein Zusammenhang mit barbarischen Geburts- 
helferkünsten (Herunterfallenlassen der Gebärenden) ist nicht aus- 
geschlossen. Die Vergewaltigung der Mutter ist schon mit dem Abenteuer 
des Mudiekeewis eingeführt, und ist fortgesetzt in der gewaltsamen 
Behandlung der „Großmutter", der Nokomis, die infolge des Ab- 
schneidens der Liane und des Herunterfallens irgendwie schwanger 
geworden zu sein scheint. Das „Abschneiden des Zweiges", das Pflücken, 
haben wir bereits als Mutterinzest erkannt. (Vgl. oben.) Jener bekannte 
Vers vom „Lande Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen 
wachsen", und Redensarten, wie „die Kirschen in Nachbars Garten 
pflücken" spielen auf ein ähnliches Bild an. Das Herunterfallen der 
Nokomis verdient mit einer poetischen Figur bei Heine verglichen 
zu werden: 

„Es fällt ein Stern herunter 
Aus seiner funkelnden Höh'! 
Das ist der Stern der Liebe, 
Den ich dort fallen seh'! 



304 

Es fallen vom Apfelbaume 
Der Blüten und Blätter viel. 
Es kommen die neckenden Lüfte 
Und treiben damit ihr Spiel." 

Wenonah wird später vom Westwind kosend umworben und 
wird von ihm schwanger. Wenonah als junge Mondgöttin hat die 
Schönheit des Mondlichtes. Nokomis warnt sie vor der gefährlichen 
Werbung des Mudjekeewis, des Westwindes. Aber Wenonah läßt sich 
betören und empfing vom Windhauch, vom nvzvfxa einen Sohn, unseren 
Helden : 

„And the West- Wind came at eveniug, — 

Found the beautiful Wenonah, 

Lying there among the lilies, 

Wooed her with his words of sweetness, 

Wooed her with his soft caresses, 

Till she bore a son in sorrow, 

Bore a son of love and sorrow." 

Die Befruchtung durch den Geisthauch ist uns bereits eine be- 
kannte Erfahrung. Der Stern oder Komet gehört offenbar zur Geburts- 
szene als Libidosymbol, auch Nokomis kommt zur Erde wie ein fallender 
Stern. Mörikes liebenswürdige Dichterphantasie hat sich einen ähn- 
lichen göttlichen Ursprung ersonnen. 

Und die mich trug im Mutterleib, 
Und die mich schwang im Kissen, 
Die war ein schön frech braunes Weib, 
Wollt' nichts vom Mannsvolk wissen. 

Sie scherzte nur und lachte laut 
Und ließ die Freier stehen: 
Möcht' lieber sein des Windes Braut, 
Denn in die Ehe gehen!" 

Da kam der Wind, da nahm der Wind 

Als Buhle sie gefangen: ' 

Von dem hat sie ein lustig Kind 

In ihrem Schoß empfangen. 

Buddhas wunderbare Geburtsgeschichte, von Sir Edwin Arnold 
wieder erzählt 1 ), weiß ebenfalls davon: 

*) The Light of Asia or the great reaunciation (Mahäbhinishkramana). 



305 

„Maya the queen — 

Dreamed a stränge drearn, dreamed that a stav from heaven — 

Splendid, six-rayed, in color rosy-pearl, 

Wliere of the token was an Elephant 

Six-tusked and white as milk of Kamadhuk * 

Shot through the void; and, shining into her, 

Eiitered her womb upon the right 1 )." 

Während der Konzeption der Maya blast ein Wind über Land: 

„A wind blew 

With unknown freshness over lands and sees." 

Nach der Geburt kommen die 4 Genien des Ostens, Westens, 
Südens und Nordens, um als Palanquinträger Dienste zu leisteil. (Das 
Zusammenkommen der Weisen bei Christi Geburt.) Wir finden also 
auch hier eine deutliche Erwähnung der „4 Winde." Zur Vervoll- 
ständigung der Symbolik findet sich im Buddhamythus wie bei Christi 
Geburtslegende außer der Stern- und Windbefruchtung noch die 
Befruchtung durch ein Tier, hier der Elefant, der mit seinem phallischen 
Rüssel bei Maya die christliche Ohr- respektive Kopfbefruchtung 
vollbringt. Bekanntlich ist außer der Taube auch das Einhorn ein 
zeugendes Symbol des Logos. 

An dieser Stelle dürfte sich die Frage aufdrängen, warum wohl 
die. Geburt eines Helden immer unter so sonderbaren symbobschen 
Umständen zu erfolgen hat. Es wäre auch denkbar, daß ein Held unter 
gewöhnlichen Umständen entstünde und allmählich aus seiner niedrigen 
Umgebung emporwüchse vielleicht unter tausend Mühen und Ge- 
fahren. (Übrigens ist dieses Motiv dem Heldenmythus auch keineswegs 
fremd.) Man wird sagen, der Aberglaube verlange die sonderbaren 
Geburts- oder Zeugungsumstände; warum aber verlangt er sie? 

Die Antwort auf diese Frage ist: daß der Held in der Regel nicht 
bloß geboren wird wie ein gewöhnlicher Sterblicher, sondern daß 
seine Geburt anter den geheimnisvollen Zeremonien einer 
Wiedergeburt aus der Mutter - Gattin erfolgt. Daher stammt 
in allererster Linie das Motiv der 2 Mütter des Helden. Wie uns 
Rank 2 ) an vielfachen Beispielen gezeigt hat, hat der Held öfter Aus- 
setzung und Unterbringung bei Pflegeeltern zu erfahren. Auf diese 
Weise komm t er zu den zwei Müttern. Ein treffendes Beispiel ist auch 

1 ) Auf entsprechenden Abbildungen sieht man, wie der Elefant der Maya 
mjt dem Rüssel in den Kopf dringt. 

2 ) Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden. 

Jnog, Libido. 20 



306 

das Verhältnis des Herakles zu Hera. (Vgl. oben.) Im Hiawathaepos 
stirbt Wenonah nach der Geburt und Nokomis tritt an ihre Stelle. 
Maja stirbt nach der Geburt 1 ) und Buddha erhält eine Pflegemutter, 
öfter ist die Pflegemutter ein Tier (die Wölfin des Romulus und Remus 
usw.). Die zweifache Mutter kann auch durch das Motiv der zwie- 
fachen Geburt ersetzt sein, was namentlich in der christlichen 
Mythologie zu hoher Bedeutung gelangt ist; nämlich in der Taufe, 
die eine Wiedergeburt darstellt, wie wir gesehen haben. So wird der 
Mensch nicht bloß banal geboren, sondern noch einmal auf geheimnis- 
volle Weise, wodurch er des Gottesreiches, d. h. der Unsterblichkeit 
teilhaft wird. Jeder wird auf diese Weise ein Heros, der durch die eigene 
Mutter sich wieder erzeugt, denn einzig dadurch wird er der Unsterb- 
lichkeit teilhaft. Daher wohl kommt es, daß der universelles Heil 
schaffende Kreuzestod von Christus als „Taufe" aufgefaßt wird, d. h. 
als Wiedergeburt durch die zweite Mutter, den geheimnisvollen Todes- 
baum. So sagt Christus (Luc. 12, 50): „Ich habe eine Taufe zu bestehen, 
und wie drängt es mich, bis sie vollendet ist!" Seine Todesqual faßt 
er symbolisch als Geburtsqual. 

Das Motiv der zwei Mütter deutet auf den Selbstverjüngungs- 
gedanken hin und will offenbar die Wunscherfüllung ausdrücken: 
möchte es möglich sein, daß die Mutter mich wieder gebiert; 
zugleich heißt es, auf den Helden angewendet: Es ist einer ein Held, 
wenn seine Gebärerin bereits einmal seine Mutter war; d. h. ein Held 
ist, wer sich durch seine Mutter wieder zu erzeugen vermag. 

Auf diese letztere Formulierung zielen die zahlreichen An- 
deutungen der Zeugungsgeschichte des Helden. Der Vater Hiawathas 
überwältigt zuerst die Mutter unter dem furchterregenden Symbol 
des Bären, dann erzeugt er, selber zum Gott geworden, den Helden. 
Was Hiawatha als Held zu tun hätte, deutet ihm Nokomis an, mit 
der Legende der Mondentstehung: er solle seine Mutter gewalttätig 
hinaufwerfen (oder hinwerfen?), dann wird sie durch diese Gewalttat 
schwanger, gebiert eine Tochter, diese verjüngte Mutter wäre nach 
ägyptischem Ritus als Tochter- Gattin dem Sonnengott, dem „Vater 
seiner Mutter", zur Selbstwiedererzeugung beschieden. Was Hiawatha 



*) Das rasche Wegsterben der Mutter oder die Trennung von der Mutter 
gehört zum Heldenmythus. Im Sohwanjungfraumythus, den Bank sehr schön 
analysiert hat, ist der wuneoherfüllende Gedanke, daß die Schwanjungfrau nach 
erfolgter Kindeserzeugung wieder wegfliegen kann; denn dann hat ßie ihren Zweck 
erfüllt: Man braucht die Mutter nur zur Wiedererzeugung. 



307 

in dieser Hinsicht tat, werden wir unten sehen. Wie sich die dem Christos 
verwandten vorderasiatischen Götter verhalten, haben wir bereits 
gesehen. Was die Präexistenz Christi betrifft, so ist ja, wie bekannt, 
das Johannesevangelium voll von diesem Gedanken: So das Wort 
des Täufers: (Joh. I, 30) „Dieser ist es, von dem ich sagte, nach mir 
kommt ein Mann, der vor mir da ist, weil er eher war als ich." Ebenso 
ist auch der Anfang des Evangeliums voll tiefer mythologischer Bedeu- 
tung: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Und das 
Wort war Gott, solchergestalt war es im Anfang bei Gott. Alles ward 
durch dasselbe und ohne dasselbe ward nichts, was geworden ist. 
In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen: 
und das Licht scheint in der Finsternis. Es trat ein Mensch auf, 
abgesandt von Gott, Johannes hieß er, dieser kam zum Zeugnis: um 
zu zeugen vom Licht. — Nicht war er das Licht, sondern zeugen sollte 
er vom Licht. Das wahrhaftige Licht, welches jeden Menschen 
erleuchtet, war: der da kommen sollte in die Welt." Das ist die Ver- 
kündigung des wiedererscheinenden Lichtes, der wiedergeborenen 
Sonne, die vorher war und die nachher sein wird. Am Baptisterium 
in Pisa ist Christus dargestellt, wie er den Menschen den Lebens- 
baum überbringt, sein Haupt ist vom Sonnenrad umgeben. Über 
diesem Relief stehen die Worte: 

INTROITVS SOLIS. 

Weil der Geborene sein eigener Erzeuger war, daher ist seine 
Zeugungsgeschichte so sonderbar verhüllt unter symbolischen Er- 
eignissen, die verdecken und verleugnen sollen, daher auch stammt 
die außerordentliche Behauptung von der jungfräulichen Konzeption 
Damit soll die inzestuöse Befruchtung verdeckt werden. Vergessen wir aber 
nie, daß diese naive Behauptung ein ungemein wichtiges Stück in der 
künstlichen Symbolbrücke ist, welche die Libido aus der inzestuösen 
Bindung herausleiten soll zu höhern und nützlicheren Verwendungen 
die eine neue Art der Unsterblichkeit, nämlich unsterbliche Werke' 
bedeuten. 

Die Umgebung von Hiawathas Jugend ist von Belang. 

„By the shores of Gitche Gumee, 
By the shining Big-Sea-Water, 
Stood the wigwam of Nokomis, 
Daughter of the Moon, Nokomis. 
Dark behind it rose the forest, 

20* 



308 

Rose the black and gloomy pine-trees, 
Rose the firs with coDes upon them; 
Bright before it beat the water, 
Beat the clear and sunny water, 
Beat the shining Big-Sea-Water". 

In dieser Umgebung zog ihn Nokomis auf. Hier lehrte sie ihn 
die ersten Worte und erzählte ihm die ersten Märchen und die Ge- 
räusche des Wassers und des Waldes mischten sich darein, so daß das 
Kind nicht nur die Sprache der Menschen, sondern auch der Natur 
verstehen lernte: 

„At the door on summer evenings 
Sat the little Hiawatha; 
Heard the whispering of the pine-trees, 
Heard the lapping of the water, 
Sounds of music, words of wonder; 
,Minne-wawa { !•) said the pine-trees, 
,Mudway-aushka' ! 2 ) said the water." 

Hiawatha hört in den Naturgeräuschen menschliche Sprache, er 
versteht so die Sprache der Natur. Der Wind sagt „wawa". Der Schrei 
der Wildgans ist „wawa". Wah-wah-taysee heißt der kleine Leucht- 
käfer, der ihn entzückt. So schildert der Dichter sehr schön die all- 
mähliche Einbeziehung der äußern Natur in den Rahmen des Sub- 
jektiven 3 ) und die Kontamination des primären Objektes, dem die 
Lallwörte galten und von dem die ersten Laute kamen, mit dem 
sekundären Objekt, deT weiteren Natur, die unmerklich an Stelle der 
Mutter tritt und jene erstmals von der Mutter gehörten Laute und melir 
noch von jenen Gefühlen übernimmt, die wir in all der warmen Liebe 
für Mutter Natur später in uns wieder entdecken. Das spätere ent- 
weder pantheistisch-phüosophische oder ästhetische Verschmelzen 
des empfindsamen Kulturmenschen mit der Natur 4 ) ist, nach rückwärts 

l ) Indianisches Wort für das Geräusch des Windes in den Bäumen. 

'*) Bedeutet Geräusch der Brandung. 

3 ) Eine Introjektion des Objekts ins Subjekt im Sinne von Ferenczi, 
der „Gegen"- oder „Widerwurf" (Objektum) bei den Mystikern Eckart und 
Böhme. 

*) Karl Joe] (Seele und Welt, Jena 1912) sagt (S. 153 f.): „Im Künstler 
und Propheten mindert sich nioht, sondern steigert sich das Leben. Sie sind 
die Führer ins verlorene Paradies, das nun erst beim Wiederfinden zum 
Paradiese wird. Es ist nicht die alte dumpfe Lebenseinheit mehr, zu der der 
Künstler strebt und führt, es ist die gefühlte Wiedervereinigung, nicht die 



309 

betrachtet, ein Wiederverschmelzen mit der Mutter, die uns erstmals 
Objekt war und mit der wir auch wirklich einmal ganz Eines waren. 
Es ist daher nicht erstaunlich, wenn wir in der Bildersprache eines 
modernen Philosophen, Karl Joel, wiederum die alten Bilder auf- 
tauchen sehen, welche das Einssein mit der Mutter symbolisieren, 
indem sie das Zusammenfließen von Subjekt und Objekt veranschau- 
lichen: In seinem neuesten Buche „Seele und Welt" (1912) schreibt 
Joel in dem Abschnitt „Das Urerlebnis" 1 ) folgendes: 

„Ich liege am Meeresstrand, blau schimmert die flimmernde Flut in die 
träumenden Augen; weithin flattern fächelnde Lüfte — anstürmend, ab- 
schäumend, aufregend, einschläfernd kommt der Wogenschlag ans Ufer —oder 
ans Ohr? Ich weiß es nicht. Ferne und Nähe verschwimmen in eins; draußen 
und drinnen gleiten ineinander über. Näher und näher, trauter und 
heimischer tönt der Wogenschlag; jetzt schlägt er als donnernder 
Puls in meinem Kopfe und jetzt schlägt er hinweg über meine Seele, um- 
schlingt sie, verschlingt sie, während sie selber doch zugleich 
hinaus schwimmt als blauende Flut. Ja, draußen und drinnen sind 

eins. Schimmern und Schäumen, Rinnen und Fächeln und Dröhnen ; 

die ganze Symphonie empfundener Reize verklingt in einen Ton, alle Sinne 
werden zu einem Sinn, der eins wird mit dem Gefühl; die Welt verhaucht 
in die Seele und die Seele löst sich in der Welt. Unser kleines Leben ist 
von einem großen Schlaf umflossen. — Der Schlaf unsere Wiege, der 
Schlaf unser Grab, der Schlaf unsere Heimat, aus der wir am 
Morgen ausziehen, in die wir am Abend wieder einziehen, unser 
Leben aber die kurze Wanderschaft, die Spannung zwischen dem Auf- 
tauchen aus der Ureinheit und dem Versinken in sie! — Blau flutet 
das Meer, das unendliche, darin die Qualle jenes Urleben träumt zu dem 
unser dämmerndes Ahnen noch durch Äonen der Erinnerung hinabsickert 
Denn jedes Erlebn* enthält eine Änderung und eine Wahro^Ä- 
emheit In dem Augenblicke, da sie nicht mehr verschmolzen sind, da 
em Erlebender noch blind und triefend sein Haupt hebt aus der 
Versunkenheit ,m Strome des Erlebens, aus dem Verquollensein 

rl f * i Wft m 6m Au S enblicke > da die Lebenseinheit staunend, 
befremdet, die Änderung von sich ablöst, als ein Fremdes vor sich hält, 

leere, sondern die volle Einheit, nicht die Einheit der Indifferenz, sondern die 
Einheit der Differenz -.« „Alles Leben ist Aufhebung des Gleichgewichts und 
Zuruckstreben ins Gleichgewicht. Solche Heimkehr finden wir in Religion 
und Kunst." " 

>) Unter Urerlebnis ist jene erste menschliche Unterscheidung zwischen 
Subjekt und Objekt, jenes erstmalige bewußte Objektsetzen zu verstehen, welches 
psychologisch nicht denkbar ist ohne Voraussetzung einer innern Entzweiung des 
animal „Mensch" mit sich selber, wodurch er sich eben von der mit sich einsseienden 
Natur getrennt hat. 



I 



V 



310 

in diesem Augenblicke der Entfremdung haben sich die Erlebnisseiten 
substantiiert zu Subjekt und Objekt, in dem Augenblicke ist das Bewußt- 
sein da." 

Joel schildert hier in unmißverständlicher Symbolik das Zu- 
sammenfließen von Subjekt und Objekt als die Wiedervereinigung 
von Mutter und Kind. Die Symbole stimmen mit der Mythologie sogar 
in Einzelheiten. Das Um- und Verschlingungsmotiv klingt ver- 
nehmlich an. Das sonnenverschlingende und wiedergebärende Meer 
ist uns bereits ein alter Bekannter. Der Moment der Bewußtseins- 
entstehung, der Trennung von Subjekt und Objekt, ist eine Geburt; 
wahrlich, das philosophische Denken hängt flügellahm an den wenigen 
großen urtümlichen Bildern der menschlichen Sprache, über deren 
einfache alles überragende Größe sich kein Gedanke erhebt. Das Bild 
der Qualle, des „Verquollensems"' ist nicht zufällig. Als ich einmal 
einer Patientin die mütterliche Bedeutung des Wassers erklärte, empfand 
sie bei dieser Berührung des Mutterkomplexes ein sehr unangenehmes 
Gefühl: „It makes me squirm," sagte sie, „as if I touched a jelly- 
fish." Auch hier dasselbe Bild ! Der selige Schlafzustand vor der Geburt 
und nach dem Tode ist, wie auch Jo el bemerkt, etwas wie alte schatten- 
hafte Erinnerung an jenen ahnungslos lebendigen Zustand erster Kind- 
heit, wo noch kein Widerstand das ruhige Dahinfließen dämmernden 
Lebens störte, wohin uns die innere Sehnsucht immer und immer wieder 
zurückzieht, und von wo sich das tätige Leben immer wieder mit Kampf 
und Todesangst befreien muß, damit es nicht der Vernichtung anheim- 
falle. Lange vor Joel hat dasselbe ein indianischer Häuptling mit 
denselben Worten zu einem der nie rastenden weisen Männer gesagt: 
„Ach, mein Bruder, du wirst nie das Glück kennen lernen, nichts zu 
denken und nichts zu tun; dies ist nächst dem Schlafe das Allerent- 
zückendste. So waren wir vor der Geburt, so werden wir nach dem 

Tode sein 1 )." 

Wir werden bei den späteren Schicksalen Hiawathas sehen, 
wie wichtig seine frühen Kindheitseindrücke für die Wahl seiner Gattin 
wurden. Hiawathas erste Tat war, daß er mit seinem Pfeü einen Reh- 
bock erlegte. 

„Dead he lay there in the forest, 

By the ford acrosa the river — ." 

Das ist typisch für die Taten Hiawathas, was er tötet, liegt 
meistens beim oder im Wasser, am ehesten halb im Wasser, halb 

») Crevecoeur: Voyage dans la haute Pensylvanie, I, 362. 



311 

auf dem Lande 1 ). Das muß wohl so sein. Die späteren Abenteuer werden 
uns belehren, warum dies wohl so ist. Auch der Bock war kein ge- 
wöhnliches Tier gewesen, sondern ein magisches, d. h. eines mit einer 
unbewußten Nebenbedeutung. Hiawatha hatte sich Handschuhe und 
Moccasons (Schuhe) aus dessen Leder gefertigt: die Handschuhe 
gaben ihm eine solche Kraft in den Armen, daß er Felsen zu Staub 
zerreiben konnte, und die Moccasons hatten die Tugend der Sieben- 
meilenstiefel. Dadurch, daß er sich in die Haut des Bockes hüllte, 
ist er also eigentlich ein Riese geworden. Dieses Motiv verrät, zusammen 
mit dem Tod des Tieres an der Furt 2 ), am Wasser, daß es sich um die 
Eltern handelt, deren Riesenhaftigkeit gegenüber dem Kind für das 
Unbewußte von großer Bedeutung ist. (Das „Riesenspielzeug" eine 
Wunsch umkehrung der infantilen Phantasie. Traum eines 11jährigen 
Mädchens: „Ich bin so groß wie ein Kirchturm; da kommt ein Polizist; 
ich sage zu ihm : Wenn du noch eine Bemerkung machst, schlage ich dir 
den Kopf herunter." Der „Polizist" bezog sich, wie die Analyse ergab, 
auf den Vater, dessen „Riesenhaftigkeit" durch die Kirchturmhöhe 
über kompensiert wird.) Bei mexikanischen Menschenopfern hatten 
Verbrecher die Götter darzustellen, sie wurden dann geschlachtet, 
abgehäutet, und die Korybanten verkleideten sich in die blutigen Hüllen, 
um die Auferstehung der Götter zu veranschaulichen*). (Häutung der 
Schlangen als Wiederverjüngungssymbol.) 

Hiawatha hat also die Eltern überwunden, und zwar in erster 
Linie die Mutter (obschon in der Gestalt eines männlichen Tieres, vgl. 
den Bären des Mudjekeewis), daher stammt seine Riesenkraft. Er hat 
die Haut der Eltern angezogen und ist nun selber ein großer Mann 
geworden. Nun zog er aus zum ersten großen Kampfe, und zwar zum 
Kampfe mit — dem Vater Mudjekeewis, um seine tote Mutter Wenonah 
zu rächen. Unter dieser Redefigur verbirgt sich natürlich der Gedanke, 
daß er den Vater erschlägt, um sich der Mutter zu bemächtigen. (Vgl. 

') Auch die Drachen der griechischen (und schweizerischen) Sagen wohnen 
in oder bei Quellen oder sonstigen Gewässern, deren Hüter sie öfter sind. 

2 ) Wo man den Fluß durchwaten kann, vgl. oben die Besprechung des Um- 
und Verschlingungsmotivs. Das Wasser als Hindernis in Träumen scheint auf 
die Mutter hinzudeuten, Sehnsucht nach der Mutter statt positiver Arbeit, Das 
tiberkreuzen von Wasser = Überwindung des Widerstandes, d. h. der Mutter 
als Symbol der Sehnsucht nach der schlaf- oder todähnlichen Untätigkeit. 

3 ) Vgl. auch den attischen Gebrauch des Stierausstopfens im Frühling, 
die Gebräuche der Luperkalien, Saturnalien usw. Ich habe diesem Motiv eine 
separate Untersuchung gewidmet. Ich verzichte daher auf weitere Belege, i 



312 

Gilgameshs Kampf mit dem Riesen Chumbaba und nachherige Er- 
oberung der Ishtar.) Der Vater stellt natürlich, psychologisch verstanden, 
bloß die Personifikation des Inzest Verbotes, d. h. den Widerstand, 
der die Mutter verteidigt, dar: Statt des Vaters kann es also auch 
irgend ein Angsttier sein (der große Bär, die Schlange, der Drache usw.), 
das bekämpft und überwunden werden muß. Der Held. ist ein Held, 
weil er in jeglicher Schwierigkeit des Lebens den Widerstand gegen 
das verbotene Gut sieht und diesen Widerstand bekämpft mit jener 
ganzen Sehnsucht, die nach der schwer- oder unerreichbaren Kost- 
barkeit strebt, welche den gewöhnlichen Menschen lähmt und tötet. 
Hiawathas Vater ist Mudjekeewis, der Westwind: Der Kampf 
findet also im Westen statt. Von dort her kam das Leben (Be- 
fruchtung der Wenonah), von dort kam auch der Tod (Tod der Wenonah). 
Hiawatha kämpft also den typischen Heldenkampf um die Wieder- 
geburt im Westmeer, den Kampf mit der verschlingenden, furchtbaren 
Mutter, diesmal in Gestalt des Vaters. Mudjekeewis, der selber einst- 
mals durch die Überwindung des Bären göttliche Natur erwarb, wird 
jetzt selber vom Sohn überwunden: 

„Back retreated Mudjekeewis, 

Rushing westward o'er the mountains, 

Stumbling westward down the mountains, 

Three whole days retreated fighting 

Still pursued by Hiawatha 

To the doorways of the WeBt-Wind, 

To the portals of the Sunset 

To the earth'e remotest border, 

Where into the empty Spaces 

Sinks the sun, as a flanungo 

Drops into her nest at nightfall." 

Die drei Tage sind eine stereotype Form für das Verweilen im 
„Nachtmeergefängnis" (21. bis 24. Dezember), auch Christus verweilt 
drei Tage in der Unterwelt. Bei diesem Ringkampf im Westen wird 
vom Helden jeweils die schwererreichbare Kostbarkeit erobert: In 
diesem Fall muß der Vater dem Sohne ein großes Zugeständnis machen, 
er gibt ihm göttliche Natur 1 ), und zwar dieselbe Windnatur, deren Un- 
sterblichkeit allein Mudjekeewis vor dem Tode geschützt hat. Er sagt 
zum Sohne: 



J ) Im GUgameshepos ist es naiver gesagt, es ist die Unsterblichkeit, die 
sich der Held holen möchte. 



iL 



I 
{■ 



313 



„J will share my kingdom with you, 
Ruler shall you be thenceforward 
Of the Northwest- Wind, Keewaydin, 
Of the kome-wind, the Keewaydin." 

Daß nun Hiawatha Herr des Heimatwindes wird, hat seine ge- 
naue Parallele im Gilgameshepos, wo Gilgamesh von dem weisen 
alten Utnapishtim, der im Westen wohnt, schließlich das Zauberkraut 
erhält, das ihn heil wieder übers Meer in die Heimat zurückbringt; 
das ihm aber, zu Hause angelangt, eine Schlange wieder raubt. 

Wenn einer den Vater erschlagen hat, dann kann er sich dessen 
Weibes bemächtigen, und wenn einer die Mutter überwunden hat, 
kann er selber freien. 

Auf der Heimfahrt hält Hiawatha an beim geschickten Pfeil- 
macher, der eine liebliche Tochter besitzt: 

„And he named her from the river, 
From the water-fall he named her, 
Minnehaha. Laughingh Water." 

Als Hiawatha in frühester Kindheit, träumend, die Geräusche 
von Wasser und Wind an sein Ohr dringen fühlte, erkannte er in den 
Lauten der Natur die Sprache der Mutter wieder. „Minnewa wa" sagten 
die säuselnden Fichten an Gestade des großen Sees. Und über das 
Säuseln des Windes und das Geplätscher des Wassers findet er früheste 
Kindheitsträume wieder im Weibe, in „Minnehaha", dem lachenden 
Wasser. Auch der Held, er sogar vor allen anderen, findet im Weibe 
die Mutter wieder, um endlich wieder Kind werden zu können, um 
endlich das Rätsel der Unsterblichkeit zu lösen. 

Die Tatsache, daß der Vater von Minnehaha ein geschickter 
Pfeilmacher ist, verrät ihn als den Vater des Helden (und das Weib, 
das er bei sich hat, als Mutter). Der Vater des Helden ist sehr oft ein 
geschickter Zimmermann oder ein sonstiger Künstler. Nach einer 
arabischen Legende soll Tare 1 ), der Vater Abrahams, ein geschickter 
Werkmeister gewesen sein, der aus jedem Holze Bolzen zu schnitzen 
verstand, d. h. er war nach arabischem Sprachgebrauch ein Erzeuger 
trefflicher Söhne 2 ). Außerdem war er Verfertiger von Götterbildern. 
Tvashtar, der Vater Agnis, ist der Weltbildner, ein Schmied und Zimmer- 

') Sepp: Das Heidentum und dessen Bedeutung für das Christentum. 
III, 82, zitiert Drews, Chrietusinythe, I, S. 78. 
*) Vgl. oben: Pfeilsymbolik. 



314 

mann, der Erfinder des Feuerbohrens. Josef, der Vater Christi, war 
ebenfalls Zimmermann, ebenso Kinyras, der Vater des Adonis, er soll 
Hammer, Hebel, Dach und Bergbau erfunden haben. Ebenso ist der 
Vater des vielgestaltigen Hermes ein kunstreicher Werkmeister und 
Bildner, Hephaestos (neben Zeus). Im Märchen ist der Heldenvater 
bescheidenerweise der traditionelle Holzhauer. Diese Vorstellungen, 
waren auch im Osiriskult lebendig. Dort wurde das Gottesbild aus einem 
Baumstamm ausgehauen und dann in die Höhlung des Baumes hinein- 
gestellt. (Frazer: Golden Bough, part. IV.) Im Rigveda wird auch die 
Welt aus einem Baume ausgehauen vom Weltbildner. Der Gedanke, 
daß der Held sein eigener Erzeuger sei 1 ), führt dann dazu, daß ihm die 
väterlichen Attribute auch zukommen und umgekehrt die Helden- 
attribute dem Vater. Bei Mäni ist eine schöne Vereinigung der Motive 
vorhanden. Er tut seine großen Taten als Religionsstifter, verbirgt 
sich jahrelang in einer Höhle, stirbt, wird geschunden, ausgestopft und 
aufgehängt (Held), daneben ist er ein Künstler und hat einen ver- 
krüppelten Fuß. Eine ähnliche Vereinigung der Motive findet sich bei 
Wieland dem Schmied. 

Was Hiawatha beim alten Pfeilmacher gesehen, verschwieg er 
bei seiner Heimkehr der alten Nokomis, auch tut er nichts weiteres, 
um Minnehaha zu gewinnen. Und nun geschah etwas, das, wenn es 
nicht in einem indianischen Epos stünde, man eher in der Anamnese 
einer Neurose aufsucht: Hiawatha introvertiert seine Libido, d. h. 
er verfällt in einen äußersten Widerstand gegen die „reale Sexual- 
forderung" (Freud), er baut sich im Wald eine Hütte, um darin zu 
fasten und Träume und Visionen zu erleben. An den ersten drei Tagen 
wanderte er, wie einst in der frühesten Jugend, durch den Wald und 
sah alle Tiere und Pflanzen an : 

„Master of Life! he cried, desponding, 
Must our lives depend on these things?" 

Die Frage, ob das Leben von „diesen Dingen" abhängen müsse, 
ist sehr sonderbar. Sie klingt, wie wenn das Leben aus diesen Dingen, 
d. h. aus der Natur überhaupt, herstamme. Die Natur scheint plötzlich 
eine ganz sonderbare Bedeutung angenommen zu haben. Dieses Phä- 
nomen kann nur dadurch erklärt werden, daß ein großer Libido betrag 

') Dieser Gedanke ist allgemein organisiert in der Präexistenz lehre. So ist 
man auf jeden Fall sein eigener Erzeuger, unsterblich und ein Held, womit die 
höoheten Wünsohe erfüllt sind. 






. 



315 

• 

aufgestaut wurde und nun auf die Natur abgegeben wird. So werden 
ja bekanntlich die Menschen, auch sonst ganz stumpfe und trockene 
Gemüter, im Liebesfrühling plötzlich naturempfindend und machen 
sogar Gedichte über sie. Wir wissen aber, daß eine von einem aktuellen 
Übertragungsweg abgesperrte Libido immer auf einen früheren Über- 
tragungsweg regrediert. Minnehaha, das lachende Wasser, ist eine zu 
deutliche Anspielung auf die Mutter, als daß das heimliche Sehnen 
des Helden nach der Mutter nicht mächtig dadurch berührt würde. 
Er geht daher, ohne etwas unternommen zu haben, heim zu Nokomis, 
aber auch dort treibt es ihn weg, denn dort steht ihm schon Minnehaha 

im Wege. 

Er wendet sich daher noch weiter weg, in jene frühe Jugendzeit, 
deren Töne ihm Minnehaha übermächtig wieder ins Gedächtnis rief, 
wo er die Mutterlaute in den Lauten der Natur hören lernte. In dieser 
ganz besonderen Belebung des Natureindruckes erkennen wir ein 
Zurückkommen jener frühesten und stärksten Natureindrücke, die noch 
zunächst standen den später ausgelöschten, noch stärkeren Eindrücken, 
die das Kind von der Mutter empfing. Der Glanz ihres Gefühles wird 
übertragen auf andere Gegenstände der kindlichen Umgebung (Vater- 
haus, Spielsachen usw.), von denen dann später jene magisch-seligen 
Gefühle ausgehen, wie sie frühesten Kindheitserinnerungen eigentümlich 
zu sein scheinen. Wenn sich daher Hiawatha wieder im Schöße der 
Natur birgt, so ist das wohl der Mutterschoß, und es ist zu erwarten, 
daß er wiederum in irgend einer Form neugeboren hervorgehen wird. 

Bevor wir uns dieser aus der Introversion hervorgehenden neuen 
Schöpfung zuwenden, ist noch einer zweiten Bedeutung der obigen 
Frage, ob das Leben von „diesen Dingen" abhängen müsse, zu gedenken. 
Das Leben kann auch von diesen Dingen in der Weise abhängen, daß 
sie zur Ernährung dienen. In diesem Fall müßten wir folgern, daß 
dem Helden plötzlich die Ernährungsfrage sehr am Herzen liege. (Diese 
Möglichkeit wird sich im folgenden durchaus bestätigen.) Die Frage 
der Ernährung kommt allerdings sehr in Betracht. Erstens, indem 
das Zurückgehen zur Mutter notwendigerweise jenen besonderen 
Übertragungsweg, nämlich den der Ernährung durch die Mutter, wieder 
rege macht. Sobald die Libido auf vorsexuelle Stufe regrediert, dann 
können wir erwarten, die Ernährungsfunktion und deren Symbole 
an Stelle der Sexualfunktion gesetzt zu sehen. Daher stammt eine 
wesentliche Wurzel der Verlegung von unten nach oben (Freud), 
indem auf vorsexueller Stufe die Hauptbedeutung nicht das Genitale, 



316 

sondern der Mund hat. Zweitens, indem der Held ja fastet, wodurch 
der Hunger überwiegend wird. Das Fasten wird bekanntlich angewendet 
zur Beschwichtigung der Sexualität, auch drückt es symbolisch den 
Widerstand gegen die Sexualität aus, übersetzt in die Sprache der vor- 
sexuellen Stufe. Am vierten Tage seines Fastens läßt der Held ab, sich 
an die Natur zu wenden, er liegt erschöpft mit halbgeschlossenen Augen 
auf seinem Lager, tief in seine Träume versunken, das Bild äußerster 
Introversion. 

Wir haben bereits gesehen, daß in solchen Zuständen an Stelle 
äußeren Lebens und äußerer Realität ein inneres infantilgeformtes 
Realitätsäquivalent auftritt. Dies ist auch bei Hiawatha der Fall: 

„And he saw a youth approaching, 
Dressed in garments green<aad and yellow, 
Coming through the purple twilight, 
Through the splendor of the sunset; 
Plumes of green bend o'er his forehead, 
And his hair was soft and golden." 

Diese merkwürdige Erscheinung gibt sich Hiawatha folgender- 
maßen zu erkennen: 

„From the Master of Life descending, 

I, the friend of man, Mondamin, 

Come to warn you and instruct you, 

How by struggle and by labor 

You shall gain what you have prayed for. 

Rise up from your bed of branches, 

Rise, o youth, and wrestle with me!" 

Mondamin ist der Mais; ein Gott, der gegessen wird, entsteht 
aus der Introversion Hiawathas. Sein Hunger in doppeltem Sinne, 
seine Sehnsucht nach der ernährenden Mutter gebiert aus seiner Seele 
einen andern Helden, den eßbaren Mais, den Sohn der Erdmutter. 
Daher er auch wiederum entsteht im Sonnenuntergang als dem 
Symbol des Eingehens in die Mutter. Und in der Röte des Sonnen- 
unterganges (im Westlande) hebt wieder der mythische Kampf an mit 
dem selbstgeschaffenen Gotte, der ganz aus Sehnsucht nach der er- 
nährenden Mutter geworden ist. Der Kampf ist wiederum Kampf 
um Befreiung von dieser tötenden und doch gebärenden Sehnsucht. 
Mondamin ist also soviel wie die Mutter und der Kampf mit ihm 
die Überwältigung und Befruchtung der Mutter. Diese Deutung wird 
durchaus bestätigt durch eine Mythe der Cherokees, „who invoke it 



. 



317 

(the maize) under the name of ,The old wo man' in allusion to a myth 
that it sprang from the blood of an old wo man killed by her 
disobedient sons" 1 ). 

„Faint with famine, Hiawatha 
Started from his bed of branches, 
From the twilight of his wigwam 
Forth into the flush of sunset 
Came, and wrestled with Mondamin; 
At his touch he feit new courage 
Throbbing in his brain and bosom. 
Feit new life and hope and vigor 
Run through every nerve and fibre." 

Der Kampf im Sonnenuntergang mit dem Maisgott gibt Hiawatha 
neue Kräfte : so muß es wohl sein, denn der Kampf gegen die lähmende 
Sehnsucht nach der Mutter, nach der eigenen Tiefe, gibt dem Menschen 
schöpferische Kräfte. Dort ist ja die Quelle aller Schöpfung, aber es 
braucht Heroenmut, um gegen diese Gewalten zu kämpfen und ihnen 
die schwer erreichbare Kostbarkeit abzuringen. Wem es glückt, der hat 
allerdings das Beste erreicht. Hiawatha ringt mit sich selber um seine 
Schöpfung 2 ). Der Kampf dauert wiederum die mythischen drei Tage. 
Am vierten Tage, wie Mondamin auch prophezeit hat, überwindet ihn 
Hiawatha, und Mondamin sinkt entseelt zu Boden. Wie Mondamin es 
vorher gewünscht, gräbt ihm Hiawatha das Grab in der mütterlichen 
Erde. Und bald darauf wächst aus seinem Grabe, jung und frisch, 
der Mais zur Ernährung der Menschen. 

Was den Gedanken dieses Stückes betrifft, so haben wir darin 
eine schöne Parallele zum Mysterium des Mithras, wo zuerst der Kampf 
des Helden mit seinem Stier erfolgt, darauf trägt Mithras im „tran- 
situs" den Stier in die ,Höhle', wo er ihn tötet. Aus diesem Tode 
wächst alle Fruchtbarkeit, in erster Linie alles Eßbare 3 ). (Vgl. oben.) 
Die Höhle entspricht dem Grabe. Der gleiche Gedanke ist ja auch im 

•) Frazer: Gold. Bough. IV, 297. 

2 ) „Du suchtest die schwerste Last, da fandest du dich!" (Nietzsche). 

3 ) Es ist eine, sozusagen ständige Eigentümlichkeit, daß im Walfisch - 
drachenmythus der Held im Bauche des Ungeheuers sehr hungrig ist und anfängt, 
sich Stücke vom Tiere abzuschneiden, um sich damit zu nähren. Er befindet sich 
eben in der nährenden Mutter „auf vorsexueller Stufe". Seine nächste Tat ist. 
um sich zu befreien, daß er Feuer macht. In einem Mythus der Eskimos an der 
Behringstraße findet der Held im Walfisch ein Weib, die Seele des Tieres, die 
weiblich ist. (1. c, S. 86.) (Vgl. Frobenius: 1. c. passim.) 



318 

christlichen Mysterium, allerdings zum Teil in schöneren menschlichen 
Formen dargestellt. Der seelische Kampf Christi in Gethsemane, wo 
er mit sich selber ringt, um sein Werk zu vollenden, dann der „trän- 
situs", die Kreuztragung 1 ), wo er das Symbol der tötenden Mutter 
auf sich nimmt und damit sich selber zum Opfergrabe trägt, aus dem 
er nach drei Tagen triumphierend aufersteht; all diese Bilder drücken 
denselben Grundgedanken aus. Auch die Symbole des Essens fehlen 
im christlichen Mysterium nicht: Christus ist ein Gott, der im Abend- 
mahl gegessen wird. Sein Tod verwandelt ihn in Brot und Wein, die 
wir, seiner großen Tat dankbar gedenkend, genießen 2 ). Die Beziehungen 
von Agni zum Somatrank und die des Dionysos ^um Wein 3 ) dürften 
hier nicht unerwähnt bleiben. Eine deutliche Parallele ist die Erwürgung 
des Löwen durch Simson und die nachherige Besiedelung des toten 
Löwen durch Honigbienen, was zu dem bekannten Rätselspruch 

') Das Baumtragen (die daAXoyoQia) spielte auch, wie aus einer Notiz 
bei Strabo X hervorgeht, im Kult des Dionysos und der Ceres (Demeter) eine 
große Rolle. 

2 ) Ein Pyramidentext, der von der Ankunft des toten Pharao im Himm el 
handelt, sohildert, wie sich der Pharao der Götter bemächtigt, um selber göttlicher 
Natur, zum Herrn der Götter zu werden: „Seine Diener haben die Götter mit der 
Wurfleine gefangen, haben sie gut befunden und herbeigeschleppt, haben sie 
gebunden, ihnen die Kehle durchgeschnitten und ihre Eingeweide herausgenommen, 
haben sie zerteilt und in heißen Kesseln gekocht. Und der König verzehrt 
ihre Kraft und ißt ihre Seelen. Die großen Götter bilden sein Frühstück, die 
mittlem bilden sein Mittagessen, die kleinen büden sein Abendessen. — Der König 
verzehrt alles, was ihm in den Weg kommt. Gierig verschlingt er alles und seine 
Zauberkraft wird größer als alle Zauberkraft. Er wird ein Erbe der Macht, größer 
als alle Erben, er wird der Herr des Himmels, er aß alle Kronen und alle Armbänder, 
er aß die Weisheit jedes Gottes" usw. (Wiedemann: Der alte Orient, II, 2, 
1900, S. 18. Zitiert Dieterichr 1. c, S. 101.) Dieses unmögliche Fressen, diese 
Bulimie schüdert trefflich die Sexuallibido in Regression auf vorsexueller Stufe, 
wo die Mutter (die Götter) nicht das Sexual-, sondern das Hungerobjekt ist. 

3 ) Die sakramentale Opferung des Dionysos-Zagreus und das Essen des 
Opferfleisches erzeugte den viog AiövvOos, die Auferstehung des Gottes, wie 
aus dem bei Dieterioh (1. o., S. 105) zitierten Kreterfragment des Euripides 
deutlich hervorgeht: 

,,&yvöv 6i ßiov xeivaiv, i§ oi> 
Aibg 'löaiov fivorris yevö/irjv 
Kai vwxmökov Zaygios ßovtas 
roi»£ <b/xo<päyovs öalrag xekioas-" 

Durch das Essen des rohen Fleisches des Opfertieres nahmen die Mysten, 
der Kultlegende entsprechend, den Gott in sich auf. 



319 

führte : „Speise ging von dem Fresser und Süßigkeit von dem Starken 1 )". 
Auch in den Eleusinischen Mysterien scheinen diese Gedanken eine 
Rolle gespielt zu haben. Außer Demeter und Persephone ist Iakchos 
ein Hauptgott des eleusinischen Kultes; er war der puer aeternus, 
der ewig junge, den Ovid (Met. 1, IV, 18 ff.) folgendermaßen anruft: 

„Tu puer aeternus, tu formosissimus alto 
Conspiceris coelo tibi, cum sine cornibus astas, 
Virgineum caput est, etc." 

Im großen eleusinischen Festzug wurde des Iakchos Bild voran- 
getragen. Es ist nicht leicht zu sagen, welcher Gott Iakchos sei, wohl 
ein Knabe oder ein neugeborener Sohn, vergleichbar dem etrurischen 
Tages, der den Zunamen „der frischausgeackerte Knabe" führt, 
da er nach der Sage aus der Ackerfurche hinter dem Bauer, der den 
Pflug durchzog, entstanden sei. Dieses Bild zeigt unverkennbar das 
Mondaminmotiv: Der Pflug ist von bekannter phallischer Bedeutung, 
die Ackerfurche ist im Indischen als Weib personifiziert. Die Psycho- 
logie dieses Bildes ist ein auf vorsexuelle Stufe (Ernährungsstufe) 
zurückversetzter Koitus; der Sohn ist die eßbare Ackerfrucht. Iakchos 
geht teils als Sohn der Demeter oder der Persephone, ebenso 
als Gemahl der Demeter passender weise. (Held als sein eigener Er- 
zeuger.) Er heißt auch tfjg A^/x^xqoq dai/j,(ov {Aaifioiv = Libido, also 
Mutterlibido). Er wurde mit Dionysos, besonders mit dem thrakischen 
Dionysos-Zagreus identifiziert, dem ein typisches Wiedergeburts- 
schicksal nachgesagt wird : Hera hatte die Titanen aufgestachelt gegen 
Zagreus, der, in viele Gestalten sich verwandelnd, ihnen zu 
entkommen suchte, bis sie ihn schließlich erreichten, als er Stier- 
gestalt angenommen hatte. In dieser Gestalt töteten (Mithrasopfer) 
und zerstückelten sie ihn und warfen die Stücke in einen Koch- 
kessel, aber Zeus tötete die Titanen mit dem Blitz und verschluckte 
das noch zuckende Herz des Zagreus. Durch diesen Akt gab er 
ihm wieder das Dasein und Zagreus trat als Iakchos wieder an den Tag. 

Iakchos trägt die Fackel, das phallische Symbol der Zeugung, 
wie Plato (de leg. 6, 776) bezeugt. Im Festzug wurde auch die Ge- 
treideschwinge, die Wiege des Iakchos mitgefülirt (Xtxvov, mystica 
vannus Iacchi). Der orphischen Legende nach 2 ) wurde Iakchos bei 
Persephone aufgezogen, wo er nach 3 jährigem Schlummer im XTy.vov 

') Richter 14, 14. 

*) Orph. Hymn. 46. Vgl. Röscher: Lex. S. Iakchos. 



•/ 






320 

erwachte. Diese Angabe weist deutlich auf unser Mondaminmotiv hin. 
Der 20. Boedromion (der Monat Boedromion dauerte zirka vom 5. Sep- 
tember bis 5. Oktober) hieß dem Heros zu Ehren Iakchos. Am Abend 
dieses Tages fand am Meeresufer das große Fakelfeat statt, wobei das 
Suchen und das Klagen der Demeter aufgeführt wurde. Die Rolle 
der Demeter, die, ohne Speise und Trank zu genießen, auf der ganzen 
Erde, ihre Tochter suchend, herumirrt, hat Hiawatha im indianischen 
Epos übernommen; er wendet sich auch an alle Geschöpfe, ohne Antwort 
zu bekommen. Wie Demeter erst bei der unterirdischen Hekate von 
ihrer Tochter erfährt, so findet auch Hiawatha erst in tiefster Intro- 
version (Abstieg zu den Müttern) das Gesuchte, den Mondamin 1 ). 
Hiawatha erzeugt wie eine Mutter den Sohn Mondamin aus sich selber. 
Die Sehnsucht nach der Mutter ist auch gebärende Mutter (zuerst ver- 
schlingend, danngebärend). Über den eigentlichen Inhalt der Mysterien er- 
fahren wir durch das Zeugnis des Bischof Asterius (um 390 p. Chr. n.) 
folgendes: „Ist dort (in Eleusis) nicht der finstere Abstieg und das feier- 
liche Zusammensein des Hierophanten und der Priesterin, zwischen ihm 
und ihr allein? werden nicht die Fackeln ausgelöscht, und hält nicht die 
unzählbare Menge für ihr Heil, was in der Finsternis von den beiden voll- 
zogen wird 2 )?" Das deutet unzweifelhaft auf eine Hierosgamosfeier, die 
unterirdisch, in der Mutter Erde, gefeiert wurde. Die Priesterin der Demeter 
scheint dabei die Vertreterin der Erdgöttin zu sein, also etwa die Acker- 
furche 3 ). Der Abstieg in das Erdinnere ist auch Mutterleibsymbolik 

^_ -- -tmd war als Höhlenkult weitverbreitet. Plutarch erzählt von den 

Magiern, daß sie dem Ahriman opferten sie x6nov ävrihov. Lukian 
läßt den Magier Mithrobarzanes dg %(oqlov ggrjjuov xai vX&öeg xal ävrjkov 
hinuntersteigen. Nach dem Zeugnis des Moses von Khoren verehrte 
man in Armenien Schwester Feuer und Bruder Quelle in einer Höhle. 
Julian (Or. V) berichtet aus der Attislegende eine xardßaoig dg &itqov, 

*) Eine genaue Parallele hierzu ist die japanische Mythe von Izanagi, der 
seiner toten Gattin in die Unterwelt folgend, sie bittet, zurückzukehren. Sie 
ist bereit, bittet ihn aber: „Mögest du nicht auf mich blicken!" Izanagi entzündet 
dann mit seinem Kamm, d. h. mit einem männlichen Balken desselben (feuer- 
bohrender Phallus), Licht und verliert so seine Gattin. (Frobenius: 1. o., S. 343.) 
Für Gattin ist Mutter zu setzen. Anstatt der Mutter bringt der Held das Feuer, 
Hiawatha den Mais, Odin die Runen, als er qualvoll am Baume hing. 

a ) Zitiert De Jong: Das antike Mysterienwesen. Leiden, 1910, S. 22. 

3 ) Ein Sohngeliebter aus dem Demetermythus ist Iasion, der die Demeter 
auf dreimal geackertem Saatfeld umarmt. (Brautlager auf dem Acker.) Iasion 
wurde dafür von Zeus mit dem Blitz erschlagen. (Ovid. M-stam. IX.) 




321 

von wo Kybele ihren Sohngeliebten wieder' heraufholt, d. h. gebiert»). 
Die Geburtshöhle Christi in Bethlehem („Haus des Brotes") soll ein 
Attisspelaeum gewesen sein. 

Eine weitere Symbolik der Eleusinien gehört in die Hierosgamos- 
feier, nämlich die mystischen Kisten, die nach dem Zeugnis des 
Clemens von Alexandrien Backwerk, Salzspenden und Früchte y' 
enthalten haben sollen. Das von Clemens überlieferte Synth ema 
(Bekenntnis) des Mysten aber weist noch auf anderes hin: 

„Ich habe gefastet, ich habe den Kykeon getrunken; ich habe 
aus der Kiste genommen und nachdem ich gearbeitet, habe ich es 
in den Korb zurückgelegt uud aus dem Korb in die Kiste 2 )." Die Frage, 
was in der Kiste lag, beleuchtet Dieterich 3 ) des näheren. Das 
„Arbeiten" beziehtur auf eine phallische Tätigkeit, die der Myste vorzu- 
nehmen hatte. Tatsächlich gibt es Darstellungen des mystischen 
Korbes, wo, umgeben von Früchten, ein Phallus drin liegt*). Auf 
der sogenannten Lovatellinischen Grabvase, deren Reliefbilder als / 
eleusinische Zeremonien aufgefaßt werden, ist dargestellt, wie ein 
Myste die um Demeter sich windende Schlange liebkost. |A/\ 
Die Liebkosung des Angsttieres deutet auf die kultische Inzest- ' 
Überwindung 8 ). Nach dem Zeugnis des Clemens von Alexandrien 
war auch in der mystischen Lade eine Schlange 6 ). Diese Schlange ist 
natürlich in diesem Zusammenhang phallischer Natur (der der Mutter 
gegenüber verbotene Phallus) Rohde (Hermes XXI, 124) erwähnt, 
daß bei den Arrhetophorien Backwerk in Form von Phalli und 
Schlangen in den Schlund beim Thesmophorion geworfen wurde; die 
Feier betraf Kinder- und Erntesegen 7 ). So spielte auch die Schlange 

') Siehe Cumont: Text, et Mon., I, S. 06. 

-) „'EvrjOTevoa, iniov xbv tcvueüva, SXaßov 6k kIotijSj iQJWfäftmws &*£. 
tiefin* eiS aäXadov uai in KaMdov eis Himp.« Statt iQyaoä/uevos wird auf 
Lobecks Vorschlag iyyevoäßevog „nachdem ich gekostet", gelesen. Diete- 
rich: Mithraslit., S. 126, hält aber am überlieferten Textlaut fest. 

3 ) Mithraslit., S. 123 ff. 

*) Z. B. auf einem Campanarelief bei Lovatelli (Antichi monumenti, 
Roma, 1889, I, IV, Fig. 5. Ähnlich hat der Veroneser Priap einen Korb mit Phalli 
gefüllt. 

5 ) Vgl. Grimm: II, IV, S. 899: Durch Liebkosung respektive Küssen des 
Drachens oder der Schlange wird das Angsttier in ein schönes Weib verwandelt, 
das sich der Held auf diese Weise gewinnt. 

8 ) De Jong: 1. c, S. 21. 

7 ) Die Mutter, die Erde, ist die nahrungsspendende. Die Mutter steht v _ 

auf vorsexuellor Stufe in dieser Bedeutung. Daher St. Dominikus von den Brüsten 
Jung, Libido. 21 



322 

in den Einweihungen eine große Rolle unter dem bemerkenswerten 
Titel: 6 6iä xö/biov deög (der Gott durch Vagina oder Busen). 
Clemens 1 ) erwähnt, das Symbol der Sabaziosmysterien sei : 6 dtä xoXnov 
dedg, ÖQaxoiv di lau xal ovtos öieXxOfAevos xov x6)jiov r&v xelov- 
fiivcov. Ebenso erfahren wir durch Arnobius' 2 ) folgendes: „aureus 
coluber in sinum demittitur consecratis et eximitur rursus ab in- 
ferioribus partibus atque imis." Im orphischen Hymnus 52 wird 
Bakcheus angerufen: vitoxöXme, was darauf hinweist, daß der Gott 
(die Libido) in den Menschen eintritt wie durch ein weibliches Geni- 
tale 3 ). Nach dem Zeugnia des Hippolyt 4 ) rief der Hierophant im 
Mysterium: Isqöv etexe nozvia xovqov, Bqi/xoj ßgipöv. („Einen heiligen 
Knaben hat die Erhabene geboren, Brimo den Brimos.") Dieses Weih- 
nachtsevangelium („Euch ist heute ein Sohn geboren") wird ganz be- 
sonders beleuchtet durch die Überlieferung 5 ), daß die Athener „den an 
der Epoptie Beteiligten das große und wunderbare und vollkommenste 
epoptische Geheimnis im Stillen zeigen — eine gemähte Ähre" 6 ). 
. Die Parallele zum Motiv des Sterbens und Auferstehens ist das 
Motiv des Verlorengehens und Wiederfindens. Das Motiv tritt kultisch 
auch genau an derselben Stelle auf, nämlich in hierosgamosähnlichen 
Frühlingsf eiern, wobei das Götterbild versteckt und wiederaufgefunden 
wurde. Es ist eine außerkanonische Tradition, daß Moses als Zwölfjähriger 
das Vaterhaus verlassen habe, um die Menschen zu lehren. In ähnlicher 
Weise geht auch Christus den Eltern verloren, und sie finden üin wieder 
als Weisheitslehrer; wie in der mohammedanischen Legende Moses 
und Josua den Fisch verlieren und an seiner Statt den Weisheitslehrer 

der Gottesmutter gelabt wird. Das Sonnenweib der Namaqua besteht aus Speck. 
Vgl. dazu die Größenideen meiner Patientin, welche versicherte: „Ich bin Ger- 
mania und Helvetia aue ausschließlich süßer Butter." (Psych, d. Dem. praec.) 

J ) Ref. omn. haeret., V, 8. Zitiert Röscher: Lex. II, 1, 2, 24. 

-) Zitiert Dieterich, 1. c, S. 123. 

3 ) Vgl. die Bilder bei Nietzsche: „eingebohrt, im eigenen Schachte" usw. 
In einem Gebete an Hermes in einem Londoner Papyrus heißt es: lAöi /toi, 
xvQie 'EQftf, &S x< * ßQ&WI £ iS T &S notACas röv ywaixäv. Kenyon: Greek 
Papyr. in the Brit. Mus., 1893, S. 116, Pap. CXXII, Z. 2 ff . Zitiert Dieterich: 

1. c, S. 97. 

*) Zitiert Dieterich: 1. c, S. 123. 

s ) Vgl. De Jong: 1. c, S. 22. 

u ) Der typische Korngott des Altertums war Adonis, dessen Sterben und 
Wiedererstehen jährlich gefeiert wurde. Er war der Sohngeliebte der Mutter, 
denn das Korn ist der Sohn und Befruchter des Erdschoßes, wie Robertson 
Evang. Myth. p. 3G sehr richtig bemerkt. 



323 

Chidher (der Jesusknabe im Tempel) erscheint, so taucht auch der ver- 
loren und tot geglaubte Korngott in neuer Jugend plötzlich aus der 
Mutter auf. (Daß Christos in die Krippe gelegt wird, deutet auf das 
Futter. Robertson setzt daher die Krippe dem Liknon parallel 
Evang. Myth. S. 46.) 

Wir verstehen aus diesen Berichten auch, wie die eleusinischen 
Mysterien so trostreich für die Jenseitshoffnungen des Mysten waren, 
wie ein schönes eleusinisches Epitaph uns zeigt : 

- 
„Wahrlich, ein schönes Geheimnis verkünden die seligen Götter! 
Sterblichen nicht ist ein Fluch, sondern ein Segen der Tod!" 

Dasselbe sagt auch der Demeterhymnus 1 ) von den Mysterien: 

„Selig, wer diese geschaut hat, der erdbewohnenden Menschen! 
Wer an den Handlungen aber, den heiligen, nicht sich beteiligt, 
Ungleiches Los hat er auch in des Todes umnebelndem Dunkel!" 

Dem eleusinischen Symbol wohnt Unsterblichkeit inne: in einem 
Kirchenliede des 19. Jahrhunderts von Samuel Preis werk finden 
wir es wieder: 

„Die Sach' ist dein, Herr Jesu Christ, 

Die Sach', an der wir stehn; 

Und weil es deine Sache ist, 

Kann sie nicht untergehn. 

Allein das Weizenkorn, bevor 

Es fruchtbar sproßt zum Licht empor, 

Muß sterben in der Erde Schoß, 

Zuvor vom eignen Wesen los. 

Du gingst, o Jesu, unser Haupt, 
Durch Leiden himmelan, 
Und führest jeden, der da glaubt, 
Mit dir die gleiche Bahn. 
Wohlan, so führ uns allzugleich 
Zum Teil am Leiden und am Reich; 
Führ uns durch deines Todes Tor 
Samt deiner Sach' zum Licht empor." 

Firmicus (de err. prof . rel. XXII, I, p. 111) berichtet aus dem 
Attismysterium : nocte quadam simulacrum in lectica supinum ponitür et 
per numeros digestis fletibus plangitur; deinde cum se ficta lamentatione 
satiaverint, lumen infertur: tunc a sacerdote omnium qui flebant 

') De Jong: 1. c, S. 14. 

21* 






324 

fauces unguentur, quibus perunctis sacerdos hoc lento murmure susurrat: 
ßaggelxe /xvozai rov #«m~ aEoma/xivov' Matal ydg vfuv Ix n6vov oojttjoia. 




Das sogenannte Hl. Grab in S. Stefano au Bologna. 

Derartige Parallelen zeigen, wie wenig Menschlich-Persönliches 
und wieviel Göttliches, d. h. Allgemein-Menschliches am Christüs- 
mysterium ist, Kein Mensch ist oder war je ein Heros, denn der Heros 
ist ein Gott und daher unpersönlich und allgemein gültig. Christus ist 



325 



ein „Geist", wie frühchristliche Interpretation aus erster Hand lautet. 
An vielerlei Stellen der Erde und in mannigfaltigster Form und Zeit- 
färbung tritt der Heiland-Heros auf als eine Frucht des Eingehens 






■ 




• - ,; =*$W«&« 



Matuta. eine etruskische Pietä. 

der Libido in die eigene mütterliche Tiefe. Die auf dem Stuckrelief 
des Farnesina dargestellten bakchischen Weihen enthalten eine Szene, 
wo ein Myste, verhüllt durch den über den Kopf gezogenen Mantel, 
zu Silen geführt wird, der das mit einem Tuch bedeckte tixvov hält. 



326 






Die Verhüllung des Hauptes bedeutet Tod. Der Myste stirbt figürlich 
wie das Saatkorn, wächst wieder empor und kommt in die Getreide- 
schwinge. Proclus berichtet auch, daß die Mysten bis zum Halse 
begraben wurden. (Cf. Dieterich: 1. c. S. 167.) Die christliche Kirche 
als Kultstätte ist wohl überhaupt nichts anderes als ein Heroengrab. 
(Katakomben.) Der Gläubige steigt in das Grab hinunter, um mit dem 
Heros zu auferstehen. Daß der der Kirche unterliegende Sinn der des 
Mutterleibes ist, kann kaum bezweifelt werden. Die Symbole der Messe 
sind zu deutlich, als daß man die Mythologie der heiligen Handlung mcht 
überall könnte hervorleuchten sehen; es ist Wiedergeburtszauber. Am 
deutlichsten ist wohl die Verehrung des Hl. Grabes in dieser Hinsicht. 
Ein treffendes Beispiel ist das Hl. Grab von S. Stefano in Bologna. 
Die Kirche selber, ein sehr alter vieleckiger Rundbau, besteht aus 
Resten eines Isistempels. Im Innern befindet sich ein künstliches 
Spelaeum, ein sog. Hl. Grab, in das man durch eine ganz kleine Tür 
hineinkriecht. Nach längerem Verweilen kommt der Gläubige wieder- 
geboren aus diesem Mutterleib heraus. Ein etruskisches Ossuarium 
im archäologischen Museum in Florenz ist zugleich Statue der Matuta, 
der Totengöttin, d. h. die Tonfigur der Göttin ist innen hohl zur 
Aufnahme der Asche. Die beigegebene Abbildung läßt erkennen, daß 
Matuta die Mutter ist. Ihr Sitz ist mit Sphinggen geziert, wie dies 
der Todesmutter zukommt. 

Von den weiteren Taten Hiawathas können uns nur wenige 
interessieren; darunter findet sich im VIII. Gesang der Kampf mit 
Mishe-Nahma, dem Fischkönig; als typischer Sonnenheldenkarapf 
verdient er erwähnt zu werden. Mishe-Nahma ist ein Fischungeheuer, 
das auf dem Grunde der Gewässer haust. Von Hiawatha zum Kampf 
herausgefordert, verschlingt es den Helden samt Schiff. 

„In his wrath he darted upward, 
Flashing leaped into the sunshine, 
Opened his great jaws, and swallowed 
Both canoe and Hiawatha. 

Down into that darksome cavern 
Plunged the headlong Hiawatha, 
As a log on some black river 
Shoots and plunges down the rapids, 
Found himself in utter darkness, 
Groped about in helpless wonder, 
Till he feit a great heart beating, 
Throbbing in that utter darkness. 



327 



And he smote it in his anger, 
With his fist, the heart of Nahma, 
Feit the mighty king of Fishes 
Shudder through each nerve and fibre. 
Crosswise then did Hiawatha 
Drag his birch-canoe for safety, 
Lest from out the jaws of Nahma, 
In the turmoil and confusion, 
Forth he might be hurled and perish." 

Es ist der sozusagen über die ganze Welt verbreitete typische 
Mythus von der Tat des Helden. Er fährt zu Schiff, bekämpft das Meer- 
ungeheuer, wird verschluckt, stemmt sich gegen das Zerbissen- oder 
Zerdrücktwerden 1 ) (Stemm- oder Stampfmotiv), sucht, im Innern 
des „Walfischdrachen" angelangt, das lebenswichtige Organ, das er 
abschneidet oder sonst zerstört, öfter geschieht die Tötung des 
Monstrums dadurch, daß der Held heimlieh Feuer macht im Innern, 
er erzeugt im Leibe des Todes heimlich das Leben, die aufgehende Sonne. 
Dadurch wird der Fisch getötet, treibt ans Land, wo mittels „Vogelhilfe" 
der Held wieder ans Tageslicht gelangt 2 ). Der Vogel an dieser Stelle 



') Faust: ,,Wie Wolkenzüge schlingt sich das Getreibe, 

Den Schlüssel schwinge! Halte sie vom Leibe!" 

2 ) Ich erwähne hier als ein Beispiel für viele: Die polynesische Ratamythe 
(Zitiert bei Frobenius: 1. c, S. 64—66.) „Unter günstigem Winde segelte da3 
Boot behaglich über den Ozean hin, als Nganaoa eines Tages ausrief: „0 Rata, 
hier ist ein fürchterlicher Feind, der aus dem Ozean emporsteigt!" Es war eine 
offene Muschel von riesigen Dimensionen. Die eine Schale war vor, die andere 
hinter dem Bote, und das Schiff lag direkt dazwischen. Im nächsten Augenblicke 
konnte die fürchterliche Muschel zusammenklappen und das Boot und sie alle 
in ihrem Maule zermalmen. Aber Nganaoa war auf diese Möglichkeit vorbereitet. 
Er ergriff seinen langen Speer und stieß ihn schnell in den Leib des Tieres, so daß 
das zweischalige Geschöpf, statt zuzuschnappen, sofort auf den Grund des Meeres 
hinabsank. Nachdem sie dieser Gefahr entronnen waren, setzten sie ihren Weg 
fort. Doch nach einiger Zeit war die Stimme des immer wachenden Nganaoa 
abermals zu hören: „0 Rata, es taucht wieder ein fürchterlicher Feind aus den 
Tiefen des Ozeans hervor." Diesmal war es ein mächtiger Oktopus, dessen riesige 
Tentakeln das Boot schon umschlangen, um es zu zerstören. In diesem kritischen 
Augenblick ergriff Nganaoa seinen Speer und stieß ihn durch das Haupt des 
Oktopus. Schlaff sanken die Tentakeln herab, und das tote Ungeheuer trieb auf 
der Oberfläche des Ozeans von dannen. Abermals setzten sie ihre Reise fort, 
aber eine noch größere Gefahr harrte ihrer. Eines Tages rief der tapfere Nganaoa 
aus: „0 Rata, hier ist ein großer Walfisch!" Das ungeheure Maul desselben war 
weit offen, der Unterkiefer war schon unter dem Boote und der andere über dem- 



I 



328 

r 

dürfte das erneute Auffliegen der Sonne, der Sehnsucht der Libido be- 
deuten, die Wiedergeburt des Phoenix. (Die Sehnsucht wird sehr häufig 
durch Schwebesymbole dargestellt.) Das Sonnensymbol des vom Wasser 
auffliegenden Vogels ist (etymologisch) im singenden Schwan erhalten. 
„Schwan" stammt von der Wurzel sven wie die Sonne und die Töne. (Vgl. 
oben.) Diese Tat bedeutet Wiedergeburt und Herausholen des Lebens 
aus der Mutter 1 ) und dadurch endgültige Zerstörung des Todes, der, 
wie ein Negermythus berichtet, in die Welt gekommen war, durch 
das Versehen einer alten Frau, die bei der allgemeinen Häutung (denn 
die Menschen verjüngten sich durch Häutung wie die Schlangen) 
aus Zerstreutheit anstatt der neuen ihre alte Haut wieder anzog, infolge- 
dessen sie starb. Aber die Wirkung solcher Tat pflegt nicht von Dauer 
zu sein. Immer und immer wieder erneuern sich die Mühen des Helden, 

selben. Ein Augenblick und der Walfisch hatte sie verschlungen. Nunmehr brach 
Nganaoa „der Drachentöter" (the slayer of monstres) seinen Speer in zwei Stücke 
und in dem Augenblicke, als der Walfisch sie zermalmen wollte, richtete er die 
beiden Stäbe in dem Rachen des Feindes auf, so daß er seine Kiefer nicht zu 
schließen vermochte. Nganaoa sprang schnell in das Maul des großen Walfisches 
(Heldenverschlingen) und blickte in dessen Bauch und was sah er? Da saßen 
seine beiden Eltern, sein Vater Tairitokerau und seine Mutter Vaiaroa, 
welche beim Fischen von diesem Ungeheuer in der Tiefe verschlungen 
worden waren. Das Orakel hatte sich erfüllt. Die Reise hatte ihr Ziel er- 
reicht. Groß war die Freude der Eltern Nganaoas, als sie ihren Sohn erblickten. 
Waren sie doch jetzt davon überzeugt, daß ihre Befreiung bevorstände. Und 
Nganaoa beschloß auoh die Rache. Er nahm einen von den beiden Stöcken aus 
dem Maule des Tieres — ein einzelner genügte, um dem Walfisch das Schließen 
des Rachens unmöglich zu machen und somit Nganaoa und seinen Eltern den 
Weg frei zu halten. Diesen einen Teil des Speeres zerbrach er also in zwei Teile, 
um sie als Feuerreibhölzer zu verwenden. Er bat seinen Vater, den einen unten 
festzuhalten, während er selbst den- oberen Teil handhabte, bis das Feuer zu 
glimmen begann (Feuerentzünden). Indem er es nun zur Flamme anblies, beeilte 
er sich, die fettigen Teüe in dem Bauche mit dem Feuer zu erhitzen (Herz). Das 
Ungeheuer, im Schmerze sich windend, suchte Hilfe, indem es an das nahe Land 
schwamm (Meerfahrt). Sobald es die Sandbank erreichte (Landen), traten Vater, 
Mutter und Sohn durch das offone Maul des sterbenden Walfisches an das Land 
( Heldenausschlüpfcn). " 

') In der neuseeländischen Mauimythe (zitiert bei Frobenius: 1. c, S. 66 ff.) 
ist das zu überwindende Ungeheuer die Ahnfrau Hine-nui-te-po. Maui, der 
Held, sagt zu den Vögeln, die ihm beistehen: „Meine kleinen Freunde, wenn 
ich jetzt in den Rachen der alten Frau krieche, dürft ihr nicht lachen, aber wenn 
ich darin gewesen bin und wieder herauskomme aus ihrem Munde, dann dürft 
ihr mich mit jubelndem Lachen begrüßen." Maui kriecht dann tatsächlich der 
schlafenden Alten in den Mund. 



329 

immer unter dem Symbol der Befreiung von der Mutter: Wie Äera 
(als die verfolgende Mutter) die eigentliche Quelle der großen Taten 
des Herakles ist, so läßt auch Nokomis den Hiawatha nicht rasten 
und türmt ihm neue Schwierigkeiten in den Weg, und zwar tödliche 
Abenteuer, worin der Held vielleicht siegen mag, vielleicht aber auch 
den Untergang findet. Immer ist der Mensch mit seinem Bewußtsein 
hinter der Libido zurück; er versinkt in faule Tatenlosigkeit, bis ihn 
seine Libido zu neuen Gefahren herausruft, oder auf den Höhen seines 
Daseins befällt ihn kindisohe Sehnsucht nach der Muttter und er läßt 
sich jämmerlich lähmen, ohne mit Todesmut nach dem Höchsten zu 
streben. So ist die Mutter der Dämon, der den Helden zu Taten heraus- 
ruft und ihm auch die giftige Schlange auf den Weg legt, die ihn fällen 
wird. So ruft nun Nokomis im IX. Gesang den Hiawatha heraus, 
deutet mit der Hand nach Westen, wo die Sonne purpurn untergeht, 
und spricht zu ihm: 

„Yonder dwells the great Pearl Feather, 
Megissogwon, the Magician, 
Manito of Wealth and Wampum, 
Guarded by his fiery serpents, 
Guarded by the black pitch-water. 
You can see his fiery serpents, 
The Kenabeek, the great serpents, 
Coiling, playing in the water." 

Diese Gefahr, die im Westen lauert, ist, wie bereits genugsam 
bekannt, der Tod, dem keiner, auch der Mächtigste nicht, entrinnt. 
Dieser Zauberer hat auch, wie wir erfahren, den Vater der Nokomis 
getötet. Jetzt sendet sie ihren Sohn aus, den Vater zu rächen. (Horus.) 
Durch die dem Zauberer beigegebenen Symbole läßt sich leicht erkennen, 
wen er symbolisiert. Schlange und Wasser gehören zur Mutter. Die 
Schlange, als ein Symbol der verdrängten Sehnsucht nach der Mutter 
oder, mit anderen Worten, als ein Symbol des Widerstandes, umringelt 
schützend und verteidigend den mütterlichen Fels, bewohnt die Höhle, 
windet sich am Mutterbaum empor, hütet den Hort, den geheimen 
„Schatz". Das schwarze stygische Gewässer ist, wie der schwarze 
Schlammbrunnen des Dhulqarnein, der Ort, wo die Sonne erlischt 
und zur Wiedergeburt eingeht, das mütterliche Todes- und Nachtmeer. 
Auf die Fahrt dorthin nimmt Hiawatha das magische öl des Mishe- 
Nahma mit, das seinem Boot durch das Todeswasser hilft (also eine 
Art Unsterblichkeitszauber, wie das Drachenblut für Siegfried usw.). 



330 

Zuerst erschlägt Hiawatha die große Schlange. Von der „Naohtmeer- 
fahrt" über das stygische Gewässer heißt es: 

„All night long he sailed lipon it, 
Sailed upon that sluggish water, 
Covered with its mould of ages, 
Black with rotting water-rushes, 
Rank with flags and leaves of lilies, 
Stagnant, lifeless, dreary, dismal, 
Lighted by the shimmering moonlight 
And by will-o -the-wisps illumined, 
Fires by ghosts of dead men kindled, 
In their weary night-encampments." 

Diese Beschreibung zeigt deutlich den Charakter eines Todes- 
wassers. Der Inhalt des Wassers weist auf ein bereits erwähntes Motiv 
auf die Um- und Verschlingung hin. So heißt es im „Traumschlüssel 
des Jagaddeva 1 ) (S. 177). „Wer mit Bast, Schlingpflanzen oder Stricken, 
mit Schlangenhaut, Fäden oder Geweben im Traume seinen Körper 
umschlingt, stirbt ebenfalls." Ich verweise auf die früheren Belege 
in dieser Hinsicht. Im Westlande angekommen, fordert der Held den 
Zauberer zum Kampfe. Ein furchtbares Ringen hebt an. Hiawatha 
ist machtlos, denn Megissogwon ist unverwundbar. Am Abend zieht 
sich Hiawatha verwundet, verzweifelt für eine Weile zurüok, um aus- 
zuruhen: 

,jPaused to rest beneath a pine-tree, 
From whose branches trailed the mosses, 
And whose trünk was coated over 
With the Deäd-man's MoccaSon-leather, 
With the fungus white and yellow." 

Dieser schützende Baum ist geschildert als bekleidet (mit 
dem Moccasonleder der Toten, dem Pilz). Diese Anthropomorphi- 
sierung des Baumes ist auch ein wichtiger Ritus überall da, wo Bauni- 
kultus herrscht, wie z. B. in Indien, wo jedes Dorf seinen heiligen 
Baum hat, der bekleidet und überhaupt als ein menschliches Wesen 
behandelt wird. Die Bäume werden gesalbt mit wohlriechendem Wasser 
mit Pulvern besprengt, mit Kränzen und Gewändern geschmückt. 
Wie bei Menschen als apotropäischer Zauber gegen Todesfall die Ohr- 
durchbohrung vollzogen wird, so geschieht dies auch am 

•') Herausgegeben und bearbeitet von Julius v. Ne gelein, in Relig. 
gesch. Vers. u. Vorarb. von Dieterich und Wünsch, Bd. XI, Gießen, 1912. 



331 

heiligen Baume. ,,0f all the trees in India there is nonmore sacred 
to the Hindus than the Aswatha (Ficus religiosa). It is knowu to them 
as Vriksha Raja (king of trees). Brahma, Vishnu and Mahesvar 
live in it, and the worship of it, is the worship of the Triad. Almost 
every Indian village has an Aswatha etc. (Anthrop. Soc. Bombay, 
VII, 88 1 ). Diese „Dorflinde", die auch uns wohlbekannt ist, ist hier 
deutlich als Muttersymbol charakterisiert: sie enthält die drei Götter. 
Wenn also Hiawatha sich unter den Pine-tree 2 ) zur Rast zurück- 
zieht, so ist das ein bedenklicher Schritt, denn er begibt sich in die 
Mutter, deren Kleid ein Totenkleid ist. (Verschlingende Mutter.) Wie 
im Walfischdrachen, so bedarf der Held auch in dieser Situation der 
,, Vogelhilfe", d. h. der hilfreichen Tiere, welche die helfenden Eltern 

repräsentieren : 

„Suddenly from the boughs above him 

Sang the Mama, the woodpecker: 

Aim your arrows, Hiawatha, 

At the head of Megissogwon, 

Strike the tuft of hair upon it, 

At their roots the long black tresses; 

There alone can he be wounded!" 

Nun eilt, komischerweise, muß man sagen, Mama ihm zu Hilfe. 
Seltsamerweise ist der Specht auch „Mama" von Romulus und Remus 
gewesen, der den Zwillingen mit seinem Schnabel die Nahrung in den 
Mund steckte 8 ). (Vgl. dazu die Rolle des Geiers im Traum des Lio- 
nardo 4 ). Der Geier ist dem Mars heilig, wie der Specht.) Mit dieser 
Mutterbedeutung des Spechtes steht der antike italische Volksaber- 
glaube in Übereinstimmung, daß aus dem Baume, auf dem dieser 
Vogel niste, nach kurzer Zeit Nägel, die man hineingeschlagen, wieder- 
herausfielen 6 ). Der Specht verdankt seine besondere Bedeutung dem 
Umstand, daß er Löcher in die Bäume hämmert („Nägel hinein- 
schlagen"! vgl. oben!). Es ist daher verständlich, daß er in der römi- 
schen Legende als ein alter Landeskönig gefeiert wurde, ein Besitzer 
oder Beherrscher des heiligen Baumes, das Urbild des Pater familias. 

') Zitiert J. v. Negelein: Der Traumschlüssel des Jagaddeva, S. 256 f. 

2 ) Per Pine-tree sagte bekanntlich das bedeutsame Wort: ,, Minne- wawa!" 

3 ) Im Aschenbrödelmärchen kommt auch das Vöglein auf dem Baume, 
der auf der Mutter Grab wächst, zu Hilfe. 

4 ) Freud: Eine Kindheitserinnerung des Lionardo da Vinci. 

s ) Röscher: s. v. Picus, Sp. 2494. 62. Vermutlich ein Wiedergeburts- 
symbol. 



332 

Eine alte Fabel erzählt, daß Circe, die Gemahlin des Königs Picus,. 
ihn in den Picns martius verwandelt habe. Die Zauberin ist die „neu- 
gebärende Mutter", die den „magischen Einfluß" auf den Sohn-Gatten 
hat. Sie tötet ihn, verwandelt ihn in den Seelenvogel, den unerfüllten 
Wunsch. Picus wird auch aufgefaßt als Walddämon und Incubus 1 ), 
ebenso als weissagend, also reichlich auf die Mutterlibido hindeutend 2 ). 
Picus wird bei den Alten öfter mit Picumnus gleichgestellt. Picumnus 
ist der unzertrennliche Gefährte des Pilumnus'und beide heißen geradezu 
„infantium dii", Götter der Kinder. Speziell von Pilumnus wird 
berichtet, daß er die neugeborenen Kinder gegen die verderblichen An- 
griffe des Waldschrates Silvanus verteidige. (Gute und böse Mutter. 
Zweimüttermotiv.) 

Der hilfreiche Vogel, ein errettender Wunschgedanke, der sich 
aus der Introversion 8 ) ergibt, rät dem Helden, den Zauberer unters 
Haar zu schießen, wo sich die einzig verwundbare Stelle befindet. 
Diese Stelle ist der „phallische" Punkt 4 ), wenn man so sagen darf; 
er ist auf der Höhe des Kopfes, an dem Ort, wo die mythische Kopf- 
geburt stattfindet, die auch heutzutage noch in den Sexualtheorien 
der Kinder vorkommt. Dorthin schießt Hiawatha (natürlich, möchte 
man sagen,) 3 Pfeile 6 ) (die bekannten phallischen Symbole) hinein 

') Röscher: 8. Picus, Sp. 2496, 30. 

2 ) Der Vater des Picus soll SterculuB oder Sterculius heißen, welcher Name 
sich deutlich von stercus: Kot, excrementum herleitet; er soll auch der Erfinder 
des Düngers sein. Der Urschöpfer, der auch die Mutter geschaffen hat, tut es 
auf dem Wege des infantilen Schaffens, das wir früher kennen lernten. Der oberste 
Gott legt sein Ei, seine Mutter, aus der er eich wieder gebiert — auch dies ist 
ein verwandter Gedankengang. 

*) Introversion = Eingehen in die Mutter, versinken in die eigene Innen- 
welt oder Libidoquelle, symbolisiert durch Hineinkriechen, Durchziehen, Bohren 
(hinter den Ohren kratzen = Feuer machen). Ohrdurchbohrung, Nägeleinschlagen 
Schlangen verschlucken. So ist auch die buddhistische Legende verständlich : Als 
Gautama den langen Tag in tiefem Nachsinnen unter dem heiligen Baume 
aitssend verbracht hatte, war er am Abend Buddha, ein Erleuohteter 
geworden. 

*) Vgl. oben (paXXög und seine etymologischen Zusammenhänge. 

') Spielreins Kranke erhält von Gott drei Schüsse durch Kopf, Brust 
und Auge, ,,dann kam eine Auferstehung des Geistes". (Jahrbuch III, S. 376.) 

In der tibetanischen Mythe des Bogda Gesser Khan schießt der Sonnen- 
held der dämonischen Alten, die ihn verschlingt und wieder ausBpeit, den Pfeil 
auch in die Stirn. In einer kalmückischen Mythe schießt der Held den Pfeil in 
das „Strahlenauge", das sich auf der Stirn des Stieres befindet. (Genitale Be- 



333 

und erlegt so Megissogwon. Darauf raubt er den magischen Wampum- 
panzer, der unverwundbar macht (Unsterbliohkeitemittel), den Toten 
läßt er am Wasser liegen; charakteristischerweise — weil der Zauberer 
die furchtbare Mutter ist: 

„On the shore he lefb the body, 
Half on land and half in water, 
In the sand his feet were buried, 
And his face was in the water." 

■ 

So ist die Situation dieselbe wie beim Fischkönig, denn das Un- 
geheuer ist die Personifikation des Totenwassers, welches seinerseits 
die verschlingende Mutter darstellt. Auf diese größte Tat Hiawathas, 
wo er die Mutter als den totbringenden Dämon 1 ) überwunden hat, 
folgt die Hochzeit mit Minnehaha. 

Aus dem Späteren (XII. Gesang) ist eine kleine Fabel zu erwähnen, 
die der Dichter eingeschaltet hat: Ein Greis verwandelt sich in einen 
Jüngling, indem er durch eine hohle Eiche hindurchkriecht. 

Im XIV. Gesang ist geschildert, wie Hiawatha die Schrift er- 
findet. Ich beschränke mich auf die Schilderung von zwei hiero- 
glyphischen Zeichen: 

„Gitche Manito tlxe Mighty, 
He, the Master of Life, was painted 
As an egg, with points projecting 
To the four winds of the heavens. 
Everywhere is the Great Spirit, 
Was the meaning of this symbol." 

Die Welt liegt im Ei, das allerorten sie umhüllt; es ist die Welt- 
gebärerin, deren Symbol Plato sowohl wie die Vedas benutzt haben. 
Diese Mutter ist wie die Luft, die auch überall ist. Luft aber ist Geist : 
Die Mutter der Welt ist ein G«ist. 

„Mitche Manito the Mighty, 
He the dreadful Spirit of Evü, 
As a serpent was depicted, 
As Kenabeek, the great serpent." 



deutung des Auges, vgl. oben.) Vgl. dazu die Überwältigung Polyphems, deren 
sakraler Charakter auf einer attischen Vase dadurch gekennzeichnet ist, daß 
sich dabei eine Schlange befindet (als Muttersymbol. Siehe die Erklärung des 
saorificium mithriacum), 

*) In Vatergestalt, denn Megissogwon ist, wie Mudjekeewis, Westdämon. 



334 . 

Der Geist des Bösen aber ist die Angst, ist der verbotene Wunsch 
der Widersacher, der dem nach ewiger Dauer ringenden Leben sowohl 
wie jeder einzelnen großen Tat hindernd in den Weg tritt, der das Gift 
der Schwäche und des Alters durch meuchlerischen Schlangenbiß 
in unseren Körper bringt; er ist alles Zurückstrebende, und da uns 
erste Welt, das Modell der Welt, die Mutter ist, so geht alles Rück- 
streben zur Mutter und verkleidet sich deshalb unter dem Bilde des 
Inzestes. 

In diesen beiden Bildern hat der Dichter in mythologischen 
Symbolen die aus der Mutter quellende und die zur Mutter zurück- 
strebende Libido dargestellt. 

Im XV. Gesang wird geschildert, wie Chibiabos, Hiawathas 
bester Freund, der liebenswürdige Spieler und Sänger, die Verkörperung 
der Lebensfreude, von den bösen Geistern in den Hinterhalt gelockt, 
mit dem Eis einbricht und ertrinkt. Hiawatha beklagt ihn so lange,' 
bis es mit Hufe der Zauberer gelingt, ihn wieder zurückzurufen. Aber 
der Wiederbelebte ist bloß ein Geist und er wird Herr des Geisteria ndes. 
(Osiris Herr der Unterwelt, die beiden Dioskuren.) Es folgen wieder 
Kämpfe und dann kommt der Verlust eines zweiten Freundes, Kwasind 
der Verkörperung der Leibeskraft. 

Im XX. Gesang kommt die Hungersnot und der Tod der Minne- 
haha, angekündigt durch zwei schweigsame Gäste aus dem Totenland ' 
und im XXII. Gesang bereitet sich Hiawatha zur endgültigen Fahrt 
nach dem Westland: 

„J am going, Nokomis, 

On a long and distant journey 

To the portals of the Sunset, 

To the regions of the home-wind, 

Of the Northwestwind, Keewaydin." 

„One long track and trail of splendor, 
Down whose stream, as down a rivex, 
Westward, westward, Hiawatha 
Saüed into the fiery sunset, 
Sailed into the purple vapors, 
Sailed into the dusk of evening." 






.,Thii8 departed Hiawatha, 

Hiawatha the Beloved, 

In the glory of the sunset, 

In the purple mists of evening, 

To the regions of the home-wind, 



335 

Of the Northwestwind, Keewaydin, 
To the Islands of the Bleased, 
To the kingdom of Ponemah, 
To the land of the Hereafter!" 

Aus der Umarmung und Umschlingung, dem einhüllenden Schöße 
des Meeres, entreißt sich die Sonne, siegreich emporsteigend, und sinkt, 
die Mittagshöhe und all ihr glorreiches Werk hinter sich lassend, wieder 
ins mütterliche Meer, in die alles verhüllende und alles wiedergebärende 
Nacht. Dieses Bild war das erste, das tiefste Berechtigung hat, zum 
symbolischen Träger menschlichen Schicksals zu werden: Am Morgen 
des Lebens reißt sich der Mensch schmerzvoll los von der Mutter, dem 
heimatlichen Herde, um kämpfend zu seiner Höhe emporzusteigen, 
seinen schlimmsten Feind nicht vor sich sehend, sondern in sich tragend, 
jene tötliche Sehnsucht nach dem eigenen Abgrund, nach dem Er- 
trinken in der eigenen Quelle, nach der Verschlingung in die Mutter. 
Sein Leben ist ein beständiges Ringen mit dem Tode, eine gewaltsame 
und vorübergehende Befreiung von der stete lauernden Nacht. Dieser 
Tod ist kein äußerer Feind, sondern ein eigenes und inneres Sehnen nach 
der Stille und der tiefen Ruhe des Nichtseins, dem traumlosen Schlafe 
im Meere des "Werdens und Vergehens. Selbst in seinem höchsten 
Streben nach Harmonie und Ausgeglichenheit, nach philosophischer 
Vertiefung und künstlerischer „Ergriffenheit" sucht er den Tod, die 
Bewegungslosigkeit, die Sättigung und die Ruhe. Verweilt er wie 
Peirithoos zu lange an diese Stätte der Ruhe und des Friedens, so 
faßt ihn Erstarrung und das Gift der Schlange hat ihn für immer 
gelähmt. Soll er leben, so hat er zu kämpfen und seine Sehnsucht 
nach Rückwärts zu opfern, um zu seiner eigenen Höhe emporzu- 
steigen. Und ist er zur Mittagshöhe gekommen, so hat er auch die 
Liebe zu seiner eigenen Höhe zu opfern, denn es darf für ihn 
kein Verweilen geben. Auch die Sonne opfert ihre größte Kraft, um 
vorwärts zu eilen zu den Früchten der Herbstes, welche Samen der 
Unsterblichkeit sind; in Bändern, in Werken, in Nachruhm, in einer 
neuen Ordnung der Dinge, die ihrerseits wieder den Sonnenlauf be- 
ginnen und vollenden. 

Der „Song of Hiawatha" enthält, wie diese Ausführungen zeigen, 
ein Material, das sehr geeignet ist, die Fülle uralter Symbolmöglichkeiten, 
die der menschliche Geist beherbergt, in Fluß zu bringen und zu mytho- 
logischer Gestaltenbildung anzuregen. Immer enthalten die Produkte 
aber die gleichen alten Menschheitsprobleme, die immer wieder in 






336 

neuen Symbolverkleidungen aus der Schattenwelt des Unbewußten 
emporsteigen. So wird Miß Miller durch die Sehnsucht Chiwantopels 
an einen andern Sagenkreis erinnert, welcher in der Form des Wagner- 
schen Siegfried auf die Bühne kam. Es ist besonders die Stelle des 
Monologs von Chiwantopel, wo er ausruft: „Es ist nicht eine, die mich 
versteht, die mir ähnlich wäre oder die eine Seele besäße, Schwester 
meiner Seele." Miller erwähnt, daß der Gefühlston dieser Stelle die 
größte Analogie hätte mit den Gefühlen, die Siegfried für Brünhilde 
empfindet. 

Diese Analogie veranlaßt uns, einen Blick auf die Siegfriedsage, 
besonders auf die Beziehung von Siegfried zu Brünhilde zu werfen. 
Bekannte Tatsache ist, daß Brünhilde, die Walküre, die (inzestuöse) 
Geburt des Siegfried begünstigt. Während Sieglinde die menschliche 
Mutter ist, ist Brünhilde in der Rolle der „Geistmutter" (Mutterimago,) 
aber nicht verfolgend wie Hera gegenüber Herakles, sondern hilfreich. 
Diese Sünde, an der sie durch ihre Hufe mitschuldig wird, ist auch 
der Grund zur Verstoßung durch Wotan. Die besondere Geburt des 
Siegfried aus der Schwestergattin kennzeichnet ihn als den Horus, 
als die wiedergeborne Sonne, eine Reinkarnation des abtretenden 
Osiris- Wotan. Die Geburt der jungen Sonne, des Heros, erfolgt zwar 
aus Menschen, die aber bloß die menschlichen Träger kosmischer Sym- 
bole sind. So wird die Geburt von der Geistmutter (Hera, Lilith) 
beschützt; sie sendet Sieglinde mit dem Kinde im Schoß (Marias Flucht) 
auf die „Nachtmeerfahrt" nach Osten": 

„Fort denn, eile 
Nach Osten gewandt 1 



Den hehrsten Helden der Welt 

Hegst du, o Weib, 

Im schirmenden Schoß!" — 



Das Zerstückelungsmotiv findet sich im zerstückelten Schwert 
Siegmunds wieder, welches für Siegfried aufbewahrt wird. Aus der 
Zerstückelung setzt sich das Leben wieder zusammen. (Medea wunder.) 
Wie ein Schmied die Stücke aneinander fügt, so wird der zerstückelte 
Tote wieder zusammengesetzt. (Dieses Gleichnis findet sich auch im 
Timaios des Piaton: Die Weltteile sind mit Stiften aneinander- 
geheftet.) Rigveda 10, 72 (Deussen) ist auch der Weltschöpfer Brahma- 
naspati ein Schmied: 






337 

„Zusammen schweißte diese Welt 
Als Grobschmied Brahmanaspati — ." 

Das Schwert hat die Bedeutung der phallischen Sonnenkraft, 
daher aus dem Munde des apokalyptischen Christos ein Schwert geht, 
nämlich das zeugende Feuer, die Rede, oder der zeugende Logos. Im 
Rigveda ist Brahmanaspati auch das Gebets wort 1 ), dem vor weltliche, 
schöpferische Bedeutung zukommt. Rigveda 10, 31 (Deussen): 

„Und dies Gebet des Sängers, aus sich breitend, 
Ward eine Kuh, die vor der Welt schon da war; 
In dieses Gottes Schoß zusammen wohnend, 
Pfleglinge gleicher Hegung sind die Götter." 

Der Logos wird zur Kuh, d. h. zur Mutter, die schwanger ist mit 
den Göttern. (In christlichen, nicht kanonischen Phantasien, wo der 
Hl. Geist weibliche Bedeutung hat, haben wir das bekannte Zweimütter- 
motiv, die irdische Mutter Maria und die Geistmutter, den Hl. Geist.) 
Die Verwandlung des Logos in die Mutter hat insofern nichts Wunder- 
bares an sich, als der Ursprung des Phänomens Feuer-Rede ja die Mutter - 
libido zu sein scheint nach den Erörterungen der früheren Kapitel. 
Das Geistige ist die Mutterlibido. Die Bedeutung des Schwertes 
ist wohl mitdeterminiert durch die Schärfe im Sanskritbegriff tejas, 
wie oben gezeigt, in seiner Verbindung mit dem Libidobegriff. Das 
Verfolgungsmotiv (die verfolgte Sieglinde analog der Leto) ist hier 
nicht an die Geistmutter geknüpft, sondern an Wotan, also entsprechend 
der Linossage, wo auch der Vater des Weibes der Verfolger ist. Wotan 
ist auch der Vater Brünhildes. Brünhilde steht in einem eigenartigen 
Verhältnis zu Wotan. (Walk. S. 36 ed. Burghold) sagt Brünhilde 
zu Wotan: 

„Zu Wotans Willen sprichst du, 

Sagst du mir, was du willst. 

Wer — bin ich, 

War' ich dein Wille nicht?" 
Wotan: — Mit mir nur rat ich, 

Red ich mit dir " 

Brünhilde ist also etwa zu vergleichen dem „Engel des Antlitzes", 
jenem von Gott ausgehenden schöpferischen Willen oder Wort 2 ), eben 

') Vgl. Deussen: Geschichte der Philosophie, Bd. I, S. 14 f. 

-) Ein Analogem ist Zeus und Athene. Rigveda, 10, 31, wird das Gebets- 
wort zur trächtigen Kuh. Im Persischen ist es das „Auge Ahura's"; babylonisch 
Nabu: das Sohicksalswort; persisch vohu mano: der gute Gedanke des Schöpfer- 
June Libido. 22 



338 

dem Logos, der zum gebärenden Weibe wird. Der Gott schafft durch 
das Wort die Welt, d. h. seine Mutter, das Weib, das ihn wiedergebären 
wird. (Er legt sein eigenes Ei.) Diese seltsame Vorstellung scheint mir 
dadurch erklärt werden zu können, daß man annimmt, daß die in die 
Rede (das Denken) überfließende Libido noch in außerordentlichem 
Maße ihren Sexualcharakter bewahrt hat (infolge der ihr innewoh- 
nenden Inertie). Auf diese Weise hatte nun das „Wort" alles das 
auszuführen und zu erfüllen, was dem Sexualwunsch versagt blieb, 
nämlich das Zurückgehen in die Mutter, um ewige Dauer zu erlangen. 
Das „Wort" erfüllt diesen Wunsch, indem es selber zur Tochter, zum 
Weibe wird, zu der Mutter des Gottes, die ihn wiedergebärt 1 ). 

Dieses Bild schwebt Wagner entschieden vor (Walk. S. 73 ed. 
Burghold) : 

Klage Wotans über Brünhilde : 

„Keine wie sie 

Kannte mein innerstes Sinnen; 

Keine wie sie 

Wußte den Quell meines Willens; 

Sie selbst war 

Meines Wunsches schaffender Schoß; 

Und so nun brach sie 

Den seligen Bund — !" 

gottes; stoisch ist Hermes der Logos oder die Weltvernunft; alexandrinisoh die 
2o(pla, alttestamentlich der „Engel Jahwes" oder das „Angesicht" Gottes. Mit 
diesem Engel rang Jakob während der Nacht an der Furt des Jabbok, nach- 
dem er mit allem, was er besaß, das Wasser überschritten hatte. (Nacht- 
meerfahrt, Kampf mit der Nachtschlange, Kampf an der Furt wie Hiawatha.) 
Bei diesem Kampfe verrenkte sich Jakob die Hüfte. (Motiv des Armausdrehens ! 
Kastration wegen Mutterüberwältigung.) Dieses „Antlitz" Gottes wird in der 
rabbinischen Philosophie dem mystischen Metatron, dem Fürsten des An- 
gesichtes (Jos. 5, 14), gleichgesetzt, der „die Gebete vor Gott bringt" und ,,i n 
dem der Name Gottes ist". Die Naassener (Ophiten) nannten den Hl. Geist 
das „erste Wort", die „Mutter aller Lebendigen"; die Valentinianer faßten die 
niedersteigende Taube des Pneuma als das „Wort der Mutter von oben, der 
Sophia". (Drews: Christ. M. I, S. 16, 22, 80.) Assyrisch hat Gibü, der Feuer- 
gott die Logosrolle. (Tiele: Assyr. Gesch.) Bei Ephrem, dem syrischen Hymnen- 
dichter, sagt Johannes der Täufer zu Christus: „Ein Funke Feuer in der Luft 
wartet deiner über dem Jordan. Wenn du ihm folgst und getauft sein willst, so 
übernimm du selbst, dich abzuwaschen, denn wer vermag brennendes Feuer mit 
den Händen anzufassen? Du, der ganz Feuer ist, erbarme dich meiner!" 
(Usener: Religionsgeschichtliche Untersuchungen, 1,64. Zitiert Drews: 1. o., S. 81.) 
J ) Vielleicht stammt die große Bedeutung des Namens von dieser Phan- 
tasie ab. 






339 

Die Sünde Brünhildens ist die Begünstigung Siegmunds, dahinter 
begt aber der Inzest; dieser- ist in das Bruder-Schwesterverhältnis 
von Siegmund und Sieglinde projiziert: in Wirklichkeit und archaisch 
ausgedrückt ist Wotan, der Vater, in seine selbstgeschaffene Tochter 
eingegangen, um sich zu verjüngen. Diese Tatsache muß selbstver- 
ständlich verschleiert werden. Mit Recht aber ist Wotan über Brün- 
hilde empört, denn sie hat die Isisrolle übernommen und durch die Ge- 
burt des Sohnes dem Alten die Macht aus der Hand gewunden. Den 
ersten Anfall der Todesschlange in Gestalt des Sohnes, Siegmund, 
hat Wotan abgeschlagen und Siegmunds Schwert zerbrochen, aber 
Siegmund erhebt sich wieder im Enkel. Und zu diesem unvermeidlichen 
Verhängnis hilft immer das Weib; daher der Zorn des Wotan. 

Bei Siegfrieds Geburt stirbt Sieglinde, wie sich 's gebührt. Die 
Pflegemutter 1 ) ist nun allerdings kein Weib (anscheinend), sondern ein 
chthonischer Gott, ein krüppelhafter Zwerg, der zu jenem Geschlecht 
gehört, das der Liebe entsagt 2 ). Der Unterweltsgott der Ägypter, der 
verkrüppelte Schatten des Osiris (der eine traurige Auferstehung im 
geschlechtslosen Halbaffen Harpokrates feierte), ist der Erzieher des 
Horus, der den Tod seines Vaters zu rächen hat. 

Unterdessen schläft Brünhilde den zauberischen Schlaf nach 
dem Hierosgamos auf dem Berge, wo Wotan sie mit dem Schlaf- 
dorn (Edda) in Schlaf versenkt hat 3 ), umbrannt von Wotans Feuer 



J ) Bei Grimm ist die Sage erwähnt, daß Siegfried von einer Hirschkuh 
(vgl. Hiawathas erste Tat) gesäugt "wurde. 

2 ) Vgl. Grimm, Myth., T, S. 314 f. Mime oder Mimir ist ein riesiges Wesen 
von großer Weisheit, ein „älterer Naturgott", mit dem die Äsen umgehen. 
Spätere Fabeln machen aus ihm einen Waldgeist und kunstreichen Schmied 
(nächste Beziehung zu Wieland). Wie Wotan sich bei der weisen Frau Rates 
erholt (vgl. die oben erwähnte Stelle aus Julius Cäsar über die germanischen 
Matronen), so geht Odin zum Brunnen Mimirs, in dem Weisheit und kluger 
Sinn verborgen liegt, zur Geistmutter (Mutterimago). Er begehrt dort eines 
Trankes (Unsterblichkeitstrank), den er aber nicht eher empfängt, als bis er sein 
Auge dem Brunnen opfert (Sonnentod im Meer). Der Brunnen Mimirs weist 
unzweideutig auf die Mutterbedeutung Mimirs hin. So besitzt Mimir Odins 
anderes Auge. In Mimir verdichtet sich Mutter (weiser Riese) und Embryo 
(Zwerg, unterirdische Sonne, Harpokrates); zugleich ist er als Mutter die Quelle 
der Weisheit und Kunst. („Mutterimago" kann daher unter Umständen auch als 
„Phantasie" übersetzt werden.) 

3 ) Auch bei der homerischen Hierosgamosfeier sitzt der zauberische Schlaf 
dabei. (Vgl. oben.) 

22* 



340 

(= Libido 1 ), das jedem den Zutritt wehrt. Mime wird aber zum Feind 
Siegfrieds und wünscht ihm den Tod durch Fafner. Hier enthüllt sich 
die dynamische Natur Mimes : er ist ein männlicher Repräsentant der 
furchtbaren Mutter, also doch auch eine Pflegemutter dämonischer 
Natur, die ihrem Sohne (Horus) den giftigen Wurm (Typhon) in den 
Weg legt. Siegfrieds Sehnsucht nach der Mutter treibt ihn fort von 
Mime, und seine Wanderschaft beginnt bei der Todesmutter und führt 
durch Überwindung der furchtbaren 2 ) Mutter zum Weibe. 
Siegfried S. 55, ed. Burghold. 

Siegfried: „Fort mit dem Alp! 

Ich mag ihn nicht mehr seh'n. 

Aber wie sah meine Mutter wohl aus? 

Das kann ich nun gar nicht mir denken! — 

Der Rehhindin gleich 

Glänzten gewiß 

Ihr hellschimmernde Augen." — 

Siegfried will sich trennen vom „Alp", der ihm Mutter war in der 
Vergangenheit, und tastet vorwärts mit der Sehnsucht, die der Mutter 
gilt. Auch für ihn gewinnt die Natur eine versteckte mütterliche Be- 
deutung („Rehhindin"), auch er entdeckt in den Tönen der Natur eine 
Ahnung der Mutterstimme und Muttersprache: 1. c S. 56. 

l ) Dies ist belegt durch die Worte Siegfrieds: 

„Durch brennendes Feuer 

fuhr ich zu dir; 

nicht Brünne, noch Panzer 

barg meinen Leib: 

nun brach die Lohe 

mir in die Brust; 

es braust mein Blut 

in blühender Brunst; 

ein zehrendes Feuer 

ist mir entzündet." 

») Der Höhlendrache ist die furchtbare Mutter, öfter erscheint in der 
deutschen Sage die zu erlösende Jungfrau als Schlange oder Drache und muß 
in dieser Gestalt geküßt werden, dadurch verwandelt sich der Drache in ein schönes 
Weib. Gewissen weisen Frauen wird ein Fisch- oder Schlangenschwanz beigelegt. 
In den „goldenen Berg" war eine Königstochter als Schlange verwünscht. Im 
Oselberg bei Dinkelsbühl haust eine Schlange mit Frauenkopf und Schlüsselbund 
am Halse. (Grimm, II, IV, S. 809 f.) 






341 



Siegfried: „Du holdes Vöglein ! 

Dich hört ich wohl nie; 

Bist du im Wald hier daheim? — 

Verstund ich sein süßes Stammeln! 

Gewiß sagt es mir was — 

Vielleicht — von der lieben Mutter?" — 

Dieser Psychologie sind wir bereits bei Hiawatha begegnet. 
Durch seine Zwiesprache mit dem Vogel (Vogel ein Bild des Wunsches, 
der beflügelten Sehnsucht, wie Wind und Pfeil) lockt sich Siegfried aber 
Faf ner aus der Höhle. Seine Wünsche kehrten zurück nach der Mutter 
. und der chthonische Dämon, der höhlenbewohnende Waldschrecken, 
kommt hervor. Faf ner ist der Schatzhüter, in seiner Höhle liegt der Hort, 
die Quelle des Lebens und der Macht. Die Mutter besitzt die Libido des 
Sohnes und neidisch bewacht sie sie. In psychologische Sprache über- 
setzt, heißt es: Die positive Übertragung gelingt nur durch Ablösung 
der Libido von der Mutterimago, dem inzestuösen Objekt überhaupt. 
Auf diese Weise allein gewinnt man seine Libido, den unermeßlichen 
Schatz und dazu bedarf es eines gewaltigen Kampfes, des ganzen An- 
passungskampfes 1 ). Den Gewinn dieses Kampfes mit Fafner hat die 
Siegfriedsage reichlich ausgemalt : Nach der Edda ißt Siegfried Fafners 
Herz, den Sitz des Lebens. Er gewinnt die Tarnkappe, durch deren Zauber 
sich Alberich in eine Schlange verwandelt hat. Das deutet auf das 
Häutungsmotiv, die Verjüngung. Mit der Tarnkappe kann man bewirken, 
daß man verschwindet und sich verwandelt. Das Verschwinden bezieht 
sich wohl auf Sterben und das unsichtbare Zugegensein wohl auf die 
unsichtbare Gegenwart im Mutterleib. Eine glückverheißende Kappe 
ist auch die Amnionhülle, die das Neugeborene gelegentlich über dem 
Kopf trägt („Glückshaube"). Außerdem trinkt Siegfried das Drachen- 
blut, wodurch er die Vogelsprache versteht und so in eine eigenartige 
Beziehung zur Natur, in eine durch Wissen beherrschende Stellung 
kommt. Auch gewinnt er nicht zuletzt den Hort. 

Hort ist ein mittel- und althochdeutsches Wort mit der Be- 
deutung von „gesammelter und verwahrter Schatz", got. huzd, altnord. 
hodd, germ. hozda, aus vorgerm. kuzdhö — für kudtho — das Ver- 



') Faust (II. Teil): 

„Doch im Erstarren such ich nicht mein Heil, 
Das Schaudern ist der Menschheit bestes Teü; 
Wie auch die Welt ihm das Gefühl verteure, 
Ergriffen, fühlt er tief das Ungeheure. 



342 

borgene. Kluge 1 ) stellt dazu gr. xev&w, exvfrov = bergen, verbergen, 
ebenso Hütte, (Hut, hüten, engl, lüde), germ. Wurzel hud aus idg. 
kuth (fraglich) zu xev&ü) und xvodog, Höhlung, weibliche Scham. Auch 
Prell witz 2 ) stellt goth. huzd, angels. hyde, engl, hide und Hort zu 
xev&co. Whitley Stokes 3 ) stellt engl, hide, ags. hydan, nhd. Hütte, 
lat. cüdo = Helm, sanskr. kuhara (Höhle?) zu urkelt. koudo = Ver- 
hehlung, lat. occultatio. 

Die Vermutung von Kluge wird zunächst auch von anderer Seite 
gestützt, nämlich von der Seite des urtümlichen Bildes: 

„Es bestand in Athen 4 ) ein heib'ger Raum (ein Temenos) der Ge 
mit dem Beinamen Olympia. Hier ist der Boden etwa eine Elle breit gerissen ; 
und sie erzählen, nach der Überschwemmung zur Zeit des Deukalion sei 
hier das Wasser abgeflossen; und sie werfen jährlich in den Spalt mit Honig 
geknetetes Weizenmehl." 

Wir haben bereits oben erwähnt, daß bei den Arrhetophorien 
Gebäck in Form von Schlangen und Phallen in einen Erdschlund» 
geworfen wird. Wir erwähnten dies im Zusammenhang von Erd- 
befruchtungszeremonien. Die Opferung in den Erdspalt haben wir 
schon bei den Watschandies gestreift. Die Todesflut hat sich be- 
zeichnenderweise in den Erdspalt, also wieder in die Mutter verlaufen, 
denn aus der Mutter ist das allgemeine große Sterben einstmals ge- 
kommen. Die Sintflut ist das bloße Gegenstück des allbelebenden 
und gebärenden Wassers: 'üxeavov, ög jceq yeveoig ndvzeooi xixvxxat 
(II. XIV, 246). Man opfert der Mutter den Honigkuchen, damit sie uns 
mit dem Tode verschone. So wurde auch in Rom jährlich ein Geld- 
opfer in den lacus Curtius geworfen, in den ehemaligen Erdschlund, 
der nur durch den Opfertod des Curtius geschlossen werden konnte. 
Curtius war der typische Held, der zur Unterwelt gefahren ist, um 
die aus der Öffnung des Erdschlundes den römischen Staat bedrohende 
Gefahr zu überwinden. (Kaineus, Amphiaraos.) Im Amphiaraion von 
Oropos warfen die durch Tempelinkubation Geheilten ihre Geldspende 
in die heilige Quelle, von der Paus anias (I, 34, 4) sagt: 

„Wenn aber jemand durch einen Orakelspruch von einer Krankheit 
geheut ist, dann ist es üblich, eine silberne oder goldene Münze in die Quelle 
zu werfen; denn hier soll Amphiaraos schon als Gott emporgestiegen sein." 



1 ) Etymol. Wörterbuch der deutschen Sprache, s. Hort. 

2 ) Griechische Etymologie, siehe xevdco. 

3 ) Urkeltischer Sprachschatz, Fick II. 
*) Pausanias: I, 18, 7. 



Vermutlich ist diese oropische Quelle auch der Ort seiner Kata- 
basis. Hadeseingänge gab es im Altertum mehrere. So fand sich bei 
Eleusis ein Schlund, durch den A'idoneus herauf- und herunterfuhr, 
als er 'Köre raubte. (Drache und Jungfrau: die Libido vom Widerstand 
überwältigt, Leben durch den Tod ersetzt.) Es gab Felsschluchten, durch 
die die Seelen zur Oberwelt emporsteigen konnten. Hinter dem Tempel 
der Chthonia in Herinione lag ein heiliger Bezirk des Pluton mit einer 
Schlucht, duroh die Herakles den Kerberos heraufgebracht hatte, 
ebenso befand sich dort ein „Acherusischer" See 1 ). Diese Schlucht 
ist also der Eingang zu der Stätte, wo der Tod überwunden wird. Der 
See gehört dazu als ein weiteres Muttersymbol, denn Symbole kommen 
meist gehäuft vor, da sie Surrogate sind, deshalb nicht diejenige 
Sättigung des Begehrens mit sich führen, welche die Realität gewährte, 
daher der nicht befriedigte Libidorest noch weitere Symbolauslässe 
suchen muß. Die Schlucht am Areopag in Athen galt als Sitz der Unter- 
irdischen 2 ). Auf ähnliche Vorstellungen weist eine alte griechische Sitte 
hin 8 ): Die Mädchen wurden zur Jungfrauenprobe in eine Höhle ge- 
schickt, wo eine giftige Schlange hauste. Wurden sie von der Schlange 
gebissen, so war das ein Zeichen, daß sie nicht mehr keusch waren. 
Dasselbe Motiv finden wir wieder in der aus dem Ende des V. Jahr- 
hunderts stammenden römischen St. Silvesterlegende: 

„Erat draco immanissimus in monte Tarpeio, in quo est Capitolium 
collocatum. Ad hunc draconem per CCCLXV gradus, quasi ad infernum, 
magi cum virginibus sacrilegis descendebant semel in mense cum sacri- 
ficÜ8 et lustris, ex quibus esca poterat tanto draconi inferri. Hie draco subito 
ex improviso ascendebat et licet non egrederetur vicinoa tarnen aeres 
flatu suo vitiabat. Ex quo mortalitas hominum et maxima luctus de morte 
veniebat infantum. (Lilithmotiv.) Sanctus itaque Süvester cum haberet 
cum paganis pro defensione veritatis confüctum, ad hoc venit ut dicerent 
ei pagani: „Silvester descende ad draconem et fac eum in nomine Dei 
tui vel uno anno ab interfectione generis humani cessare"*). — 

St. Peter erschien dem Silvester im Traum und riet ihm, dieses 
Tor der Unterwelt mit Ketten zu schließen, nach dem apokalyptischen 
Vorbild: 



343 

I 



') Rohde: Psyche, IV. Aufl., Bd., I, S. 214. 
') Rohde: Psyche, Bd. I, S. 214. 

J ) J. Maehly: Die Schlange im Mythus und Kultus der klassischen 
Völker, 1867. 

A ) Duchesne: Lib. pontifical., I, S. CIX. Zitiert Cumonfc: Text, et Mon.. 
T, I, S. 361. 



344 

..Und ich sah einen Engel herabkommen vom Himmel, mit dem 
Schlüssel des Abgrundes und einer großen Kette auf seiner Hand. Und er 
griff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und Satan, und band 
ihn auf tausend Jahre, und warf ihn in den Abgrund, und schloß zu und 
legte Siegel darauf 1 )." 

Aus dem Anfang des V. Jahrhunderts erwähnt der anonyme 
Autor einer Schrift „de promissionibus" 2 ) folgende sehr ähnliche 
Legende : 

„Apud urbem Romani specus quidam fuit in quo draco mirae magni- 
tudinis mechanica arte formatus, gladium ore gestans 3 ), oculis ruti- 
lantibus gemmis 4 ) metuendus ac tembihs apparebat. Hinc annuae devotae 
virgines floribus exornatae, eo modo in sacrificio dabantur, quatenus 
inscias munera deferentes gradum scalae, quo certe ille arte diaboli draco 
pendebat, contingentes impetus venientis gladii perimeret, ut sanguinem 
funderet innocentem. Et hunc quidam monachus, bene ob meritum cognitus 
Stiliconi tunc patricio, eo modo subvertit; baculo, manu, singulos gradus 
palpandos inspiciens, statim ut illum tangens fraudem diabolicam repperit, 
eo transgresso descendens, draconem scidit, misitque in partes; ostendens 
et hie deos non esse qui manu fiunt." 

Der den Drachen bekämpfende Held hat vieles mit 
dem Drachen gemeinsam, respektive er übernimmt Eigentüm- 
lichkeiten von ihm, z. B. die Unverwundbarkeit. Wie die Fußnoten 
zeigen, geht die Ähnlichkeit noch weiter (funkelnde Augen, Schwert 
im Munde). Als Psychologem übersetzt, ist der Drache auch nur die 
nach der Mutter strebende verdrängte Libido des Sohnes, also sozu- 
sagen der Sohn selber. So ist der Sohn der Drache, wie auch Christus 
sich selbst mit der Schlange identifiziert, die einstmals — similia simili- 
bus — , die Schlangennot in der Wüste bekämpft hat. ( Joh. 3, 14.) Als 



') Apokal, 20, 1 ff. 

2 ) Zitiert Cumont: Text, et Mon., t., I, S. 351. 

3 ) Wie sein Gegenstück, der apokalyptische „Menschensohn", aus dessen 
Munde ein „scharfes zweischneidiges Schwert" geht. Apokal, 1, 16. Vgl. Christus 
als Schlange und der die Völker verführende Antichrist. (Vgl. dazu Apokal, 20, 3.) 
Demselben Motiv des bewehrten Drachens, der die Weiber ersticht, begegnen 
wir in einer Mythe des Oysterbaistammes auf Vandiemensland: „Ein Stachelroche 
lag in der Höhlung eines Felsens, ein großer Stachelroche! Der Stachelroche 
war groß, er hatte einen sehr langen Speer. Aus seinem Loche erspähte er die 
Frauen, er sah sie tauchen; er durchbohrte sie mit seinem Spieß, er tötete sie, 
er brachte sie weg. Eine Zeitlang waren sie nicht mehr zu sehen." — Das Un- 
geheuer wurde dann von den beiden Helden getötet. Sie machten Feuer ( !) und 
belebten die Frauen wieder. (Zitiert bei Frobenius: 1. c, S. 77.) 

*) Die Augen des Menschensohnes sind wie Feuerflamme". Apokal, I, 15. 



345 

Schlange soll er ans Kreuz geschlagen werden, d. h. als zur 
Mutter Zurückstrebender soll er an der Mutter hängend 
sterben. Christus und der" Drache des Antichristen haben ja nächste 
Berührung in der Geschichte ihres Auftretens und ihrer kosmischen 
Bedeutung. (Vgl. Bousset: Der Antichrist.) Die im Antichristmythus 
sich bergende Drachensage gehört zum Leben des Helden und ist deshalb 
unsterblich. Nirgends in neueren Mythenformen sind die Gegensatz- 
paare so fühlbar einander nahe wie in Christ und Antichrist. (Ich ver- 
weise auf die bewundernswerte psychologische Schilderung dieses 
Problems in Mereschkowskis Roman: Leonardo da Vinci.) Daß 
der Drache nur künstlich sei, ist ein hilfreicher und köstlicher rationalisti- 
scher Einfall, der für jene Zeit bedeutungsvoll ist. Damit wurden die 
unheimlichen Götter wirksam banalisiert. Die schizophrenen Geistes- 
kranken bedienen sich gern dieses Mechanismus, um wirksame Per- 
sönlichkeiten zu depotenzieren, man hört öfter stereotype Klagen: 
„Es ist alles gespielt, alles künstlich, gemacht" usw. Ein Traum eines 
Schizophrenen ist sehr bezeichnend: Er sitzt in einem dunkeln Raum, 
der nur ein einziges kleines Fenster hat, durch das er den Himmel 
sehen kann. Dort erscheinen Sonne und Mond, aber sie sind nur aus 
Ölpapier künstlich gemacht. (Ableugnung der deletären Inzestein- 
flüsse.) 

Der Abstieg von 365 Stufen weist auf einen Sonnenlauf, also 
wiederum auf die Höhle des Todes und der Wiedergeburt hin. Daß 
diese Höhle tatsächlich in Beziehung zur unterirdischen Todesmutter 
steht, dürfte aus einer Notiz bei Malalas, dem Historiker von An- 
tiochia 1 ), hervorgehen, welcher berichtet, daß Diocletian dort eine 
Krypte der Hekate geweiht habe, zu der man auf 365 Stufen hinab- 
stieg. Auch in Samothrake scheinen ihr Höhlenmysterien gefeiert worden 
zu sein. Ebenso spielte im Dienste der Hekate die Schlange als regel- 
mäßiges Symbolattribut eine große Rolle. Die Hekatemysterien blühten 
in Rom gegen das Ende des IV. Jahrhunderts, so daß sich die beiden 
obigen Legenden wohl auf ihren Kult beziehen könnten. Hekate 2 ) 
ist eine richtige gespenstische Nacht- und Spukgöttin, ein Mar; sie 
wird auch reitend dargestellt und gilt bei Hesiod als Patronin der 
Reiter. Sie sendet das scheußliche nächtliche Angstgespenst, die 
Empusa, von der Aristophanes sagt, sie erschiene in eine blut- 



') Zitiert Cumont: Text, et Mon., J, S. 352. 
s ) Vgl. Röscher: Lex. I, 2, 1885 ff. 



• 



. 



346 

geschwellte Blase gehüllt. Nach Libanius hieß auch die Mutter 
des Aischines Empusa, und zwar darum, weil sie ix oxoxeivc&v 
xojxcov xolg ncuolv xal xdtg yvvaü-lv q>q fxaxo. Empusa hat, wie 
Hekate, sonderbare Füße: ein Fuß besteht aus Erz, der andere 
aus Eselsmist. Hekate hat Schlangenfüße, was, wie die der Hekate 
zugeschriebene Dreigestalt, auf ihre (auch) phallische Libidonatur 
hindeutet 1 ). In Tralles kommt Hekate neben Priapos vor, auch 
gibt es eine Hekate Aphrodisias. Ihre Symbole sind Schlüssel 2 ), Geißel 3 ), 
Schlange 4 ), Dolch 5 ) und Fackel 6 ). Als der Todesmutter sind ihr 
Hunde beigegeben, deren Bedeutung wir oben ausführlich erörtert 
haben. Als Türhüterin des Hades, als Hundegöttin von dreifacher 
Gestalt ist sie eigentlich mit Kerberos identisch. So bringt Herakles 
in Kerberos die Todesmutter überwältigt zur Oberwelt empor. Als 
die Geistmutter (Mond !) sendet sie auch den Wahnsinn, die Mondsucht. 
(Diese mythische Bemerkung sagt aus, daß die „Mutter" den Wahn- 
sinn sende; weitaus die meisten Geisteskrankheiten bestehen auch 
tatsächlich in der Domination des Individuums durch- Materialien 
der Inzestphantasie.) In ihren Mysterien wurde eine Rute, Xevx6<pvkXog 
genannt, gebrochen. Diese Rute schützt die Reinheit der Jungfrauen 
und macht den wahnsinnig, der die Pflanze berührte. Wir erkennen 
darin das Motiv des neiligen Baumes, der als Mutter nicht berührt 
werden durfte (was nur ein Wahnsinniger sich erlauben dürfte). Als 
Alp erscheint Hekate in der Form der Empusa in einer Vampyrrolle 
oder als Lainia, als Menschenfresserin, etwa auch in jener schöneren 
Weise der „Braut von Korinth". Sie ist die Mutter alles Zaubers und 
aller Zauberinnen, die Schutzheüige der Medea, denn die Macht der 
furchtbaren Mutter ist magisch und unwiderstehlich (vom Unbewußten 

x ) Die Dreigestalt wird auch auf den Mond bezogen (zunehmender, voller 
und abnehmender Mond), jedoch sind dergleichen kosmische Beziehungen in 
erster Linie projizierte Metapsychologie. 

a ) Faust, II. Teil. Mütterszene: Der Schlüssel kommt der Hekate JtQOdvQaxa 
zu als Türhüterin des Hade3 und psychopompiacher Gottheit. Vgl. Janus, 
Petrus und Aion. 

3 ) Attribut der furchtbaren Mutter: Ishtar hat „das Roß mit Stachel und 
Geißel gequält und zu Tode gemartert." (Jensen: Gilgamesh hepos, S. 18.) 
Auch Attribut des Helios. 

*) Phallisches Angstsymbol. 
__— — - 6 ) Tötende Waffe als Symbol des befruchtenden Phallus. 

6 ) Wird schou von Piaton als phallisohes Symbol, bezeugt, wie oben 
er wähnt. 






347 

her wirkend). Im griechischen Synkretismus spielt sie eine bedeutende 
Rolle: Sie vermischt sich mit Artemis, die auch den Beinamen ixdxtj, 
die „ferntreffende" oder „nach ihrem Willen treffende" führt, worin 
wir wieder ihre überlegene Kraft erkennen. Artemis ist die Jägerin 
mit Hunden, und so wurde auch Hekate durch Vermischung 
mit ihr die xwrjyecucq, die nächtliche wilde Jägerin. (Gott als Jäger 
vgl. oben.) Ihren Namen hat sie auch mit Apollo n gemeinsam (exarog, 
ixdegyog). Vom Standpunkte der Libidotheorie aus ist diese Beziehung 
leicht verständlich, indem Apollo einfach die mehr positive Seite des- 
selben Libidobetrages symbolisiert. Die Vermischung der Hekate 
mit Brimo als unterirdischer Mutter ist verständlich, ebenso mit Perse- 
phone und Rhea, der uralten Allmutter. Aus der Mutterbedeutung 
verständlich ist auch die Vermischung mit Ilithyia, der Geburtshelferin. 
Hekate ist auch direkt Geburtsgöttin (xovQoxQÖqoog), Mehrerin des 
Viehstandes und Hochzeitsgöttin. Orphisch tritt Hekate gar in den 
Mittelpunkt der Welt als A phrod ite und /Gaia, sogar als Weltseele 
überhaupt. Auf einer Gemme 1 ) trägt sie auf dem Kopfe das Kreuz. 
Der Balken, an dem die Verbrecher gezüchtigt wurden, hieß ix&vq. 
Ihr war (als der römischen Trivia) der Dreiweg oder Scheideweg 
oder Kreuz weg geweiht. Und dort, wo die Wege sich spalten oder ver- 
einigen, wurden ihr Hundeopfer gebracht, dorthin warf man die Leichen 
der Hingerichteten; das Opfer geschieht an der Vereinigungsstelle. 
(Vgl. oben.) Etymologisch ist auch Scheide (z. B. Schwertscheide), 
Scheide als Wasserscheide und Scheide als Vagina mit scheiden 
([spalten] o%iZ<a) dasselbe Wort. Die Bedeutung eines Opfers an dieser 
Stelle wäre also: der Mutter an der Vereinigungsstelle oder an der 
Spalte etwas darbieten. (Vgl. die Opfer an die chthonischen Götter 
in den Erdspalten.) Unschwer sind der Temenos der Ge, der Erd- 
spalt und die Quelle als jene Pforten des Todes und Lebens aufzufassen 2 ), 
„an denen jeder gern vorüberschleicht" (Faust) und seinen Obolus 
oder seine neXavol dreinopfert, statt seines Leibes, wie Herakles den 

') Aroh. Zeitung, 1857, Taf; 99. Zitiert Röscher, I, 2, Sp. 1909. 
2 ) Vgl. die Symbolik des Melker Marienliedea (XII. Jahrh.): 

„Sancta Maria, 
Versohloßne Pforte 
Aufgetan Gott's Worte — 
Brunnen versiegelter, 
Garten verriegelter, 
Pforte vom Paradiea." 




348 

Kerberos mit dem Honigkuchen beschwichtigte. (Vgl. auch die 
mythische Bedeutung des Hundes!) So war auch die Spalte von Delphi 
mit der Quelle Kastalia der Sitz des chthonischen Drachen Python, 
der vom Sonnenhelden Apollo überwunden wurde. (Python hat, durch 
Hera gehetzt, die mit Apollo schwangere Leto verfolgt; sie aber gebar 
auf der bis anhin schwimmenden Insel Delos [„Nachtmeerfahrt"] ihr 
Kind, das später den Python erschlug, d. h. in ihm die Geistmutter 
überwand.) In Hierapolis (Edessa) war der Tempel über dem Erdspalt 
errichtet, in den sich die Sintflut verlaufen hat, und in Jerusalem 
bedeckte der Grundstein des Tempels die große Tiefe 1 ), wie auch 
christliche Kirchen nicht selten über Höhlen, Grotten, Quellen usw. 
errichtet sind. In der Mithrasgrotte 2 ) und all den anderen Höhlen- 
diensten bis zu den christlichen Katakomben, die ihre Bedeutung nicht 
den legendären Verfolgungen, sondern dem Totenkult verdanken 3 ), 
begegnen wir demselben Grundmotiv. Auch das Begraben der Toten 
im heiligen Bezirke (im „Totengarten", in Kreuzgängen, Krypten usw.) 
ist die Zurückgabe an die Mutter mit der gewissen Auferstehungs- 
hofmung, durch welche solche Bestattung rechtmäßigerweise belohnt 
wird. Das Todestier, das in der Höhle haust, mußte früher durch 
Menschenopfer, später durch Naturalgaben beschwichtigt werden*). 
Daher der attische Gebrauch den Toten die fiehtovixa mitgab zur 
Beschwichtigung des Höllenhundes, des dreiköpfigen Ungeheuers 

Dieselbe Symbolik im Erotischen: 

„Jungfräulen, soll ich mit euch gehn 
In euren Rosengarten, 
Dort, wo die roten Röslein stehn, 
Die feinen und die zarten, 
Und auch ein Baum daneben, 
Der seine Läublein wiegt, 
Und auch ein kühler Brunnen, 
Der grad darunter liegt." 

') Herzog: Aus dem Asklepieion von Kos. Archiv für Religionswissen, 
scbaft, Bd. X, H. 2, S. 219 ff. 

-) Ein Mithrasheiligtum war, wenn irgend möglich, eine unterirdische 
Grotte, öfter wurde die Höhle auch bloß nachgeahmt. Es ist denkbar, daß die 
christlichen Krypten und Unterkirchen von ähnlicher Bedeutung sind. 

a ) Vgl. Schultze: Die Katakomben, 1882, S. 9 ff . 

*) In den Taurobolien wurde ein Stier über einer Grube geopfert, in 
welcher sich der Consecrand befand. Seine Initiation bestand darin, daß er vom 
Blute des Opfers Übergossen wurde. Also eine Wiedererzeugung und Wieder- 
geburt, Taufe. Der Täufling hieß dann Renatus. 






349 

am Tore der Unterwelt; eine jüngere Ablösung der Naturalmitgaben 
scheint der Obolus für den Charon zu sein, daher ihn Rohde als den 
zweiten Kerberos bezeichnete, entsprechend dem ägyptischen Hunds- 
gott Anubis 1 ). Hund und Unterweltschlange (Drache) sind ebenfalls 
identisch. Bei den Tragikern sind Erinnyen sowohl Schlangen wie 
Hunde ; die Schlangen Tychon und Echidna sind Eltern der Schlangen : 
Hydra, des Hesperidendrachen und Gorgo und der Hunde : Kerberos, 
Orthros, Skylla 2 ). Schlangen und Hunde sind auch Schatzhüter. Der 
chthonische Gott war wohl immer eine in einer Höhle wohnende Schlange 
und wurde mit nekavol gefüttert. In den Asklepieia der späteren Zeit 
waren die heiligen Schlangen wohl kaum mehr sichtbar, d. h. sie waren 
vielleicht nur noch figürlich vorhanden 3 ). Es war nur noch das Loch 
da, in dem die Schlange wohnen sollte. Dort wurden die nelavoi hinein- 
gelegt, später wurde dort der Obolus hineingeworfen. Die heilige Höhle 
im Tempel von Kos bestand in einer rechteckigen Grube, darauf lag 
ein steinerner Deckel mit einem viereckigen Loch; diese Einrichtung 
entspricht den Zwecken eines Thesaurus: Aus dem Schlangenloch 
war ein Geldeinwurf, ein „Opferstock" entstanden und aus der Höhle 
ein „Hort". Daß diese Entwicklung, die Herzog sehr schön durch- 
führt, mit den Funden trefflich übereinstimmt, zeigt ein Fund aus 
dem Tempel des Asklepios und der Hygieia in Ptolemais : 

„Es ist eine zusammengeringelte, den Hals hochaufrichtende Schlange 
von Granit. — In der Mitte der Windungen ist ein schmaler, durch den Ge- 
brauch abgeschliffener Schlitz, gerade groß genug, um eine Münze von 
höchstens 4 cm Durchmesser durchfallen zu lassen. An den Seiten sind Löcher 
für Griffe zum Heben des schweren Stückes, dessen untere Hälfte als Deckel 
zum Einsetzen gearbeitet ist." (Herzog 1. c, S. 212.) 

Die Schlange liegt jetzt als Hüter des Hortes auf dem Thesaurus. 
Die Angst vor dem Mutterschoß des Todes ist zur Hüterin des Lebens- 
schatzes geworden. Daß die Schlange in diesem Zusammenhang wirklich 
ein Todessymbol ist, d. h. ein Symbol der gestorbenen Libido (ein 
negativer Phallus), geht auch aus dem Umstand hervor, daß die Seelen 
der Verstorbenen, den chthonischen Göttern gleich, als Schlangen 
erscheinen, als Bewohner des Reiches der Todesmutter. (Rohdej 
Psyche I, S. 244, IV. Aufl.) Diese Symbolentwicklung läßt den Über- 

') Weitere Nachweise bei Herzog: 1. c, S. 224. 
*) Weitere Nachweise bei Herzog: 1. c, S. 225. 

3 ) Allerdings wurden heilige Schlangen gehalten zur Schaustellung und 
anderen Zwecken. 



y 



350 

ang der ursprünglich sehr primitiven Erdspaltbedeutung als Mutter 
zur Bedeutung des Thesaurus wohl erkennen und dürfte daher 
die Etymologie von „Hort", wie sie Kluge vorschlägt, wohl stützen. 
Das zu xtvdoi gehörige xev&og bedeutet innerster Erdschoß (Hades), 
xvodog, das Kluge dazustellt, ist von ähnlicher Bedeutung : Höhlung] 
Schoß. Prell witz erwähnt diesen Zusammenhang allerdings 
nicht. Dagegen stellt Fick 1 ) nhd. hört, goth. huzd zu armen, 
kust (venter) kirchenslaw. cista, vcd. kostha = Unterleib von der idg. 
Wurzel koustho-s = Eingeweide, Unterleib, Kammer, Vorratskammer 2 ). 
Prell witz stellt zu xvo&og xvoxig = Harnblase, Beutel, altind. : 
kustha-s = Lendenhöhle; sodann xvxog = Höhlung, Wölbung; xvxlg =' 
kleiner Kasten von xvim = bin schwanger. Davon xvxog = Höhle 
xtiag = Loch, xvadog = Becher, xvla = Vertiefung unter dem Auge' 
xvfxa, das Anschwellen, Woge, Welle, xüqoq = Gewalt, Macht.' 
xvgiog = Herr, altiran. caur, cur = Held, altind. cura-s == stark, 
Held. Die zugrunde liegenden indog. Wurzeln sind: 3 ) kevo = schwellen' 
stark sein. Davon die oben erwähnten xvim, xvao, xvgog und lat. 
cavus = (hohl, gewölbt, Höhlung, Loch) cavea = (Höhlung, Gehege] 
Käfig, Schauplatz und Versammlung); caulae = (Höhlung, Öffl 
nung, Einhegung, Stall*); kueyö = schwelle part. kueyoiits = 
schwellend, en-kueyonts == schwanger, iyxvewv = lat. inciens = 
trächtig, vgl. sanskr. vi-cväyan = anschwellend; küro-s (kevaro-s) 
stark, kräftig, Held. 

Der Schatz, den der Held aus der dunkeln Höhle herausholt 
ist das schwellende Leben, ist er selber, der Held, neugeboren aus 

>) Band I, S. 28. 

2 ) Außerdem lat. cuturnium = vas quo in sacrificiis vinum fundebatur 

3 ) Fick: Vgl. Wörterbuch, I, S. 424. 

A ) Vgl. die Stallreinigung des Herakles. Der Stall ist wie die Höhle 
ein Geburtsort. Wir finden Stall und Höhle im Mithraismus verbunden mit 
der Stiersymbolik, ebenso im Christianismus. (Siehe Robertson: Christ and 
Krishna.) In einer Basutomythe kommt die Stallgeburt ebenfalls vor. (Fro- 
benius 1. e.) Die Stallgeburt gehört zur mythologischen Tierfabel; daher auch 
die legende der Conceptio immaculata, verbunden mit der Schwängerungs- 
geschichte der unfruchtbaren Sarah schon uralt ägyptisch als Tierfabel vorgebildet 
ist. Herodot, III, 28, heißt es: „Dieser Apis nun oder Epaphos ist ein Kalb 
von einer Kuh, die nicht mehr in den Fall kommen kann, noch eine Leibesfrucht 
zu bekommen. Und die Ägypter sagen, ein Strahl vom Himmel komme 
auf die Kuh und davon gebäre sie den Apis." Der Apis ist die Sonne, 
daher seine Abzeichen: auf der Stirn weißer Fleck, auf dem Rücken die Zeichnung 
eines Adlers, auf der Zunge ein Käfer. 



I 




351 



den Ängsten der Schwangerschaft 
und des Geburtskampfes. So heißt 
der indische Feuerholer Mataricvan = 
der in der Mutter Schwellende. Der 
Held ist als zur Mutter Stre- 
bender der Drache und als aus 
der Mutter Hervorgehender der 
den Drachen überwindende 
Held 1 ). Dieser Gedankengang, den 
wir bereits oben bei Christ und Anti- 
christ andeuteten, läßt sich bis in die 
Details christlicher Phantasie verfol- 
gen: ~Eb gibt eine Reihe von mittel- 
alterlichen Darstellungen 2 ), auf denen 
der Inhalt des Abendmahlskelches 
ein Drache, eine Schlange oder sogar 
sonst ein kleines Ungeziefer ist 3 ) . (Vgl . 
die Abbildung.) 



') Nach Philo ist die Schlange von 
allen Tieren das .geistigste, ihre Natur ist 
die des Feuers, ihre Schnelligkeit gewaltig 
und ohne Bedarf der Beihilfe irgend eines 
besonderen Gliedes. Sie hat langes Leben 
und streift mit der Haut daB Alter ab. 
Darum wird sie in die Mysterien aufge- 
nommen, denn sie ist unsterblich. (Ma • ehl y : 
K/|P — *•" Die Sohlange in Mythologie und Kultus der 
klassischen Völker, 1867, S. 7.) 

8 ) Z. B. der hl. Johannes von Quin- 
ten Matsys (siehe Abbildung), sodann 
zwei Darstellungen von einem unbekannten 
Straßburger Meister in der Straßburger 
Galerie. 

3 ) „Und das Weib — hatte einen 
goldenen Becher in der Hand voll Greuel 
und Unsauberkeit ihrer Unzucht." Apokal 
17, 4.) 

Das Weib ist trunken vom Blute 
der Heiligen und der „Zeugen Jesu", ein 
treffliches Bild der furchtbaren Mutter (wo- 
bei Becher = Genitale). In der thibe- 
tanischen Mythe von Bogda-Gesser Khan 




>- 



Der Drache im Abendmahlskelch. 



352 

Der Becher ist das Gefäß, der Mutterleib des im. Wein wieder- 
erstehenden Gottes, der Becher ist die Höhle, wo die Schlange, der sich 
häutende Gott im Stadium der Verwandlung, wohnt; denn Christus 
ist auch die Schlange. Diese Symbolismen werden I Kor. 10, 1 ff. in 
dunkle Zusammenhänge gebracht: Paulus schreibt dort von den 
Juden, die „alle die Taufe auf Moses empfingen in der Wolke und im 
Meer" (also wiedergeboren seien) und „den gleichen Trank" getrunken 
hätten, „denn sie tranken aus einem mitgehenden geistlichen Felsen, 
der Fels aber war der Christus". Sie tranken bei der Mutter (dem ge- 
bärenden Felsen, Felsgeburt) die Milch der Verjüngung, das Heilmittel 
der Unsterblichkeit, und dieser Fels war der Christus, hier identisch 
mit der Mutter; denn er ist der Symbolrepräsentant der Mutterlibido. 
Wenn wir aus dem Becher trinken, so trinken wir Unsterblichkeit 
und ewiges Heilaus der Mutterbrust. Wie die Juden, so schreibt Paulus, 
aßen und danach aufstanden, zu tanzen und Unzucht zu treiben, wurden 
ihrer 23.000 von der Schlangenplage weggerafft. Das Heilmittel der 
Überlebenden aber war der Anblick der am Pfahl hängenden Schlange. 
Vor ihr aus ging das Heilmittel. 

„Den Becher des Segens, den wir segnen, ist er nicht Gemeinschaft 
des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht Gemein- 
schaft des Leibes des Christus? Denn ein Brot ist es, so sind wir viele 
ein Leib; denn alle teilen wir uns in das eine Brot." 

Brot und Wein sind Leib und Blut Christi, die Nahrung der Unsterb- 
lichen, die mit Christus Brüder sind, äöehpol, solohe, „die aus dem gleichen 
Schöße stammen". Mit Christus sind wir alle Heroen, die durch die Mutter 
wiedergeboren sind und unsterbliche Nahrung genießen. Wie bei den 
Juden, so ist auch beim Christen die Gefahr des unwürdigen Genusses 
nahe, denn bei diesem Mysterium, dessen psychologischer Zusammen- 
hang mit dem unterirdischen Hierosgamos von Eleusis ein sehr intimer 
ist, handelt es sich um eine geheime Vereinigung der Menschen in 
einem geistigen Sinne 1 ), der immer noch vom Profanen mißverstanden. 



ist die schwer erreichbare Kostbarkeit, welche die dämonische Alte hütet, ein 
Käfer. Gesser sagt zu ihr: „Schwester, seit ich geboren bin, hast du mir meine 
Seele, einen Käfer noch nicht gezeigt." Die Mutterlibido ist auch die 
Seele! Bezeichnend ist, daß die Alte den Helden auch zum Mann begehrt. 
(Frobenius 1. c, S. 291.) 

l ) Dies ist auch der Sinn des Mysteriums. Es soll die nutzlos brachliegende 
inzestuöse Libido auf Symbolbrüoken zu sinnvoller Betätigung überleiten und 
dadurch den vom Unbewußten her wirkenden dunkeln Zwang der Libido in 
soziale Gemeinschaft und höheres sittliches Streben übersetzen. 



. 



353 

und zurückübersetzt wurde in seine Sprache, wo das Mysterium Orgie 
ist und das Geheimnis Laster 1 ). So hat ein interessanter Gotteslästerer 
und Sektierer aus dem Anfang des 19. Jahrhunderst vom Abendmahl 
folgendes gesagt: 

„In denen Hurenhäuserh ist die Gemeinschaft der Teufel. Alles, 
was sie da opfern, das haben sie den Teufeln geopfert und nicht Gott; 
da haben sie der Teufel Kelch und der Teufel Tisch, da haben sie am 
Kopfe der Schlangen gesogen 2 ), da haben sie sich mit dem gottlosen 
Brot genährt und den Wein des Frevels getrunken." 

Untern ährer, wie dieser Mann heißt 3 ), ist eben ein Anhänger 
oder Verkünder der „Auslebetheorie". Er selber träumt sich als eine 
Art priapischer Gottheit; er sagt von sich selber: 

„Mit schwarzen Haaren und gar lieblich und schön von Angesicht, 
und jedermann hört dich gern wegen der holdseligen Eeden, die aus 
deinem Munde gehen; darum lieben dich die Mägde. 

') Ein trefflicher Beleg dafür itit die Beschreibung der Orgien russischer 
Sektierer bei Mereschkowski: Peter der Große und Alexei. Im Kult der asiati- 
schen Liebesgöttin (Anaitis, Mylitta usw.) war die Tempelprostitution eine 
organisierte Institution. Der orgiastische Kult der Anahita (Anaitis) hat sich 
in neueren Sekten erhalten, bei den Ali Illähija, den sogenannten „Lichtaus- 
löschern", bei den Yezeden und Dushikkurden, welche nächtliche religiöse Orgien 
feiern, die in einem wilden sexuellen Durcheinander enden, wobei auch inzestuöse 
Vermischungen vorkommen. (Spiegel: Erän. Altertumskunde, II, S. 64.) Weitere 
Nachweise finden sich in dem wertvollen Werke von St oll: Das Sexualleben in 
der Völkerpsychologie, Leipzig, 1908. 

*) Vgl. zum Schlangenkuß Grimm II, S. 809 f. Dadurch wird ein 
schönes Weib erlöst. Das Saugen deutet auf die mütterliche Bedeutung der 
Schlange, die neben der phallischen existiert. Es ist Koitus auf vorsexuoller 
Stufe. Spielreins Kranke (Jahrbuch III, S. 344 f.) sagt folgendes: „Wein 
ist. das Blut Jesu. - Das Wasser muß gesegnet werden und wird auch gesegnet 
von »hm. - Der lebendig Begrabene wird zum Weinberge. Jener Wein wird 
zum Blute. — Das Wasser wird von Kindlichkeit durchsetzt, weü Gott sagt 
werdet wie Kinder. Es gibt auch ein spermatisches Wasser, das mit Blut durch- 
tränkt werden kann. Das ist vielleicht das Wasser Jesu." Hier finden wir ein 
Zusammenfließen aller verschiedenen Bedeutungen des im Abendmahle gewonnenen 
Unsterblichkeitsmittels. Wiedemann (Der alte Orient, H, 2, S. 18, zitiert 
Dieterich: 1. c, S. 101) bezeugt, daß es ein ägyptischer Gedanke ist, daß man 
durch das Saugen an der Brust einer Göttin mit der Milch die Unsterblichkeit 
einsauge. Vgl. dazu den Heraklesmythus, wo der Held durch einen einzigen Zug 
an der Brust der Hera die Unsterblichkeit gewinnt. 

*) Aus den Schriften des Sektierers Anton Unternährer. Geheimes Re- 
skript der bernischen Regierung an die Harr- und Statthalterämter, 1821. Ich 
verdanke die Kenntnis dieses Stückes Herrn Karrer Dr. O. Pfister. 

Jung, Libido. 23 






354 

Er predigt „Nacktkultur": 

„Ihr Narren und Blinde sehet, Gott hat den Menschen zu seinem 
Bilde geschaffen als ein Männlein und Fräulein und hat sie gesegnet und 
gesprochen : Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht 
sie euch Untertan. Dazu hat er den dürftigen Gliedern am meisten 
Ehre gegeben und hat sie nackend in den Garten gesetzt usw." 

„Nun sind die Feigenblätter und die Decke abgetan, weil ihr euch 
zum Herrn bekehrt habt, denn der Herr ist der Geist, und wo der Geist 
des Herrn ist, da ist Freiheit 1 ), da spiegelt sich des Herrn Klarheit mit 
aufgedecktem Angesicht. Das ist köstlich vor Gott und ist die Herrlichkeit 
des Herrn und der Schmuck unseres Gottes, wenn ihr in Gottes Bild und 
Ehre stehet, wie euch Gott geschaffen hat, nackend und euch nicht schämet." 

„Wer will den Söhnen und Töchtern des lebendigen Gottes die Glieder 
des Leibes, die zum Gebären gesetzt sind, nach Würde loben können?" 

„In dem Schoß der Töchter Jerusalems, da ist das Tor des Herrn, 
die Gerechten werden da hineingehen in den Tempel, zu dem Altar 2 ). Und 
in dem Schoß der Söhne des lebendigen Gottes ist die Wasser röhr 6 dea 
oberen Teiles, das ist ein Rohr, einem Stecken gleich, den Tempel und 
den Altar zu messen. Und unter der Wässerröhren sind die heiligen 
Steine aufgerichtet, zum Zeichen und Zeugen 3 ) des Herrn, der den Samen 
Abrahams an sich genommen hat." 

„Durch den Samen in der Mutterkammer schafft Gott mit seiner 
Hand einen Menschen, ihm zum Bilde. Da wird den Töchtern des lebendigen 
Gottes ihr Mutterhaus und ihre Mutterkammer geöffnet und Gott selbst 
gebiert durch sie das Kind. Also tut Gott aus denen Steinen Kinder 
erwecken, denn aus den Steinen kommt der Samen." 4 ) 

») Nietzsche Zarathustra: „Und auoh dieses Gleichnis gebe ich euch: 
Nicht wenige, die ihren Teufel austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Säue." 

*) Vgl. die Zosimosvision. 

s ) In ursprünglicher Zweideutigkeit cf. Testis = Hoden und Zeuge. 

4 ) Die Bedeutung des Abendmahles als einer Unio mystica mit dem Gotte 
ist im Grunde sexuell und sehr körperlich. Die Urbedeutung des Abendmahles ist 
wohl die eines Eierosgamos. Daher heißt es in dem von Firmious überlieferten 
Fragment aus dem Attismyateriüm, daß der Myste aus dem Tympanon esse, aus 
dem Kymbalon trinke, und er bekennt: inö röv Jtaatöv tonibvov, waB soviel 
bedeutet als: „Ich bin ins Brautgemach eingegangen". Usener weist (bei 
Dieterich: 1. c, S. 126) noch eine Reihe von Stellen aus der patriotischen 
Literatur nach, wovon ich bloß einen Satz aus den Reden des Proclus von Kon- 
stantinopel erwähne: „ij jcqatäs £v # ö Myos ivvjug>e6aaro xt\v ödfiKa." 

Die Kirche ist also etwa das Brautgemach, wo der Geist das Fleisch be- 
gattet, recht eigentlich das öömeterium. Irenäus berichtet ein Mehreres 
von den Einweihungsgebräuchen gewisser gnostischer Sekten, die nichts wie 
zweifelhaft geistige Hochzeiten waren. (Vgl. Dieterioh: 1. c, S. 127 ff.) In der 
katholischen Kirche wird noch jetzt ein Hieroagamos gefeiert bei der Einsetzung 
eines Priesters. Ein junges Mädohen hat dabei die Braut Kirche darzustellen. 



355 

* 

Die Geschichte lehrt aus mannigfachen Beispielen, wie das re- 
ligiöse Mysterium leicht genug in die sexuelle Orgie umschlagen kann, 
indem es eben auch aus der Umwertung der Orgie entstanden ist. 
Es ist bezeichnend, wie dieser priapische Heiland 1 ) wieder zurück- 
kehrt zum alten Symbol der Schlange, die im Mysterium in den 
Gläubigen eintritt, ihn befruchtend und vergeistigend, die ursprünglich 
aber phallische Bedeutung besaß. In den Mysterien der Ophiten 
wurde die Feier wirklich mit Schlangen abgehalten, wobei die Tiere 
sogar geküßt wurden. (Vgl. die Liebkosung der Demeterschlange im 
Eleusinischen Mysterium.) In den sexuellen Orgien moderner christlicher 
Sekten spielt der phallische Kuß eine große Rolle. Unternährer war 
ein ungebildeter verrückter Bauer, und es ist nicht anzunehmen, daß 
ihm die ophitischen Kultgebräuche bekannt waren. 

Die phallische Bedeutung ist durch die Schlange allerdings negativ 
respektive geheimnisvoll ausgedrückt, was, wie immer, auf einen geheimen 
Nebengedanken deutet. Der Nebengedanke bezieht sich auf die Mütter; 
so fand ich in einem Traum bei einem Patienten folgendes Bild: „Eine 
Schlange schießt aus einer feuchten Höhlung hervor und beißt den 
Träumer in die Genitalgegend." Dieser Traum fand statt in dem Moment 
wo sich der Patient von der Richtigkeit der Analyse überzeugte und 
anfing, sich aus dem Banne seines Mutterkomplexes zu befreien. Der 
Sinn ist: Ich bin überzeugt, begeistert und von der Mutter vergiftet. 
Die gegensätzliche Ausdrucks weise ist für den Traum charakteristisch. 
Im Moment, wo er die Bewegung nach vorwärts fühlt, empfindet er 
auch die Bindung an die Mutter. Eine Patientin hatte zur Zeit eines 
Rezidivs, wo sie die Libido wieder für eine Weile ganz introvertierte, 
folgenden Traum: „Sie war von einer großen Schlange innen ganz 
ausgefüllt. Nur ein Ende des Schwanzes sah noch zum Arm heraus. 
Das wollte sie fassen, aber es entwischte ihr auch." Eine Patientin 
mit stärkster Introversion (katatonischer Zustand) klagte mir darüber, 
daß ihr eine Schlange im Halse stecke 2 ). Dieser Symbolismus wird 
auch von Nietzsche verwendet in jenem „Gesicht" vom Hirten und 
der Schlange 3 ): 

„Und wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen 
Hirten sah ich, sich windend, würgend, zuckend, verzerrten Antlitzes, 
dem eine sch warze, schwere Schlange aus dem Munde hing. 

*) Vgl. auch die Phantasien von Felicien Rops: Der gekreuzigte Priap. 
■) Vgl. dazu auch die Symbolik in Nietzsches Gedicht: „Was locktest 
du dich ins Paradies der alten Schlange?" usw. 

8 ) Also sprach Zarathustra. Werke, Bd. VI, S. 233. 

23* 



856 

Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf einem Antlitze 1 ) ? 
Er hatte wohl geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Mund — da 
biß sie sich fest. 

Meine Hand riß die Schlange und riß: — umsonst! Den 

Kopf ab I Beiß zu ! — So schrie es aus mir, mein Grauen, mein Haß, mein 
Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit einem Schrei 

aus mir. 

Ihr Kühnen um mich — So ratet mir doch das Rätsel, das ich damals 
schaute, so deutet mir doch das Gesicht des Einsamsten! 

Denn ein Gesicht war es, und ein Vorhersehen: — Was sah ich damals 
im Gleichnisse? Und wer ist, dereinst noch, kommen muß? 

W e r ist der Hirt, dem also die Schlange in den Mund kroch ? W e r ist der 
Mensch, dem alles Sschwerste, Schwärzeste in den Schlund kriechen wird? 2 ) 

— Der Hirt aber biß, wie mein Schrei ihm riet; er biß mit gutem Bisse ! 
Weit weg spie er den Kopf der Schlange und sprang empor. 

Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, ein Verwandelter, ein Um- 
leuchteter, welcher lachte! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch 
wie e r lachte ! 

Oh, meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen 
war, '•— und nun frißt ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die n i mm er stille wird. 

Meine Sehnsucht "nach diesem Lachen frißt an mir: oh, wie ertrage 
ich noch zu leben! Und wie ertrüge ich's, jetzt zu sterben 3 ) !" 

Die Schlange repräsentiert die sich intro vertierende Libido. 
Durch die Introversion wird man vom Gotte befruchtet, begeistert, 
wieder erzeugt und wieder geboren. Dieses Bild schöpferischer .geistiger 
Tätigkeit hat in der indischen Philosophie sogar kosmogonische Be- 
deutung. Der unbekannte Urschöpf er aller Dinge ist nach Rigveda 10, 12} 
Prajäpati, der „Herr der Geschöpfe". In den verschiedenen Brähmanas 
wird seine kosmogonische Tätigkeit folgendermaßen geschildert: 

„Prajäpati begehrte: ich will mich fortpflanzen, will vielfach sein. 
Er übte Tapas, nachdem er Tapas geübt, schuf er diese Welten." 

Der sonderbare Begriff des Tapas ist nach Deussen 4 ) zu über- 
setzen als: „er erhitzte sich in Erhitzung" 6 ) mit dem Sinne: „er brütete 

>) Nietzsche soll selber gelegentlioh eine gewisse Vorliebe für ekelhafte 
Tiere gezeigt haben. Vgl. C. A. Bernoulli: Franz Oberbeck und Friedrich 
Nietzsche, Bd. I, S. 166. 

*) Ich erinnere an den Traum Nietzsches, der im I. Teil dieser Arbeit 

zitiert ist (Abschnitt III). 

8 ) Zu diesem Bilde gehört der germanische Mythus von Dietrich von Bern, 
der Feueratem hat: Er wird mit einem Pfeüe an der Stirne verwundet und ein 
Stüok bleibt stecken, eben davon heißt er der Unsterbliche. Ähnlich haftet 
in Thors Haupt die Hälfte von Hrüngnirs Steinkeü. Vgl. Grimm.Mythol., I.S.309. 

*) Geschichte der Philosophie, Bd. I, S. 181 f. 

5 ) sa tapo atapyata. 



357 

Bebrütung", wobei Brütendes und Bebrütetes nicht zwei, sondern ein und 
dasselbe Wesen sind. Als Hiranyagarbha ist Prajäpati das aus ihm 
selber erzeugte Ei, das Weltei, in dem er sich selber bebrütet: Er kriecht 
also in sich selber hinein, wird zu seinem eigenen Uterus, geht schwanger 
mit sich selbst, um die Welt des Vielfachen zu gebären. So verwandelt 
sich Prajäpati auf dem Wege der Introversion in ein Neues, das Viel- 
fache der Welt. Von besonderem Interesse ist, zu bemerken, wie sich 
Entlegenstes berührt. Deussen 1 ) bemerkt: „In dem Maße, wie der 
Begriff tapas (Hitze) im heißen Indien zum Symbol der Anstrengung 
und Qual wurde, spielte auch jenes tapo atapyata über in den Begriff 
der Selbstkasteiung und trat dadurch in Zusammenhang mit der 
Vorstellung, daß die Schöpfung von Seiten des Schöpfers ein Akt der 
Selbstentäußerung ist." 

Selbstbebrütung 2 ) und Selbstkasteiung und Introversion sind 
ganz nah zusammenhängende Begriffe. Denselben Gedankengang 
verrät die oben erwähnte Zosimosvision, wo es vom Orte der Ver- 
wandlung heißt: 6 xonog ttjg aox-qoeois. Wir haben damals bemerkt, 
daß der Ort der Verwandlung eigentlich der Uterus ist. Die Vertiefung 
in sich selbst (Introversion) ist ein Eingehen in den eigenen Uterus 
und zugleich Askese. Aus dieser Handlung entsteht für die Philo- 
sophie der Brähmanas die Welt, für die nachchristlichen Gnostiker 
die Erneuerung und geistige Wiedergeburt des Individuums, das in eine 
neue geistige Welt geboren wird. Die indische Phüosophie ist nur be- 
deutend kühner und konsequenter, sie nimmt auch an, daß aus der 
Introversion überhaupt die Schöpfung entstehe; wie es in dem wunder- 
baren Hymnus Rigveda 10, 129 heißt: 

„Da ward, was in der Schale war versteckt, 
Das Eine, durch der Glutpein Kraft geboren. 
Aus diesem ging hervor zuerst entstanden: 
Als der Erkenntnis Samenkeim, die Liebe 3 ); — 
Des Daseins Wurzelung im Nichtsein fanden 

Die Weisen, forschend, in des Herzens Triebe 4 ). 

») 1. c, S. 182. 

*) Die stoische Vorstellung von der schaffenden Urwärme, in der wir 
(Teil I, Kapitel IV) bereits die Libido erkannt haben, gehört in diesen Zusammen- 
hang, ebenso die Steingeburt des Mithras, die „solo ae S tu libidiuis" erfolgt 
s ) käma = iQOg. 

*) In der genauen Prosaübersetzung heißt dieser Passus: „Da entwickelte 
sich aus ihm zu Anfang Käma." (Deussen: Gesch. d. Phil., Bd. I, S. 123.) Käma 
ist die Libido. „Die Wurzelung des Seienden im Niohtseienden fanden die Weisen, 
indem sie mit Einsicht forschten, im Herzen." 



358 

Diese philosophische Ansicht erfaßt die Welt als eine Libido- 
emanation, was auch vom erkenntnistheoretischen und psychologischen 
Standpunkt aus weitgehend akzeptiert werden muß, denn die Realitäts- 
funktion ist, wie wir früher ausführten, eine Triebfunktion mit dem 
Charakter der biologischen Anpassung. Wenn nun der geisteskranke 
Schreber den Weltuntergang herbeiführt durch seine Libidointro- 
version, so ist das eine durchaus konsequente psychologische Ansicht, 
so gut wie Schopenhauer durch die Verneinung (Heiligkeit, Askese) 
den Fehltritt des Urwillens, wodurch diese Welt geschah, annullieren 
wollte. Sagt nicht auch Goethe: 

„Ihr folget falscher Spur, 
Denkt nicht, wir scherzen! 
Ist nicht der Kern der Natur 
Menschen im Herzen 1" 

Der Held, der die Erneuerung der Welt, die Besiegung des Todes 
zu leisten hat, ist die Libido, die, sich selber in der Introversion be- 
brütend, als Schlange das eigene Ei umschlingend, anscheinend mit 
giftigem Biß das Leben bedroht, um es in den Tod zu führen, und aus 
jener Nacht, sich selber überwindend, wieder gebiert. Nietzsche 1 ) 
kennt dieses Bild: 

„Wie lange sitzest du schon auf deinem Mißgeschick 

Gib acht! Du brütest mir noch 

Ein Ei 

Ein Basilisken-Ei 

Aus deinem langen Jammer aus." 

Der Held ist sich selber Schlange, sich selber Opferer und Ge- 
opfertes. Der Held ist selber von Schlangennatur, daher sich 
Christus mit der Schlange vergleicht; daher das erlösende Weltprinzip 
jener gnostisohen Sekten, die sich Ophiten nannten, die Schlange 
war. Die Schlange ist der Agatho- und Kakodämon. Es ist daher be- 
greiflich, wenn es in der germanischen Sage heißt, daß die Helden 
Schlangenaugen 2 ) hätten. Ich erinnere auch an die oben gezogene 
Parallele zwischen den Augen des Menschensohnes und denen des 
tarpeischen Drachen. Auf den bereits erwähnten mittelalterlichen 
Bildern erscheint an Stelle des Herrn im Kelche der Drache, der mit 

») Ruhm und Ewigkeit. Werke VIII, I, S. 425. 

2 ) Grimm: Mythologie, III, S. 111. Die Helden haben Sohlangenaugen 
wie die Könige: ormr i auga. Sigurdr heißt Ormr ! Auga. 



359 

schillerndem Schlangenblick 1 ) das göttliche Geheimnis im mütterlichen 
Schöße der erneuernden Wiedergeburt hütet: Wiederum bei Nietzsche 
belebt sich das alte, anscheinend längst erstorbene Bild 2 ): 

„Krank heute vor Zärtlichkeit ein Tauwind 

Sitzt Zarathustra wartend, wartend auf seinen Bergen, 

Im eigenen Safte süß geworden und gekocht, 

Unterhalb seines Gipfels, 

Unterhalb seineB Eises, 

Müde und selig, 

Ein Schaffender an seinem siebenten Tag. 

Still! 

Meine Wahrheit ist's! — 

Aus zögernden Augen, 

Aus sammtenen Schaudern 

Trifft mich ihr Blick, 

Lieblich, bös, ein Mädchenblick . . . 

Sie erriet meines Glückes Grund, 

Sie erriet mich — ha! was sinnt sie aus? — 

Purpurn lauert ein Drache 

Im Abgrunde ihres Mädchenblickes 3 ). 

Wehe dir, Zarathustra! 

Du siehst aus wie einer, 

Der Gold verschluckt hat: 

Man wird dir noch den Bauch aufschlitzen*)! 

In diesem Gedicht ist so ziemlich alles an Symbolik zusammen- 
gebracht, was wir oben aus anderen Zusammenhängen elaboriert 
haben. Im Mythus des Kekrops sind noch deutliche Spuren vorhanden 



J ) Nietzsches Werke, Bd. VIII, I, S. 419. 

„In grünen Lichtern 
Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf." 
S. 393. „Seine Stimme versauert sich, 

Sein Auge blickt Grünspan!" 

*) Von der Armut des Reichsten. Werke, Bd. VIII, I, 431. 

s ) Nietzsche: Werke, Bd. VIII, I, S. 393: 

„Langsame Augen, 

Welche selten lieben: 

Aber wenn sie lieben, blitzt es herauf 

Wie aus Goldschächten, 

Wo ein Drache am Hort der Liebe wacht." 

4 ) Er ist mit der Sonne schwanger. 



{ 



360 

von der ursprünglichen Identität von Schlange und Heros: Kekrops 
ist selber halb Schlange halb Mann. Er wird wohl primitiv die athe- 
niensische Burgschlange selber gewesen sein. Als begrabener Gott ist 
er wie Erechtheus ein chthonisclier Schlangengott. Über seiner 
unterirdischen Wohnstätte erhebt sich das Parthenon, der Tempel 
der Jungfraugöttin. (Vgl. die analoge Idee der christlichen Kirche.) 
Die Abhäutung des Gottes, die wir bereits flüchtig erwähnten, 
steht mit der Schlangennatur des Helden in nächster Beziehung. Wir 
haben schon von den mexikanischen Grotteshäutungen gesprochen. 
Von Mänl, dem Stifter der Manichaersekte, wird ebenfalls berichtet, 
daß er getötet, abgehäutet und ausgestopft aufgehängt wurde 1 ). Es 
ist ein Christustod, bloß in einer andern mythologischen Form 2 ). 



1 ) Galat. 3, 27 spielt auf dieses Urbüd an: „So viel euer auf Christufe 
getauft sind, habt ihr Christus angezogen." 

2 ) Wie Man! ist auch Marsyas ein Gekreuzigter. (Vgl. dazu Robertson 
Evang. Myth., S. 66.) Beide wurden aufgehängt, welche Strafe einen unver- 
kennbaren Symbolwert hat, indem das Schweben („Langen und Bangen in 
schwebender Pein") Symbol unerfüllten Wunsches ist (vgl. Freud: Traum- 
deutung, II. Auflage, S. 196), daher Christus, Odin, Attis an Bäumen ( = Mutter) 
hängen. Ähnlichen Tod erlitt der talmudische Jesus ben Pandira (wie es scheint, 
der am ehesten historische Jesus) am Vorabend eines Passahfestes in der Re- 
gierungszeit des Alexander Jannaeus (106 — 79 a. Chr. n.). Dieser Jesus soll 
der Stifter der essenischen Sekte gewesen sein (vgl. Robertson: Evang. Myth., 
S 123), die in gewisser Beziehung stand zu dem nachmaligen Christentum. Der 
mit dem vorigen Jesus identifizierte, aber ins zweite nachchristliche Jahrhundert 
verlegte Jesus ben Stada wurde ebenfalls gehängt. Beide wurden vorher gesteinigt, 
welche Strafe sozusagen eine unblutige war, wie das Hängen. (Die christliche 
Kirche, die kein Blut vergießt, verbrennt dafür.) Dieses dürfte nicht ohne Belang 
sein, indem aus Uganda eine seltsame Zeremonie berichtet wird: „When a king 
of Uganda whished to live for ever, he went to a place in Busiro, where 
a feast was given by the Chiefs. At the feast the Mamba Clan was especially 
held in honour, and during the festivities a member of this clan was secretly 
chosen by his fellows, caught by them, and beaten to death whith their 
fists; no stick or other weapon might be used by the men appointed 
to do the deed. After death the victims body was f layed and the skin made into 
a special whip etc. After the ceremony of the feast in Busiro, with its stränge 
sacrifice, the king of Uganda was supposed to live for ever, but from that 
day he was never allowed to see his mother again. (Zitiert 
Frazer: Golden Bough. Part. IV, S. 415.) Das Opfer, das auserkoren ist, 
einem andern das ewige Leben zu erkaufen, wird hier unblutig zu Tode gebracht 
und nachher abgehäutet. Daß dieses Opfer eine ganz unrnißverständliche 
Beziehung auf die Mutter hat — welche, wissen wir bereits — geht aus dem 
Frazer sehen Bericht klar hervor. 



*) Frazer: Adonis, Attis, Oairis, S. 242. 

*) Frazer: 1. c, S. 246: 

») Frazer: 1. c, S. 249. 

*) De err. prof. rel. XXVI, I, ff. (Zitiert Dieterich: Mithrasliturgie, 
S. 215.) 

B ) Der Stier der Schlange und die Schlange des Stieres Vater. 

•) Ein anderer Lösungsversuch scheint das Dioakurenmotiv zu sein:. Die 
Sonne besteht aus zwei einander ähnlichen Brüdern, der eine sterblich, der andere 
unsterblich. Dieses Motiv findet sich bekanntlich auch im Indischen, in den beiden 
Acvins, die aber weiter nicht unterschieden sind. In der Mithraslehre ist Mithras 
der Vater, Sol der Sohn, und doch sind beide Eins als ö fUyas #et>S "Hkos 
MidQag. (Vgl. Dieterich: 1. o., S. 68.) Das Zwillingsmotiv taucht in Träumen 
nicht selten auf. In einem Traume, wo es hieß, eine Frau habe Zwillinge geboren, 
fand die Träumerin statt der erwarteten Kinder eine Schachtel und ein flaschen- 
artiges Objekt. Hier hatten die Zwillinge also männliohe und weibüche Bedeutung. 
Diese Beobachtung weist auf eine mögliche Bedeutung der Dioskuren als der Sonne 
und ihrer wiedergebärenden Mutter — Tochter hin ( ?). 



V 



361 

Marsyas, der ein Ersatz für Attis, den Sohngeliebten der Cybele, 
zu sein scheint, wurde auch abgehäutet 1 ). Wenn ein Skythenkönig 
starb, so wurden seine Sklaven und Pferde geschlachtet, abgehäutet 
und ausgestopft wieder aufgestellt 2 ). Wie in Phrygien die Darsteller 
des Vater-Gottes geschlachtet und abgehäutet wurden, so geschah es 
in Athen mit einem Ochsen, der abgehäutet und ausgestopft wieder 
vor den Pflug gespannt wurde. Auf diese Weise wurde die Auferstehung 
der Ackerfruchtbarkeit gefeiert 8 ). 

So erklärt sich unschwer der von Firmicus 4 ) überlieferte Spruch 
aus den Sabaziosmysterien: 

Tavgog ÖQdxovrog xal naxrjQ ra-ögov dQdxa>v 5 ). 

Die aktive befruchtende (aufwärtsstrebende) Form der Libido 
verwandelt sich in die negative, nach dem Tode strebende Kraft. Der 
Held als Frühlingszodion (Widder, Stier) überwindet den Tiefetand 
im Winter und wird jenseits der Sommerhöhe von unbewußter Sehn- 
sucht nach dem Tode befallen, von der Schlange gebissen; er selber 
aber ist die Schlange. Er ist aber uneins mit sich selbst, daher erscheint 
ihm der Abstieg und das Ende als boshafte Erfindung der Todesmutter, 
die ihn dadurch an sich ziehen möchte. Das Mysterium verkündet 
aber tröstend, daß kein Widerspruch 8 ) und keine Disharmonie darin 
liege, wenn Leben sich auch in Tod verwandle; zatigos dgänovrog xal 
naxijQ xavQov 6q6x(ov. 



362 

Auch Nietzsche 1 ) spricht dieses Geheimnis aus: 
„Da sitze ich nun 

Nämlich hinabgeschluckt 
Von dieser kleinsten Oasis. 
— Sie sperrte gerade gähnend 
Ihr liebliches Maul auf — 
Heil, Heil jenem Walfische 
Wenn er es also seinem Gaste 
Wohl sein ließ! 

Heil seinem Bauche, 

Wenn es also 

Ein so lieblicher Oasis-Bauch war." — 

„Die Wüste wächst; weh dem, der Wüsten birgt! 

Stein knirscht an Stein, die Wüste schlingt und würgt. 

Der ungeheure Tod blickt glühend braun 

Und kaut ... . sein Leben ist sein Kau'n .... 

Vergiß nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: 

Du bist der Stein, die Wüste, bist der Tod . . ." 

Die Schlangensymbolik des Abendmahls erklärt sich aus der 
Identität des Heros mit der Schlange : Der Gott ist in der Mutter be- 
graben; als Feldfrucht, als von der Mutter kommende Nahrung und 
zugleich als Unsterblichkeitstrank wird er vom Mysten aufgenommen, 
oder als Schlange begattet er den Mysten. Alle diese Symbole stellen 
das Zurückholen der Libido aus der inzestuösen Bindung dar, woraus 
neues Leben gewonnen wird. Die Zurückholung geschieht unter Sym- 
bolen, welche die Betätigung des Inzestwunsches darstellen. 

Es dürfte sich wohl rechtfertigen, an dieser Stelle einen Blick 
auf die Psychoanalyse als Behandlungsmethode zu werfen; denn in der 
praktischen Analyse handelt es sich zunächst darum, die der Herr- 
schaft des Bewußtseins verloren gegangene Libido wieder aufzufinden. 
(Der Libido geht es öfter wie dem Fisch des Moses in der mohamme- 
danischen Legende: sie nimmt bisweilen „auf eine wunderliche Weise 
ihren Weg ins Meer".) Freud sagt in seiner bedeutenden Arbeit „Zur 
Dynamik der Übertragung" 2 ) wörtlich folgendes: 

„Die Iiibido hat sich in die Regression begeben und die infantilen 
Imagines wieder belebt." 



*) Unter Töchtern der Wüste. Werke, Bd. VIII, I, S. 407. 
*) Zentralblatt für Psychoanalyse, Bd. II, S. 169. 



368 

Mythologisch hieße es, die Sonne sei von der Nachtschlange 
verschlungen, der Hort versteckt und vom Drachen bewacht: Ersetzung 
eines rezenten Anpassungsmodus durch einen infantilen Modus, der 
durch entsprechende neurotische Symptome repräsentiert ist. Freud 
fährt fort: 

„Dorthin folgt ihr nun die analytische Kur nach, Welche die Libido 
aufsuchen, wieder dem Bewußtsein zugänglich und endlich der Realität 
dienstbar machen will. Wo die analytische Forschung auf die in ihre 
Verstecke zurückgezogene Libido stößt, muß ein Kampf aus- 
brechen; alle die Kräfte, welche die Regression der Libido verursacht 
haben, werden sich als Widerstände 1 ) gegen die Arbeit erheben, um 
diesen neuen Zustand zu konservieren." 

Mythologisch heißt dies: Der Held sucht die verlorene Sonne, 
das Feuer, das Jungfrauopfer oder den Hort und kämpft den typischen 
Kampf mit dem Drachen, mit der Libido im Widerstand. Wie diese 
Parallelen zeigen, wird in der Psychoanalyse ein Stück Lebensprozeß 
in Bewegung gesetzt, dessen fundamentale Wichtigkeit die Bedeutung 
der Psychoanalyse ins richtige Licht setzt. 

Nachdem Siegfried den Drachen erschlagen hat, begegnet er dem 
Vater Wotan, den finstere Sorgen plagen, denn ihm hat die Urmutter 
Erda die Schlange in den Weg gelegt, um seine Sonne zu entkräften; 
er sagt zu Erda: 

Wanderer: Urwissend 

Stachest du einst 

Der Sorge Stachel 

In Wotans wagendes Herz: 

Mit Furcht vor schmachvoll 

Feindüchem Ende 

Füllt ihn dein Wissen, 

das Bangen band seinen Mut. 

Bist du der Welt weisestes Weib, 

Sage mir nun: 

Wie besiegt die Sorge der Gott? 
Erda: Du bist — nicht 

Was du dich nennst!" 

Ej ist dasselbe uralte Motiv, dem wir auch bei Wagner begegnen: 
Die Mutter hat dem Sohne, dem Sonnengott, mit giftigem Stachel 
die Lebensfreude genommen und raubt ihm die Macht, die mit dem 
Namen zusammenhängt: Isis verlangt den Namen des Gottes, Erda 



') Die Stellen sind von mir gesperrt. 



364 

sagt: „Du bist nicht, was du dich nennst." Der „Wanderer" hat aber 
den Weg gefunden, wie man den tödlichen Zauber der Mutter, die Todes- 
angst, überwinden kann: 

„Um der Götter Ende 
Grämt mich die Angst nicht, 
Seit mein Wunsch es — will!" 

„Dem wonnigsten Wälsung 
Weis ich mein Erbe nun an." 

„Dem ewig Jungen 

Weicht in Wonne der Gott." — 

Diese weisen Worte enthalten in der Tat den rettenden .Gedanken: 
Nicht die Mutter hat uns den giftigen Wurm in den Weg gelegt, sondern 
unsere Libido will es selber, daß sie den Sonnenlauf vollbringe, daß 
sie vom Morgen zum Mittag emporsteige und, den Mittag überschreitend, 
dem Abend zueile, nicht mit sich selber uneins, sondern auch den 
Abstieg und das Ende wollend 1 ). 

l ) Dieses Problem hat auch den antiken Sonnenmythos sehr beschäftigt. 
Es ist zunächst auffallend, daß die löwentötenden Helden Simson und Herakles 
im Kampfe waffenlos sind. Der Löwe ist das Symbol höchster Sommerhitze, 
astrologisch ist er das Domicilium soüs. Steinthal (Zeitschrift für Völker- 
Psychologie, -Bd. II, S. 133) macht darüber folgendes sehr interessante 
Raisonnement, das ich wörtlich anführe. „Wenn also der Sonnengott gegen 
die Sommerhitze kämpft, so kämpft er gegen sich; tötet er sie, so tötet er sich. — 
Allerdings! Der Phöniker und Assyrer und.Lyder schrieb seinem Sonnengotte 
einen Selbstmord zu. Denn nur als Selbstmord begriff er es, daß die Sonne ihre 
Hitze mindere. Steht also, glaubte er, die Sonne im Sommer am höchsten und 
sengt ihr Strahl mit verzehrender Glut: so verbrennt sich der Gott selbst, stirbt 

aber nicht, sondern verjüngt sich nur Auch Herakles verbrennt sich, steigt 

aber in den Flammen zum Olymp. Dies ist der Widerspruch in den heidnischen 
Göttern. Sie sind als Naturkräfte dem Menschen sowohl heilsam als auch schädlich. 
Um also wohlzutun und zu retten, müssen sie gegen sich selbst wirken. Der 
Widerspruch wird abgestumpft, wenn jede der beiden Seiten der Naturkraft in 
einem besondern Gotte personifiziert wird oder wenn sie zwar nur in einer gött- 
lichen Person gedacht wird, ihre zweiseitige Wirkungsweise aber, die wohltätige 
und die unheilvolle, jede ein besonderes Symbol erhält. Das Symbol wird immer 
selbständiger, wird endlich selbst Gott; und während ursprünglich der Gott gegen 
sich selbst wirkte, sich selbst vernichtete, kämpft nun Symbol gegen Symbol. 
Gott gegen Gott oder der Gott mit dem Symbol." Gewiß kämpft der Gott mit 
sich selbst, mit seinem andern Selbst, das wir unter dem Symbol der Mutter 
begriffen haben. Der Kampf scheint immer Überwindung des Vaters und Über- 
wältigung der Mutter zu sein. 



365 



Nietzsches Zarathustra lehrt: 



„Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil 
ich will. 

Und wann werde ich wollen? — 

Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod zur rechten Zeit 
für Ziel und Erben 1 ). 

,Und das ist der große Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner 
Bahn steht zwischen Mensch und Übermensch und seinen Weg zum Abende 
als seine höchste Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen 
Morgen. 

Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, daß er ein Hinüber- 
gehender sei; und die Sonne seiner Erkenntnis wird ihm im Mittage stehen." 

Siegfried überwindet den Vater Wotan und bemächtigt sich 
Brürmhildens. Das erste, was er von ihr erblickt, ist das Roß, dann glaubt 
er in ihr einen gerüsteten Mann zu sehen. Er zerschneidet der 
Schlafenden den schützenden Panzer. (Überwältigung.) Wie er sieht, 
daß es ein Weib ist, faßt ihn die Furcht. 

„Mir schwankt und schwindelt der Sinn ! — 
Wen ruf ich zum Heil, 
Daß er mir helfe? — 
Mutter! Mutter! 
Gedenke mein!" — 
. „Ist dies das Fürchten? — 
Mutter, Mutter! 
Dein mutiges Kind! 
Im Schlaf liegt eine Frau: — 
Die hat ihn das Fürchten gelehrt!" — 
„Erwache! erwache! 
Heiliges Weib!" — 
„So saug ich mir Leben 
Aus süßesten Lippen — 
Sollt ich auch sterbend vergehn!" 

Im darauffolgenden Duett wird die Mutter angerufen: 

„0 Heil der Mutter 
Die mich gebar." usw. 

Besonders bezeichnend ist das Geständnis Brünnhildens : 



!) Nietzsche: Werke, Bd. VI, S. 106. 



366 

„0 wüßtest du, Lust der Welt, 
Wie ich dich je geliebt! 
Du warst mein Sinnen, 
Mein Sorgen du! 
Dich Zarten nährt ich 
Noch eh' du gezeugt, 
Noch eh' du geboren 
Barg dich mein Schild 1 )." 

Die Präexistenz des Helden und die Präexistenz Brünnhildens 
als seiner Gattin-Mutter geht aus dieser Stelle mit Evidenz hervor. 
Siegfried sagt darauf bestätigend: 

„So starb nicht meine Mutter? 
Schlief die Minnige nur?" 

Die Mutterimago, welche das Symbol der sterbenden und auf- 
erstehenwollenden Libido ist, wird von Briinnhilde dem Helden als 
sein eigenes Wollen erklärt: 

„Du selbst bin ich, 

Wenn du mich Selige liebst." 

Das große Geheimnis des in die Mutter zur Wiedergeburt einge- 
gangenen Logos verkündet Briinnhilde mit folgenden Worten: 

„0 Siegfried, Siegfried! 

Siegendes Licht! 

Dich liebt ich immer; 

Denn mir allein 

Erdünkte Wotans Gedanke. 

Der Gedanke, den ich nie 

Nennen durfte 2 ); 

Den ich nicht dachte, 

Sondern nur fühlte; 

Für den ich focht, 

Kämpfte und stritt; 

Für den ich trotzte 

Dem, der ihn dachte 2 ); 

Für den ich büßte 2 ), 

Strafe mich band, 

Weil ich nicht ihn dachte, 

Und nur empfand! 

Denn der Gedanke — 

Dürftest du's lösen! — 

Mir war er nur Liebe zu dir?" 

*) Der sogenannte Zufall will es, daß es alte etruskisohe Sitte war, die 
Aachonurne, also den Toten, in der Erde mit dem Schilde zuzudeoken. 
a ) Inzestmotiv. 



367 

Die nunmehr folgenden erotischen Gleichnisse lassen das Wieder- 
geburtsmotiv deutlich erkennen: 

Siegfried: „Ein herrlich Gewässer 
wogt vor mir; 
Mit allen Sinnen 
Seh ich nur sie, 
Die wonnig wogende Welle: 
Brach sie mein Bild, 
So brenn ich nun selbst, 
Sengende Glut 
In der Flut zu kühlen 
Ich selbst, wie ich bin 
Springe in den Bach 1 ): — 
daß seine Wogen 
Mich selig verschlängen" usw. 

Dar Motiv der Untertauchens im mütterlichen Wasser der Wieder- 
geburt (Taufe) ist hier voll entwickelt. Eine Anspielung auf die schreck- 
liche Mutterimago, die Mutter der Helden, die sie das Fürchten 
lehrt, findet sich in den Worten Brünnhildens (des Pferdeweibes, das 
die Toten ins Jenseitsland entführt). 

„Fürchtest du, Siegfried, 

Fürchtest du nicht 

Das wild wütende Weib?" 

Das orgiastische „Occide moriturus" tönt uns entgegen in Brünn- 

hildes Worten: 

„Lachend laß uns verderben — 
Lachend zugrunde geh'n!" — 

Und in den Worten 

„Leuchtende Liebe, 

Lachender Tod !" / ■ 

findet sich derselbe bedeutsame Gegensatz. 

Die weiteren Schicksale Siegfrieds sind die des Invictus: Der 
Speer des einäugigen Hagen, des Finstern, trifft Siegfrieds verwundbare 
Stelle. Die zum Todesgott gewordene alte Sonne, der einäugige Wotan, 
fällt den Sohn und aufs neue steigt die Sonne empor in ewiger Selbst- 
erneuerung Dem Mysterium des menschlichen Lebens hat der Lauf 
der unbesieglichen Sonne zu schönen und unvergänglichen Symbolen 



') Vgl. das Büd des Phönix der Baruchapokalypse, I. Teü dieser Arbeit. 



368 



H 



} 



verholf en, er wurde dein Lebensdurste der Sterblichen zu einer tröstenden 
Erfüllung aller Ewigkeitswünsche. 

Die Mutter, die Quelle der Libido, verläßt der Mensch, getrieben 
vom ewigen Durste, sie wieder zu finden und Erneuerung aus ihr zu 
trinken und so vollendet er seinen Kreislauf, um wieder in den Schoß 
der Mutter zurückzukehren. Jedes Hindernis, das sich auf seinem 
Lebenspfade türmt und seinen Aufstieg bedroht, trägt schattenhaft 
die Züge der schrecklichen Mutter, die mit zehrendem Gifte der heim- 
lichen rückschauenden Sehnsucht seinen Lebensmut lähmt, und in 
jeder Überwindung gewinnt er die lächelnde liebe- und lebenspendende 
Mutter wieder — Bilder, die der ahnungsvollen Tiefe menschlichen Ge- 
fühles angehören, deren Züge aber weiterschreitende Entwicklung der 
Oberfläche des menschlichen Geistes bis zur Unkenntlichkeit entstellt 
hat. Die harte Notwendigkeit der Anpassung arbeitet unablässig daran, die 
letzten Spuren jener urtümlichen Denkmale der Entstehungszeit mensch- 
lichen Geistes auszutilgen und durch Linien zu ersetzen, welche deut- 
licher und immer deutlicher die Natur realer Objekte bezeichnen sollen. 

Kehren wir nach diesem weiten Umweg wieder zu den Visionen 
von Miß Miller zurück, so bringen wir nunmehr die Antwort mit auf 
die Fra^e, was die Sehnsucht von Siegfried nach Brünnhilde bedeute: 
.es ist das Streben der Libido von der Mutter zur Mutter. 
Dieser paradoxe Satz läßt sich übersetzen: Solange die Libido sich 
nur mit Phantasien sättigt; bewegt sie sich in sich selbst, in ihrer eigenen 
Tiefe, in der Mutter 1 ). Wenn sich die Sehnsucht unserer Autorin erhebt, 
um dem Bannkreis des inzestuösen und daher verderblichen Objektes 
zu entfliehen, und es gelingt ihr nicht, Realität zu finden, so ist und bleibt 
das Objekt unweigerlich die Mutter. Nur die Überwindung der Realitäts- 
hindernisse bedeutet die Befreiung von der Mutter, welche dauernde 
und unversiegliche Lebensquelle ist für den Schaffenden, Tod aber 
für den Feigen und Ängstlichen und Bequemen. 

Wer die Psychoanalyse kennt, weiß, wie oft die Neurotischen Klagen 
gegen ihre Eltern erheben. Gewiß sind solche Ellagen und Vorwürfe 
gemäß der allgemeinen menschlichen Unvollkommenheit öfter berechtigt, 
aber noch öfter sind es Vorwürfe, die eigentlich an die eigene Adresse 
gerichtet zu werden verdienen. Immer aber sind Vorwurf und Haß 
ohnmächtige Versuche, sich anscheinend von den Eltern, in Wirklichkeit 
aber, von der eigenen hinderlichen Sehnsucht nach den Eltern zu 



l ) Das Reich der Mutter ist das Reich der (unbewußten) Phantasie. 



369 

befreien. Unsere Autorin verkündet durch den Mund ihres Infantil- 
helden Chiwantopel eine Reihe von Beschimpfungen gegen ihr eigenes 
Geschlecht. Wir müssen annehmen, daß sie sich von all diesen Tendenzen 
loszusagen hat, denn es liegt zu viel nicht anerkannter Wunsch darin. 
Dieser Held, der viele Worte macht, wenig Taten zeigt und ohnmächtige 
Sehnsüchte spielen läßt, ist die ihrer Bestimmung nicht zu geführte 
Libido, die sich im Reich der Mütter um und um dreht und trotz aller 
Sehnsucht nicht zu Taten kommt. Diesen Zauberkreis bricht nur der, 
der den Mut des Leben wollens besitzt und den Heroismus, es auszuführen. 
Könnte dieser sehnsüchtige Heldenjüngling Chiwantopel seinem Dasein 
ein Ende machen, würde er wohl als ein tapferer Mann im wirklichen 
Leben wiedererstehen. Diese Notwendigkeit drängt sich als ein weiser 
Rat und Wink des Unbewußten der Träumerin auf im folgenden Mo- 
nolog Chiwantopels : 

„H s'ecrie douloureuBement: ,Dans ce monde entier, ü n'y en a pas 
une seule! J'ai cherche dans cent tribus. «Tai vieüli de cent lunes depuis 
que j'ai commence. Est-ce qu'ü n'y en aura jamais une qui connaitra mon 
äme? — Oui, par le Dieu souverain, oui! — Mais dix mille lunes croitront 
et decroitront avant que naisse son äme pure. Et c'est d'un autre monde 
que seß peres arriveront a celui-ci. Elle aura la peau päle et päles les cheveux. 
Elle connaitra la douleur avant nieme que sa mere l'ait enfaritee. La 
souffrance raccompagnera, eile aussi cherchera et ne trouvera per- 
sonne qui la comprenne. Bien des pretendents voudront lui faire la 
cour, mais il n'y en aura pas un qui saura la comprendre. La tentation 
souvent assaillira son äme — mais eile ne faiblira pas. Dans ces reves, je 
viendrai ä eile, et eile comprendra. J'ai conserve mon corps inviole. 
Je suis venu dix mille lunes avant son epoque et eile viendra dix inille 
lunes trop tard. Mais eile comprendra! Ce n'est qu'une fois, toutes 
les dix mille lunes qu'il nait une äme comme celle-lä!" (Une lacune) — 
Une vipere verte sort des broussailles, se glisse vers lui 
et lo pique au bras, püis s'attaque au cheval, qui suc- 
combe le premier. Alors Chiwantopel au cheval: „Adieu, frere fidele! 
entre dans ton repos ! Je t'ai ahne et tu m'as bien servi. Adieu, je te rejoins 
bientöt!' Puis au serpent: „Merci, petite soeur, tu as mis fin ä mes 
peregrinations!" Puis il crie de douleur et clame sapriere: „Dieu sou- 
verain, prends-moi bientöt! J'ai cheichfe ä te connaitre et ä garder ta loi! 
Oh ne permets pas que mon corps tombe dans la pourriture et la puanteur, 
et serve de päture aux aigles!" Un volcan fumant s'apercoit a dis- 
tance, on entend le gxondement d'un tremblement de terre, suivi par un 
glissement de terrain. Chiwantopel s'ecrie dans le delire de la souffrance, 
tandis que la terre recouvre son corps: „J'ai conserve mon corps 
inviole. — Ah! eile comprendra! — Ja-ni-wa-ma, Ja-ni-wa-ma, toi, tu 
me comprends!" 

Jung, Libido. 24 



370 

Die Prophezeiung Chiwantopels ist eine Wiederholung aus 
Longfellows Hiawatha, wo der Dichter die Sentimentalität nicht um- 
gehen konnte, am Schluß der Laufbahn des Helden Hiawatha noch den 
Heiland der Weißen hereinzubringen in Form der Ankunft der erhabenen 
Vertreter christlicher Religion und Sitte. (Man denke an das Heilands- 
werk der Spanier in Mexico und Peru!) Mit dieser Prophezeiung 
Chiwantopels ist die Persönlichkeit der Autorin wieder in nächste Be- 
ziehung zum Helden gesetzt, und zwar als das eigentliche Objekt der 
Sehnsucht Chiwantopels. Gewiß hätte der Held sie geheiratet, wenn sie 
schon zu seinen Zeiten gelebt hätte; aber leider kommt sie zu spät. 
Dieser Zusammenhang beweist unsere obige Konstatierung, daß sich 
die Libido im Kreis herumbewegt: die Autorin liebt sich selbst, d. h. 
sie als Held ist gesucht von einer, die zu spät kommt. Dieses Moment 
des Zuspätkommens ist charakteristisch für die Infantilverliebungen : 
der Vater und die Mutter können nicht mehr eingeholt werden. Die 
Trennung der beiden Persönlichkeiten durch ,,10.000 Monde" ist eine 
Wunscherfüllung : damit wird die Inzestbeziehung in wirksamer Weise 
aufgehoben. Diese weiße Heldin wird auch unverstanden suchen (sie 
ist unverstanden, weil sie sich selber nicht recht verstehen mag) und 
nicht finden. Aber im Traum wenigstens werden sie sich finden, „et 
eile comprendra". Der nächste Satz des Textes läutet: „J'ai conserve 
mon corps inviole." Dieser stolze Satz, den natürlich nur eine Frau 
aussprachen kann — denn ein Mann pflegt damit nicht zu prahlen — 
bestätigt nochmals, daß alle Unternehmungen nur Träume geblieben 
seien, daß der Körper aber „inviole" unverletzt geblieben sei. 
Wenn der Held die Heldin im Traum besucht, dann weiß jedermann, 
was damit gemeint ist. Diese Behauptung des Helden, daß er unver- 
letzt geblieben sei, weist zurück auf das mißglückte Attentat im vorigen 
Kapitel (Pfeilschütze) und erklärt uns nachträglich, wie eigentlich 
jenes Attentat gemeint war, nämlich als Ablehnung einer Koitus- 
phantasie. Hier drängt sich nun der Wunsch des Unbewußten wieder 
mehr hervor, nachdem der Held sich das erstemal gedrückt hat und 
darauf schmerzvoll und hysterisch monologisierte: „La tentation 
souvent assaülira son äme — mais eile ne faiblira pas." Diese sehr 
kühne Behauptung verführt — noblesse oblige — das Unbewußte zu 
einer gewaltigen Aufsch wellung infantilen Größenwahns; was immer 
der Fall ist, wenn die Libido durch dergleichen Sprüche zur Regression 
gezwungen wird: „Ce n est qu'une fois toutes les dix mille lunes qu'il 
nait une äme comme celle-la \" Hier macht sich der kleine Gernegroß 



371 

des Unbewußten furchtbar breit, offenbar, um mit seiner Aufgeblasen- 
heit ein gutes Stück versäumter Lebenspflicht zuzudecken. Jedoch 
folgt die Strafe auf dem Fuße nach. Wer zu viel Stolz darein setzt, 
keine Wunde im Lebenskampf davongetragen zu haben, der ist ver- 
dächtig, daß er wohl nur mit Worten gefochten und dabei hinter dem 
Ofen gesessen hat. Diese Geste ist nur eine Umkehrung des Stolzes 
jener Busch männerfrauen, welche mit Genugtuung auf die zahlreichen 
Narben hinweisen, die ihnen von den Männern im Überwältigungs- 
kampfe geschlagen wurden. Gemäß dieser Verehrung und in kon- 
sequenter Weiterführung derselben drückt sich nun alles Folgende 
in uneigentlicher Sprache aus: Das orgiastische „occide moriturus" 
in seiner Vermischung mit dem ausgelassenen Gelächter dionysischen 
Taumels tritt uns hier in jämmerlicher Verkleidung entgegen — sen- 
timentaler Theaterzauber, würdig unserer posthumen Edition „christ- 
licher" Moral. Statt des positiven Phallus tritt der negative auf und 
führt das Pferd des Helden, seine Libido animalis statt zur Befriedigung 
in den ewigen Frieden, ebenso den Helden. Dieses Ende will bedeuten, 
daß die Mutter als Todesrachen die Libido der Tochter wieder in sich 
hinunterschlingt, daher statt. Leben und zeugendes Wachstum phanta- 
stische Selbstversunkenheit. Das schlaffe und unrühmliche Ende wirkt 
nicht erhebend und erleuchtend, solange wir es nur als Lösung eines 
individuellen erotischen Konfliktes betrachten. Die Tatsache, daß 
die Symbole, unter denen die Lösung erfolgt, einen bedeutenden 
Aspekt haben, verrät es uns, daß hinter der individuellen Maske, 
hinter dem Schleier der „Individuation" ein urtümliches Bild steht, 
dessen strenge und ernsthafte Züge uns den Mut nehmen, die sexuelle 
Deutung der Mille rschen Symbole für genügend zu erachten. 

Es ist nie zu vergessen, daß die sexuellen Phantasien der 
Neürotiker und die exquisit sexuelle Sprache des Traumes. 
Regressivphänomene sind. Die Sexualität des Unbewußten 
ist nicht das, was sie zu sein scheint, sie ist bloß Symbol; 
sie ist ein tagwacher sonnenklarer Gedanke, ein Entschluß, ein Schritt 
vorwärts zu jeglichem Lebensziel — aber ausgedrückt in der uneigent- 
lichen Sexualsprache des Unbewußten und des Denkens früherer Stufe ; 
sozusagen eine Wiederbelebung früherer Anpassungsmodi. Wenn daher 
das Unbewußte den Koitus wünsch, negativ ausgedrückt, in den Vorder- 
grund schiebt, so heißt das etwa: unter diesen Umständen handelte 
der primitive Mensch so. (Von dem Neger wird ja heutzutage noch 
dieser für uns unbewußt gewordene Anpassungs modus durchgeführt: 

24* 



£y 



> 



372 

die über die Ernährung hinausgehenden Unternehmungen sind für 
ihn Sexualität, Gewalttat und Grausamkeit.) Wir sind daher in An- 
sehung der archaischen Ausdrucksweise des Millerschen Phantasie- 
gebildes nur berechtigt, die Richtigkeit unserer Deutungen für die 
zunächstliegende Schicht anzunehmen. Eine tiefere Bedeutungsschicht 
geht von der früheren Feststellung aus, daß die Figur des Chiwantopel 
den Charakter des Cassius hat, dem „ein Lamm gesellt" ist. Daher ist 
Chiwantopel der mit der Mutter verbundene (und darum männliche) 
Anteil der Libido der Träumerin, also ihre infantile Persönlichkeit, 
das Kindische in ihrem Charakter, das noch nicht einsehen will, daß 
ein Mensch Vater und Mutter verlassen muß, wenn seine Zeit gekommen 
ist, um der Bestimmung seiner Gesamtpersönlichkeit zu dienen. Die 
Einschränkung dazu gibt Nietzsches Wort 1 ): 

„Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören 
und nicht, daß du einem Joch entronnen bist. Bist du ein solcher, der 
einem Joch entrinnen durfte? Es gibt manchen, der seinen letzten Wert 
wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf." 

Wenn daher Chiwantopel stirbt, so heißt dies, es sei eine Erfüllung 
des Wunsches, daß dieser Infantilheld, der der Mutter nicht von der 
Schürze gehen kann, sterben möge. Und ist damit das Band zwischen 
Mutter und Tochter zerschnitten, so bedeutet dies einen größten Fort- 
schritt an innerer und äußerer Freiheit. Aber zu lange möchte man Kind 
sein, man möchte in die Speichen des Rades greifen, das die Jahre 
rollend vorüberträgt, man möchte sich Kindheit und ewige Jugend 
bewahren, nicht sterben und im Grab verfaulen („Oh, ne permets pas 
que mon corps tombe dans la pcurriture et la puanteur") — und wir 
denken nicht daran, da nichts uns die eilende Zeit und die grausame 
Vergänglichkeit aller Blüten schmerzhafter zum Bewußtsein bringt 
als Tatenlosigkeit und Inhaltlosigkeit des Lebens. Das faule 
Träumen ist die Mutter der Todesangst, der sentimentalen 
Beklagung des Gewesenen und der vergeblichen Zurückstellung der 
Uhr. Wenn man es auch im lange, vielleicht zu lange bewahrten Jugend- 
gefühl, im Traumzustand der hartnäckig festgehaltenen Erinnerungen 
vergessen kann, daß das Rad rollt, so melden es unbarmherzig das 
graue Haar, die Erschlaffung der Haut und die Furchen des Gesichtes, 
daß auch, ohne daß wir den Körper den zerstörenden Gewalten des 
vollen Lebensringens aussetzen, das Gift der heimlich schleichenden 



>) Werke: Bd. VI, S. 92. 



373 



Zeitschlange an unserem Körper (dem, ach, so heißgeliebten) zehrt. 

Es hilft nichts, wenn wir auch mit dem traurigen Helden Chiwantopel 

ausrufen: „J'ai conserve mons corps inviole", die Flucht vor dem 

Leben befreit uns nicht von dem Gesetz des Alterns und des Todes. 

Der Neurotiker, der sich der Notwendigkeit des Lebens zu entschlagen 

sucht, gewinnt nichts und lädt sich nur die furchtbare Bürde eines 

vorausgenossenen Alterns und Sterbens auf, das bei der gänzlichen 

Inhalts- und Sinnlosigkeit seines Lebens besonders grausam ausfallen 

muß. Wird der Libido ein vorwärtsstrebendes Leben, das alle Gefahr 

und alles Untergehen auch will, nicht ermöglicht, dann schlägt sie den 

andern Weg ein und wühlt sich in die eigene Tiefe, hinuntergrabend 

zu der alten Ahnung der Unsterblichkeit alles Lebens, zur Sehnsucht 

nach der Wiedergeburt. 

Diesen Weg zeigt uns Hölderlin in semer Dichtung und seinem 

Leben. Ich lasse den Dichter in seinen Liedern sprechen: 

• 
An die Rose. 

Ewig trägt im Mutterschoße, 
Süße Königin der Flur, 
Dich und mich die stille, große, 
Allbelebende Natur. 

Röschen! unser Schmuck veraltet, 

Sturm entblättert dich und mich, 

Doch der ew'ge Keim entfaltet 

Bald zu neuer Blüte sich. 

• 
Zum Gleichnis dieses Gedichtes ist folgendes zu bemerken: Die 
Rose ist das Symbol des geliebten Weibes („Haidenröslein" Goethe.) 
Die Rose blüht auch im „Rosengarten" des Mädchens, demnach ist 
sie also auch einfach direktes Libidosymbol. Wenn der Dichter sich mit 
der Rose im Mutterschoße der Natur träumt, dann heißt der psycho- 
logische Tatbestand, daß er mit seiner Libido bei der Mutter ist. Dort 
ist ein ewiges Keimen und Wiedererneuern. Wir sind diesem Motiv 
beim Hierosgamoshymnus (Ilias XIV, 292 ff.) bereits begegnet: Das 
Beilager im seligen Westland, d. h. die Vereinigung in und mit der 
Mutter. In naiver Form zeigt uns Plutarch in seiner Tradition des 
Osirismythus dieses Motiv: Osiris und Isis im Mutterleib sich begattend. 
Dies empfindet Hölderlin auch als das neidenswerte Vorrecht der 
Götter, ewig früheste Kindheit zu genießen; so sagt er im Hyperion: 



- 



374 



/ 



f 






„Schicksallos, wie der schlafende 

Säugling, atmen die Himmlischen; 

Keusch bewahrt in bescheidener Knospe, 

Blühet ewig ihnen der Geist, 

Und die stillen Augen 

Blicken in stiller 

Ewiger Klarheit." 

. Dieser Passus zeigt, was himmlische Seligkeit bedeutet. Hölderlin 
hat es nie mehr vermocht, diese erste und höchste Seligkeit zu vergessen, 
deren traumhaftes Bild ihn dem wirklichen Leben entfremdete. Es ist 
zudem in diesem Gedichte das altertümliche Motiv der Zwillinge 
im Mutterleib angedeutet. (Isis und Osiris im Mutterleib.) Das Motiv 
ist archaisch. Bei Frobenius (1. c. S. 68) findet sich eine Sage, wo 
die große Schlange (hervorgegangen aus einer kleinen Schlange in einem 
hohlen Baum durch das sogenannte „Schlangengroßziehen") schließlich 
alle Menschen aufgefressen hat (verschlingende Mutter = Tod), nur 
eine schwangere Frau überlebt, sie gräbt eine Grube, bedeckt sie 
mit einem Stein (Grab = Mutterleib) und, darin lebend, gebiert sie 
Zwillinge, die nachmaligen Drachentöter (der Held in Doppel- 
gestalt, Mann und Phallus, Mann und Weib, Mensch mit seiner Libido, 
sterbende und auferstehende Sonne). Das Zusammensein in der Mutter 
findet sich auch sehr schön in einer afrikanischen Mythe (Frobenius 
1. c. S. 269.): „Im Anfang liegt Obatala der Himmel und Odudua die 
Erde, sein Weib in einer Kalabasse fest aufeinander gepreßt." Das 
Bewahrtsein „in bescheidener Knospe" ist ein Bild, das bei Plutarch 
schon vorkommt, wo es heißt, daß die Sonne aus einer Blütenknospe 
am Morgen geboren werde. Auch Brahma kommt aus der Knospe, 
in Assam wird das erste Menschenpaar daraus geboren. 

Der Mensch. 

Kaum sproßten aus den Wassern, o Erde, dir 
Der alten Berge Gipfel; und dufteten, 
Voll junger Wälder, durch die Mailuft, 
Über den Ozean hin, lustatmend, 

* 

Die ersten grünen Inseln; und freudig sah 

Des Sonnengottes Aug' die Erstlinge, 

Die Bäum' und Blumen, seiner Jugend 

Lächelnde Kinder, aus dir geboren: 

Da auf der Inseln schönster, 



375 



Lag unter Trauben einst, nach lauer 

Nacht, in der dämmernden Morgenstunde, 

Geboren dir, o Erde, dein schönstes Kind. 

Und auf zum Vater Helios sieht bekannt 

Der Knab' und weiht und wählt, die süßen 

Beeren versuchend, die heilige Rebe 

Zur Amme sich. Und bald ist er groß; ihn scheun 

Die Tiere, denn ein andrer ist, wie sie, 

Der Mensch; nicht dir und nicht dem Vater 

Gleicht er, denn kühn ist in ihm und einzig 

Des Vaters hohe Seele mit deiner Lust, 

Erd\ und deiner Trauer von je vereint, 

Der ewigen Natur, der Göttermutter, 

Der furchtbaren möcht er gleichen. 

Ach! darum treibt ihn, Erde! vom Herzen dir 
Sein Übermut, und deine Geschenke sind 
Umsonst, die zärtlichen; zu hoch schlägt 
Immer und immer der stolze Busen. 

Von seines Ufers duftender Wiese muß 
Ins blütenlose Wasser hinaus der Mensch, 
Und glänzt auch, wie die Sternennacht, von 
Goldenen Früchten sein Hain, doch gräbt er 

Sich Höhlen in den Bergen und späht im Schacht, 
Von seines Vaters heü'gem Strahle fern, 
Dem Sonnengott auch ungetreu, der 
Knechte nicht liebt und der Sorgen spottet. 

Ach! freier atmen die Vögel des Waldes, wenn schon 
Der Menschen Brust sich wilder und stolzer hebt, 
Sein Trotz wird Angst, und seines Friedens 
Blume, die zärtliche, blüht nicht lange. 






Dieses Gedicht verrät uns den beginnenden Zwiespalt zwischen 
dem Dichter und der Natur; er fängt an, sich der Realität, der natür- 
lichen Wirklichkeit zu entfremden. Ein bemerkenswertes Bild ist, 
wie das kleine Menschenkind sich die „Rebe zur Amme" wählt. Diese 
dionysische Anspielung ist überhaupt sehr alt: In dem bedeutsamen 
Jakobssegen heißt es von Judä: (1. Mose 49): ,,Er wird sein Füllen an 
den Weinstock binden und seiner Eselin Sohn an die edle Rebe." Es 
ist eine gnostische Gemme erhalten, auf der eine ihr Füllen säugende 
Eselin dargestellt ist, darüber die Figur des Cancer und die Umschrift: 






376 

D. N. I. H. Y. X. P. S. : Dominus noster Jesus Christus, mit dem Zusatz: 
Dei filius 1 ). Wie' schon Justinus Mart yr mit Entrüstung durchblicken 
läßt, sind die Beziehungen der christlichen Legende zu der des Dionysos 
unverkennbar. (Vgl. z. B. das Weinwunder.) In letzterer Legende 
spielt der Esel eine große Rolle. Überhaupt hat der Esel für die Mittel- 
meerländer wirtschaftlich eine ganz andere Bedeutung als bei uns, 
Daher es ein Segen ist, wenn Jakob sagt (1. Mose 49, 14): „Isaschar 
wird ein knochiger Esel sein und sich lagern zwischen den Hürden." 
Der oben angeregte Gedanke ist durchaus echt orientalisch gedacht: 
Wie in Ägypten die neugeborne Sonne ein Stierkalb ist, so kann sie im 
übrigen Orient auch leicht ein Eselsfüllen sein, dem der Weinstock 
Amme ist. (Daher das Bild im Jakobssegen, wo es V. 12 von Juda heißt : 
„Seine Augen sind trübe von Wein und seine Zähne weiß von Milch.") 
Der eselköpfige Spottkruzifixus vom Palatin spielt, wie ersichtlich, 
auf sehr sinnvolle Hintergründe an. 

An die Natur. 

Da ich noch um deinen Schleier spielte, 
Noch an dir wie eine Blüte hing 2 ), 
Noch dein Herz in jedem Laute fühlte, 
Der mein zärtlich bebend Herz umfing, 
Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen 
Reich, wie du, vor deinem Bilde stand, 
Eine Stelle noch für meine Tränen, 
Eine Welt für meine Liebe fand, 

Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte, 
Als vernähme seine Töne sie. 
Und die Sterne seine Brüder nannte 8 ) 
Und den Frühling Gottes Melodie, 
Da im Hauche, der den Hain bewegte, 
Noch dein Geist, dein Geist der Freude sich 
In des Herzens stiller Welle regte, 
Da umfingen goldne Tage mich. 



A 



*) Robertson: Evang. Myth., S. 92. 

*) Unter der Natur ist im Anschlüsse an unsere früheren Erörterungen 
und an das vorangehende Gedicht Hölderlins die Mutter zu verstehen. Hier 
schwebt dem Dichter die Mutter als Baum vor, an dem das Kind wie eine 
Blüte hängt. 

8 ) Er nannte einst die „Sterne seine Brüder". Ich muß hier an die Aus- 
führungen des ersten Teiles dieser Arbeit erinnern, besonders an jene mystische 
Identifikation mit den Gestirnen: iyd> el/u Ov/ncXavos bfJiv äonJQ usw. Die 



377 



Wenn im Tale, wo der Quell mich kühlte 1 ), 

Wo der jugendlichen Sträuche Grün 

Um die stillen Felsenwände spielte 

Und der Äther durch die Zweige schien, 

Wenn ich da, von Blüten übergössen, 

Still und trunken ihren Odem trank 

Und zu mir, von Licht und Glanz umflossen, 

Aus den Höhn die goldne Wolke sank 2 ), 



Oft verlor ich da mit trunknen Tränen 
Liebend, wie nach langer Irre sich 
In den Ozean die Ströme sehnen, 
Schöne Welt! in deiner Fülle mich; 
Ach! da stürzt' ich mit den Wesen allen 
Freudig aus der Einsamkeit der Zeit, 
Wie ein Pilger in des Vaters Hallen. 
In die Arme der Unendlichkeit. — 

Seid gesegnet, goldne Kinderträume, 
Ihr verbargt des Lebens Armut mir, 
Ihr erzogt des Herzens gute Keime, 
Was ich nie erringe, — schenktet ihr! 



Abtrennung und Unterscheidung von der Mutter, die „Individuation" schafft 
jenes Gegenübertreten von Subjekt und Objekt, jene Grundlage des Bewußtseins. 
Was vorher war, war Einssein mit der Mutter, d. h. mit dem Weltganzen. Nicht 
damals schon kannte man die Sonne als Bruder, sondern erst naohmals; als nach 
erfolgter Abtrennung und Objektsetzung die Libido auf Infantiles regredierend 
ihre Möglichkeiten in jenem ersten Zustand wahrnimmt, drängt sich dem Ahnungs- 
vollen seine Verwandtschaft mit den Gestirnen auf. Ein Vorgang, der bei der 
Introversionspsyohose nicht allzu selten vorzukommen scheint: Ein junger Bursche, 
ein gewöhnUcher Handwerker, erkrankt an einer Introversionspsychose (Dem. 
praec), seine ersten krankhaften Gefühle beziehen sich darauf, daß er ein beson- 
deres Verhältnis zur Sonne und den Gestirnen wahrnimmt. Die Sterne sind ihm 
bedeutungsvoll geworden, er denkt, sie hätten irgend etwas mit ihm zu tun, und 
die Sonne gibt ihm Gedanken ein. Man trifft dieses anscheinend ganz neue 
Empfinden der Natur ziemlich oft bei dieser Krankheit. (Ein anderer Patient 
fing an die Sprache der Vögel zu verstehen, welche ihm Botschaft von seiner 
Geliebten (Mutter) brachten.) (Vgl. Siegfried.) 

1 ) Die Quelle gehört zum Ganzen des Budes. 

2 ) Dieses Bild drückt die göttlich -infantile Seligkeit aus, wie in Hyperions 
Schicksalslied: 

„Ihr wandelt droben im Licht 
Auf weichem Boden, selige Genien! 
Glänzende Götterlüfte 
Rühren euch leicht." — 



378 



Natur, an deiner Schönheit Lichte, 
Ohne Müh' und Zwang entfalteten 
Sich der Liebe königliche Früchte 1 ), 
Wie. die Ernten in Arkadien. 

Tot ist nun, die mich erzog und stillte, 
Tot ist nun die jugendliche Welt, 
Diese Brust, die einst ein Himmel füllte, 
Tot und dürftig, wie ein Stoppelfeld; 
Ach! es singt der Frühling meinen Sorgen 
Noch, wie einst, ein freundlich tröstend Lied, 
Aber hin ist meines Lebens Morgen, 
Meines Herzens Frühling ist verblüht. 

Ewig muß die liebste Liebe darben, 
Was wir lieben ist ein Schatten nur, 
Da der Jugend goldne Träume starben, 
Starb für mich die freundliche Natur; 
Das erfuhrst du nicht in frohen Tagen, 
Daß so ferne dir die Heimat liegt, 
Armes Herz, du wirst sie nie erfragen, 
Wenn dir nicht ein Traum von ihr genügt. 



Palinodie. 

Was dämmert um mich, Erde, dein' freundlich Grün 1 ? 
Was wehst du wieder, Lüftchen, wie einst mich an? 
In allen Wipfeln rauscht's ...... 



Was weckt ihr mir die Seele? was regt ihr mir 
Vergangenes auf, ihr Guten, o schonet mein 
Und laßt sie ruhn, die Asche meiner 
Freuden, ihr spottet nur, o wandelt, 



£ 



x ) Diese Stelle ist besonders bezeichnend: In der Kindheit war ihm alles 
geschenkt und der Mann ist unfähig, es sich wieder zu erringen, denn es geht 
nicht anders als mit ,,Mühe und Zwang", sogar die Liebe kostet Mühe. In der 
Kindheit strömte der Quell der Libido in sprudelnder Fülle. Im späteren Leben 
kostet es sogar harte Arbeit, die Quelle strömend zu erhalten für das vorwärts- 
strebende Leben, denn mit steigendem Alter hat die Quelle wachsende Neigung 
zurückzufließen zum Ursprung, wenn nicht wirksame Mechanismen geschaffen 
sind, dieses Rückströmen zu verhindern. In diesen Zusammenhang gehört das 
I) allgemein verbreitete Vorurteü, die Liebe sei etwas ganz Spontanes; nur der 
infantile Liebestypus ist etwas ganz Spontanes. Die liebe eines erwachsenen 
Menschen läßt sich mit Entschlüssen leiten. Man kann auch sagen: „Ich will 
lieben." Die Kulturhöhe ist bedingt durch die Verlagerungsfähigkeit der Libido. 






379 

Ihr schicksallosen Götter, vorbei und blüht 
In eurer Jugend über den Alternden 
Und wollt ihr zu den Sterblichen euch 
Gern gesellen, so blühn der Jungfraun 

Euch viel, der jungen Helden, und schöner spielt 
Der Morgen um die Wangen der Glücklichen, 

Und lieblich tönen 

Euch die Gesänge der Mühelosen. 

Ach! vormals rauschte leicht des Gesanges Well' 
Auch mir vom Busen, da noch Freude mir, 
Die himmlische vom Auge glänzte 

Die Trennung von der Kinderseligkeit, von der Jugend, hat sogar 
von der Natur den goldenen Glanz h inweggenommen, und hoffnungs- 
lose Leere ist die Zukunft. Was der Natur aber den Glanz raubt und dem 
Leben die Freude, das ist das Gift der rückschauenden Sehnsucht, 
die zurückstrebt, um in die eigene Tiefe zu versinken. 

Empedokles. 

Das Leben suchst du, suchst, und es quillt und glänzt 
Ein göttlich Feuer tief aus der Erde dir, 
Und in schauderndem Verlangen 
Wirfst dich hinab in des Ätna Flammen. 

So schmelzt im Weine Perlen der Übermut 
Der Königin; und mochte sie! Hättest du 
Nur deinen Reichtum nicht, o Dichter, 
Hin in den gährenden Kelch geopfert! 

Doch heilig bist du mir, wie der Erde Macht, 
Die dich hinwegnahm, kühner Getöteter! 
Und folgen möcht ich in die Tiefe, 
• Hielte Liebe mich nicht, dem Helden. 

Dieses Gedicht verrät die heimliche Sehnsucht nach der mütter- 
lichen Tiefe 1 ). 

Im Weine möchte er wie Perlen gelöst, im Kelche geopfert sein. 
(Der „Krater" der Wiedergeburt.) Doch ihn hält die Liebe noch im Lichte 

*) Motiv der Unsterblichkeit in der Fabel vom Tode des Empedokles. 
Horat. A. poet., 464 f. — Deus immmortahs haberi — Dum cupif Empedocles 
ardentem frigidus Aetnam — Insiluit. 






380 

des Tages zurück. Noch hat die Libido ein Objekt, um dessentwülen 
das Leben lebenswert ist. Wird dieses Objekt aber aufgegeben, dann 
wird die Libido versinken in das Reich der unterirdischen, der wieder- 
gebärenden Mutter. 

Nachruf. 

Wohl geh ich täglich andre Pfade, bald 
Ins Grün im Walde, bald zu der Quelle Bad, 
Zum Felsen, wo die Rosen blühen, 
Blicke vom Hügel ins Land, doch nirgend, 

Du Holde, nirgend find ich im Lichte dich 
, Und in die Lüfte schwinden die Worte mir, 
Die frommen, die bei dir ich ehemals 



Ja, ferne bist du, seliges Angesicht! 
Und deines Lebens Wohllaut verhallt vor mir 
Nicht mehr belauscht, und ach! wo seid ihr 
ZaubeTgesänge, die einst das Herz mir 

Besänftiget mit Ruhe der Himmlischen? 
Wie lang ist's ! o wie lange ! der Jüngling iBt 
Gealtert, selbst die Erde, die mir 
Damals gelächelt, ist anders worden. 

lebe wohl! es scheidet und kehrt zu dir 
Die Seele jeden Tag und es weint um dich 
Das Auge, daß es heller wieder 
Dort, wo du säumest, hinüberblicke. 

Deutlich klingt hier schon der Verzicht ans Ohr, ein Neid auf die 
eigene Jugend, auf jene Zeit der „Mühelosigkeit", die man so gern fest- 
halten möchte aus tiefster Abneigung gegen alle Pflichttätigkeit, 
welcher unmittelbare Lustbelohnung versagt ist. Das mühevolle Ar- 
beiten auf lange Frist und nach fernen Zielen ist nicht Sache des Kindes 
und des primitiven Menschen. Es ist schwer zu sagen, ob solches auch 
Faulheit genannt werden könnte ; es scheint aber nicht wenig damit zu 
tun zu haben, indem das Gefühlsleben auf primitiver Stufe, sei sie 
infantiler oder archaischer Art, eine ungemeine Inertie und Spontaneität 
in Produktion und Nichtproduktion besitzt. 

Die letzte Strophe verkündet Schlimmes: Ein Hinüberblicken 
nach dem andern Lande, der fernen Küste des Sonnenunterganges 
oder -auf ganges. Die Liebe hält den Dichter nicht mehr, die Bande 






381 

mit der Welt sind zerrissen und laut tönt nun sein Hilferuf an die 

Mutter: , , ... 

Achill. 

Herrlicher Göttersohn ! Da du die Geliebte verloren, 

Gingst du ans Meersgestad, weintest hinaus in die Flut, 

Weheklagend hinab verlangt in den heiligen Abgrund 

In die Stille dein Herz, wo, von der Schiffe Gelärm 

Fern, tief unter den Wogen, in friedlicher Grotte die schöne 

Thetis wohnet, die dich schützte, die Göttin des Meeres. 

Mutter war dem Jünglinge sie, die mächtige Göttin, 

Hatte den Knaben einst liebend am Felsengestad 

Seiner Insel gesäugt, mit dem kräftigen Liede der Welle 

Und im stärkenden Bad ihn zum Heroen gemacht. 

Und die Mutter vernahm die Wehklage des Jünglings, 

Stieg vom Grunde der See trauernd, wie Wölkchen herauf, 

Stillte mit zärtlichem Umfangen die Schmerzen des Lieblings, 

Und er hörte, wie sie schmeichelnd zu helfen versprach. 

Göttersohn! o war ich, wie du, so könnt ich vertraulich 

Einem der Himmlischen klagen mein heimliches Leid. 

Sehen soll ich es nicht, soll tragen die Schmach, als gehört ich 

Nimmer zu ihr, die doch meiner in Tränen gedenkt. 

Gute Götter! doch hört ihr jegliches Flehen der Menschen, 

Ach, und innig und fromm bebt ich dich, heiliges Licht, 

Seit ich lebe, die Erd' und deine Quellen und Wälder, 

Vater Äther, und dich fühlte zu sehnend und rein 

Dieses Herz — o sänftiget mir, ihr Guten, mein Leiden, 

Daß die Seele mir nicht früh, ach! zu früh verstummt, 

Daß ich lebe und euch, ihr hohen, himmlischen Mächte, 

Noch am fliehenden Tage danke mit frohem Gesang, 

Danke für voriges Gut, für Freuden vergangener Jugend, 

Und dann nehmet zu euch gütig den Einsamen auf. 

Diese Lieder schildern deutlicher, als man es mit dürren Worten 
zu schildern vermöchte, das stete Zurückbleiben und die immer größer 
werdende Entfremdung vom Leben, das allmählich tiefere Versinken in 
den mütterlichen Abgrund des eigenen Wesens. Zu diesen Liedern 
rückschauender Sehnsucht tritt befremdlich als ein unheimlicher 
Gast der apokalyptische Gesang Patmos, umschleiert von den Nebeln 
der Tiefe, den umschlingenden „Wolkenzügen" der wahnsinnspendenden 
Mutter. In ihm leuchten die uralten Gedanken des Mythos wieder auf. 
die in Symbole gekleidete Ahnung des sonnenhaften Sterbens und 
Wiedererstehens des Lebens. Man wird Ähnliches noch in Menge bei 

Kranken dieser Art finden. 

Ich gebe einzelne bedeutsame Stücke aus „Patmos" wieder: 



382 

f 

„Nah ist 

Und schwer zu fassen der Gott. 
Wo aber Gefahr ist, wächst 
Das Rettende auch." 

Diese Worte zeigen an, daß die Libido nun auf den tiefsten Grund 
gelangt ist, wo „die Gefahr groß" ist. (Faust, II. Teil, Miitterszene.) 
Dort ist „der Gott nahe": dort fände der Mensch die innere Sonne, 
seine eigene sonnenhafte und sich wieder erneuernde Natur, verborgen 
im Mutterschoße wie die Sonne zur Nachtzeit: 

„In Klüften, 

Im Finstern wohnen 

Die Adler und furchtlos gehen 

Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg 

Auf leicht gebaueten Brücken." 

Mit diesen Worten schreitet das dunkelphantastische Gedicht 
weiter. Der Adler, der Sonnenvogel wohnt im Dunkeln — die Libido 
hat sich verborgen, hoch hinüber aber schreiten die Bewohner der Berge, 
wohl die Götter („Ihr wandelt droben im Licht"), Bilder der über den 
Himmel wandernden Sonne, die wie ein Adler die Tiefe überfliegt. 

„Drum, da gehäuft sind rings 

Die Gipfel der Zeit 

Und die Liebsten nahe wohnen auf 

Getrenntesten Bergen, 

So gib unschuldig Wasser, 

Fittige gib uns treuesten Sinnes 

Hinüber zu gehn und wieder zu kehren!" 

Das erste ist ein dunkles Bild von Bergen und von Zeit — (wohl 
durch die über die Berge wandernde Sonne veranlaßt) ; das folgende 
Bild, ein Nahesein und im selben Getrenntsein der Liebsten, scheint 
auf das Leben in der Unterwelt zu deuten 1 ), wo man mit allem, was 

J ) Vgl. die schöne Stelle in der Hadesfahrt des Odysseus, wo der Held 
seine Mutter umarmen will: 

„Ich aber, durch bebt von inniger Sehnsucht, 

Wollte umarmen die Seele der abgeschiedenen Mutter 

Dreimal strebt' ich hinan, voll heißer Begier der Umarmung; 

Dreimal hinweg aus den Händen, wie nichtige Schatten und Traumbild, 

Flog sie; und heftiger ward in meinem Herzen die Wehmut." 

(Odyss. XI, 204 ff.) 

Die Unterwelt, die Hölle, ist ja der Ort unerfüllter Sehnsucht. Das Tan- 
talusmotiv gut durch die ganze Hölle. 



383 



einem einst lieb war, vereinigt ist und doch daa Glück der Vereinigung 
nicht genießen kann, denn es ist alles Schatten und wesenlos und des 
Lebens bar. Dort trinkt der Hinuntersteigende das „unschuldige", 
wohl „kindliche" Wasser, den Trank der Erneuerung 1 ), daß ihm Flügel 
wachsen und beflügelt sich wiederum emporwende zum Leben, wie die 
beschwingte Sonnenscheibe, die wie ein Schwan vom Wasser auf- 
fliegt. („Fittige, hinüber zu gehn und wieder zu kehren".) 

„So sprach ich, da entführte 

Mich schneller, denn ich vermutet, 

Und weit, wohin ich nimmer 

Zu kommen gedacht, ein Genius mich 

Vom eigenen Haus! Es dämmerten 

Im Zwielicht, da ich ging, 

Der schattige Wald 

Und die sehnsüchtigen Bäche 

Der Heimat, nimmer kannt ich die Länder." 

Nach den dunklen Rätselworten des Einganges, worin der Dichter 
die Ahnung des Kommenden ausspricht, beginnt die Sonnenfahrt 
(„Nachtmeerfahrt") nach Osten, zum Aufgang, zum Geheimnis der 
Ewigkeit und Wiedergeburt, von der auch Nietzsche träumt und in 
bedeutenden Worten spricht: 

„Oh, wie sollte ich Dicht nach der Ewigkeit brünstig sein und nach 
dem hochzeitlichen Ring der Ringe,. — dem Ring der Wiederkunft ! Nie 
noch fand ich das Weib, von dem ich Blinder mochte, es sei denn dieses 
Weib, das ich hebe: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit 2 )." 

Hölderlin faßt dieselbe Sehnsucht in ein herrliches Bild, dessen 
einzelne Züge uns bereits vertraut sind: 

„Doch bald in frischem Glänze 

Geheimnisvoll 

Im goldnen Rauche blühte, 

Schnell aufgewachsen 

Mit Schritten der Sonne, 

Mit tausend Gipfeln duftend, 



J ) Spielreins Kranke (Jahrbuch, III, S. 345) spricht im Zusammenhange 
der Abendmahlsbedeutung von „mit Kindlichkeit durchsetztem Wasser", „sper- 
matischem Wasser", „Blut und Wein". S. 368 sagt sie: „Die ins Wasser gefallenen 
Seelen werden von Gott gerettet: sie fallen auf den tiefer n Grund. — Die Seelen 
werden vom Sonnengotte .gerettet." 

•) Nietzsche: Werke, Bd. VI, S. 334 ff. 



384 

Mir Asia auf, und geblendet suchte 

Ich Eines, das ich kannte, denn ungewohnt, 

War ich der breiten Gassen, wo herab 

Vom Tmolus fährt 

Der goldgeschmückte Paktol 

Und Taurua steht und Messagis, 

Und voll von Blumen der Garten, 

Ein stilles Feuer aber im Lichte 

Blüht hoch der silberne Schnee, 

Und unsterblichen Lebens Zeug', 

An ungangbaren Wänden 

Uralt der Epheu 1 ) wächst und getragen sind 

Von lebenden Zedern und Lorbeersäulen, . 

Die feierlichen, 

Die göttlich gebauten Paläste." 

Das Bild ist apokalyptisch: Die mütterliche Stadt im Lande 
der ewigen Jugend, umgrünt und umblüht von unvergänglichem 
Frühling 2 ). Der Dichter identifiziert sich hier mit Johannes, der auf 
Patmos lebte, der einst dem „Sohne des Höchsten" gesellt war und 
ihn von Angesicht sah : 






1 ) Das tpäQfiauov ädavaaias, der Somatrank, der Haoma der Perser, 
soll aus Ephedra vulgaris gemacht werden. Spiegel: Eran. Altertums- 
kunde, I. Bd. S. 433. 

*) Wie die himmlische Stadt in Hauptmanns Hannele: 

„Die Seligkeit ist eine wunderbare Stadt, 
Wo Friede und Freude kein Ende mehr hat, 
Ihre Häuser sind Marmel, ihre Dächer .sind Gold, 
Roter Wein in den sübernen Brünnlein rollt, 
Auf den weißen, weißen Straßen sind Blumen gestreut, 
Von den Türmen klingt ewiges Hochzeitsgeläut. 
Maigrün sind die Zinnen, vom Frühlicht beglänzt,. 
Von Faltern umtaumelt, mit Rosen bekränzt. 



Dort unten wandeln Hand in Hand: 

Die festlichen Menschen durchs himmlische Land. 

Das weite, weite Meer füllt rot roter Wein, 

Sie tauchen mit strahlenden Leibern hinein! 

Sie tauchen hinein in den Schaum und den Glanz, 

Der klare Purpur verschüttet sie ganz, 

Und steigen sie jauchzend hervor aus der Flut, 

So sind sie gewaschen durch Jesu Blut." 



«-• 



385 

„Da beim Geheimnisse des Weinstocks sie 
Zusammensaßen zu der Stunde des Gastmahls, 
Und — in der großen Seele ruhig ahnend den Tod 

Aussprach der Herr die letzte Liebe 

— Darauf starb er. Vieles wäre 

Zu sagen davon. Und es sahn, wie er siegend blickte, 

Den Freudigsten, die Freunde noch zuletzt. 

Drum sandt" er ihnen 

Den Geist und feierlich bebte 

Das Haus und die Wetter Gottes rollten 

Ferndonnernd über 

Die ahnenden Häupter, da schwer sinnend 

Versammelt waren die Todeshelden, 

Jetzt, da er, scheidend, 

Noch einmal ihnen erschienen. 

Denn jetzt erlosch der Sonne Tag, 

Der königliche und zerbrach 

Den geradestrahlenden 

Den Scepter, göttlich leidend, von selbst, 

Denn wiederkommen sollt' es • 

Zu rechter Zeit. 

Die grundliegenden Bilder sind Opfertod und Auferstehung Christi, 
als das Selbstopfer der Soraie, die freiwillig ihr befruchtendes Strahlen- 
scepter zerbricht, in gewisser Hoffnung der Auferstehung. Zur Substanz 
des „Strahlenscepters" ist folgendes anzumerken: Spie Ire ins Kranke 
(1. c. S. 375) sagt, daß „Gott mit dem Strahle die Erde durchbohre". 
Die Erde hat bei Pat. die Bedeutung eines Weibes. Sie faßt auch den 
Sonnenstrahl in mythologischer Weise als etwas Festes auf: „Jesus 
Christus hat mir seine .Liebe gezeigt, indem er mit einem Strahle an das 
Fenster schlug." (S. 383.) Auch bei einem andern Geisteskranken 
habe ich dieselbe Idee der festen Substanz des Sonnenstrahles ange- 
troffen. Hier ist auch auf die phallische Natur des Instrumentes, das 
dem Helden beigegeben ist, hinzuweisen. Thors Hammer, der, die Erde 
spaltend, tief in sie eindringt, ist zu vergleichen dem Fuße des Kaineus. 
Der Hammer verhält sich im Innern der Erde auch wie der Hort, 
indem er im Laufe der Zeit allmählich wieder an die Oberfläche kommt 
(„der Schatz blüht"), d. h. er wird aus der Erde wieder herausgeboren. 
(Vgl. das oben über die Etymologie des „Schwellens" Gesagte.) Mithras 
hält auf vielen Monumenten ein eigentümliches Objekt in Händen, 
das Cumont einem halbgefüllten Schlauch vergleicht. Dieterich 
weist an Hand seines Papyrustextes nach, daß das Instrument die 

Jung, Libido. 25 



386 

Rindsschulter, das Bärengestirn, ist. Die Schulter hat eine indirekt 
phallische Bedeutung, indem sie der Bestandteil ist, der bei Pelops 
fehlte. Pelops war von seinem Vater Tantalus zur Göttermahlzeit 
geschlachtet, zerstückelt und im Kessel gekocht worden. Demeter 
hatte ahnungslos von diesem Schmause die Schulter verzehrt, 
als Zeus den Frevel entdeckte. Er ließ die Stücke wieder in den Kessel 
werfen und mit Hilfe der lebenspendenden Clotho wurde Pelops wieder 
erzeugt, wobei die fehlende Schulter durch eine elfenbeinerne ersetzt 
wurde. Diese Ersetzung ist eine genaue Parallele zur Ersetzung des 
fehlenden Phallus des Osiris. Mithras wird dargestellt, wie er in einem 
besonderen Akte die Rindsschulter über Sol, seinen Sohn und Statt- 
halter, hält. Diese Szene dürfte einer Art Weihung, einem Ritterschlag 
zu vergleichen sein (etwa dem Firmelungsschlag). Das Schlagen als 
zeugende (befruchtende, begeisternde) Funktion ist als Volksgebrauch 
im Schlagen mit der Lebensrute erhalten, was die Bedeutung eines 
Fruchtbarkeitszaubers hat. In den Neurosen spielt die sexuelle Ber 
deutung der Züchtigung eine große Rolle, indem bei nicht wenigen 
Kindern die Züchtigung einen sexuellen Orgasmus auslösen kann. 
Die sakrale Handlung des Schiagens hat dieselbe Bedeutung des „Über- 
zeugens" (Befruchtens) und ist wohl bloß eine Variante des ursprüng- 
lichen Phallusdurchziehens. Von ähnlicher Beschaffenheit wie die 
Rindsschulter ist die Pferdekeule des Teufels, der ebenfalls sexuelle m 
Bedeutung zukommt. Ebenso zu werten ist der Eselskinnbacken des 
Simsen: In der polynesischen Mauimythe stammt der Kinnbacken, 
die Waffe des Helden, von der Menschenfresserin Muri-ranga-whenua, 
deren Leib vom Wittern nach Mensch enfleisch gewaltig aufschwillt. 
(Frobenius 1. c.) Herakles hat seine Keule vom Holze des mütterlichen 
Ölbaumes. Auch Fausts Schlüssel kennt die Mütter. Die Libido stammt 
von der Mutter und einzig mit dieser Waffe überwindet man den Tod. 

Es entspricht der phallischen Natur des Eselskinnbackens des 
Simson, daß an der Stelle, wo er ihn binwarf, (rott eine Quelle 
aufsprudeln ließ 1 ). (Quellen aus der Roßtrappe, Fußstapfen, Pferde- 
huf.) In diesem Bedeutungszusammenhang gehört der Zauberstab, 
das Scepter überhaupt. Griech. oxrjnxgov = Scepter gehört zu cxänog, 
oxrj7tdvcüv, oxf)ncov — Stab, oxrjmös = Sturmwind,- lat. scapus, 
Schaft, Stengel, scapulä, Schulterblatt, ahd. scaft: Speer, Lanze 2 ). 

i) Richter: 15, 17 ff. 

*) Prell witz: Griech. Etym. s. öm'jjito>. 



387 



Wir begegnen in dieser Zusammenstellung wieder jenem Zusammen- 
hängen die uns bereits bekannt sind: Sonnenphallus als Windröhre, 
Lanze und Schulterblatt. 

Die Überleitung von der Asia über Patmos auf das christliche 
Mysterium im Gedichte Hölderlins ist anscheinend eine oberflächliche 
Verknüpfung, im Grunde genommen aber ein höchst sinnvoller Ge- 
dankengang: Das Eingehen in Tod und Jenseitsland als ein Selbst- 
opfer des Helden zur Erlangung der Unsterblichkeit. In dieser Zeit, 
wo die Sonne untergegangen, wo die Liebe anscheinend tot ist, erwarten 
die Menschen in heimlicher Freude die Wiedererneuerung alles Lebens : 

— „Und Freude war es 
Von nun an, 

Zu wohnen in liebender Nacht und bewahren 
Die einfältigen Augen, unverwandt 
Abgrunde der Weisheit." 

In der Tiefe wohnt die Weisheit, die Weisheit der Mutter; eins 
seiend mit ihr ist dem Sinne Ahnung gegeben von den tieferen Dingen, 
von all den Niederschlägen uralter Zeit, deren Schichten sich der Geist 
bewahrt hat. Auch der Dichter in seiner kranken Ekstase fühlt ein 
mehreres von der Größe des Geschauten, aber ihm liegt wenig mehr 
daran, es heraufzubringen zum lichten Tage, was er in der Tiefe er- 
schürft hat — im Gegensatz zu Faust. 

„Und nicht ein Übel ist's, wenn Einiges 

Verloren geht und wann der Rede 

Verhallt der lebendige Laut, 

Denn göttliches Werk auch gleicht dem unsern, 

Nicht alles will der Höchste zumal, 

Zwei Eisen trägt der Schacht, 

Und glühende Harze der Ätna. 

So hätt' ich Reichtum, 

Ein Bild zu bilden und ähnlich 

Zu schauen, wie er gewesen, der Geist." 

Nur eine Hoffnung läßt er heraufblinken, in spärliche Worte 
geformt : 

— „Die Toten wecket 

Er auf, die nicht gefangen, nicht 

Vom Rohen sind." 

„Und wenn die Himmlischen jetzt, 

25* 



J 



388 

So wie ich glaube, mich lieben" — 

— „Still ist sein. 1 ) Zeichen 

Am dämmernden Himmel. Und einer steht darunter 

Sein Leben lang. Denn noch lebt Christus." 

Aber wie einst Gilgamesh, das Wunderkraut aus dem seligen 
Westland zurückbringend, von der dämonischen Schlange seines Gutes 
beraubt wird, so klingt auch Hölderlins Gedicht in einen schmerz- 
lichen Klagelaut aus, der uns verrät, daß seinem Niedersteigen zu den 
Schatten kein sieghaftes Auferstehen mehr folgen wird: 

„Schmählich 

Entreißt das Herz uns eine Gewalt, 
Denn Opfer will der Himmlischen jedes!" 

Diese Erkenntnis, daß man die rückschauende Sehnsucht (die 
inzestuöse Libido) opfern sollte, bevor die „Himmlischen" uns die Opfer 
„entreißen", wobei sie aber auch die ganze Libido mitnehmen, kam dem 
Dichter zu spät. Daher nenne ich es einen weisen Rat, den das Un- 
bewußte unserer Autorin gibt, den Infantilhelden zu opfern. Dieses 
Opfer geschieht am besten, wie die erste Bedeutungsschicht ergeben hat, 
in einer völligen Hingabe an das Leben, wobei auch alle die unbewußt 
in familiären Banden gebundene Libido nach außen in die menschliche 
Gesellschaft gebracht werden muß, denn es ist für das Wohlbefinden 
des einzelnen erforderlich, daß er, nachdem er in seiner Kindheit bloß 
mitdrehendes Partikel in einem rotierenden System gewesen war, 
nunmehr erwachsen selber Zentrum eines neuen Systems werde. Daß 
ein derartiger Schritt auch die Lösimg oder wenigstens die angestrengte 
Bearbeitung des eigenen sexuellen Problems impliziert, ist ohneweiters 
klar; denn, geschieht dies nicht, dann bleibt die nicht verwendete 
Libido unweigerlich im Inzestverhältnis stecken und macht das In- 
dividuum in wesentlichen Stücken unfrei. Wir erinnern uns hier daran, 
daß die Predigt Christi mit ;Rücksichtslosigkeit den Menschen von 
seiner Familie trennen möchte, und im Nikodemusgespräch sahen 
wir die besondere ßemühung Christi, der Inzestlibido Betätigung 
zu verschaffen. Beide Tendenzen dienen demselben Ziele, nämlich den 
Menschen zu befreien, einerseits den Juden aus seiner außerordent- 
lichen Bindung an die Familie, die nicht höherei Einsicht, sondern 
größerer Weichheit und Unbeherrschbarkeit des inzestuösen Gefühles 
entspricht, daher die Kompensation dafür das Zwangszeremoniell des 

>) Des Vaters. 






389 



Kultus und die religiöse Angst vor dem unzurechnungsfähigen Jahwe 
ist. Wenn durch kein Gesetz und durch keine wütenden Fanatiker 
und Propheten geschreckt der Mensch seine inzestuöse Libido gewähren 
läßt und nicht zu höheren Zwecken befreit, dann ist er unter dem 
Einfluß unbewußten Zwanges. Denn Zwang ist unbewußter Wunsch. 
(Freud.) Dann steht er unter Libidozwang (ei/ioQßiivvj) und seine 
Schicksale gehen nicht durch seine Hand ; seine Tvyat aal MoXqai fallen 
ihm von den Sternen. Seine unbewußt inzestuöse Libido, die so in 
primitivster Form angewandt ist, hält den Menschen, was seinen Liebes- 
typus anbelangt, auf entsprechend primitiver Stufe, der Stufe der Un- 
beherrschbarkeit und des Ausgeliefertseins an die Affekte. Das war 
die psychologische Lage der ausgehenden Antike, und der Heiland 
und Arzt jener Zeit war der, der die Menschen zur Sublimierung ihrer 
inzestuösen Libido erziehen wollte 1 ). Die Zerstörung der Sklaverei 
war dazu Postulat und Bedingung; denn das Altertum hatte die 
Arbeitspflicht und die Pflichtarbeit als soziale Bedingung prin- 
zipiellster Bedeutung noch nicht erkannt. Sklavenarbeit war Zwangs- 
arbeit, das Gegenstück zum ebenso unheilvollen Libidozwang der 
Besitzenden. Nur die Arbeitspflicht des Einzelnen war es, welche 
auf die Dauer jene regelmäßige „Drainage" des Unbewußten, das durch 
beständige Libidoregressionen überschwemmt wurde, ermöglichte. 
Die Faulheit ist aller Laster Anfang, weil im Zustande faulen Träumens 
die Libido reichlich Gelegenheit hat, in sich selber zu versinken, um 
durch regressiv wiederbelebte inzestuöse Bindungen zwingende Ver- 
pflichtungen zu schaffen. Davon befreit am besten regelmäßige 
Arbeit 2 ). Die Arbeit ist aber nur dann Erlösung, wenn sie eine freie 
Tat ist und nichts mehr von infantilem Zwang an sich hat. Unter diesem 
Aspekt erscheint die religiöse Zeremonie zu gutem Teil als organisierte 
Untätigkeit und zugleich als Vorstufe des modernen Arbeitens. 
Wenn die Vision von Miß Miller das Problem der Opferung 



') Diesen Zweck verfolgten eigentlich alle Mysterien. Sie schaffen Symbole 
von Tod und Wiedergeburt zur Betätigung und Erziehung der Infantillibido. 
Wie Frazer: The golden Bough. I, III, S. 442 ff . zeigt, haben auch exotische 
und barbarische Völker in ihren Mysterien dieselben Symbole des initiatorischen 
Sterbens und Wiedergeborenwerdens, genau wie auch Apulejus: (Metam. XI, 
23) von der Einweihung des Lucius in die Isismysterisn sagt: ,,Accessi confinium 
mortis et calcato Proserpinae limine per omnia vectus elementa remeavi." Lucius 
starb figürlich (ad. instar voluntariae mortis) und wurde wiedergeboren (renatus). 

2 ) Das hindert aber den modernen Neurotiker nicht daran, seine Arbeits- 
pflicht zu einem Verdrängungsmittel zu machen und sich daran aufzureiben. 



< 



<. 



390 

infantiler Sehnsüchte behandelt, so ist dies zwar zunächst ein indi- 
viduelles Problem, wenn wir aber einen Blick werfen auf die Form, 
in der diese Bearbeitung geschieht, dann werden wir inne, daß es sich 
hier um etwas handeln muß, was auch der Menschheit im allgemeinen 
Problem sein muß. Denn die Symbole, die Schlange, die das Pferd 
tötet 1 ), und der sich freiwillig opfernde Held sind uralte Figuren der aus 
dem Unbewußten strömenden Phantasien und religiösen Mythen. 
Insofern die Welt und alles Seiende ein Gedachtes in erster 
Linie ist (dem wir auf dem "Weg empirischer Nötigung auch eine 
transzendente „Substantialität" zuerkennen), so geht aus dem Opfer 
der nach allem Vergangenen zurückschauenden Libido die Schaffung 
der Welt und, psychologisch gesprochen, überhaupt die Welt hervor. 
Für den Rückschauenden ist die Welt, selbst der unendliche gestirnte 
Himmel, die über ihn gebeugte und ihn von allen Seiten umfassende 
Mutter 2 ) und aus dem Verzichte auf dieses Bild und auf die Sehn- 
sucht nach diesem Bild entsteht das Weltbild. Aus diesem höchst 
einfachen Grundgedanken, der vielleicht nur darum uns fremdartig 
erscheint, weil er ausschließlich dem Lust- und nicht dem Realitäts- 
prinzip 3 ) entsprechend gedacht ist, ergibt sich die Bedeutung des 
kosmischen Opfers. Ein gutes Beispiel dafür ist die Tötung der 
babylonischen Urmutter Tiämat, des Drachen, dessen Leichnam 
bestimmt ist, Himmel und Erde zu bilden. Am vollendetsten wohl 
treffen wir diesen Gedanken in der indischen Phüosophie ältesten 
Datums, nämlich in den Liedern des Rigveda. Rigv. 10, 81, 4 fragt 
das Lied: 

„Was ist das Holz, was ist der Baum gewesen, 
Aus dem sie Erd' und Himmel ausgehauen? 
Ihr Weisen, forscht im Geiste diesem nach." — 

Vicvakarman, der Allschöpfer, der aus dem unbekannten Baume 
die Welt schuf, tat es folgendermaßen: 

„Der, opfernd, sich in alle diese Wesen 
Als weiser Opferer senkte, unser Vater, 
Der ging, nach Gütern durch Gebet verlangend, 



x ) Vgl. 1 Mose, 49, 17: „Dan wird eine Schlange werden auf dem Wege 
und eine Otter auf dem Steige und das Pferd in die Fersen beißen, daß sein 
Reiter zurückfalle." 

2 ) Vgl. dazu die ägyptische Darstellung des Himmels als Weib und Kuh. 

3 ) Freud: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen 
Geschehens. Dieses Jahrbuch, S. 1 ff. 






391' 



Ursprungverhüllend in die niedre Welt ein. 

Doch was hat wohl als Standort ihm 

Was hat und wie als Stützpunkt 1 ) ihm gedient?" 

Rigveda 10, 90 gibt Antwort auf diese Fragen: 
Der Purusha ist das Urwesen, das 

„Bedeckt ringsum die Erde allerorten 

Zehn Finger hoch noch drüber hinzufließen." 

Man sieht, Purusha ist eine Art platonischer Weltseele, die die 
Welt auch von außen umgibt: (von Purusha) 

„Geboren überragte er die Welt 

Nach vorn, nach hinten und an allen Orten." 

Die Muttersymbolik im Bilde des Purusha ist, wie mir scheint, 
deutlich. Er repräsentiert die Mutterimago und die an ihr haftende 
Libido des Kindes. Aus dieser Annahme erklärt sich alles Folgende 
sehr einfach: 

„Als Opfertier ward auf der Streu geweiht 
Der Purusha, der auf der Streu entstanden, 
Den opferten die Götter, Selige 
Und Weise, die sich da zusammenfanden." 

Dieser Vers ist sehr merkwürdig; wenn man dies Mythologem 
in das Prokrustesbett der Logik spannen wollte, so müßte ihm wohl 
übel Gewalt angetan werden. Wie außer den Göttern noch gewöhnliche 
„Weise" dazukommen, das Urwesen zu „opfern", ist eine unerhört 
phantastische Vorstellung, ganz abgesehen von dem Umstände, daß 
außer dem Urwesen nichts anfänglich existiert hat (d. h. vor dem 
Opfer), wie wir noch sehen werden. Wenn nun damit jenes große Ge- 
heimnis der Mutteropferung gemeint sein sollte, dann wird alles klar. 

„Aus ihm als ganz verbranntem Opfertier 
Floß ab mit Schmalz gemischter Opferseim, 
Daraus schuf man die Tiere in der Luft 
Und die im Walde leben und daheim. 



x ) Diese Form der Frage erinnert an das bekannte indische Symbol des 
welttragenden Tieres: Ein Elefant auf einer Schildkröte stehend. Der Elefant 
hat, wie bekannt, hauptsächlich männlich-phallische und die Schüdkröte, wie 
jedes Sohalentier, hauptsächlich weibliche Bedeutung. 



392 



Aus ihm als ganz verbranntem Opfertier 
Die Hymnen und Gesänge sind entstanden, 
Aus ihm auch, die Prunk lieder allesamt, 
Und was an Opfersprüchen ist vorhanden. 



Aus seinem Manas ist der Mond geworden, 
Das Auge ist als Sonne jetzt zu sehen, 
Aus seinem Mund entstand Indra und Agni, 
Väju, der Wind, aus seines Odems Wehen. 
Bas Reich des Luftraums ward aus seinem Nabel, 
Der Himmel aus dem Haupt hervorgebracht, 
Die Erde aus den Füßen, aus dem Ohre 
Die Pole. So die Welten sind gemacht." 

Es ist evident, daß damit keine physische, sondern eine psy- 
chologische Kosmogonie gemeint ist. Die Welt entsteht, wenn 
der Mensch sie entdeckt. Er entdeckt sie, wenn er die Mutter opfert, 
d. h. wenn er sich aus den Nebeln seines Unbewußtseins in der Mutter 
befreit hat. Was ihn vorwärts zu dieser Entdeckung treibt, läßt sich 
psychologisch als die von Freud so genannte „Inzestschranke" auf- 
fassen. Das Inzestverbot setzt dem kindlichen Sehnen nach der nalirungs- 
spendenden Mutter ein Ziel und zwingt die' allmählich sexuell werdende 
Libido auf die Bahn des biologischen Ziels. Die durch das Inzestverbot 
von der Mutter abgedrängte Libido, die „Mutterlibido", sucht nach dem 
Sexualobjekt an Stelle der verbotenen Mutter. In diesem weiten psy- 
chologischen Sinne, der in der Gleichnissprache von „Inzestverbot", 
„Mutter" usw. sich ausdrückt, ist auch Freuds paradoxer Satz zu ver- 
stehen: „Ursprünglich haben wir nur Sexualobjekte gekannt 1 )." 
Ein Satz, der durchaus psychologisch zu verstehen ist, im Sinne 
eines von innen nach außen geschaffenen Weltbildes, das zunächst 
nichts mit dem sogenannten „objektiven" Weltbild zu tun hat, als 
welches eine durch die Realitätskorrektur gegangene Neuauflage 
des subjektiven Weltbildes zu verstellen ist. Die Biologie als eine ob- 
jektive Erfahrungswissenschaft hätte Freuds Satz unbedingt zu ver- 
werfen, indem wie wir eingangs klargelegt haben, die Wirklichkeits- 
funktion nur zum Teil sexuell sein kann; zu einem andern, ebenso 
wichtigen Teil ist sie auch Selbsterhaltung. Anders erscheint die Sache 
für das, die biologische Funktion als Epiphänomenon begleitende 
Denken. Soweit unser Wissen reicht, ist der individuelle Denkakt 

J ) Zentraiblatt für Psychoanalyse, Bd. II, S. 171. 



393 



wohl ganz oder zum allergrößten Teil an die Existenz eines hoch- 
differenzierten Gehirns gebunden, während Wirklichkeitsfunktion 
(Anpassung an Realität) etwas ist, das ganz unabhängig vom Denkakt 
in der ganzen belebten Natur vorkommt. Nur für den Denkakt gilt 
dieser wichtige Satz Freuds, indem das Denken, wie alle Spuren 
erkennen lassen, dynamisch aus der Libido abstammt, welche an der 
„ Inzestschranke" vom ursprünglichen Objekt abgespalten wurde. 
Die „Inzestschranke" aber tritt in Tätigkeit, wenn die ersten keimenden 
Sexualregungen im Strom der Libido, die zur Mutter geht, mitzu- 
fließen beginnen. Durch die Inzestschranke wird die Sexuallibido aus 
der libidinösen Identifizierung mit den Eltern abgedrängt und in- 
trovertiert aus Mangel an adäquater Betätigung. Die Sexuallibido ist 
es, welche den wachsenden Menschen langsam aus der Familie heraus- 
führt. (Existierte diese Notwendigkeit nicht, so bliebe die Familie 
wohl immer zu festem Klumpen geballt zusammen. Daher der Neu- 
rotiker immer auf volles erotisches Erleben verzichtet 1 ), um 
Kind bleiben zu können.) Aus der Introversion der Sexuallibido scheinen 
die Phantasien hervorzugehen. Da nun die ersten kindlichen Phantasien 
wohl sicher nicht die Qualität eines bewußten Plans erreichen und die 
Phantasien sowieso (auch beim Erwachsenen) fast immer die direkten 
Abkömmlinge des Unbewußten sind, so ist höchstwahrscheinlich, 
daß die ersten Phantasieleistungen einem Regressionsakt entspringen. 
Wie wir früher erläuterten, geht die Regression auf vorsexuelle Stufe 
zurück, worauf viele Spuren hingewiesen haben. Hier erhält die Sexual- 
libido gewissermaßen wieder jene universelle Anwendungs- 
fähigkeit oder Verlagerungsfähigkeitj welche sie tatsächlich 
auf jener Stufe besaß, wo die sexuelle Anwendung noch nicht auf- 
gefunden war. Für die regredierende Sexuallibido findet sich natürlich 
auf vorsexueller Stufe kein adäquates Objekt, sondern bloß Surrogate, 
welche immer noch einen Wunsch übrig lassen, nämlich den Wunsch, 
das Surrogat dem Sexualziel möglichst ähnlich zu haben. Dieser Wunsch 
ist aber geheim, denn er ist eigentlich ein Inzestwunsch. Das un^ 
befriedigte unbewußte Wünschen schafft nun unzählige Sekundär- 
objekte, Symbole für das Urobjekt, die Mutter. (Wie der Rigveda sagt, 
geht der Weltschöpfer „ursprungverhüllend" in die Dinge ein.) Daraus 
geht das Denken respektive das Phantasieren hervor als eine nunmehr 

J ) Der neurotische Don Juan ist kein Beweis; was der ,, Habitue" unter 
Liebe versteht, ist bloß eine Schwächlichkeit und weit entfernt von dem, was 
Liebe heißt! 






, 



.-' 



394 

idesexualisierte Betätigung einer ursprünglich sexuellen 
\Libido. 

Was nun den Ausdruck „Inzestschranke" betrifft, so entspricht er 
einer Anschauung vom Standpunkt der Libido aus. Es läßt sich jedoch 
auch eine andere Betrachtungsweise auf die gleiche Frage anwenden. 

Jene Zeit der keimenden Sexualität (etwa 3. bis 4. Jahr) ist zugleich, 
von außen betrachtet, die Zeit, wo das Kind erhöhten Wirklichkeits- 
anforderungen gegenübersteht. Es kann gehen, reden und eine Menge 
sonstiger Dinge selbständig besorgen; so sieht es sich schon der Welt 
der unbeschränkten Möglichkeiten gegenüber, in der es aber noch 
wenig oder nichts zu tun wagt, weil es auf der andern Seite doch noch 
zu sehr Säugling ist, der ohne die Mutter nicht sein kann. Auf dieser 
Stufe sollte Mutter mit Welt vertauscht werden. Dagegen 
erhebt sich die Vergangenheit als größter Widerstand; wie immer, 
wenn der Mensch eine Neuanpassung leisten soll. Aller Evidenz und 
aller bewußten Entschließung zum Trotz bringt das Unbewußte (die 
Vergangenheit) immer und immer wieder seinen Standpunkt als Wider- 
stand zur Geltung. In dieser schwierigen Lage, eben in dieser Zeit 
der erwachenden Sexualität, sehen wir das Keimen des Geistes. Die 
Aufgabe des Kindes dieser Stufe ist die Entdeckung der Welt und der 
großen transsubjektiven Wirklichkeit. Daran soll es die Mutter ver- 
lieren; jeder Schritt in die Welt hinein bedeutet einen Schritt werter 
von der Mutter weg. Begreiflicherweise sträubt sich alles Retrospektive 
im Menschen gegen diesen Schritt und es werden energische Versuche 
unternommen, zunächst diese Anpassung nicht zu leisten. Daher ist 
diese Altersstufe auch die Zeit der ersten deutlich ausgebildeten Neu- 
rosen. Die Tendenz dieses Alters ist eine der Tendenz der Dementia 
praecox direkt entgegengesetzte. Das Kind sucht die Welt zu gewinnen 
und die Mutter zu lassen (dies als notwendige Folge), die Dementia 
praecox aber sucht die Welt zu lassen und den Subjektivismus der 
Kindheit wieder zu gewinnen. Wir sahen, daß die Dementia praecox 
rezente Wirklichkeitsanpassung ersetzt durch einen archaischen An- 
passungsmodus, d. h. rezentes Weltbild durch archaisches Weltbild. 
Wenn nun das Kind auf seine Aufgabe der Realitätsanpassung verzichtet, 
d. h. erhebliche Schwierigkeiten in dieser Leistung hat, dann dürfen 
wir erwarten, daß die rezente Anpassung auch wieder durch archaische 
Anpassungsmodi ersetzt werde. Es wäre daher denkbar, daß durch die 
Regression beim Kinde normalerweise archaische Produkte gefördert 
würden, d. h, alte Funktionsweisen des Denksystems, das mit der 









. 



395 



Gehirndifferenzierung angeboren ist, aufgeweckt würden. Nach dem 
mir vorliegenden (noch nicht publizierten) Material scheint allerdings 
der infantilen Phantasie ein merkwürdig archaischer und zugleich 
allgemeingültiger Charakter anzuhaften, der sich durchaus mit den 
Produkten der Dementia praecox vergleichen läßt. Es erscheint nicht 
unwahrscheinlich, daß durch die Regression in diesem Alter jene selben 
Elemente- und Analogieassoziationen wieder geweckt werden, welche 
ehemals auch die Elemente des archaischen Weltbildes bildeten. Wenn 
wir nun untersuchen, welches die Elemente des archaischen Weltbildes 
sind, so genügt ein Blick auf die Mythenpsychologie, um zu sehen, 
daß das archaische Weltbild vorzugsweise ein sexueller Anthroporaorphis- 
mus war. Es scheint, daß diese Dinge in der unbewußten kindlichen 
Phantasie eine außerordentliche Rolle spielen, wie Stichproben er- 
kennen lassen. Wie nun der Sexualismus der Neurose auch nicht buch- 
stäblich zu nehmen ist, sondern als regressives Phantasma und sym- 
bolischer Ersatz einer nicht geleisteten rezenten Anpassung, so ist 
auch der Sexualismus der frühinfantilen Phantasie, insbesondere das 
Inzestproblem, ein die Tatsächlichkeit weit überwiegendes regressives 
Produkt der Wiederbelebung archaischer Funktionsweisen. Ich habe 
deshalb in dieser Arbeit mich zunächst sehr unbestimmt über das 
Inzestproblem ausgedrückt, um die Meinung nicht aufkommen zu lassen, 
daß ich darunter in Bausch und Bogen eine grobsexuelle Neigung zu 
den Eltern verstehe. Die wirkliche Sachlage ist, wie meine Überlegung 
zeigt, sehr viel komplizierter. Auch ursprünglich dürfte dem Inzest 
als solchem nie eine besonders große Bedeutung zugekommen sein, 
indem die Paarung mit einem alten Weibe aus allen möglichen Gründen 
wohl kaum der Paarung mit einem jungen Weibe vorgezogen wurde. 
Es scheint, daß die Mutter erst psychologisch inzestuös bedeutsam 
geworden ist. So sind z. B. die Inzestehen im Altertum wohl nicht 
Folge einer Liebesneigung, sondern eines besonderen Aberglaubens, 
der mit den hier behandelten mythischen Vorstellungen aufs nächste 
verbunden ist. Ein Pharao der II. Dynastie soll seine Schwester, seine 
Tochter und seine Enkelin geheiratet haben, die Ptolemäer pflegten 
ebenfalls der Schwesterehe, Kambyses heiratete seine Schwestern, 
Artaxerxes seine beiden Töchter, Qobad I. (VI. Jahrh. p. Chr. n.!) 
seine Tochter. Der Satrap Sysimithres heiratete sogar seine Mutter. 
Diese Inzestehen erklären sich aus dem Umstand, daß im Zend Avesta 
die Verwandtenelle direkt empfohlen wird 1 ); sie diente der Gott- 
*) Spiegel: Erän. Alterturaskunde, II, 667 ff. 



396 

ähnlichkeit des Herrschers und war daher ein mehr künstliches als 
natürliches Gebilde, indem sie wohl mehr theoretischer wie biologischer 
Neigung entsprang. (Eine praktische Nötigung dazu lag auch öfter 
in den aus dem Mutterrecht restierenden, eigenartigen Erbrechts- 
verhältnissen.) Die Mißverständnisse, die dem Urzeitbarbaren gewiß 
öfter in der Wähl seines Sexualobjektes passierten, können nicht gut 
am Maßstab heutiger Liebespsychologie gemessen werden. Jedenfalls 
^steht der Inzest der halbtierischen Vorzeit in keinem Verhältnis zu 
"der enormen Bedeutung der Inzestphantasie bei den Kulturvölkern. 
Dieses Mißverhältnis nötigt uns zur Annahme, daß auch das Inzest- 
verbot, das wir bei relativ niederen Völkerstämmen schon antreffen, 
eher mit mythischen Vorstellungen zu tun hat als mit der biologischen 
Schädlichkeit, daher auch die ethnischen Verbote fast immer die Mutter 
und selten den Vater betreffen. Das Inzestverbot wäre demnach eher 
I als die Folge einer Regression aufzufassen, und zwar als Folge einer 
libidinösen Angst, die sich regressiv auf die Mutter warf. Es ist natürlich 
schwer oder unmöglich zu sagen, woher diese Angst gekommen sein 
dürfte. Ich wage nur anzudeuten, daß es sich um eine ursprüngliche 
Trennung von Gegensatzpaaren gehandelt haben mag, welche 
im Lebenswillen verborgen sind, das Leben- und das Sterbenwollen. 
Welches die Anpassungsleistung war, der sich der Urmensch durch 
Introversion und Regression auf die Eltern entziehen wollte, bleibt 
dunkel; aber nach Analogie des seelischen Lebens überhaupt ist anzu- 
nehmen, daß die Libido, welche das anfängliche Gleichgewicht des 
Werdens und Vergehens störte, an einer besonders schwierigen An- 
passungsleistung sich aufgestaut hat, und vor der sie bis heute zurück- 
weicht. 

Nach dieser längeren Abschweifung kehren wir zu dem Rigveda- 
liede zurück. Ich hielt es nicht für überflüssig, noch ein Weiteres zu 
sagen über die phantastische Natur der zu opfernden Libidoanwendung. 
Denken und Weltbild entstand aus dem Zurückschrecken vor der 
harten Wirklichkeit, und erst nachdem der Mensch regressiv sich der 
- schützenden Elternmacht wieder versichert hat 1 ), betritt er, befangen 



') Ereud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, S. 57; „Der 
allmächtige, gerechte Gott und die gütige Natur erscheinen uns als großartige 
Sublimierungen von Vater und Mutter, vielmehr als Erneuerungen und Wieder- 
herstellungen der frühkindlichen Vorstellungen von beiden. Die Religiosität 
führt sich biologisch auf die lang anhaltende Hilflosigkeit und Hilf s bedürftigkeit 
des kleinen Menschenkindes zurück, welches, wenn es später seine wirkliche Ver- 









397 



in einem Kindheitstrauni, umhüllt von magischen Superstitionen, 
d. h. „denkend" 1 ), die Welt, indem er, ängstlich sein Bestes opfernd 
und sich der Gunst der Unsichtbaren versichernd, Schritt um Schritt 
zu immer größerer Macht emporwächst, in dem Maße, als er sich von 
seiner rückschauenden Sehnsucht und der anfänglichen Uneinigkeit 
seines Wesens befreit. 

Rigveda 10, 90 schließt mit dem überaus bedeutsamen Vers, 
der auch für das christliche Mysterium von größter Wichtigkeit ist:- 

„Die Götter opfernd, huldigten dem Opfer, 
Und dieses war der Opferwerke erstes; 
Sie drangen mächt'gen Wesens auf zum Himmel, 
Da wo die alten, seligen Götter weüen." 

Durch das Opfer wird eine Fülle der Macht erlangt, die an die 
Macht der „Eltern" heranreicht. So hat das Opfer auch die Bedeutung 
des psychologischen Reifungsprozesses. 

In der gleichen Weise, wie die Welt entstand durch das Opfer, 
durch den Verzicht auf die rückschauende Mutterlibido, so wird nach 
der Lehre der Upanishaden auch der neue Zustand der Menschen — 
erzeugt, den man als den unsterblichen bezeichnen kann. Dieser neue 
Zustand nach dem menschlichen Dasein wird wieder durch ein Opfer 
erreicht, nämlich durch das Roßopfer, dem in der Lehre der Upani- 
shaden eine kosmische Bedeutung zukommt. Was das geopferte Pferd 
bedeutet, sagt Brihadaranyka-Upanishad 1, l 2 ). 

„Om! 

1. Die Morgenröte wahrlich ist des Opferrosses Haupt, die Sonne 
sein Auge, der Wind sein Odem, sein Rachen das allverbreitete Feuer, 
das Jahr ist der Leib des Opferrosses. Der H imm el ist sein Rücken, der 
Luftraum seine Bauchhöhle, die Erde seines Bauches Wölbung; die Pole 
sind seine Seiten, die Zwischenpole seine Rippen, die Jahreszeiten seine 

lassenheit und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt hat, seine 
Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und deren Trostlosigkeit durch 
die regressive Erneuerung der infantilen Schutzmäohte zu ver- 
leugnen suoht." 

») Nietzsche: Fröhliche Wissensch. Aph. 157: „Mentiri — gib acht! — 
er sinnt naoh: sofort wird er eine Lüge bereit haben. Dies ist eine Stufe der Kultur, 
auf der ganze Völker gestanden haben. Man erwäge doch, was die Römer mit 
mentiri ausdrückten!" Tatsächlich ist die indogerm. Wurzel mentis, men- 
dieselbe für mentiri, memini und mens. Vgl. Walde: Lat. Etym. s. mendax, 
memini und mens. 

*) Übersetzt von Deussen: Geheimlehre d. Veda, S. 21. 






■ 






398 

Glieder, die Monate und Halbmonate seine Gelenke, Tage und Nächte 
seine Füße, die Gestirne seine Gebeine, das Gewölk sein Fleisch. Das Futter, 
das es verdaut, sind die Sandwüsten, die Flüsse seine Adern, Leber und 
Lungen die Gebirge, die Kräuter und Bäume seine Haare. Die aufgehende 
Sonne ist sein Vorderteil, die niedergehende sein Hinterteil. Was es bleckt, 
das ist Blitz, was es schauert, ist Donner, was es wässert, Regen, seine 
Stimme ist Rede. 

2. Der Tag fürwahr ist entstanden für das Roß als die Opferschale, 
die vor ihm stehet: seine Wiege ist in dem Weltmeere gen Morgen; die Nacht 
ist für es entstanden als die Opferschale, die hinter ihm stehet: ihre Wiege 
ist in dem Weltmeere gen Abend; diese beiden Schalen entstanden, das 
Roß zu umgeben. Als Roß zog es die Götter, als Kämpfer die Gandharven, 
ab Renner die Dämonen, als Pferd die Menschen, Der Ozean ist sein Ver- 
• • wandter, der Ozean seine Wiege." 

Wie Deussen bemerkt, hat das Roßopfer die Bedeutung einer 
Entsagung, auf das Weltall. Wenn das Roß geopfert wird, so wird 
gewissermaßen die Welt geopfert und zerstört — ein Gedankengang, 
der auch Schopenhauer vorgeschwebt hat und der als geisteskrankes 
Produkt bei Seh reber 1 ) wiederkehrt. Das Roß steht im obigen Text 
zwischen zwei Opferschalen, von der einen kommt es und zur andern 
geht es, wie die Sonne vom Morgen zum Abend geht. Das Roß bedeutet 
daher die Libido, die in die Welt gegangen ist. Oben sahen wir, daß 
die Libido zur Mutter geopfert werden mußte, um die Welt zu erzeugen, 
hier wird die Welt aufgehoben durch die erneute Opferung derselben 
Libido, die erstmals der Mutter gehörte. Das Pferd kann daher füglich 
als Symbol für diese Libido eingesetzt werden, indem es, wie wir sahen, 
vielfache Beziehung zur Mutter hat 2 ). Durch die Opferung des Rosses 
kann also nur wieder ein Introversionszustand erzeugt werden, der 
dem vor der W T eltschöpfung gleicht. Die Stellung des Rosses zwischen 
den beiden Schalen, welche die gebärende und die verschlingende 
Mutter darstellen, weist auch auf das Bild des im Ei eingeschlossenen 
Lebens hin, daher die Schalen die Bestimmung haben, das Roß zu „um- 
geben". Daß dem tatsächlich so ist, beweist Brihadäranyaka-Upani- 
shad : 3,.3: 



! ) Vgl. dazu Freud: Dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 60. 

2 ) Bundehesh, XV, 27, wird der Stier Sarsaok beim Weltuntergang 
geopfert. Sarsaok aber war der Ausbreiter des Menschengeschlechtes; er hat 
9 von 15 Menschenrassen auf seinem Rücken durch das Meer nach fernen 
Weltgegenden gebracht. Der Urstier des Gayoraart hat, wie wir oben sahen, 
unzweifelhaft weibliche und wegen seiner Fruchtbarkeit mütterliche Bedeutung. 



399 

1. „Wohin die Nachkommen des Parikshit kamen, das frage ich dich, 
Yäjnavalkya! Wohin kamen die Nachkommen des Parikshit?" — 

2. Yäjnavalkya sprach : „Er hat euch gesagt, sie gelangten dorthin, 
wohin (alle) kommen, die das Roßopfer darbringen. Nämlich diese Welt 
erstreckt sich so weit, wie zweiunddreißig Tage des Götterwagens (der 
Sonne) reichen. Diese (Welt) umgibt ringsum die Erde zweimal so weit. 
Diese Erde umgibt ringsum der Ozean zweimal 30 weit. Daselbst ist, so 
breit wie die Schneide eines Schermessers oder wie der Flügel einer Fliege, 
ein Raum zwischen (den beiden Schalen des Welteies). Jene nun brachte 
Indra als Falke zum Winde ; und der Wind nahm sie in sich auf und führte 
sie dorthin, wo die Darbringer des Roßopfers waren. So etwa sprach er 
(der Gandharva zu euch) und pries den Wind." — 

Darum ist der Wind die Besonderheit (vyashti) und der Wind die 
Allgemeinheit (samashti). Der wehrt dem Wiedertode, wer solches weiß ! — " 

Wie uns dieser Text sagt, kommen die Darbringer des Roßopfers 
in jene engste Spalte zwischen den Schalen des Welteies, an jene 
Stelle, wo sich die Schalen vereinigen und wo sie geschieden sind. 
Die Spalte (Scheide) in der mütterlichen Weltseele ist bei Plato 
(Timaeus) durch das X bezeichnet, durch das Kreuzsymbol. Indra, der als 
Falke auch den Soma (die schwer erreichbare Kostbarkeit) geraubt 
hat, bringt als Psychopompos die. Seelen zum Winde, zum zeugenden 
Pneuma, das sie weiterführt zur Spalte oder Scheide, zum Vereinigungs- 
punkt, zum Eingang in das mütterliche Ei. Dieser Gedankengang 
der indischen Philosophie resümiert kurz und bündig den Sinn un- 
zähliger Mythen; zugleich ist er ein treffliches Beispiel dafür, wie 
Philosophie innerlich nichts anderes als verfeinerte und sublimierte 
Mythologie ist. Zu dieser Verfeinerung wurde sie gebracht durch die 
Einwirkung der Realitätskorrektur 1 ). Wir haben hervorzuheben, 
daß im Mille rschen Drama zuerst das Pferd fällt als der tierische 
Bruder des Heros. (Entsprechend dem frühen Tode des halbtierischen 
Eabani, des Bruderfreundes des Gilgamesh.) Dieser Opfertod erinnert 
an die ganze Kategorie der mythologischen Tieropfer. Man könnte 
mit Parallelen Bände füllen, weshalb wir uns hier auf Andeutungen 
beschränken müssen. Das Tieropfer, wo es die prünitive Bedeutung 
des einfachen Opfergeschenkes verlassen und eine höhere religiöse 
Bedeutung angenommen hat, steht in innerer Beziehung zum Heros 



*) Wenn für Silberer die mythologische Symbolik ein Erkenntnisprozeß 
auf mythologischer Stufe ist (dieses Jahrbuch, Bd. III, S. 664 ff.), so besteht 
zwischen dieser Ansicht und der meinigen lediglich ein Unterschied des Stand- 
punktes, welcher eine ganz andere Auadrucksweise im Gefolge hat. 



;" 



400 



/ 



<. -• 



respektive zur Gottheit. Das Tier repräsentiert den Gott selbst 1 ), 
so der Stier 2 ) den Zagreus-Dionysos und den Mithras, das Lamm den 
Christos 3 ) usw. Wie wir wissen, repräsentiert das Tiersymbol die tierische 
Libido. Die Opferung der Tieres bedeutet daher Opferung der tierischen 
Sexuallibido, d. h. der Tiernatur. Am deutlichsten drückt sich dies aus 
in der Kultlegende des Attis. Attis ist der Sohngeliebte der Götter- 
mutter, der Agdistis-Kybele. (Agdistis war bezeichnenderweise andro- 
gyn 4 ), als Symbol der Mutterlibido wie der Baum; eigentlich ein klarer 
Hinweis, daß die Mutterimago neben der Bedeutung des Abbildes 
der wirklichen Mutter noch die Bedeutung der Menschheitsmutter, der. 
Libido überhaupt hat.) Von der in ihn verliebten wahnsinnspendenden 
Mutter rasend gemacht, entmannt er sich selbst, und zwar unter 
einer Fichte. (Die Fichte spielt in seinem Kult eine große Rolle* 
Alljährlich wird eine Fichte bekränzt und an ihr ein Bild des Attis auf- 
gehängt und dann gefällt, was die Kastration darstellt.) Das Blut,. 
das auf die Erde spritzte, verwandelte sich in aufsprießende Veilchen. 
Kybele nahm nun diese Fichte, trug sie in ihre Höhle und 
beweinte sie dort. (Pieta.) Die chthonische Mutter nimmt ihren 



') Diese Vorstellungsreihe beginnt mit der Totemmahlzeit. 

a ) Taurus ist astrologisch das Domicilium Veneria. 

s ) Aus der Bibliothek Asurbanipals stammt ein interessantes sumerisch- 
assj-risches Fragment (Cuneiform. Inscr., I, IV, 26, 6. Zitiert bei Greßmann: 
Altorient. Text, und Bild. I, S. 101.) 

„Zu den Weisen sprach er: 

Ein Lamm ist Ersatz für einen Menschen. 

Das Lamm gibt er für sein Leben, 

Den Kopf des Lammes gibt er für den Kopf des Menschen usw." 

*) Vgl. den bemerkenswerten Bericht bei Pausanias: VI, 17, 9 ff.: „Zeus 
habe im Schlaf seinen Samen auf die Erde fließen lassen; mit der Zeit sei aus 
diesem ein Dämon entsproßt mit doppelten Schamteilen, denen eines Mannes 
und denen einer Frau. Sie gaben ihm den Namen Agdistis. Die Götter aber 
fesselten den Agdistis und schnitten ihm die Schamteile des Mannes 
ab. Als nun der daraus erwachsende Mandelbaum reife Früchte trug, soll 
die Tochter des Flusses Sangarios von der Frucht genommen haben; da sie die- 
selbe in ihren Busen steckte, war die Frucht augenblicklich verschwunden, 
sie selbst aber schwanger. Nachdem sie geboren, schützte ein Bock das aus- 
gesetzte Kind; als es groß geworden, war es von übermenschlicher Schönheit, 
so daß Agdistis sich in den Knaben verliebte. Den erwachsenen Attis 
schickten seine Angehörigen nach Pessinus, um die Königstochter zu heiraten. 
Es wurde der Hochzeitsgesang angestimmt, als Agdistis erschien, und in der 
Raserei schnitt sich Attis die Scham ab." 






i 



401 

■ 

Sohn — denn nach anderer Version wurde Attis eben in die Fichte 
verwandelt — mit sich in ihre Höhle, d. h. in den Mutterleib. Der 
Baum ist hier wesentlich phallisch gefaßt ; hingegen weist die Auf- 
hängung des Attisbildes daran auch auf die Mutterbedeutung. (,,An 
der Mutter hängen.") Bei Ovid (Metam. lib. X) heißt die Fichte: 

Grata deum matri, siquidem Cybelei'us Attys 
Exuit hac hominem, trüncoque induruit illo. 

Die Verwandlung in die Fichte ist offenbar vielmehr eine Be- 
stattung in der Mutter, wie auch Osiris von der Erika umwachsen wurde. 
Auf dem Koblenzer Attisrelief 1 ) scheint Attis aus einem Baum hervor- 
zuwachsen, worin Mannhardt das dem Baum innewohnende Numen 
der Vegetation erblicken möchte. Es ist wohl einfach eine Baum- 
geburt 2 ), wie bei Mithras. (Heddernlieimer Relief.) Wie Firmicus 
berichtet, hat auch Baum und Bild im Isis- und Osiriskult und ebenso 
im Kult der Jungfrau Persephone eine Rolle gespielt 3 ). Dionysos hatte den 
Beinamen Dendrites und in Böotien soll er Svöevögoe geheißen haben, 
also „im Baum" 4 ). (Bei der Geburt des Dionysos pflanzt Megaira die 
Fichte auf dem Kithairon.) Die mit der Dionysossage verbundene 
Pentheusmytho bringt das bemerkenswerte und ergänzende Gegen- 
stück zum Tode des Attis und der nachherigen Bewemung : Pentheus 5 ), 
neugierig, die Orgien der Mänaden zu erspähen, klettert auf eine 
Fichte, er wird aber bemerkt von seiner Mutter, die Mänaden 
fällen den Baum und Pentheus wird, für ein Tier gehalten, von 
ihnen. in der Raserei zerrissen 6 ), als erste stürzt sich die eigene 
Mutter auf ihn 7 ). In dieser Mythe ist die phallische Bedeutung 
des Baumes (Fällen = Kastration) und seine Mutterbedeutung (Be- 
steigung und Opfertod des Sohnes) vorhanden, zugleich zeigt sich hier 
das ergänzende Gegenstück zur Pieta, die furchtbare Mutter. Das Fest 
des Attis wurde als Beklagung und dann als Freude im Frühling ge- 



J ) Vgl. Röscher: Lex. s. Attis, Sp. 722, 10. 

ä ) Vgl. auch oben: Baumgeburt. 

3 ) Firmicus: De error, prof. rel. XXVIII. Zitiert Robertson: Evang. 
Myth., S. 136 und Creuzer, Symbolik, II, 332. 

') Preller: I, 555. Zitiert Robertson: 1. c., S. 137. 

•) Pentheus, als Heros von Schlangennatur, sein Vater war Eohion, 
die Natter. 

8 ) Der typische Opfertod im Dionysoskult. 

7 ) Röscher: Siehe Dionysos, Sp. 1054, 56 ff. 
Jung, Libido. 26 






402 

feiert. (Karfreitag und Ostern.) Die Priester des Attis-Kybelekultus 
waren öfter Kastraten und hießen Galloi 1 ). Der Archigallos hieß Atys 
(Attis) 3 ). Statt der jährlichen Kastration ritzten sich die Priester bloß 
die Arme blutig. (Arm statt Phallus. „Armausdrehen".) Eine ähn- 
liche Symbolik der Triebopferung treffen wir in der Religion des 
Mithras, wo wesentliche Stücke des Mysteriums die Einfangung und 
Bändigung des Stieres sind. Eine Parallelfigur zu Mithras ist der Ur- 
mensch Gayomard. Er wurde zusammen mit seinem Stier geschaffen 
urTd~clie beiden lebten in seligem Zustande 6000 Jahre lang. Als aber die 
Welt ins Zeitalter der Wage (tibra) kam, brach das böse Prinzip herein. 
Libra ist astrologisch das sogenannte positive Domizil der Venus, 
das böse Prinzip kam also unter der Herrschaft der Liebesgöttin. (Ver- 
nichtung des Sonnenhelden durch Mutterweib [Schlange, Hure usw.].) 
Infolgedessen starben schon nach 30 Jähren Gayomard und sein Stier. 
(Auch die Prüfungen Zartushts dauern bis zum 30. Jahr. Vgl. den 
Lebenslauf Christi.) Aus dem toten Stier kamen 55 Getreidearten, 
12 Arten heilsamer Pflanzen usw. Der Same des Stieres kam in den Mond 
zur Reinigung, der Same des Gayomard aber in die Sonne. Dieser 
Umstand dürfte auf die eher weibliche Bedeutung des Stieres hinweisen. 
Gosh oder Drvägpa ist die Seele des Stieres und wird als weibliche 
Gottheit verehrt. Sie wollte zuerst aus Kleinmut nicht Göttin der 
Viehherden werden, "bis ihr das Kommen des Zarathustra tröstend 
verkündet wurde. Dies hat seine Parallele im indischen Puräna, wo 
der Erde das Kommen des Krishna (ein völliges Analogo n Christi) 
versprochen wird. (Spiegel: Erän. Altertumsk. II, 76.) Sie fährt auch 
wie Ardvicura, die Liebesgöttin, auf einem Wagen. Die Stierseele ist 
daher entschieden weiblich. Dieser Mythus von Gayomard wiederholt 
nur in veränderter Form die Urvorstellung des in sich geschlossenen 
Ringes einer sich selber begattenden und wiedergebärenden inann- 
weibliohen Gottheit. 

Wie der geopferte Stier, so hat auch das Feuer, dessen Opferung 
wir in Kap. III bereits besprochen haben, im Chinesischen weibliche 



') An den Festzügen trugen sie Weiberkleider. 

3 ) In Bithynien Ließ Attis nänas (Papa, Papst) und Kybele Mä. lob 
erwähne, daß in den vorderasiatischen Kulten dieser Muttergöttin Fischverehrung 
und Verbot des Fischessens für die Priester bestand. Für das Christliche ist 
wichtig, daß der Sohn der mit Astarte, Kybele usw. identischen Atargatis Ixdvs 
hieß (Creuzer: Symbolik, II, 60). daher wohl das Anagramm des Namens 
Christi: IH20YZ XPIZTOS 6E0Y Y102 2QTHP= IX6Y2 



J 



403 



Natur, wie der Kommentator 1 ) des Philosophen Tschwang-Tse (350 a. 
Chr. n.) erwähnt: „Der Herdgeist heißt Ki. Er ist in helles Rot ge- 
kleidet, welches dem Feuer gleicht, und ist anzusehen wie eine hübsche, 
liebliche Jungfrau." Im „Buch der Riten" heißt es: „Holz wird in den 
Flammen verbrannt für den Au- Geist. Dieses Opfer für Au ist ein 
Opfer an alte (abgeschiedene) Frauen." Diese Herd- und Feuer- 
geister sind die Seelen der abgeschiedenen Köche und heißen daher 
„alte Frauen". Der Küchengott entwickelt sich aus dieser vorbuddhis- 
tischen Überlieferung und wurde später (männlichen Geschlechtes) 
der Herrscher der Familie und der Mittler zwischen Familie und 
Gott. So wurde der alte weibliche Feuergeist eine Art von Logos. 
(Vgl. dazu die Ausführungen in Kap. III.) 

Aus dem Stiersamen gingen die Stammeltern der Rinder hervor, 
sowie 272 Arten nützlicher Tiere. (Spiegel: Erän. Altertumsk. I, 510.) 
Nach Minökhired 2 ) hat Gayomard den Dev Azur, welcher als der 
Dämon der bösen Begierde angesehen wird, vernichtet. Azi, der Dämon 
der bösen Begierde, hält sich trotz des Wirkens Zarathustras am 
längsten auf Erden. Er wird aber als letzter bei der Auferstehung 
vernichtet (wie der Satan der Apokalypse des Johannes); in anderer 
Fassung heißt es, daß Angromainyus und die Schlange bis zuletzt übrig 
bleiben, um von Ahuramazda selber vernichtet zu werden. (Spiegel, 1. c. 
II, S. 164.) Nach einer Vermutung von Kern soll Zarathustra „Gold- 
stern" heißen und mit Mithra identisch sein. (Spiegel, Erän. Alter- 
tumsk. I, 708.) Mithras Name hängt zusammen mit neupers. mihr, 
was Sonne und Liebe bedeutet. 

Bei Zagreus sehen wir, daß der Stier aber auch identisch ist 
mit dem Gotte, daher das Stieropfer ein Gottesopfer ist, aber auf 
primitiver Stufe. Das Tiersymbol ist gewissermaßen nur ein Teü des 
Heros, er opfert nur sein Tier, gibt also symbolisch nur seine Tiernatur '■ 
auf. Die innere Teilnahme am Opfer 3 ) drückt sich im schmerzlich- , 
ekstatischen Gesichte des stiertötenden Mithras trefflich aus. Er tut es 
freiwillig und unfreiwillig 4 ), daher der etwas hysterische Ausdruck, 



*) A. Nagel: Der chinesische Küchengott Tsau-kyun. Arohiv für Re- 
ligionswissenschaft, XI, 23 ff. 

a ) In Spiegels Parsigrammatik, S. 135, 166. 

3 ) Porphyrius sagt: üg nai ö raOgog öijfUOvQyög <&v ö MidQag uai yevi- 
oe<og deanÖTijS- Zitiert Dieterich: Mithraslit., S. 72. 

*) Der Stiertod selber ist gewollt und ungewollt. Indem Mithras den Stier 
ersticht, kneift ein Skorpion den Stier in die Hoden (Herbstäquinoktium). 

26* 






404 



I 



der einige Ähnlichkeit hat mit dem bekannten süßlichen Gesicht des 
Kruzifixus von Guido Reni. Benndorf 1 ) sagt: 

„Die Gesichtszüge, welche doch besonders in den oberen Partien 
einen durchaus idealen Charakter tragen, haben einen in hohem Grade 
krankhaften Ausdruck." 

Cumont 2 ) selber sagt über den Gesichtsausdruck des Tauro- 

ktonos : 

„Ce visage, tel qu'on peut l'observer dans les meilleures repliques, 
est celui d'un jeune homme d'une beaute presque feminine ; une abondante 
chevelure bouclee qui se dresse sur le front, l'entoure d'aureole, la tete 
est legerement penchee en arriere de faeon que le regard se dirige vers le 
ciel, et la contraction des sourcils et des levres donne ä la physiognomie 
une etrange expression de douleur 3 )." 

Der bei Cumont abgebildete Kopf von Ostia (Mithras tauro- 
ctonus?) hat allerdings einen Ausdruck, wie wir ihn als den eines senti- 
mentalen Verzichtens bei unseren Patienten wohl kennen. Senti- 
mentalität ist verdrängte Brutalität, daher die überaus sentimentale 
Pose, welche in der Hirten- und Lämmchensymbolik des gleichzeitigen 
Christentums ihr Gegenstück hatte, mit der Zugabe des Infantilismus 4 ). 

Immerhin opfert der Gott nur seine Tiernatur, d. h. seine Se- 
xualität 5 ), immer in naher Analogie mit dem Sonnenlauf. Wir haben 
im Verlaufe dieser Untersuchung erfahren, daß der Libidobetrag, der 
religiöse Gebilde aufbaut, in letzter Linie bei der Mutter fixiert ist und 
eigentlich jenes Band darstellt, durch das wir dauernd mit unserem 
Ursprung zusammenhängen. (Religio?) Wir dürfen daher diesen Libido- 



1 ) Bildwerke d. Later. Mus., Nr. 547 

2 ) Text, et Mon., I, 182. 

s ) An einer andern Stelle (S. 183) sprioht Cumont von der „grace dou- 
loureuse et presque morbide destraits du heros". 

') Der Infantilismus ist bloß die Folge der viel höheren Introversion des 
Christen gegenüber den Andersgläubigen. 

5 ) Die Libidonatur des Geopferten ist unzweifelhaft. In Persien verhilt't 
ein Widder den ersten Menschen zur ersten Sünde, zur Kohabitation, er ist auch 
das erste Tier, das sie opfern. (Spiegel: Erän. Alterkumskunde, Bd. I, S. 511.) 
Der Widder ist also gleich der Paradiesesschlange, die nach manichäischer Deutung 
Christus war. Auch der alte Meliton von Sardes lehrte, daß Christus ein Lamm 
war, vergleichbar dem Widder, den Abraham im Busche an Stelle seines Sohnes 
opferte. Dabei stelle der Busch das Kreuz vor. (Fragment V, zitiert Robert- 
son: 1. c.) 



405 

betrag wohl abgekürzt als „Mutterlibido" bezeichnen. Wie wir sahen, 
verbirgt sich diese Libido in zahlreichen und recht verschiedenartigen 
Symbolen, auch in Tiersymbolen, gleichviel, ob männlicher oder 
weiblicher Natur — auch die Geschlechtsunterschiede sind im Grunde 
genommen sekundärer Natur und spielen psychologisch nicht die 
Rolle, wie man etwa bei oberflächlicher Betrachtung vermuten 
könnte. 

Das jährliche Jungfrauopfer an den Drachen stellte wohl den 
symbolischen Idealfall dar. Um den Zorn der furchtbaren Mutter zu 
stillen, opferte man das schönste Weib als das Symbol seiner Libido. 
Mildere Formen sind das Opfer der Erstgeburt und verschiedener 
wertvoller Haustiere. Ein zweiter Idealfall ist die Selbstentmannung im 
Dienste der Mutter (Dea Syria usw.), eine mildere Form davon ist die 
Beschneidung. Dabei wird wenigstens ein Stück geopfert 1 ). Mit diesen 
Opfern, deren Gegenstände in den Idealfällen die von der Mutter weg- 
führende Libido symbolisieren, wird symbolisch das Leben aufgegeben, 
um es wieder zu gewinnen. Im Opfer kauft man sich von der Todesangst 
los und versöhnt die tötende Mutter. In jenen späten Kulten, wo der 
Heros, der seit Alters in seinen Taten alles Übel und den Tod überwindet, 
zur göttlichen Hauptfigur geworden ist, wird er zum priesterlichen 
Opferer und zum Wiedererzeuger des Lebens. Da nun der Heros eine 
.imaginäre Figur und auch sein Opfer ein überweltliches Mysterium 
ist, dessen Bedeutung weit über den Wert einer gewöhnlichen Opfergabe 
hinausgeht, so hat diese Vertiefung der Opfersymbolik regressiv den 
Gedanken des Menschenopfers wieder aufgenommen, einmal infolge 
Überwiegens phantastischer Beigaben, die ihren Stoff immer aus 
größerer Tiefe schöpfen, sodann auch infolge der höheren religiösen 
Libidobesetzung, die einen vollständigen und äquivalenten Ausdruck ver- 
langte. So sind die Beziehungen zwischen Mithras und seinem Stier schon 
sehr nahe. Im Christusmysterium ist es der Heros selbst, der sich freiwillig 
opfert. Der Heros selbst ist, wie wir zur Genüge sagten, die sich nach 
der Mutter sehnende Infantüpersönlichkeit, die als Mrcnras den Wunsch 
(die Libido) opfert, als Christus sich aber selber den Tod gibt, freiwillig 
und unfreiwülig Beide. Auf Monumenten des mithrischen Kultes 



') Vgl. oben: „Blutbräutigam der Mutter." Jos. 5, 2 ff . erfahren wir, 
daß Josua die Beschneidung und die Loskaufung der Erstgeburt wieder einführte. 
„Damit soll er auch das Kinderopfer, wie es früher dem Jahwe dargebracht 
zu werden pflegte, durch die Opferung der männlichen Vorhaut ersetzt haben." 
(Drews: Christusmythe, I, 47.) 



406 

begegnen wir öfter einem sonderbaren Symbol: Ein Krater 1 ) (Misch- 
krug) umwunden von der Schlange, dabei etwa ein Löwe, der ant- 
agonistisch der Schlange gegenübersteht 2 ). Es sieht aus, wie wenn sich 
die beiden um den Krater stritten. Der Krater symbolisiert, wie wir 
sahen, die Mutter; die Schlange der sie verteidigende Widerstand, 
und der Löwe höchste Kraft und höchstes Wollen 3 ). Der Kampf geht 
um die Mutter. Die Schlange assistiert fast regelmäßig dem mithrischen 
Stieropfer, indem sie sich gegen das aus der Wunde fließende Blut 
hinbewegt. Es scheint daraus hervorzugehen, daß das Leben des Stieres 
(das Blut) der Schlange geopfert wird. Wir haben oben bereits auf die 
Wechselbeziehung von Schlange und Stier hingedeutet und dort ge- 
funden, daß der Stier den lebenden Heros, die leuchtende Sonne sym- 
bolisiert, die Schlange aber den toten, begrabenen oder chthonisohen 
Heros, die unsichtbare Sonne. Da im Zustande des Todes der Heros 
sich in der Mutter befindet, so ist die Schlange auch als Symbol der 
Todesangst das Symbol der verschlingenden Mutter. Die Opferung 
des Stieres an die Schlange bedeutet also ein freiwilliges Aufgeben 
den Lebens, um es dem Tode so abzugewinnen. Daher auch nach dem 
Stieropfer die wunderbare Fruchtbarkeit eintritt. Der Antagonismus 
von Schlange und Löwe um den Mischkrug ist daher wohl als ein Kampf 
— -_ um den gebärenden Mutterleib aufzufassen, etwa vergleichbar dem 
einfacheren Symbolismus des Tishtriyaliedes, wo der Dämon Apaosha, 
das schwarze Pferd, den Regensee, besetzt hält und das weiße Pferd 
Tishtriya ihn davon vertreiben muß. Der Tod legt von Zeit zu Zeit 
seine Hand vernichtend auf das Leben und die Fruchtbarkeit, und die 
Libido verschwindet, indem sie zur Mutter eingeht, aus deren Schoß 
sie erneut wiedergeboren wird. Es scheint daher sehr wahrscheinlich, 
daß die Bedeutung des mithrischen Stieropfers auch die eines Opfers 
an die Todesangst sendende Mutter ist. Da auoh hier der Gegensinn 
des Occide moriturus gilt, so ist der Akt des Opfers eine Befruchtung 
der Mutter; der chthonische Schlangendämon trinkt das Blut, d. h. 
die Libido (Samen) des den Inzest begehenden Helden. Dadurch wird 
das Leben unsterblich erhalten, denn, wie die Sonne, erzeugt sich auch 

1 ) Aub einem Berichte des Porphyriua ist folgendes zu entnehmen: 
JJuqü t<{> Mii)t>a ö KQaiijQ ävrl xf)$ ni\yf\$ t£tüktcu (zitiert Cumont: 1. c), 
was für die Deutung des Kraters von Belang ist. (Vgl. auch den Krater des 
Zosimos.) 

2 ) Vgl. Cumont: 1. c, I, S. 100. 

3 ) Als Zodion höchster Sonnenhitaie. 






407 

der Heros wieder. Nach allen früheren Materialien dürfte es nicht mehr 
schwierig sein, auch im christlichen Mysterium das Menschenopfer 
oder Sohnesopfer an die Mutter zu erkennen 1 ). Wie Attis sich 
um seiner Mutter willen entmannte, so hängt 2 ) sich Christas an den 
Lebensbaum, das Marterholz, die ixöxrj, die chthonische Mutter und 
kauft die Schöpfung dadurch los vom Tode. Indem er wieder eingeht 
in den Schoß der Mutter (Matuta, Pietä des Michelangelo), betätigt er 
im Tode, was der Urmensch Adam im Leben gesündigt hat, um durch 
seine Tat 3 ) symbolisch der innersten und geheimsten Bedeutung der 
religiösen Libido zur höchsten Sättigung und zum uneigentlichsten 
Ausdruck zu verhelfen. Der Martertod Christi hat auch bei Augustin 
(Serm. app. 120, 8, zit. Dieterich 1. c. S. 131) tatsächlich die Bedeutung 
eines Hierosgamos mit der Mutter (entsprechend der Adonisfeier, 
wo Venus und Adonis aufs Brautlager gelegt wurden). 

„Procedit Christus quasi sponsus de thalamo suo, praesagio 
nuptiarum exiit ad campum saeculi; pervenit usque ad crucis torum 
(torus hat die Bedeutung von Bett, Pfühl, Beischläferin, Leichen- 
bahre) et ibi finnavit ascendendo conjugium; ubi cum sentiret an- 



') Diese Auflösung berücksichtigt anscheinend nur die dogmatische Sym- 
bolik. Ich erwähne nur andeutend, daß dieser Opfertod auch ein Vegetations- 
respektive Frühlingsfest war, aus welchem die Kultlegende erst entstanden ist. 
Auch die grundliegenden Volksgebräuche enthalten in Variationen dieselben 
Grundgedanken. (Vgl. dazu Drews: Chri&tuBmythe, I, S. 37 ff.) 

'-) Ein ähnlicher Opfertod ist das Ende des Prometheus. Er wird an den 
Fels gefesselt. In anderer Version sind seine Ketten durch eine Säule gezogen, 
was auf die Fesselung an einen Baum hindeutet. Ihm geschieht zur Strafe, was 
Christus freiwillig auf sich nimmt. Das Schicksal des Prometheus erinnert' daher 
an das Mißgeschick von Theseus und Peirithoos, die am Felsen, der chthonischen 
Mutter, hängen blieben. Nach Athenaeus gebot Jupiter dem Prometheus, 
nachdem er ihn befreit hatte, eine Weidenkrone und einen eisernen Ring zu 
tragen, womit symbolisch seine Unfreiheit und Gebundenheit dargestellt war. 
(Phoroneus, der in Argos .al